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Dienstag, 26. Mai 2015

Nachkriegszeit

Ein kurzer Sommer der Anarchie, von IAN BURUMA, ZEIT Nr.15, 7.5.2015
Krieg ist ein großer sozialer Gleichmacher. Höhere Damen arbeiten im Büro, Arbeiter werden Offiziere. Frauen nehmen Stellen an, die früher Männern vorbehalten waren. [...]
Das Verlangen nach gesellschaftlicher und politischer Gleichstellung war ein weltweites Phänomen. Das gehört ebenso zur Geschichte des Jahres 1945 wie Hunger, Schwarzmarkt, Rache und Bürgerkrieg. Aus den Ruinen sollte, so die Hoffnung vieler, eine neue Welt entstehen, in der Weltkriege nicht mehr möglich wären. [...] Die nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen kollidierten also von Anfang an mit der Idee einer Weltregierung. Dazu kam, dass die kleineren Nationen befürchteten, eine Weltregierung führe letztlich zu nichts anderem als einem Weltreich unter amerikanischer und sowjetischer Herrschaft.
Bekanntlich kam es anders: Die Spannungen zwischen den USA und der UdSSR machten immerhin diese Sorge gegenstandslos. Bald war die Welt in einen kapitalistischen und einen kommunistischen Block gespalten, und die Träume von einer Weltregierung zerplatzten. Doch solange die Erinnerungen an den Krieg noch frisch waren, hatte der Konsens von 1945 weitgehend Bestand. Die ehemaligen europäischen Kolonien errangen eine nach der anderen ihre Unabhängigkeit, oft mit dem Rückhalt der Vereinten Nationen. Und die sozialdemokratischen Ideale, denen sich auch die Christdemokraten weitgehend verschrieben hatten – starker Sozialstaat und soziale Gerechtigkeit –, blieben in Westeuropa die Norm. Dasselbe galt für die Bestrebungen in den USA, die auf Roosevelts New Deal der dreißiger Jahre zurückgingen. Selbst die Konservativen in Großbritannien standen viel weiter links als heute. Und der Glaube an ein vereintes Europa war, vor allem in Deutschland, so stark, dass Zweifler als heillose Reaktionäre oder fremdenfeindliche Nationalisten angeprangert wurden. [...]
Eine eindrucksvolle Gesamtschau, die in Erinnerung ruft, welcher Art der Konsens war, der die Sieger über die Hitler-Diktatur und die, die ihr entronnen waren, verband. 
Dass viele über ihr Ende unglücklich waren, weil dies Ende mit Kapitulation und materiellem Elend verbunden war. Und das die NS-Ideologie in vielen Köpfen noch sehr virulent war, wo das Verhalten schon völlig angepasst war, darf man darüber nicht übersehen. Aber es gab diesen Konsens, der freilich im Kalten Krieg und durch die Interessengegensätze zwischen etablierten Industriestaaten und in die Freiheit entlassenen ehemaligen Kolonien zerrieben wurde. 

Zum selben Themenzusammenhang:


http://www.zeit.de/2015/18/helmut-schmidt-erinnerungen-zweiter-weltkrieg

http://www.zeit.de/2015/18/1945-deutschland-befreiung-kriegsende-neuanfang


Samstag, 22. November 2014

Anarchie in der Nachkriegsphase

Keith Lowe schildert in "Der wilde Kontinent" Rache, Vertreibung und ethnische Säuberungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die aus verständlichen Gründen lange nur recht eingeschränkt öffentlich angesprochen wurden.

In seinem neuen Buch spannt Keith Lowe einen weiten Bogen. Dieser reicht von den überlebenden jüdischen Lagerhäftlingen und Zwangsarbeitern über die Vertreibung der Deutschen, die Vergeltungsmaßnahmen an deutschen Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und an Kollaborateuren in den von Deutschland besetzten Ländern, weiter über die ethnischen Säuberungen in Polen, der Ukraine und auf dem Balkan bis hin zu den Bürger- und Partisanenkriegen im Zuge der gewaltsamen Unterwerfung Osteuropas durch die Sowjetunion. Abgrundtiefer, weltanschaulich und nationalistisch aufgeladener Hass und grenzenloses Racheverlangen waren der Antrieb dieser Mordlust. [...] 
Ein polnischer Partisan beschreibt die Rachespirale des Gewaltkonflikts: "Sie hatten zwei Nächte vorher sieben Männer getötet. In dieser Nacht töteten wir sechzehn von Ihnen. Eine Woche später antworteten die Ukrainer, indem sie eine ganze polnische Siedlung auslöschten, die Häuser anzündeten, alle Bewohner töteten, die nicht hatten fliehen können, und die Frauen vergewaltigten, die ihnen in die Hände fielen. Zur Vergeltung griffen wir ein noch größeres ukrainisches Dorf an, und diesmal töteten zwei oder drei Mann aus unserer Einheit auch Frauen und Kinder. Die Ukrainer rächten sich. So eskalierten die Kämpfe. Jedes Mal wurden mehr Menschen getötet, mehr Häuser angezündet, mehr Frauen vergewaltigt. Die Menschen stumpfen sehr schnell ab und töten, als hätten sie nie etwas anderes getan." (Peter Reichel: Zeit ohne Nachsicht, Die Welt, 22.11.14)