Mittwoch, 28. Oktober 2026

Ludwig Marcuse: Mein zwanzigstes Jahrhundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie.

Ludwig Marcuse (1894–1971): Mein zwanzigstes Jahrhundert. Inhalt & Kernthemen

Mein Urteil aus dem Jahr 1983: Ein sehr menschliches, ein sehr reifes Buch. Kein Wunder, dass es offenbar nicht neu aufgelegt worden ist. (Es war aber schon 1975 als Diogenes-Taschenbuch herausgekommen, Zürich 1975 und ist als Taschenbuch auch 2026 in der 6. Auflage erhältlich !)

Zitate: Strindberg* hatte im Krieg die Theater beherrscht. Heute ist er ebenso tot wie Ibsen, den er damals verdrängte.... es gehören aber jene Tode zu denen, die man besser interimistische nennen sollte. Weshalb spielt man Fiesco, nicht aber die Wildente? [ ...] Sollte das etwas mit der deutschen Schule zu tun haben? Und sollte sie etwas mit der deutschen Universitätsgermanistik zu tun haben? Und womit hat die etwas zu tun? Wer kanonisiert / und wer schließt von den Heiligen Schriften aus? Damals saßen wir fasziniert vor den Strindberg-Stücken. Wie wir nie vor der Maria Stuart oder dem Tasso gesessen hatten. [...]. Ich dachte gelangweilt zurück an die Frau von Stein und an Schillers Amalie. Und wünschte inbrünstig, der Briefwechsel zwischen Strindberg und Nietzsche wäre so umfangreich gewesen wie der zwischen Goethe und Schiller. Strindberg war nicht lange vor dem Krieg gestorben. Kein Lebender lebte im Krieg so mächtig wie er. 

Die Vormacht des Theaters innerhalb der Literatur war damals unbestritten. Es vergesellschaftete den Geist. Man muss es schon in der Vergangenheit sagen. Wir lernen heute, dass es nicht immer so ist. [...] 

Dieser gesellschaftlichen Bedeutung des Theaters, vor allem der großen literarischen Premieren entsprach die Rolle, die ihm in der Presse eingeräumt wurde. Man blättere in alten Zeitungen! Wie wenig Platz wurde einem bedeutenden Buch gegeben? Und wie viel allen dritten Besetzungen der dritten Amazone in Kleists Penthesilea? In Gesellschaften waren nicht von Frieden von Versailles die Rede. Nicht einmal von einer Theateraufführung, sondern von der Theater-Politik. Der Theater-Kritik. Das Theater war die Kirche der Zeit und der Theaterkritiker ihr militanter Theologe. Die 'Weimarer' Theater in Berlin und ihre Dependenzen: Schwannecke, das russische Lokal an der Weidendammer Brücke, wo Granach ostjüdische Geschichten singsang und sich nach der Bergner sehnte (ob sie anwesend war oder nicht). Auch die Redaktion des Börsen-Courier, wo Ihering der Kreml und das Weiße Haus in einer Person war ... Alle diese Sonnen strahlten aus in die fernsten Provinzen, waren die Zentralgestirne der Kultur jener 14 Jahre." (S.67/68)

* Strindberg Vorwort von Fräulein Julie;  sieh auch: Paul Lensch (vom Sozialdemokrat zu einem ein dem "rechtskonservativen Lager nahestehenden Gegner der Sozialdemokratie" Wikipedia).

Weitere Zitate: "Ich erzähle aber nicht weiter, weil das Leben bisweilen eine hässliche Neigung zeigt, nach dem Happy End nicht den Vorhang fallen zu lassen." (S.202) 

Über Hawai: "1840 wurde das Christentum hawaiische Staatsreligion. Die Konstitution erklärte: 'Es darf kein Gesetz erlassen werden, welches dem Herrn Jehova widerspricht.' Im selben Jahr wurde auf diesen Inseln zum ersten Mal ein Mann gehängt. Im selben Jahr erschien auch Feuerbachs Religions-Psychologie. 

