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Mittwoch, 9. Oktober 2024

Zu Greta Thunbergs Kritik an Israels Gazakrieg

 Greta Thunberg hat eine weltweite Klimaschutzbewegung in Gang gesetzt und die wichtigste populärwissenschaftlich Publikation zum Klimawandel herausgebracht, bei der rund hundert zum Teil weltberühmte Wissenschaftler mitgearbeitet haben, unter anderem Piketty.

In Israel gab es vor dem Hamasüberfall am 7.10.2023 eine starke Protestbewegung gegen die Regierung Netanjahu. Aufgrund der furchtbaren Grausamkeiten der Hamas sind Juden auf der ganzen Welt in Angst, umso mehr, weil jetzt viele muslimische Demonstrationen gegen Israels Reaktionen auf den Überfall stattfinden und es zusätzlich auch weltweit zu Gewalttaten gegen Juden kommt.

Dass eine jetzt 21-Jährige nicht wie ein professioneller Politiker ihre Reaktion auf den Gazakrieg diplomatisch abgestimmt formuliert, ist m.E. bedauerlich. Andere Vertreter von Fridays for Future reagieren da deutlich sensibler, nicht zuletzt Luisa Neubauer.

Dabei sollte man aber auch bedenken, dass in Skandinavien allgemein kein Schuldgefühl gegenüber Juden besteht, weil Dänemark und Norwegen während ihrer Besetzung durch die deutsche Wehrmacht sehr viel zum Schutz der Juden getan haben und Schweden in der berühmten Nacht, als Tausende von Juden von Dänemark nach Schweden flohen, dabei geholfen hat und auch sonst vielen Juden die Zuflucht ermöglicht hat.

Da ist es verständlich, wenn das Mitleid mit den Palästinensern, die vor der der israelischen Armee fliehen mussten und dennoch zu Zehntausenden getötet wurden, stärker wirkt als bei uns in Deutschland.

In den letzten Jahren hat Antisemitismus zwar in Schweden zugenommen (weitgehend aus denselben Gründen wie bei uns), aber von Greta Thunberg habe ich persönlich keine antisemitische Äußerung mitbekommen, sondern nur Anklagen gegen die unverhältnismäßige Reaktion Israels auf den schrecklichen Überfall der Hamas.

Ob die militärische Reaktion Israels die Sicherheit der Bevölkerung befördert, ist noch nicht ausgemacht. Dass sie eine Regelung zur Freilassung der Geiseln unwahrscheinlicher macht, dürfte aber klar sein.

Ich bin überzeugt: Wenn Greta Thunberg geahnt hätte, wie sehr ihre Mitleidsreaktion der Fridays for Future Bewegung schaden könnte, hätte sie sicher anders reagiert. Denn ihr ist noch mehr als den meisten anderen Klimaschützern klar, wie der Klimawandel viele Millionen ins Unglück stürzen wird und dass er große Regionen der Welt unbewohnbar machen wird. Gegenüber dieser bevorstehenden Katastrophe wiegen Zehntausende oder Hunderttausende, die im Krieg umkommen, aus meiner Sicht leicht. Einer jungen Frau sollte man es aber nicht übelnehmen, wenn sie eine solche fast zynische Überlegung nicht anstellt, wenn sie die Fernsehnachrichten vom Gaza- und Libanonkrieg verfolgt.

Montag, 7. Oktober 2024

Der israelische Geheimdienst hatte Erkenntnisse über die Planung des Hamas-Überfalls

 Unit 8200 hat diese Erkenntnisse weitergegeben (FR 7.10.24), sie wurden aber von der Geheimdienstleitung nicht für glaubwürdig gehalten. Auch der Kommandeur der Unit 8200 Brigadegeneral Yossi Sariel unterstützte die Unit nicht zureichend.

Jetzt wurde er gemaßregelt und enttarnt. - Ist er nur ein Bauernopfer und durften die Erkenntnisse auf Wunsch Netanjahus nicht aufgegriffen werden oder ist das eine Haltlose Verdächtigung?

Samstag, 25. Mai 2024

Zum Vergleich des Angriffs auf das World Trade Center 2001 und dem Überfall der Hamas auf Israel 2023

 Nach dem 11.9.2009 griffen  die USA Afghanistan und den Irak an, es kam zu Hunderttausenden von Toten, der IS entstand, die Jesiden wurden verfolgt, Bundesbürger*innen schlossen sich dem IS an. Die Hamas lernte vom Ergebnis des Angriffs auf das World Trade Center und vom Vorgehen des IS, beging ungeheuerliche Grausamkeiten und verleitete Israel dazu, ebenso unverhältnismäßig zurückzuschlagen wie die USA es getan hatten.

