Posts mit dem Label 19. Jahrhundert werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label 19. Jahrhundert werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 30. April 2019

Osterhammel:Sklavenemanzipation und "Weiße Vorherrschaft"

Die postemanzipatorische Rassengesellschaft im Süden der USA

In keinem anderen Land war die Abschaffung der Sklaverei von einer solch dramatischen Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten begleitet wie in den USA. Schon während des Bürgerkrieges hatten Hunderttausende von Afroamerikanern ihr Schicksal in die eigene Hand genommen, hatten als free blacks aus dem Norden oder entflohene Sklaven aus dem Süden auf Unionsseite gekämpft oder einen anderen Beitrag zur Kriegsführung des Nordens geleistet, hatten sich im Süden herrenlosen Landes bemächtigt. [...]
Wem bisher der Herr das freie Wort verboten hatte, der konnte sich nun unverstellt und öffentlich äußern. [...] selbst auf der Geschworenenbank sitzen, bei Wahlen ihre Stimme abgeben und sich sogar für Ämter zur Wahl stellen.
Ausgerechnet dieser große Aufbruch kippte in das Gegenteil einer scharfen Rassendiskriminierung um. Ende der 1870er Jahre waren die Errungenschaften der Emanzipationszeit weitgehend zunichte gemacht. In den 1880er Jahren verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Rassen in den früheren Sklavenstaaten des Südens in dramatischer Weise. Nach 1890 waren die Afroamerikaner zwar nicht neuerlich versklavt, aber einer extrem diskriminierenden und einschränkenden Rassenordnung unterworfen, die von weißem Terror und Lynchjustiz begleitet war. Von der Ausübung staatsbürgerlicher Rechte konnte keine Rede mehr sein. Nur drei Mal hat es solche scharfen Rassenordnungen jenseits der Sklaverei gegeben: im Süden der USA zwischen den 1890er und 1920er Jahren, in Südafrika nach 1948 und in Deutschland nach 1933 sowie während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten Europa. Lässt man den Fall Deutschlands beiseite, so bleiben als Kandidaten für einen ungefähren Vergleich die USA und Südafrika, denn die Anfänge der südafrikanischen Apartheid reichen weit ins 19.Jahrhundert zurück. [...]
Die Unterschiede zu Südafrika sind so groß, dass sich ein umfassender Vergleich verbietet; punktuell finden sich jedoch aufschlussreiche Querbezüge. Die Entwicklungen in den beiden Ländern, zwischen denen wenige prägende Transfers stattfanden, verliefen nicht synchron. Die Sklavenbefreiung in Südafrika erfolgte fast drei Jahrzehnte vor derjenigen in den Südstaaten der USA. Um 1914 waren da wie dort die Ideologien und Instrumente rassischer Hierarchisierung und Ausgrenzung vorhanden. Südafrika ging dann seit den 1920er Jahren noch einen Schritt über den Süden der USA hinaus, denn Apartheid wurde hier zu einem Grundprinzip nationaler Gesetzgebung. [...]
In dem - neben den Südstaaten - anderen großen Fall von Massensklaverei im 19. Jahrhundert ist die Herausbildung von weißer Vorherrschaft ausgeblieben. Dafür, dass sich in Brasilien die Sklaverei viel länger hielt als überall sonst im kontinentalen Lateinamerika, gibt es mehrere Gründe. Nicht der unwichtigste war, dass die Brasilianer keinen Unabhängigkeitskrieg gegen ihre Kolonialmacht geführt hatten, daher auch, anders als in den Kämpfen ihrer Nachbarn gegen die Spanier, keine schwarzen Soldaten rekrutiert wurden. [...] Warum aber entstand in Brasilien nach 1888 keine formalisierte Rassenordnung? Nach dem Ende der Sklaverei, das mit einem friedlichen Übergang von der Monarchie zur Republik zusammenfiel, begann eine lange Debatte über die nationale und rassische Identität des Landes und seine Chancen der Modernisierung. [...] In den Modernisierungsvorstellungen von Teilen der weißen Elite fanden daher freigelassene Sklaven schon früher einen Platz. Noch wichtiger aber war die Strategie, die Sklaven in den dynamischen Sektoren der Wirtschaft durch neu angeworbene Emigranten aus Europa zu ersetzen. Diese Emigranten und die Ex-Sklaven, die nun in großer Zahl ökonomisch marginalisiert wurden, begegneten sich nicht auf denselben Arbeitsmärkten. Damit entfiel eine Konkurrenzsituation, wie sie überall in der Welt zu einem typischen Nährboden für Rassismus wurde. In Brasilien war die Rassenfrage nie zu einem Streitpunkt territorialer Politik geworden. Keine sezessionsbereiten Sondergebiete definierten sich wie der US-Süden durch rassische Identitäten. Im Gegenteil gab sich die Elite Mühe, einen inklusiven Nationalismus und den Mythos einer besonderen Menschenfreundlichkeit der früheren Sklaverei zu propagieren. [...] die Behörden verstanden sich nicht als Garanten von Rassenschranken. Allein die Schwäche des Staates führte dazu, dass viel rassistische Gewalt ungestraft geschah. Sie war aber nicht unmittelbarer Ausfluss staatlicher Ordnung. (S.1209-1213)

3. Fremdenabwehr und "Rassenkampf"
Um 1900 war das Wort «Rasse» in vielen Sprachen rund um den Globus gebräuchlich. Das weltweite Meinungsklima war von Rassismus durchtränkt. Zumindest im globalen «Westen», der sich im Zeitalter des Imperialismus auf allen Kontinenten fand, bezweifelten wenige die Vorstellung, die Menschheit sei in Rassen unterteilt, diese Rassen besäßen, biologisch bedingt, unterschiedliche Fähigkeiten und als Folge dessen auch ein unterschiedliches Recht, ihre Existenz autonom zu gestalten. [...] Um 1930 war Rassismus weltweit bereits eine Spur weniger akzeptabel geworden, als er es wenige Jahrzehnte zuvor gewesen war. Im «weißen» Westen hatten es selbst wohlhabende und bürgerlich auftretende Afroamerikaner immer noch schwer, ein Hotelzimmer zu finden. Aber «Rasse» wurde zumindest als wissenschaftliches Konzept weniger unkritisch hingenommen. Japans Versuch, auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 eine Klausel gegen rassische Diskriminierung in die Satzung des neu gegründeten Völkerbundes aufnehmen zu lassen, war vor allem am Widerstand der britischen Dominions und der USA gescheitert, doch zeigte diese Initiative immerhin, für wie anfechtbar rassistische Diskurse und Praktiken mittlerweile gehalten wurden. [...] Um 2000 war Rassismus weltweit diskreditiert, seine Propagierung in vielen Ländern unter Strafe gestellt, jeglicher Anspruch auf Wissenschaftlichkeit lächerlich gemacht. Aufstieg und Fall von Rassismus als geschichtsprägender Macht füllen den, weltgeschichtlich gesehen, kurzen Zeitraum zwischen etwa 1860 und 1945. Dieser makabre Zyklus verklammert das 19. mit dem 20. Jahrhundert. [...]

Rassetheorien, prä- und postrevolutionär
Der große Komplex von Rassedenken und rassistisch motiviertem Handeln müsste nun in einem zweiten Schritt geduldig auseinandergelegt werden. Dies kann hier nicht geschehen. Es wären unterschiedliche Spielarten von Rassismus zu unterscheiden, nach den verwendeten Methoden etwa

(1) einen repressiven, Unterklassen erzeugenden;
(2) einen segregierenden, «Ghettos» bildenden;
(3) einen exkludierenden, Nationalstaaten an ihren Grenzen abschottenden;
(4) einen exterminatorischen, den «rassischen Feind» auslöschenden Rassismus. Unterschiedlich waren die Arten und Weisen, mit «Rasse» argumentativ und narrativ umzugehen. Das Bild wäre zudem durch eine ganze Reihe transnationaler Verbindungen zu ergänzen. Ebenso wie in den Jahrzehnten um 1900 «Rasse» die unter Intellektuellen im Westen beliebteste Kategorie war, um die Beziehungen der Staaten und Völker untereinander zu Makro-Bildern zu ordnen, so reagierten nationale und partikulare Rassismen aufeinander und so schlossen sich vor allem solche Rassedenker, die an die «Züchtbarkeit- der Menschen glaubten, zu grenzüberschreitenden Gruppierungen zusammen. [...]" (S.1214-1217)

"Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kam unter europäischen Intellektuellen das Klassifizieren und Vergleichen als wissenschaftliches Verfahren in Mode. Vorschläge wurden gemacht, die Menschheit in Typen einzuteilen. Die vergleichende Anatomie und die Phrenologie, d.h. die Vermessung von Schädeln zwecks Rückschlüssen auf die Intelligenzleistung ihrer Besitzer, gab diesen Bemühungen einen wissenschaftlichen Anstrich nach den Maßstäben der Zeit. Einige Autoren gingen so weit, in bewusster Abkehr von der christlichen Schöpfungslehre die separate Erschaffung der verschiedenen Rassen (Polygenesis) zu postulieren und damit auch die vom Abolitionismus betonte Grundsympathie zwischen Weißen und Schwarzen in Zweifel zu ziehen. [...] Die Klassifikation von Rassen führte zu einer niemals aufgelösten Konfusion, zumal das angloamerikanische Wort  race auch zur Bezeichnung von Nationen benutzt wurde: "the Spanish race" usw. Im Jahre 1888 variierten allein in der US-amerikanischen Literatur die Zahl der unterschiedlichen races zwischen 2 und 63.[...] Die Naturwissenschaftler hatten das Thema niemals aufgegeben, auch wenn einer der Größten unter ihnen, Alexander von Humboldt, ein kompromissloser Gegner allen Rassedenkens blieb." (S.1218 u. 1220)

