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Montag, 7. Oktober 2024

Vor verschlossenen Toren - illegale Flucht von Verfolgten des NS-Regimes

"Am 22. August 1942 überschritt, Eduard Gros gemeinsam mit Hubert und Paul Kan bei Genf die Grenze zur Schweiz. Kurz nach ihrer illegalen Einreise wurden die drei staatenlosen Juden von der Genfer Heerespolizei festgenommen, im Auto zu dem auf Schweizer Boden gelegenen deutschen Zollposten von La Plaine gebracht und zu Fuß an die Grenze zum besetzten Frankreich geschickt. Als die Flüchtlinge die deutschen Grenzpolizei erblickten, sprangen sie in die Rhone und schwammen zurück ans Schweizer Ufer. Dort, flehten sie verzweifelt um Asyl. Ohne Erfolg. Einer versuchte, sich die Schlagadern zu öffnen. Seinem Suizidversuch zuvorkommend, schleppten Schweizer Grenzwächter und Soldaten die drei aneinandergeklammerten Männer vom Ufer weg, um sie den bereitstehenden deutschen Beamten zu übergeben. Die Auslieferung erwies, sich aber als undurchführbar. Da man aufsehenerregende Zwischenfälle vermeiden wollte, vereinbarte Daniel Odier, Polizeioffizier des Genfer Territorialkreises, mit den deutschen Grenzbeamten, eine offizielle Übergabe der Flüchtlinge auf dem Boden des besetzten Frankreichs. Dort wurden die drei Juden von der deutschen Grenzpolizei verhaftet und – wie andere Flüchtlinge später berichteten – ins Gefängnis von Gex gebracht. Am 18. September 1942 wurden Eduard Gos, Hubert und Paul Kan über Drancy nach Ausschwitz deportiert.“

Gabriele Anderl: Vor verschlossenen Toren. Die Bedeutung der illegalen Flucht über Grenzen für Verfolgte des NS-Regimes in: Grenzen, 2015, hrsg. von Gisela Dachs (in der Reihe Jüdischer Almanach der Leo Baeck Institute) S.106

Darf man eine solche eine Politik der ‚wohltemperierten Grausamkeit‘, wie sie die Schweiz in der NS-Zeit gegenüber Juden praktizierte, mit Höcke Remigration nennen oder gehört zu Remigration wie zu Emigration eine freie Entscheidung, die nicht unter dem Druck unmittelbarer Grausamkeit getroffen wird?

Zu dieser Frage vgl. die Diskussion auf gutefrage.net

Mittwoch, 21. Juni 2023

Europäischer Asylkompromiss und Fluchtrealität

 Stichwort Asylkompromiss in der Wikipedia (1992 in Deutschland)

 Stichwort: Asylpolitik der Europäischen Union 

"[...] Am 8. Juni 2023 beschlossen die Innenminister der EU eine deutliche Verschärfung der Asylgesetze.[90] Diese sieht unter anderem vor:

  • Registrierung, Identitäts- und Asylprüfungen in großen gefängnisähnlichen[90] Asylzentren an den EU-Außengrenzen.
  • Asylantragsteller aus sicheren Herkunftsstaaten und aus Staaten mit einer durchschnittlich geringeren Anerkennungsquote von 20 Prozent sollen bei Ablehnung ihres Antrages direkt aus diesen Lagern abgeschoben werden.
  • Neben dem härteren Asylverfahren sollen jetzt auch alle EU-Länder in die Pflicht genommen werden. Die Aufnahme von Flüchtlingen ist künftig nicht mehr freiwillig; wer nicht genügend aufnimmt, soll zahlen.