Der Fall des russischen Angriffs auf die Ukraine liegt anders, weil hier nicht der stärkere Gegner angegriffen wurde, sondern ein schwächerer. Das ist allerdings nicht besser; aber weniger gefährlich für den Angreifer. Osama bin Laden wurde getötet; aber Afghanistan wurde von den Taliban zurückerobert. Für die Frauen in Afghanistan hat sich nichts verbessert. Der Erfolg für sie war nur kurzfristig wirksam.

Montag, 6. Mai 2024

Ein Gespräch im Internet

Fontanefan: @Silicium58 Mein Versuch, dir zu erklären, dass ich mich angesichts der bestehenden Unklarheiten sehr vorsichtig ausgedrückt habe, ist gescheitert. 

Silicium58: @Fontanefan Das mag dann an mir liegen.

Aber nicht, dass du jetzt daran scheiterst, die Quelle zu liefern, nach der ich höflich gefragt hatte. Für dieses Scheitern wäre nicht ich verantwortlich.

Fontanefan: Nein, sondern nur mein Gedächtnis. Ich besinne mich, dass ich von einer amerikanischen Untersuchung gelesen habe, wonach die Hamas mehrheitlich Zustimmung der Bevölkerung habe, aber kurz darauf von einer anderen (war es eine israelische??), die etwas anderes behauptete. Daraufhin habe ich diese Kontroverse der traurigen Weisheit zugeordnet, dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt, und beide Aussagen als fragwürdig angesehen.

Wer will auch bei einer Bevölkerung mit einer terroristischen Regierung eine tragfähige Untersuchung anstellen, wie sie zur Regierung steht? Hätten die USA das in Nazi-Deutschland herausfinden können? - Andererseits: nach den Blitzkriegerfolgen der Wehrmacht hat mancher seine Meinung über Hitlers Krieg geändert und nach Stalingrad wieder in die andere Richtung. Wie dachten Russen über Stalin während der großen Säuberung und wie nach den Erfolgen gegen die deutschen Angreifer? Meinungen wechseln. Und historisch gesichert ist nur, dass die Politik Hitlers zu vielen Millionen Toten geführt hat und die Politik Stalins auch. - Was man im Nachhinein über die Bluttaten der Hamas und die Gegenreaktion Israels sagen wird, wird lange weniger von der Zahl der Opfer abhängen, sondern von der Einstellung, die die gegenwärtig im Krieg befindlichen Gegner nach dem Krieg zueinander haben werden.

Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es Deutsche, die es sich wünschen, die Nazis hätten den Krieg gewonnen.

Auch in Nazideutschland gab es viele Gegner Hitlers. Es waren nur bei weitem zu wenige. Mein Vater hat im Zweiten Weltkrieg an der Flak gestanden, um seine Kinder davor zu retten, dass sie all das verlieren müssten, was ihnen die Erziehung ihrer Eltern mitgegeben hatte. Konnte er wissen, dass seine Frau nach dem Krieg hoch engagiert an einem amerikanischen Projekt der Elternerziehung mitarbeiten würde? Glaubt man im Ernst, dass er als engagierter Christ in Kenntnis dessen, was das NS-Regime war, nicht voll an ihrer Seite gestanden hätte? - Danke für deine verständnisvolle Reaktion!

Nach deinen ersten Kommentaren hätte ich nicht gedacht, dass es noch Sinn hätte, meine Position genauer zu erläutern. Wir mögen weiterhin unterschiedlicher Meinung sein, aber mit Sicherheit bist du kein Roboter, der mich nur provozieren wollte. Danke.

gutefrage.net


Mehr zum Nahostkonflikt:

https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/anatomie-der-gewalt-a-mr-78-5-5/

daraus:

