Dienstag, 6. Oktober 2026

Shida Bazyar: Die Lücken

 Shida Bazyar: Die Lücken

Perlentaucher:

Tageszeitung: "[...] Durch die erzählerische  Meta-Perspektive einer Verstorbenen wird von der deutschen NS- und Post-NS-Geschichte aus einem "exiliranischen" Blickwinkel erzählt, und zwar auf mehreren Zeitebenen. Anker ist dabei die fiktive Stadt Heimesbach, angelehnt ans reale Hermeskeil in Rheinland-Pfalz, wo die Autorin selbst aufgewachsen ist. Herausfordernd findet der Kritiker diese Vielschichtigkeit, auch die Sprache sei schwierig; immer wieder "verhakt" er sich in komplizierten Sätzen. Aber je mehr er liest, desto deutlicher wird ihm, dass sich alles lohnt: es braucht die erzählerische Meta-Perspektive, um Kontinuitäten, Parallelitäten zwischen verschiedenen Zeiten herzustellen. Auch die Perspektiven des hilfsbereiten Heimesbachers Völker ebenso wie die des kurdischen Paares Azad und Asrin sind wichtig, um Differenzierung zu gewährleisten. Wie "filigran" Bazyar zwischen all dem die "Mechanismen des Ein- und Ausgeschlossenseins" im Dorf beleuchtet, dabei die Lücken in der NS-Aufbereitung aufzeigt und auch noch "extrem dicht" mit einer exiliranischen Perspektive auf deutsche Politik verknüpft, das hat für den Kritiker seinen Ruhm allemal verdient. [...]"

Die ZEIT: "[...] Keiner redet, keiner erzählt, deswegen hat Bazyar eine besondere Erzählperspektive gefunden, wie Hüchtker erklärt. Die Erzählerin ist als Kind geflohen, hat dann drei Jahre im Hunsrücker Heimesbach verbracht und schwebt nun als Tote über der Geschichte des Dorfes und kann sie von den Zwanzigern an erzählen. Die beeindruckte Kritikerin erfährt im Nachwort, dass Bazyar vieles aus der Geschichte des Städtchens übernommen hat, in dem sie aufgewachsen ist, so zum Beispiel einen KZ-Arzt, der in der Bundesrepublik ungehindert weiter praktizieren konnte. Mit Fingerspitzengefühl schreibt die Autorin laut Hüchtker über Juden, die gerade noch fliehen konnten oder über Deutsche, die die jede Schuld von sich weisen. Gerade das Zarte, aber doch unglaublich Präzise in ihrem Schreiben mache die Wucht des Buches aus, lobt die Kritikerin. "Das Grauen spricht für sich", findet sie. Ein Roman, der ohne Empörung die Lücken aufdeckt, die die deutschen Dörfer nur allzu gern in ihren Chroniken stehenlassen wollen*, ist das Resümee."

*Ein Beispiel dafür bildet die Ortsgeschichte von Hoheneiche, wo bis zum 2.3.2022 die NS-Zeit in dem Satz zusammengefasst wurde "1938 wurde der Betrieb „arisiert“[4]"Erst dann wurden mit 168 Wörter und 4 Anmerkungen Aussagen des Ortshistorikers B.H. Roth aus einem Vortrag von 2008 über den Ort in der NS-Zeit aufgenommen. (Das hat 14 Jahre gebraucht - länger als die NS-Zeit in Deutschland andauerte.)

Montag, 5. Oktober 2026

Bundeswochenpräsident

Antwort auf die Frage: Wer steht über dem Bundestagspräsidenten? (Witzigste Schülerantworten, Greiner/Padtberg, S.276)

Leider werden die mit dem verstärkten Gebrauch von KI durch Schüler seltener werden. Mit der Zeit aber wird sich eine Sammlung der groteskesten KI-Antworten lohnen. Vorerst muss man sich dabei mit Kleinigkeiten begnügen wie der Behauptung, noch Monate nach seiner Wahl habe es Papst Leo XIV.  nicht gegeben. " Es gab in der Geschichte der katholischen Kirche bisher keinen Papst Leo XIV. (der letzte Papst namens Leo war Leo XIII., der bis 1903 amtierte)." (21.4.2026)


Korrekt gendern?