Ungarn stimmte wegen der neuen Ausgleichszahlungen gegen den Plan, ebenso Polen, die Slowakei sowie teilweise Tschechien – die so genannte Visegrád-Gruppe tritt schon seit vielen Jahren gemeinsam dafür ein, deutlich weniger Flüchtlinge aufzunehmen. Abgesehen davon wurde die Reform nur von Bulgarien und Malta nicht unterstützt.[90]

Die deutsche Bundesregierung hatte in den Verhandlungen die Position vertreten, dass Familien mit Kindern unter 18 Jahren sowie alle unbegleiteten Minderjährigen generell aus den vorgesehenen Asylverfahren an den EU-Grenzen auszunehmen wären. Mit dieser Ausnahmeregel konnte sich die deutsche Regierung aber nicht durchsetzen.[91] Es wurde wie ursprünglich von der EU-Kommission geplant[92] beschlossen, dass nur Familien mit Kindern unter 12 Jahren von einem Grenzverfahren zur Prüfung eines möglichen Asylanspruchs ausgenommen werden sollen und nur, sofern keine Sicherheitsbedenken bestehen.

In einem offenen Brief an die deutsche Bundesregierung kritisierten dutzende bekannte Persönlichkeiten die Reformpläne bereits im Vorhinein als die „massivsten EU-Asylrechtsverschärfungen jemals“.[93] Auch Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Beschlüsse scharf, bspw. Amnesty International.[94] [...]"(https://de.wikipedia.org/wiki/Asylpolitik_der_Europ%C3%A4ischen_Union#Seit_2022)

Fluchtrealität 2023

Stefanos Paikos: Wege der Flucht: Auf den gefährlichen Routen nach Europa (FR 16..6.2023)

"[...] Die erste Station im Jahr 2021 war die Insel Lesbos. Nach dem Brand im Jahr 2020 und der Umsiedlung der geflüchteten Menschen ins neue Lager Kara Tepe konzentrierte sich meine Arbeit primär auf die Lebensumstände im neuen Lager. Meine griechische Staatsbürgerschaft und meine Sprachkenntnisse haben mir schlussendlich dazu verholfen, ins Lager zu gelangen und dort zu fotografieren. Ein wichtiger Aspekt meines Projekts war es, nicht nur die geflüchteten Menschen zu dokumentieren, sondern auch den Umgang der griechischen Bevölkerung mit den aktuellen Krisen des Landes wie der Flüchtlingskrise, der Corona-Pandemie und der Wirtschaftskrise einzufangen. [...]

Am 8. September 2020 ereignete sich eine humanitäre Katastrophe auf der ägäischen Insel Lesbos, als das Flüchtlingslager Moria in Flammen aufging. Mehr als 12.600 Menschen, die in dem Lager lebten, verloren schlagartig ihre Unterkunft und ihre Existenzgrundlagen. Das Lager befand sich im Landesinneren der Insel, nahe der Stadt Mytilini, und hatte zu seiner Höchstzeit fast 20 000 Bewohner:innen. Es war Europas größtes Flüchtlingslager, und die Bedingungen dort waren jahrelang katastrophal. [...]

Im Januar 2023 traf ich mich mit Milad Ebrahimi, einem jungen Mann aus dem Iran mit afghanischen Wurzeln, der durch seine Beteiligung an dem Film „A Short Story of Moria“ bekannt wurde. Mittlerweile lebt Milad, der in der iranischen Großstadt Karadsch geboren wurde, in Hamburg. Wir vereinbarten ein Treffen, um über seine Lebensgeschichte und über seine Reise vom Iran bis nach Deutschland zu sprechen. Als ich Milad das erste Mal traf, sah er nicht aus wie in dem Kurzfilm. Die Jahre und die Erlebnisse hatten ihre Spuren hinterlassen. [...]

Im Interview erzählte er von der Organisation der Schmugglerbanden und deren Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg. In jeder neuen Stadt musste er einen neuen Fahrer bezahlen, und um nicht betrogen zu werden, gab es auf der Seite der Reisenden einen Mittelsmann, der das Geld verwaltete. Würden sie ihr Ziel nicht erreichen, würde der Fahrer das Geld auch nie bekommen. 

