https://www.zeit.de/2026/30/dave-eggers-contrapposto-roman-kunst-kuenstliche-intelligenz-schulen
"[...] Eggers: Der Roman ist wahrscheinlich die klassischste aller Kunstformen. Und er hat sich nicht groß verändert, wurde eher konservativer in den vergangenen 30 Jahren. Aktuell sind wir wieder beim traditionellen Geschichtenerzählen angekommen, was interessant ist, wenn man an den Postmodernismus der Siebziger und Achtziger denkt.
ZEIT: Was hat Sie denn am klassischen Erzählen gereizt?
Eggers: Die Leser wollen sich von der Geschichte und den Figuren verzaubern lassen. Ich kam erst spät zu der harten Einsicht: Das ist der Grund, warum die meisten Menschen lesen. Dieses besondere Erlebnis, in die Welt der Figuren einzutauchen. In Contrapposto ist das größte Experiment, im Buch einige Zeichnungen aus Aktklassen abzubilden. Ich musste meinem Verlag ein Jahr vorher Bescheid geben. Sie haben mir sogar mein Wunschcover zensiert, weil es eine nackte Figur zeigte.
ZEIT: Aber gerade Bildbände sind doch voller nackter Menschen!
Eggers: Wichtig ist, wo und seit wann sie nackt sind. Tote Nackte aus dem alten Griechenland sind uns lieber als jemand, der gestern nackt war. Und trotzdem: Es war von hinten! Haben Sie jemals Aktmalerei probiert?
ZEIT: Ja, aber ich bin wirklich keine gute Zeichnerin.
Eggers: Jeder Mensch sollte bis zu einem gewissen Grad klassisches Zeichnen lernen. Es lehrt einen, richtig zu sehen. Zeichnen inspiriert dazu, jenseits der eigenen Annahmen zu denken. Ich sage das sowohl zu meinen Kunst- wie Schreibschülern: Geht raus, beobachtet, macht euch Notizen! Wie reden Leute wirklich? Nicht: Wie denkt man, dass Leute reden. Früher war es viel gängiger, klassische Malerei und Zeichnen zu lernen. Charles Darwins Notizblock ist voller wunderschöner Zeichnungen! Es ist eine Schande, wir sollten alle diese Fähigkeit erlernen.
ZEIT: Also man muss vor die Tür gehen, um die Welt besser zu sehen?
Eggers: Wenn man sein Zimmer verlässt und die Welt betritt, versteht man die überraschende und doch nicht überraschende Komplexität der Menschen und des Lebens. Es ist wie mit San Francisco: Die Leute kommen hierher und glauben, sie wüssten, wie diese Stadt ist. Aber wenn man durch die Straßen läuft, mit Leuten spricht, erkennt man Nuancen. Als ich in den letzten Jahren über Trump-Rallys berichtete, war ich schockiert, wie nuanciert seine Wähler waren.
ZEIT: Das erinnert mich an die Stelle Ihres Buches, als der Protagonist Cricket darüber erschrickt, dass man Blau braucht, um eine Banane realistisch zu malen. Wir nehmen an, man brauche nur Gelb bei Bananen.
Eggers: Man muss mit einer blauen Grundierung beginnen, weil das unter der Schale schimmert. Dann Grün, Gelb und Weiß darüber. Das zeigt, wie kompliziert jedes Obst ist. Und genau deswegen malen die Menschen seit Jahrhunderten Obst. Es braucht Beobachtungsgabe und Mut, etwas so darzustellen, wie es ist.
ZEIT: Haben wir gerade wirklich eine Verbindung zwischen Trump-Wählern und Bananen gefunden?
Eggers: Oh Gott, klinge ich wie ein Verrückter?
ZEIT: Im Gegenteil, es ergibt Sinn: Beides muss man wirklich sehen.
Eggers: Wissen Sie, echte Menschen sind großartig. Die Touristen, die jetzt für die WM in die USA kommen, treffen auf echte Menschen, nicht auf Irre. Wir Amerikaner haben eine Tradition der Gastfreundschaft. Jemand wie Stephen Miller repräsentiert mitnichten den Großteil dieses Landes. [...]
Eggers: Ich arbeite seit 25 Jahren als Schreibdozent, und das ist der schlimmste Moment, den ich je erlebt habe. Weil es keine Vorgaben aus Washington sind, es ist nicht der Staat. Die Schüler selbst bringen sich, einer nach dem anderen, zum Schweigen. Das ist das Ende der menschlichen Spezies. Punkt. Wenn wir unsere Fähigkeit aufgeben, zu sprechen, ist das das Ende.