 Definitionen

"Die US-Sozialpsychologen Bosson, Vandello und Buckner definieren 2018 die einzelnen Bezeichnungen wie folgt (übersetzt):[11]

  • transgender (transgeschlechtlich): Personen, deren psychologische Geschlechtsidentität nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt
  • genderqueer: Personen, die sich als weder/noch identifizieren, oder als beides oder als Kombination von Mann und Frau
  • genderfluid: Personen, deren Geschlechtsidentität sich verschiebt oder flexibel verändert, statt anhaltend gleich zu bleiben
  • bigender: Personen, die zwischen den Geschlechtsidentitäten Frau und Mann wechseln
  • trigender: Personen, die zwischen Frau, Mann und einer dritten Geschlechtsidentität wechseln (siehe pangender)
  • agender: Personen, die sich als ungeschlechtlich empfinden

Das Webster’s erklärt diese Varianten von gender identities mit ähnlichem Wortlaut,[7] ebenso das britische Oxford English Dictionary.[12]

Des Weiteren findet sich die Bezeichnung demigender („halbgeschlechtlich“) sowie in Deutschland als alternativer Vorschlag die Bezeichnung abinär anstelle von nichtbinär (weil das eine Negation ist).

Zur Bezeichnung androgyn (Androgynie) schreibt das LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung 2017:

„Entsprechend seiner griechischen Wurzeln (andros für „Mann“ und gyne für „Frau“) beschreibt das Wort androgyn das Zusammenfallen von männlichen und weiblichen Attributen.
Es kann sowohl eine Geschlechtsidentität mit einer Kombination aus weiblichen und männlichen Eigenschaften ausdrücken, als sich auch einfach auf das Äußere, die Kleidung, das Auftreten einer Person beziehen. In der Umgangssprache wird mit Androgynität meist geschlechtliche Uneindeutigkeit bezeichnet.“[bpb: 2]"


Mehr dazu:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtbin%C3%A4re_Geschlechtsidentit%C3%A4t#gender-nonconforming 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Neues zur Raumfahrt

 https://www.zeit.de/suche/index?q=Raumfahrt&mode=7d&type=article&type=gallery&type=video&type=author&type=manualtopic


"Damit ist nun fraglich, ob in den kommenden zehn Jahren überhaupt ein Esa-Astronaut auf den Mond reist. Allen voran Deutschland mit seinen Esa-Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer hatte sich hier große Hoffnungen gemacht. Für sie bleibt, Stand jetzt, allenfalls ein Flug um den Mond – als bereits ausgehandelte Tauschleistung für das in Bremen gefertigte Antriebsmodul der Orion-Raumkapseln, mit denen Astronauten in eine Mondumlaufbahn reisen können."

https://www.zeit.de/2026/42/mondlandungen-usa-nasa-esa-jared-isaacman-mondumflug-italien


"Das Projekt Starship hat damit nach nunmehr 14 Testflügen einen beeindruckenden Punkt erreicht: Musk hat die wohl fähigsten Ingenieure des Planeten zusammengebracht, für 15 Milliarden US-Dollar eine gigantische Raketenfabrik in Südtexas hochgezogen. SpaceX hat dort die modernste und größte Rakete aller Zeiten gebaut. Eine Rakete, die anders als alle Vorgängerinnen vollständig wiederverwertbar ist, nach dem Flug ins All sogar vom selben Startturm wieder aufgefangen werden soll, von dem sie zuvor abgehoben ist (was nun Testflug Nummer 15 demonstrieren soll). [...] Um den Mars geht es Musk längst nicht mehr. Im Februar rief er stattdessen völlig überraschend den Mond als Ziel für eine bemannte Siedlung aus – und degradierte auch dieses Projekt schon vier Monate später wieder zum Nebenschauplatz. Da ging SpaceX nämlich an die Börse – und Musk kündigte in Telefonkonferenzen an, aus der Raketenfirma einen der größten Anbieter für KI und globale Kommunikation machen zu wollen. [...]

All das soll sich in einem weitgehend rechtsfreien Raum abspielen: Bisher ist das Allermeiste im Weltall erlaubt, eine strengere internationale Gesetzgebung ist nicht in Sicht. Dabei dürfte sich die Gefahr durch Weltraumschrott durch zehntausende neue Satelliten deutlich verschärfen. Forscher diskutieren außerdem die Möglichkeit, dass altersschwache Satelliten beim Verglühen in der Atmosphäre die Ozonschicht schädigen könnten. Und US-Militärs bereiten sich längst auf einen Schlagabtausch im Orbit vor, der künftig jeden größeren Konflikt auf der Erde begleiten dürfte.

