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Samstag, 18. März 2023

Globalisierter Konsum

 Globalisierter Konsum

"Die umfassendste interkontinentale Wechselwirkung von Ernährungspraktiken war bereits im 16. Jahrhundert erfolgt. Dieser Columbian Exchange hatte europäische Nutzpflanzen und Tiere in der Neuen Welt eingeführt und amerikanische Pflanzen nach Asien und Europa gebracht. [...] Die Kartoffel brauchte seit der Ankunft der ersten Knollen kurz vor 1600 etwa zweihundert Jahre, bis sie in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien zum wichtigsten Grundnahrungsmittel wurde. Schon viel früher hatte die Einführung ertragreicherer Reissorten die Produktion in Südostasien und China erheblich gesteigert.(S.335)
"Die amerikanische Maniok-Wurzel wurde in Afrika heimisch gemacht, [...]. Heute ist Maniok in den tropischen Teilen Afrikas die am weitesten verbreitete Nahrungspflanze." (S.336)
Kulinarische Mobilität
"Seit dem Goldrausch der Jahrhundertmitte waren Italiener in Kalifornien ansässig. Bald immigrierten sie in / viele andere Teile der USA. Sie brachten den Durum-Weizen mit, den man für italienische Pasta benötigt." (S.336/37) 
"In keinem europäischen Land spielten aus Übersee importierte Nahrungs- und Genussmittel eine größere Rolle als in Großbritannien. Die East India Company hatte, vor [...] die Briten zu einer Nation von Teetrinkern erzogen. [...] Der einzige andere exotische Import, der über den engen Kreis des Luxuskonsums hinaus die Ernährung der breiten Bevölkerung veränderte, war der Zucker. [...] Der eigentliche Aufstieg des Zuckerkonsums fand aber erst im 19. Jahrhundert statt. Die Zuckerproduktion auf der Welt verdoppelte sich zwischen 1880 und 1900 und nochmals von da an bis 1914. Der Anteil von Zucker an der durchschnittlichen Kalorienversorgung der Briten soll im Laufe des Jahrhunderts von 2 Prozent auf 14 Prozent gestiegen sein." (S.338)
"Es war eine der großen Tendenzen des 19. Jahrhunderts auf dem Ernährungssektor, dass die Industrialisierung auch die Herstellung von Fleisch erfasste und den Fleischmarkt zu einem transkontinentalen Geschäft machte. [...] Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm in Westeuropa der Fleischkonsum auch der Unterschichten deutlich zu. Zwischen den 1860er und den 1890er Jahren verdoppelte sich der Fleischverbrauch englischer Arbeiterfamilien auf mehr als ein Pfund pro Kopf in der Woche. Die Japaner [...]  bekehrten sich von vegetarischer Ernährung zum Verzehr von Fleisch. [...] 1876 wurde erstmals argentinisches Rindfleisch per Kühlschiff nach Europa gebracht." (S.339)
"Romantische Sozialtypen wie der nordamerikanische Cowboy und der argentinische Gaucho waren das mobile Proletariat einer weltweit operierenden Fleischindustrie. [...]
1905 wurden 17 Millionen Tiere getötet. Es ist kein Zufall, dass eine der schärfsten literarischen Attacken auf den amerikanischen Kapitalismus, Upton Sinclairs Roman The Jungle (1906), seinen Schauplatz in den Chicagoer Schlachthöfen hat [...]." (S.340)

Sonntag, 25. Oktober 2020

Armut und Lebensstandard

 Armut

"Die entscheidende Minimalmarkierung für Wohlstand war [...] die kontinuierliche Beschäftigung von Hauspersonal, auch in einer gemieteten Wohnung. Von dort war es noch ein weiter Weg über shabby gentility bis zu ausgesprochener Armut."(S.330)
"Im subsaharischen Afrika war der Besitz von Land ein weit weniger wichtiges Kriterium als die Kontrolle über Abhängige. Viele Herrscher im vorkolonialen Afrika besaßen kaum mehr lagerbare Schätze als ihre Untertanen. Sie hoben sich durch die Zahl ihrer Frauen, ihrer Sklaven, ihres Viehs und durch die Größe ihrer Getreidespeicher hervor. [...] Ein Armer war in Afrika jemand, der sich in einer besonders verletztlichen Lebenslage befand und der geringen oder gar keinen Zugang zur Arbeitskraft anderer hatte. Am Boden der Gesellschaft fanden sich diejenigen, die unverheiratet, kinderlos und vielleicht sogar noch wegen körperlicher Behinderung arbeitsunfähig waren. Selbst wenn sie oft besser ernährt waren als jene, um die sich niemand kümmerte, gehörten auch Sklaven zweifellos zur Schicht der Ärmsten." (S.331)
"Im südlichen Afrika begann Armut schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Form anzunehmen, wie sie aus den dicht besiedelten Gesellschaften Europas und Asiens bekannt ist: Landlosigkeit mehr als physische Behinderung des Einzelnen wurde zur Hauptquelle von materieller Depravation. Staatlich unterstützte Landaneignung durch Siedler war eine typische Ursache dieser Art von Armut." (S.332)
"Profile von Einkommen und Lebensstandard [kann man] überhaupt nur im städtischen Raum erheben."  (S.332)
Die Zahl arbeitsfähiger Männer in britischen Arbeitshäusern ist ein guter Indikator für das Ausmaß extremer städtischer Armut. Diese Zahlen gingen zwischen 1860 und dem Ersten Weltkrieg nicht signifikant zurück. [...] Es ist unmöglich, für das 19. Jahrhundert Armut weltweit zu quantifizieren. (S.333)

Bettelei und Mildtätigkeit
"Die Tatsache, dass in Deutschland und einigen anderen Ländern Europas gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich ein Wohlfahrtsstaat aufgebaut wurde, sollte nicht davon ablenken, dass dies in vielen Teilen der Welt auch eine Epoche fortgesetzter und neu motivierter philanthropischer Bemühungen um die Armen war." (S.333)
"In Ägypten setzte sich eine alte Tradition von Generosität und Almosenspendung fort. Diese Generosität hatte nach den Geboten des Islam nicht ostentativ in der Öffentlichkeit, sondern diskret ausgeübt zu werden." (S.334) "Ägypten unterschied sich freilich in
mehrfacher Hinsicht vom nördlichen Europa: [...] Die Armen verschwanden nie aus der Öffentlichkeit, sondern machten ihre Ansprüche geltend, anders als etwa die städtischen Unterschichten Englands, bei denen seit den 1860er Jahren die Entgegennahme von Armenfürsorge und erst recht Bettelei als peinlich und entwürdigend galten. Bettelfreiheit ist ein historisch ganz seltener Zustand, und er wurde vermutlich vor dem 20. Jahrhundert fast niemals erreicht.(S.334) 

Globalisierter Konsum
"Die umfassendste interkontinentale Wechselwirkung von Ernährungspraktiken war bereits im 16. Jahrhundert erfolgt. Dieser Columbian Exchange hatte europäische Nutzpflanzen und Tiere in der Neuen Welt eingeführt und amerikanische Pflanzen nach Asien und Europa gebracht. [...] Die Kartoffel brauchte seit der Ankunft der ersten Knollen kurz vor 1600 etwa zweihundert Jahre, bis sie in Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien zum wichtigsten Grundnahrungsmittel wurde. Schon viel früher hatte die
Einführung ertragreicherer Reissorten die Produktion in Südostasien und China erheblich gesteigert.(S.335)
"Die amerikanische Maniok-Wurzel wurde in Afrika heimisch gemacht, [...]. Heute ist Maniok in den tropischen Teilen Afrikas die am weitesten verbreitete Nahrungspflanze." (S.336)
Kulinarische Mobilität
"Seit dem Goldrausch der Jahrhundertmitte waren Italiener in Kalifornien ansässig. Bald immigrierten sie in / viele andere Teile der USA. Sie brachten den Durum-Weizen mit, den
man für italienische Pasta benötigt." (S.336/37) 
"In keinem europäischen Land spielten aus Übersee importierte Nahrungs- und Genussmittel eine größere Rolle als in Großbritannien. Die East India Company hatte, vor [...] die Briten zu einer Nation von Teetrinkern erzogen. [...] Der einzige andere exotische Import, der über den engen Kreis des Luxuskonsums hinaus die Ernährung der breiten Bevölkerung veränderte, war der Zucker. [...] Der eigentliche Aufstieg des Zuckerkonsums fand aber erst im 19. Jahrhundert statt. Die Zuckerproduktion auf der Welt verdoppelte sich zwischen 1880 und 1900 und nochmals von da an bis 1914. Der Anteil von Zucker an der durchschnittlichen Kalorienversorgung der Briten soll im Laufe des Jahrhunderts von 2 Prozent auf 14 Prozent gestiegen sein." (S.338)
"Es war eine der großen Tendenzen des 19. Jahrhunderts auf dem Ernährungssektor, dass die Industrialisierung auch die Herstellung von Fleisch erfasste und den Fleischmarkt
zu einem transkontinentalen Geschäft machte. [...] Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm in Westeuropa der Fleischkonsum auch der Unterschichten deutlich zu. Zwischen den 1860er und den 1890er Jahren verdoppelte sich der Fleischverbrauch englischer Arbeiterfamilien auf mehr als ein Pfund pro Kopf in der Woche. Die Japaner [...]  bekehrten sich von vegetarischer Ernährung zum Verzehr von Fleisch. [...] 1876 wurde erstmals argentinisches Rindfleisch per Kühlschiff nach Europa gebracht." (S.339)
"Romantische Sozialtypen wie der nordamerikanische Cowboy und der argentinische Gaucho waren das mobile Proletariat einer weltweit operierenden Fleischindustrie. [...]
1905 wurden 17 Millionen Tiere getötet. Es ist kein Zufall, dass eine der schärfsten literarischen Attacken auf den amerikanischen Kapitalismus, Upton Sinclairs Roman The Jungle (1906), seinen Schauplatz in den Chicagoer Schlachthöfen hat [...]." (S.340)