Die Reise dauerte fast vier Monate, und während dieser Zeit musste er in Bahnhöfen, Polizeistationen, auf Parkbänken oder der Straße übernachten. Bezahlt, schätzt er, hat er für die Reise 2000 bis 3000 Dollar. In Istanbul angekommen, benötigte er vier Versuche, um die griechische Insel Lesbos zu erreichen. Während seiner gesamten Reise wusste er nicht, was ihn auf der Insel erwarten würde. Bis dahin war Europa für ihn ein Ausweg. Doch dieses Bild änderte sich schlagartig, als er auf Lesbos ankam. Heute sitzt er in einem 14 Quadratmeter großen Zimmer, das er mit einem Mitbewohner teilt, und wartet auf das Urteil, ob sein Asylantrag genehmigt wird. [...]"


Zur gegenwärtigen Situation auf den Fluchtwegen

"[...] Ein Jahr nach meinem Besuch auf der Insel Lesbos stand ich nun auf der anderen Seite der Meerenge und blickte, wie viele andere vor mir, auf die Insel. Aus Korubasi führte eine steile, etwa fünf Kilometer lange Straße Richtung Meer hinunter. [...]

Am Strand angekommen, war das Areal mit Kleidungsstücken übersät. Der 500 Meter lange Abschnitt war in zwei Bereiche unterteilt, einen kieseligen Strandabschnitt direkt am Wasser und einen hinteren Bereich mit Gras. Diese Bereiche waren durch Olivenbäume und Büsche voneinander getrennt.

Es war offensichtlich, dass viele Menschen diesen Ort passiert haben mussten, da die Menge an zurückgelassenen Gegenständen wie Hosen, Unterwäsche, Büstenhaltern, Schuhen und sogar zerstörte Schlauchboote darauf hindeutete. Am Ende der Grünfläche, umgeben von Olivenbäumen, erhoben sich zwei unvollendete Häuser. Beide waren offensichtlich von ihren Besitzern verlassen worden. Der Zustand der Gebäude war desolat, die Innenräume waren mit zurückgelassenen Habseligkeiten überfüllt und der Zugang war erschwert. [...]" (Wege der Flucht: Auf den gefährlichen Routen nach EuropaFR 16..6.2023)

Donnerstag, 4. August 2022

Flucht und Veränderung

 Wer hat etwas gegen #Flucht außer dem Kerkermeister? (Tolkien)

Warum haben so viele etwas gegen #Flüchtlinge, selbst wenn sie selbst geflohen sind? #Flucht

Es gibt Studien, die zeigen, dass #Leser von #Fantasy politisch aktiver sind. Denn sie können sich vorstellen, dass es andere #Wirklichkeit en gibt. (Cornelia Funke) #Realismus #Realos

Mittwoch, 7. April 2021

Deutscher Sachbuchpreis

 https://www.deutscher-sachbuchpreis.de/

Innerhalb der acht nominierten Titel habe ich eine persönliche Auswahl getroffen:

A. Kossert: Flucht. Eine Menschheitsgeschichte

Im Ankunftsland haben die, die schon da sind, die Deutungshoheit, sie allein definieren die kulturellen und sozialen Normen. Die Flüchtlinge begreifen sie nur zu oft als Bedrohung, denn sie stellen diese Besitzstände und Hierarchien infrage, und zwar nicht aus Überzeugung, sondern weil sie mit der Kultur, der Sprache und der Religion der Aufnahmegesellschaft nicht vertraut sind. Zuweilen wird schon ihre bloße Anwesenheit als bedrohlich wahrgenommen. Flüchtlinge stehen am Rand und müssen um Einlass bitten, und dennoch sind sie nicht nur Spielball politischer Entscheidungen, die von Sesshaften getroffen werden, sondern als globales und Gesellschaften herausforderndes Phänomen zentraler Akteur der Moderne – heute mehr denn je.