"Fast ganz Europa (allerdings nicht Finnland) ließ sich von einer Theorie der eigenen «indogermanischen» oder «arischen» Ursprünge faszinieren, die anfangs mehr mit einer gemeinsamen Wurzel seiner Sprachen als mit biologischen Banden zu tun hatte und deren Erfolg in einer verführerisch einfachen Gegenüberstellung von «arisch» und «semitisch" begründet lag. Diese antinomische Denkfigur, durch Wissenschaft geadelt, wurde später im Jahrhundert von Antisemiten aufgegriffen, die damit die nicht-arischen» Juden aus der europäischen Kulturgemeinschaft ausschließen konnten. Der Ariermythos weckte aber auch Widerspruch. So war man in Großbritannien keineswegs von der Aussicht begeistert, mit den Indern verwandt zu sein, zumal nicht nach dem Großen Aufstand von 1857, in dessen Folge man Indien lieber als so «anders» wie möglich sah." (S.1221)

Dominanter Rassismus und seine Gegner

"Für die Zeit seit den 1850er Jahren kann man von einem dominanten Rassismus sprechen. Er war über die westliche Welt einschließlich ihrer Kolonien sehr ungleichmäßig verteilt, fehlte aber nirgends und war eines der einflussreichsten Weltbildmuster der Epoche. [...] Auf «niedere Rassen» mit bestenfalls wohlmeinender Herablassung hinunterzublicken wurde zur Selbstverständlichkeit. Extreme rassistische Äußerungen, wie sie um 1820 undenkbar gewesen waren und um 1960 Skandale verursacht hätten, konnten ungestraft öffentlich getan werden. Die Produktion rassebasierter Weltanschauungen erreichte einen Höhepunkt bei Richard Wagners Schwiegersohn, dem britischen Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, dessen Werk Die Grundlagen des 19.Jahrhunderts (1899), das bald nach seinem Erscheinen in ganz Europa gelesen wurde, einen großen Einfluss auf die nationalsozialistische Rassenideologie gewinnen sollte." (S.1221/22)
"Es gab durchaus Beispiele, dass sich einzelne diesem, wie David Brion Davis sagt, «official racism in Western culture» entzogen. In einer dramatischen Intervention aus Anlass des jamaikanischen Morant-BaySkandals von 1865 stellte sich John Stuart Mill der rassistischen Polemik seines Schriftstellerkollegen Thomas Carlyle entgegen. [...]
Und die Soziologie als neu entstehende Wissenschaft stand mit ihren Gründern Emile Durkheim, Max Weber, Georg Simmel und Vilfredo Pareto von Anfang an in Opposition gegen den Zeitgeist, indem sie keine biologischen und genetischen Faktoren in ihren Erklärungen akzeptierte." (S.1222)

Staat, Fremdenpolitik und Rassismus

Ein weiteres Merkmal des dominanten Rassismus seit den 1860er Jahren war seine Verstaatlichung. Ältere Rassismen hatten den Charakter persönlicher Haltungen gehabt. Der dominante Rassismus seit den 1860er Jahren hingegen besaß die immanente Tendenz, sich als Rassenordnung verwirklichen zu wollen. [...]
Neu war im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts, dass Regierungen von Nationalstaaten und, in schwächerer Form, Imperien ihre Aufgabe darin sahen, für die kulturelle Homogenität und ethnische «Reinheit» innerhalb ihrer Grenzen zu sorgen. Dies geschah in unterschiedlichen Formen und mit unterschiedlicher Intensität. Die Freizügigkeit über Staatsgrenzen hinaus war in Europa während der ersten beiden Drittel des 19.Jahrhunderts hinaus für Angehörige der unteren Schichten deutlich gestiegen. Viel Passzwang verschwand. Gegen Ende des Jahrhunderts kehrte sich dieser Trend um. Pässe und Passkontrollen wurden eingeführt, Papierwände unterschiedlicher Höhe um die Nationalstaaten errichtet. Großbritannien blieb eine liberale Ausnahme. Die Bürger des Vereinigten Königreichs hatten vor dem Weltkrieg keine Personalausweise. Sie konnten ihr Land ohne Pass oder behördliche Genehmigung verlassen und ihr Geld unbehindert in fremde Währungen umtauschen. Umgekehrt wurden Ausländer nicht daran gehindert einzureisen und konnten ihr Leben auf der Insel verbringen, ohne sich bei der Polizei zu melden. [...]
 Die innere Konsolidierung von Nationalstaaten erforderte, dass die Frage der Zugehörigkeit zum nationalen «Staatsvolk» energischer gestellt werden musste. Die Wiedereinführung von Schutzzöllen auf dem Kontinent in den späten 1870er Jahren zeigte, wie Regierungen auf einem anderen Gebiet Ströme über ihre Staatsgrenzen hinweg zu regulieren vermochten. Bei Menschen stellte sich die Frage, wer als «unerwünscht» ausgeschlossen und wer auf welchem Platz in einer Skala der Einbürgerungswürdigkeit platziert werden sollte. " (S.1223/24)

Weder in Frankreich noch in Deutschland entstanden vor 1914 Rassestaaten.
"Nicht in Europa, sondern in den Abwehrrassismus demokratischen Einwanderergesellschaften Nordamerikas und Ozeaniens wurde ein Abwehrrassismus politisch mehrheitsfähig. Er richtete sich vornehmlich gegen Asiaten." (S.1224)
"Vor allem in Kalifornien kam es zu pogromartigen Übergriffen mit Toten und Verletzten. 1882 setzten sich die Anhänger eines Immigrationsverbots auf Bundesebene schließlich durch. Der Kongress beschloss einen Chinese Exclusion Act, der die Einwanderung von Chinesen für zunächst zehn Jahre so gut wie unterband. (S.1225)
Vergleichbare Entwicklungen vollzogen sich in Australien und auf dem amerikanischen Kontinent sowie in Südafrika..
"Die offizielle Unterstützung einer White Australia-Politik war aber noch größer als vergleichbare Tendenzen in den USA. Ungefähr ein volles Jahrhundert lang, von den 1860er bis zu den 1960er Jahren, verfolgten die australischen Kolonien und später die Föderation eine Politik der Verhinderung einer Masseneinwanderung von Nicht-Weißen. [...] ab 1901 wurde die Zuwanderung extrem erschwert. 1910 ging Kanada zu einer White Canada-Politik über. Paraguay hatte schon 1903 ein scharfes Einwanderungsgesetz erlassen und die Kolonie Natal in Südafrika 1897 den Zuzug von Indern zu unterbinden versucht, in diesem Fall zugunsten der afrikanischen Bevölkerung." (S.1225)
"Damals wurde zum ersten Mal ein Widerspruch im US-amerikanischen Selbstbewusstsein deutlich, der heute noch erkennbar ist: Die Vereinigten Staaten, die sich dank ihrer allumfassenden Überlegenheit als Retter der Völker der Welt sehen, werden gleichzeitig von der Furcht beherrscht, durch eben diese Völker infiziert und ruiniert zu werden." (S.1226)
Nicht-westlicher Rassismus: China: "Dem Land war 1860 die Freizügigkeit für Ausländer aufgezwungen worden. Es gab daher in China zwar reichlich Anlass für Vorbehalte gegen Ausländer, aber keine Grundlagen für einen abwehrenden Rassismus." (S.1226) "Das kaiserliche China kannte "Barbaren"-Stereotype aller Art und registrierte auch körperliche Besonderheiten der verschiedensten Fremdvölker, denen man an den Grenzen des Reiches begegnete. Doch wurde der Barbar durchweg als ein ohne eigenes Verschulden kulturell defizientes Wesen betrachtet, als Kandidat für wohlwollende Zivilisierung. Der Weg von kultureller zu biologischer Fremdheit war im Denken des traditionalen Chinas versperrt. [...] Dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts westliche Rasselehren in China bekannt wurden, war eine Voraussetzung für die Entstehung eines chinesischen Rassismus, die andere war die endgültige Zerstörung eines sinozentrischen Weltbildes durch die als katastrophal empfundene militärische Niederlage gegen Japan 1895." (S.1227)
"Grenzenlos mobil wurden Rassediskurse erst, als sie im universalistischen Idiom der (Natur-)Wissenschaft formuliert wurden und damit die Aura objektiver Unanfechtbarkeit annahmen. Solche Mobilität wiederum setzte das einzigartige Meinungsklima der Jahrhundertwende voraus, als sogar schwarze amerikanische Bürgerrechtler und (Proto-)Panafrikanisten wie selbstverständlich in Kategorien "rassischer" Verschiedenheit dachten und ihre politischen Projekte auf die angenommene Einheitlichkeit einer, wie es damals hieß, "negro race" stützten. (S.1228)