Die abgesetzten Götter gingen untergrund. Länger als der Glaube hält immer dies ängstliche 'Man kann nie wissen.' Die Stammesgötter spielen noch heute eine (nicht offizielle) Rolle. Die Belege aus unserer Zeit sind sehr lokal und nicht nachprüfbar. Vom 19 Jahrhundert weiß man mehr. Als 1880 ein Vulkan aktiv wurde und die Mauern einer Stadt gefährdete, kamen die Einwohner zur Prinzessin Ruth und baten um Hilfe? Sie näherte sich dem Krater mit einer Flasche Brandy und vielen roten Taschentüchern, betete zur Göttin Pele (die es offiziell nicht mehr gab und die inoffiziell immer noch mit Gin traktiert wird); warf ein Tuch nach dem anderen hinein und schüttete das Feuerwasser nach. Es half. In einem populären Führer las ich. 'Vor der Ankunft der Missionare aus Neu-England hatten die Hawaier eine Religion, die wir für Aberglauben halten.' Die amtliche Skepsis gegenüber dem Unterschied von Glauben und Aberglauben verlockt mich zu denken, dass sogar die offiziellen Touristenliteratur sich dem Paradiesischen nähert.

Als die Missionare die Bibel ins Hawaiische übersetzten, entdeckten sie, dass diese Sprache keine Worte für Glaube, Heiligkeit, Engel und Dämon hat. Wahrscheinlich hatte auch das Vokabular Adams und Evas vor dem Sündenfall keine Worte dafür. Das besagt nicht: in Hawaii ist nie gemordet und geknechtet worden; wohl aber: man hat die Schmerzen nicht noch mit dem Vorschmerz der Hölle verstärkt, obwohl sie hier so greifbar ist. "(S.323)

Aus den Papieren meiner Schwester. Vor der Deportation (S.328 ff.)

"Meine jüngere Schwester, Edith, wurde im Januar 1943 aus Berlin-Charlottenburg verschleppt. (auf lateinisch deportiert). Wir konnten nur erfahren, dass sie am 8 Mai 1945 verendete. Am Tage der deutschen Kapitulation. Sie war 48 Jahre alt. 

Sie kam mit 19 in den Verlag Georg Bondi*, der Stefan George und seinem Kreis diente. Hier wirkte sie 25 Jahre. *Georg Bondi

Hier fand sie ihre Heimat. Sie gehörte nicht zum 'Kreis', höchstens ein klein bisschen an der Peripherie. Aber sie war tief ergriffen von den Pathos, das in Worten wie 'Disziplin', 'Rangordnung', 'Haltung' den sprachlichen Niederschlag gefunden hatte. 

Sie war diesem Verlag aktiv ergeben und machte ihn zum Inhalt ihres Lebens. Als Bondi, der nicht arisch war, verkaufen musste, fand sie in dem neuen Chef, den sie im Manuskript 'Helmut' nennt, einen leibhaftigen Gott. Er wurde der Träger ihres Ideals. [...] 

Im Jahre 1941 und 1942 in dem dies niedergeschrieben wurde, / lebte sie mit ihrer alten herzkranken Mutter in einer kleinen Pension in Berlin-Charlottenburg. Dort starb meine Mutter im Jahre 1942, 78 Jahre alt. Meine Schwester, die in ihrem Zimmer heimlich für den Verlag arbeitete, bis auch das nicht mehr möglich war, wurde dann für kurze Zeit Fabrikarbeiterin und schließlich abgeholt .Es heißt, dass ein Portier sie denunziert hatte. 

Vorher übergab sie ihre Papiere, unter denen sich auch das Manuskript befand, aus dem hier einige Stellen zitiert werden, dem Chef. Doktor Helmut Küpper. Ich habe ihn nicht gekannt, er wird mir so geschildert, wie meine Schwester ihn sah. Er starb vor wenigen Jahren an einem Gehirntumor. Seine Witwe, Frau Ursula Küpper war so liebenswürdig, uns den Nachlass zu senden. 