"[...] Der Historiker Hillel Cohen hat überzeugend argumentiert, dass die Ausschreitungen im Sommer 1929 in zahlreichen Städten Palästinas – damals kraft eines Völkerbundmandats nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg unter britischer Herrschaft – als das »Jahr null« des Konflikts zu betrachten sind. Was in manchen historischen Darstellungen als eine palästinensische Rebellion gegen die Briten beschrieben wird, war in Wahrheit vielmehr ein Ausbruch von Gewalt an Zivilisten, dem ganze Gemeinden zum Opfer fielen. Was als ein Streit zwischen Juden und Muslimen um Gebetsordnungen an der Klagemauer beziehungsweise dem Ḥā'iṭ al-Burāq in Jerusalem begann, entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu Ausschreitungen, die Zivilisten zuerst in Jerusalem und kurz darauf in etlichen anderen Städten betrafen. Insgesamt 133 Menschen der jüdischen Bevölkerung und 166 Menschen der muslimisch-christlich arabischen Bevölkerung kamen dabei ums Leben. Die Gewalt richtete sich nicht ausschließlich gegen neue zionistische Siedlungen, sondern vielfach gegen alteingesessene, nicht- oder sogar antizionistische jüdische Gemeinden in Städten wie Hebron im Süden oder Safed im Norden. Die Gemeinde von Hebron wurde dabei ausgelöscht (die israelischen Siedler im heutigen Hebron – einer der radikalsten Hochburgen der Siedlerbewegung – stammen nicht aus der alteingesessenen Gemeinde). [...] Auf die Hintergründe der Gewalt hinzuweisen, ist keine Relativierung der Schuld der Täter oder des Leids der Betroffenen, sondern der Suche nach einer anderen Zukunft geschuldet. [...] Im zionistischen beziehungsweise israelischen Fall ist die gegenwärtige Entkontextualisierung des Siedlerbegriffs besonders auffallend, handelt es sich hier doch um die Anderen Europas schlechthin, um eine Gruppe, die schon lange vor dem Holocaust Pogromen ausgesetzt war – und um Gemeinden, die mit dem Aufkommen des Nationalismus in der arabischen Welt in den 1940er und 1950er Jahren auch dort kaum noch Aussicht auf ein Bleiben hatten. Auch in anderen Fällen das gleiche Bild: verarmte Landarbeiter aus Frankreich, Spanien und Italien im Fall Algeriens, deutsche Kleinbauern in den preußischen Ostgebieten, Buren in Südafrika, Kriminalisierte und Ausgegrenzte in Australien, religiös Abtrünnige und Verfolgte aus England in Nordamerika. In all diesen Fällen stammte zumindest ein beachtlicher Teil der Siedler aus den ausgegrenzten Schichten der kolonisierenden Gesellschaften.

Die historisch unprivilegierte Ausgangsposition von Siedlergesellschaften entbindet sie selbstverständlich nicht von der politischen Verantwortung, sich mit der für solche Kontexte eigentümlichen Anatomie der Gewalt zu befassen oder sich der Missachtung von Gesetzen und Institutionen zu stellen, die mit dem prägenden Pioniermythos einhergehen.18 Zugleich darf man aber die Ambivalenz von Siedlergesellschaften nicht aus den Augen verlieren. Siedler können nicht für die Verbrechen europäischer Gesellschaften verantwortlich gemacht oder dämonisiert werden. Genau in diesem Sinne haben mehrere Historikerinnen und Historiker seit den frühen 1990er Jahren geforscht und argumentiert. Caroline Elkins und Susan Pedersen haben in einem programmatischen Text beispielsweise die Fragilität vieler Siedlergesellschaften analysiert und ihre Abhängigkeit sowohl von den Kolonialmächten als auch von lokalen Bevölkerungen betont.19

Doch anstatt diese Ambivalenzen wahrzunehmen, wird momentan ein Begriff des Siedlerkolonialismus forciert, der diese Form der europäischen Expansion als die Krönung der Gewalt und das repressivste aller Systeme darstellt und letztendlich die entfesselte Gewalt rechtfertigt, die die Hamas am 7. Oktober 2023 unter anderem an Hochbetagten, Frauen und Kindern verübte und an den Geiseln weiterhin verübt. Wie menschenverachtend dieser Siedlerbegriff ist, zeigte ein Instagram-Post der erfolgreichen Künstlerin Emily Jacir kurz nach dem 7. Oktober: Zu sehen war ein Foto der fünfundachtzigjährigen Yaffa Adar, während sie von Hamas-Militanten gekidnappt wird. Das Foto überschrieb die Künstlerin mit dem Kommentar: »Diese gefangene Siedlerin sieht zufrieden aus. Ich hoffe, sie bekochen sie mit einem guten palästinensischen Gericht.« [...]

Wenn mit der Forderung »Ceasefire Now« nicht nur ein Ende der Gewalt, sondern auch ein erster Schritt in Richtung politische Transformation gemeint sein soll, wenn mit der Parole »From the River to the Sea, Palestine Shall Be Free« kein algerisches Szenario, sondern eine auf Gleichheit und Gerechtigkeit basierende Lösung gemeint sein soll, dann führt an einer politischen Auseinandersetzung zwischen Erzfeinden, zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten kein Weg vorbei. Konstruktiv würde sie nur durch das Erkennen und Erkunden von Ambivalenzen. Die heute noch so radikal klingenden Parolen könnten morgen oder übermorgen schon leer wirken."

