Donnerstag, 6. August 2020

Vom Zusammenhang von Naturzerstörung und Pandemien

https://www.theguardian.com/environment/2020/aug/05/deadly-diseases-from-wildlife-thrive-when-nature-is-destroyed-study-finds?CMP=Share_AndroidApp_Tweet

Gysi außenpolitischer Sprecher der Linken

https://www.zeit.de/2020/33/gregor-gysi-aussenpolitischer-sprecher-die-linke

Strategie für 2. Welle

https://www.zeit.de/2020/33/corona-zweite-welle-eindaemmung-massnahmen-christian-drosten


"[...] Das alles hat Konsequenzen für die Verfolgung: Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen. Dann sind die personell schlecht ausgestatteten Gesundheitsämter endgültig damit überfordert, die Quarantäne jeder einzelnen Kontaktperson zu regeln. Viele von ihnen haben schon in der ersten Welle vor dieser Aufgabe kapituliert.
Aber sind wir der zweiten Welle deshalb schutzlos ausgeliefert? Nein. Denn die Verbreitung ist bei genauem Hinsehen nicht homogen, und das kann man sich zunutze machen. Infektionswissenschaftler beobachten eine überraschend ungleiche Verteilung der Infektionshäufigkeit pro Patient. Die Reproduktionszahl R bildet dabei nur einen Durchschnitt ab. Nehmen wir einen R-Wert von zwei als Beispiel, dann infiziert jeder Patient zwei weitere. Allerdings nur im Mittel. In unserem Beispiel stecken neun von zehn Patienten jeweils nur einen anderen an, aber einer der zehn infiziert gleich elf weitere. In der Summe haben dann zehn Patienten zwanzig Folgefälle verursacht. [...]
Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen durch breite Testung. Japan gelang es, die erste Welle trotz einer erheblichen Zahl importierter Infektionen ohne einen Lockdown zu beherrschen.
Ich plädiere nun dafür, im Fall der Überlastung nur (oder zumindest vor allem) dann mit behördlichen Maßnahmen auf einen positiven Test zu reagieren, wenn er von einem möglichen Clustermitglied stammt. Die vielen Tests, die die Politik derzeit vorbereitet, werden bald öfter positiv ausfallen und die Gesundheitsämter dann überfordern – schließlich kann man das Virus ja nicht wegtesten, man muss auf positive Tests auch reagieren.
Hier gilt: Der Blick zurück ist wichtiger als der Blick nach vorn. Denn Infektionsfälle werden meist erst mehrere Tage nach dem Auftreten von Symptomen erkannt. Der Patient bekommt Fieber, schläft eine Nacht darüber und geht dann zum Arzt. Erst am Tag darauf erhält er sein Testergebnis. Häufig geht ein weiterer Tag verloren, weil der Patient zögert, der Hausarzt abwiegelt oder das Labor die Proben an einen Subunternehmer weiterschickt. Meist sind also vier oder mehr Tage vergangen, seit der Patient die ersten Symptome verspürte. Zu diesem Zeitpunkt ist er aber kaum noch infektiös. Denn wir wissen inzwischen, dass die infektiöse Phase etwa eine Woche dauert, die ersten zwei Tage liegen dabei vor dem Symptombeginn. Immer noch isolieren manche Gesundheitsämter den erkannten Fall als Erstes, um ihn daran zu hindern, andere zu infizieren. Das ist nicht falsch, es könnte aber genauso gut der Hausarzt übernehmen, der den Patienten begleitet.[...]
Die zweite Welle erfordert nun aber das Mitdenken der gesamten Bevölkerung, der Arbeitgeber und der Politik. Nehmen die Neuinfektionen plötzlich stark zu, brauchen wir einen pragmatischen Weg zum Stopp des Clusterwachstums: ohne Lockdown, dafür mit Restrisiko. Diesen Weg müssen alle verstehen und mittragen, auch durch Befolgen allgemeiner Maßnahmen wie Maskenpflicht und Beschränkung privater Feiern. Der Zeitpunkt für den Krisenmodus kann regional variieren.
Im besten Fall brauchen wir ihn nicht."

TikTok oder der Kampf zwischen USA und China

Wikipedia: TikTok

https://www.zeit.de/digital/2020-08/tiktok-verbot-donald-trump-china-usa-generation-greta-soziale-netzwerke ZEIT 6.8.20