Das Uneindeutige endet nicht mit der Flucht. Opfer können zuvor Täter gewesen sein und ebenso umgekehrt. Bei Vertreibungen zeigt sich nicht selten das Wechselspiel von Gewalt. Vertriebene bemühen sich energisch um die Anerkennung ihres Verlusts, insbesondere wenn sie als Interessenvertretung organisiert sind, und pochen auf ihren Opferstatus. Sie sind hilflose, manchmal ungelenke Versehrte und treten zugleich kraftmeierisch auf. (Auszug aus der Leseprobe)

A. Dardan: Betrachtungen einer Barbarin

Wenn ich an die Zeit in dieser Wohnung zurückdenke, dann ist meine Mutter fast unsichtbar, weil mein Vater jeden Winkel meiner Erinnerung ausfüllt. Das mütterliche Gerüst hielt alles zusammen, aber es war die väterliche Zierde, die ich bewunderte. Er brachte mir das Fahrradfahren und Schachspielen bei, er ließ mich stundenlang auf seinem Schoß sitzen, während er persische Gedichte rezitierte oder mir die Welt erklärte. Er behandelte mich wie eine kleine Freundin, deren Gesellschaft er wertschätzte. Heute denke ich, dass ich seine einzige Freundin war, und das macht mich sehr traurig. Doch nichts an dieser Zeit wirkte verdächtig oder deutete darauf hin, dass sie von einem Tag auf den anderen enden würde. Im Grunde hatte ich eine idyllische Kindheit, auch wenn die Hochhäuser von Höhenberg nicht die klassische Kulisse dafür sind. Aber ich dachte nicht viel über mein Leben nach, ich war, und bloß sein zu können kommt einer Idylle sehr nahe. Wenn man sie nicht wahrnimmt, kann Enge sehr gemütlich sein, gerade als Kind. Ich hatte die gleiche rosa Tapete mit weißen Punkten wie Ernie aus der Sesamstraße, und ich fand es aufregend, die Tüten in den Müllschlucker zu werfen und dann in den knarzenden Aufzug zu springen. Alles befand sich an seinem Platz, und mein eigener Platz befand sich im Zentrum von allem. Erst viel später machte sich bemerkbar, dass mir die materiellen und symbolischen Anhaltspunkte fehlten, um mich und meine Eltern in dieser Welt zu verorten. Inzwischen sind mir meine Eltern entwischt, und damit sind mir auch Teile meiner selbst entwischt. Man gewöhnt sich daran, dass das Leben wie ein Netz ist, etwas bleibt ja doch darin hängen. Nach dem Rest darf man nicht greifen, sonst reißen die Maschen, und dann ist alles weg.

Da meine Eltern kaum etwas aus dem Iran hatten mitnehmen können, fingen wir ohnehin mit wenig an. Es gab in unserer Wohnung keine Familienfotos und keine Erbstücke, keine alten Bücher, keine über Jahre gesammelten Gegenstände, keine Souvenirs oder Dinge, die man einfach nicht wegwirft, obwohl sie keinen Nutzen mehr haben. Es gab dort keine Erinnerungen, nur eine hatte ich selbst erschaffen, als ich mit einem Löschstift einen lächelnden Eierkopf auf unser neues braunes Ledersofa malte. Wir hatten nicht oft Gäste, aber wenn mal jemand bei uns war, gab es immer diese Geschichte zu erzählen, wie Asal direkt an dem Tag, als das Sofa geliefert wurde, ein Gesicht darauf verewigt hatte. Auf diese Geschichte war ich stolz, auch wenn ich zu dieser Zeit noch eine brave Tochter sein wollte.