Avner Ofrath: Anatomie der Gewalt Merkur Heft 900 Mai 2024

Donnerstag, 16. November 2023

Was die Menschen in Gaza über die Hamas denken

Amaney Jamal, Professorin an der Princeton School of Public and International Affairs, hat eine Untersuchung über die Einstellung der Bevölkerung im Gaza-Streifen zur Hamas und zu Israel durchgeführt, die zufällig am 6. 10.2023, einen Tag vor dem Überfall der Hamas auf Israel abgeschlossen wurde.

Das Ergebnis ist überraschend.

"Denn die Daten widerlegen so manches Vorurteil über die Bevölkerung von Gaza, die seit 2007 von den Terroristen der Hamas regiert wird. Über diese Menschen wird oft gesprochen, als seien sie eine undifferenzierte Masse – mehr als zwei Millionen Frauen, Männer und Kinder, die unter dem Verdacht stehen, die Weltanschauung der Hamas zu teilen. Israels Staatspräsident Izchak Herzog etwa sagte, "eine ganze Nation" sei verantwortlich für die Taten der Hamas: "Sie hätten sich erheben können, sie hätten gegen das teuflische Regime kämpfen können." Noch krasser formulierte es der israelische Verteidigungsminister Joaw Galant, als er die "totale Blockade" des Gazastreifens ankündigte: "Wir bekämpfen menschliche Tiere, und wir handeln entsprechend." [...] Eine Mehrheit der Befragten befürwortete bis zum 6. Oktober immer noch die lange totgesagte Zweistaatenlösung – und erkannte, anders als die Hamas, das Existenzrecht des Staates Israel an. 73 Prozent sprachen sich für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts aus. Eine Minderheit von 20 Prozent plädierte für bewaffneten Widerstand." (Die ZEIT, 16.11.23)

Wie groß ist die Chance, dass die Bevölkerung in Gaza nach dem Krieg bei dieser Einstellung bleibt?

Und das Urteil über die Hamas?

 "44 Prozent sagten, sie hätten "gar kein Vertrauen" in die Hamas, 23 Prozent hatten "nicht viel Vertrauen". Fast drei Viertel waren der Ansicht, dass die Regierungsinstitutionen mäßig korrupt bis sehr korrupt seien. Am schlechtesten schnitt die Hamas bei den ärmsten Palästinensern ab. "So wenig Unterstützung für die Hamas hatten wir lange nicht mehr gesehen", sagt Jamal. Mehr als zwei Drittel der Befragten glaubten allerdings auch, dass friedlicher Protest gegen die Hamas gefährlich wäre." (Die ZEIT, 16.11.23)

Wie groß ist die Chance, dass die Bevölkerung in Gaza wie die Bundesrepublik Deutschland nach 1945 ein Wirtschaftswunder erlebt?


Sonntag, 5. November 2023

Fayez Sayegh

Zitate aus: Markus Schaub am 29.12.2023

 https://twitter.com/M_Schaub/status/1608553384633860096

Sayegh wurde in Syrien als Sohn eines presbyterianischen Ministers geboren und begann sein politisches Leben als er der Syrian Social Nationalist Party beitrat, einer von der NSDAP inspirierten pansyrischen Bewegung, die 1932 von Antoun Sa'ada gegründet wurde, einem libanesischen Christlich-Orthodoxen, der darauf bestand „Al Za'iem“ (arab. „Der Führer“) genannt zu werden. Sein Artikel „Groß Syrien“ (1943) lieferte das Modell für alle nationalistischen Bewegungen in der gesamten Levante. Sa'ada's intellektuelles Gebäude baut auf der organischen Einheit zwischen Boden und Nation auf, die er zu vorislamischen heidnischen Ursprüngen zurückführte, ähnlich dem nationalsozialistischen „Blut und Boden“, verstrickt in einen ewigen Kampf.

Zurück zu Fayez Sayegh, er verliebte sich in die SSNP, trat ihr 1938 bei und wurde ihr Repräsentant an der American University of Beirut. Im selben Jahr ging Sa'ada nach Brasilien, was Sayegh die Möglichkeit gab, zu glänzen und 1943 zu einem der prominentesten Namen im neugeborenen Libanon zu werden. 1944 wurde er Vorstand für Kultur und Medien der SSNP. Er wurde schnell zu dem Mann, der die intellektuellen Linien, die Botschaft und die Doktrinen der SNNP definierte.

Sayegh war der Erste, der Sartres Kritik an Rassismus und Neokolonialismus auf Israel anwandte und argumentierte, dass das, was für Algerien, Kongo und Vietnam galt, auch für Israel galt.

