Mittwoch, 22. April 2026

Cindy Crawford: "Ich habe eine gewisse Macht gespürt"

Cindy Crawford war eines der Supermodels der Neunzigerjahre. Jetzt ist sie 60 geworden und hat für eine Berliner Ausstellung teils unbekannte Bilder ihres Lebens kuratiert – ein Gespräch über Nacktheit, Angst und die Kunst, sich selbst treu zu bleiben.  Interview: 

Eine Frau wie Cynthia Ann Crawford, die einmal von der Zeitschrift "People" zu den 50 schönsten Menschen der Welt gewählt wurde, kann man nicht mal eben anrufen. Per Mail erhält man zwar eine amerikanische Telefonnummer, aber erst nach mehrfacher Weiterleitung und Eingabe verschiedener Codes steht die Verbindung nach Malibu. "Hello, this is Cindy", sagt sie, es ist Punkt zehn Uhr vormittags kalifornischer Zeit.

DIE ZEIT: Sie sind unglaublich pünktlich, Mrs. Crawford.

Cindy Crawford: Ja, so organisiere ich mein Leben.

ZEIT: Wenn wir von Pünktlichkeit sprechen: Haben Sie manchmal den Gedanken, mit Ihrer Karriere zu früh dran gewesen zu sein? Wäre es nicht heute, in der Post-Weinstein-Zeit, angenehmer, ein Model zu sein?

Crawford: Ach, ich hatte eine unglaubliche Karriere und kann mich überhaupt nicht beklagen. Ich kann von keinen Albtraumerfahrungen mit übergriffigen Männern berichten; ich fühlte mich auch nie unsicher. Die Neunzigerjahre waren eine wunderbare Zeit, und es war großartig, sie in New York zu erleben.

ZEIT: Es war eine Zeit ohne Social Media ...

Crawford: Ich schätze an Social Media den direkten Draht zu den Fans. Aber diese Technologie bedeutet auch viel Arbeit. Und nun beginnt mit aller Macht die KI-Kultur, und ich habe keine Ahnung, was das für uns alle bedeutet und wie sie die Modeindustrie und die Arbeit der Models verändern wird. Kurzum: Ich liebte die Ära, in der ich groß wurde.

ZEIT: Der Beruf des Models hat ja mit dem Wecken von Sehnsüchten und Begierden zu tun. Was, denken Sie, war stärker: der Wunsch der Männer, Sie zu berühren und zu "besitzen"? Oder der Wunsch der Frauen, so zu sein wie Sie?

Crawford: Darüber denke ich wirklich gar nicht nach!

ZEIT: In Ihrer Autobiografie Becoming haben Sie den Zwiespalt beschrieben, mit dem Sie Ihre eigene Karriere erlebt haben: Sie hatten großes Vertrauen zu dem Model, das den Namen Cindy Crawford trug, aber es dauerte einige Zeit, bis dieses Zutrauen auf Ihr persönliches Leben übergriff. Können Sie das näher erklären?

Crawford: Jeder Mensch hat eine gewisse Unsicherheit in sich – und für Frauen gilt das ganz gewiss. Es ist gar nicht so einfach, in jungen Jahren Erfolg zu haben und das zu verkraften. Es war tatsächlich so, dass die Selbstsicherheit, die mir der Beruf gab, erst allmählich mein ganzes Wesen erfüllte. ZEIT: Wenn ich Ihre Aktfotos sehe, habe ich nicht den Eindruck, es mit einer ausgelieferten Person zu tun zu haben. Es geht auch nichts Exhibitionistisches von Ihnen aus. Sie wirkten immer, selbst nackt, als beherrschten Sie die Situation – und als wären Sie die Regisseurin der Wirkungen, die Ihr Körper auf den Betrachter hat.

Crawford: Ich habe tatsächlich nie Scham oder Unbehagen empfunden bei der Arbeit – doch, ein einziges Mal, als ich mich zu etwas überreden ließ, was ich eigentlich nicht wollte. Es ging dabei nicht mal um ein Nacktbild, ich sollte nur oben ohne posieren, aber ich fühlte mich unwohl mit dem Fotografen. Das ist das einzige Foto, das ich bedauere.