Das Starship wird all diese Probleme eher verschärfen als auflösen. Wenn es neue Möglichkeiten schafft, dann vor allem solche des Machtausbaus und der Monetarisierung der Ressource Weltall – und das auch nur für die USA und ihre engsten Verbündeten. Doch selbst für sie ist es hochriskant, sich bei diesem Thema von einem einzelnen Mann abhängig zu machen. Man muss jedenfalls ziemlich verträumt sein, um darin noch eine Utopie zu sehen."

https://www.zeit.de/wissenschaft/2026-09/spacex-elon-musk-starship-rakete-technik/komplettansicht


Das Starship ist also eine Art vertikal startender Jumbojet für die Schwerelosigkeit. Er dürfte die Raumfahrt so stark verändern, wie keine Rakete zuvor. SpaceX kann nun nämlich pro Start fünf- bis zehnmal so viel Masse wie bisher ins All transportieren. Und das wohl perspektivisch mit noch höherer Taktung als die bereits alle paar Tage startenden Falcon-9-Raketen des Unternehmens. Auch die Preise könnten weiter fallen. Ungeahnte Materialmengen dürften somit in den nächsten Jahren in die Umlaufbahn gelangen. [...]

All das soll sich in einem weitgehend rechtsfreien Raum abspielen: Bisher ist das Allermeiste im Weltall erlaubt, eine strengere internationale Gesetzgebung ist nicht in Sicht. Dabei dürfte sich die Gefahr durch Weltraumschrott durch zehntausende neue Satelliten deutlich verschärfen. Forscher diskutieren außerdem die Möglichkeit, dass altersschwache Satelliten beim Verglühen in der Atmosphäre die Ozonschicht schädigen könnten. Und US-Militärs bereiten sich längst auf einen Schlagabtausch im Orbit vor, der künftig jeden größeren Konflikt auf der Erde begleiten dürfte.

Das Starship wird all diese Probleme eher verschärfen als auflösen. Wenn es neue Möglichkeiten schafft, dann vor allem solche des Machtausbaus und der Monetarisierung der Ressource Weltall – und das auch nur für die USA und ihre engsten Verbündeten. Doch selbst für sie ist es hochriskant, sich bei diesem Thema von einem einzelnen Mann abhängig zu machen. Man muss jedenfalls ziemlich verträumt sein, um darin noch eine Utopie zu sehen. "

https://www.zeit.de/wissenschaft/2026-09/spacex-elon-musk-starship-rakete-technik/komplettansicht

Montag, 28. September 2026

Sind die Fehler, die im Verlauf der deutschen Einigung gemacht worden sind, immer noch prägend für das Verhältnis zwischen West und Ost?

Ich bin dankbar für die vielen guten Antworten auf diese Frage auf gutefrage.net/ und habe wenigstens einige davon hier festgehalten. 

Zwar gab es auch 1945 keine Stunde 0, aber 1989/90 war der Neuanfang noch weniger grundlegend und die Eliten im Westen waren nicht zureichend verunsichert, als dass man so etwas ernstlich hätte versuchen wollen. 

Etwas Ähnliches wie das Lastenausgleichsgesetz von 1952 (3 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik und 7 nach dem Ende der NS-Herrschaft) wurde zwar versucht (offene Vermögensfragen und Lastenausgleichsgesetz (Wiedervereinigung), aber 40 Jahre nach dem Verlust des Eigentums war es nicht von ähnlicher Wirkung, und die DDR-Eliten wurden für den Umbau nicht so gebraucht wie 1945 die ehemaligen NSDAP-Mitglieder. (ein ambivalenter Sachverhalt!) - Dies ist eine verkürzte Darstellung. Die Aufarbeitung dieser Fragen ist wohl erst im Verlauf kommender Jahrzehnte zu erwarten, wenn überhaupt.

https://www.gutefrage.net/frage/sind-die-fehler-die--im-verlauf-der-deutschen-einigung-gemacht-worden-sind-immer-noch-praegend-fuer-das-verhaeltnis-zwischen-west--und-ost

Ja natürlich.

Fragt man einen Westdeutschen, was sich 1989/90 für ihn geändert hat, sagt er "nichts", fragt man einen Ostdeutsche das Selbe, sagt er "Alles!"

