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Mittwoch, 6. September 2023

Zur Entwicklung des Wissenschaftssystems

 Michael Meyen:

"[...] Prestige bringen heute nur noch ganz bestimmte Publikationen. Das Stichwort ist hier Web of Science. Diese Oberfläche wurde vom Medienkonzern Thomson Reuters erfunden, der eine Weile auch den Science Citation Index hatte und beide Marken 2016 in die Firma Clarivate Analytics überführt hat – inzwischen an der Börse notiert und vorher eine Goldgrube für milliardenschwere Kapitalanleger. Was dort nicht gelistet ist, fällt bei den Rankings unter den Tisch, in Shanghai zum Beispiel oder beim H-Index.

Was ist das?

Inzwischen das Nonplusultra für jeden Wissenschaftler. Namensgeber ist Jorge Hirsch, ein Physiker. Seine Idee war offenbar verlockend: Ich verdichte jede Lebensleistung auf einen einzigen Wert und kann so alles mit jedem vergleichen. Der Medienforscher spielt plötzlich in der gleichen Liga wie Mediziner und Mathematiker. Das Prinzip kann man sich auf Google Scholar anschauen. Für einen hohen H-Index braucht man viele Publikationen, die möglichst oft zitiert werden. Diesen Index gibt es erst seit 2005. Er hat die Forschung komplett umgebaut.

Wie meinen Sie das?

Publiziert wird vorrangig da, wo mitgezählt wird – in Zeitschriften und Verlagen, die zum Web of Science gehören. Mein Buch wird dort zum Beispiel gar nicht erfasst. Viele wundern sich ja, wenn 20 und mehr Namen über einem kleinen Artikel stehen. Der H-Index sagt: Publiziert viel und mit möglichst vielen Kollegen. Zitiert euch selbst und die, die auch viel schreiben und euch dann einen Gefallen schulden. Meidet Nischenthemen und Sprachen, die im Web of Science nicht verstanden werden. Genau das passiert gerade. Auf Deutsch über deutsche Medienpolitik oder die Weimarer Republik zu schreiben, macht nach dieser Logik keinen Sinn. Eigentlich macht das auch auf Englisch keinen Sinn, weil sich die US-Amerikaner für andere Sachen interessieren." (Nachdenkseiten 30.8.23)

Dazu:

Zitationsanalyse (Wikipedia)

Daraus zur Geschichte:

"1927 begann das Geschwisterpaar Gross Zitate als bibliometrische Datenquelle zu benutzen. Anhand von Fußnoten wurde die Nennung der chemischen Fachzeitschriften ermittelt. Je häufiger eine Zeitschrift genannt wurde, umso höher wurde die Relevanz gewertet. Dabei fielen Gross & Gross eine ungleiche Verteilung auf. Diese besagt, dass einige wenige Zeitschriften vielfach mehr als Quelle angegeben worden sind, als andere Veröffentlichungen.[2]

Eugene Garfield schlug 1955 in seinem Artikel „Citation indexes for science“ 1955 vor, Zitationen wissenschaftlicher Veröffentlichungen systematisch zu erfassen und damit Zitationszusammenhänge deutlich zu machen.[3] 1963 erschien der erste gedruckte Science Citation Index, der 562 Fachzeitschriften des Jahres 1961 analysierte und 2 Millionen Zitate veröffentlichte. In Zusammenarbeit mit Irving H. Sher entstand daraus der „Journal Impact Factor“. Dieser ermittelt im Rückblick auf die 2 vorherigen Jahre, wie oft die Artikel einer Fachzeitschrift in einer anderen Zeitschrift zitiert wurden. Die Gesamtanzahl der veröffentlichten Artikel wird durch die errechnete Zahl geteilt und ergibt den entsprechenden Faktor.

Karl Erik Rosengren entwickelte 1966 die Co-citation-Relation. Wenn im Verlauf einer Debatte ein Autor mehrfach zitiert wird, erhöht sich sein Zitationszähler. Bei der gemeinsamen Nennung zweiter Autoren, wird die Relation der beiden verstärkt. Dieser Wert gibt Auskunft darüber, dass beide Autoren offensichtlich auf einem gemeinsamen Arbeitsgebiet forschen. Dieses Verfahren kann auch auf Dokumente und Begriffe angewandt werden.

Robert K. Merton veröffentlichte 1968 den Matthäus-Effekt. Dieser beschreibt, dass bekannte Autoren häufiger zitiert werden als unbekannte. Merton beobachte dabei, dass mit zunehmender Bekanntheit der zitierten Stelle, die Quelle bei weiteren Verwendungen nicht mehr oder nur noch der Autor genannt wird.

Alan Pritchard prägte 1969 den Begriff der Bibliometrie zur quantitativen Messung von wissenschaftlichen Publikationen. Dabei werden Bücher, Aufsätze und Zeitschriften anhand mathematischer und statistischer Methoden vermessen. So wird zum Beispiel ermittelt, wie oft ein Wissenschaftler Artikel in Zeitschriften veröffentlicht. Auch kommen die bisher vorgestellten Verfahren in der Bibliometrie zur Anwendung. Die Bibliometrie ist eine Teildisziplin der Szientometrie.[4]

1973 wurde erstmals der Social Sciences Citation Index veröffentlicht. Dies ist eine vom Institute for Scientific Information entwickelte interdisziplinäre, kostenpflichtige Zitationsdatenbank, die mehr als 3.100 meist englischsprachige Fachzeitschriften aus mehr als 50 sozialwissenschaftlichen Disziplinen betrachtet.

Henry Small und Irina Marshakova entwickelten 1973 die Zitationsanalyse.[5]

1976 wurde das Journal Citation Reports vom Institute for Scientific Information veröffentlicht. Mit dieser Anwendung ist die Recherche in verschiedenen Literatur- und Zitationsdatenbanken nach relevanter wissenschaftlicher Literatur möglich. Dieser Dienst existiert heute unter dem Namen „Web of Science“ und wird von Clarivate Analytics als kostenpflichtiges Webangebot betrieben.