Die kleine Warze über dem linken Mundwinkel, genannt "The Mole", hat sich Cindy Crawford gegen alle Ratschläge nie entfernen lassen. Der vermeintliche Makel wurde ihr Erkennungszeichen – ein rührendes Signal der Asymmetrie im Gesicht dieses Supermodels. Längst ist die inzwischen 60-Jährige eine erfolgreiche Unternehmerin. In der Berliner Galerie CAMERA WORK sind derzeit Crawford-Fotografien aus vier Jahrzehnten zu sehen, Akte, Modefotos, aufwendige Inszenierungen, darunter Arbeiten von Herb Ritts, Peter Lindbergh, Albert Watson oder Jim Rakete. Einige dieser Fotos der Ausstellung, die Crawford selbst mit kuratiert hat, werden dort erstmals öffentlich gezeigt. Betrachtet man die Bilder, so hat man den Eindruck: Diese Frau liefert sich der Gier der (nicht nur männlichen) Blicke nicht aus, nein, sie gibt die Energie selbstgewiss zurück: eine Majestät, die Königin ihrer Wirkungen. ZEIT: Ich fand immer: Sie, die Frau auf den Fotos, betrachtet uns. Ihre Bilder sind Manifestationen der eigenen Stärke, ja der eigenen Macht – und nicht Zeugnisse der Scham und der Ausbeutung.

Crawford: Ich habe mit vielen großartigen Fotografen gearbeitet. Nehmen Sie nur Herb Ritts. Er war ein unglaublich liebevoller Mann. Die Zusammenarbeit mit ihm hatte nichts Aufgeladenes, sie war einfach angenehm und respektvoll. Ich will nicht sagen, dass die Fotos, die da entstanden, nicht erotisch waren, aber die Energie am Set hatte nichts Sexuelles. Ich arbeitete auch mit heterosexuellen Fotografen, und auch da fühlte ich mich stets sicher. Ich komme nicht aus einer sehr progressiven Familie, aber ich habe doch früh gelernt, mich in meinem Körper wohlzufühlen, seine Form zu akzeptieren. ZEIT: Wie meinen Sie das?

Crawford: Um noch mal Herb Ritts zu erwähnen: Er zeigte den weiblichen Körper sehr dezent, sehr rein, in gewisser Weise sachlich – beinahe so, als handelte es sich um eine Form der Architektur. Ich fühlte mich von ihm nie ausgebeutet. Und weil Sie von Macht sprachen: Ja, in einem solchen Zusammenspiel mit großartigen Fotografen habe ich tatsächlich eine gewisse Macht gespürt. ZEIT: Ist das Leben als Model nicht auch eine Sache der Überwindung?

Crawford: Man muss sich selbst genug respektieren, um die richtige Entscheidung zu treffen und die eigenen Gefühle zu achten. Es kann sein, dass eine Situation heute okay ist und am nächsten Tag vielleicht nicht – es ist schwer zu beschreiben. Ein Fotograf, den ich sehr mochte, wollte mich einmal nackt fotografieren, ich sollte für irgendetwas werben. Das lehnte ich ab. Aber ich ließ mich dann doch von ihm nackt fotografieren – ich tat es für ihn, und das fühlte sich okay an. Ich tat es nicht für das Produkt, das hätte sich nicht okay angefühlt. ZEIT: Sie haben mal gesagt, Angst sei für Sie eine Form der Information – ein Hinweis auf Dinge, die möglicherweise schieflaufen. Haben sich Ihre Ängste im Lauf Ihres Lebens geändert?

Crawford: Natürlich ändert sich im Lauf des eigenen Lebens das Wesen der eigenen Ängste. Wenn man Kinder bekommt, gilt die Hauptangst ihnen. Im Übrigen bin ich keine ängstliche Person, aber wenn ich Angst spüre, achte ich darauf. Es ist ein Zeichen dafür, dass man sich unsicher fühlt. Das sollte man ernst nehmen und nicht verdrängen. In unserer Zeit glauben gerade junge Menschen, es existiere eine Pille gegen alles, auch gegen die Angst. Es gibt eine menschliche Neigung, unsere Gefühle zu betäuben – und das ist ein Fehler. Ich glaube, alle Gefühle sind Information, und man sollte sie ernst nehmen. [... Das Folgende in DIE ZEIT]



Papstbesuch in Kamerun

 https://www.youtube.com/watch?v=G2TgontOww4

https://gemini.google.com/app/394675884bbdc478

Dienstag, 21. April 2026

Es ist gut, dass du in der Schule Dinge lernst, die du nicht brauchst

  "In der neunten Klasse holte meine Biologielehrerin Frau Fischer einen Filmprojektor aus der Schrankwand. Sie musste noch mit der Hand kurbeln, um den Film abzuspielen, den sie uns zeigen wollte. (Nein, ich bin nicht in den sechziger Jahren zur Schule gegangen, Frau Fischer war nur etwas altmodisch.)

