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Montag, 26. Januar 2026

Darf Satire immer noch alles?

 Tucholsky hat es behauptet. Angesichts der Fake News und er KI, die sie mit als Trainingsmaterial verwendet, wird es problematisch:

Die Angst vor Satire ist gestiegen, seit KI alles registriert. Mittelfristig wird die Wikipedia gegen KI-Unsinn nicht ankommen.

Vorläufig scheint auch mir eine Löschung sinnwidrig. Aber wer weiß, wie es weitergeht. Schon jetzt dürften mehr Schülertexte von KIs stammen als von Menschen.

Wie man da Abhilfe schafft, "ist des Schweißes der Edlen wert". Ich bin nicht edel und überlasse diese Arbeit den Spezialisten.

Der Zürchersee


Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht

Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,

Das den großen Gedanken

Deiner Schöpfung noch einmal denkt.

 

Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,

Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,

Komm in rötendem Strahle

Auf dem Flügel der Abendluft,

 

Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein,

Süße Freude, wie du! gleich dem beseelteren

Schnellen Jauchzen des Jünglings,

Sanft, der fühlenden Fanny gleich.

 

Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuß

Zürch in ruhigem Tal freie Bewohner nährt;

Schon war manches Gebirge

Voll von Reben vorbeigeflohn.

 

Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh,

Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender,

Schon verriet es beredter

Sich der schönen Begleiterin.

 

"Hallers Doris", die sang, selber des Liedes wert,

Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt;

Und wir Jünglinge sangen

Und empfanden wie Hagedorn.

 

Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden

Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt;

Da, da kamest du, Freude!

Volles Maßes auf uns herab!

 

Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich!

Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit,

Deiner Unschuld Gespielin,

Die sich über uns ganz ergoß!

 

Süß ist, fröhlicher Lenz, deiner Begeistrung Hauch,

Wenn die Flur dich gebiert, wenn sich dein Odem sanft

In der Jünglinge Herzen,

Und die Herzen der Mädchen gießt.

 

Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich

Jede blühende Brust schöner, und bebender,

Lauter redet der Liebe

Nun entzauberter Mund durch dich!

 

Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen,

Beßre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt,

Im sokratischen Becher

Von der tauenden Ros′ umkränzt;

 

Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschließungen,

Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt,

Wenn er lehret verachten,

Was nicht würdig des Weisen ist.

 

Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton

In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit

Ist ein großer Gedanke,

Ist des Schweißes der Edlen wert!

 

Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin

Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton

Oft beim Namen genennet,

Oft gerufen vom Grabe her,

 

Dann ihr sanfteres Herz bilden, und; Liebe, dich,

Fromme Tugend, dich auch gießen ins sanfte Herz,

Ist, beim Himmel! nicht wenig!

Ist des Schweißes der Edlen wert!

 

Aber süßer ist noch, schöner und reizender,

In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein!

So das Leben genießen,

Nicht unwürdig der Ewigkeit!

 

Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen,

In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick

Auf die silberne Welle,

Tat ich schweigend den frommen Wunsch:

 

Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt,

In des Vaterlands Schoß einsam von mir verstreut,

Die in seligen Stunden

Meine suchende Seele fand;

 

O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!

Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald

Wandelt, uns sich in Tempe,

Jenes Tal in Elysium!



(* 1724-07-02, † 1803-03-14)

Dienstag, 25. September 2018

Eine Tagebuchnotiz aus dem Ersten Weltkrieg - "Fake News" vor 100 Jahren


Mittwoch 9.9.:
"Nichts Neues. Mit Ungeduld wird die Zeitung erwartet. Lügennachrichten der Franzosen und Engländer. (Das Wetter wird wieder wärmer. Etwas bewölkt.) Gewalttaten an Verwundeten und Gefangenen. Das sind ihre Heldentaten."