Der Begriff „Szientometrie“ (engl. „Scientometrics“) stammt aus dem von Wassili Nalimow 1969 veröffentlichten gleichnamigen Buch. Derek de Solla Price begründete mit Eugene Garfield 1978 dieses Verfahren. Neben der Bibliometrie können auch weitere Informationen wie zum Beispiel die Anzahl der Universitätsabsolventen vermessen werden. Die Szientometrie wird der Infometrie und häufig auch den Wissenschaftswissenschaften zugerechnet.

Im gleichen Jahr entstand der Arts and Humanities Citation Index, der als kostenpflichtige Zitierdatenbank mehr als 1.100 Fachzeitschriften aus den Bereichen Kunst und  Geisteswissenschaft   listet.[6]

1985 veröffentlicht Terrence A. Brooks ein Buch, in dem er die verschiedenen Zitiermöglichkeiten und die Motivation, Zitierungen anzuwenden, vorstellt.[7]

China stellt 1988 die chinesischen Datenbank für wissenschaftliche und technische Veröffentlichungen (CSTPC) zur Verfügung, die die in chinesischen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichten Berichte auflistet.[8] [...]"

und zur Problematik solcher Indices:

"Da davon ausgegangen wird, dass gute Arbeiten häufiger zitiert werden, wird die Anzahl der Zitationen, die ein wissenschaftlicher Beitrag erfährt, oft als Maß für seine Qualität verwendet. Diese gängige Praxis ist jedoch nicht unproblematisch, da manchmal die inhaltliche Bewertung vernachlässigt zu werden droht und rein statistische Kriterien den Ausschlag geben. Die Tatsache, dass ein bestimmter Autor oft zitiert wird, kann unterschiedlichste Gründe haben und erlaubt nicht in jedem Fall eine Aussage über die Güte seines Beitrags. Auch kann es zur Bildung so genannter Zitierzirkel kommen („Zitierst du mich, zitier’ ich dich“), die das Ergebnis verfälschen (auch: Zitierkarussell, boshafter: Zitierkartell).

Konkrete Kritikpunkte von Zitationsanalysen

  • Der durch die Anzahl der Zitationen in wissenschaftlichen Aufsätzen gemessene Impact einer Arbeit ignoriert den Einfluss, den eine Arbeit möglicherweise in anderen Bereichen hat (zum Beispiel in der Industrie, die ihre Ergebnisse nicht publiziert).
  • Durch den Matthäus-Effekt werden häufig zitierte Arbeiten ohne Blick auf den Inhalt wiederum häufiger zitiert. Eine Studie von M. V. Simikin und V. P. Roychowdhury[9] deutet darauf hin, dass nur rund ein Viertel der zitierten Arbeiten von den Autoren überhaupt gelesen werden.
  • Manche Zitationen werden lediglich hinzugefügt, um den Impact Factor eines Autors oder eines Journals zu steigern. Auch Publikationen werden dahingehend optimiert, eine hohe Zahl von Zitationen zu erreichen, anstatt die Qualität zu optimieren.
  • Die Bedeutung von Artikeln in Fachzeitschriften und Proceedings und Monographien variiert je nach Fachgebiet deutlich. In Zitationsdatenbanken werden diese Unterschiede nicht berücksichtigt, so dass einzelne Fachgebiete unter- oder überbewertet werden.
  • Bei den meistzitierten Arbeiten handelt es sich oft um Ausnahmen, die vor allem zitiert werden, weil es üblich ist, diese Arbeiten zu zitieren. Andere Arbeiten mit ebenso großem Einfluss werden dagegen nicht mehr explizit zitiert, weil ihre Inhalte selbstverständlich geworden sind.
  • Die Berechnung des Impact-Faktors erfolgt immer zeitbezogen mit einer Frist von maximal 6 bis 8 Jahren (zwei PhD-Perioden), wobei im Schnitt nach den ersten zwei Jahren der Zitationspeak erreicht wird. Je nach Aktivität des Forschungsgebiets kann dieser Wert jedoch stark variieren, was zu Fehlern in der Berechnung des Impact Factors und Halbwertszeit der Zitationshäufigkeit führen kann. Ähnliche Fehler können entstehen, wenn die Periodik der Publikationsorgane unberücksichtigt bleibt.
  • Durch unterschiedliche Zitierweisen werden einzelne Arbeiten in Zitationsdatenbanken als unterschiedliche Veröffentlichungen behandelt. So wurde beispielsweise das berühmte Paper Initial sequencing and analysis of the human genome des Humangenomprojekts von 2001 im ISI zunächst mit unterschiedlichen Autoren aufgeführt, wodurch es nicht unter den meistzitierten Arbeiten auftauchte.
  • Manche nichtenglischsprachigen Fachzeitschriften erscheinen zusätzlich in einer englischen Ausgabe. Diese wird jedoch fälschlicherweise oft als eigenständige Zeitschrift gezählt.
  • Der gemessene Impact berücksichtigt nicht den Zweck, zu dem die Veröffentlichung zitiert wird. Beispielsweise kann eine Zitation dazu dienen, auf wissenschaftliche Irrtümer in der zitierten Veröffentlichung hinzuweisen.

Der Science Impact Index (SII) versucht, zu einem objektiven Maß für die Forschungsqualität von Wissenschaftlern zu kommen, indem er viele dieser Aspekte durch Gewichtung berücksichtigt."


Sieh auch:

Disziplinarverfahren gegen Meyen

Jan David Zimmermann: „Eine totalitäre Transformation“, nachdenkseiten 18.6.23

Dienstag, 29. Juni 2021

Spiegel online 2010 über die Wikipedia

 Schatzkammern des Wissens Eine Weltmacht im Netz Von Christian Stöcker SPON 31.8.2010

"Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die von jedem Leser verändert werden kann, ist zum einflussreichsten globalen Lexikon geworden. Um einzelne Stichworte wird immer wieder erbittert gestritten.
Am Anfang war das Fleisch. Jede Menge davon, spärlich bekleidet und möglichst ansprechend für männliche Betrachter. Wikipedia, das enzyklopädische Großwerk, existiert nur, weil Männer schon immer gern nach nackter Haut suchten im Internet. [...]

