Ludwig Marcuse (1894–1971): Mein zwanzigstes Jahrhundert.
Mein Urteil aus dem Jahr 1983: Ein sehr menschliches, ein sehr reifes Buch. Kein Wunder, dass es offenbar nicht neu aufgelegt worden ist. (Es war aber schon 1975 als Diogenes-Taschenbuch herausgekommen, Zürich 1975 und ist als Taschenbuch auch 2026 in der 6. Auflage erhältlich !)
Zitate: Strindberg* hatte im Krieg die Theater beherrscht. Heute ist er ebenso tot wie Ibsen, den er damals verdrängte.... es gehören aber jene Tode zu denen, die man besser interimistische nennen sollte. Weshalb spielt man Fiesco, nicht aber die Wildente? [ ...] Sollte das etwas mit der deutschen Schule zu tun haben? Und sollte sie etwas mit der deutschen Universitätsgermanistik zu tun haben? Und womit hat die etwas zu tun? Wer kanonisiert / und wer schließt von den Heiligen Schriften aus? Damals saßen wir fasziniert vor den Strindberg-Stücken. Wie wir nie vor der Maria Stuart oder dem Tasso gesessen hatten. [...]. Ich dachte gelangweilt zurück an die Frau von Stein und an Schillers Amalie. Und wünschte inbrünstig, der Briefwechsel zwischen Strindberg und Nietzsche wäre so umfangreich gewesen wie der zwischen Goethe und Schiller. Strindberg war nicht lange vor dem Krieg gestorben. Kein Lebender lebte im Krieg so mächtig wie er.
Die Vormacht des Theaters innerhalb der Literatur war damals unbestritten. Es vergesellschaftete den Geist. Man muss es schon in der Vergangenheit sagen. Wir lernen heute, dass es nicht immer so ist. [...]
Dieser gesellschaftlichen Bedeutung des Theaters, vor allem der großen literarischen Premieren entsprach die Rolle, die ihm in der Presse eingeräumt wurde. Man blättere in alten Zeitungen! Wie wenig Platz wurde einem bedeutenden Buch gegeben? Und wie viel allen dritten Besetzungen der dritten Amazone in Kleists Penthesilea? In Gesellschaften waren nicht von Frieden von Versailles die Rede. Nicht einmal von einer Theateraufführung, sondern von der Theater-Politik. Der Theater-Kritik. Das Theater war die Kirche der Zeit und der Theaterkritiker ihr militanter Theologe. Die 'Weimarer' Theater in Berlin und ihre Dependenzen: Schwannecke, das russische Lokal an der Weidendammer Brücke, wo Granach ostjüdische Geschichten singsang und sich nach der Bergner sehnte (ob sie anwesend war oder nicht). Auch die Redaktion des Börsen-Courier, wo Ihering der Kreml und das Weiße Haus in einer Person war ... Alle diese Sonnen strahlten aus in die fernsten Provinzen, waren die Zentralgestirne der Kultur jener 14 Jahre." (S.67/68)
* Strindberg Vorwort von Fräulein Julie; sieh auch: Paul Lensch (vom Sozialdemokrat zu einem ein dem "rechtskonservativen Lager nahestehenden Gegner der Sozialdemokratie" Wikipedia).
Weitere Zitate: "Ich erzähle aber nicht weiter, weil das Leben bisweilen eine hässliche Neigung zeigt, nach dem Happy End nicht den Vorhang fallen zu lassen." (S.202)
Über Hawai: "1840 wurde das Christentum hawaiische Staatsreligion. Die Konstitution erklärte: 'Es darf kein Gesetz erlassen werden, welches dem Herrn Jehova widerspricht.' Im selben Jahr wurde auf diesen Inseln zum ersten Mal ein Mann gehängt. Im selben Jahr erschien auch Feuerbachs Religions-Psychologie.
Die abgesetzten Götter gingen untergrund. Länger als der Glaube hält immer dies ängstliche 'Man kann nie wissen.' Die Stammesgötter spielen noch heute eine (nicht offizielle) Rolle. Die Belege aus unserer Zeit sind sehr lokal und nicht nachprüfbar. Vom 19 Jahrhundert weiß man mehr. Als 1880 ein Vulkan aktiv wurde und die Mauern einer Stadt gefährdete, kamen die Einwohner zur Prinzessin Ruth und baten um Hilfe? Sie näherte sich dem Krater mit einer Flasche Brandy und vielen roten Taschentüchern, betete zur Göttin Pele (die es offiziell nicht mehr gab und die inoffiziell immer noch mit Gin traktiert wird); warf ein Tuch nach dem anderen hinein und schüttete das Feuerwasser nach. Es half. In einem populären Führer las ich. 'Vor der Ankunft der Missionare aus Neu-England hatten die Hawaier eine Religion, die wir für Aberglauben halten.' Die amtliche Skepsis gegenüber dem Unterschied von Glauben und Aberglauben verlockt mich zu denken, dass sogar die offiziellen Touristenliteratur sich dem Paradiesischen nähert.