An unseren Wänden hingen mehrere Drucke von Carl Spitzweg: Der Kaktusfreund, Der ewige Hochzeiter, Der Bücherwurm. Ich weiß nicht, wie sie dorthin kamen, aber ich mochte diese Bilder, ihre Beschaulichkeit und Harmlosigkeit. Sie waren, was sie zeigten. Hübsche erdfarbene Kulissen, in denen sich manierliche Menschen bewegten, die genau dort waren, wo sie hingehörten, und dennoch der Gegenwart zu entkommen schienen. Der Kaktusfreund gefiel mir ganz besonders. Er wusste, was zu tun war, welche Kleidung er zu tragen hatte, wie er sich bewegen sollte und womit er seine Zeit verbringen wollte. Er war, was er war. Ein alter Herr mit Pfeife, der in aller Ruhe im Garten inmitten seiner Pflanzentöpfe steht und eine einzelne rote Kaktusblüte inspiziert. (Auszug aus der Leseprobe)

Es lohnt sich, die vollständigen Leseproben und die vollständigen Verlagsankündigungen zu lesen. - Ja, es sind 8 Bücher nominiert, und noch habe ich keines davon gelesen.

Mai Thi Nguyen-Kim: Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Nur eine Sache ist mir klarer als je zuvor: Dass wir uns immer mehr von einem gemeinsamen Verständnis von Wirklichkeit entfernen, das müssen wir dringend ändern. (Auszug aus der Leseprobe)

In dieser Ansicht stimme ich völlig mit Mai Thi Nguyen-Kim überein. Nur, was ich bisher in ihrem Blog (auf Youtube) wahrgenommen habe, lässt mich sehr daran zweifeln, dass sie dazu beitragen kann, so lange es Leser*innen gibt, die rhetorisch aufbereiteten auf Überwältigung ausgerichteten Informationen kritisch gegenüberstehen. Ihr Buch werde ich daher nicht lesen, bis mir nicht jemand dazu verhilft, meine Ansicht zu ändern. (Dieser Jemand könnte auch ich sein. Wer weiß?) Noch eins: Ihre Technik ist der von Rezo extrem ähnlich. Vielleicht ist daher ihre Darstellungsart für Jugendliche sinnvoll. Für ein begründetes Urteil wäre ich auf  das Urteil von Jugendlichen angewiesen. (Hier habe ich danach auf gutefrage.net gefragt. Dort sind auch die Antworten zu lesen. Eine, die Nguyen-Kim kritisch beurteilte, wurde gleich gelöscht. Sie war allerdings auch nicht ausgewogen, sondern eher pubertär formuliert.)


Freitag, 19. April 2019

Flucht aus dem Zug ins Vernichtungslager

764 Sprünge in die Freiheit  Spiegel online 14.3.2014
"Jeder kennt die Bilder der Waggons, mit denen Juden in Konzentrationslager transportiert wurden. Dass Hunderten die Flucht aus den Todeszügen gelang, ist kaum bekannt. Nun dokumentiert eine Studie die Ausbrüche und liefert Erklärungen, warum die Geflüchteten jahrzehntelang schwiegen."
"[...] Das lange Schweigen der Überlebenden
So wurde wenig bekannt über die oft gnadenlosen Bewacher. Aber auch viele der Geflohenen schwiegen nach dem Krieg. Manche, weil sie von anderen KZ-Überlebenden nicht als gleichwertig respektiert wurden - schließlich hatten sie den Horror in den Vernichtungslagern nicht erlebt. Andere aus Schuldgefühlen, weil sie geflohen waren. Die Belgierin Claire Prowizur etwa hatte ihren todkranken Vater im Waggon zurückgelassen. Erst Jahrzehnte später erfuhr sie zufällig, dass er noch einmal im Waggon das Bewusstsein erlangt hatte - und überglücklich war, dass seine Tochter geflohen war.
Auch Simon Gronowski schwieg fast sechs Jahrzehnte. Seine Mutter und Schwester wurden in Auschwitz ermordet, sein Vater zerbrach daran und starb kurz nach dem Krieg. Gronowski wollte nach vorne blicken, wurde Anwalt, spielte Klavier, begeisterte sich für Jazz und redete kaum über den Krieg.
Doch die Vergangenheit ließ ihn nicht los. Er musste an den belgischen Polizisten denken, der ihm damals womöglich das Leben rettete. Fühlte sich verpflichtet, gegen den immer noch grassierenden Antisemitismus vorzugehen. Also begann er 2002, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und Vorträge zu halten.
Sechs Wunder
"Mein Leben besteht nur aus Wundern", sagt der 82-Jährige mit kraftvoller Stimme. Der Sprung aus dem Todeszug. Der Krebs, den er besiegte. Die lebenslange Freundschaft zu dem Sohn eines flämischen Nazis. Das späte Treffen mit einem Wachmann, der ihn einst mit vorgehaltener Waffe zum Zug geführt hatte: Die beiden alten Männer trafen sich, der Wachmann bat aufrichtig um Verzeihung, dann fielen sich beide weinend in die Arme. [...]"