Einige spektakuläre Fälle von Wikipedia-interner Hochstapelei hat es schon gegeben, etwa den eines 23-jährigen Studenten, der sich lange Zeit erfolgreich als Professor für Theologie ausgab und als solcher großes Ansehen in der Community genoss.

In der deutschsprachigen Ausgabe folgte dem Fall Seigenthaler eine noch weitergehende Änderung: Nutzer bekommen nur noch sogenannte gesichtete Versionen zu sehen. Erst wenn ein erfahrener Wikipedianer eine Artikeländerung genehmigt hat, wird sie auch für andere Nutzer sichtbar. Der Mechanismus stellt sicher, dass die Auswirkungen von Vandalismus sich begrenzen lassen, führt aber auch dazu, dass die Artikel-Sichter eine echte Herkules-Aufgabe bewältigen müssen. [...]"

Erstaunlicherweise wird diese "Herkules-Aufgabe" auch im Jahr 2021 noch erstaunlich gut bewältigt, obwohl schon lange über Nachwuchsprobleme und besonders über den Mangel an Wikipedianerinnen geklagt wird. 

Obwohl die Ansprüche immer höher werden, ist anspruchsvollen Wikipedianern die Wikipedia viel zu voll von Belanglosigkeiten. vgl. diese ausführliche Diskussion über einen Artikel im Wikipedia Kurier (insbesondere die Beiträge von Fiona  und Henriette , sowie Mautpreller , ASchmidt und Andreas Werle).


Mittwoch, 7. April 2021

Deutscher Sachbuchpreis

 https://www.deutscher-sachbuchpreis.de/

Innerhalb der acht nominierten Titel habe ich eine persönliche Auswahl getroffen:

A. Kossert: Flucht. Eine Menschheitsgeschichte

Im Ankunftsland haben die, die schon da sind, die Deutungshoheit, sie allein definieren die kulturellen und sozialen Normen. Die Flüchtlinge begreifen sie nur zu oft als Bedrohung, denn sie stellen diese Besitzstände und Hierarchien infrage, und zwar nicht aus Überzeugung, sondern weil sie mit der Kultur, der Sprache und der Religion der Aufnahmegesellschaft nicht vertraut sind. Zuweilen wird schon ihre bloße Anwesenheit als bedrohlich wahrgenommen. Flüchtlinge stehen am Rand und müssen um Einlass bitten, und dennoch sind sie nicht nur Spielball politischer Entscheidungen, die von Sesshaften getroffen werden, sondern als globales und Gesellschaften herausforderndes Phänomen zentraler Akteur der Moderne – heute mehr denn je.

Das Uneindeutige endet nicht mit der Flucht. Opfer können zuvor Täter gewesen sein und ebenso umgekehrt. Bei Vertreibungen zeigt sich nicht selten das Wechselspiel von Gewalt. Vertriebene bemühen sich energisch um die Anerkennung ihres Verlusts, insbesondere wenn sie als Interessenvertretung organisiert sind, und pochen auf ihren Opferstatus. Sie sind hilflose, manchmal ungelenke Versehrte und treten zugleich kraftmeierisch auf. (Auszug aus der Leseprobe)

A. Dardan: Betrachtungen einer Barbarin

Wenn ich an die Zeit in dieser Wohnung zurückdenke, dann ist meine Mutter fast unsichtbar, weil mein Vater jeden Winkel meiner Erinnerung ausfüllt. Das mütterliche Gerüst hielt alles zusammen, aber es war die väterliche Zierde, die ich bewunderte. Er brachte mir das Fahrradfahren und Schachspielen bei, er ließ mich stundenlang auf seinem Schoß sitzen, während er persische Gedichte rezitierte oder mir die Welt erklärte. Er behandelte mich wie eine kleine Freundin, deren Gesellschaft er wertschätzte. Heute denke ich, dass ich seine einzige Freundin war, und das macht mich sehr traurig. Doch nichts an dieser Zeit wirkte verdächtig oder deutete darauf hin, dass sie von einem Tag auf den anderen enden würde. Im Grunde hatte ich eine idyllische Kindheit, auch wenn die Hochhäuser von Höhenberg nicht die klassische Kulisse dafür sind. Aber ich dachte nicht viel über mein Leben nach, ich war, und bloß sein zu können kommt einer Idylle sehr nahe. Wenn man sie nicht wahrnimmt, kann Enge sehr gemütlich sein, gerade als Kind. Ich hatte die gleiche rosa Tapete mit weißen Punkten wie Ernie aus der Sesamstraße, und ich fand es aufregend, die Tüten in den Müllschlucker zu werfen und dann in den knarzenden Aufzug zu springen. Alles befand sich an seinem Platz, und mein eigener Platz befand sich im Zentrum von allem. Erst viel später machte sich bemerkbar, dass mir die materiellen und symbolischen Anhaltspunkte fehlten, um mich und meine Eltern in dieser Welt zu verorten. Inzwischen sind mir meine Eltern entwischt, und damit sind mir auch Teile meiner selbst entwischt. Man gewöhnt sich daran, dass das Leben wie ein Netz ist, etwas bleibt ja doch darin hängen. Nach dem Rest darf man nicht greifen, sonst reißen die Maschen, und dann ist alles weg.

