Neulich lud ich mir in der Kantine, in der ich in Shanghai gelegentlich Mittag esse, ein paar Schälchen aufs Tablett, ging zur Kasse – und stutzte. Der Kassierer war verschwunden. Ich stand stattdessen vor einem Apparat mit der Aufschrift "Ren Gong Zhi Neng": künstliche Intelligenz. Eine Kamera scannte die Gerichte auf meinem Tablett. Zielsicher identifizierte sie: Chili-Gurken, Schweinebauch nach Hunan-Art, geschmorte Auberginen, Reis.

Das Essen kostete umgerechnet keine fünf Euro, bargeldlos zahlbar per App. Ich staunte. Nicht über die KI-Kasse an sich – dass so etwas irgendwann in China auftauchen würde, war absehbar. Aber in einem billigen Schnellrestaurant?

Dass China "uns abhängt" – uns Deutsche, uns Europäer, den Westen, die Welt –, davon reden in letzter Zeit Politiker, Wirtschaftsbosse, Journalisten und Kneipenphilosophen. Manche, um sich in Niedergangspessimismus zu suhlen, andere, um Abwehrmaßnahmen zu fordern oder Einschnitte zu begründen. "Wenn Sie aus China kommen, meine Damen und Herren", donnerte nach einer Peking-Visite kürzlich etwa Friedrich Merz, "dann haben Sie noch mal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life-Balance und Viertagewoche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist!"

Sogar von Regierungskritikern hört man inzwischen solche Abhängungsrhetorik. Ai Weiwei zum Beispiel, Chinas berühmtester Exilkünstler, besuchte neulich erstmals seit seiner Ausreise vor zehn Jahren seine Mutter in China – und staunte, wie geschmeidig im durchdigitalisierten Alltag dort mittlerweile alles flutscht, wie unkompliziert ihm etwa seine Bank ein seit Jahren nicht mehr genutztes Konto freischaltete. Die bürokratischen Hürden in Europa, so Ai, seien "mindestens zehnmal größer als in China". Sein Fazit klang wie ein Echo jenes überbordenden chinesischen Nationalstolzes, der mir in letzter Zeit immer öfter begegnet: Europa sei im Ab-, China im Aufschwung.


Und noch ein Zitat fällt mir ein. In einer Chatgruppe von Deutschen in Shanghai wurde mal einer meiner Texte geteilt, es ging um Chinas innere Widersprüchlichkeit. Ein Manager aus Hamburg, seit Jahrzehnten in der Volksrepublik lebend, kommentierte: "Ziemlich sinnfreier Artikel. Immer auf der Suche nach dem Widerspruch. Einfach mal akzeptieren, dass China mittlerweile weit vorne liegt. Entweder hier leben und nicht meckern, oder Tschüss." Was soll ich sagen: Ich bin immer noch hier und meckere weiter. Zumal die Widersprüche eher größer werden. Gesellschaftlich bleibt vieles schmerzhaft bemeckernswert – Überwachung und Zensur etwa werden dank technischen Fortschritts sogar effektiver. Gleichzeitig macht China wirtschaftlich und technologisch irre Sprünge. Weshalb ich mich nicht nur an der KI-Kasse gelegentlich frage: Haben jene, die den Rückstand des Westens beschwören, am Ende recht?

Zum Mekka der Überholungsprediger hat sich die südchinesische Stadt Shenzhen entwickelt. Das Netz ist voll von Videos westlicher Influencer, die staunend durch diese Hightech-Metropole laufen, um dem Rest der Welt zu erklären, dass hier die Zukunft spielt. Manche tun das nachweislich mit Förderung des chinesischen Propagandaapparats, andere eher aus Enthusiasmus. Suchen Sie mal nach dem Schlagwort "Chinamaxxing", das den Trend einer jüngeren westlichen China-Begeisterung beschreibt.

Was technisch machbar ist, wird zum Geschäft

Shenzhen wurde ab 1980 als Sonderwirtschaftszone aufgebaut. Seitdem ist aus der damaligen Kleinstadt eine 17-Millionen-Metropole geworden – schon Shenzhen selbst ist also eine Art Sinnbild des chinesischen Entwicklungstempos. Der Telekommunikationsgigant Huawei wurde hier gegründet, der E-Auto-Weltmarktführer BYD, der Tech-Riese Tencent.

Um mir das Gefühl des Abgehängtwerdens einmal in geballter Form zu geben, verbrachte ich einige Tage in dieser Stadt. Im Lianhuashan-Park steuerte ich eine kastenförmige Maschine an, nicht viel größer als eine Telefonzelle – sie kommt in jedem Influencervideo vor. Man scannt einen Barcode und wählt per App, was man geliefert haben möchte: Kaffee, Bubble-Tea, Fast Food. [...]

https://www.zeit.de/2026/16/digitalisierung-china-technologie-ueberwachung-europa/komplettansicht, 9.4.2026