Freitag, 26. Mai 2017

"Klimaschutz bedeutet auch Schutz vor Vertreibung"

Von Stürmen vertrieben: Der Klimawandel zwingt mehr Menschen zur Flucht als alle Kriege zusammen. ZEIT 22/2017 24.5.17
"[...] Danach flüchten jedes Jahr vor Umweltkatastrophen mehr als doppelt so viele Menschen wie vor Krieg und Gewalt. [...] Am Ende bleibt trotzdem ein nüchternes Fazit: Zwar könne die Technik bei der Bewältigung der Klimafolgen helfen. Dauerhaft verhindern ließen sich Flüchtlingsströme aber nur durch eine "große Transformation zu einer postfossilen Wirtschaft und Gesellschaft". Das klingt kompliziert. Aber es bedeutet einfach, dass es nicht nur gut für die Umwelt wäre, wenn keine Kohle, kein Öl und kein Gas mehr verbrannt und die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre nicht weiter steigen würde. "Klimaschutz bedeutet auch Schutz vor Vertreibung", sagt Greenpeace-Geschäftsführerin Sweelin Heuss. Er könnte also Millionen menschlicher Tragödien verhindern."

Samstag, 5. September 2015

Was braucht es, damit man nicht fliehen muss?

 Aung San Suu Kyi, Dietrich Bonhoeffer, Anne Frank

Wie viel gesellschaftliche Basis, wie viel Charakter und Begabung braucht man, um sein Selbst in einer feindlichen Umwelt zu behaupten?
Anne Frank brauchte das Hinterhaus, ihre Begabung und ihr Tagebuch, um nicht vergessenes Opfer zu werden. Kyi und Bonhoeffer Charakter und Basis, um die Entscheidung gegen Flucht nicht zu einer falschen zu machen.
Wolf Biermann primär Charakter und Begabung, aber auch gesellschaftliche Basis.
Wie viel braucht es, damit die Entscheidung für Flucht geradezu als falsch erscheinen kann?
Wie viel, damit die Entscheidung, seine gesellschaftliche Basis zu verlassen, gerechtfertigt erscheinen zu lassen. (Albert Schweitzer)

Montag, 22. Juni 2015

Auschwitz: Flucht und Aufstand

Insgesamt versuchten ungefähr 700 Häftlinge die Flucht aus Auschwitz; sie gelang in etwa 300 Fällen. Versuchte Flucht wurde mit Verhungern bestraft; oft wurden auch die Familienangehörigen von Flüchtigen verhaftet und in Auschwitz I zur Abschreckung ausgestellt. Eine andere Strafe war, Mitgefangene für die Flucht büßen zu lassen.
Am 7. Oktober 1944 führte das jüdische Sonderkommando (die Häftlinge, welche die Gaskammern und Krematorien bedienen mussten und von den anderen Häftlingen getrennt gehalten wurden) einen Aufstand durch. Weibliche Gefangene hatten Sprengstoff von einer Waffenfabrik eingeschmuggelt, und das Krematorium IV wurde damit teilweise zerstört. Anschließend versuchten die Gefangenen eine Massenflucht, aber alle 250 Entflohenen wurden kurz darauf gefasst und getötet. (KZ Auschwitz-Birkenau)

Donnerstag, 23. April 2015

Ertrinken

Warum werde ich auf dies Buch im Regal aufmerksam?