Exzerpte (aus dem Text von Edith Marcuse)

"Ich war sehr erstaunt, als eine nette Verkäuferin auf meine Frage nach Rotwein, wie er eine Flasche aushändigte. Denn überall sind jetzt Aushänge in dem Geschäften, nach denen knappe Waren uns nicht mehr verkauft werden dürfen. Das Einkaufen ist ein Kapitel für sich. Meine Natürlichkeit hat mich bisher davor bewahrt, der Freundlichkeit oder Unfreundlichkeit eines Verkäufers viel Wert beizumessen. Die Kriegszeit, die Warenknappheit und das ewige Gefrage der Kundschaft muss den Verkäufer auf die Nerven gehen. Ich habe immer volles Verständnis dafür gehabt und konnte weder die eine Gruppe verstehen, die in jedem Wort oder Nichtverkauf eine persönliche Schikane sieht; noch die andere, die für jedes freundliche Wort dem Verkäufer Lobeshymnen singt. Es hat mich richtig geärgert, als im Fleischergeschäft eine Dame voll Empörung in mein Ohr trompetete, es wäre eine Schande ausgerechnet jetzt um vier, während des Einkaufs der Juden, trinken die Verkäuferinnen ihren Kaffee, natürlich Absicht, ich ließ sie ruhig reden; denn die Unbelehrbaren haben sich in die Idee verrannt, immer zurückgesetzt zu werden. Tatsache war, in dem wirklich sehr vollen Laden hatte sich eine Verkäuferin etwas abseits gestellt, um ein paar Schluck Kaffee zu trinken. Das hielt keine Minute auf. / Genau so widert es mich an, wenn meine Glaubensgenossen hinter den Ladentisch rennen mit den Verkäufern flüstern und ein gutes Einvernehmen mit ihnen vor allen Leuten demonstrieren. Abgesehen von dem taktlosen Benehmen schaden sie damit den arischen Verkäufern. Die ihre Posten verlieren und in erheblichen Maße den Leidesgefährten, da die Verkäufer nicht mehr wagen zu den Juden freundlich zu sein." (S.329/330) 

"So furchtbar grausam mir auch die Trennung von Mutter scheint, ich weiß es heute nicht, wie wir sie tragen werden. Im ersten Augenblick, als ich es hörte, erschien mir mein Leben sinnlos, sollte es dazu kommen. Denn warum habe ich endlose Jahre bei jedem Anfall um ihr Leben gekämpft? Warum habe ich nicht geheiratet? Dann aber, bei ruhiger Überlegung sah ich auch hier in den Sinn für mich, für sie. Es hat keinen Zweck zu grübeln. Wir überlegen uns ja auch nicht, wenn wir eine Straßenbahn besteigen, was wir täten, wenn sie entgleiste." (S.335)

Notizen zwischen 1945 und 1948 (S.347 ff.)

[...] 

10.Mai

Der Marburger Rektor, Professor J Ebbinghaus, sagte bei der Eröffnung der Universität: 'Eins bleibt leider nur allzu wahr: Die deutschen Universitäten haben sich nicht mit der Macht, die sie vielleicht hätten entfalten können, als es noch Zeit war, dem Verderber der Wissenschaft und des Staats entgegengeworfen, und kein in der Welt sichtbares Fanal der Freiheit und des Rechts ist von ihren Türmen in die Nacht der Tyrannei emporgelodert.' 

Professor Ebbinghaus empfiehlt als Heilmittel gegen künftiges Versagen: Aufklärung! 'Was liegt den Menschenopfern der Barbaren anderes zugrunde als irrige Vorstellungen über vermeintliche Götter und was dem Kriegswahn der Zivilisierten als Mangel an systemischer Einsicht in den Ursprung der Staatsgewalt.' / Unaufgeklärt ist nur – der mutige Professor Ebbinghaus. Als ob die deutschen Gelehrten in puncto Gelehrsamkeit versagt hätten. Sein Meister Kant sah tiefer: er fand einen der stärksten Widerstände gegen jede Aufklärung in der Feigheit. Ich empfehle den unentwegten Kantianern zur ernstesten Lektüre Kants Essay 'Was ist Aufklärung?' Er wusste, dass sie eine Stärkung des Muts sein muss (sapere aude!), bevor sie eine Erhellung des Bewusstseins sein kann. [...] /  [...] Einsteins Schluss: 'Wir müssen die Politik des Wettkampfs aufgeben.' Aber wie macht man das? Selbst die Besten sehen nicht ein, dass es mehr als überflüssig ist, die alten wahren Imperative zu wiederholen. Die Technik: wie man dahin kommt , wo man hin will, ist wichtiger als das Ideal. das durch beschwörende Wiederholung nicht gefördert wird. Wir müssen nicht neu denken. sondern. neu machen lernen. 