Da meine Eltern kaum etwas aus dem Iran hatten mitnehmen können, fingen wir ohnehin mit wenig an. Es gab in unserer Wohnung keine Familienfotos und keine Erbstücke, keine alten Bücher, keine über Jahre gesammelten Gegenstände, keine Souvenirs oder Dinge, die man einfach nicht wegwirft, obwohl sie keinen Nutzen mehr haben. Es gab dort keine Erinnerungen, nur eine hatte ich selbst erschaffen, als ich mit einem Löschstift einen lächelnden Eierkopf auf unser neues braunes Ledersofa malte. Wir hatten nicht oft Gäste, aber wenn mal jemand bei uns war, gab es immer diese Geschichte zu erzählen, wie Asal direkt an dem Tag, als das Sofa geliefert wurde, ein Gesicht darauf verewigt hatte. Auf diese Geschichte war ich stolz, auch wenn ich zu dieser Zeit noch eine brave Tochter sein wollte.

An unseren Wänden hingen mehrere Drucke von Carl Spitzweg: Der Kaktusfreund, Der ewige Hochzeiter, Der Bücherwurm. Ich weiß nicht, wie sie dorthin kamen, aber ich mochte diese Bilder, ihre Beschaulichkeit und Harmlosigkeit. Sie waren, was sie zeigten. Hübsche erdfarbene Kulissen, in denen sich manierliche Menschen bewegten, die genau dort waren, wo sie hingehörten, und dennoch der Gegenwart zu entkommen schienen. Der Kaktusfreund gefiel mir ganz besonders. Er wusste, was zu tun war, welche Kleidung er zu tragen hatte, wie er sich bewegen sollte und womit er seine Zeit verbringen wollte. Er war, was er war. Ein alter Herr mit Pfeife, der in aller Ruhe im Garten inmitten seiner Pflanzentöpfe steht und eine einzelne rote Kaktusblüte inspiziert. (Auszug aus der Leseprobe)

Es lohnt sich, die vollständigen Leseproben und die vollständigen Verlagsankündigungen zu lesen. - Ja, es sind 8 Bücher nominiert, und noch habe ich keines davon gelesen.

Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Nur eine Sache ist mir klarer als je zuvor: Dass wir uns immer mehr von einem gemeinsamen Verständnis von Wirklichkeit entfernen, das müssen wir dringend ändern. (Auszug aus der Leseprobe)

In dieser Ansicht stimme ich völlig mit Mai Thi Nguyen-Kim überein. Nur, was ich bisher in ihrem Blog (auf Youtube) wahrgenommen habe, lässt mich sehr daran zweifeln, dass sie dazu beitragen kann, so lange es Leser*innen gibt, die rhetorisch aufbereiteten auf Überwältigung ausgerichteten Informationen kritisch gegenüberstehen. Ihr Buch werde ich daher nicht lesen, bis mir nicht jemand dazu verhilft, meine Ansicht zu ändern. (Dieser Jemand könnte auch ich sein. Wer weiß?) Noch eins: Ihre Technik ist der von Rezo extrem ähnlich. Vielleicht ist daher ihre Darstellungsart für Jugendliche sinnvoll. Für ein begründetes Urteil wäre ich auf  das Urteil von Jugendlichen angewiesen. (Hier habe ich danach auf gutefrage.net gefragt. Dort sind auch die Antworten zu lesen. Eine, die Nguyen-Kim kritisch beurteilte, wurde gleich gelöscht. Sie war allerdings auch nicht ausgewogen, sondern eher pubertär formuliert.)


Donnerstag, 30. Juli 2020

Wissenschaftliche Erkenntnis ist vorläufig

Nichts ist in Stein gemeißelt Von Ulrich Schnabel und Maximilian Probst 29. Juli 2020, DIE ZEIT Nr. 32/2020, 30. Juli 2020
"Forscher widersprechen sich, Erkenntnisse ändern sich. Kann man sich auf die Wissenschaft überhaupt verlassen? Ein Erklärungsversuch [...]
Nehmen wir die berühmte Selbstmordstudie des französischen Soziologen Émile Durkheim. Als er Ende des 19. Jahrhunderts die Suizidraten in europäischen Ländern verglich, fiel ihm auf, dass sie in Italien außerordentlich niedrig war. Woran lag’s? An der Sonne, dem starken Familienzusammenhalt oder der Kraft des katholischen Glaubens? Mitnichten. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass Suizidenten in Italien ein normales Begräbnis und der Segen der Kirche verwehrt war. Deshalb wurden die Ursachen dieser Todesfälle in den allermeisten Fällen vertuscht und als Krankheiten oder Unfälle deklariert.
Das beweist: Auch scheinbar eindeutige Daten können die Realität falsch abbilden. Denn stets fließen darin (oft unerkannte) Faktoren, Vorannahmen und Auswahlkriterien ein. "Reine" Daten gibt es also nicht, alles bedarf der Einordnung und Interpretation. [...]

Montag, 1. Juni 2020

Wirtschaft und Wissenschaft

Stifterverband
"Der Stifterverband finanziert sich in erster Linie aus den Spenden seiner rund 3000 Mitglieder; zu seinen Hauptförderern gehören eine Reihe großer Konzerne wie die Deutsche Bank, Daimler und Bosch, weitere Förderer sind Mittelständler und Privatpersonen. 2018 investierte der Stifterverband 39 Millionen Euro in seine Förderprogramme.[4] Der größte Einzelposten waren dabei 11,8 Millionen Euro für Stiftungsprofessuren an Universitäten und Fachhochschulen." (Wikipedia)

Code University
"Die Hochschule wurde im Jahr 2017 von Thomas Bachem, Manuel Dolderer und Jonathan Rüth zusammen mit 24 Internetunternehmern und Start-up-Investoren gegründet und am 14. Juli 2017 von der Berliner Senatskanzlei – Wissenschaft und Forschung staatlich anerkannt.[3][4] " (Wikipedia)

Arbeitswelt 4.0
"Steht die Arbeitswelt 4.0 im Fokus der vernetzten Digitalisierung und der Flexibilisierung von Arbeitsort, -zeit, -organisation sowie Handlungsfreiheit, so wird die Arbeitswelt 5.0 mit intelligenter Assistenz, lernenden Robotern und benutzeroptimierter Informationsbereitstellung bereichert. Für die Beschäftigten bedeutet der Einsatz von KI noch mehr Flexibilität, anspruchsvollere Tätigkeiten, individuell angepasste Informationen sowie Erleichterung bei monotonen Routinetätigkeiten."[2] "(Wikipedia: Sascha Stowasser)