Als die Missionare die Bibel ins Hawaiische übersetzten, entdeckten sie, dass diese Sprache keine Worte für Glaube, Heiligkeit, Engel und Dämon hat. Wahrscheinlich hatte auch das Vokabular Adams und Evas vor dem Sündenfall keine Worte dafür. Das besagt nicht: in Hawaii ist nie gemordet und geknechtet worden; wohl aber: man hat die Schmerzen nicht noch mit dem Vorschmerz der Hölle verstärkt, obwohl sie hier so greifbar ist. "(S.323)
Aus den Papieren meiner Schwester. Vor der Deportation (S.328 ff.)
"Meine jüngere Schwester, Edith, wurde im Januar 1943 aus Berlin-Charlottenburg verschleppt. (auf lateinisch deportiert). Wir konnten nur erfahren, dass sie am 8 Mai 1945 verendete. Am Tage der deutschen Kapitulation. Sie war 48 Jahre alt.
Sie kam mit 19 in den Verlag Georg Bondi*, der Stefan George und seinem Kreis diente. Hier wirkte sie 25 Jahre. *Georg Bondi
Hier fand sie ihre Heimat. Sie gehörte nicht zum 'Kreis', höchstens ein klein bisschen an der Peripherie. Aber sie war tief ergriffen von den Pathos, das in Worten wie 'Disziplin', 'Rangordnung', 'Haltung' den sprachlichen Niederschlag gefunden hatte.
Sie war diesem Verlag aktiv ergeben und machte ihn zum Inhalt ihres Lebens. Als Bondi, der nicht arisch war, verkaufen musste, fand sie in dem neuen Chef, den sie im Manuskript 'Helmut' nennt, einen leibhaftigen Gott. Er wurde der Träger ihres Ideals. [...]
Im Jahre 1941 und 1942 in dem dies niedergeschrieben wurde, / lebte sie mit ihrer alten herzkranken Mutter in einer kleinen Pension in Berlin-Charlottenburg. Dort starb meine Mutter im Jahre 1942, 78 Jahre alt. Meine Schwester, die in ihrem Zimmer heimlich für den Verlag arbeitete, bis auch das nicht mehr möglich war, wurde dann für kurze Zeit Fabrikarbeiterin und schließlich abgeholt .Es heißt, dass ein Portier sie denunziert hatte.
Vorher übergab sie ihre Papiere, unter denen sich auch das Manuskript befand, aus dem hier einige Stellen zitiert werden, dem Chef. Doktor Helmut Küpper. Ich habe ihn nicht gekannt, er wird mir so geschildert, wie meine Schwester ihn sah. Er starb vor wenigen Jahren an einem Gehirntumor. Seine Witwe, Frau Ursula Küpper war so liebenswürdig, uns den Nachlass zu senden.