Die Zeit der politischen Aufklärung ist vorbei. [...]" (S.353-55)


»Mein zwanzigstes Jahr hundert. Auf dem Weg zu einer Autobiographie« ist die 1960 erstmals erschienene Autobiografie des deutschen Philosophen, Journalisten und Literaturkritikers Ludwig Marcuse (1894–1971).

Inhalt & Kernthemen

  1. Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts: Marcuse beschreibt prägende Epochen des 20. Jahrhunderts – vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis hin zu den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

  2. Exil und Emigration: Als deutsch-jüdischer Intellektueller floh Marcuse 1933 vor den Nationalsozialisten. Seine Flucht- und Exilstationen führen über Sanary-sur-Mer (Frankreich), Paris und New York bis nach Los Angeles.

  3. Begegnungen mit Zeitgenossen: Das Buch zeichnet lebendige Porträts zahlreicher prominenter Weggefährten und Künstler, darunter Thomas Mann, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Joseph Roth und Bruno Frank.

  4. Stil und Haltung: Typisch für Marcuse ist ein ironischer, essayistischer und oft selbstkritischer Ton. Er verzichtet auf pathologische Selbsterhöhung und ordnet die eigenen Erlebnisse stets in den größeren philosophischen und gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit ein. Der Untertitel „Auf dem Weg zu einer Autobiographie“ unterstreicht dabei den offenen, uneitlen Charakter des Werkes.

Weshalb KI das Verständnis von biochemischen Prozessen deutlich verbessern kann

 Als Grundkenntnis bringe ich mit: Enzyme wirken oft bei biochemischen Prozessen als Katalysator und beschleunigen die chemische Reaktion. Offen ist noch, wie stark sie sie beschleunigen können.

Dazu informiert die KI:

"Typische Werte: Die meisten Enzyme beschleunigen Reaktionen um den Faktor 10 hoch 6 bis 10 hoch  12  im Vergleich zur unkatalysierten Reaktion. Das bedeutet, eine Reaktion läuft millionen- bis billionenfach schneller ab.

  • Extrembeispiele: Es gibt Enzyme, die noch extremere Beschleunigungsfaktoren erreichen. Ein bekanntes Beispiel ist die Orotat-Decarboxylase (beteiligt an der Nukleotidsynthese):

    • Ohne Enzym: Die Halbwertszeit der unkatalysierten Reaktion liegt bei schätzungsweise 78 Millionen Jahren.

    • Mit Enzym: Die Reaktion dauert 18 Millisekunden.

    • Faktor: Das entspricht einer Beschleunigung um den Faktor von ca. 10 hoch 17 (hundert Billiarden Mal schneller)."


  • Donnerstag, 22. Oktober 2026

    Programmierfehler in PHP machen Millionen von Webseiten angreifbar

     PHP ist eine vielfältig verwendete Programmiersprache, die auf Millionen von Webseiten für Sicherheitslücken führt, die Millionen von Webseiten angreifbar machen. Jetzt kommt es darauf an, so schnell wie möglich Patches zu entwickeln und einzubauen, um die Lücken zu schließen. 

    Angesichts der großen Verbreitung von Software, die mit PHP erstellt worden ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das in der nötigen Geschwindigkeit geschieht, relativ gering. 

    Eine Hoffnung besteht darin, dass die Meldung dieser Fehler so verzögert wurde, dass vieles schon ausgebessert wurde und die Verbesserungen mit KI-Hilfe so schnell vorgenommen werden können/konnten, dass der Schaden in Grenzen gehalten werden kann.

    Wer sich über nicht funktionierende Webseiten geärgert hat, darf hoffen, dass sie früh genug abgeschaltet werden konnten, bevor Hacker zuschlagen konnten. 

    mehr dazu 

    Mittwoch, 21. Oktober 2026

    Mittwochsmänner

     "Mittwochsmänner gibt es seit 1965. Damals hieß der Klub noch „Herzöglicher Golf-Klub zu Braunschweig” " (Mittwochsmänner)

    Inzwischen gibt es sie aber auch in Schottland in Greenock bei Glasgow. Es sind Männer von der Müllabfuhr, die mit einem 10-jährigen Jungen Freundschaft geschlossen haben, der unter ADHS und Autismus leidet. 

    Sie gehen aufeinander zu. Der Unterschied zu den Golfspielern ist, dass sie weit größere Schwierigkeiten hatten, zueinander zu finden, und dass man hier nichts darüber weiß, dass sie um Spenden bitten. Die gut situierten Golfspieler tun's.