4. Antisemitismus
"Vor allem in Deutschland und Frankreich wurde die Emanzipation der Juden als ein staatlich gelenkter Prozess ihrer «Zivilisierung» und Integration gesehen. Durch ein solches Zusammenwirken innerer und äußerer Antriebe wurde ein wachsender Teil der Bevölkerung jüdischen Glaubens in den Stand gesetzt, von den neuen wirtschaftlichen Chancen in einem sich modernisierenden Europa zu profitieren." (S.1229)
"Nie zuvor hatten sich Juden in Westeuropa so sicher fühlen können wie in den mittleren Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts. Sie standen jetzt nicht, wie frühneuzeitliche «Hofjuden», unter dem persönlichen Schutz launischer Fürsten, sondern unter dem Schutz des Rechts." (S.1230)
Aufstieg des Antisemitismus
 Antisemitische Agitation gab es in Ungarn, Österreich und in Russland.  "Gewalttätiger als anderswo äußerte sie sich im Zarenreich, in dessen polnischem Teil die Mehrzahl der europäischen Juden lebten. Hier war eine besonders widersprüchliche Situation entstanden. Einerseits war eine große Zahl der osteuropäischen Juden von der innerjüdischen Reformbewegung nicht berührt worden [...] Andererseits gab es im Zarenreich wenige sehr erfolgreiche, dem Klischee vom "Plutokraten" entsprechende jüdische Unternehmer, und in der Führung der nun entstehenden revolutionären Gruppierungen spielten Juden eine herausgehobene Rolle. Dies machte den Osten zu einem Nährboden eines rabiaten, eher sozial und anti-modernistisch als biologisch-rassistisch begründeten Antisemitismus." (S.1231) "Am Ende des 19.Jahrhunderts war der Westen des Zarenreiches für Juden die gefährlichste Gegend der Welt." (S.1232)
Sonderfall kontinentales Europa
"Bis zum Ersten Weltkrieg genossen die Juden den Schutz des osmanischen Staates, der sie seinerseits als seine Stützen betrachten konnte. Gefährlich für sie war ein christlicher Antisemitismus, der sich fast immer bemerkbar machte, sobald im 19.Jahrhundert die osmanische Herrschaft zurückgedrängt wurde: in Serbien, Griechenland, Bulgarien oder Rumänien. Anti-jüdische und anti-rnuslimische Gewalt steigerte sich hier in enger Parallelität. Die Juden in den neuen Balkanstaaten waren Verfolgungen durch ihre christlichen Nachbarn, durch Behörden und Kirchen ausgesetzt; vor allem die Griechisch-orthodoxe Kirche tat sich dabei hervor. Juden waren vielfach in die Finanz- und Fernhandelsnetze der osmanischen Ökumene eingebunden. Wenn Gebiete aus solchen Verflechtungen ausschieden und sich als insulare Bauernstaaten neu konstituierten, war die wirtschaftliche Existenz dieser Teile der jüdischen Bevölkerung bedroht. [...]
Auf dem Berliner Kongress diktierten 1878 die Großmächte den Balkanstaaten Schutzklauseln zugunsten nicht-christlicher Minderheiten. Da keine Großmacht bereit war, Juden in ferneren Ländern tatkräftig zu verteidigen, war dies nicht mehr als eine Drohung auf dem Papier, aber immerhin die Erfindung des neuen völkerrechtlichen Instruments des Minderheitenschutzes, das die Möglichkeit denkbar machte, nationale Souveränität im Namen der Menschenrechte einzuschränken." (S.1233)
" In Japan, wo man auch die Torheiten Europas kopierte, findet sich ein imitatorischer Antisemitismus ohne physisch präsente Juden. Die 1924 übersetzten Protokolle der Weisen von Zion bekräftigten vorhandene Verschwörungsängste und nährten einen xenophoben Nationalismus, den kleine Kreise in Japan seit längerem gepflegt hatten. Hier erschienen die Juden als Komplizen eines Westens, der angeblich Japan sein Lebensrecht bestritt. In China war die Reaktion umgekehrt. Dort machte erst die Übersetzung von Shakespeares Merchant of Venice im Jahre 1904 einen europäischen Typus des
Juden weithin bekannt, allerdings mit Sympathie als leidendes Opfer betrachtet und zur weltweiten Solidarität unter den Unterdrückten einladend." (S.1234/35)
Antisemitismus und Rasseordnungen
"Vor dem Ersten Weltkrieg argumentierte der Antisemitismus nicht überwiegend rassistisch. [...] Der Antisemitismus in Europa westlich von Polen war ebenso wie die Aggression gegen Afroamerikaner im Süden der USA nach dem Bürgerkrieg eine post-emanzipatorische Erscheinung. Er fügt sich in den Zusammenhang verschärfter Grenzziehungen zwischen «Zugehörigen» und «Fremden», nationalen Mehrheiten und wandernden oder kosmopolitischen Minderheiten. [...Rassisten suchten daher die Abgrenzung, nicht die Beseitigung der Fremden...]  Vor dem deutschen Vernichtungskrieg in Osteuropa nach 1941 hat es in der Geschichte von Imperialismus und Kolonialismus keine Fälle gegeben, in denen Herrschaft über andere Völker zum Zwecke ihrer rassistisch motivierten Bedrängung oder gar Ermordung angestrebt wurde. Kolonialismus hat immer seinem eigenen Programm nach irgendeine konstruktive Note gehabt. Zivilisierungsmission, nicht aber Rassismus ist im 19.Jahrhundert ein starker Motor für koloniale Expansion gewesen." (S.1236)
"Es führte kein direkter Weg vom Antisemitismus vor 1914 zur Judenpolitik des Nationalsozialismus nach 1933." (S.1238)

Zum Versuch der Identifikation von Rassen:
"The reality is that most races were identified on cultural or linguistic grounds, or simply on account of educated intuition, not biology." (Human races: biological reality or cultural  delusion? 14.8.2014)


Mittwoch, 9. März 2016

Im 18. und in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Sterblichkeit in Städten höher als auf dem Land

"Die Sterblichkeit der Menschen nimmt umso mehr zu, je größer deren Zusammenrottung ist, und das dadurch verursachte Sitten-Verderbniß hat den größten Antheil daran; die Krankheiten der Menschen werden durch nahes Beysammenwohnen derselben, unterhalten und leichter fortgepflanzet. und jede Seuche ist um so tödlicher, je häufiger die Städte in einem Lande sind."
(Johann Peter Frank: System einer vollständigen medicinischen Polizey [...] Mannheim 1779, S.25)

"Ich habe schon an einem andern Orte bewiesen, [...] daß die Sterblichkeit immer umso größer ist, je geringer das Verhältniß des bewohnten Raumes zur Bevölkerung ist."
(Bayerischer National-Korrespondent zur Besprechung des Gemeinwohls der Bewohner Bayerns und angränzender Länder, 1832, S.268)

"Noch im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts machten in der Berliner Dorotheenstadt Kinder bis fünf Jahren mehr als die Hälfte aller erfassten Toten aus. Diphterie, Scharlach, Masern oder Keuchhusten trugen ebenso wie Pockenepidemien ihren Teil dazu bei."
(Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert, 2015, S.812 unter Berufung auf Ute Frevert: Die Krankheit als politisches Problem 1770-1880, Göttingen 1984, S.26)

Zur weiteren Entwicklung:
Niedergang und Wiederaufstieg öffentlicher Gesundheitsverhältnisse
"Sobald neues Wissen über epidemische Zusammenhänge sowie die Technologie, dieses Wissen umzusetzen, bereitstanden, verloren die großen Städte ihre 'Übersterblichkeit'  und wurden gesündere Lebenswelten als das platte Land."  Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, 2009, S.265

Zu Johann Peter Frank: System...:
Im Laufe des 18. Jahrhunderts häuften sich kritische Stimmen seitens der Ärzteschaft. Die Vertreter der medizinischen Aufklärung prangerten vor allem das zu feste Wickeln an – eine, wenn man den Autoren Glauben schenken darf, sehr verbreitete Unsitte. Johann Peter Frank forderte daher 1786 in seinem „System einer Medicinischen Polizey“, dass junge Ehepaare „bey dem der Verehelichung vorauszuschickenden Unterricht“ auch über das richtige Wickeln belehrt werden sollten. (sieh: Fatschenkind)

