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Dienstag, 17. Oktober 2017

Cyberkrieg im Frieden

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner merkts
Von Hannes Grassegger Das Magazin N°35 – 2. September 2017

"Es ist vermutlich kein Zufall, dass die neue Art der Kriegsführung in Estland begann. Estland ist der nördlichste der drei baltischen Staaten, so gross wie die Schweiz, mit einer langen, unglücklichen Geschichte ständig wechselnder Besetzungen. Seit der Unabhängigkeit 1991 aber blüht das Land. In Tallinn lebt es sich gut, es gibt Strände, die Altstadt mit ihren Bars, Galerien und Restaurants ist ein Touristenmagnet, in ehemaligen Fabriken werkeln Start-ups.
Estland brüstet sich, das technologisch fortschrittlichste Verwaltungssystem der Welt zu haben. Jeder Bürger besitzt eine digitale Identität, also seine ID-Nummer und einen Log-in-Code als Zugang zur komplett digitalen Administration. Seit 2007 kann man online wählen, seine Steuern online abrechnen, kriegt Rezepte vom Arzt online und kann jederzeit überprüfen, welche Behörden Zugriff auf die eigenen Daten nehmen wollten. Jeder Este ist ein gläserner Bürger, und der Staat ist ebenso transparent.
«Wir leben in der Zukunft. Onlinebanking, Onlinenews, Textnachrichten, Onlineshopping – die totale Digitalisierung hat alles schneller und leichter gemacht», erklärt Priisalu, «aber auch die Möglichkeit geschaffen, uns in Sekunden um Jahrhunderte zurückzuwerfen.» Das Land ist zugleich extrem effizient und extrem verletzlich geworden. «Wenn der Strom ausfällt, der Bancomat kein Geld mehr liefert, die Supermarktkassen gehackt sind und die Zeitungen offline gehen, während im Netz Verschwörungstheorien geschürt werden – dann bricht Chaos aus.»
Die neuen Kriege, so sieht man in Estland, haben eine neue Organisationsstruktur. Die Angriffe waren «outgesourct» – selbst wenn die ursprünglichen Angreifer wohl in Russland sassen, die Attacken starteten von Rechnern im Ausland. Und die Angriffe waren «crowdgesourct». Das heisst: Jeder, der wollte, konnte sich daran beteiligen. Rezepte wurden im Netz verbreitet. Das Resultat war eine merkwürdige, niemals zuvor in Kriegen beobachtete, flache und aus diesem Grund hochgradig dynamische Ordnung. Netzwerk schlägt Hierarchie, folgert Priisalu heute nüchtern.
Er zog zwei wichtige Schlüsse aus dem Angriff:
Erstens: Russland trage die Verantwortung für die Attacken. Warum sonst lehnte der Kreml die Rechtshilfegesuche ab, die Estland im Zuge der Aufklärung des Angriffs stellte?
Zweitens: Cyberkrieg ist mehr als ein Hackerangriff. Die Hacks, also die rein technischen Angriffe auf die Infrastruktur des Landes, waren nur ein Teil der Attacke. Die Hetztiraden in russischsprachigen Internetforen und Blogs, die Flutung der Kommentarspalten von Zeitungen, die zu den Unruhen geführt hatten, waren ebenfalls Teil der Kriegsführung. Und es war dieser Teil, der Priisalu beunruhigte.
Jaan Priisalu lobbyierte für die Einrichtung eines Cyberkriegforschungszentrums der Nato in Estlands Hauptstadt Tallinn. Seit 2008 wird dort jedes Jahr die grösste internationale Cyberkriegsübung der Welt durchgeführt: «Locked Shields». 25 Mitgliedstaaten haben dieses Jahr ihre Cyberkrieger gegen Tausende simultaner Attacken auf ein virtuelles Land namens «Crimsonia» kämpfen lassen. Auf riesengrossen Screens war der «Schlachtverlauf» zu sehen, manche Soldaten kamen in Anzügen, andere in Sweatshirts, aber die meisten loggten sich von zu Hause ein. Auch die Schweiz war zweimal dabei, 2012 und 2016. Im vergangenen Jahr hat die Nato wiederum den Cyberspace offiziell zum Handlungsfeld erklärt – neben Boden, See und Luft." [Hervorhebungen von Fontanefan]


Sieh auch:

US-Historiker Timothy Snyder: "Russland hat einen Cyberkrieg gewonnen"
 Timothy Snyder über Trumps Wahlsieg, Strategien russischer Propaganda, Fehler des Westens und Gefahren des Postfaktischen.
VON CLAUDIA VON SALZEN Der Tagesspiegel, 28.06.2017

Mittwoch, 11. Januar 2017

Hackerangriffe und Fake News

Der Netzaktivist Markus Beckedahl weist darauf hin, dass Hackerangriffe auf Verfassungsorgane anderer Staaten für westliche wie für östliche Geheimdienste Routine seien.
Insofern zeugt die Ankündigung von Gegenangriffen von westlicher Seite nicht von einer neuen Strategie, sondern legt nur gängige Praxis offen.
Constanze Kurz von netzpolitik.org schreibt dazu:
"Eine sinnvolle Strategie gegen die übertriebene Angst von Angreifern im Wahlkampf kann nur sein, sich mit der Sicherheit der eigenen IT-Systeme ernsthaft auseinanderzusetzen und endlich ökonomische Anreize zu setzen, die beklagenswerte Situation in der IT-Sicherheit zu verbessern."

Fake News lassen sich nicht durch einen Algorithmus herausfinden. (Wie man bei Facebooks Fehlgriffen gesehen hat, funktioniert das noch nicht einmal bei Pornographie.)
Wenn aber nachprüfbare Behauptungen aufgestellt werden, kann die Weiterleitung von Falschmeldungen aber strafbar sein, wenn sie als Beleg für Meinungsäußerungen herangezogen werden, die als Volksverhetzung gelten können.

  • Ob Correctiv  mit seiner Strategie die Mammutaufgabe wenigstens im Ansatz bewältigen kann, wird sich noch zeigen müssen.
  • Kritik an Correctiv (mit durchaus bemerkenswerten Rechercheergebnissen, auch wenn man sich über manche daraus gezogenen Schlüsse durchaus streiten kann. "Kampfrhetorik" ist ein Begriff, der gewiss auch für viele Artikel der Nachdenkseiten passt.)
"In früheren Kriegen haben Flugzeuge auch nicht ausschließlich Bomben abgeworfen, sondern Flugblätter. Das passiert heute im Internet." (Jewgenij Kaspersky)