Exzerpte (aus dem Text von Edith Marcuse)
"Ich war sehr erstaunt, als eine nette Verkäuferin auf meine Frage nach Rotwein, wie er eine Flasche aushändigte. Denn überall sind jetzt Aushänge in dem Geschäften, nach denen knappe Waren uns nicht mehr verkauft werden dürfen. Das Einkaufen ist ein Kapitel für sich. Meine Natürlichkeit hat mich bisher davor bewahrt, der Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit eines Verkäufers viel Wert beizumessen. Die Kriegszeit, die Warenknappheit und das ewige Gefrage der Kundschaft muss den Verkäufer auf die Nerven gehen. Ich habe immer volles Verständnis dafür gehabt und konnte weder die eine Gruppe verstehen, die in jedem Wort oder Nichtverkauf eine persönliche Schikane sieht; noch die andere, die für jedes freundliche Wort dem Verkäufer Lobeshymnen singt. Es hat mich richtig geärgert, als im Fleischergeschäft eine Dame voll Empörung in mein Ohr trompetete, es wäre eine Schande ausgerechnet jetzt um vier, während des Einkaufs der Juden, trinken die Verkäuferinnen ihren Kaffee, natürlich Absicht, ich ließ sie ruhig reden; denn die Unbelehrbaren haben sich in die Idee verrannt, immer zurückgesetzt zu werden. Tatsache war, in dem wirklich sehr vollen Laden hatte sich eine Verkäuferin etwas abseits gestellt, um ein paar Schluck Kaffee zu trinken. Das hielt keine Minute auf. / Genau so widert es mich an, wenn meine Glaubensgenossen hinter den Ladentisch rennen mit den Verkäufern flüstern und ein gutes Einvernehmen mit ihnen vor allen Leuten demonstrieren. Abgesehen von dem taktlosen Benehmen schaden sie damit den arischen Verkäufern. Die ihre Posten verlieren und in erheblichen Maße den Leidesgefährten, da die Verkäufer nicht mehr wagen zu den Juden freundlich zu sein." (S.329/330)
"So furchtbar grausam mir auch die Trennung von Mutter scheint, ich weiß es heute nicht, wie wir sie tragen werden. Im ersten Augenblick, als ich es hörte, erschien mir mein Leben sinnlos, sollte es dazu kommen. Denn warum habe ich endlose Jahre bei jedem Anfall um ihr Leben gekämpft? Warum habe ich nicht geheiratet? Dann aber, bei ruhiger Überlegung sah ich auch hier in den Sinn für mich, für sie. Es hat keinen Zweck zu grübeln. Wir überlegen uns ja auch nicht, wenn wir eine Straßenbahn besteigen, was wir täten, wenn sie entgleiste." (S.335)
Notizen zwischen 1945 und 1948 (S.347 ff.)
[...]
10.Mai
Der Marburger Rektor, Professor J Ebbinghaus, sagte bei der Eröffnung der Universität: 'Eins bleibt leider nur allzu wahr: Die deutschen Universitäten haben sich nicht mit der Macht, die sie vielleicht hätten entfalten können, als es noch Zeit war, dem Verderber der Wissenschaft und des Staats entgegengeworfen, und kein in der Welt sichtbares Fanal der Freiheit und des Rechts ist von ihren Türmen in die Nacht der Tyrannei emporgelodert.'
Professor Ebbinghaus empfiehlt als Heilmittel gegen künftiges Versagen: Aufklärung! 'Was liegt den Menschenopfern der Barbaren anderes zugrunde als irrige Vorstellungen über vermeintliche Götter und was dem Kriegswahn der Zivilisierten als Mangel an systemischer Einsicht in den Ursprung der Staatsgewalt.' / Unaufgeklärt ist nur – der mutige Professor Ebbinghaus. Als ob die deutschen Gelehrten in puncto Gelehrsamkeit versagt hätten. Sein Meister Kant sah tiefer: er fand einen der stärksten Widerstände gegen jede Aufklärung in der Feigheit. Ich empfehle den unentwegten Kantianern zur ernstesten Lektüre Kants Essay 'Was ist Aufklärung?' Er wusste, dass sie eine Stärkung des Muts sein muss (sapere aude!), bevor sie eine Erhellung des Bewusstseins sein kann. [...] / [...] Einsteins Schluss: 'Wir müssen die Politik des Wettkampfs aufgeben.' Aber wie macht man das? Selbst die Besten sehen nicht ein, dass es mehr als überflüssig ist, die alten wahren Imperative zu wiederholen. Die Technik: wie man dahin kommt , wo man hin will, ist wichtiger als das Ideal. das durch beschwörende Wiederholung nicht gefördert wird. Wir müssen nicht neu denken. sondern. neu machen lernen.
Die Zeit der politischen Aufklärung ist vorbei. [...]" (S.353-55)
»Mein zwanzigstes Jahr hundert.
Inhalt & Kernthemen
Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts: Marcuse beschreibt prägende Epochen des 20. Jahrhunderts – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis hin zu den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Exil und Emigration:
Als deutsch-jüdischer Intellektueller floh Marcuse 1933 vor den Nationalsozialisten. Seine Flucht- und Exilstationen führen über Sanary-sur-Mer (Frankreich), Paris und New York bis nach Los Angeles. Begegnungen mit Zeitgenossen:
Das Buch zeichnet lebendige Porträts zahlreicher prominenter Weggefährten und Künstler, darunter Thomas Mann, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Joseph Roth und Bruno Frank. Stil und Haltung: Typisch für Marcuse ist ein ironischer, essayistischer und oft selbstkritischer Ton.
Er verzichtet auf pathologische Selbsterhöhung und ordnet die eigenen Erlebnisse stets in den größeren philosophischen und gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit ein. Der Untertitel „Auf dem Weg zu einer Autobiographie“ unterstreicht dabei den offenen, uneitlen Charakter des Werkes.