Sonntag, 19. April 2015

Frontiers - Landnahme im 19. Jahrhundert

"Das extreme Gegenteil der Stadt ist im 19.Jahrhundert nicht länger das 'Land', die Lebenssphäre der erdgebundenen Ackerbauern.
Es ist die Frontier [...] : die bewegliche Grenze der Ressourcenerschließung. Sie wird in Räume vorangetrieben, die selten so 'leer' sind,  wie die Aktivisten der Expansion sich und anderen einreden. Aus der Sicht derer, auf die sich die Frontier zubewegt, ist sie die Speerspitze einer Invasion. [...]
Beide, Stadt wie Frontier, haben aber auch etwas gemeinsam: Sie sind die großen Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts. Als die Räume erträumter Möglichkeiten ziehen sie Migranten an wie nichts sonst in der Epoche. Gemeinsam ist der Stadt wie der Grenze die Durchlässigkeit und Formbarkeit der sozialen Verhältnisse. Wer nichts hat, aber einiges kann, mag es hier zu etwas bringen." (S.465)
"Das 20. Jahrhundert ist insgesamt gekennzeichnet durch intensivere, also weniger raumgreifende Nutzung von Potenzialen. Die Zerstörung tropischer Regenwälder sowie die Überfischung der Meere setzen allerdings das frühere Muster extensiver Ausbeutung auch noch in einem Zeitalter fort, [...]" (S.466)
Osterhammel lenkt in diesem Kontext verständlicherweise seinen Blick nicht auf die noch ausgreifendere Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen, wie sie von der Nutzung fossiler Energien und recyclingarmen Nutzung von Rohstoffen im 20. und 21. Jahrhundert weltweit geschieht. Dazu Naomi Klein
"Daneben gingen vergleichbare Prozesse etwa auch von Chinesen und einigen Völkern im tropischen Afrika aus. Migrationsbewegungen zur burmesischen Reisgrenze oder zur plantation frontier [vgl. dazu das Beispiel Jamaika; F.] in anderen Teilen Südostasiens waren eine Folge neuer Exportchancen auf internationalen Märkten. Mit der landnehmenden Kolonisierung verbanden sich extrem unterschiedliche Erfahrungen, die sich auch in der Geschichtsschreibung spiegeln. Auf der einen Seite standen die aktiven Kolonisten, die mit ihren Wagentrecks - so verstanden sie sich selbst - in die 'Wildnis' hinauszogen, dort neben ihrer Viehwirtschaft 'herrenloses' Land urbar machten und die Errungenschaften der 'Zivilisation' einführten." (S.466)
"Bereits James Fenimore Cooper [...] hatte in seinen Lederstrumpf-Romanen [...] die Tragik des indianischen Untergangs beschworen. In die amerikanische Geschichtsschreibung fand eine solch düstere Sicht erst im frühen 20. Jahrhundert vereinzelt Eingang." (S.467)
"Wer nicht rücksichtslos verfolgt wurde, den unterzog man Prozeduren der 'Zivilisierung', die auf der völligen Entwertung der traditionellen einheimischen Kultur beruhten. In diesem Sinne entstanden bereits im 19. Jahrhundert jene 'traurigen Tropen', über die Claude Levi-Strauss 1955 bewegend geschrieben hat." (S.468)
Nach 1945: "Die beginnende Anerkennung von außen schuf den betroffenen Minderheiten auch neue Möglichkeiten der eigenen Identitätsbildung. An der Grundtatsache der Marginalisierung ihrer Lebensformen ließ sich jedoch nichts mehr ändern." (S.468)
"Der junge Historiker Frederick Jackson Turner prägte ihn 1893 in einem Vortrag, der wahrscheinlich bis heute der einflussreichste Text der amerikanischen Geschichtsschreibung ist. Turner sprach von einer 'Frontier', die sich immer weiter von Ost nach West vorangeschoben habe und in seiner Gegenwart zum Stillstand und Ende (closure) gekommen sei." (S.469)
"McNeill sieht die Frontier als ambivalent: zum einen durchaus als politische und kulturelle Bruchlinie, zum anderen aber auch als Öffnung von Freiräumen, wie sie die stärker strukturierten Gesellschaften stabil besiedelter Kernzonen nicht zuließen. Zum Beispiel war die Stellung der Juden, die oft in Grenzgebieten siedelten, deutlich besser als unter weniger flüssigen Verhältnissen.
[...]
Eine Frontier ist ein sich großräumig, also nicht bloß lokal begrenzt manifestierender Typus einer prozesshaften Kontaktsituation, in der auf einem angebbaren Territorium (mindestens) zwei Kollektive unterschiedlicher ethnischer Herkunft und kultureller Orientierung meist unter Anwendung oder Androhung von Gewalt Austauschbeziehungen miteinander unterhalten, die nicht durch eine einheitliche und überwölbende Staats- und Rechtsordnung geregelt werden. Eines dieser Kollektive spielt die Rolle des Invasoren. Das primäre Interesse seiner Mitglieder gilt der Aneignung und Ausbeutung von Land und/oder anderen natürlichen Ressourcen. [...] Der Siedler ist weder Soldat noch Beamter. Die Frontier ist ein manchmal lange andauernder, doch prinzipiell flüchtiger Zustand von hoher sozialer Labilität." (S.471)
"Auf der Seite der Invasoren werden je nach Bedarf drei Rechtfertigungsmuster einzeln oder in Kombination herangezogen:
• das Recht des Eroberers, das eventuell vorhandene Besitzrechte der anderen Seite für nichtig erklärt;
• die schon bei den Puritanern des 17. Jahrhunderts beliebte Doktrin der terra nullius, welche Land, das von Jägern und Sammlern oder von Hirten bevölkert ist, als 'herrenlos', frei akquirierbar und kultivierungsbedürftig betrachtet;
• die oft erst später als sekundäre Ideologisierung hinzukommende Vorstellung eines zivilisierenden Missionsauftrags gegenüber den 'Wilden'." (S.472)
"Frontiers können sich nur dort über die erste Invasionsphase hinaus halten, wo, erstens, keine klaren Territorialgrenzen Invasionen und Frontier-Prozesse (borders) gezogen werden und wo, zweitens, die Durchstaatlichung rudimentär oder lückenhaft bleibt. Von der Warte der Frontier ist der 'Staat' verhältnismäßig fern. Die Grenzen von Imperien sind typischerweise Frontiers, doch sie sind es nicht immer. Sobald Imperien nicht länger expandieren, sind Frontiers, sofern es sie noch gibt, keine Zonen potenzieller Einverleibung, sondern eher offene Flanken in der Sicherung vor äußeren Bedrohungen." (S.472/73)
"Im britischen Empire des 19.Jahrhunderts war die Nordwestgrenze Indiens eine solche neuralgische Verteidigungszone, die besondere Arten der Kriegführung. an erster Stelle mountain warfare mit leichter Bagage in unübersichtlichem Gelände, erforderlich machte; die Russen im Kaukasus und die Franzosen in Algerien führten ähnliche Grenzkriege. Im Unterschied dazu bot die Nordgrenze Britisch-Indiens keine Sicherheitslücke dieser Art. Sie war eher eine in umständlichen Verhandlungen zwischenstaatlich vereinbarte Staatengrenze, also border. nicht frontier. [...]
Dort, wo zwei oder mehrere Kolonialmächte mit ihren modernen Begriffen von territorialer Staatlichkeit sich Gebiete streitig machten, sollte man nicht von Frontiers, sondern von 'Grenzländern' sprechen. Nach einem von dem Turner-Schüler Herbert Eugene Bolton vorgeschlagenen Konzept versteht man unter solchen borderlands 'umstrittene Grenzgebiete zwischen kolonialen Sphären'. In solchen borderlands hatten die Einheimischen andere Handlungsmöglichkeiten als an einer Frontier, konnten sie doch in gewissem Maße die rivalisierenden Invasoren gegeneinander ausspielen und die verschiedenen Grenzlinien überqueren. Sobald aber einmal eine Einigung zustande gekommen war, ging sie auf Kosten der Lokalbevölkerung. Im Extremfall wurden ganze Völker über die Grenze deportiert, oder es wurden Transfers ausgehandelt, so schon im 18. Jahrhundert an der Grenze zwischen dem Zarenreich und dem Qing-Imperium." (S.473)
"Frontiers sind stets turbulent und stellen daher unweigerlich eine Bedrohung für das dar, was für das Imperium in der Zeit nach der Eroberungsphase das höchste aller Güter sein muss: Ruhe und Ordnung. [...] Die interessanteste neue Bedeutung, die der Frontier-Begriff in der letzten Zeit gewonnen hat, ist die ökologische. [...] Man kann allgemeiner von Frontiers extraktiver Ressourcenausbeutung sprechen. Hier geht es um ökonomische, aber zur gleichen Zeit auch um ökologische Zusammenhänge. [...] Man kann nicht über Frontiers sprechen und dabei von Ökologie schweigen." (S.474)
Überschreitung und Verstaatlichung
"(1) Als 'Transfrontier-Prozesse' bezeichnet man Bewegungen von Gruppen über ökologische Grenzen hinaus. Ein gutes Beispiel dafür sind die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auftretenden Treckburen in Südafrika. Als fruchtbare und leicht zu bewässernde Böden am Kap knapp wurden, gaben viele afrikaanssprachige Weiße eine intensive Landwirtschaft europäischen Stils auf und übernahmen eine semi-nomadische Lebensweise. Einige von ihnen, man schätzt ein Zehntel, schlossen sich afrikanischen Gemeinschaften an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten Leute gemischter Abstammung als griquas ihre eigenen Sozialverbände, Städte und sogar staatsähnliche Strukturen (Griqualand East und West). Auch in Südamerika traten solche transfrontiersmen auf, allerdings nicht unter Mangelbedingungen, sondern dort, wo ein Überfluss an Tieren die Jagd auf Vieh und Pferde erlaubte. Sonst aber bestanden große Ähnlichkeiten zwischen Afrika und Amerika, vor allem waren diese grenzüberschreitenden Gemeinschaften im Binnenland von außen so gut wie nicht regierbar. [...]