"Geteilt werden auf TikTok ausschließlich kurze Videos, 15 bis 60 Sekunden lang, aufgenommen mit Smartphones überall auf der Welt. Amerikanische Soldaten, die in der Wüste tanzen. Westfälische Teenager, die Wasserrutschen hinuntergleiten. Katzenvideos aus Norwegen. Die professionellen Content Creator feilen stundenlang an den Videos, Teenager basteln im Kinderzimmer an der perfekten Transition, einem nahezu unsichtbaren Schnitt. Andere Videos entstehen spontan, sind verwackelt und verrauscht – als würde man mit schlechter Internetverbindung facetimen. Alle haben das Potenzial binnen Stunden ein Millionenpublikum zu erreichen.
Eine Stunde auf TikTok zu verbringen, ist wie in einen endlosen Strom von Assoziationen, Anspielungen und Theater abzutauchen. Viele der Videos sind verspielt, ironisch und leicht bekömmlich. Und doch erzählen sie, wie es ist, im Jahr 2020 jung zu sein.  [...] 
Und dann ist da noch etwas, das TikTok besonders macht: Es ist das erste globale Netzwerk, das nicht aus den USA, sondern aus China gesteuert wird. 
Das macht die App schon länger zu einem politischen Faktor. Vor allem in den USA wird die App zunehmend als eine Art Spionagetool der Chinesen gesehen, auch von gemäßigten Politikern wie dem demokratischen Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer. Die Sorge: Chinas kommunistische Partei und Regierung könnte über die App Zugang zu den Daten der Nutzer in den USA bekommen oder Inhalte zensieren. Laut ByteDance nutzen inzwischen 100 Millionen Menschen in den USA die App, das wäre fast jede dritte Person. Andere Einschätzungen gehen dagegen von etwa 30 bis 50 Millionen aktiven US-Nutzern pro Monat aus.
TikToks Ruf im Ausland lässt sich besser verstehen, wenn man die Geschichte von Douyin kennt. Douyin ist die chinesische Variante von TikTok, beide gehören zum Mutterkonzern ByteDance. Soziale Netzwerke müssen in China zensiert werden, egal ob es ausländische Apps sind oder chinesische. Die Zensur erfolgt durch die Unternehmen. ByteDance musste sich an diese Praxis zunächst gewöhnen: 2018 entschuldigte sich der Gründer öffentlich, weil Inhalte auf einer seiner Plattformen "nicht ausreichend den sozialistischen Grundwerten" entsprachen. Seitdem will das Unternehmen der Regierung beweisen, dass es dazugelernt hat: In einem Bericht von 2019 stellt das Unternehmen vor, wie es Livestreams in Echtzeit reguliert: Gesichter würden live mit denen der Account-Inhaber abgeglichen, verdächtige Inhalte von einem Algorithmus identifiziert und von Moderatoren geprüft.
Die Liste von Inhalten, die über die Jahre auf Douyin zensiert wurden, ist lang: Für eine Weile nutzten Uiguren in Westchina die App, um in lautlosen, eindringlichen Videos schweigend die Fotos von verschwundenen Angehörigen hochzuhalten – diese Videos sind mittlerweile verschwunden. Im Juli berichtete ein Brite in China, dass der Account seiner Freundin gesperrt worden sei, weil sie ihn als Teil ihres Livestreams gefilmt hatte. Die App zeigte eine Warnung: Der Livestream wurde beendet, weil ein Ausländer darin ohne Erlaubnis zu sehen war. Chinesinnen registrieren sich auf der Plattform mit ihrem Personalausweis, sodass jeder Account eindeutig einer Person zugeordnet werden kann. Ein Journalist der New York Times versuchte das zu reproduzieren: Es gelang ihm nicht. 
In China gehört all das zum Alltag im Netz. Im Ausland lautet die Argumentation stets: Douyin ist das eine, TikTok das andere. Die Daten lägen auf Servern in Singapur und den USA, Zensur gebe es nicht. 
Tatsächlich sammelt TikTok laut den eigenen AGB nicht mehr Daten als Facebook oder Instagram. Doch Videos über gesellschaftliche Bewegungen wie Black Lives Matter, Clips von Menschen mit Behinderungen oder generell provokante Inhalte verschwinden immer wieder von der Plattform. Inzwischen gibt es zahlreiche Nutzerinnen und Nutzer, die sich einen Spaß mit dem Algorithmus erlauben und den gleichen Inhalt in zwei Versionen hochladen: einmal halb nackt, einmal angezogen. Meistens hat das Video, das mehr Haut zeigt, auch mehr Views. [...]"

Donnerstag, 30. Juli 2020

Wissenschaftliche Erkenntnis ist vorläufig

Nichts ist in Stein gemeißelt Von Ulrich Schnabel und Maximilian Probst 29. Juli 2020, DIE ZEIT Nr. 32/2020, 30. Juli 2020
"Forscher widersprechen sich, Erkenntnisse ändern sich. Kann man sich auf die Wissenschaft überhaupt verlassen? Ein Erklärungsversuch [...]
Nehmen wir die berühmte Selbstmordstudie des französischen Soziologen Émile Durkheim. Als er Ende des 19. Jahrhunderts die Suizidraten in europäischen Ländern verglich, fiel ihm auf, dass sie in Italien außerordentlich niedrig war. Woran lag’s? An der Sonne, dem starken Familienzusammenhalt oder der Kraft des katholischen Glaubens? Mitnichten. Bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass Suizidenten in Italien ein normales Begräbnis und der Segen der Kirche verwehrt war. Deshalb wurden die Ursachen dieser Todesfälle in den allermeisten Fällen vertuscht und als Krankheiten oder Unfälle deklariert.
Das beweist: Auch scheinbar eindeutige Daten können die Realität falsch abbilden. Denn stets fließen darin (oft unerkannte) Faktoren, Vorannahmen und Auswahlkriterien ein. "Reine" Daten gibt es also nicht, alles bedarf der Einordnung und Interpretation. [...]