ZEIT: Aber wenn eine fehlerfreie KI nun mal besser ist als ich? Mal unsentimental gefragt: Worin liegt der Wert der menschlichen Autorschaft?
Eggers: Wir haben mehr als 2.000 Bücher veröffentlicht von Kindern, die meisten kamen aus marginalisierten Gruppen. Und wir sehen Schüler, die schüchtern und unsicher mit der englischen Sprache in die Klasse kommen. Die ihre Texte fünfmal, zehnmal überarbeiten, aber dann veröffentlichen. Sie machen die Erfahrung, dass sie ihre Gedanken nicht nur äußern, sondern publizieren können, dass sie gehört werden. Das macht den Unterschied zwischen verängstigten, gestressten Schülern und jemandem, der sich aufgehoben in der Gemeinschaft fühlt. Wir beobachten, dass all diese Schüler, die immer und immer wieder veröffentlichen, sich extrem gut entwickeln. Alles fängt damit an, gehört zu werden.
ZEIT: Was beobachten Sie in dieser Generation – wie sehen diese schreibenden Kinder ihre Zukunft?
Eggers: Den Kids geht es gut. Aber sie brauchen Klarheit. Ich saß neulich in einer Klasse am Tisch mit einem brasilianischen, einem kolumbianischen und einem Schüler aus El Salvador. Ihre Lehrer haben ihnen Computer und Handys verboten, weil sie wissen, dass sie sonst ChatGPT öffnen. Wir redeten über das Essen, die Geräusche, die Landschaft ihrer Heimatländer. Dann schrieben sie mit Stift und Papier. Die ersten Entwürfe waren nichts, sie mussten sie überarbeiten, aber man erkannte authentische Gedanken und eine Stimme. Aber es ist hart, wissen Sie? Zehn Erwachsene und 24 Kinder, um an die eigentliche Wahrheit zu kommen. Zu Hause hätten sie es schnell die KI machen lassen. Es braucht viele Menschen, damit diese Generation nicht in den Abgrund stürzt.
ZEIT: Aber von der Kasse bis zum Online-Check-in – die Menschen verschwinden aus dem Alltag. Und im Silicon Valley arbeitet man daran, unsere Gehirne mit künstlicher Intelligenz zu verschmelzen.
Eggers: Diese Leute sind womöglich sehr unglücklich über die Tatsache, dass sie Teil der menschlichen Spezies sind. Wir befinden uns in einem Schlüsselmoment. Wir müssen die Stellung halten. Seit je können nur Menschen Bücher schreiben. Es war Sam Altman, der mich zu der Debatte bei OpenAI eingeladen hatte. Und er sagte: Es wird bald Romane von künstlicher Intelligenz geben. Und ich habe gesagt: Das will niemand. Und das wird niemals jemand lesen wollen. Was wiederum ihn und die Leute bei OpenAI ziemlich überrascht hat.
Eggers: Diese Leute sind womöglich sehr unglücklich über die Tatsache, dass sie Teil der menschlichen Spezies sind. Wir befinden uns in einem Schlüsselmoment. Wir müssen die Stellung halten. Seit je können nur Menschen Bücher schreiben. Es war Sam Altman, der mich zu der Debatte bei OpenAI eingeladen hatte. Und er sagte: Es wird bald Romane von künstlicher Intelligenz geben. Und ich habe gesagt: Das will niemand. Und das wird niemals jemand lesen wollen. Was wiederum ihn und die Leute bei OpenAI ziemlich überrascht hat.
ZEIT: Glauben Sie, Sam Altman liest gerne?
Eggers: Ich glaube, dass Sam Altman kein einziges Buch als Erwachsener gelesen hat. Was ja das Problem ist: Diese Leute schätzen Kunst nicht. Sie verstehen nicht, warum es sie gibt, wer sie macht, wozu sie da ist. Und genau deswegen sollten Techfirmen keine Rolle in den Geisteswissenschaften spielen. Sie haben keinen Respekt davor.
ZEIT: Es geht am Ende darum, was die Literatur und die Kunst uns bedeuten?
Eggers: Es ist ein Moment, in dem die menschliche Spezies wählt. Und ich glaube, wir werden die richtige Entscheidung treffen. Es wird okay werden.
Sieh auch: Dave Eggers: The Circle 2013