Donnerstag, 31. Mai 2018

Zeitungsüberschriften und das Problem sachgerechter Verkürzung

Die Mär von der sozialen Ungerechtigkeit lautet die Überschrift eines Artikels der FAZ vom 30.5.18

Gespannt lese ich nach, ob die Behauptung, sozialer Status werde in Europa weiterhin über mehrere Generationen vererbt, nicht mehr gelte.
Dann erfahre ich, es geht um Bildungsgerechtigkeit. Und was ist dazu herausgefunden worden?
Lesen Sie mal nach.

Die Überschrift Die Mär von der sozialen Ungerechtigkeit erweist sich als Fake News. Denn es geht nur darum, ob Details einer speziellen Auswertung einer PISA-Studie korrekt vorgenommen wurden.

War es Ungeschick bei der Verkürzung? Sollte auf Kosten von Missverständlichkeit Interesse geweckt werden? Oder soll absichtlich der Eindruck erweckt werden, so weit sei es es mit sozialer Ungerechtigkeit in Deutschland gar nicht her?

Zugegeben: Die Überschrift "Auslegung der PISA-Studie ist strittig" hätte mich nicht zum Nachlesen angeregt.

Mit fällt bei Die Mär von der sozialen Ungerechtigkeit  H. M. Enzensbergers Aufsatz von 1962 über die FAZ ein: "Journalismus als Eiertanz"
Meine verkürzte Wiedergabe des Inhalts: Die FAZ bezieht alles auf Deutschland und lässt Deutschland immer möglichst gut aussehen.

Ich bin erstaunt, wie gut Enzensbergers Aufsatz (natürlich abgesehen vom konkreten Anlass) noch nach gut 55 Jahren auf die Methode der FAZ passt. Dort heißt es unter anderem:

"[...] Die Formulierung ist so unsachlich, daß sie auf eine Irreführung hinausläuft. (S.33) [...] "NATO-Kommando Ostsee vom Parlament gebilligt." Das ist die Nachricht, um die es geht, und in dieser oder ähnlicher Form hat die ganze Weltpresse darüber berichtet. Für die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen ist sie nichts weiter als ein Vorwand dafür, dem eigenen Land und letzten Endes sich selber, auf die Schulter zu klopfen. [...] Ein Blatt, das derart die Sache selbst in den Hintergrund schiebt, um aus ihren Begleitumständen politisches Kapital zu schlagen, muß mit solchen Kapital nicht eben reichlich versehen sein." (S.34) (H. M. Enzensberger: "Journalismus als Eiertanz. Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland, zitiert nach Einzelheiten I, edition suhrkamp 63, Frankfurt 1973, Hervorhebungen von Fontanefan)

Wenn man es ins Positive wenden will, darf man sagen:
Diese traditionsreiche Zeitung ist sich selbst treu geblieben.
Freilich nicht der kritischen Haltung ihrer Vorgängerin, der Frankfurter Zeitung, die diese von der Weimarer Republik bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinüber gerettet hat. Wohl aber der Selbstzufriedenheit der Adenauerära, die noch von keinerlei Selbstkritik angekränkelt war.

Mittwoch, 15. Februar 2017

Ein neues Schulfach gegen Fake News?

Twitter-Facebook-Schwäche: Ein neues Schulfach gegen Fake News SPON 14.2.17

"Was tun gegen Fake News? Schon bei den Kindern in der Schule ansetzen, mahnte jetzt Apple-Boss Tim Cook. Dazu ist hierzulande ein Umdenken nötig: Computer sind kein Unterrichtsmaterial - sondern Lehrstoff."
"Ob und wie qualifiziert ein Kind in Sachen Netzrecherche unterrichtet wird, ist somit vom Zufall abhängig, moniert Wassilios Fthenakis, Erziehungswissenschaftler und Hausherr der didacta. "Heute ist die digitale Kompetenz neben den anderen Kompetenzen eine absolut notwendige Ergänzung für Kinder", sagt er - und wirbt für einen frühzeitigen Start: "Das kann und sollte von Anfang an erworben werden - bereits im vorschulischen Alter."
Eine Vorstellung, die Apple-Chef Cook gefallen dürfte."