Mittwoch, 6. November 2019

Osterhammel: Religion im 19. Jahrhundert

"Es gibt gute Gründe dafür, Religiosität, Religion und Religionen in den Mittelpunkt einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts zu stellen. Allenfalls für einige Länder des westlichen Europa wäre es gerechtfertigt, wie es in Lehrbüchern nicht selten geschieht, Religion als einen unter mehreren Unterpunkten von "Kultur" abzuhandeln und sich dabei auf ihre organisatorische Verfasstheit als Kirche zu beschränken. Religion war überall auf der Welt im 19. Jahrhundert eine Daseinsmacht ersten Ranges, eine Quelle individueller Lebensorientierung, ein Kristallisationspunkt für Gemeinschaftsbildungen und für die Formung kollektiver Identitäten, ein Strukturprinzip gesellschaftlicher Hierarchisierung, eine Antriebskraft politischer Kämpfe, ein Feld, auf dem anspruchsvolle intellektuelle Debatten ausgetragen wurden. [...] Noch im 19.Jahrhundert war Religion die für das Alltagsleben der Menschen wichtigste Form von Sinnbildung, also das Zentrum aller geistigen Kultur." (Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, S.1239)

1. Begriffe und Bedingungen des Religiösen
"Die Behauptung, das 19. Jahrhundert sei insgesamt ein Zeitalter jenseits der Religion gewesen, lässt sich nicht halten, und eine andere «Großerzählung» als diese Geschichte der «Säkularisierung» ist nicht in Sicht." Auch ein weiterer zunächst plausibler Zusammenhang vereinfacht die Dinge allzu sehr. Zweifellos verbesserte die erobernde und kolonisierende, reisende und missionierende Expansion der Europäer über die Erde seit dem 16.Jahrhundert die Bedingungen für die Ausbreitung der wichtigsten europäischen Religion, doch war im Rückblick von 1900 oder 1914 aus der religiöse Einfluss des Christentums in der Welt bei weitem geringer als die politisch-militärische Macht Europas und auch als die des Westens insgesamt. In vielen nicht-westlichen Gesellschaften, die während des 19.Jahrhunderts in regelmäßige Kommunikationsbeziehungen mit Europa verstrickt wurden und in denen die Verwestlichung des Lebensstils bis heute anhält, hat das Christentum nicht Fuß fassen können. Das Christentum globalisierte sich, ohne zur global dominanten Religion zu werden." (S.1240)
"Es wäre problematisch, aus der Tatsache, dass der Religionsbegriff im Europa des 19.Jahrhunderts geschaffen wurde, den Schluss zu ziehen, es "gebe" keine Religionen, der Begriff sei nichts als ein Instrument "hegemonialer" Ordnungsstiftung durch einen arroganten Okzident. So viel ist aber richtig: Ein abstrakter und universal gemeinter Begriff von "Religion" ist ein Produkt europäischer, insbesondere protestantisch orientierter Intellektueller des 19. Jahrhunderts." (S.1241)
"In China zum Beispiel hatte man über die Jahrhunderte hinweg immer nur von jiao gesprochen, übersetzbar etwa als «Doktrinen» oder «Lehrrichtungen» und meist plural gemeint. Im späten 19.Jahrhundert wurde über Japan aus dem Westen ein übergreifender Religionsbegriff importiert und als zongjiao in das chinesische Lexikon übernommen. Das vorangestellte Zeichen zong bedeutet «Vorfahr», «Clan», aber auch «Vorbild» oder «großer Meister». Der Neologismus verschob damit den Akzent von der gleichzeitigen Pluralität der Lehrmeinungen zur historischen Tiefe tradierter Überlieferung." (S.1242)
Weltreligionen
"Ein Erbe des 19.Jahrhunderts, das bis heute den öffentlichen Sprachgebrauch bestimmt, ist die Idee von «Weltreligionen», die sich wie Hochgebirge aus der Landschaft des Religiösen emporheben. Eine große Vielzahl religiöser Orientierungen wurde im neuen Diskurs der Religionswissenschaft zu Makro-Kategorien wie «Buddhismus» oder «Hinduismus» verdichtet. Diese «Weltreligionen», zu denen auch Christentum, Islam, Judentum und nicht selten der Konfuzianismus gezählt wurden, ermöglichten eine übersichtliche Kartographie des Religiösen, seiner Zurechnung zu «Zivilisatonen» und deren Abbildung auf Weltkarten der «Großen Religionen». Unklare Verhältnisse wurden bis vor kurzem oft mit dem Etikett «Naturreligionen» versehen." (S.1243)
 "Die Rede von den «Weltreligionen» ist nicht falsch. Sie sollte aber nicht dazu verleiten, die einzelnen Religionsgebiete als geschlossene Sphären zu betrachten, in denen sich jeweils autonome, von außen kaum beeinflusste Entwicklungen vollzogen. Schließlich führt sie eine weitere Bedeutungsebene mit sich: die der religionspolitischen Dramatisierung. Visionen vom Zusammenprall der Kulturen setzen eine solche Vorstellung machtvoller Religionsblöcke voraus."  (S.1244)


Revolution und Atheismus
"Die Attacke der französischen Revolutionäre auf Kirche und Religion an sich, vorbereitet durch die Religionskritik und antikirchliche Polemik radikaler Strömungen innerhalb der Aufklärung, war hingegen beispiellos und einer der extremsten Aspekte des revolutionären Umbruchs überhaupt." (S.1244)
In der nordamerikanischen Revolution gab es aber keine Kirchenfeindlichkeit und keinen staatlich unterstützten Atheismus. Auch in Frankreich gewann die Kirche wieder viel von ihrem Einfluss zurück.
"Erst unter der Dritten Republik wurde der Laizismus, also die konsequente Trennung von Kirche und Staat, zu einem Grundmuster französischer Politik, war aber weit entfernt von einem staatlich erzwungenen Atheismus." (S.1245/46)
Toleranz
"Die atlantische Revolution hinterließ ein weniger spektakuläres, aber kontinuierlicher wirksames Erbe: die religiöse Toleranz." (S.1246)
Aber "religiösen Pluralismus" gab es schon früher und anderswo, nur wurde er nicht im Zusammenhang mit den Menschenrechten der Aufklärung festgeschrieben.
"Noch um 1800 hatten es religiöse Minderheiten im muslimischen Orient leichter als im christlichen Abendland." (S.1247)

2. Säkularisierungen
De-Christianisierung in Europa?
 In Deutschland, wo der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken besonders wichtig blieb, konnten sich die Kirchen eine ungewöhnlich große Rolle im Erziehungswesen und in der Wohlfahrtspflege sichern, finanziell waren sie hier besonders gut gestellt." (S.1249)
Symbolik und Recht
 "Im katholischen Europa zwischen Portugal und Polen gab es um 1750, auf dem Höchststand klösterlichen Wachstums seit der Reformation, mindestens 200000 Mönche und 150 000 Nonnen. Das waren knapp 0,3 Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung westlich von Russland. [...]  In Tibet soll es um 1800 die unglaubliche Zahl von 760000 Klosterbewohnern gegeben haben, doppelt so viel wie im gesamten vorrevolutionären Europa." (S.1250)
Religiöse Intensität in den USA
Das awakening [...] des frühen 19. Jahrhunderts steigerte sich zu einer gigantischen Selbstchristianisierung der Nordamerikaner, die, anders als in Europa, niemals amtskirchlich aufgefangen wurde, sondern ihre Dynamik in einer fluiden Kirchen- und Sektenlandschaft bewahrte. [...] Der Fall der USA zeigt auch, dass religiöse Vitalisierung, die «Schwärmerei» der aufgeklärten Kritik, nicht zu einem Rückfall in Theokratie, fanatische Sozialkontrolle und Irrationalismus auf anderen Lebensgebieten führen muss. Religiöse Bewegtheit kann in ihren Folgen eingehegt werden, wenn die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum bereits stabil etabliert ist." (S.1253)
Religion, Staat, Nation
"Es ging in Europa immer wieder um drei Punkte: das Recht zur Ernennung von Bischöfen, die Anerkennung der Zivilehe und den Einfluss auf das Schulwesen. Aus diesem Konfliktgemenge erwuchs in den 1860er und 1870er Jahren ein beinahe gesamteuropäischer Kampf zwischen Kirche und Staat." (S.1254)
"Der US-Nationalismus war stark christlich aufgeladen, jedoch auf eine gleichsam überkonfessionelle Weise." (S.1255)

Dienstag, 30. April 2019

Osterhammel:Sklavenemanzipation und "Weiße Vorherrschaft"