Arbeitsmarkt 4.0
"Yoloa, das junge Menschen auf die Chancen der Digitalisierung und den Arbeitsmarkt 4.0 vorbereitet.(Yasmin Mei-Yee Weiß)

Die Stichwörter Arbeitswelt 4.0 und Arbeitsmarkt 4.0 habe ich in einer Broschüre des Stifterverbandes gefunden.Als eigenes Stichwort führt sie nur Stichwort Arbeit 4.0. - Industrie 2.0 und 3.0 sowie Arbeit 2.0 und 3.0 führt die Wikipedia nicht.  Aber längst spricht man schon von Arbeitswelt 5.0.
Durch Neubenennung soll der Eindruck von etwas grundlegend Neuem erreicht werden.
Dagegen ist der Versuch der Privatwirtschaft, sich die Arbeitskraft der Universitäten schon alt. Aber in der Tat wird er immer weiter vorangetrieben.

Sonntag, 31. Mai 2020

Wer hat Recht? Der gesunde Menschenverstand oder die Wissenschaft?

Was schwerer ist, fällt schneller als das Leichtere, die Eisenkugel schneller als die Feder.
Die Zeit vergeht überall im gleichen Tempo, auch wenn sie einem mal lang wird oder mal wie im Flug vergeht. Das zeigt einem die Uhr.
Etwas kann nicht gleichzeitig da sein und nicht da sein.
Was auch geschieht, es hat eine Ursache.

Das sind Selbstverständlichkeiten für den gesunden Menschenverstand; aber die Wissenschaft hat sie als falsch erwiesen. Experimente im Vakuum, die Einsteinsche Relativitätstheorie und die Quantenmechanik haben aufgezeigt, dass normales Erfahrungswissen nicht ausreicht, um natürliche Vorgänge zu erklären.

Und dennoch ist auf wissenschaftliche Ergebnisse kein Verlass. Was jahrhundertelang gültige wissenschaftliche Erkenntnis war, kann sich in kurzer Zeit als falsch (genau genommen: als zu ungenau) erweisen. Newtons Erkenntnisse sind seit Einsteins Erkenntnissen überholt, weil zu ungenau. Alle naturwissenschaftliche Erkenntnis gelten nur so lange, bis sie widerlegt werden. So viel haben wir zum Teil in der Schule gelernt, zum Teil aus den Medien entnommen.

Warum haben sich die Politiker in der Coronakrise aber trotzdem ständig auf die Wissenschaft berufen? Weil Gefahr im Verzuge war und man nach bestem Wissen und Gewissen schnell entscheiden musste. Das war richtig, und Wissenschaftler haben darauf immer wieder hingewiesen.
Aber dieselben Wissenschaftler haben stets gewusst, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis nur vorläufig ist. Deshalb haben sie ständig weiter geforscht, neue Experimente unternommen, damit die Unsicherheiten so bald wie möglich verringert werden und deshalb beherzte Schritte aus der Krise heraus gewagt werden können.

Dazu gehören vor allem eine offene Diskussion über die Lehren aus dieser Krise und darüber, was wir für künftige lernen können. Also auch Proteste, Demonstrationen und fundierte Kritik am Regierungshandeln aus den Reihen der Opposition. 
Was uns in die Krise geführt hat, kann uns nicht daraus herausführen.

Samstag, 10. März 2018

Einfluss der Wirtschaft auf Wissenschaft

"[...] Laut Angaben des Stifterverbands der deutschen Wissenschaft, der Unternehmen mit Hochschulen verkuppelt, werden lediglich 576 Professoren an staatlichen Hochschulen durch Stifter finanziert. Die Zahl bleibe zudem seit Jahren nahezu konstant, so der Stifterverband. Doch ehemalige Stiftungsprofessoren wie Widuckel werden mit dieser Zahl nicht abgebildet. Aus der Anfrage der ZEIT ergibt sich, dass an den deutschen Universitäten mindestens 262 reguläre Professuren, die einst privat gestiftet wurden, mittlerweile von den Hochschulen selbst finanziert werden. Hinzu kommen die entsprechenden Lehrstühle an 24 Universitäten, die der ZEIT zu dieser Frage aus verschiedenen Gründen keine Angaben machen wollten. Und mit jedem Semester, in dem neue Stiftungsprofessuren eingeworben werden und alte in die Haushalte der Unis übergehen, werden es mehr. So wächst im Hintergrund unbemerkt der industrielle Einfluss. Etwa am Lehrstuhl für Lebensmittelverfahrenstechnik an der TU Berlin. Auf ihn wurde 2011 ein leitender Mitarbeiter des Konzerns Unilever (Magnum, Rama et cetera) berufen, um nun universitär und mit staatlichem Geld an Schokoriegeln zu forschen. Geldgeberin der Professur: die Stiftung der Zuckerindustrie. Auch andere Fälle wirken zumindest merkwürdig: der Lehrstuhl für Nukleartechnik an der TU München etwa, ursprünglich gestiftet von der E.on Kernkraft GmbH, heute unterhalten vom bayerischen Steuerzahler. [...]
Die Uni [Mainz] räumt Boehringer Ingelheim die Hoheit über Forschungsagenda und Personal ein. [...]
Dabei sind Kooperationen nicht per se anrüchig, sie sind sogar gewünscht. Schließlich sollen die Universitäten als Wissensgeneratoren die Gesellschaft – und somit auch die Wirtschaft – antreiben. So will es die Öffentlichkeit, so will es die Politik. In der Grenzregion um Aachen etwa sorgte auch die RWTH dafür, dass aus dem ehemaligen Braunkohlerevier ein Hochtechnologie-Standort wurde. [...]
Obwohl das Promotionsrecht ausschließlich bei den Universitäten liegt, schreiben viele Firmen heute Doktorandenstellen aus. Ein Beleg dafür, was viele Industriepartner in den Hochschulen sehen: ihre Dienstleister. Besonders umtriebig ist auch hier die Automobilindustrie. Volkswagen etwa beschäftigt derzeit 330 Doktoranden. Ihre Dissertationen werden vom Vorgesetzten geprüft und von Hausjuristen. Dann werden sie veröffentlicht. Das "ausschließliche Nutzungsrecht" an den Ergebnissen hält Volkswagen. [...]" ("Mit freundlicher Unterstützung" ZEIT 8.3.18)