Er war auch der Hauptautor der UN-Resolution 3379 von 1975 die Zionismus mit Rassismus gleichsetzte und 1991 aufgehoben wurde. (Für Kofi Annan war die Resolution 3379 ein Tiefpunkt in der Geschichte der UN).

 https://twitter.com/M_Schaub/status/1608553384633860096

Sayegh, der der nationalsozialistischen Ideologie nahestand und Antisemit blieb, hat sicher wesentlich dazu beigetragen, den Kampf für Selbstverwaltung der Palästinenser bei der  internationalen Linken anschlussfähig zu machen, insofern sie für Emanzipation, Bürgerrechte, ein Recht auf Widerstand. und Selbstverteidigung sowie allgemeine Menschenrechte eintrat. Das gelang ihm, indem er auf Algerien, die Afroamerikaner, den Kongo und Vietnam verwies.

Insofern bin ich Markus Schaub dankbar, dass er auf ihn aufmerksam macht. Doch wenn er die Siedlungspolitik Israels damit zu rechtfertigen versucht, das Westjordanland sei "bereits jüdisches Land [gewesen], bevor es durch Römer, Araber und Osmanen kolonisiert wurde" (Schaub), dann begibt er sich auf eine Argumentationsebene, die noch weit unsicherer ist als die, die Ludwig XIV. und Friedrich II. für ihre Eroberungspolitik im 17. und 18. Jahrhundert heranzogen.

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Avi Primor: "... mit Ausnahme Deutschlands"

 Avi Primor: "... mit Ausnahme Deutschlands"

"Gilt für alle Länder
mit Ausnahme Deutschlands

In den Pässen des jungen, 1948 gegründeten Staates Israel stand der Vermerk: "Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands". Und so sollte es nach Ansicht der Überlebenden des Holocaust bleiben. Daß es diesen Vermerk schon lange nicht mehr gibt, ist zahllosen gutwilligen Männern und Frauen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in beiden Ländern zu verdanken, die sich um die deutsch-israelischen Beziehungen verdient gemacht haben.

Avi Primor ist seit 1993 israelischer Botschafter in Bonn. Seine Mutter stammte aus Deutschland und emigrierte 1932 nach Israel. Sie verlor durch den Holocaust ihre Frankfurter Familie. Primor erfuhr als Kind über Deutschland so gut wie nichts. Erst nach und nach erlangte er Kenntnisse über das Land, traf mit Deutschen zusammen - mit widersprüchlichen Empfindungen.
Er beschreibt in ungewöhnlich offener Weise seine Erfahrungen mit Deutschland und den Deutschen, reflektiert drei Jahrzehnte diplomatischer Arbeit, erzählt mit viel Sinn für Humor Anekdoten und spricht über die Ängste seiner Landsleute. Vor allem aber liegt Avi Primor die gemeinsame Zukunft Deutschlands und Israels am Herzen, nicht zuletzt die wirtschaftliche Zusammenarbeit, von der er sich eine Stabilisierung des Friedensprozesses im Nahen Osten verspricht.

Zum 50-jährigen Bestehen des Staates Israel freuen wir uns, Ihnen die online-Veröffentlichung des Buches ''...mit Ausnahme Deutschlands'' von Avi Primor, Botschafter des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland, präsentieren zu können.
Dieser, bislang in Deutschland einmalige Service, wurde ermöglicht durch eine innovative und großzügige Geste des 
Ullstein Verlags, Berlin." (hagalil.com)

"Avi Primor, geboren 1935 in Tel Aviv, studierte von 1952 bis 1955 Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen in Jerusalem, New York und Paris. Er war u.a. von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland. Avi Primor ist Gründer des Zentrums für europäische Studien an der Universität Herzliya in Tel Aviv und leitet dort einen trilateralen Studiengang für israelische, palästinensische und jordanische Studenten." (Perlentaucher)

Obwohl seine Mutter ihre gesamte nähere und fernere Familie durch den Holocaust verloren hatte, war der kein Thema, denn sie war schon 1932 nach Israel ausgewandert. Die Engländer waren der Gegner, ("Mit den Engländern wünschte man sich weder zu befreunden noch zu vergleichen; niemand bezweifelte, daß sie eines Tages wieder abziehen würden, und dieses Ziel hatte Vorrang vor allen anderen." S.12)

