Sonntag, 7.12.1941
Die folgenden Text sollen durch ihre Zusammenstellung wirken.
Ein Offizier. (vor Leningrad)
Ich hatte gerade mehrere sehr anstrengende, weil schwierige Schießen hinter mir und war wohl in Lese- aber nicht in Schreibstimmung. Darum nahm ich mir 'Das Reich' und zwar wie immer beim 'Reich', den kulturellen Teil vor und verschob die Beantwortung Ihres Briefes auf gestern. Und da, trotzdem Sonntag war, wurde wieder nichts daraus. Nachdem wir genügend lange russische Zielscheibe gewesen waren, durften wir wieder einmal tüchtig loslegen, ohne Rücksicht auf die eigene Munition. An lohnenden Zielen ist ja, wenn man schon die 11 Woche eine gute B-Stelle besetzt hält, kein Mangel. Und so war der Rest des Tages besetzt, ohne das Zeit für private Bedürfnisse blieb.
Russischer Winter ist etwas Eintöniges. Das merken wir auch schon, obwohl wir ihn noch nicht im Bewegungskrieg kennengelernt haben. Wenn der Krieg vor Petersburg hier so bleibt, werde ich ihn auf alle Fälle noch angenehmer überstehen als den vorigen am Kanal. Ich sitze ja immer noch in demselben festen Haus, das sich mir schon im September als B-Stelle anbot, habe da einen Schreibtisch nebst Sessel für den Tag und ein Ledersofa als Schlafgelegenheit für die Nacht. Wohn- und Schlafraum sind heizbar. Und anstelle der Fensterscheiben, die bei jedem Beschuss ursprünglich den Weg alles Irdischen gingen, sind jetzt große Sperrholzplatten mit kleinen Autoscheiben als Lichtdurchlässe getreten. Die haben nun schon über zehn Volltreffer mit 15 cm Betongranaten, die auf unserer Bude landeten, nebst ebenso viel Bomben, die in nächster Nähe niedergingen. Ausgehalten. Wohn und Schlafraum sind jetzt heizbar. Es lässt sich also für mich aushalten, besser als jedenfalls in Russland zu erwarten war. Die Zeit vergeht angenehm schnell. Nachdem jetzt kleinere Päckchen geschickt werden können, habe ich mir allerlei Bücher kommen lassen, die mich theologisch wieder ein wenig in Schwung bringen oder sonst interessieren? Und dabei geht die Zeit auch hin. Meist sorgt aber der Russe dafür, dass uns die Zeit nicht zu lang wird." (S.336)
Der Offizier. Leo Tilgner, 1892 vor Leningrad
An seine Frau.
Meine Liebe Lydia, es ging zwar heute schon ein Brief ab, aber da ich ein Packerl mache, teile ich dir doch mit, dass ich dir ein paar Scherben schicke. Die chinesische Zeichnung gefiel mir so gut. Ich ließ die Scher/ben sammeln, aber. leider fehlen noch einige Stücke an der Marmortafel. Das sind so Trümmer aus der Zarenzeit. In dem zweiten Paket findet sich eine Holzschale, die mir jemand überließ. Die Scherben lassen sich eventuell verleimen. So bekommt man ein besseres Bild. Das verleimte Bild könnte man auf einer Sperrholzplatte befestigen und dann aufhängen. Ich habe noch ein zweites Scherbenstück, von dem alle Teile noch vorhanden sind. Die schicke ich später, wenn ich einen größeren Karton bekomme. Dieses Stück könnte man nach Verleimung in einem Holzrahmen stecken. Der Rahmen muss aber so schmal wie möglich sein und könnte mit dem Stück direkt verleimt werden. Es ist nur jetzt darauf zu achten, dass keine Scherbenstücke verloren gehen. Die Witterung ist milder. [...]" (S.337/338)
Die Ärztin Galina Samowara Leningrad
Sämtliche Katzen und Hunde waren gegessen worden. Die Männer starben eher als die Frauen, Weil sie muskulös waren und weniger Fettansatz hatten. Die Frauen, sogar die kleinen, hatten viel mehr davon. Doch sie starben auch Komma, obwohl die Widerstandsfähiger waren Punkt. Die Menschen verwandelten sich in Greise., Weil der Fettansatz völlig verzehrt wurde Komma und sämtliche Muskeln und Blutgefäße traten am Körper deutlich hervor. (S.336)
8.12.1941
Der Leutnant Iwan Sawnko *1918, berichtet aus Moskau:
"Der harte Winter mit seiner grimmigen Kälte, der 1941 viel zu früh gekommen war, half uns bei den Verteidigungskämpfen vor Moskau. Für den russischen Winter waren wir gut gerüstet. Jeder hatte Filzstiefel an. Über der Sommeruniform trugen wir eine gesteppte Wattejacke und eine warme, wattierte Hose, dazu warme Fausthandschuhe und eine gefütterte Wintermütze mit herabklappbaren langen Ohrenwärmern auf dem Kopf, die unter dem Kinn eng zu binden war. Die Feldflasche war stets mit Sprit gefüllt. [...]
Der Morgen graute in trüben Farben, als wir jemanden im Dickicht ganz wild um sich schießen hörten, ohne dass es Gegenfeuer gab. Das war sehr merkwürdig für mich. Nach dem Tuckern der Maschinenpistole gab es keinen Zweifel, dass es ein Fritz war, der von Angst erfasst seinen Kameraden ein Signal gab, wo er zu suchen wäre. Wir bewegten uns bis zum Gürtel im Schnee fort, es herrschte an jenem Tag ein enorm strenger Frost. [...] So umzingelten wir den feindlichen Soldaten von allen Seiten, und je näher wir an ihn herankamen, desto unsicherer und mit immer länger werdenden Pausen feuerte er, bis die Schüsse verstummten.