Von einem neuen Schulfach ist im Text nicht mehr die Rede, wohl aber von einer Umgestaltung des Curriculums. Im Vertrauen, dass man den Unterschied nicht merkt, verfasst man für einen Artikel, der über Fake News handelt, schnell eine Falschmeldung. Bravo!
"Computer sind kein Unterrichtsmaterial - sondern Lehrstoff" ist die nächste Aussage, die nichts mit dem Artikelinhalt zu tun hat. Zwar kann die Funktionsweise kurz einmal Lehrstoff sein, aber an den konstatierten Mängeln der Medienkompetenz würde das nichts ändern.
Das einzig Gute an dem Artikel ist, dass er - wenn auch verfälschend - auf ein Problem aufmerksam macht und dass er - wenn auch nur vorsichtig - andeutet, dass es den Protagonisten der Computerlobby natürlich nicht um politische Bildung geht, sondern um größeren Absatz. 

"Wahrheit festzulegen ist gefährlich" - Interview mit Uwe Krüger über die Debatte um sogenannte Fake News (L.I.S.A. Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung)

Dr. Krüger: Früher kamen Falschnachrichten meist von Regierenden und wurden von Journalisten weitergereicht:
"Beispiele wären die Massenvernichtungswaffen, die die Bush-Administration 2003 dem irakischen Staatschef Saddam Hussein angedichtet hatte, oder der angebliche „Hufeisenplan“ des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevics, der im Bundesverteidigungsministerium 1999 zur Legitimierung des Kosovo-Einsatzes erfunden wurde. Heute sind Fake News „demokratisiert“, wie der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller sagt. [...]
Ich halte die bestehenden Gesetze für ausreichend: Personen können sich gegen Falschaussagen wehren, die sie betreffen, Verleumdung und üble Nachrede ist justiziabel. Volksverhetzung auch.

Zusätzlich müssten verstärkte Anstrengungen auf dem Gebiet der Medienpädagogik gemacht werden, etwa ein Schulfach „Publizistik“. Darin müsste es dann aber nicht gehen, per ordre du mufti zu erzählen, dass alles, was in den etablierten Medien steht, stimmt, und alles was auf RT Deutsch kommt, Lüge ist. Sondern man müsste den nachwachsenden Generationen quasi journalistisches Rüstzeug geben und sie lehren zu recherchieren und zu unterscheiden etwa zwischen Sachverhalts- und Deutungsaussagen oder zwischen neutralen und interessengeleiteten Quellen – damit sie als aufgeklärte Subjekte kritisch sowohl mit dem Mainstream-Journalismus als auch mit Alternativmedien und Gegenöffentlichkeiten umgehen können."
L.I.S.A.: Wie verhält sich aus Ihrer Sicht ein Maßnahmenkatalog gegen Nachrichten, die als „Fake News“ klassifiziert und deren Urheber und Verbreiter deswegen juristisch belangt werden können, mit den Grundrechten auf Meinungs- und Pressefreiheit? Wie unterscheiden sich solche Maßnahmen von einer neuen Form der Zensur? Überspitzt formuliert: Droht ein Orwell’sches Wahrheitssprech, in der einige dazu Erwählte bestimmen, was wahr ist und was nicht?
Dr. Krüger: Ich finde Bestrebungen, Wahrheit staatlich festzulegen, sehr gefährlich für Demokratie und Meinungsvielfalt. Das würde die offene Gesellschaft, die durch Massenüberwachung schon heute gefährdet ist, noch stärker bedrohen. Wenn es erst einmal eine Instanz gibt, die darüber entscheidet, was Lüge, Einseitigkeit, Desinformation oder Propaganda ist, sind dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Dann wird es bald nicht mehr nur um das Aussortieren falscher Sachverhaltsaussagen gehen, sondern auch um „falsche“ Deutungen, Interpretationen oder Kausalzusammenhänge. Wenn uns aber auch das Framing und die Perspektive vorgeschrieben werden, dann ist die Demokratie tot – und wir werden eine gelenkte Demokratie bzw. ein autoritäres System wie das von Wladimir Putin, vor dem wir uns so sehr fürchten. [...]
Es geht sicherlich um Deutungshoheit. Zusätzlich fürchte ich, dass vielen Medienunternehmen und Journalisten nicht klar ist, auf welch schmalem Grat sie wandeln, wenn sie „Fake News“ ausmerzen wollen. Nicht selten basiert auch die Berichterstattung etablierter Medien auf Spekulation und ungesicherten Fakten – siehe Schlagzeilen wie „Russische Hacker beeinflussen Wahlen“. "