Das verstehen die Westdeutschen bis heute nicht.

Insbesondere die weitestgehende Deindustrialisierung durch die Treuhand hat tiefe Narben hinterlassen.

Viele Betriebe wurden an die Westdeutsche Konkurrenz verhökert, die dann einfach die Patente rausgenommen, die Maschine in die dritte Welt verkauft und die Leute entlassen haben. Nur um nicht mit dem Produkten konkurrieren zu müssen

Für die Belegschaft war das ein Schlag ins Gesicht. Zumal es für die ostdeutsche Belegschaft in der Regel unmöglich war, die vormals volkseigenen Betriebe, die sie ein Leben lang aufgebaut hatten, in Eigenregie zu übernehmen.

Die DDR Bürger wurden im 20. Jahrhundert zweimal enteignet. Erst nach dem zweiten Weltkrieg von den Kommunisten und dann nach der Wiedervereinigung von der Treuhand.

Auch ein Grund warum es im Osten bis heute kaum Vermögen gibt.


@Fontanefan

Man hat halt ohne Vorbereitung den Kapitalismus auf die Ostdeutschen los gelassen und eh die verstanden haben was da passiert, war das Kind auch schon in den Brunnen gefallen.

In anderen Ostblock-Ländern haben zumindest die einheimischen Eliten die Gunst der Stunde genutzt und sind durch die Wendewirren zu Oligarchen aufgestiegen. Im Ostdeutschland hat das das Geld der westdeutschen Eliten verhindert, die sich alles von Wert geschnappt haben eh die ostdeutschen auch nur begreifen konnten was da gerade passiert.

Als es die berühmten "Schlösser für eine Mark" gab, hatten die ostdeutschen auch keine Chance da ein Schloss zu bekommen. Sie konnten ja kein Kapital nachweisen um die Schlösser zu renovieren oder zu unterhalten.


@steefi

Die Ostdeutschen wollen zu Beginn einfach nur Reformen. Dass dann von einem Tag auf den anderen der Kapitalismus eingeführt wurde, muss man eher als Unfall der Geschichte betrachten. Weil Kohl seine Chance für die Geschichtsbücher gesehen hat

Es hätte nicht so laufen müssen, dass dann bis heute 90% der Produktionsmittel in Ostdeutschland Westdeutschen gehören.

Meine Großeltern haben 10 Jahre in Angst gelebt, dass doch noch ein Alteigentürmer aus dem Westen auftaucht und ihnen das Häuschen weg nimmt, dass sie 10 Jahre nach dem Krieg als verlasse Ruine übernommen und wieder aufgebaut haben.

Meine anderen Großeltern mussten aus der Wohnung raus wo sie ihre Kinder großgezogen haben, weil der Alteigentümer eine Luxussanierung durchführen wollte. Und das sind keine Einzelschicksale, sowas kennt jeder im Osten.

Ja, es wurde nicht daran gedacht, das nach der Umstellung von Volkseigen auf Privatwirtschaft, es nicht ausreicht diese unrentablen VEB betriebe durch die Treuhand abzuwickeln, aber es dann den Zufall überlassen, das eventuell neue Arbeitsplätze geschaffen werden. 30 % der Bürger und dazu überwiegend jungen Leute zogen der Arbeit nach, der Rest vergreiste mit der Zeit und die Stimmung drehte sich dadurch, die Wahlergebnisse sind der Beweis dafür.

 Klar, die Fehler von damals führten zu einer Dynamik, die bis heute nachwirkt.

Den Menschen im Osten kann man nur eines vorwerfen: bodenlose Naivität in ihrer Hurra-Euphorie.

Im Westen standen schon die kapitalistischen Haie in den Startlöchern, bereit für die Immobilien-Schnäppchen Jagd.

Selbst der heutige Seniorchef meiner eher mittelständischen privaten sozialen Einrichtung kaufte sich damals ein rundes Dutzend Villen/Häuser auf dem Land oder in mittelgroßen Städten.

Betriebe wurden im großen Stil geschlossen. Selbst produktive Wirtschaftsteile wie z.B. die Werftindustrie, die keinen schlechten Ruf hatte, wurden ganz bewusst gegen die Wand gefahren.