Die postemanzipatorische Rassengesellschaft im Süden der USA

In keinem anderen Land war die Abschaffung der Sklaverei von einer solch dramatischen Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten begleitet wie in den USA. Schon während des Bürgerkrieges hatten Hunderttausende von Afroamerikanern ihr Schicksal in die eigene Hand genommen, hatten als free blacks aus dem Norden oder entflohene Sklaven aus dem Süden auf Unionsseite gekämpft oder einen anderen Beitrag zur Kriegsführung des Nordens geleistet, hatten sich im Süden herrenlosen Landes bemächtigt. [...]
Wem bisher der Herr das freie Wort verboten hatte, der konnte sich nun unverstellt und öffentlich äußern. [...] selbst auf der Geschworenenbank sitzen, bei Wahlen ihre Stimme abgeben und sich sogar für Ämter zur Wahl stellen.
Ausgerechnet dieser große Aufbruch kippte in das Gegenteil einer scharfen Rassendiskriminierung um. Ende der 1870er Jahre waren die Errungenschaften der Emanzipationszeit weitgehend zunichte gemacht. In den 1880er Jahren verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Rassen in den früheren Sklavenstaaten des Südens in dramatischer Weise. Nach 1890 waren die Afroamerikaner zwar nicht neuerlich versklavt, aber einer extrem diskriminierenden und einschränkenden Rassenordnung unterworfen, die von weißem Terror und Lynchjustiz begleitet war. Von der Ausübung staatsbürgerlicher Rechte konnte keine Rede mehr sein. Nur drei Mal hat es solche scharfen Rassenordnungen jenseits der Sklaverei gegeben: im Süden der USA zwischen den 1890er und 1920er Jahren, in Südafrika nach 1948 und in Deutschland nach 1933 sowie während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten Europa. Lässt man den Fall Deutschlands beiseite, so bleiben als Kandidaten für einen ungefähren Vergleich die USA und Südafrika, denn die Anfänge der südafrikanischen Apartheid reichen weit ins 19.Jahrhundert zurück. [...]
Die Unterschiede zu Südafrika sind so groß, dass sich ein umfassender Vergleich verbietet; punktuell finden sich jedoch aufschlussreiche Querbezüge. Die Entwicklungen in den beiden Ländern, zwischen denen wenige prägende Transfers stattfanden, verliefen nicht synchron. Die Sklavenbefreiung in Südafrika erfolgte fast drei Jahrzehnte vor derjenigen in den Südstaaten der USA. Um 1914 waren da wie dort die Ideologien und Instrumente rassischer Hierarchisierung und Ausgrenzung vorhanden. Südafrika ging dann seit den 1920er Jahren noch einen Schritt über den Süden der USA hinaus, denn Apartheid wurde hier zu einem Grundprinzip nationaler Gesetzgebung. [...]
In dem - neben den Südstaaten - anderen großen Fall von Massensklaverei im 19. Jahrhundert ist die Herausbildung von weißer Vorherrschaft ausgeblieben. Dafür, dass sich in Brasilien die Sklaverei viel länger hielt als überall sonst im kontinentalen Lateinamerika, gibt es mehrere Gründe. Nicht der unwichtigste war, dass die Brasilianer keinen Unabhängigkeitskrieg gegen ihre Kolonialmacht geführt hatten, daher auch, anders als in den Kämpfen ihrer Nachbarn gegen die Spanier, keine schwarzen Soldaten rekrutiert wurden. [...] Warum aber entstand in Brasilien nach 1888 keine formalisierte Rassenordnung? Nach dem Ende der Sklaverei, das mit einem friedlichen Übergang von der Monarchie zur Republik zusammenfiel, begann eine lange Debatte über die nationale und rassische Identität des Landes und seine Chancen der Modernisierung. [...] In den Modernisierungsvorstellungen von Teilen der weißen Elite fanden daher freigelassene Sklaven schon früher einen Platz. Noch wichtiger aber war die Strategie, die Sklaven in den dynamischen Sektoren der Wirtschaft durch neu angeworbene Emigranten aus Europa zu ersetzen. Diese Emigranten und die Ex-Sklaven, die nun in großer Zahl ökonomisch marginalisiert wurden, begegneten sich nicht auf denselben Arbeitsmärkten. Damit entfiel eine Konkurrenzsituation, wie sie überall in der Welt zu einem typischen Nährboden für Rassismus wurde. In Brasilien war die Rassenfrage nie zu einem Streitpunkt territorialer Politik geworden. Keine sezessionsbereiten Sondergebiete definierten sich wie der US-Süden durch rassische Identitäten. Im Gegenteil gab sich die Elite Mühe, einen inklusiven Nationalismus und den Mythos einer besonderen Menschenfreundlichkeit der früheren Sklaverei zu propagieren. [...] die Behörden verstanden sich nicht als Garanten von Rassenschranken. Allein die Schwäche des Staates führte dazu, dass viel rassistische Gewalt ungestraft geschah. Sie war aber nicht unmittelbarer Ausfluss staatlicher Ordnung. (S.1209-1213)

3. Fremdenabwehr und "Rassenkampf"
Um 1900 war das Wort «Rasse» in vielen Sprachen rund um den Globus gebräuchlich. Das weltweite Meinungsklima war von Rassismus durchtränkt. Zumindest im globalen «Westen», der sich im Zeitalter des Imperialismus auf allen Kontinenten fand, bezweifelten wenige die Vorstellung, die Menschheit sei in Rassen unterteilt, diese Rassen besäßen, biologisch bedingt, unterschiedliche Fähigkeiten und als Folge dessen auch ein unterschiedliches Recht, ihre Existenz autonom zu gestalten. [...] Um 1930 war Rassismus weltweit bereits eine Spur weniger akzeptabel geworden, als er es wenige Jahrzehnte zuvor gewesen war. Im «weißen» Westen hatten es selbst wohlhabende und bürgerlich auftretende Afroamerikaner immer noch schwer, ein Hotelzimmer zu finden. Aber «Rasse» wurde zumindest als wissenschaftliches Konzept weniger unkritisch hingenommen. Japans Versuch, auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 eine Klausel gegen rassische Diskriminierung in die Satzung des neu gegründeten Völkerbundes aufnehmen zu lassen, war vor allem am Widerstand der britischen Dominions und der USA gescheitert, doch zeigte diese Initiative immerhin, für wie anfechtbar rassistische Diskurse und Praktiken mittlerweile gehalten wurden. [...] Um 2000 war Rassismus weltweit diskreditiert, seine Propagierung in vielen Ländern unter Strafe gestellt, jeglicher Anspruch auf Wissenschaftlichkeit lächerlich gemacht. Aufstieg und Fall von Rassismus als geschichtsprägender Macht füllen den, weltgeschichtlich gesehen, kurzen Zeitraum zwischen etwa 1860 und 1945. Dieser makabre Zyklus verklammert das 19. mit dem 20. Jahrhundert. [...]

Rassetheorien, prä- und postrevolutionär
Der große Komplex von Rassedenken und rassistisch motiviertem Handeln müsste nun in einem zweiten Schritt geduldig auseinandergelegt werden. Dies kann hier nicht geschehen. Es wären unterschiedliche Spielarten von Rassismus zu unterscheiden, nach den verwendeten Methoden etwa

(1) einen repressiven, Unterklassen erzeugenden;
(2) einen segregierenden, «Ghettos» bildenden;
(3) einen exkludierenden, Nationalstaaten an ihren Grenzen abschottenden;
(4) einen exterminatorischen, den «rassischen Feind» auslöschenden Rassismus. Unterschiedlich waren die Arten und Weisen, mit «Rasse» argumentativ und narrativ umzugehen. Das Bild wäre zudem durch eine ganze Reihe transnationaler Verbindungen zu ergänzen. Ebenso wie in den Jahrzehnten um 1900 «Rasse» die unter Intellektuellen im Westen beliebteste Kategorie war, um die Beziehungen der Staaten und Völker untereinander zu Makro-Bildern zu ordnen, so reagierten nationale und partikulare Rassismen aufeinander und so schlossen sich vor allem solche Rassedenker, die an die «Züchtbarkeit- der Menschen glaubten, zu grenzüberschreitenden Gruppierungen zusammen. [...]" (S.1214-1217)

"Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kam unter europäischen Intellektuellen das Klassifizieren und Vergleichen als wissenschaftliches Verfahren in Mode. Vorschläge wurden gemacht, die Menschheit in Typen einzuteilen. Die vergleichende Anatomie und die Phrenologie, d.h. die Vermessung von Schädeln zwecks Rückschlüssen auf die Intelligenzleistung ihrer Besitzer, gab diesen Bemühungen einen wissenschaftlichen Anstrich nach den Maßstäben der Zeit. Einige Autoren gingen so weit, in bewusster Abkehr von der christlichen Schöpfungslehre die separate Erschaffung der verschiedenen Rassen (Polygenesis) zu postulieren und damit auch die vom Abolitionismus betonte Grundsympathie zwischen Weißen und Schwarzen in Zweifel zu ziehen. [...] Die Klassifikation von Rassen führte zu einer niemals aufgelösten Konfusion, zumal das angloamerikanische Wort  race auch zur Bezeichnung von Nationen benutzt wurde: "the Spanish race" usw. Im Jahre 1888 variierten allein in der US-amerikanischen Literatur die Zahl der unterschiedlichen races zwischen 2 und 63.[...] Die Naturwissenschaftler hatten das Thema niemals aufgegeben, auch wenn einer der Größten unter ihnen, Alexander von Humboldt, ein kompromissloser Gegner allen Rassedenkens blieb." (S.1218 u. 1220)

"Fast ganz Europa (allerdings nicht Finnland) ließ sich von einer Theorie der eigenen «indogermanischen» oder «arischen» Ursprünge faszinieren, die anfangs mehr mit einer gemeinsamen Wurzel seiner Sprachen als mit biologischen Banden zu tun hatte und deren Erfolg in einer verführerisch einfachen Gegenüberstellung von «arisch» und «semitisch" begründet lag. Diese antinomische Denkfigur, durch Wissenschaft geadelt, wurde später im Jahrhundert von Antisemiten aufgegriffen, die damit die nicht-arischen» Juden aus der europäischen Kulturgemeinschaft ausschließen konnten. Der Ariermythos weckte aber auch Widerspruch. So war man in Großbritannien keineswegs von der Aussicht begeistert, mit den Indern verwandt zu sein, zumal nicht nach dem Großen Aufstand von 1857, in dessen Folge man Indien lieber als so «anders» wie möglich sah." (S.1221)

Dominanter Rassismus und seine Gegner

"Für die Zeit seit den 1850er Jahren kann man von einem dominanten Rassismus sprechen. Er war über die westliche Welt einschließlich ihrer Kolonien sehr ungleichmäßig verteilt, fehlte aber nirgends und war eines der einflussreichsten Weltbildmuster der Epoche. [...] Auf «niedere Rassen» mit bestenfalls wohlmeinender Herablassung hinunterzublicken wurde zur Selbstverständlichkeit. Extreme rassistische Äußerungen, wie sie um 1820 undenkbar gewesen waren und um 1960 Skandale verursacht hätten, konnten ungestraft öffentlich getan werden. Die Produktion rassebasierter Weltanschauungen erreichte einen Höhepunkt bei Richard Wagners Schwiegersohn, dem britischen Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, dessen Werk Die Grundlagen des 19.Jahrhunderts (1899), das bald nach seinem Erscheinen in ganz Europa gelesen wurde, einen großen Einfluss auf die nationalsozialistische Rassenideologie gewinnen sollte." (S.1221/22)
"Es gab durchaus Beispiele, dass sich einzelne diesem, wie David Brion Davis sagt, «official racism in Western culture» entzogen. In einer dramatischen Intervention aus Anlass des jamaikanischen Morant-BaySkandals von 1865 stellte sich John Stuart Mill der rassistischen Polemik seines Schriftstellerkollegen Thomas Carlyle entgegen. [...]
Und die Soziologie als neu entstehende Wissenschaft stand mit ihren Gründern Emile Durkheim, Max Weber, Georg Simmel und Vilfredo Pareto von Anfang an in Opposition gegen den Zeitgeist, indem sie keine biologischen und genetischen Faktoren in ihren Erklärungen akzeptierte." (S.1222)