Über die Leinwand flimmerte ein Schwarzweißfilm über die Paarung des Alpenmolches. Ich weiß noch ganz genau, wie fassungslos ich damals war: Die Paarung des Alpenmolches? Ernsthaft? Wozu brauche ich das? Warum sollte ich das wissen?Diese Fassungslosigkeit begleitete mich durch meine gesamte Schulzeit und darüber hinaus. Und damit bin ich nicht allein. Erst neulich hat sich die ehemalige Boxerin Regina Halmich in einem SWR-Podcast aufgeregt: „Ich habe so viel in der Schule gelernt, was ich heute überhaupt nicht brauche.“ Gedichtanalyse? Kurvendiskussion? Stochastik? Puh. Shakespeare? Romantik? Goethe? Komm schon. Ich musste seit dem Matheabitur nie wieder die vierte Ableitung einer Funktion bestimmen. Du etwa? [...]" (zitiert nach: Krautreporter 8.4.26)

A. Polgar:„Ich kann keine Romane lesen“

 

„Ich kann keine Romane lesen“

(von norberto42 am 21. April 2026)

In tausend Schicksale bist du durch Neugier, Gefühl, Nötigung hineingeknüpft, tausend Atem wehen Hauch und Sturm in deine Segel, immer schreckhafter wird die unentrinnbareVision von Figuren, Gesichtern, Stimmen, die deine Szene hintergründig abschließt.

Und da soll man Romane lesen?

Bei dieser Übervölkerung des Bewußtseins noch Leute hineinlassen, die gar nicht sind oder waren? Dem bis zum Niederbrechen in Anspruch genommenen Interesse für das Leben, seine Figuren und Schicksale, auch noch konstruiertes Leben, erfundene Figuren, zusammengelogene Schicksale aufladen? Wie, bei dieser schrecklichen Antlitze-Inflation, die das Dasein ohnehin mit sich bringt, soll ich noch Antlitze aus der Phantasie-Minze des Romanschreibers in meinen geistigen Umlauf setzen? Zubauen statt abbauen? Ich soll mein Mitgefühl, das schon vor der Stube des Schusters Potzner ohnmächtig versagt, noch durch imaginierte Leiden imaginierter Erdenwandler, die sich ein Herr am Schreibtisch aus dem tintigen Finger gesogen hat, in Bewegung setzen lassen? Ich soll zu den unlösbaren Problemen, die schon der Charakter meines Hausmeisters stellt, mir noch welche einwirtschaften, die eine Laune des Romanschreibers den von ihr geborenen Charakteren hineinpraktiziert hat? Romanleser sein, das heißt: ins grauslich überstopfte lebendige Leben noch papierenes stopfen, auf die zum Platzen geschwollene Welt noch Scheinwelt okulieren, an die Phantasie, für die ein Gott grandseigneural-üppig gedeckt hat, Ersatznahrung aus dem Laden der Fälscher verfuttern. Ich, der ich gar keine Besuche mache, soll mich durch Hütten und Paläste schleifen lassen, in Töpfe, Betten, Hirne gucken und zusehen, wie’s dort brodelt, wo doch schon der Brodem meines eignen kleinen Lebens mich betäubt, mir kosmischer Nebel scheint, unendlich, undurchdringlich ? Ich, der ich nicht genug Tränen habe, meinen eignen Toten — von meinen eignen Lebenden ganz zu schweigen — zu zahlen, soll an Gräbern schluchzen, die eine Feder aus Papier herausgeschaufelt hat und in denen gar keiner drinliegt? Wie kann man nur Romane lesen?