Da plötzlich drohte die Gefahr, dass Palästina erobert würde. De Gaulles Soldaten haben es verhindert, indem sie Rommel bei Bir-Hakeim so lange aufhielten, bis die Engländer so weit waren, ihn bei El Alamein zu besiegen. Die verhasste Besatzung sorgte dafür, dass Primor nicht vergast wurde. 
Rommel wollte unbedingt zur SS, aber sein Vater hat es ihm verboten. Der Vater war der Feldmarschall, der Sohn der spätere Oberbürgermeister, der 1987 als "Guardian of Jerusalem" ausgezeichnet wurde.  
Dass die Ukraine sich 1654 an Russland angeschlossen hat, gehört zur Leidensgeschichte des jüdischen Volkes (S.16), weil beim Aufstand des Kosakenführers Bogdan Chmelnizkijs gegen Polen "Massaker großen Ausmaßes an Polen, Jesuiten, römisch-katholischen Geistlichen und Juden begangen wurden.

Wie viele Juden den Pogromen zum Opfer fielen, ist aufgrund der Quellenlage nicht mit Sicherheit auszumachen: Der Völkermordforscher Gunnar Heinsohn schätzte, dass zwischen 34.000 und 42.500 Menschen ermordet wurden.[1] Der in Israel lehrende Historiker Shaul Stampfer kam bei seinen Berechnungen auf 18.000 bis 20.000 Tote,[2] was etwa der Hälfte der damals in der Ukraine (Rotruthenien dabei nicht mitgerechnet) lebenden Juden entsprach.[3] „Die Grausamkeit der Kosaken setzte grauenerregende Vorbilder in die Welt.“[4] Viele Juden (möglicherweise mehr als 1000) konvertierten zur Orthodoxen Kirche, um ihr Leben zu retten.[5] Mindestens 3000 Juden verkauften die Kosaken als Sklaven in das Osmanische Reich".[2]

(Wikipedia

Wenn Völker sich befreien, begehen sie Massaker an Juden. Das lernte der kleine Avi schon in der Grundschule; denn Geschichtsunterricht bestand für Juden in Palästina in jüdischer Geschichte. Da wurden viele Weltregionen zum Schauplatz und Ereignisse ins Licht gerückt, die anderswo nicht in den Blick kamen. In der ukrainischen und russischen Geschichte ist Bogdan Chmelnizkij selbstverständlich ein Held, innerhalb der europäischen und der Weltgeschichte natürlich völlig bedeutungslos. 

Textausschnitte:

"[...] Dann kam die Zeit ihrer systematischen Vernichtung, und auch dies, so meinten wir, nahmen sie widerstandslos hin. Hatten sie in ihrer Schicksalsergebenheit wenigstens versucht, ein paar Nazis mit in den Himmel zu nehmen? Im Gegenteil, sie ließen sich willig wie Lämmer zur Schlachtbank führen, es gab kein Feld der Ehre, auf dem sie heldenmütig hätten fallen können. Bedeutete all dies aber nicht, daß wir uns letztlich der ermordeten Brüder und Schwestern zu schämen hatten? [...] Völlig unbegreiflich schien nur das Ausmaß der Passivität, mit der sich die mittel- und osteuropäischen Juden ihren Unterdrückern und Mördern ergaben.

Dem Gefühl der Demütigung, das wir empfanden, lag eine mittlerweile längst verschwundene Unwissenheit zugrunde, eine beschränkte und wohl auch überhebliche Form der Ahnungslosigkeit. Außer dem Eindruck tiefer Erniedrigung bewirkte sie Ohnmacht und Wut. Doch um Rachebedürfnisse zu befriedigen, lag für uns Deutschland, das dies alles verursacht hatte, zu weit, außerdem wurde es nach dem Krieg von den Siegermächten beschützt. Im übrigen gab es andere, nicht weniger wichtige Probleme: Vor uns lagen der Kampf um die Erlangung der Unabhängigkeit und die Abwehr der Invasoren aus den Nachbarstaaten." (S.20-22)

Primor sah als Kind von 11/12 Jahren in der Wochenschau Bilder der "im Mai 1945 angeordneten Zwangsbesichtigung des Konzentrationslagers Buchenwald durch Angehörige der deutschen Bevölkerung von Weimar und Umgebung. Unvergeßlich der Anblick ordentlich gekleideter, disziplinierter Männer, Frauen und junger Leute, die, von G.I.s flankiert, in Reihen durch das Lager zogen. Und ebenso unvergeßlich der Horror der Leichenberge und der ausgemergelten Gesichter und Körper der Überlebenden, allesamt Elendsgestalten, von den Toten kaum zu unterscheiden. Schließlich dann die hilflosen, fast immer gleichlautenden Beteuerungen der Deutschen: Davon haben wir nichts gewußt, das alles war uns unbekannt. Eine amerikanische Journalistin, die die Aufnahmen kommentierte, faßte ihre Eindrücke in dem Satz zusammen, die Worte »Ich wußte nichts« hätten offenbar zur deutschen Nationalhymne gehört.