Staat, Fremdenpolitik und Rassismus

Ein weiteres Merkmal des dominanten Rassismus seit den 1860er Jahren war seine Verstaatlichung. Ältere Rassismen hatten den Charakter persönlicher Haltungen gehabt. Der dominante Rassismus seit den 1860er Jahren hingegen besaß die immanente Tendenz, sich als Rassenordnung verwirklichen zu wollen. [...]
Neu war im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts, dass Regierungen von Nationalstaaten und, in schwächerer Form, Imperien ihre Aufgabe darin sahen, für die kulturelle Homogenität und ethnische «Reinheit» innerhalb ihrer Grenzen zu sorgen. Dies geschah in unterschiedlichen Formen und mit unterschiedlicher Intensität. Die Freizügigkeit über Staatsgrenzen hinaus war in Europa während der ersten beiden Drittel des 19.Jahrhunderts hinaus für Angehörige der unteren Schichten deutlich gestiegen. Viel Passzwang verschwand. Gegen Ende des Jahrhunderts kehrte sich dieser Trend um. Pässe und Passkontrollen wurden eingeführt, Papierwände unterschiedlicher Höhe um die Nationalstaaten errichtet. Großbritannien blieb eine liberale Ausnahme. Die Bürger des Vereinigten Königreichs hatten vor dem Weltkrieg keine Personalausweise. Sie konnten ihr Land ohne Pass oder behördliche Genehmigung verlassen und ihr Geld unbehindert in fremde Währungen umtauschen. Umgekehrt wurden Ausländer nicht daran gehindert einzureisen und konnten ihr Leben auf der Insel verbringen, ohne sich bei der Polizei zu melden. [...]
 Die innere Konsolidierung von Nationalstaaten erforderte, dass die Frage der Zugehörigkeit zum nationalen «Staatsvolk» energischer gestellt werden musste. Die Wiedereinführung von Schutzzöllen auf dem Kontinent in den späten 1870er Jahren zeigte, wie Regierungen auf einem anderen Gebiet Ströme über ihre Staatsgrenzen hinweg zu regulieren vermochten. Bei Menschen stellte sich die Frage, wer als «unerwünscht» ausgeschlossen und wer auf welchem Platz in einer Skala der Einbürgerungswürdigkeit platziert werden sollte. " (S.1223/24)

Weder in Frankreich noch in Deutschland entstanden vor 1914 Rassestaaten.
"Nicht in Europa, sondern in den Abwehrrassismus demokratischen Einwanderergesellschaften Nordamerikas und Ozeaniens wurde ein Abwehrrassismus politisch mehrheitsfähig. Er richtete sich vornehmlich gegen Asiaten." (S.1224)
"Vor allem in Kalifornien kam es zu pogromartigen Übergriffen mit Toten und Verletzten. 1882 setzten sich die Anhänger eines Immigrationsverbots auf Bundesebene schließlich durch. Der Kongress beschloss einen Chinese Exclusion Act, der die Einwanderung von Chinesen für zunächst zehn Jahre so gut wie unterband. (S.1225)
Vergleichbare Entwicklungen vollzogen sich in Australien und auf dem amerikanischen Kontinent sowie in Südafrika..
"Die offizielle Unterstützung einer White Australia-Politik war aber noch größer als vergleichbare Tendenzen in den USA. Ungefähr ein volles Jahrhundert lang, von den 1860er bis zu den 1960er Jahren, verfolgten die australischen Kolonien und später die Föderation eine Politik der Verhinderung einer Masseneinwanderung von Nicht-Weißen. [...] ab 1901 wurde die Zuwanderung extrem erschwert. 1910 ging Kanada zu einer White Canada-Politik über. Paraguay hatte schon 1903 ein scharfes Einwanderungsgesetz erlassen und die Kolonie Natal in Südafrika 1897 den Zuzug von Indern zu unterbinden versucht, in diesem Fall zugunsten der afrikanischen Bevölkerung." (S.1225)
"Damals wurde zum ersten Mal ein Widerspruch im US-amerikanischen Selbstbewusstsein deutlich, der heute noch erkennbar ist: Die Vereinigten Staaten, die sich dank ihrer allumfassenden Überlegenheit als Retter der Völker der Welt sehen, werden gleichzeitig von der Furcht beherrscht, durch eben diese Völker infiziert und ruiniert zu werden." (S.1226)
Nicht-westlicher Rassismus: China: "Dem Land war 1860 die Freizügigkeit für Ausländer aufgezwungen worden. Es gab daher in China zwar reichlich Anlass für Vorbehalte gegen Ausländer, aber keine Grundlagen für einen abwehrenden Rassismus." (S.1226) "Das kaiserliche China kannte "Barbaren"-Stereotype aller Art und registrierte auch körperliche Besonderheiten der verschiedensten Fremdvölker, denen man an den Grenzen des Reiches begegnete. Doch wurde der Barbar durchweg als ein ohne eigenes Verschulden kulturell defizientes Wesen betrachtet, als Kandidat für wohlwollende Zivilisierung. Der Weg von kultureller zu biologischer Fremdheit war im Denken des traditionalen Chinas versperrt. [...] Dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts westliche Rasselehren in China bekannt wurden, war eine Voraussetzung für die Entstehung eines chinesischen Rassismus, die andere war die endgültige Zerstörung eines sinozentrischen Weltbildes durch die als katastrophal empfundene militärische Niederlage gegen Japan 1895." (S.1227)
"Grenzenlos mobil wurden Rassediskurse erst, als sie im universalistischen Idiom der (Natur-)Wissenschaft formuliert wurden und damit die Aura objektiver Unanfechtbarkeit annahmen. Solche Mobilität wiederum setzte das einzigartige Meinungsklima der Jahrhundertwende voraus, als sogar schwarze amerikanische Bürgerrechtler und (Proto-)Panafrikanisten wie selbstverständlich in Kategorien "rassischer" Verschiedenheit dachten und ihre politischen Projekte auf die angenommene Einheitlichkeit einer, wie es damals hieß, "negro race" stützten. (S.1228)

4. Antisemitismus
"Vor allem in Deutschland und Frankreich wurde die Emanzipation der Juden als ein staatlich gelenkter Prozess ihrer «Zivilisierung» und Integration gesehen. Durch ein solches Zusammenwirken innerer und äußerer Antriebe wurde ein wachsender Teil der Bevölkerung jüdischen Glaubens in den Stand gesetzt, von den neuen wirtschaftlichen Chancen in einem sich modernisierenden Europa zu profitieren." (S.1229)
"Nie zuvor hatten sich Juden in Westeuropa so sicher fühlen können wie in den mittleren Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts. Sie standen jetzt nicht, wie frühneuzeitliche «Hofjuden», unter dem persönlichen Schutz launischer Fürsten, sondern unter dem Schutz des Rechts." (S.1230)
Aufstieg des Antisemitismus
 Antisemitische Agitation gab es in Ungarn, Österreich und in Russland.  "Gewalttätiger als anderswo äußerte sie sich im Zarenreich, in dessen polnischem Teil die Mehrzahl der europäischen Juden lebten. Hier war eine besonders widersprüchliche Situation entstanden. Einerseits war eine große Zahl der osteuropäischen Juden von der innerjüdischen Reformbewegung nicht berührt worden [...] Andererseits gab es im Zarenreich wenige sehr erfolgreiche, dem Klischee vom "Plutokraten" entsprechende jüdische Unternehmer, und in der Führung der nun entstehenden revolutionären Gruppierungen spielten Juden eine herausgehobene Rolle. Dies machte den Osten zu einem Nährboden eines rabiaten, eher sozial und anti-modernistisch als biologisch-rassistisch begründeten Antisemitismus." (S.1231) "Am Ende des 19.Jahrhunderts war der Westen des Zarenreiches für Juden die gefährlichste Gegend der Welt." (S.1232)
Sonderfall kontinentales Europa
"Bis zum Ersten Weltkrieg genossen die Juden den Schutz des osmanischen Staates, der sie seinerseits als seine Stützen betrachten konnte. Gefährlich für sie war ein christlicher Antisemitismus, der sich fast immer bemerkbar machte, sobald im 19.Jahrhundert die osmanische Herrschaft zurückgedrängt wurde: in Serbien, Griechenland, Bulgarien oder Rumänien. Anti-jüdische und anti-rnuslimische Gewalt steigerte sich hier in enger Parallelität. Die Juden in den neuen Balkanstaaten waren Verfolgungen durch ihre christlichen Nachbarn, durch Behörden und Kirchen ausgesetzt; vor allem die Griechisch-orthodoxe Kirche tat sich dabei hervor. Juden waren vielfach in die Finanz- und Fernhandelsnetze der osmanischen Ökumene eingebunden. Wenn Gebiete aus solchen Verflechtungen ausschieden und sich als insulare Bauernstaaten neu konstituierten, war die wirtschaftliche Existenz dieser Teile der jüdischen Bevölkerung bedroht. [...]
Auf dem Berliner Kongress diktierten 1878 die Großmächte den Balkanstaaten Schutzklauseln zugunsten nicht-christlicher Minderheiten. Da keine Großmacht bereit war, Juden in ferneren Ländern tatkräftig zu verteidigen, war dies nicht mehr als eine Drohung auf dem Papier, aber immerhin die Erfindung des neuen völkerrechtlichen Instruments des Minderheitenschutzes, das die Möglichkeit denkbar machte, nationale Souveränität im Namen der Menschenrechte einzuschränken." (S.1233)
" In Japan, wo man auch die Torheiten Europas kopierte, findet sich ein imitatorischer Antisemitismus ohne physisch präsente Juden. Die 1924 übersetzten Protokolle der Weisen von Zion bekräftigten vorhandene Verschwörungsängste und nährten einen xenophoben Nationalismus, den kleine Kreise in Japan seit längerem gepflegt hatten. Hier erschienen die Juden als Komplizen eines Westens, der angeblich Japan sein Lebensrecht bestritt. In China war die Reaktion umgekehrt. Dort machte erst die Übersetzung von Shakespeares Merchant of Venice im Jahre 1904 einen europäischen Typus des
Juden weithin bekannt, allerdings mit Sympathie als leidendes Opfer betrachtet und zur weltweiten Solidarität unter den Unterdrückten einladend." (S.1234/35)
Antisemitismus und Rasseordnungen
"Vor dem Ersten Weltkrieg argumentierte der Antisemitismus nicht überwiegend rassistisch. [...] Der Antisemitismus in Europa westlich von Polen war ebenso wie die Aggression gegen Afroamerikaner im Süden der USA nach dem Bürgerkrieg eine post-emanzipatorische Erscheinung. Er fügt sich in den Zusammenhang verschärfter Grenzziehungen zwischen «Zugehörigen» und «Fremden», nationalen Mehrheiten und wandernden oder kosmopolitischen Minderheiten. [...Rassisten suchten daher die Abgrenzung, nicht die Beseitigung der Fremden...]  Vor dem deutschen Vernichtungskrieg in Osteuropa nach 1941 hat es in der Geschichte von Imperialismus und Kolonialismus keine Fälle gegeben, in denen Herrschaft über andere Völker zum Zwecke ihrer rassistisch motivierten Bedrängung oder gar Ermordung angestrebt wurde. Kolonialismus hat immer seinem eigenen Programm nach irgendeine konstruktive Note gehabt. Zivilisierungsmission, nicht aber Rassismus ist im 19.Jahrhundert ein starker Motor für koloniale Expansion gewesen." (S.1236)
"Es führte kein direkter Weg vom Antisemitismus vor 1914 zur Judenpolitik des Nationalsozialismus nach 1933." (S.1238)