Die Menschen hatten zwar zunächst ein paar DM in der Tasche aber oft keine Arbeit mehr, waren ausgesourced, abgemeldet. Ministerpräsidenten waren fast ausnahmslos zunächst Westimporte. DDR-Bürger hatten in der Politik zunächst kaum eine Stimme.

Man hat die Auswirkungen dieser defacto "feindlichen" Übernahme lange unterschätzt obwohl die Wut von damals schon in Rostock-Lichtenhagen spürbar war und die gleiche Wut heute die AFD-Erfolge befeuert. existieren alle miteinander in einer höchst globalisierten Welt. Wenn sich ringsum die wirtschaftlichen Verhältnisse ändern, betrifft uns das auch hier. Egal ob Ost oder West, aber in strukturschwächeren Gegenden bekanntlich immer zeitiger, als in den etablierten.

Was den "Osten" womöglich vom "Westen" (noch immer) unterscheidet, ist die Interpretation der Lage, und die vermuteten Ursache

Die Ossis wurden durch Treuehändler beraubt. Wir Wessis zahlen immer noch.

Also alle beraubt und geschädigt.

Nicht alle: Vielmehr Absatzmarkt für westdeutsche Betriebe, billige Immobilien Karrieremöglichkeiten für Beamte ...

Donnerstag, 24. September 2026

Judenverfolgung

 Holocaust am Starnberger See

"[...] Der Dachauer Außenlagerkomplex Mühldorf liegt etwa 70 Kilometer östlich von München und besteht aus mehreren Lagern mit rund 8.000 Häftlingen. In den ersten Wochen muss Sigi im berüchtigten »Waldlager« schuften, in dem die Häftlinge in Iglu-artigen Hütten auf dem Boden schlafen und es keine Sanitäranlagen gibt. Später wird er ins Lager Mettenheim überstellt. Die Nationalsozialisten lassen hier eine gewaltige unterirdische Fabrik zur Montage von Militärflugzeugen der Firma Messerschmitt errichten, Deckname »Weingut I«. Die Häftlinge müssen einen Betonbogen bauen, auf dem später Bäume zur Tarnung gepflanzt werden sollen. Sie schleppen 50-Kilo-Zementsäcke, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, dafür erhalten sie täglich einen Liter Suppe und einen Viertel-Laib Brot. Immer wieder fallen Häftlinge vor Erschöpfung in den nassen Beton und versinken. Die durchschnittliche Überlebensdauer beträgt nur wenige Monate. »Obwohl unser KZ klein war, gab es ein Dutzend Tote jeden Morgen«, erzählt Dan Golomb in Seeshaupt.

Dass er selbst nicht dazugehörte, erklärt er sich später damit, dass er an vielen Tagen, statt auf der Hauptbaustelle zu arbeiten, dem »Sonderkommando« zugeteilt war, das die Leichen abtransportierte. Das war furchtbar, aber weniger anstrengend.

Sigi Golomb ist gegen jede Wahrscheinlichkeit am Leben geblieben. Noch in den letzten Tagen vor seiner Befreiung übersteht er einen Luftangriff der Alliierten, die den Todeszug aus Mühldorf für einen Militärtransport halten. Als US-Soldaten am 30. April 1945 im Seeshaupter Bahnhof die Waggons öffnen, zählen sie mindestens 63 Leichen. Viele, die noch leben, sind so geschwächt, dass sie die nächsten Wochen nicht überstehen. Ein zweiter Zugteil strandet in Tutzing und wird dort befreit.

Jahrzehntelang schweigt Golomb über das Erlebte. Nach dem Krieg geht er zurück nach Jugoslawien, beendet die Schule und beginnt in Belgrad, physikalische Chemie zu studieren. 1948 zieht es ihn nach Israel, wo er seinen verhassten Vornamen ablegt. Als Dan Golomb setzt er nach dem Militärdienst sein Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem fort; 1958 wird er promoviert. In Israel lernt er auch seine spätere Frau kennen, mit der er in die USA auswandert. Viele Jahre arbeitet er dort in einer Forschungsstelle der Luftwaffe, bevor er Forschungsdirektor der noch jungen nationalen Umweltschutzbehörde in Washington wird. Spezialisiert auf Luftveränderungsprozesse und deren Folgen, wechselt er später ans Polytechnikum in Cambridge.[...]"

Mutterrolle heute

 https://www.zeit.de/2026/41/mutterschaft-frauen-familienpolitik-teilzeitmuster-rentenluecke