Ein Kapitel heißt "Auswanderung", eines "Der Ertrinkende", eines "Wir haben nichts gewußt".

Es ist 1987, (deutsch 1993) herausgekommen und handelt von einer Kindheit im Dritten Reich.

Gerhard L. DurlacherErtrinken. Eine Kindheit im Dritten Reich

Ein Zitat aus dem letzten Kapitel "Wir haben nichts gewußt":

"Unzählige Deutsche, gleichgültig oder von Angst gelähmt, sahen uns direkt vor ihren Augen ertrinken.
Nur einzelne Mutige, wie der Kellner Fritz in Riva am Gardasee, retteten den Ertrinkenden aus den Fluten."


Grenzen auf, Grenzen dicht so hat man sich damals in der Schweiz, Schweden, Großbritannien und vielen Ländern gefragt.
Auch "Türen auf?" in Deutschland. Die Antworten waren unterschiedlich. Was ist unsere?
 "[...]  jetzt gäbe es Schwierigkeiten, [...]
"Sie verstehen . . . " (Ertrinken)




"Die UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami erklärte, sollten die Zahlen sich bestätigen, so wäre dies 'das schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer beobachtet wurde.' Sie verlangte nach der Katastrophe eine Wiederauflage des Seenotrettungsprogramms Mare NostrumW-Logo.gif in gesamteuropäischer Verantwortung."
"Warum also, fragt Feldt, rettet die EU die Flüchtlinge nicht mit den Methoden, mit denen sie auch die Schlepper bekämpft?
Ein Einsatz im Mittelmeer wäre sogar leichter zu organisieren als die Anti-Piraten-Mission, sagt Feldt. Die Wege im Mittelmeer sind kurz, die Entfernungen zu Versorgungshäfen gering. Mit Spanien, Frankreich, Italien, Malta, Griechenland und Zypern gibt es sechs Anrainerstaaten, die Logistik stellen könnten. Die EU könnte auf Kommandostrukturen der Nato zurückgreifen. Das Militärbündnis überwacht den Mittelmeerraum ohnehin seit 2001 im Rahmen der Anti-Terror-Operation Active Endeavour."

Dienstag, 11. Februar 2014

Offenbar war die Stasi erpressbar, hätte man es nicht ähnlich auch bei der NSA versuchen können?

Die Frage stellt sich, wenn man diesem Bericht glaubt.

Man könnte darüber diskutieren, ob es noch eine bessere Methode als die von Edward Snowden gegeben hätte.
Mir scheint dabei aber zu beachten, dass im Fall der Flucht der Eltern Gerig diese ihre Tochter zurückgelassen haben und von ihr erwartet haben, dass sie sich darauf verlässt, dass die Stasi sie nicht als Geisel missbraucht.
Snowden hat nicht wie die Eltern Gerig und Julien Assange eine Geisel (im Falle Assage ist es Bradley Manning, jetzt Chelsea Manning) in den Händen des Gegners zurückgelassen, sondern sich selbst in die Hand eines Mannes begeben, der es mit den Menschenrechten nicht sehr genau nimmt.
Die "Erpressung" überlässt er Journalisten und hofft darauf, dass auch Geschädigte wie Merkel und Schröder etwas gegen die Methoden der NSA übernehmen.
Das Hauptrisiko trägt er selbst.
Dass auch Julien Assange für seine Mission seine Freiheit aufgegeben hat, soll dabei nicht verschwiegen werden.