Zum Versuch der Identifikation von Rassen:
"The reality is that most races were identified on cultural or linguistic grounds, or simply on account of educated intuition, not biology." (Human races: biological reality or cultural  delusion? 14.8.2014)


Mittwoch, 25. April 2018

Osterhammel: Über Revolutionen

Nach der Erörterung von Revolutionsdefinitionen erläutert Osterhammel am Beispiel der amerikanischen und der französischen Revolution das Neue der beiden "Aufklärungsrevolutionen", das den Beginn der 'politischen Moderne' bedeute:
"Hatten frühere gewaltsame Umwälzungen doch immer wieder nur zu den bloß äußerlich modifizierten früheren Zuständen zurückgeführt, so sprengten die amerikanischen und die französischen Revolutionäre den Horizont der Zeit, öffneten eine Bahn linearen Fortschritts, fundierten gesellschaftliches Zusammenleben erstmals auf dem Prinzip formaler Gleichheit und unterstellten politische Machthaber einer regelgeleiteten, von Traditionen wie von Charisma gelösten Rechenschaftspflicht gegenüber einer Gemeinschaft von Staatsbürgern. Mit diesen beiden Revolutionen, so unterschiedlich sie gemeint gewesen waren, begann die politische Moderne. Nichts an ihnen blickte zurück, war "frühneuzeitlich", Sie setzten Maßstäbe, an denen alles neu gemessen wurde. Erst seit den beiden Revolutionen des Aufklärungszeitalters trugen die Verteidiger des Bestehenden den Stempel des Überholten, Gegenrevolutionären, Reaktionären oder mussten ihre Haltung als bewusst "konservativ" neu begründen." (S.737) (Hervorhebungen von Fontanefan) 

Nimmt man die Programme der Nordamerikanischen und der Französischen Revolution beim Wort, dann gehören seither zu jeder Revolution, die sich so nennen darf, das "Pathos des Neubeginns"(Arendt) und der Anspruch, mehr zu vertreten als nur die selbstsüchtigen Interessen der Protestierenden. Eine Revolution ist in diesem Verständnis ein lokales Ereignis mit universalem Geltungsanspruch. Und jede spätere Revolution zehrt von den Ideenpotenzialen, die mit der revolutionären Urzeugung von 1776 und 1789 in die Welt kamen, jede ist in gewissem Sinne imitativ." (S.738)
"Die Revolution selbst kann mit ihrer unvermeidlichen "Veralltäglichung" ihren Massenimpuls verlieren und in ein bürokratisches Regime übergehen, das manche Ziele der Revolution mittels der Instrumente der Staatsmacht durchsetzt, oft ohne, gegen oder gar auf Kosten der Revolutionäre der ersten Stunde. Napoleon und Stalin waren "Revolutionäre von oben" dieses Typs." (S.742)
In Japan fand statt "das radikalste Experiment einer Revolution "von oben", zugleich aber eines, das diesen Namen verschmähte und sich selbst als angebliche Wiederherstellung früherer Zustände legitimierte: die "Meiji-Renovation" in Japan nach 1868. [...] Diese besondere Art einer nicht gegenrevolutionär motivierten und auch in keiner Weise universale Prinzipien propagierenden Erneuerung unter dem Gesichtspunkt rapider Effizienzsteigerung war im eigenen Lande von ebenso einschneidender Wirkung wie die Nordamerikanische und die Französische Revolution in ihren jeweiligen Ursprungsländern. Der historische Kontext war aber nicht das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und mangelnde Mitsprache, sondern das "Fitmachen" einer werdenden Nation für einen globalen Wettbewerb, dessen neuartige Regeln man von Anfang an anerkannte und für sich zu nutzen suchte. [...]  Die Meiji-Renovation muss an anderer Stelle historisch eingeordnet werden: Sie war die radikalste und erfolgreichste Selbststärkungsaktion des 19.Jahrhunderts [...]" (S.742/43)
"Da in der Neuzeit Revolutionen oft als die Gründungsakte von Nationen und Nationalstaaten gesehen werden, ist Revolutionsgeschichte ihrem Wesen nach Nationalgeschichte. Die Nation "erfindet" sich in der gemeinsamen Anstrengung der Revolution." (S.748)

Nordamerika
"Von toten Klassikern wie John Locke bis zu sehr lebendigen Publizisten und Agitatoren wie Thomas Paine, dessen Schrift Common Sense (1776) der Nordamerikanischen Revolution im richtigen Moment einen kräftigen Schub versetzt hatte, stammten einige der wichtigsten Ideengeber der revolutionären Epoche aus Großbritannien." (S.752)

Frankreich
"Die Weltwirkung der Französischen Revolution entfaltete sich langsam, und es waren zunächst die Armeen Napoleons, die sie von Ägypten bis Polen und Spanien in die Welt hinaustrugen." (S.756)

Haiti
"Die Revolution in der Kolonie Saint-Domingue, die die westliche Hälfte der Antilleninsel Hispaniola ausmachte und mit dem Staat Haiti in seinen heutigen Grenzen schon im 18.Jahrhundert fast identisch war, ist in einem unmittelbaren Sinne als Folge der Revolution in Frankreich zu verstehen. (S.757)  In keiner einzigen anderen Sklavereigesellschaft sollte sich im 19.Jahrhundert das Schauspiel einer revolutionären Selbstbefreiung der Sklaven wiederholen." (S.760)

Lateinamerika
 "Die Führer der hispanoamerikanischen Unabhängigkeitsrevolutionen waren zumeist Kreolen, also in der Neuen Welt geborene Weiße spanischer Abstammung. Typischerweise gehörten sie der wohlhabenden Oberschicht an, waren Grundbesitzer und/oder Mitglieder des städtischen Patriziats. Solche Leute mussten bei aller Sympathie für die liberalen Ziele der Anfangsphase der Französischen Revolution einen jakobinischen Radikalismus als Bedrohung empfinden." (S.763)
"[...]  brach das spanische Kolonialsystem nicht wie das britische schon im dritten Quartal des 18.Jahrhunderts zusammen. Vielmehr behauptete es sich, bis 1808 Napoleons Invasion Spaniens die Bourbonenherrschaft in Spanien selbst zum Einsturz brachte." (S.764)
"1816 sah es so aus, als habe Spanien den Widerstand - mit Ausnahme vor allem Argentiniens - unter Kontrolle gebracht. [...] Erst nach diesem Tiefpunkt der revolutionären Sache begann allmählich eine zweite Phase von Befreiungskriegen, eine Phase, in der caudillos bereits eine ominöse Rolle zu spielen begannen: Kriegsherren, deren Macht darauf beruhte, dass sie ihren bewaffneten Banden und zivilen Anhängern den Zugang zu Beute sicherten, und die sich nicht um staatliche Institutionen scherten. [...] Dass die Spanier beim Versuch der reconquista Amerikas französische Methoden der Guerillabekämpfung anwandten, die sie kurz zuvor am eigenen Leibe erfahren hatten, zeigt ein weiteres Mal den revolutionären Atlantik als Lernzusammenhang." (S.766) "In späteren Phasen war 'private' Unterstützung nicht unwichtig. Englische und irische Söldner und Freiwillige kämpften an verschiedenen Schauplätzen (zwischen 1817 und 1822 trafen 5300 von ihnen in Südamerika ein) und wurden zu einem wichtigen militärischen Faktor; amerikanische Freibeuter gingen mit Duldung ihrer Regierung gegen spanische Schiffe vor, und britische Kaufleute besorgten finanzielle Unterstützung: längerfristig eine gute Investition in die Erschließung neuer Märkte." (S.767)