Alfred Polgar: Ich kann keine Romane lesen. In: Orchester von oben, 1926, S. 266 ff. = https://archive.org/details/orchestervonoben0000unse/page/264/mode/2up

Sonntag, 19. April 2026

Verbilligung der Satellitenstarts und Zunahme des Weltraumschrotts

Verbilligung der Satellitenstarts und Zunahme des Weltraumschrotts 

 ZEIT 15.4.2026

"[...] Transportpreise ins All sind im freien Fall. Ein Kilogramm Nutzlast in eine niedrige Umlaufbahn zu schießen, kostete während der Space-Shuttle-Ära von 1981 bis 2011 im Schnitt noch 54.500 Dollar. Heute verlangt SpaceX weniger als 3.000 Dollar. Falls es Elon Musk demnächst gelingt, seine Starship-Rakete vollständig wiederzuverwerten, rechnet das Unternehmen mit weniger als 50 Dollar – ein Preissturz um den Faktor 1.000. Starship, die größte je gebaute Rakete, soll 150 Tonnen auf einmal in den Orbit heben, das Gewicht eines Blauwals. Sie soll landen und sofort wieder starten, wie ein Flugzeug, mehrmals am Tag. [...]

Auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar im schweizerischen Davos diskutierte ein Panel über »das nächste Rennen im All«, die Esa richtete dort ein eignes Side-Event aus – aber den lautesten Auftritt hatte Elon Musk. Er erklärte per Videoschalte: »Es liegt auf der Hand, solarbetriebene Datenzentren im Weltraum zu bauen.« Die Sache werde »in zwei, spätestens drei Jahren Wirklichkeit«. Seine Logik: Künstliche Intelligenz braucht große Mengen Strom und Kühlung. Beides löst das All. Sonne scheint dort oben ohne Unterbrechung. Überschüssige Wärme lässt sich ins Vakuum abstrahlen, ohne Kühlturm, ohne Wasser, ohne Verlust.

Musk befeuert solche Visionen sicher auch, um den Wert von SpaceX vor dem geplanten Börsengang in die Höhe zu treiben. Allein steht er mit seinem Urteil aber nicht. Das vom US-Chipkonzern Nvidia gestützte Unternehmen Starcloud trainierte 2025 erstmals ein KI-Modell auf einem Chip direkt im Orbit und hat die Genehmigung für 88.000 Satelliten beantragt. Noch gilt die Sache als zu teuer – aber mit jeder Kostensenkung, die Raketenfirmen wie Astra und SpaceX gelingt, werden aus heutiger Sicht völlig verrückte Ideen realistischer. Ob Orbithotels, gigantische Solarsegel zur Energiegewinnung oder der Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden – was gestern noch als »crazy« abgetan wurde, rechnet man heute in Businessplänen durch. [...]

Jedes Start-up, das im All produziert, erhöht die Nachfrage. Was wiederum die Serienproduktion von Raketen treibt und dadurch die Startkosten senkt. Bisher mag Musks SpaceX dominieren, doch Hubbard glaubt, dass das bloß der Anfang eines ungezügelten Marktes ist. »Im All gibt es noch keinen Kontrolleur, da geht alles«, sagt der Nasa-Veteran.

Genau das wird für die Weltraumbranche gerade zum Problem. Das All wird zu voll, niemand holt den Schrott ab. Aber selbst die Müllabfuhr will nun ein Unternehmer übernehmen. [...]

Schon heute gibt es dem US-Weltraumüberwachungsnetzwerk zufolge alle zwei Minuten eine Kollisionswarnung im All; jedes Ausweichmanöver verbrennt Treibstoff. Und tatsächlich verlangen die USA und Europa von ihren Unternehmen schon erste Zusagen zur Trümmerbeseitigung nach Missionsende.

Wird Okada, dessen Land der Welt mit Marie Kondo das Aufräumen beibrachte, der Welt eines Tages einen sauberen Orbit schenken? »Dass diese Technik funktioniert, ist bewiesen«, antwortet der. »Die Preise werden jetzt kalkulierbar.« (ZEIT 15.4.26)

Zum Schach-Kandidatenturnier u.a.

 https://www.zeit.de/thema/schach

E-Scooter verkaufen sich sehr gut

Strengere Regeln für das Fahren helfen nicht dagegen ZEIT 9.4.26

Meldungen seit 2019