Dienstag, 21. April 2026

Es ist gut, dass du in der Schule Dinge lernst, die du nicht brauchst

  "In der neunten Klasse holte meine Biologielehrerin Frau Fischer einen Filmprojektor aus der Schrankwand. Sie musste noch mit der Hand kurbeln, um den Film abzuspielen, den sie uns zeigen wollte. (Nein, ich bin nicht in den sechziger Jahren zur Schule gegangen, Frau Fischer war nur etwas altmodisch.)

Über die Leinwand flimmerte ein Schwarzweißfilm über die Paarung des Alpenmolches. Ich weiß noch ganz genau, wie fassungslos ich damals war: Die Paarung des Alpenmolches? Ernsthaft? Wozu brauche ich das? Warum sollte ich das wissen?Diese Fassungslosigkeit begleitete mich durch meine gesamte Schulzeit und darüber hinaus. Und damit bin ich nicht allein. Erst neulich hat sich die ehemalige Boxerin Regina Halmich in einem SWR-Podcast aufgeregt: „Ich habe so viel in der Schule gelernt, was ich heute überhaupt nicht brauche.“ Gedichtanalyse? Kurvendiskussion? Stochastik? Puh. Shakespeare? Romantik? Goethe? Komm schon. Ich musste seit dem Matheabitur nie wieder die vierte Ableitung einer Funktion bestimmen. Du etwa? [...]" (zitiert nach: Krautreporter 8.4.26)

A. Polgar:„Ich kann keine Romane lesen“

 

„Ich kann keine Romane lesen“

(von norberto42 am 21. April 2026)

In tausend Schicksale bist du durch Neugier, Gefühl, Nötigung hineingeknüpft, tausend Atem wehen Hauch und Sturm in deine Segel, immer schreckhafter wird die unentrinnbareVision von Figuren, Gesichtern, Stimmen, die deine Szene hintergründig abschließt.

Und da soll man Romane lesen?

Bei dieser Übervölkerung des Bewußtseins noch Leute hineinlassen, die gar nicht sind oder waren? Dem bis zum Niederbrechen in Anspruch genommenen Interesse für das Leben, seine Figuren und Schicksale, auch noch konstruiertes Leben, erfundene Figuren, zusammengelogene Schicksale aufladen? Wie, bei dieser schrecklichen Antlitze-Inflation, die das Dasein ohnehin mit sich bringt, soll ich noch Antlitze aus der Phantasie-Minze des Romanschreibers in meinen geistigen Umlauf setzen? Zubauen statt abbauen? Ich soll mein Mitgefühl, das schon vor der Stube des Schusters Potzner ohnmächtig versagt, noch durch imaginierte Leiden imaginierter Erdenwandler, die sich ein Herr am Schreibtisch aus dem tintigen Finger gesogen hat, in Bewegung setzen lassen? Ich soll zu den unlösbaren Problemen, die schon der Charakter meines Hausmeisters stellt, mir noch welche einwirtschaften, die eine Laune des Romanschreibers den von ihr geborenen Charakteren hineinpraktiziert hat? Romanleser sein, das heißt: ins grauslich überstopfte lebendige Leben noch papierenes stopfen, auf die zum Platzen geschwollene Welt noch Scheinwelt okulieren, an die Phantasie, für die ein Gott grandseigneural-üppig gedeckt hat, Ersatznahrung aus dem Laden der Fälscher verfuttern. Ich, der ich gar keine Besuche mache, soll mich durch Hütten und Paläste schleifen lassen, in Töpfe, Betten, Hirne gucken und zusehen, wie’s dort brodelt, wo doch schon der Brodem meines eignen kleinen Lebens mich betäubt, mir kosmischer Nebel scheint, unendlich, undurchdringlich ? Ich, der ich nicht genug Tränen habe, meinen eignen Toten — von meinen eignen Lebenden ganz zu schweigen — zu zahlen, soll an Gräbern schluchzen, die eine Feder aus Papier herausgeschaufelt hat und in denen gar keiner drinliegt? Wie kann man nur Romane lesen?