Transatlantische Integration
"Die atlantischen Revolutionen entstanden aus einem beide Ränder des Ozeans erfassenden Beziehungsgeflecht, das seit den Zeiten des Kolumbus gewachsen war. Mehrere Ebenen der Integration überlagerten sich:
(1) die administrative Integration innerhalb der großen Imperien Spaniens, Englands/Großbritanniens und Frankreichs sowie der kleineren Portugals und der Niederlande;
(2) die demographische Integration durch Migration in die Neue Welt, vor allem von Osten nach Westen, aber auch durch Re-Migration in umgekehrter Richtung, vor allem von kolonialem Personal; (3) die Integration durch den Handel, vom Pelzhandel im Norden bis zum Sklavenhandel von Angola nach Brasilien im Süden [...]; dieser Handel schuf so etwas wie eine gemeinsame atlantische Konsumkultur (also die Anfänge des heutigen westlichen consumerism), deren Unterbrechung durch politisch motivierten Boykott nun erstmals zur Waffe im internationalen Umgang wurde;
(4) die Integration durch kulturelle Transfers mannigfacher Art von der Übertragung westafrikanischer Lebensformen über die Verbreitung performativer Praktiken kreuz und quer durch die Region bis zur modifizierten Reproduktion europäischer Architekturstile jenseits des Atlantiks;
(5) die Integration durch gemeinsame oder ähnliche, von einer wachsenden Zirkulation von Büchern, Pamphleten und Zeitschriften getragene und verbreitete normative Grundlagen einer "atlantischen Zivilisation"; schon der englische Schriftsteller und Literaturkritiker William Hazlitt hatte 1828 die Französische Revolution als Spätfolge der Erfindung des Buchdrucks bezeichnet." (S.770/71)
"Ganz eigentümlich im großen atlantischen Revolutionsfeld war die Stellung Großbritanniens. Es war spätestens seit 1763 die stärkste Militärrnacht im atlantischen Raum. Der Versuch, die eigenwilligen Kolonialbriten zur Räson zu bringen, löste überhaupt erst die Kettenreaktion (wenn man es einmal so linear vereinfachen will) der zeitlich aufeinanderfolgenden Revolutionen aus. Überall war Großbritannien beteiligt. Es führte Krieg gegen sämtliche Revolutionen der Zeit außer der lateinamerikanischen [...]. Bei alledem blieb das britische politische System intakt [...]" (S.773)
"Die eingängige, vor allem von Eric Hobsbawrn populär gemachte These von der "Doppelrevolution" - politisch in Frankreich, industriell in England - ist nicht länger haltbar. Mit den großen Texten des Revolutionszeitalters, vor allem der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776), der Verfassung der USA (1787), der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789), dem französischen Dekret über die Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien (1794) oder Bolivars Rede von Angostura (1819), beginnt die politische Moderne. Diese Dokumente stammen aus einer Zeit, als selbst in Großbritannien die Industrielle Revolution erst kaum revolutionär gewirkt hatte. Die
atlantische Revolutionsdynamik wurde nicht von den neuen sozialen Konflikten der Industrialisierung gespeist. Wenn etwas an ihr "bürgerlich" war, dann hatte es mit Industrie nichts zu tun." (S.776/77)

Die Konvulsionen der Jahrhundertmitte
"Die einzelnen Revolutionen flossen 1848/49 nicht zu einer einzigen großen europäischen Revolution zusammen, aber Europa wurde in einem Maße wie zuletzt während der Napoleonischen Kriege zu einem "Kommunikationsraum", einer "großräumigen Handlungseinheit." (S.778)
"Differenziert man sozial, dann gewannen die Bauern am meisten." (S.779)
"Eine zweite ebenso unumkehrbare Langzeitfolge bestand darin, dass viele gesellschaftliche Gruppen lernten, die oft für sie selbst überraschende Erfahrung der Politisierung in festere institutionelle Formen zu gießen. Daher markieren die europäischen Revolutionsjahre einen Wendepunkt in einer Entwicklung 'von den überlieferten Formen kollektiver Gewalt zur organisierten Interessendurchsetzung'." (S.781)
"Unbezweifelbar ist aber, dass die Revolution einen erheblichen brain drain in die liberaleren Länder Europas und in die Neue Welt auslöste und dass viele Emigranten ihre politischen Ideale mitnahmen. [...]  Wie schon so oft in der Vergangenheit, nutzte die britische Regierung das bequeme Mittel der Deportation (transportation), um Unruhestifter unblutig aus dem Weg zu räumen." (S.782)

(Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, S.738 ff.)

Montag, 2. April 2018

Natureroberung


Invasionen der Biosphäre
"[...] Der Grenzkampf des spanischen Adels gegen die Mauren und später die Überfälle auf die Urbevölkerung der Kanarischen Inseln formten einen Charaktertypus, der auf die Eroberung Amerikas vorbereitet war. Und wer im 17.Jahrhundert der englischen Krone in Irland gedient hatte, war auch in Übersee gut zu gebrauchen. [...] Frontiers standen auch in ökologischen Beziehungen zueinander. Zunehmend wurde solcher Austausch planvoll betrieben: die Kalifornier importierten den australischen Eukalyptus als wichtigste Pflanze bei der Aufforstung arider Landschaften, und in Australien wurde die kalifornische Monterey-Pinie zum beliebtesten Plantagenbaum. [...]
 Entwaldung
In den langen Geschichten planrnäßiger Entwaldung und des Klagens darüber, die beide in Europa und China in dem halben Jahrtausend vor den Zeitenwende beginnen, kann dem 19. Jahrhundert nicht ohne Mühe ein genau bestimmter Platz zugewiesen werden. Mit Sicherheit war es die bis dahin für die Urwälder der Erde zerstörerischste Epoche, jedoch noch harmlos im Vergleich zum 20.Jahrhundert. [...] 
 In China wird seit zweieinhalbtausend Jahren Wald vernichtet. Doch erst seit dem 18.Jahrhundert ist es gerechtfertigt, von einer generellen Holzkrise zu sprechen. [...]  Nicht-han-chinesische Gemeinschaften in entlegenen Peripherien organisierten sich damals erstmals, um ihre restlichen Wälder gegen Han-Chinesen zu verteidigen, die oft als großbetrieblich operierende Einschlagkommandos auftraten. [...] In China war im 19.Jahrhundert das Stadium einer generellen Entwaldungskrise erreicht. Niemand, weder der Staat noch Privatleute, unternahm dagegen etwas - woran sich bis heute wenig geändert hat. Es gab keine Tradition des obrigkeitlichen Forstschutzes, wie sie sich in Europa seit dem 16. Jahrhundert entwickelt hatte. Die heutige chinesische Umweltkrise hat ihre Wurzeln im 19.Jahrhundert. [...]
 Eine andere Geschichte lässt sich von der indonesischen Insel Java erzählen, einem der kolonial am dauerhaftesten und tiefsten durchdrungenen Gebiete der Welt. In Südostasien begann Entwaldung größeren Ausmaßes bereits lange vor der im 19.Jahrhundert einsetzenden Ära der waldverschlingenden Plantagenlandwirtschaft. Dort war es vielerorts schon um 1400, vor jedem kolonialen Kontakt, zur Anlage von Pfeffergärten für den Export gekommen. [...]
Zwischen 1840 und 1870 verlor Java etwa ein Drittel seiner Teakwälder; an Aufforstung wurde nicht gedacht. Danach begann abermals eine Phase (wie nach 1808) konservierender Reform: Wiederaufbau einer Forstverwaltung, Zurückdrängung privater Nutzung, Regeneration der Bestände durch Baumschulen. 1897 wurde die Teakwirtschaft definitiv unter Staatskontrolle gestellt und forstlicher Pflege unterworfen. Fortan wurde der Holzbedarf ohne die Schäden früherer Zeiten gedeckt. [...]
Die Schattenseite eines waldpflegenden Regiments konnte - nicht nur unter kolonialen Bedingungen - allerdings darin bestehen, dass die Gemeinschaften, die traditionell im und vom Wald lebten, nun zu Objekten staatlicher Intervention wurden: "stumme Abhängige der Wälderverwaltung" Analog zu Forstordnungen und Jagdgesetzen der europäischen frühen Neuzeit schufen die waldpflegerischen Eingriffe eines umweltbewussten Staates neue Abgrenzungen zwischen Legalität und Illegalität. Immer wieder riefen sie den Widerstand bäuerlicher Gemeinschaften hervor. 
So bietet Indien mit seltener Deutlichkeit ein Beispiel für eine Paradoxie des kolonialen Staates: [...] Das Forest Department entwarf und praktizierte ein vorbildliches rationales Waldmanagement, das die chaotische Zerstörung der indischen Wälder in kontrollierte Bahnen lenkte. Es wurde zu einem weltweit und nicht zuletzt in England und Schottland kopierten Modell, auch deshalb, weil es effizient und profitabel wirtschaftete. Zugleich aber erschien es vielen Indern als eine besonders hässliche Fratze des kolonialen Staates: eine fremde Invasionsmacht, die rücksichtslos in das Leben von Millionen eingriff, die alle irgendwie mit dem Wald zu tun hatten, ob sie ihn nun erhalten oder beseitigen wollten. [...]"
Waldvernichtung in den küstennahen Gebieten Brasiliens
Die Ausbreitung des Kaffeeanbaus begann schon nach 1770. In den 1830er Jahren hatte der Kaffeestrauch, aus Ostafrika eingeführt, Zuckerrohr als die wichtigste kommerzielle Nutzpflanze ersetzt. Er behielt diese Stellung bis Anfang der 1960er Jahre. Für Kaffee wurde vor allem Hügelland gerodet, das ungeschützt dann besonders schnell von Erosion betroffen war und bald verwüstet wieder aufgegeben wurde. [...] So wurde bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein die Kaffeekultur zu einer eigenartigen Mischung aus "moderner" kapitalistischer Wirtschaft und primitiver Wanderkultur: [...] Niemand hatte ein Interesse an hochwertigem Wald. Es war einfacher und billiger, Holz für den Schiffbau aus den USA und später Eisenbahnschwellen aus Australien zu importieren.


Der brasilianische Fall repräsentiert eine extrem verschwenderische Waldnutzung, die durch keinerlei Forstaufsicht gebremst wurde. Anders als der koloniale Staat, der bestenfalls eine langfristige Ressourcenpflege im Auge hatte, ließ der unabhängige brasilianische Staat Privatinteressen schrankenlos gewähren. Die Zerstörung des atlantischen Regenwaldes in Brasilien, die in der portugiesischen Kolonialzeit begann, aber erst unter dem post-kolonialen Kaiserreich (1822-89) und der darauf folgenden Republik wirklich verheerende Ausmaße annahm, gehört zu den brutalsten und gründlichsten Prozessen der Waldvernichtung in der Neuzeit, umso schlimmer deshalb, weil nicht der geringste gesamtwirtschaftliche Vorteil daraus gezogen wurde [...]