(2) Die Verstaatlichung von Frontiers: [...] Der allgemeinste Beitrag von Regierungen zur Frontier- Kolonisation lag schon in der frühen Neuzeit darin, dass sie die faktische Okkupation von Land pauschal legalisierten und dabei gleichzeitig die Eigentumsansprüche der Einheimischen rundweg
bestritten." (S.476)
Wilder Westen in Nordamerika
"So war der kalifornische Goldrausch die größte zusammenhängende Migrationsbewegung in der Geschichte der USA. Allein im Jahr 1849 strömten 80000 Menschen nach Kalifornien, 1854 lebten dort 300 000 Weiße. Eine ähnliche Dimension hatte 1858 der weniger bekannte gold rush nach Colorado. [...] Die Region der eigentlichen Frontier lag also zwischen einer seit langem dynamischen Ostküste und einem aus anderen Ursachen wirtschaftlich aufstrebenden Landesteil am anderen maritimen Rand des Kontinents. Sie war buchstäblich eine 'Mitte'. (S.478)
"Die Franzosen hatten im 18.Jahrhundert viel mehr als Engländer und Schotten eine Art von modus vivendi mit den Indianern erreicht. Auch im Verhältnis von Spaniern und Pueblos im heutigen New Mexico war es unter den Bedingungen eines ungefähren Machtgleichgewichts zu einer langfristig stabilen frontier of inclusion gekommen. Dies wiederholte sich im Machtbereich der USA nicht. Die charakteristische Form der Behandlung der Einheimischen [...] war das Reservat. [...] Nach dem Bürgerkrieg und vollends nach dem Ende der Indianerkriege in den 1880er Jahren wurde das System zahlreicher verstreuter Sondergebiete zur allgemein praktizierten Norm. An keiner anderen Frontier - gewisse Ähnlichkeiten bestehen mit dem Homeland-System im Südafrika des 20. Jahrhunderts - erlangte diese umzingelnde Ausgrenzung der Urbevölkerung eine ähnliche Bedeutung. [...]
Als wissenschaftliches Konzept wie als populärer Mythos war die Frontier schon lange, bevor Turner ihr einen Namen gab, das große integrierende Thema einer nationalen Geschichtskonstruktion." (S.479)
"Die Erschließung des Westens wurde und wird als die spezifisch nordamerikanische Form der Nationsbildung gesehen. Integrierend wirkt das Thema auch deshalb, weil nahezu jede nordamerikanische Region irgendwann einmal in ihrer Geschichte ein 'Westen' gewesen ist." (S.480)
"Mit süd- oder ostasiatischen Augen gesehen, werden amerikanische Eigenarten noch deutlicher: grenzenlose Verwunderung angesichts eines solchen Überflusses an fruchtbarem Land. In vielen Teilen Asiens waren bereits um 1800 fast alle hochproduktiven Gegenden besiedelt und genutzt und die Landreserven aufgebraucht." (S.481)
Indianer
"Wie zuvor schon in der Karibik, in Mittel- und Südamerika, so nahm auch die Zahl der nordamerikanischen Ureinwohner als Folge der europäischen Invasion deutlich ab. Der generelle Vorwurf eines weißen Genozids an den Indianern ist übertrieben. Gewiss wurden aber einige amerikanische Ethnien ausgelöscht, und es gab dramatische regionale Einbrüche, an erster Stelle in Kalifornien. Dort hatten am Beginn der spanischen Besiedlung um 1769 ca. 300 000 Einheimische gelebt, am Ende der spanischen Periode um 1821 noch ca. 200 000. Nach dem Goldrausch waren 1860 von ihnen nur noch 30 000 übrig geblieben. Krankheit, Hunger und vielfach sogar Mord - ein führender Historiker hat von einem 'Programm systematischen Abschlachtens' gesprochen - hatten diesen drastischen Rückgang verursacht." (S.481)
"Bei den Indianern fällt zunächst ihre große Diversität auf. Eine einheitliche indianische Lebensweise gab es nicht, auch keine gemeinsame Sprache, so dass die militärische Koordination im Widerstand gegen die Weißen sehr erschwert war. [...] Solange Indianer als Bundesgenossen der Europäer begehrt waren, gelang es indianischer Politik häufig, die Weißen - Briten, Franzosen, Spanier und rebellische Kolonisten - gegeneinander auszuspielen. Dies war nach dem Britisch-amerikanischen Krieg von 1812 kaum noch möglich. [...] Gemeinsam war den meisten Indianern, dass sie von einer technologischen Revolution berührt worden waren. Nicht anders kann man die Einführung von Pferden als Last- und Reittieren bezeichnen, die um 1680 vom spanisch kolonisierten Süden Nordamerikas ausgegangen war. Mit dem Pferd kamen die Feuerwaffen, zunächst durch die Franzosen mitgebracht, um ihre indianischen Bundesgenossen gegen die Spanier zu bewaffnen. Pferd und Muskete veränderten in radikaler Weise das Leben von Zehntausenden, die noch nie einen weißen Mann gesehen hatten. [...] um 1800 hatten so gut wie alle Indianer westlich des Mississippi ihre Lebensweise auf das Pferd eingestellt. Ganze Völker erfanden sich neu als Zentauren." (S.482)
"[...] die indianische Landwirtschaft hatte im Rahmen einfacher Technologie (kein Pflug, keine Düngung) eine hohe Leistungsfähigkeit erreicht, von der anfangs auch die Euro-Amerikaner profitierten. Um 1830 waren die Großen Ebenen so stark bevölkert wie niemals zuvor. Man hat geschätzt, dass sich damals 60000 Indianer, 360 000 bis 900 000 gezähmte Pferde, 2 Millionen Wildpferde, 1,5 Millionen Wölfe und bis zu 30 Millionen Bisons diesen riesigen Lebensraum teilten.
Erst das Pferd erlaubte die vollständige Erschließung der Ebenen zwischen Mississippi und Rocky Mountains, 300 Kilometer von Ost nach West und 1500 Kilometer von Norden nach Süden sich erstreckend. Das Pferd wirkte als Energietransformator. Es verwandelte die im Grasland gespeicherte Energie in Muskelkraft, die - anders als diejenige nicht domestizierbarer Großtiere - menschlicher Führung gehorchten." (S.483)
"Erst durch ihre Pferd-Bison-Kultur wurden die Indianer der Großen Ebenen zu wahrhaften Nomaden. [...] Das stereotype Bild der Indianer als virtuose Kampfreiter trifft erst für die letzte Phase ihrer freien Existenz zu. Innerhalb von drei oder vier Generationen entwickelte sich die berühmte indianische Pferdekunst, [...] Über den Pelzhandel, den man deshalb nicht verklären sollte, machten die Indianer aber auch erste Bekanntschaft mit Alkohol, einer Droge, die - wie einige Jahrzehnte später das Opium in China - den Zusammenhalt und die Widerstandskraft ihrer Gemeinschaften stark schwächen sollte. Die Pferd-Bison-Kultur verstärkte die Verbindungen zu äußeren Märkten." (S.484) Eine 'Ernte' von 6 bis 7 Tieren pro Person und Jahr war möglich (wie man heute weiß), ohne die Reproduktion der Tiere zu gefährden. Alles, was darüber hinausging, bedeutete Raubbau.
Die Lebensgrundlagen der Plains Indians, die auf den Nachfragestimulus ökonomisch rational, aber ökologisch unvernünftig reagierten, verschwanden zusehends. [...] Weiße Jäger schalteten sich in das Geschäft ein und veranstalteten einen Massenmord an Bisons, wie ihn die Indianer niemals praktiziert hatten. Der durchschnittliche euro-amerikanische Bisonjäger schoss täglich ca. 25 Tiere. Zwischen dem Ende des Bürgerkrieges und den späten 1870er Jahren fiel die Zahl der Bisons auf den Großen Ebenen von 15 Millionen auf wenige hundert Exemplare. Profitinteresse wurde zynisch durch das Argument verschleiert, man wolle durch Vernichtung der natürlich gewachsenen, 'wilden' Bisonherden der 'zivilisierten' Rinderwirtschaft Raum schaffen und zugleich die Indianer zur Aufgabe ihrer «barbarischen» Lebensweise zwingen. Um 1880 war die Pferd-Bison-Kultur der Großen Ebenen vernichtet. [...]
War es für die Indianer ein Vorteil oder ein Unglück, dass die Siedler ihre Arbeitskraft nicht in systematischer Weise benötigten? Sie entgingen möglicherweise einem Schicksal von Zwangsarbeit und Versklavung, wurden dafür aber sozial marginalisiert." (S.485)
Siedler
"Jeffersons Ideal für den Osten wie für den Westen der USA war der Farmer als Kleinunternehmer [...] Dies blieb auch noch für die Besiedlung des Westens im r9. Jahrhundert weithin ein Idealbild, vom Staat immer wieder gesetzlich unterstützt, mit besonderem Nachdruck r862 durch Präsident Abraham Lincolns Homestead Act, der als sozialpolitischer Gegenentwurf zur Sklaverei der Südstaaten gemeint war. Dieses Gesetz gab jedem erwachsenen Bürger, der Oberhaupt einer Familie war, das Recht auf nahezu kostenfreie Zuteilung von r60 acres (ca. 65 Hektar) öffentlichen Landes im Westen, sofern dieses Land fünf Jahre lang kontinuierlich bearbeitet worden war. Die Realität sah nicht selten
anders aus. Zahlreiche Familien aus dem städtischen Osten, die zunächst homesteads in Anspruch genommen hatten, gaben das Land wieder auf, das vielfach in die Hände von Spekulanten fiel. Überhaupt ist der Makler und Bodenspekulant eine ebenso charakteristische Figur der Frontier wie
der karge und raubeinige Pionier." (S.487)
"Die Frontier lässt sich also nicht auf eine «binäre» Konfrontation zwischen Weißhäuten und Rothäuten reduzieren. Bei den Siedlern machten sich ähnliche Hautfarbenhierarchien bemerkbar
wie im städtischen Raum. [...] Land war keineswegs so frei verfügbar, wie die Ideologie es versprach. Um gutes Land wurde immer konkurriert, [...] (S.489)
Wenn die Mythologie der Frontier von der «grenzenlosen» Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen schwärmt, dann muss dem entgegengehalten werden, dass eine Ressource von Anfang an knapp war: Wasser." (S.490)
Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen." (S.490)