Nicht nur mit Schuld, auch mit Sühne und Bußopfer läßt sich auf vielerlei Weise umgehen. Bei einem Besuch Berlins, ich war schon Botschafter in Bonn, fiel mir an dem im Krieg durch Bomben beschädigten und weitgehend in diesem Zustand belassenen alten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine Gedenktafel auf. Ich mußte die Inschrift mehrmals lesen, sie erschien mir zumindest zweideutig: Die Turmruine solle, hieß es, »an das Gericht Gottes erinnern, das in den Jahren des Krieges über unser Volk hereingebrochen ist«. Ist der Satz wie eine biblische Textstelle zu verstehen, die etwa ein Jahr der Dürre im Land mit der Versündigung des Volks rechtfertigte? Wo liegt die Klammer, die eine solche Inschrift mit den an grausamer Realität durch nichts zu überbietenden Verbrechen Nazi-Deutschlands verbindet? Und schließlich: Über welches Volk war das Gottesgericht hereingebrochen? Nur über das deutsche? Wenn ja, dann fehlt die Begründung." (S.24)

"Es war 1994, bald nach unserer Ankunft in Deutschland. Das Gespräch zwischen meiner Frau und ihrem Tischherrn, einem höheren Beamten, bestand im wesentlichen aus dessen Monolog, in dem er die eigene Leidensgeschichte und die seiner Familie unter den Bombenangriffen der Alliierten in den letzten Kriegsjahren schilderte. Die Geduld meiner Frau war bewundernswert, gelangte schließlich aber an einen Punkt, an dem es ihr geboten schien, den Redefluß des Herrn mit einer kurzen Bemerkung zu unterbrechen. Genau die Zeit, von der er spreche, gab sie ihrem Nachbarn zu verstehen, habe ihre Mutter in Auschwitz verbracht. Er wandte sich darauf der Dame an seiner anderen Seite zu." (S.25)

Zum weiteren Text des Buches

Weitere Bücher Avi Primors















Dienstag, 17. Oktober 2023

Der Chef des israelischen Geheimdiensts Schin Bet, räumt Versäumnisse vor dem Massaker der Hamas ein

 "Ronen Bar, der Chef des israelischen Inlandsgeheimdiensts Schin Bet, hat Versäumnisse seiner Organisation vor dem Massaker der Hamas eingeräumt. Wie die Tageszeitung Ha'aretz berichtet, schrieb Bar in einem Brief an seine Mitarbeiter, die fehlende Warnung vor dem Angriff der Hamas falle in seine Verantwortung.


Trotz vieler Aktivitäten habe sein Geheimdienst dabei versagt, eine ausreichende Warnung auszugeben, die es ermöglicht hätte, die Attacke zu verhindern, schrieb Bar. Etwaige persönliche Konsequenzen erwähnte er nicht. Aber er ergänzte: 
Es wird eine Zeit für Untersuchungen geben. Jetzt sind wir im Krieg.
Shin-Bet-Chef Ronen Bar
Vor Ronen Bar hatten bereits mehrere hochrangige Kommandeure der Armee und der Chef des Nationalen Sicherheitsrates ihre Mitverantwortung für die Schutzlosigkeit der Bevölkerung vor dem Hamas-Angriff eingestanden. Ha'aretz hebt hervor, dass Premierminister Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Joaw Galant dies bislang nicht getan haben."

Samstag, 14. Oktober 2023

David Grossmann über die Angriffe der Hamas auf Israel

 "Mein Land steht unter Schock. Und ich bin zornig auf unsere Regierung. Aber es gibt eine Rangordnung des Bösen, und keine israelische Tat hält dem Vergleich mit den Massakern der Hamas stand.

'Mein Land steht unter Schock. Und ich bin zornig auf unsere Regierung. Aber es gibt eine Rangordnung des Bösen, und keine israelische Tat hält dem Vergleich mit den Massakern der Hamas stand.
Mehr als tausend Ermordete, 2900 Verletzte, Hunderte entführt oder gefangen. Die Rettung eines jeden Menschen ein Wunder. An Klugheit und Mut.

Unzählig die Wunder, unzählig die ­Op­fer und Heldentaten von Soldaten und Zivilisten, doch ein jedes erinnert an den kriminellen Leichtsinn unserer Sicherheitsdienste, deren Chefs sich selbst – und uns – jahrelang davon überzeugt ­haben, wir wären hier in der Region die Stärksten und Raffiniertesten, aufs Kriegshandwerk verstünde sich niemand besser als wir.