[In England] hatte unter anderem der unersättliche Bedarf der Royal Navy erst zu Abholzungen und später zu den unvermeidlichen Klagen über eine strategisch riskante Abhängigkeit von ausländischen Holzquellen geführt. Immerhin waren für ein großes Kriegsschiff mindestens 2000 ausgewachsene Eichenstämme bester Qualität erforderlich. Holzmangel zwang die britische Kriegsmarine (unter dem Druck des Unterhauses), schon früh, Eisentechnologie zu nutzen. Ab 1870 machte sich überall der technische Umstand bemerkbar, dass große Schiffe aus Eisen leichter sind als solche aus Holz; dieser Effekt wurde durch den Übergang von Eisen zu Stahl verstärkt. Auch in Frankreich fand bei der Kriegsmarine zwischen 1855 und 1870 ein fast vollständiger Wechsel von Holz zu Stahl statt. Damit verminderte sich die Doppelbelastung durch Schiffbau und Eisenbahnschwellen, der europäische Wälder ausgesetzt waren. [...]

Zum ökologischen Bewusstsein am Anfang der Entwaldung im 19. Jahrhundert sieh: 
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, C.H.Beck, München 2011, S.39-79 [Fontanefan]

Großwildjagd
Was vorher ein Privileg des Adels gewesen war, konnte sich im 19. Jh. auch das reiche Bürgertum leisten.
[...] Neu war der organisierte Angriff auf exotisches Großwild, der größte seit der Verschleppung von Hekatomben wilder Tiere in die blutigen Arenen des alten Roms, [...] 
Die Großwildjagd war in zahlreichen Gesellschaften Asiens ein königliches Privileg gewesen. Nun wurde sie nach europäischem Vorbild auch niederen Rängen der Aristokratie zugänglich gemacht. [...] Ebenso gingen nun auch Dorfbewohner rabiater gegen Großtiere vor. Selbstverständlich hatte zwischen Mensch und Tier niemals eine unschuldige Harmonie geherrscht. Tiger etwa konnten ganze Landstriche terrorisieren. Dörfer wurden verlassen, wenn das Vieh, der kostbarste Besitz der Landbewohner, nicht mehr geschützt werden konnte, wenn das Sammeln von Früchten und Brennholz (eine Beschäftigung junger Mädchen und alter Frauen) unmöglich geworden war oder wenn ein übermäßiger Anteil der Kinder den Raubtieren zum Opfer fiel. [...]
Einige Jäger spezialisierten sich auf die Beschaffung von Großkatzen für europäische und nordamerikanische Zoos und Zirkusse. Der erste "moderne" Zoo in Europa war der 1828 eröffnete in London, [...] viele Tiere überlebten den Transport nicht. Doch die enormen Handelsspannen glichen dies aus. Nashörner konnten in den 1870er Jahren für 160 bis 400 Mark in Ostafrika erworben und für 6000 bis 12 000 Mark in Europa verkauft werden. Bis 1887 hatte die Firma Hagenbeck mehr als 1000 Löwen und 300 bis 400 Tiger umgesetzt. [...]
 Allein in den 1860er Jahren importierte Großbritannien jährlich 550 Tonnen Elfenbein aus allen Teilen des damals noch gar nicht kolonisierten Afrika sowie aus Indien. Der Höhepunkt der afrikanischen Exporte war zwischen 1870 und 1890 erreicht, also gerade während des Wettlaufs der Kolonialmächte um Besitzungen in Afrika. Damals wurden jährlich in Afrika 60-70 000 Elefanten getötet. [...]
Gentlemen jagten, aber das Jagen gehörte auch zum natürlichen Privileg von Siedlern, die fast immer Bauern und Jäger zugleich waren. Schließlich waren in allen Siedlungsgebieten der Welt zumindest am Beginn des 19.Jahrhunderts Raubtiere noch so weit verbreitet, dass die Pioniere gute Gründe hatten, ihr Eigentum zu schützen.

Moby Dick: Walfang
"[...] Der Walfang erreichte den Höhepunkt seiner internationalen Bedeutung etwa zwischen 1820 und 1860. [...] Neuentdeckungen von Walpopulationen lösten "Ölkämpfe" zwischen einzelnen Schiffen und ganzen nationalen Flotten aus, die an den Goldrausch in Kalifornien oder Australien erinnerten. [...] 1848 reiche Walfanggründe entdeckt, vor allem bevölkert von dem heute fast verschwundenen Grönlandwal, die wichtigste Entdeckung überhaupt im Walfang des 19.Jahrhunderts, denn keine Walart liefert durch ihre Barten besseres "Fischbein".  Sie führte zur ersten kommerziellen Präsenz der USA im maritimen Norden, [...] Das Interesse der USA an Alaska wäre ohne diese vorausgehende Entwicklung kaum denkbar. [...] 
Die 1870er Jahre waren eine allgemeine Krisenzeit für den amerikanischen Walfang. Die einstweilige Rettung kam von der Nachfrageseite durch das neue Schönheitsideal der Wespentaille und die dadurch gestiegenen Ansprüche an eine Korsett-Technik, die auf die feste Elastizität von Fischbeinstäbchen angewiesen war. Es lohnte sich jetzt, noch weiter auf dem Meer vorzudringen. [...]
Das einzige nicht-westliche Volk, das unabhängig von westlichen Einflüssen Walen nachstellte, waren die Japaner. [...]  Seit dem späten 17.Jahrhundert verwandte man statt des Harpunierens die Methode, Wale (die vor Japan zumeist zu kleineren und langsamer schwimmenden Arten gehören) von Booten aus in große Netze zu treiben. Die Verarbeitung der Wale, bei der nichts ungenutzt blieb, geschah nicht auf Schiffen (wie bei den US-whalers), sondern an Land. [...]
Ein in ganz Japan publizierter Fall war der des Nakahama Manjirö. Er wurde als schiffbrüchiger Fischerjunge 1841 von einem amerikanischen Walfangschiff gerettet. Der Kapitän nahm ihn zu Hause in seine eigene Familie auf und sorgte für eine gute Schulausbildung. So wurde Nakahama zum ersten japanischen Studenten in Amerika.[...] Aus Heimweh kehrte er aber auf abenteuerlichen Wegen 1851 nach Japan zurück. [...]  Nakahama wurde zu einem Lehrer an der Clanschule in Tosa; einige seiner Schüler sollten später zu den Führern der Meiji-Renovation gehören. 1854 wurde er vom Shögun als Übersetzer bei den Verhandlungen mit Commodore Perry eingesetzt, dem Befehlshaber der amerikanischen Flottille, die Japan "öffnete". Nakahama übersetzte eine Reihe ausländischer Bücher über Navigation, Astronomie und Schiffbau und beriet die Regierung beim Aufbau einer modernen japanischen FIotte. [...]

Landgewinnung
[...] In Frankreich etwa waren bereits um 1860 alle größeren Moorgebiete drainiert und in Weideland verwandelt worden [...]. Vor allem für die Niederlande blieben Flutsicherung und Neulandgewinnung Teil ihrer nationalen Existenzweise. [...] Bereits im 16. und nicht erst im 19.Jahrhundert wurden die entscheidenden technologischen Fortschritte erzielt. Schon zwischen 1610 und 1640 wurde ein Höhepunkt der Seetrockenlegung erreicht, der später selten übertroffen werden würde. Zwischen 1500 und 1815 wurden in den Niederlanden insgesamt 250000 Hektar gewonnen, etwa ein Drittel der kultivierten Fläche. [...]. Insgesamt wurden zwischen 1833 und 1911 350000 Hektar neu in Kultur genommen, 100000 Hektar davon ein Gewinn aus Eindeichungen und Trockenlegungen.[...] Das Hauptprojekt des 19. Jahrhunderts war die Trockenlegung des 18000 Hektar großen Haarlernermeeres in den Jahren 1836 bis 1852. Das Haarlemermeer war ein flacher Binnensee inmitten der wichtigsten Provinz des Landes, Holland. Entstanden war er durch Überschwemmungen während der Stürme vom Herbst 1836. [...] die Furcht, das sich stetig ausdehnende Haarlernermeer würde die Städte Amsterdam und Leiden gefährden, und außerdem ein neuer wirtschaftspolitischer Gesichtspunkt: Arbeitsbeschaffung. [...]

Manche Frontiers haben eine Nachgeschichte im 20. Jahrhundert: die staatskolonialistische Unterwerfung von "Lebensraum" zwischen etwa 1930 und 1945, die sozial- und umwelttechnischen Großprojekte im Zeichen des Sozialismus oder die politisch geförderte Expansion der Hau-Chinesen, die während der letzten Jahrzehnte die Tibeter zu einer Minderheit in ihrem eigenen Land werden ließ. Frontiers waren im 19. Jahrhundert vieles: Räume der Urbarmachung und Produktionssteigerung, Migrationsmagneten, umstrittene Berührungszonen zwischen Imperien, Brennpunkte von Klassenbildung, Sphären von ethnischem Konflikt und Gewalt, Entstehungsorte von Siedlerdemokratie und Rasseregimen, Ansatzpunkte von Phantasmen und Ideologien. Vorübergehend wurden Frontiers zu erstrangigen Herden historischer Dynamik. [...] Was die Folgen solcher Dynamik betrifft, [...] Die Opfer von Frontierexpansionen blieben ausgegrenzt, enteignet und entrechtet. Erst vor wenigen Jahren haben Gerichte in den USA, Australien, Neuseeland oder Kanada begonnen, manche ihre Rechtsansprüche anzuerkennen; Regierungen haben moralische Verantwortung übernommen und sich für Untaten der Vergangenheit entschuldigt.

(Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, S.541-564.)