Dem Artikel entnehme ich:
Stiftungsprofessuren werden nur für fünf Jahre von den Stiftern finanziert. Danach übernimmt die Finanzierung die Universität. Bei einem Lehrstuhl für Internationale Politik oder Botanik scheint das nur angemessen.
Aber gilt das auch für einen  "Lehrstuhl für Innovative Verstärkungsmethoden mit Befestigungen", der vom Dübelhersteller Fischer bezahlt wird?
Der Artikel scheint mir geeignet, sich ein differenziertes Bild dazu zu machen. 

"[...] Christian Kreiß ärgert sich über das intransparente Gebaren vieler Hochschulen. Kreiß, ein schmaler, leiser Mann Mitte 50, bittet in sein Kleinstadt-Reihenhaus westlich von München. Vor ihm auf dem Wohnzimmertisch liegt sein Buch Gekaufte Forschung. Darin argumentiert er, der Hype um Drittmittel habe die Unis vom rechten Pfad der Erkenntnis abgebracht. Seitdem gilt Kreiß, selbst BWL-Professor an der Hochschule Aalen, als der deutsche Wissenschaftler, der am konsequentesten gegen die deutsche Wissenschaft schießt.
Die unzähligen Verflechtungen zwischen Universitäten und Industrie regen ihn nicht deshalb auf, weil Wissenschaftler sich korrumpieren ließen, das ist ihm wichtig zu betonen. Sondern weil jene Themen, für die sich die Industrie interessiere, wie zum Beispiel der Verbrennungsmotor, stark beforscht würden. Alternativen, etwa ökologisch nachhaltige Verkehrskonzepte, dagegen nicht. "Glauben Sie, dass VW so etwas finanziert?", fragt Kreiß. An den Hochschulen entwickle sich eine "von der Geld-Aristokratie finanzierte Wissenschaft".[...]" ("Mit freundlicher Unterstützung" ZEIT 8.3.18 - Hervorhebungen von Fontanefan)

Christian Kreiß:
"[...] Es gibt in der Tat eine Unmenge von Kooperationen an Hochschul-Instituten und -Laboren mit den großen Autoherstellern. Entsprechende Forschungseinrichtungen in Kooperation mit BUND, Greenpeace, attac und ähnlichen sucht man vergeblich. Die Ergebnisse der industriefinanzierten Forschung fließen über ständige Studienpublikationen systematisch in die öffentliche Meinung ein und erzeugen dadurch eine gewisse wohlwollende Grundhaltung gegenüber der Automobilbranche.
Drittens: Geheimhalten
Am stärksten ist die Wirkung in der Öffentlichkeit, wenn nicht oder kaum bekannt ist, dass die WissenschaftlerInnen von der Industrie bezahlt werden, wenn sie möglichst unabhängig in der Öffentlichkeit auftreten, frei nach dem Witz von Otto Waalkes: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist – gezeichnet Dr. Marlboro.“ Nach diesem Motto wurde versucht, die einseitigen Forschungsergebnisse der EUGT zu veröffentlichen. Es sollte möglichst nicht bekannt werden, dass dahinter drei große Autokonzerne stehen. Allein schon bei der Namensfindung der EUGT wurde dies berücksichtigt. Der ursprünglich geplante, noch beschönigendere Name „Europäisches Institut für Umwelt und Gesundheitsforschung im Transportsektor“ wurde vom zuständigen Amtsgericht wegen Täuschungsgefahr abgelehnt. [...]" (Kreiß: Gekaufte Wissenschaft, 2018)

sieh auch: Fachkräftemangel

Montag, 22. Januar 2018

Die islamische Wissenschaftskultur

"Die islamische Wissenschaftskultur entstammte dem Bemühen, die Kenntnisse etablierter Zivilisationen zu meistern, und dazu mussten die relevanten Dokumente zunächst mussten die relevanten Dokumente zunächst ins Arabische übersetzt werden.
In Anbetracht der früheren Eroberung von Gondischapur waren persische und indische Einflüsse im Frühstadium der islamischen Zivilisation wichtiger als griechische. [...]
Im folgenden Jahrhundert konzentrierten sich die Übersetzungsbemühungen jedoch auf griechische Arbeiten
. [...]
Aristoteles wurde zum geistigen Paten der theoretischen Naturwissenschaft des Islam und gab den Anstoß für das Wirken einer Reihe von Kommentatoren und kritischen Denkern. Als Gradmesser für die Übersetzung griechischer Texte aufgebrachten Energie mag gelten, dass noch heute im Arabischen mehr aristotelische Schriften – also Werke von Aristoteles und seinen griechischen Kommentatoren – verfügbar sein sollen als in jeder europäischen Sprache. [...]
Die Medizin war das Hauptgebiet, das durch die Arbeit der Übersetzer in die arabische Kultur überführt wurde; allein Hunain ibn Ishaq übertrug angeblich 150 Werke von Galen und Hyppocrates. Während Europa um 900 vielleicht drei von einzelnen Gelehrten übersetzte Arbeiten Galens besaß, waren es im Islam  unter staatlicher Schirmherrschaft 129. Damit bestand die Basis für eine große naturwissenschaftliche Zivilisation. [...] (S.126/27)
Die Medresen, weit verbreitet in der muslimischen Welt, dienten in erster Linie der juristischen Unterweisung in den 'islamischen Wissenschaften', denn nicht die Theologie, sondern die Rechtswissenschaft hatte im Islam Vorrang. (S.128/29)

 (J.E. McClellan u. Harold Dorn: Werkzeuge und Wissen, 1999)

Dienstag, 2. Mai 2017

Postfaktisches Zeitalter oder Realitätsverleugnung?