Fortsetzung unter: Wilder Westen in Nordamerika und Frontier in Südamerika und Südafrika


Montag, 16. März 2015

Wissen (Osterhammel in: Die Verwandlung der Welt)

"'Wissen' ist eine besonders flüchtige Substanz. Als gesellschaftliche Größe, unterschieden von den verschiedenen Wissensbegriffen der Philosophie, ist es die Erfindung einer kaum hundert Jahre alten Wissenschaft, der Wissenssoziologie. Sie rückte das, was in der idealistischen Philosophie 'Geist' genannt worden war, in die Mitte der Gesellschaft, setzte es in Beziehung zu Lebenspraktiken und sozialen Lagen.
'Wissen' ist ein etwas enger gefasster Begriff als der alles umgreifende Begriff der 'Kultur'. [...] 'Wissen' bezieht sich in diesem Kapitel auf kognitive Ressourcen, die der Lösung von Problemen und der Bewältigung von Lebenssituationen in der realen Welt dienen. [...] Zumindest in Europa und Nordamerika kam damals ein rationalistisches und instrumentelles Verständnis von Wissen auf." (S.1105)

"Im 19. Jahrhundert wurde der alte Begriff der 'Wissenschaft' erstmals durch Aspekte angereichert, die wir heute fest mit ihm verbinden. Die Fächersystematik, wie sie immer noch verwendet wird, geht erst auf diese Epoche zurück. Moderne institutionelle Formen der Gewinnung und Verbreitung von Wissen wurden geschaffen: die Forschungsuniversität,
das Labor, das geisteswissenschaftliche Seminar. Die Beziehungen zwischen der Wissenschaft und ihren Anwendungen in Technik und Medizin wurden enger. Die Herausforderungen, die von der Wissenschaft für religiöse Weltbilder ausgingen, erhielten ein größeres Gewicht. Manche Disziplinbezeichnungen wie 'Biologie' - ein zuerst im Jahre 1800 verwendeter Terminus - oder 'Physik' setzten sich erst jetzt durch. Der 'Wissenschaftler' (auch dies ein neu geschaffenes Wort, in der englischen Fassung scientist 1834 geprägt) wurde zu einem eigenständigen sozialen Typus, der sich trotz mancher Überlappungen vom 'Gelehrten' oder 'Intellektuellen' (auch dies eine Neuschöpfung des
19. Jahrhunderts) unterschied." [...] Der Wissenschaftler sah sich als «Profi», als Fachmann auf einem klar umgrenzten Gebiet, den wenig mit dem wortkünstlerischen, eine breitere Öffentlichkeit ansprechenden, auch politisch engagierten «Intellektuellen» verband. Der Weg zu den «zwei Kulturen» war beschritten, und nur wenige Naturwissenschaftler wie Alexander von Humboldt, Rudolf Virchow oder Thomas H. Huxley suchten und fanden für ihre Ansichten zu außerwissenschaftlichen Fragen Gehör. 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich Regierungen mehr denn je für Wissenschaft zu interessieren; Wissenschaftspolitik wurde zu einem neuen Zweig systematischer Staatstätigkeit. (S.1106)
Zunehmend sah auch die Große Industrie, etwa im Bereich der Chemie, naturwissen-/ schaftliche Forschung als ihre eigene Aufgabe an. (S.1106/07)
"Hatten im 17. und 18. Jahrhundert - bis hin zu Alexander von Humboldt [...] noch manche Heroen der «wissenschaftlichen Revolution» auf der materiellen Grundlage anderer Einkünfte für die Wissenschaft gelebt, so lebte man um 1910 von ihr. [...]  Ebenso wie die moderne, auf der Nutzung fossiler Energie beruhende Industrie in Europa entstand, so auch die heute konkurrenzlos dominierende Wissenschaft. [...] (S.1107) Die Mathematik, die übrigens nach etwa 1875 auch zu einer wichtigen Ausdrucksweise der Wirtschaftswissenschaft wurde, und einige natürliche Sprachen von transkontinentaler Verbreitung garantierten die Mobilität / wissenschaftlichen Sinns. Sprachen sind aber selbstverständlich auch die wichtigsten Vehikel für viele andere Arten von Wissen weit über die organisierte Wissenschaft hinaus. (S.1107/08) Verbreitung und Benutzung von Sprachen sind schließlich auch ein feines Anzeichen für die sich ständig wandelnde Geographie politischer und kultureller Gewichtsverhältnisse. (S.1108)

Weltsprachen
"Um 1910 hatten sich die 'Weltsprachen' [...] in einem Muster über die Erde verteilt, das noch heute weithin gültig ist. Man muss dabei zwei Aspekte unterscheiden [...]. Es ist etwas anderes, ob eine Bevölkerungsmehrheit eine fremde Sprache als ihr wichtigstes
Kommunikationsmedium im Alltag übernimmt,  [...] oder ob eine Sprache 'Fremd'-Sprache bleibt, dabei aber für gewisse funktionell bestimmte Zwecke verwendet wird: Handel, Gelehrsamkeit, religiösen Kultus, Verwaltung oder den transkulturellen Kontakt. Die Expansion von Sprachen wird durch politisch-militärische Reichsbildung erleichtert, ohne zwangsläufig aus ihr zu folgen. So verbreiteten sich in der frühen Neuzeit in Asien das Persische und das Portugiesische, ohne durch territoriale Kolonialherrschaft Portugals und des Irans getragen zu werden. [...] (S.1108) Portugiesisch hielt sich um den Indischen Ozean herum bis in die 1830er Jahre als Verkehrssprache einer multikulturellen Kaufmannskultur. (S.1108/09)  [...]  Bis ebenfalls in die 1830er Jahre spielte Persisch aber noch weiter seine alte Rolle als Verwaltungs- wie auch Händlersprache weit über die Grenzen des Irans hinaus. Beide, Portugiesisch wie Persisch, wurden danach durch das Englische abgelöst, das in Indien 1837 zur allein gültigen Sprache der Verwaltung erhoben und spätestens mit der Öffnung Chinas 1842 zum herrschenden nicht-chinesischen Idiom in den östlichen Meeren wurde. (S.1109)
"Die deutsche Sprache wurde nur in bescheidenem Ausmaß kolonial verbreitet [...]. Sie stärkte aber in der Folge der Reichsgründung von 1871 und des andauernden literarischen
und wissenschaftlichen Ansehens, das sie seit dem 18.Jahrhundert genoss, ihre Stellung in Ostmitteleuropa. Sie blieb Verwaltungssprache des Habsburgerreiches und gehörte bis zum Ende der Zarenzeit neben dem Französischen und dem Lateinischen zu den wichtigsten Sprachen, in denen die gelehrte Welt Russlands kommunizierte. [...] " (S.1109) "Das Russische expandierte in noch viel größerem Maße. Dies war eine unmittelbare Folge der zarischen Reichsbildung und / der kulturellen Russifizierung, die etwa seit der Mitte des 
19. Jahrhunderts mit ihr verbunden war. Russisch war die einheitliche Amtssprache des Imperiums." (S.1109/10) "Anders als die ethnisch extrem heterogene Armee des Habsburgerreiches, bestand das zarische Militär überwiegend aus Russisch sprechenden Soldaten. [...] Vor allem in den baltischen Provinzen im Nordwesten und den muslimischen
Ländern im Süden drang das Russische nicht über die Kreise russischstämmiger Siedler und Verwaltungsbeamter hinaus.
Zu einer Zeit, als die Maßstäblichkeit der französischen Sprache unter den Gelehrten und Gebildeten Europas allmählich zurückging, nahm die Zahl der Französischsprecher im Kolonialreich zu. Daneben hielt sich die frankokanadische Sprachgruppe in der Provinz Quebec, die seit 1763 nicht mehr zum französischen Reich gehörte. [...] In den Staaten, die ehemals zu Frankreichs westafrikanischem Kolonialreich gehörten, ist Französisch heute durchweg Amtssprache (in Kamerun neben Englisch), auch wenn es im Alltagsleben von gerade einmal 8 Prozent der Bevölkerung benutzt werden dürfte. Haiti hält noch zweihundert Jahre nach seiner revolutionären Trennung von Frankreich an Französisch als offizieller Sprache fest." (S.1110)
"So gehörte Französisch seit 1834 zum Trainingsprogramm osmanischer Eliteoffiziere, und in Ägypten behauptete sich auch nach der britischen Okkupation von 1882 in der Oberschicht das Franzö-/sische." (S.1110/11)
"Der größte Globalisierungsgewinner unter den Sprachen war im 19. Jahrhundert das Englische. Schon um 1800 eine in ganz Europa respektierte Sprache der Geschäfte, der Dichtung und der Wissenschaften, [...] war es spätestens um 1920 zur kulturell maßgebenden und geographisch am weitesten verbreiteten Sprache der Welt geworden. Eine grobe Schätzung besagt, dass für den Zeitraum von 1750 bis 1900 bereits die Hälfte der «einflussreichen» Publikationen zu (Natur-)Wissenschaft und Technik auf Englisch erschienen. [...] In Indien und Ceylon verbreitete sich das Englische nicht durch
europäische Siedler und erst recht nicht als Folge einer rabiaten Anglisierungspolitik
der Kolonialmacht, sondern durch eine Verbindung von
kulturellem Prestige und konkreten Karrierevorteilen, die eine Beherrschung
des Englischen ratsam werden ließen. [...] Um die Vorzüge und Nachteile englischsprachiger Erziehung im Vergleich zu einer solchen in den indischen Sprachen war in den 1830er
Jahren zwischen 'Anglizisten' und 'Orientalisten' heftig gestritten worden. Die Anglizisten hatten sich 1835 auf der Ebene der großen Politik durchgesetzt, aber in der Praxis waren pragmatische Kompromisse möglich. Der britische Sprachexport nach Indien war zugleich auch ein freiwilliger Import durch indische Bürger und Intellektuelle" (S.1111)
"Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Englische mit britischen Kolonialadministratoren und Missionaren in Südostasien und Afrika. Im pazifischen Raum (Philippinen, Hawaii) waren US-amerikanische Einflüsse maßgebend. [...]" (S,1112)