Sonntag, 5. Februar 2017

Fake News und Filterblasen

Ein Beitrag zur Blogparade Förderung von Demokratiefähigkeit

Twitter liefert unter dem Hashtag #Trump Berichte über Ehrenmorde und Vergewaltigungen mit den Bildern der betroffenen Frauen.
Das Schlimme ist nicht nur, dass unterstellt wird, es wäre alles in Ordnung, wenn solche Taten nur anderswo passieren, Hauptsache nicht in den USA. Und dass deshalb Trumps Einreisestopp richtig wäre. 
In diese Richtung gehen die Tweets von Trumps Twitteraccount, z.B.:
"The judge opens up our country to potential terrorists and others that do not have our best interests at heart. Bad people are very happy!"


Dass Trump Ehrenmorde und Vergewaltigungen nicht abschaffen kann, geschweige denn wird, macht sich zwar nicht jeder klar, aber im Grunde sagt es doch die allgemeine Lebenserfahrung. 
Aber wenn man die Bilder sieht, entsteht die Emotion "Das darf nicht sein" und wenn durch die eigene Filterblase nur solche Emotionen geweckt bekommt, wird's bös.

Und jetzt zu unseren Filterblasen:
Wie gut wissen wir Bescheid über das rasante Tempo der Sozialgesetzgebung der nationalistischen Regierung in Polen?

Recherchieren wir ausführlich nach, wenn wir hören, dass in den USA in den letzten Jahren mehr Menschen minderjährigen Feuerwaffenbesitzern zum Opfer gefallen sind als US-Tote auf das Konto von Terroristen kommen?
Tun wir es, wenn an die Stelle von "minderjährigen Feuerwaffenbesitzern" Kinder eingefügt wird?
Worauf verlassen wir uns?

Wahrheit ist ein komplexes philosophisches Problem. Aber wer hilft uns, wahrzunehmen, was für "Wahrheiten" in anderen Filterblasen entstehen und wie?
Wir brauchen einen umfassenden Diskurs mit Vertretern unterschiedlicher Interessen. Und weil wir den nicht alle leisten können, brauchen wir eine Grunderfahrung, dass fremde "Wahrheiten" für andere genauso gültig sind wie unsere "Wahrheit" für uns.

Zu Recht sagt Daniel Bernsen, dass deshalb allzu homogene Schulklassen wichtige Voraussetzungen für Demokratiefähigkeit nicht liefern. (Ausführlicher und differenzierter in seinem Blogbeitrag)

Nebenbei gesagt: Es bedarf keiner Nachrichtenfälschung, um verhängnisvolle Emotionen auszulösen, sondern vor allem den passenden Kontext von Nachrichten.
Nicht nur, aber auch wegen der Emotionen, die Bilder auslösen, finde ich es fatal, dass Twitter jetzt Bilder (also statt 140 Zeichen "mehr als 1000 Worte") zulässt.