Weil der Kampf gegen Trumps Realitätsverleugnung so wichtig ist, weil es so viel anderes zu tun gibt und weil sich das Gerede davon, Wissenschaftler würden Fakten herausfinden, sowieso nicht  auf Dauer halten würde, habe ich mich bisher nicht öffentlich dazu geäußert, dass Wissenschaft selbstverständlich nie "Fakten" herausgefunden hat, sondern immer nur vorläufiges Wissen.

Newtons physikalische Erkenntnisse waren genial. Was Gravitation ist und was sie bewirkt, hat er aber nur sehr unvollständig herausgefunden. Einsteins Erkenntnisse haben die Physik revolutioniert und doch hatte er die Quantenmechanik noch nicht mit berücksichtigt.
Bei der Stringtheorie spricht selbst die Wikipedia von einer
"Sammlung eng verwandter hypothetischer physikalischer Modelle, die anstelle der Elementarteilchen – das sind Objekte der Dimension Null – sogenannte Strings (englisch für Fäden oder Saiten) als fundamentale Objekte mit eindimensionaler räumlicher Ausdehnung verwenden. Das steht im Gegensatz zu den gewohnten Modellen der Quantenfeldtheorie, die von nulldimensionalen Teilchen ausgehen." (Seite „Stringtheorie“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 17. April 2017, 17:12 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Stringtheorie&oldid=164664752 (Abgerufen: 2. Mai 2017, 07:19 UTC))
Wer will da ernsthaft behaupten, die Physiker kännten die physikalischen "Fakten"!

Öffentlich geschwiegen habe ich auch, weil diese Erläuterung sehr theoretisch bleibt und weil die Masse der Wissenschaftler, die gegenwärtig gegen "Faktenverleugnung" angehen, selbstverständlich sehr viel genauer wissen als ich , dass seriöse Wissenschaft schon längst den Versuch aufgegeben hat, Fakten herauszufinden, dass Wissenschaft also als erste "Faktenverleugnung" betrieben hat. Da brauchte noch nicht einmal Schrödinger mit seiner Katze zu kommen, um das drastisch zu verdeutlichen.
Dankenswerterweise ist inzwischen eine ganze Reihe von konkreten Beispielen dafür, dass Wissenschaft immer nur vorläufige Ergebnisse hat, öffentlich zusammengetragen worden, auf die ich verweisen kann, statt sie selbst zusammenzusuchen. Ein Beispiel davon darf ich hier zum Abschluss zitieren:
"Wissenschaftlicher Fortschritt passiert sogar im Grunde ausgerechnet immer dann, wenn eine Theorie als widerlegt betrachtet und zu den Akten gelegt werden muss, denn dann muss ein neuer Lösungsansatz her. Man kann wissenschaftlichen Fortschritt als eine Evolution von Ideen betrachten. Das ließe sich am besten sogar an der Evolutionstheorie nach Charles Darwin zeigen, wenn dies hier nicht zu weit führen würde. Nur so viel: Darwins Theorie war wegweisend und ist dennoch in vielem überholt, jedoch nicht in ihrem Kern. Bis heute steuern verschiedene Wissenschaftsdisziplinen von der Genetik über Ökologie bis zur Paläontologie ständig neue Erkenntnisse bei. Erst kürzlich las ich im „Spektrum der Wissenschaft“ einen Beitrag über Schwertwale, die sogenannten Orcas, bei denen sich derzeit offenbar verschiedene Arten herausbilden. Dabei scheint die Artenschranke – also der Punkt, an dem sich die Tiere nur noch innerhalb einer bestimmten Gruppe fortpflanzen, die sich von allen anderen unterscheidet – nicht durch geografische Hindernisse oder andere Selektionsfaktoren definiert zu werden, sondern durch kulturelle Eigenheiten: Die Tiere kommunizieren in verschiedenen Gruppen unterschiedlich miteinander, definieren anscheinend auf diese Weise ihre Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, in der sie sich dann fortpflanzen. Einen solchen kulturellen Selektionsfaktor hatten die Evolutionsbiologen bisher nicht auf ihrem Plan." (frblog; Hervorhebungen von Fontanefan)