Sprachtransfer als Einbahnstraße
"Der chinesische Staat, der in der Qing-Zeit offiziell dreisprachig war (Chinesisch, Mandschurisch, Mongolisch), hatte niemals eine Notwendigkeit verspürt, das Studium europäischer Sprachen zu fördern. Paradoxerweise war dies einer der Gründe für die hohe linguistische Kompetenz der Jesuitenmissionare während der frühen Neuzeit. Viele von ihnen eigneten sich das Chinesische so gut an, dass sie als Dolmetscher in kaiserlichen Diensten bei den Kontakten mit diplomatischen Gesandtschaften aus Russland, Portugal, den Niederlanden und Großbritannien vermittelten. Da die Ex-Jesuiten, die nach der Aufhebung ihres Ordens in China verblieben, kein Englisch konnten, mussten die Äußerungen der englischen Gesandten bei der ersten diplomatischen Kontaktaufnahme 1793 zum Teil erst ins Lateinische übersetzt werden [...]. Als nach 1840 diplomatische Verhandlungen von ganz anderer Tragweite geführt werden mussten, gab es diese Vermittler nicht mehr. China fehlte zunächst jegliches sprachlich geschulte Personal" (S.1112) "Die Qing-Regierung nahm erst nach der Niederlage im Zweiten Opiumkrieg 1860 einen Kurswechsel vor. 1862 wurde in Peking die Übersetzerschule Tongwenguan gegründet [...]. Der wichtigste Transferkanal für Fremdsprachen aber wurden die Missionsschulen und Missionsuniversitäten. [...] 
Nach 1800 wurde der japanischen Regierung erst allmählich klar, dass Niederländisch nicht die wichtigste Sprache Europas sei. Zunehmend wurde nun aus dem Russischen oder Englischen übersetzt. [...] Der neuerliche und intensivierte Import westlichen Wissens in der Meiji-Zeit wurde nur möglich, weil zusätzlich zur Anwerbung westlicher Experten nun systematisch Übersetzerkompetenz aufgebaut wurde." (S.1113)
"Europäische Fremdsprachen wurden im 19.Jahrhundert erst spät und sporadisch in den allgemeinen, staatlich verordneten Bildungskanon / nichteuropäischer Länder aufgenommen, die durchaus nicht selten selbst mehrsprachig waren, also etwa von Gebildeten Kenntnisse im Türkischen, Arabischen und Persischen verlangten. [...] Umgekehrt hat man in Europa niemals daran gedacht, eine nicht-okzidentale Sprache zur Ehre einer 'Schulsprache' zu erheben." (S.1114)

Sprachliche Hybridität: Pidgin
"Die Welt-Sprachen, verstanden als solche Sprachen, mit denen man sich auch außerhalb ihres jeweiligen Ursprungsgebietes verständigte, lagerten meist lose über einer Vielzahl von lokalen Sprachen und Dialekten. Sogar in Indien verstanden noch nach dem Ende der Kolonialzeit höchstens drei Prozent der Bevölkerung Englisch [...]. Vielfach erleichterten vereinfachte Mischformen die Kommunikation. [...] Nicht wenige PidginSprachen waren älter als der Kolonialismus. (S.1114)
Auch nachdem Latein 1713 als Diplomatensprache von Französisch abgelöst worden war, "benutzte man im östlichen Mittelmeer und in Algerien weiter die lingua franca (Sprache der Franken), eine Art von Pidgin-Italienisch.  In anderen Teilen der Welt, etwa in der Karibik und in Westafrika, entwickelten sich Kreolsprachen zu eigenständigen Sprachsystemen."  (S.1114)  
"'Pidgin'-Englisch, / zunächst Canton jargon genannt, war in einem langsamen Prozess seit
etwa 1720 als Zweitsprache an der südchinesischen Küste entstanden." (S.1114/15) 
"Wie in Indien auch, so bedeutete die anspruchsvolle Kommunikation in einer europäischen Sprache weniger die Unterwerfung unter einen linguistischen Imperialismus als einen wichtigen Schritt zu kultureller Anerkennung und Gleichberechtigung. Pidgin blieb eine Sprache der Geschäftswelt, die nach Westen orientierten Intellektuellen lernten richtiges