In ähnlicher Richtung wie Bernsen argumentiert Thomas Krüger: „Wir müssen politische Vielfalt als Demokratiegewinn sehen“  Westfälische Rundschau 6.2.17
Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung über Filterblasen und andere Herausforderungen.
"Ich glaube, dass durch die digitalen Filterblasen eine neue Grammatik für Lügen und ihre Aufwertung entstanden ist. Das heißt, ich kann in den Echoräumen des Netzes, insbesondere der Sozialen Medien, dafür sorgen, dass meine Lügen wie Wahrheiten aussehen. Und dass sie von meiner Klientel geglaubt und weiterverteilt werden. [...]
Wir müssen alles dafür tun, dass Kontroversität und Pluralität einer breiten Öffentlichkeit erhalten bleiben. Alle, die eine bestimmte Sicht auf die gesellschaftlichen Herausforderungen haben, sollten immer die anderen Perspektiven mitdenken und es nicht als eine Gefahr betrachten, eine Gegenstimme zu hören. [...]
Tatsächlich belegen etwa die Shell-Jugendstudien, dass die Demokratieakzeptanz, also die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform, unter jungen Erwachsenen noch nie so hoch war wie heute. Sie wächst Jahr für Jahr. Und bei den Befragungen zum jüngst vorgelegten Kinderreport 2017 wünschen sich fast alle noch mehr Mitbestimmung in der Familie – und in der Schule. Die Demokratieakzeptanz bei jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ist übrigens noch höher. [...]
Wenn die Gesellschaft nicht maßgebliche Akteure hat, die für eine Verteidigung demokratischer Grundwerte einstehen, dann kann das böse enden, dann kann die Demokratie scheitern. Aber trotz mancher berechtigten Ängste: Es steht viel mehr auf der Habenseite."

Zusatz:
Statt nur Halbwahrheiten geschickt zu platzieren, kann man freilich auch gezielt Hasspropaganda verbreiten und damit gutes Geld verdienen. Darauf hat der Hashtag  #KeinGeldFürRechts aufmerksam gemacht, der mit einem Shitstorm bekämpft wurde.
Deswegen wurde jetzt Fearless Democracy gegründet. Das Nähere ist dort nachzulesen. 


Montag, 16. Januar 2017

Arm und Reich

Oxfam teilt mit, dass es aufgrund einer neuen Berechnungsmethode nicht über 50 Superreiche braucht, um so viel Vermögen zusammenzubringen wie die ärmere Hälfte (etwa 3,6 Mrd Menschen) der Weltbevölkerung hat, sondern nur 8. (2014 schrieb Oxfam noch, es seien 85.)

Was mich stört, ist, dass sich seriöse Presseorgane schon seit Jahren nicht zu schade sind, an diesen groben Überschlagsrechnungen herumzumäkeln.
Da wird so getan, als verbreitete Oxfam eine Fake News und dabei arbeitet man Fake Berechnungen, um den Eindruck hervorzurufen.
Vermutlich haben das über 90% derer, die meine Artikel lesen, längst durchschaut. Die brauchen nicht weiterzulesen.

Im Nachhinein reut es mich fast, dass ich mir dennoch die Zeit genommen habe, es zu erklären.
Aber da ich es ohnehin getan habe, lasse ich den Text auch noch hier stehen.

Die Süddeutsche Zeitung (wie auch das Handelsblatt, die Welt und andere) verweist darauf, dass nach der neuen Berechnung die Schulden mit berücksichtigt werden und somit einem amerikanischen Studenten mit Studienschulden weniger Vermögen zugerechnet werde als einem armen Bauer aus Burundi.
In der Tat, wenn man eine solche Berechnung anstellen würde, um die Lebenschancen von Menschen in den USA und Burundi zu vergleichen, dann käme heraus, dass das Ehepaar Obama, bevor Barack sein Buch Dream from my Father herausbrachte, schlechter dran gewesen wäre als der besagte Bauer aus Burundi. Das wäre wahrhaft grotesk!
Nur geht es beim Vergleich zwischen den Superreichen und den nahezu Besitzlosen gar nicht darum, wer im einzelnen zu den (nahezu) Besitzlosen gerechnet wird.

Fatal wäre es gewesen, wenn Oxfam bei den Armen die Schulden eingerechnet hätte und bei den Reichen nicht. Dann wären die Reichen künstlich reicher gerechnet worden und die Berechnung falsch.

Aber warum hat Oxfam überhaupt die Schulden berücksichtigt, wenn doch die Ärmsten bekanntlich so arm sind, dass niemand, der ein Geschäft machen will, ihnen Geld leiht?

Weshalb also überhaupt die Schulden berücksichtigen?