mehr dazu bei Fontanefan

sieh auch Fake News bei bpb

Samstag, 5. November 2016

Gekaufte Wissenschaft

Gekaufte Wissenschaft ZEIT 1.8.2013

"[...]  EWI ist ein sogenanntes An-Institut. Es wird knapp zur Hälfte von den Energieriesen E.on und RWE finanziert. Bereits im Jahr 2010 hat das EWI eine Studie über die Bedeutung der Kernenergie erstellt, die von der schwarz-gelben Bundesregierung maßgeblich zur Begründung der ursprünglich geplanten Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke herangezogen wurde. 
Felix Höffler ist einer der Leiter des EWI. [...]
Den Vorwurf, das EWI lasse sich für Studien kaufen, der seit den beiden Untersuchungen zur Atomkraft über dem Institut hängt, empfindet Höffler als ungerecht. "Fachlich ist unsere Arbeit einwandfrei."
Aber Höffler sagt auch: "Unser Institut ist in der öffentlichen Meinung klar positioniert." Das EWI steht der Atomkraft nicht ablehnend gegenüber. Höffler fügt hinzu: "Wir vertreten einen marktwirtschaftlichen Ansatz. Das berücksichtigen Auftraggeber natürlich, bevor sie einen Auftrag erteilen." [...]
Es ist etwas Erstaunliches passiert, seit die Wirtschaft in die Universitäten gelangt ist: Auf den Fluren der Hochschulen begegnet man neuerdings nicht nur Managern und Unternehmern – sondern auch anderen Professoren als früher. Ein neuer Prototyp von Wissenschaftler ist entstanden, einer, der sich nicht so sehr als unabhängiger Forscher sieht, sondern eher als pragmatischer Dienstleister seines Auftraggebers.
Noch betreffen all diese Fälle nur einen kleinen Teil der Wissenschaft. Umso mehr müssten die Universitäten daran interessiert sein, den Eindruck zu vermeiden, in ihren Instituten werde wertloses Wissen erzeugt. Denn fragwürdige Studien und Forscher, die sich an den Bedürfnissen des Marktes ausrichten, haben die Macht, den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Misskredit zu bringen. [...]
Philipp Mimkes, 46, ist Physiker und arbeitet hauptberuflich für den Verein "Coordination gegen Bayer-Gefahren". Er wollte von der Uni Köln wissen, welche Regelung es für die Veröffentlichung von Testergebnissen gibt. Hat Bayer die Macht, negative Ergebnisse zu unterdrücken?  [...]
Mimkes zog vor Gericht. "Eine aus Steuergeldern finanzierte Institution muss öffentlicher Kontrolle unterliegen", sagt er, "zumal in einem so sensiblen Bereich wie der Pharmaforschung."
Im Dezember 2012 schlug sich das Verwaltungsgericht Köln jedoch auf die Seite der Universität. Die Wissenschaft sei frei, auch in der Frage, mit wem sie kooperiere, daher unterliege sie in diesem Fall nicht der Pflicht zur Offenlegung des Vertrags.
Mimkes hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Entscheidung steht noch aus.
Folgt man der Argumentation des Kölner Gerichts, genießt die Wissenschaft also die Freiheit, sich selbst ihrer Unabhängigkeit zu berauben. Die Frage ist nur: Wer schützt dann noch die Gesellschaft vor den Ergebnissen dieser neuen Art von Wissenschaft? [...]
Wer als Wissenschaftler heute keine Kontakte zu Unternehmen hat, wer keine Kooperationen organisieren kann, hat es häufig schwer, im Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen. Wie verhält man sich da als Professor, dem seine Studenten am Herzen liegen? [...]
"Ich bin über 60, aber für meine Studenten ist der Kontakt zu Unternehmen wie Google wichtig. Der Staat zieht sich immer stärker aus der Wissenschaftsfinanzierung raus. Damit die Studenten später ein Auskommen haben, sind sie auf Kontakte zu Unternehmen wie Google angewiesen." [...]
Das Fazit: "Die Europäer gehen mit großer Entschiedenheit davon aus, dass man nicht darauf vertrauen kann, dass Wissenschaftler bei kontroversen wissenschaftlichen und technischen Problemen die Wahrheit sagen, weil sie zunehmend von den Fördermitteln der Industrie abhängig sind."
Mehr dazu: Spenden für einen guten ... Namen

Dienstag, 2. August 2016

Was ist eine angemessene Beschreibung der Wirklichkeit?

"Zeichnet sich eine gute Theorie allein dadurch aus, dass sie mit der Empirie, also der Beobachtung, übereinstimmt? [...]  Nein, sagen wir.
Denn dahinter steht ein naives Bild von Wirklichkeit [...]. Beobachtete Daten sind nicht neutral. Die Leute, die sie erheben, beeinflussen sie schon. Es ist ja unstrittig, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wertend ist. Es klammert Haushalts- und Schwarzarbeit aus. Es suggeriert, dass es einer Gesellschaft immer gut tut, wenn das BIP steigt. Das ist niemals wertneutral. [...] Theorien sind deshalb nicht wahr oder falsch. Sie sind Linsen. Sie stellen auf bestimmte Logiken scharf. Andere lassen sie außer Acht. Die Wirtschaftswissenschaft stellt seit Jahrzehnten immer und immer wieder auf Eigennutz und Wirtschaftswachstum scharf.
Das ist einseitig und gefährlich. Denn Wissenschaft wirkt in Gesellschaft. Studierende werden im Studium geprägt und folgen dann der Situationslogik, die sie gelernt haben – dem Eigennutz. Ökonomen begründen Politikempfehlungen, indem sie Wachstum versprechen – und ignorieren, welchen Einfluss das auf Identitäten, Werte, Gruppenzugehörigkeiten oder Diskurse hat.
Übereinstimmung von Daten und Theorie reicht nicht. Wissenschaft braucht Reflexion. Gute Wissenschaft muss über sich selbst nachdenken. Nur dann kann sie die eigene Linse erkennen, statt ihren Blick mit der Wirklichkeit zu verwechseln." (Gustav Teile in der FR vom 2.8.16)

Dazu:


Donnerstag, 4. Dezember 2014

Nachwuchsprobleme der Wissenschaft

oder auch Probleme des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Heutzutage ist man im Durchschnitt über 40 Jahre alt, bevor man als Wissenschaftler eine Daueranstellung an der Universität bekommt.

Mehr dazu (sam Leserkommentaren) in  ZEIT online vom 4.12.2014

Mittwoch, 17. April 2013

Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft?

Konferenz "Rezensieren - Kommentieren - Bloggen: Wie kommunizieren Geisteswissenschaftler in der digitalen Zukunft?"
- Tweets mit Links zu  Beiträgen der Tagung
- Tagungsprogramm
- Lilan Landes: Vom Sonderdruck zum Tweet

Thorsten Reimer in der Podiumsdiskussion zu Chancen und Nebenwirkungen: Neue und alte Formen der Wissenschaftskommunikation in der Geschichte, Vortrag von Prof. Dr. Johannes Paulmann

Die hier angeführten Punkte trägt Reimer ab Minute 13:30 der Podiumsdiskussion vor.
In Großbritannien gilt: alle wissenschaftlichen Publikationen mit staatlicher Förderung sollen Open Access werden. Bezahlen sollen die Wissenschaftler für die Publikation.

Können die Geisteswissenschaften für diesen Bereich von den Naturwissenschaften lernen?

Werden die Grenzen von professionellen und Amateurwissenschaftlern tendenziell verschwimmen, wenn die wissenschaftlichen Quellen allgemeiner zur Verfügung stehen?