Englisch. In China hat sich Pidgin im 20. Jahrhundert nicht gehalten" (S.1115)
"Kolonialismus und Globalisierung schufen kosmopolitische Sprachordnungen. In der chinesischen Zivilisation, die ihre hochsprachliche Einheitlichkeit [...] nie verloren hatte, war dies eine weniger dramatische Veränderung als etwa dort, wo, wie in Südasien, in den Jahrhunderten davor lokale Sprachen auf Kosten einer übergreifenden Sprache, des Sanskrit, an Boden gewonnen hatten und nun auf der Elitenebene neue Reichweiten von Sinn entstanden. Das sprachlich fragmentierte Indien wurde durch Aneignung des Englischen kommunikativ neu geeint." (S.1116)
"Auch in Europa entstand sprachliche Homogenität innerhalb der Grenzen von Nationalstaaten oft erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Oberhalb einer Vielzahl regionaler Idiome wurde die Nationalsprache zur Idealnorm der Verständigung [...], aber sie wurde es nur langsam. Dies traf sogar auf das zentralistische Frankreich zu. 1790 hatte eine offizielle Untersuchung festgestellt, dass die Mehrheit der französischen Bevölkerung andere Sprachen als Französisch sprach [...]. Selbst 1893 sprach jedes achte Schulkind im Alter zwischen 7 und 14 Jahren überhaupt kein Französisch. Noch wesentlich divergenter waren die Verhältnisse in Italien. Dort verstanden in den 1860er Jahren weniger als zehn Prozent der Bevölkerung ohne Mühe jenes toskanische Italienisch, das bei der Nationalstaatsbildung
zur offiziellen Sprache erklärt worden war. [...] (S.1116)
"Wenn Wissenschaftler und Intellektuelle in asiatischen Ländern - im Osmanischen Reich [...] verstärkt nach der Jahrhundertwende, in China nach 1915 - vereinfachende Reformen von Sprache, Schrift und Literatur in Gang setzten, die den tiefen Graben zwischen Elite- und Volkskultur überwinden sollten, dann taten sie nur das, was wenige Jahrzehnte zuvor
oder gar gleichzeitig in europäischen Ländern unternommen worden war, ohne dass von direkter Nachahmung die Rede sein kann. Die sprachliche Spaltung zwischen Elite und Volk, zwischen geschriebener und gesprochener Sprache war im 19. Jahrhundert auch in Europa noch in einem Maße üblich, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann." (S.1117)
Alphabetisierung und Verschulung
"Zu den wichtigsten kulturellen Basisprozessen des 19. Jahrhunderts gehört die Verbreitung der Lesefähigkeit in großen Teilen der Bevölkerung." (S.1117)
"Bis 1914 waren die männlichen Populationen Europas so weit alphabetisiert worden, dass die Soldaten aller Seiten die Gebrauchsanweisungen ihrer Waffen verstehen, die Propaganda ihrer Kriegsherren aufnehmen und ihre Familien mit Nachrichten aus dem Felde versorgen konnten. [...] Um 1920 waren die männliche Bevölkerung der maßgebenden europäischen Länder und ein Teil der weiblichen Bevölkerung des Lesens und Schreibens kundig. [...] Nur Großbritannien, die Niederlande und Deutschland hatten um 1910 eine Alphabetisierungsrate von 100 Prozent erreicht. Für Frankreich lag sie bei 87 Prozent, für Belgien, das am wenigsten literarisierte unter den «entwickelten» europäischen Ländern, bei 85 Prozent. (S.1118) Deutlich niedriger fielen die Werte für den europäischen Süden aus: 62 Prozent für Italien, 50 Prozent für Spanien, nur 25 Prozent für Portugal. (S.1118/19)
"Die Zeit um 1860 markiert für ganz Europa einen Wendepunkt in diesem allgemeinen Trend. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich allein Preußen dem Ziel einer vollständigen Beseitigung der Leseunfähigkeit genähert. Nach 1860 beschleunigte sich die Entwicklung. Dies schlug sich nicht nur in statistisch greifbaren Daten nieder, sondern auch im gesellschaftlichen Gesamtklima. Um die ]ahrhundertwende hatte in ganz Europa,
auch auf dem Balkan und in Russland, der Analphabetismus seine Selbstverständlichkeit verloren. (S.1119)
"Dass seit etwa 1780 städtische Intellektuelle in Europa Märchen, Sagen und Volkslieder sammelten, aufschrieben und in einen Ton hochartifizieller Natürlichkeit brachten, war ein Indiz für die schwindende Selbstverständlichkeit mündlicher Traditionen." (S.1119/20)
"Eliten reagierten auf Massenalphabetisierung widersprüchlich: Auf der einen Seite erschienen die Aufklärung des 'einfachen Volkes', die Austreibung von 'Aberglauben' durch rationalisierende Lektüre und überhaupt die Standardisierung von Kulturpraktiken als 'Zivilisierung' von oben, Durchsetzung der Moderne und Förderung nationaler Integration.
Auf der anderen Seite gab es weiterhin ein Misstrauen [...] gegenüber der kulturellen Emanzipation der Massen, die zugleich - Arbeiterbildungsvereine zeigten dies schnell- mit
Forderungen nach sozialer und politischer Besserstellung verbunden war.
Dieses Misstrauen der Besitzer von Macht und Bildung war nicht unberechtigt.
Alphabetisierung, also die 'Demokratisierung' des Zugangs zu schriftlichen Kommunikationsinhalten, führt in der Regel zu Umschichtungen in Prestige- und Machthierarchien und eröffnet neue Möglichkeiten des Angriffs auf bestehende Ordnungen. Die Sorgen der kulturell Besitzenden hatten auch eine geschlechterpolitische Stoßrichtung. Dass unmäßiges und ungebändigtes Lesen zu weltfremden Illusionen und besonders
bei Leserinnen zu einer überhitzten erotischen Einbildungskraft führe, blieb bis zu Gustave Flauberts Madame Bovary (1856) und weit darüber hinaus ein satirisches Thema der Literatur und eine Sorge männlicher Moralwächter." (S.1120)
"Staat, Kirchen und private Anbieter bedienten konkurrierend einen wachsenden Erziehungsmarkt. Dies war grundsätzlich nicht nur in Europa so. Das englische Erziehungswesen zum Beispiel zeigt manche Ähnlichkeit mit dem gleichzeitigen Erziehungswesen muslimischer Länder: In beiden Fällen lag die Primarerziehung in hohem Maße in den Händen religiöser Institutionen, deren Ziele nicht weit voneinander entfernt waren: Lesen, Schreiben, Internalisierung moralischer Werte und Schutz der Kinder vor
den «schlechten Einflüssen» ihrer alltäglichen Umgebung. [...] Ökonomische Voraussetzungen mussten erfüllt sein, um Massenalphabetisierung zu ermöglichen, [...] nur oberhalb einer gewissen Wohlstandsschwelle konnten Familien ihre Kinder von der 
Produktion freistellen und die Kosten für den regelmäßigen Schulbesuch aufbringen." (S.1121) "Noch 1895 drückten in Großbritannien nur 82 Prozent der registrierten schulpflichtigen Kinder im Grundschulalter regelmäßig die Schulbank. In vielen anderen Ländern Europas lag der Anteil weit darunter. [...] (S.1122)
"Die schulische Erfassung von Kindern
lag in Ländern wie Mexiko, Argentinien oder den Philippinen nicht dramatisch unter derjenigen in Südeuropa und auf dem Balkan. Was literacy betrifft, so steht ihre
vergleichende Erforschung erst in den Anfängen. Für viele Teile der Welt fehlen noch für das gesamte 19.Jahrhundert statistische Angaben. Dies gilt selbstverständlich nicht für Nordamerika. Die nordamerikanischen Kolonien wiesen recht früh schon einen Alphabetisierungsgrad auf, der dem in den fortgeschrittensten Ländern Europas entsprach.  [...]  Seit den 1840er Jahren verbreitete sich in den USA das Gefühl, ein age of reading sei angebrochen. Es wurde unterstützt durch die schnelle Expansion der Presse und der Buchproduktion. Die USA, vor allem der Nordosten, wurden zum Ort einer kraftvollen
print cultureDie Alphabetisierungsrate unter Männern lag schon 1860 in den Neuenglandstaaten bei 95 Prozent; einzigartig in der Welt, hatten Frauen dort damals bereits ähnliche Werte erreicht." (S.1122)
"Normalerweise wurden Sklaven aber vom Lesen und Schreiben ferngehalten; schriftkundige Sklaven standen als potenzielle Rädelsführer von Aufständen
unter Dauerverdacht." (S.1122/33) "1890 lag die Alphabetisierungsrate unter
Afroamerikanern nationsweit bei 39 Prozent, 1910 schon bei 89 Prozent, fiel dann aber bis 1930 auf 82 Prozent. Damit war diese Minderheit höher alphabetisiert als jede schwarze Bevölkerungsgruppe vergleichbaren Umfangs in Afrika und als zahlreiche Teile des ländlichen Ost- oder Südeuropa. [...] Einige Indianervölker nutzten literacy gegen
große Widerstände als Instrument kultureller Selbstbehauptung. Am weitesten ging hier die Cherokee-Nation, deren Sprache nach 1809 verschriftlicht worden war: die Grundlage zur gleichzeitigen Aneignung der Lese- und Schreibfähigkeit auf Cherokee und Englisch. In vielen Teilen der Welt findet man Ähnliches: Sprachen mussten erst - oft, aber nicht immer von Missionaren - mit einem Alphabet versehen und lexikalisch verzeichnet werden, dann wurden Teile der Bibel übersetzt und als Übungsmaterial verwendet: das Fundament für die Bereicherung mündlicher Kommunikation durch die Schrift." (S.1123)
"Japan war bereits um 1800 eine auch nach strengen europäischen Maßstäben von Schriftlichkeit durchdrungene Gesellschaft. [...] Alle Samurai und zahlreiche Dorfvorsteher
mussten literat sein und chinesische Zeichen lesen können, um ihre Verwaltungsaufgaben
zu erfüllen. [...] 1909, also gegen Ende der Meiji-Zeit, war die Zahl der Analphabeten unter zwanzigjährigen Rekruten in fast allen Teilen Japans unter 10 Prozent gefallen: ein in ganz Asien einzigartiger Erfolg. [...]
Die Alphabetisierung der Chinesen, für die das jahrhundertelang maßgebende Lehrbuch bereits um 500 entstand, scheint während des 19. Jahrhunderts auf einem für vormoderne Gesellschaften im weltweiten Vergleich hohen Niveau stagniert zu haben." (S.1124)
"Die Legitimität der politischen und gesellschaftlichen Ordnung hatte seit Jahrhunderten darauf beruht, den Zugang zu Bildung und damit zu Status und Wohlstand nicht nur den Sprösslingen von Oberschichtfamilien zu reservieren. Es mussten daher Aufstiegskanäle offengehalten werden, wie sie im Europa der frühen Neuzeit allenfalls die Kirche bot." (S.1125)
"Warum fiel die alte Bildungskultur China zurück?
[...] Dass China heute eine schulisch intensiv durchdrungene Gesellschaft ist, gekennzeichnet durch ein differenziertes, stark leistungsorientiertes Erziehungssystem, das internationale Hilfe mit eigenen Erfahrungs- und Wissensbeständen verschmolzen hat und bei vergleichenden rankings ausgezeichnet abschneidet, ist ein Ergebnis der Politik der Kommunistischen Partei nach 1978. Der internationale Rückstand, der um 1800 aufgetreten war, wird zweihundert Jahre später korrigiert.

Wie aber kam dieser Rückstand zustande? [...]
Erstens. Das traditionelle Erziehungswesen war ausschließlich «von oben» konzipiert. [...]  In einem solchen unitarischen Verständnis von Bildung blieb kein Raum für die spezifischen Qualifikationsbedürfnisse der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. [...]
Zweitens. Die mangelnde internationale Konkurrenzfähigkeit chinesischer Erziehung zeigte sich erst mit den militärischen Niederlagen des bis dahin unangefochtenen Reiches nach 1842. Die Analyse der Ursachen für Chinas militärische Schwäche und wirtschaftliche
Stagnation zog sich aber Jahrzehnte hin. Nichts fiel den Gelehrten-Beamten, die das Reich regierten und verwalteten, schwerer als einzuräumen, dass die Bildung, aus der sie selbst sozialen Rang und persönliche Identität bezogen, an der Schwäche Chinas nicht unschuldig sein könne und daher der Anpassung an veränderte Herausforderungen bedürfe. Man erkannte bald die Überlegenheit von «westlichem Wissen» (xixue) auf einigen
Gebieten, war aber nicht bereit, ihm kulturelle Gleichwertigkeit zuzubilligen. [...]
Drittens. [...] Die Ausdehnung des Landes [...] und die fiskalische Schwäche der Zentralregierung schlossen eine zielstrebige Politik nach dem Muster Meiji-Japans aus." (S.1125-27)

(Osterhammel: Die Verwandlung der Welt, 2009)