Nehmen wir das Beispiel Trump. Als er pleite war und er Milliardenkredite brauchte, um aus der Patsche herauszukommen, besaß er noch Millionenwerte (vielleicht im Wert von vielen hundert Millionen). Nur seine Schulden waren noch höher. Ihn in der Statistik zu den Multimillionären zu rechnen, wäre unkorrekt gewesen, auch wenn er ein Jahr davor dazu gehörte und ein Jahr darauf auch wieder.

Weiter: Bei einem Besitz von 50 Mrd Dollar schwankt der Wert des Vermögens täglich um viele Millionen, am manchem Börsentag sogar um 1 Milliarde. Bei den Geschäften, die Warren Buffet macht, geht er ständig Risiken ein, die ihn Hunderte Millionen kosten können. Warum wagt überhaupt jemand, solche Vermögen zu schätzen?
Weil es dabei auf eine Milliarde mehr oder weniger nicht ankommt. Und bei den Milliarden Menschen, die - nahezu - ohne Vermögen dastehen, kommt es auch nicht darauf an, ob zig Millionen Schuldner dazu gerechnet werden und so den Vermögensbetrag nach unten ziehen. Ob 8 Reichen 3,6 Milliarden oder 3,59 Milliarden Arme gegenüberstehen, macht keinen relevanten Unterschied. Schließlich ist es bei niemandem so schwer, halbwegs genaue Vermögensschätzungen vorzunehmen wie bei den Superreichen.

Schon 2014 war klar: Etwas ist faul im Kapitalismus Spiegel online 23.4.2014
Schon damals wurde an den Belegen herumgemäkelt.

Die Methoden, mit denen den Lesern Sand in die Augen gestreut wird, nähern sich mehr und mehr denen der Leugner des Klimawandels an. Einige Journalisten der seriösen Zeitungen haben begriffen, dass sie damit ihre Glaubwürdigkeit gefährden. Aber es sind noch zu wenige, und offenbar haben sie in den Redaktionskonferenzen noch nicht genügend Einfluss.
Das ist nicht nur schade, es ist sogar gefährlich.

Joseph Stiglitz: Ungleichheit als Wachstumsrisiko, faz.net 16.1.17

Mittwoch, 11. Januar 2017

Hackerangriffe und Fake News

Der Netzaktivist Markus Beckedahl weist darauf hin, dass Hackerangriffe auf Verfassungsorgane anderer Staaten für westliche wie für östliche Geheimdienste Routine seien.
Insofern zeugt die Ankündigung von Gegenangriffen von westlicher Seite nicht von einer neuen Strategie, sondern legt nur gängige Praxis offen.
Constanze Kurz von netzpolitik.org schreibt dazu:
"Eine sinnvolle Strategie gegen die übertriebene Angst von Angreifern im Wahlkampf kann nur sein, sich mit der Sicherheit der eigenen IT-Systeme ernsthaft auseinanderzusetzen und endlich ökonomische Anreize zu setzen, die beklagenswerte Situation in der IT-Sicherheit zu verbessern."

Fake News lassen sich nicht durch einen Algorithmus herausfinden. (Wie man bei Facebooks Fehlgriffen gesehen hat, funktioniert das noch nicht einmal bei Pornographie.)
Wenn aber nachprüfbare Behauptungen aufgestellt werden, kann die Weiterleitung von Falschmeldungen aber strafbar sein, wenn sie als Beleg für Meinungsäußerungen herangezogen werden, die als Volksverhetzung gelten können.

  • Ob Correctiv  mit seiner Strategie die Mammutaufgabe wenigstens im Ansatz bewältigen kann, wird sich noch zeigen müssen.
  • Kritik an Correctiv (mit durchaus bemerkenswerten Rechercheergebnissen, auch wenn man sich über manche daraus gezogenen Schlüsse durchaus streiten kann. "Kampfrhetorik" ist ein Begriff, der gewiss auch für viele Artikel der Nachdenkseiten passt.)
"In früheren Kriegen haben Flugzeuge auch nicht ausschließlich Bomben abgeworfen, sondern Flugblätter. Das passiert heute im Internet." (Jewgenij Kaspersky)