    Der ältere Bruder des 10-jährigen Jaxx hat auch ADHS und Autismus, nur hat die heute 38-jährige Mutter es erst jetzt geschafft, eine Freundschaft so ungewöhnlicher Art zu stiften. 

    Den Anteil der Kinder, die an ADHS leiden schätzt man für Deutschland auf 5 - 7 %, Den Anteil von Neurodivergenten an der Bevölkerung auf 15-20 %. (Neurodivergenz) Die Chancen, dass sie mit Männern von der Müllabfuhr Freundschaft schließen können, sind also extrem gering. 

    Schön, dass es in diesem einen Fall gelungen ist!

    Dienstag, 20. Oktober 2026

    Was sich wirklich zu lernen lohnt

    Things you really have to learn von Stephen Downes, gefunden bei Jochen Robes. Hier die Kurzfassung:

    1. How to predict consequences
    2. How to read
    3. How to distinguish truth from fiction
    4. How to empathize
    5. How to be creative
    6. How to communicate clearly
    7. How to learn
    8. How to stay healthy
    9. How to value yourself

    10. How to live meaningfully 

    Dies gefunden bei Herrn Rau

    Es ist durchaus sinnvoll, manchmal wieder etwas zu rekapitulieren, was man schon lange gewusst hat. Es könnte ein Aspekt davon wichtiger geworden sein als damals. Und man könnte merken, was für einen vergleichsweise bedeutungslos geworden ist und darüber nachdenken, weshalb. 

    Texte aus Russland im Dezember 1941

     Sonntag, 7.12.1941

    Die folgenden Text sollen durch ihre Zusammenstellung wirken. 

    Ein Offizier. (vor Leningrad) 
    Ich hatte gerade mehrere sehr anstrengende, weil schwierige Schießen hinter mir und war wohl in Lese- aber nicht in Schreibstimmung. Darum nahm ich mir 'Das Reich' und zwar wie immer beim 'Reich',  den kulturellen Teil vor und verschob die Beantwortung Ihres Briefes auf gestern. Und da, trotzdem Sonntag war, wurde wieder nichts daraus. Nachdem wir genügend lange russische Zielscheibe gewesen waren, durften wir wieder einmal tüchtig loslegen, ohne Rücksicht auf die eigene Munition. An lohnenden Zielen ist ja, wenn man schon die 11 Woche eine gute B-Stelle besetzt hält, kein Mangel. Und so war der Rest des Tages besetzt, ohne das Zeit für private Bedürfnisse blieb.
    Russischer Winter ist etwas Eintöniges. Das merken wir auch schon, obwohl wir ihn noch nicht im Bewegungskrieg kennengelernt haben. Wenn der Krieg vor Petersburg hier so bleibt, werde ich ihn auf alle Fälle noch angenehmer überstehen als den vorigen am Kanal. Ich sitze ja immer noch in demselben festen Haus, das sich mir schon im September als B-Stelle anbot, habe da einen Schreibtisch nebst Sessel für den Tag und ein Ledersofa als Schlafgelegenheit für die Nacht. Wohn- und Schlafraum sind heizbar. Und anstelle der Fensterscheiben, die bei jedem Beschuss ursprünglich den Weg alles Irdischen gingen, sind jetzt große Sperrholzplatten mit kleinen Autoscheiben als Lichtdurchlässe getreten. Die haben nun schon über zehn Volltreffer mit 15 cm Betongranaten, die auf unserer Bude landeten, nebst ebenso viel Bomben, die in nächster Nähe niedergingen. Ausgehalten. Wohn und Schlafraum sind jetzt heizbar. Es lässt sich also für mich aushalten, besser als jedenfalls in Russland zu erwarten war. Die Zeit vergeht angenehm schnell. Nachdem jetzt kleinere Päckchen geschickt werden können, habe ich mir allerlei Bücher kommen lassen, die mich theologisch wieder ein wenig in Schwung bringen oder sonst interessieren? Und dabei geht die Zeit auch hin. Meist sorgt aber der Russe dafür, dass uns die Zeit nicht zu lang wird." (S.336)