Ich schaue in die Gesichter meiner Mitmenschen. Schock. Dumpfheit. Die Herzen schwer vor ständiger seelischer Belastung. Immer wieder versichern wir einander: ein Albtraum, ein beispielloser Alb­traum. Ihn zu beschreiben fehlen die Worte. Worte vermögen ihn überhaupt nicht zu fassen. [...]"

Mittwoch, 5. Juli 2023

euro|topics: Angst vor mehr Gewalt nach Angriff auf Dschenin

 

Israel hat eine zweitägige großangelegte Militäroffensive im Westjordanland für abgeschlossen erklärt. Premier Netanjahu kündigte jedoch an, dies sei "kein einmaliger Vorgang" gewesen. Die Armee war nach mehreren Luftschlägen mit Bodentruppen in die Stadt Dschenin eingedrungen, die als Hochburg militanter Islamisten gilt. Laut palästinensischer Seite wurden mindestens 13 Menschen getötet. Kommentatoren sind besorgt.

THE INDEPENDENT (GB)

Israel macht sich noch mehr Feinde

The Independent mahnt:

„Niemand kann ernsthaft glauben, dass man auf diese Weise die Sache des Friedens voranbringen, die Sicherheit Israels stärken oder die anhaltenden Terroranschläge auf unschuldige israelische Zivilisten stoppen kann. ... Statt der Palästinensischen Autonomiebehörde zu helfen, ihre Macht in Krisenherden wie Dschenin und Nablus wieder aufzubauen, rekrutiert Israel so indirekt Leute für die Dschenin-Brigaden. Bald wird Israel keine palästinensische Regierung mehr haben, mit der es verhandeln kann, und daran trägt es selbst größtenteils die Schuld.“

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (DE)

Es braucht eine politische Lösung

Militäreinsätze dienen nicht dem vorgegebenen Ziel, Terrorismus zu bekämpfen, meint auch Israel-Korrespondent Peter Münch in der Süddeutschen Zeitung:

„Kurzfristige Erfolge werden mit langfristigen Schäden bezahlt: Jeder Tote und jede Zerstörung lassen Hass und Hoffnungslosigkeit auf palästinensischer Seite wachsen. ... Wenn Israel seinen Sieg erklärt hat in Dschenin, dann wird keine Ruhe einkehren, sondern es werden weitere Militäreinsätze folgen - noch größer, noch härter, mit noch mehr Potenzial zur Eskalation an anderen Fronten von Gaza bis Libanon. Militärische Mittel drehen die Spirale der Gewalt weiter. Beenden kann die Gewalt nur eine politische Lösung.“

Peter Münch
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JUTARNJI LIST (HR)

Antwort auf palästinensische Angriffe

Der Militäreinsatz in Dschenin ist eine Folge der wachsenden Feindseligkeiten, analysiert Jutarnji list und zählt mehrere Angriffe auf Israelis auf:

„In den letzten Monaten kam es zu einem sprunghaften Anstieg in der Zahl der Zwischenfälle auf den Straßen des Westjordanlandes, vom Werfen von Steinen und Molotowcocktails bis zu Angriffen mit Schüssen. Seit Beginn des Jahres haben die Palästinenser 28 Israelis getötet und Ende Juni fand bei einer Tankstelle am Eingang der Siedlung Eli einer der schwersten Zwischenfälle statt, die Ermordung von vier jüdischen Zivilisten. ... Gestern wurden sieben Menschen verletzt, als ein Autofahrer Passanten in der Nähe eines Einkaufszentrums in Tel Aviv überfuhr und danach ausstieg, um die Zivilisten zu erstechen.“

Robert Bajruši
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KURIER (AT)

Beide Seiten brauchen neue Anführer

Israelis und Palästinenser sind in alten Mustern gefangen, findet der Kurier:

„Es gilt, endlich aus dem Teufelskreis auszubrechen und das Blutvergießen zu stoppen. Dazu braucht es aber mutige Schritte und auch neue, mutige Politführer, die nicht in den alten Mustern gefangen sind. Das aktuelle Personal? Schlimm: Auf der einen Seite ein 73-jähriger Langzeit-Regierungschef, der 1988 erstmals in die Knesset einzog, auf der anderen mit Mahmud Abbas ein 87-jähriger Präsident, der sich Neuwahlen beständig entzieht. Die beiden stehen nicht für Erneuerung und Hoffnung. Im Gegenteil, sie verspielen die Chancen ihrer Kinder und Enkel.“

Walter Friedl
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