'Das scheint ein Weib von unseren zu sein', sagte mein Starchina (Spieß) und reichte mir sein Fernglas. Bei der angebrochenen Dämmerung sah ich im Feldstecher einen im Schnee liegenden Klumpen im russischer Kleidung, die unsere Bauernfrauen auf dem Lande trugen. Die unbekannte Gestalt stöhnte laut und schien bewusstlos zu sein. Die deutsche Maschinenpistole lag etwas abseits von ihr. [...]
Als meine Soldaten den Fritzen aus seinen warmen Decken auszuwickeln begannen, um ihn zu durchsuchen, waren wir fassungslos. Eine mächtige Garderobe hatte der Lebensraumeroberer angezogen. Über der Feldmütze hatte er verschiedene Frauenkopftücher, manche waren aus reiner Wolle. Einen dicken Schal hatte er um den Hals gewickelt und seine Enden, am Rücken festgebunden. Unter seinem Mantel fanden wir bei ihm eine kurze Frauenstrickjacke und eine mit Ziegenfell gefütterte Weste. An der Jacke steckte noch eine primitive Brosche. Über seine Stiefel hatte der Krieger große Strohschuhe gezogen. Die konnte man in solcher Rüstung kämpfen, dachte ich. Ich hatte mir so einen deutschen Eroberer in einem normalen Soldatenmantel und mit dünnen Kopfschützer bei minus 40 Grad Celsius vorgestellt, einige Stunden ohne Aufwärmen im Freien, kämpfend oder nachts auf Wache stehend. Wo saßen ihre Führer und Kommandeure, die ihre Soldaten im russischen Winter im Stich gelassen hatten? So ließen ie sie auf den vereisten und verschneiten Straßen sich vorwärts quälen, bis im Raum um Moskau, viele frische Divisionen aus Sibirien für eine gewaltige Gegenoffensive bereitgestellt wurden.
Die Deutschen unterschätzten unseren russischen Winter völlig." (S. 353/54).
Ludmila Komrakowa * 1931 LENINGRAD
"Dies ist meine verborgenste Erinnerung. Viele Jahrzehnte sind verflogen. Aber es kommt oft vor, dass ich auch heute noch das schreckliche Geräusch meiner zerbrechenden Puppe Mascha deutlich höre. Doch alles der Reihe nach...
Als wir uns mit unserer Tante auf die Evakuation vorbereiteten, stand uns nur ein Tag zur Verfügung, um die unentbehrlichsten Sachen zusammenzusuchen. Sonst wollte man mich und meine Schwester der Tante wegnehmen, weil sie keine Papiere für unsere Vormundschaft hatte und wir beide als Weisen anerkannt waren. (die Mutter war gestorben, der Vater kämpfte an der Front). Doch vor ihrem Tod hat die Mutter unsere Tante flehentlich gebeten. Uns an niemanden abzugeben und die Tante hat ihr ihr Wort gegeben.
Es war sehr kalt im Dezember 1941, als wir uns für die Weiterreise bereit machten, man musste vor allem warme Sachen mitnehmen. Und das Gepäck war nach Umfang und Gewicht streng begrenzt.
Die Tante hat alles in einen kleinen Sack geworfen und für meine liebe Puppe Mascha, mit der ich jede Nacht eingeschlafen war, gab es keinen Platz. Und Mascha hatte so schöne blaue Augen mit langen seidigen Wimpern und lange Haare Sie war aus Porzellan, konnte zwinkern und er hat ein herrliches dunkelrotes Kleid an.
Ich begann zu heulen.
'Lieber bleibe ich hier, ohne Masha fahre ich nirgendwohin. Ich kann sie nicht im Stich lassen', sagte ich so entschlossen, dass die Tante den Sack wieder auszupacken anfing. Sie verzichtete auf die Mitnahme von einigen Sachen. Und hat für meine Mascha Platz geschaffen.
Bis zum Ladogasee sind wir mit einem Zug von dem Finnljandskij-Bahnhof gefahren, und als unser Zug am Bahnhof war Ganova eingetroffen war, waren die deutschen Sturzkampfbomber angeflogen, und wir mussten alle in einem unvorstellbaren Durcheinander hektisch aussteigen und unsere Sachen mitnehmen. Es war eine richtige Hölle. Alles umher hat gedonnert, ist in die Luft gegangen und hat gebrannt Die Kinderschreie und die wahnsinnigen Rufe ihrer Mütter haben sich zu einer Kakophonie vermischt. Und in diesem Wirrwarr hörte ich, als ob es totenstill gewesen wäre, wie unser Sack zu Boden fiel und etwas in ihm verräterisch geknirscht hatte.
Mir wurde sofort klar, dass meine Mascha kaputt gegangen war Ich fing an zu heulen, ich habe so lange Zeit geschluchzt Die Tante hat uns beide in einen noch rauchenden Bombentrichter hinuntersteigen lassen, wo wir dann bis zum Ende des Angriffs saßen Und meine Puppe blieb / irgendwo oben. Mein Herz wollte mir vor Kummer zerspringen. Als wir dann wieder hinausgeklettert waren, haben wir unseren Sack nicht mehr gefunden. Die Marodeure reisten immer mit. Meine Puppe Mascha war also vermisst. Nicht gefallen. Nicht verwundet, sondern vermisst. (S.341/42)