    Der Offizier. Leo Tilgner, 1892 vor Leningrad
    An seine Frau. 
    Meine Liebe Lydia, es ging zwar heute schon ein Brief ab, aber da ich ein Packerl mache, teile ich dir doch mit, dass ich dir ein paar Scherben schicke. Die chinesische Zeichnung gefiel mir so gut. Ich ließ die Scher/ben sammeln, aber. leider fehlen noch einige Stücke an der Marmortafel. Das sind so Trümmer aus der Zarenzeit. In dem zweiten Paket findet sich eine Holzschale, die mir jemand überließ. Die Scherben lassen sich eventuell verleimen. So bekommt man ein besseres Bild. Das verleimte Bild könnte man auf einer Sperrholzplatte befestigen und dann aufhängen. Ich habe noch ein zweites Scherbenstück, von dem alle Teile noch vorhanden sind. Die schicke ich später, wenn ich einen größeren Karton bekomme. Dieses Stück könnte man nach Verleimung in einem Holzrahmen stecken. Der Rahmen muss aber so schmal wie möglich sein und könnte mit dem Stück direkt verleimt werden. Es ist nur jetzt darauf zu achten, dass keine Scherbenstücke verloren gehen. Die Witterung ist milder. [...]" (S.337/338)

    Die Ärztin Galina Samowara                                              Leningrad
    Sämtliche Katzen und Hunde waren gegessen worden. Die Männer starben eher als die Frauen, Weil sie muskulös waren und weniger Fettansatz hatten. Die Frauen, sogar die kleinen, hatten viel mehr davon. Doch sie starben auch Komma, obwohl die Widerstandsfähiger waren Punkt. Die Menschen verwandelten sich in Greise., Weil der Fettansatz völlig verzehrt wurde Komma und sämtliche Muskeln und Blutgefäße traten am Körper deutlich hervor. (S.336)

    8.12.1941
    Der Leutnant Iwan Sawnko *1918,  berichtet aus Moskau:
    "Der harte Winter mit seiner grimmigen Kälte, der 1941 viel zu früh gekommen war, half uns bei den Verteidigungskämpfen vor Moskau. Für den russischen Winter waren wir gut gerüstet. Jeder hatte Filzstiefel an. Über der Sommeruniform trugen wir eine gesteppte Wattejacke und eine warme, wattierte Hose, dazu warme Fausthandschuhe und eine gefütterte Wintermütze mit herabklappbaren langen Ohrenwärmern auf dem Kopf, die unter dem Kinn eng zu binden war. Die Feldflasche war stets mit Sprit gefüllt. [...]
    Der Morgen graute in trüben Farben, als wir jemanden im Dickicht ganz wild um sich schießen hörten, ohne dass es Gegenfeuer gab. Das war sehr merkwürdig für mich. Nach dem Tuckern der Maschinenpistole gab es keinen Zweifel, dass es ein Fritz war, der von Angst erfasst seinen Kameraden ein Signal gab, wo er zu suchen wäre. Wir bewegten uns bis zum Gürtel im Schnee fort, es herrschte an jenem Tag ein enorm strenger Frost. [...] So umzingelten wir den feindlichen Soldaten von allen Seiten, und je näher wir an ihn herankamen, desto unsicherer und mit immer länger werdenden Pausen feuerte er, bis die Schüsse verstummten.
    'Das scheint ein Weib von unseren zu sein', sagte mein Starchina (Spieß) und reichte mir sein Fernglas. Bei der angebrochenen Dämmerung sah ich im Feldstecher einen im Schnee liegenden Klumpen im russischer Kleidung, die unsere Bauernfrauen auf dem Lande trugen. Die unbekannte Gestalt stöhnte laut und schien bewusstlos zu sein. Die deutsche Maschinenpistole lag etwas abseits von ihr. [...]
    Als meine Soldaten den Fritzen aus seinen warmen Decken auszuwickeln begannen, um ihn zu durchsuchen, waren wir fassungslos. Eine mächtige Garderobe hatte der Lebensraumeroberer angezogen. Über der Feldmütze hatte er verschiedene Frauenkopftücher, manche waren aus reiner Wolle. Einen dicken Schal hatte er um den Hals gewickelt und seine Enden, am Rücken festgebunden. Unter seinem Mantel fanden wir bei ihm eine kurze Frauenstrickjacke und eine mit Ziegenfell gefütterte Weste. An der Jacke steckte noch eine primitive Brosche. Über seine Stiefel hatte der Krieger große Strohschuhe gezogen. Die konnte man in solcher Rüstung kämpfen, dachte ich. Ich hatte mir so einen deutschen Eroberer in einem normalen Soldatenmantel und mit dünnen Kopfschützer bei minus 40 Grad Celsius vorgestellt, einige Stunden ohne Aufwärmen im Freien, kämpfend oder nachts auf Wache stehend. Wo saßen ihre Führer und Kommandeure, die ihre Soldaten im russischen Winter im Stich gelassen hatten? So ließen ie sie auf den vereisten und verschneiten Straßen sich vorwärts quälen, bis im Raum um Moskau, viele frische Divisionen aus Sibirien für eine gewaltige Gegenoffensive bereitgestellt wurden.
    Die Deutschen unterschätzten unseren russischen Winter völlig." (S. 353/54). 