Alfred Polgar: Ich kann keine Romane lesen. In: Orchester von oben, 1926, S. 266 ff. = https://archive.org/details/orchestervonoben0000unse/page/264/mode/2up

Sonntag, 19. April 2026

Verbilligung der Satellitenstarts und Zunahme des Weltraumschrotts

Verbilligung der Satellitenstarts und Zunahme des Weltraumschrotts 

 ZEIT 15.4.2026

"[...] Transportpreise ins All sind im freien Fall. Ein Kilogramm Nutzlast in eine niedrige Umlaufbahn zu schießen, kostete während der Space-Shuttle-Ära von 1981 bis 2011 im Schnitt noch 54.500 Dollar. Heute verlangt SpaceX weniger als 3.000 Dollar. Falls es Elon Musk demnächst gelingt, seine Starship-Rakete vollständig wiederzuverwerten, rechnet das Unternehmen mit weniger als 50 Dollar – ein Preissturz um den Faktor 1.000. Starship, die größte je gebaute Rakete, soll 150 Tonnen auf einmal in den Orbit heben, das Gewicht eines Blauwals. Sie soll landen und sofort wieder starten, wie ein Flugzeug, mehrmals am Tag. [...]

Auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar im schweizerischen Davos diskutierte ein Panel über »das nächste Rennen im All«, die Esa richtete dort ein eignes Side-Event aus – aber den lautesten Auftritt hatte Elon Musk. Er erklärte per Videoschalte: »Es liegt auf der Hand, solarbetriebene Datenzentren im Weltraum zu bauen.« Die Sache werde »in zwei, spätestens drei Jahren Wirklichkeit«. Seine Logik: Künstliche Intelligenz braucht große Mengen Strom und Kühlung. Beides löst das All. Sonne scheint dort oben ohne Unterbrechung. Überschüssige Wärme lässt sich ins Vakuum abstrahlen, ohne Kühlturm, ohne Wasser, ohne Verlust.

Musk befeuert solche Visionen sicher auch, um den Wert von SpaceX vor dem geplanten Börsengang in die Höhe zu treiben. Allein steht er mit seinem Urteil aber nicht. Das vom US-Chipkonzern Nvidia gestützte Unternehmen Starcloud trainierte 2025 erstmals ein KI-Modell auf einem Chip direkt im Orbit und hat die Genehmigung für 88.000 Satelliten beantragt. Noch gilt die Sache als zu teuer – aber mit jeder Kostensenkung, die Raketenfirmen wie Astra und SpaceX gelingt, werden aus heutiger Sicht völlig verrückte Ideen realistischer. Ob Orbithotels, gigantische Solarsegel zur Energiegewinnung oder der Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden – was gestern noch als »crazy« abgetan wurde, rechnet man heute in Businessplänen durch. [...]

Jedes Start-up, das im All produziert, erhöht die Nachfrage. Was wiederum die Serienproduktion von Raketen treibt und dadurch die Startkosten senkt. Bisher mag Musks SpaceX dominieren, doch Hubbard glaubt, dass das bloß der Anfang eines ungezügelten Marktes ist. »Im All gibt es noch keinen Kontrolleur, da geht alles«, sagt der Nasa-Veteran.

Genau das wird für die Weltraumbranche gerade zum Problem. Das All wird zu voll, niemand holt den Schrott ab. Aber selbst die Müllabfuhr will nun ein Unternehmer übernehmen. [...]

Schon heute gibt es dem US-Weltraumüberwachungsnetzwerk zufolge alle zwei Minuten eine Kollisionswarnung im All; jedes Ausweichmanöver verbrennt Treibstoff. Und tatsächlich verlangen die USA und Europa von ihren Unternehmen schon erste Zusagen zur Trümmerbeseitigung nach Missionsende.

Wird Okada, dessen Land der Welt mit Marie Kondo das Aufräumen beibrachte, der Welt eines Tages einen sauberen Orbit schenken? »Dass diese Technik funktioniert, ist bewiesen«, antwortet der. »Die Preise werden jetzt kalkulierbar.« (ZEIT 15.4.26)

Zum Schach-Kandidatenturnier u.a.

 https://www.zeit.de/thema/schach

E-Scooter verkaufen sich sehr gut

Strengere Regeln für das Fahren helfen nicht dagegen ZEIT 9.4.26

Meldungen seit 2019

Freitag, 17. April 2026

Kant

 Die Pflicht zur Zuversicht.

Ein emotionaler kategorischer Imperativ, der im gegenseitigen Austausch gegenwärtig nicht besonders intensiv befolgt wird.