Osterhammel zu Siedlungskolonialismus


Frontiers können beides sein: Orte der Vernichtung und Orte der Neubildung. Destruktion und Konstruktion sind oft dialektisch miteinander verschränkt. Joseph Alois Schumpeter nannte das in einem anderen Zusammenhang "schöpferische Zerstörung". Im 19. Jahrhundert wurden an Frontiers ganze Völker dezimiert oder zumindest ins Elend gestürzt. Gleichzeitig entstanden dort die ersten demokratischen Verfassungsstaaten. Frontiers können also ebenso Schauplätze archaischer Gewalttätigkeit wie Geburtszonen politischer und gesellschaftlicher Modernität sein. 
Auch im 20. Jahrhundert gab es noch Frontiers; an ihnen setzten sich zuweilen Prozesse aus dem 19. Jahrhundert heraus fort. Aber es scheint, als hätten Frontiers ihre Doppelsinnigkeit verloren. Konstruktive Entwicklungen wurden selten, Frontiers wandelten sich zu peripheren Zonen straff gelenkter Imperien, die sich von dem inneren Pluralismus des British Empire deutlich unterschieden. 

Neu waren nach dem Ersten Weltkrieg eine gesteigerte Ideologisierung und Verstaatlichung von Neulanderschließung durch bäuerliche Siedler. [...]

Hitler, der Leser und Bewunderer Kar! Mays, zog unmittelbare Parallelen zwischen dem Wilden Westen Old Shatterhands und dem Wilden Osten, den er selbst Anfang der 1940er Jahre zu schaffen begann. [...]  Die deutsche "Blut und Boden"-Ideologie, in der ethnische Säuberungen größten Stils und Massenmord vorgedacht wurden, verkörpert die Extremform dieses Denkens. Die Siedler waren nicht selbst als Exekutoren solch extremer Ziele vorgesehen, doch dienten sie in jedem dieser Fälle als Instrumente staatlicher Politik.[...] Die Siedler der faschistischen Imperialträume - ob in Afrika, der Mandschurei oder an der Volga - waren Versuchskaninchen einer staatlich gelenkten Volkstumspolitik. Ihnen fehlten die Hauptmerkmale Turnerscher Pioniere: Freiheit und self-reliance. [...]

Siedlungskolonialismus: die erstarrte Frontier

Nicht jede Form von Grenzexpansion durch nicht-staatliche Akteure führt zum dauerhaften Voranschieben einer erkennbaren Scheidelinie zwischen Wirtschafts- und Lebensformen. Die frühe kanadische Frontier war eine undemarkierte Zone des Kontakts zwischen indianischen und weißen Pelzjägern und Pelzhändlern, allesamt Menschen von hoher Mobilität und das schiere Gegenteil von Siedlern, und die Amazonasgrenze war nie etwas anderes als ein Raum der Plünderung und des Raubbaus. Grenzkolonisation ist daher eine Unterkategorie von Grenzexpansion. Damit ist die in den meisten Zivilisationsräumen bekannte extensive Erschließung von Land für die menschliche Nutzung gemeint, das Hinausschieben einer Kultivierungsgrenze in die "Wildnis" hinein zum Zwecke der Landwirtschaft oder der Gewinnung von Bodenschätzen. [...]
 Besonders die Eisenbahn hat die Rolle des Staates in einem Prozess gestärkt, der in der Geschichte meist durch nichtstaatliche Gemeinschaften organisiert wird. Die umfassendste staatlich gelenkte Eisenbahnkolonisierung war die Erschließung des asiatischen Russland seit dem späten 19. Jahrhundert.
Siedlungskolonisation wiederum ist eine Sonderform der Grenzkolonisation, die ihre erste europäische Ausprägung in der Kolonisationsbewegung des griechischen Altertums (und zuvor schon der Phönizier) fand: die Anlage von "Pflanzstädten" jenseits des Meeres in Gegenden, wo meist nur relativ geringe militärische Machtentfaltung möglich und erforderlich war. Nicht nur unter antiken, sondern auch noch unter neuzeitlichen Bedingungen macht die Logistik einen entscheidenden Unterschied zu anderen Formen von Grenzkolonisation aus. Das Meer, aber ebenso vergleichbare Zwischenräume kontinentaler Unwirtlichkeit (Kulja in Xinjiang war unter vorindustriellen Verkehrsbedingungen von Peking aus wesentlich langwieriger zu erreichen als Philadelphia von London aus) verhindern jene Regelmäßigkeit und Frequenz von Beziehungen, die erst soziale Kontinuität erlaubten.
Unter solchen Voraussetzungen war es möglich, dass aus der Kolonisation tatsächlich Kolonien im Sinne nicht nur von Grenzsiedlungen, sondern von distinkten Gemeinwesen hervorgingen, sich also Siedlergesellschaften mit eigenen politischen Strukturen bildeten. Der klassische Fall sind die Anfänge der englischen Besiedlung Nordamerikas. [...]. Aus diesen Umständen entwickelte sich Typ I, der «neuenglische» Typ, von Siedlungskolonisation: Wachstum einer agrarischen Siedlerbevölkerung, die ihren Arbeitskräftebedarf aus der eigenen Familie und durch Rekrutierung von europäischen "Schuldknechten" (indentured servants) deckt und die ökonomisch für sie nutzlose, demographisch schwache einheimische Bevölkerung rücksichtslos vom Land verdrängt. [...]
Ein zweiter Typ von Siedlungskolonisation stellt sich dort ein, wo eine politisch dominante Siedlerminderheit mit Hilfe des kolonialen Staates eine traditionell bereits Ackerbau treibende einheimische Bevölkerungsmehrheit zwar vom besten Land vertreiben kann, aber auf ihre Arbeitsleistung angewiesen bleibt und in ständiger Konkurrenz mit ihr um knappen Boden steht. Anders als beim «neuenglischen» Typ sind die Siedler bei dieser zweiten Form, die man nach ihren wichtigsten modernen Ausprägungen (Algerien, Rhodesien, Kenia, auch Südafrika) die "afrikanische" nennen kann, von der indigenen Bevölkerung wirtschaftlich abhängig. Dies erklärt auch die Instabilität dieses zweiten Typus. Nur die europäische Kolonisation Nordamerikas, Australiens und Neuseelands ist irreversibel geworden, während es in den afrikanischen Siedlungskolonien zu besonders heftigen Dekolonisationskämpfen kam. 
Ein dritter Typ von Siedlungskolonisation löst das Problem der Versorgung mit Arbeitskräften nach der Vertreibung oder Vernichtung der Urbevölkerung durch Zwangsimport von Sklaven und deren Beschäftigung in einer mittel- bis großbetrieblieh organisierten Plantagenökonomie. [...] In der britischen Karibik machten um 1770 Schwarze etwa 90 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, in den nördlichen Kolonien der späteren USA zur gleichen Zeit nur 22 Prozent, in den späteren "Südstaaten" immerhin nicht mehr als 40 Prozent. 
[...] im 19. Jahrhundert wurden Frontiers, zumeist kapitalistisch bewirtschaftet, zu Kornkammern der Welt. [...] Als führende Produzenten und Exporteure von Weizen und nicht durch Industrialisierung fanden sie zu Prosperität. Zwischen 1909 und 1914 produzierte Argentinien 12,6 Prozent der Weltexporte an Weizen, Kanada sogar 14,2 Prozent. [...]
Der klassische Siedlungskolonialismus beruhte auf der Nutzung eines Überflusses an preiswertem Land. Solches Land wurde mit Hilfe aller möglichen Methoden von Kauf über Täuschung bis zu gewaltsamer Vertreibung in den exklusiven Besitz der Siedler gebracht. [...]
Entscheidend ist, dass den bisherigen Nutzern, sehr oft mobilen Stammesgesellschaften, der Zugang verwehrt wurde. [...] Nomaden verloren ihre besten Weidegründe an den Ackerbau [...]
Konflikte zwischen unterschiedlichen Auffassungen von Landbesitz waren eine allgegenwärtige Begleiterscheinung der europäischen Frontierexpansion. [...] Im British Empire und seinen Nachfolgestaaten (etwa den USA) wurde Land zur frei handelbaren und verpfändbaren Ware. [...]
Im 19.Jahrhundert agierte die britische Krone keineswegs immer als Handlangerin von Siedlerinteressen. In Neuseeland etwa, einer der wichtigsten Siedlungskolonien, gaben sich die staatlichen Autoritäten in den ersten Jahrzehnten nach dem Beginn der Kolonisation um 1840 alle Mühe, direkte Landabtretungen von Maori an britische Privatleute zu unterbinden und die Maori vor Landhaien zu schützen. [...] Der koloniale Staat hielt an einer königlichen Prärogative über die Verfügung allen Landes fest, auch des von Einheimischen effektiv genutzten, übte faktisch eine Art Vorkaufsrecht aus und versuchte, durch die Vergabe von Kronlehen eine Anarchie von Privatinteressen zu verhindern. [...]
Der klassische Siedlungskolonialismus besaß eine immanente Tendenz zu semi-autonomer Staatsbildung. Siedler wollen sich selbst regieren und streben nach demokratischen oder zumindest oligarchischen Verhältnissen. Die schroffe Sezession, die sich 1776/83 die Mehrheit der britischen Siedler in Nordamerika erlaubte, und die Unabhängigkeitserklärungen der Burenrepubliken in Südafrika 1852/54 blieben Ausnahmen. Erst 1965 kam es in Südrhodesien (später: Simbabwe) wieder zu einer Siedlerrevolte von staatspolitischer Dimension. Die meisten Siedler benötigten das schützende Dach eines Imperiums [...]
Der klassische Siedlungskolonialismus war eine historische Kraft von ungeheurer transformativer Energie. Kein Bereich bekam dies stärker zu spüren als die Natur. [...]
Neuseeland, eine so ferne Welt, dass man von Europa dorthin ohne die Hoffnung auf baldige Wiederkehr reiste, wurde biologisch besonders radikal revolutioniert. Schon Kapitän Cooks Schiffe, die 1769 gelandet waren, hatten auf ein Land, in dem es außer dem Hund, der Fledermaus und einer kleinen Rattenart keine Säugetiere gab, wie eine Arche Noah gewirkt. [...]
Im 19. Jahrhundert generalisierte sich der "kolumbianische Austausch" von Pflanzen und Tieren von einem transatlantischen zu einem globalen Phänomen, und die Eingriffe siedelnder Landwirtschaft gingen weiter und tiefer als je zuvor.  
(Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, S.531 ff.)