    Ludmila Komrakowa * 1931 LENINGRAD
    "Dies ist meine verborgenste Erinnerung. Viele Jahrzehnte sind verflogen. Aber es kommt oft vor, dass ich auch heute noch das schreckliche Geräusch meiner zerbrechenden Puppe Mascha deutlich höre. Doch alles der Reihe nach...

    Als wir uns mit unserer Tante auf die Evakuation vorbereiteten, stand uns nur ein Tag zur Verfügung, um die unentbehrlichsten Sachen zusammenzusuchen. Sonst wollte man mich und meine Schwester der Tante wegnehmen, weil sie keine Papiere für unsere Vormundschaft hatte und wir beide als Weisen anerkannt waren. (die Mutter war gestorben, der Vater kämpfte an der Front). Doch vor ihrem Tod hat die Mutter unsere Tante flehentlich gebeten. Uns an niemanden abzugeben und die Tante hat ihr ihr Wort gegeben. 
    Es war sehr kalt im Dezember 1941, als wir uns für die Weiterreise bereit machten, man musste vor allem warme Sachen mitnehmen. Und das Gepäck war nach Umfang und Gewicht streng begrenzt.
    Die Tante hat alles in einen kleinen Sack geworfen und für meine liebe Puppe Mascha, mit der ich jede Nacht eingeschlafen war, gab es keinen Platz. Und Mascha hatte so schöne blaue Augen mit langen seidigen Wimpern und lange Haare Sie war aus Porzellan, konnte zwinkern und er hat ein herrliches dunkelrotes Kleid an. 
    Ich begann zu heulen.
    'Lieber bleibe ich hier, ohne Masha fahre ich nirgendwohin. Ich kann sie nicht im Stich lassen', sagte ich so entschlossen, dass die Tante den Sack wieder auszupacken anfing. Sie verzichtete auf die Mitnahme von einigen Sachen. Und hat für meine Mascha Platz geschaffen. 
    Bis zum Ladogasee sind wir mit einem Zug von dem Finnljandskij-Bahnhof  gefahren, und als unser Zug am Bahnhof war Ganova eingetroffen war, waren die deutschen Sturzkampfbomber angeflogen, und wir mussten alle in einem unvorstellbaren Durcheinander hektisch aussteigen und unsere Sachen mitnehmen. Es war eine richtige Hölle. Alles umher hat gedonnert, ist in die Luft gegangen und hat gebrannt Die Kinderschreie und die wahnsinnigen Rufe ihrer Mütter haben sich zu einer Kakophonie vermischt. Und in diesem Wirrwarr hörte ich, als ob es totenstill gewesen wäre, wie unser Sack zu Boden fiel und etwas in ihm verräterisch geknirscht hatte. 
    Mir wurde sofort klar, dass meine Mascha kaputt gegangen war Ich fing an zu heulen, ich habe so lange Zeit geschluchzt Die Tante hat uns beide in einen noch rauchenden Bombentrichter hinuntersteigen lassen, wo wir dann bis zum Ende des Angriffs saßen Und meine Puppe blieb / irgendwo oben. Mein Herz wollte mir vor Kummer zerspringen. Als wir dann wieder hinausgeklettert waren, haben wir unseren Sack nicht mehr gefunden. Die Marodeure reisten immer mit. Meine Puppe Mascha war also vermisst. Nicht gefallen. Nicht verwundet, sondern vermisst. (S.341/42)