Donnerstag, 7. November 2013

Fluchtwege, Asyl, Korrespondenz - Büchner, Snowden, Assange, Harrison und Manning

Büchner:
Ist der Weg in Hessen noch einigermaßen unproblematisch, weil notfalls als Ausflug zu tarnen, wird es schon im deutschen Ausland gefährlich. In der Regel scharf bewacht sind die Grenzen von Rheinhessen nach Rheinbayern einschließlich der Grenzbrücken. Auch die Bundesfestung Landau ist ein unsicheres Pflaster und wird deshalb wohl westlich umgangen. Der Wechsel nach Frankreich erfolgt vermutlich nachts und über die grüne Grenze.(Hauschild: Georg Büchner ..., S.141)
1835 bekommt Büchner im Oktober ein französisches Ausweispapier, "das ihn aller Schikanen gegen die Flüchtlinge enthebt, die infolge auswärtiger Intervention im Schwange sind". (Hausschild, S.211)
Zur Verschlüsselung ihrer Korrespondenz mit den Verhafteten benutzen die Verschwörer u.a. eine Strophe Theodor Körners:
Ahnungsgrauend, todesmutig
bricht der große Morgen an
und die Sonne, kalt und blutig
leuchtet unsrer blutgen Bahn
In der nächsten Stunden Schoße
liegt das Schicksal einer Welt
und es zittern schon die Lose
und der ehrne Würfel fällt
Zur Verschlüsselung dienen die römischen Zählung der Verse und die arabischen Nummerierung der Buchstaben; die sechs fehlenden Buchstaben werden uncodiert ergänzt. (Hausschild, S.103/04)

"Harrison hatte also schon Erfahrung mit überstürzten Fluchten, Verhandlungen über Asyl [...]" (Süddeutsche Zeitung: "Die Frau, die sich traut", 7.11.13, S.3)
Harrison hält die Verbindung zwischen zwei Männern, "die auf frappierend ähnliche Weise total festsitzen: Edward Snowden irgenwo in Russland, Julian Assange in seinem Zimmerchen in der ecuardorianischen Botschaft in London. In ihrer virtuellen Rebellen-WG (sie haben Kontakt über verschüsselte Internetchats) fehlt nur die Whistleblowerin Chelsea Manning [...] Manning ist so etwas wie ein lebendes Mahnmal [...] die permanente Erinnerung daran, wie ernst es den USA ist." (SZ: "Die Frau, die sich traut", 7.11.13, S.3)

Ich würde sagen, Manning ist eine Mahnung daran, dass die USA vor folterähnlichen Haftbedingungen für ihre Untersuchungsgefangenen nicht zurückschreckt, ähnlich, wie es Weidig ging, Büchners Mitverschwörer, mit dem Büchner sich bald  über die Strategie recht uneinig geworden war. Weidig wird mit einer Kette krumm geschlossen und muss tagelang eine schwere Eisenstange mit Handschellen tragen. (Hauschild, S.164)

Mancher wird sagen: Was regt man sich über die Verfolgung von Rechtsbrechern auf?
Gar, wenn es Staatsfeinde sind!

Seit 1968 steht im deutschen Strafgesetzbuch § 93: 

Tatsachen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder unter Geheimhaltung gegenüber den Vertragspartnern der Bundesrepublik Deutschland gegen zwischenstaatlich vereinbarte Rüstungsbeschränkungen verstoßen, sind keine Staatsgeheimnisse.

Das danken wir dem Whistleblower Werner Pätsch.

Büchner wurde zum Staatsfeinde, weil er geschrieben hatte:
[...] die Regierung sagt, das sei nötig die Ordnung im Staat zu erhalten. was ist denn nun das für gewaltiges Ding: der Staat? Wohnt eine Anzahl Menschen in einem Land und es sind Verordnungen oder Gesetze vorhanden, nach denen jeder sich richten muß, so sagt man, sie bilden einen Staat. Der Staat also sind Alle; die Ordner im Staat sind die Gesetze, durch welche das Wohl Aller gesichert wird, und die aus dem Wohl Aller hervor gehen sollen. [...]
und weil er seine Zweifel daran ausgedrückt hatte, dass mit den staatlichen Maßnahmen wirklich  "dem Wohl Aller" gedient werde. 
Snowden hat auch seine Zweifel gehabt, und neuerdings hat sie auch Angela Merkel. Aber...
Anhörung im britischen Unterhaus: Geheimdienst beschuldigt Snowden der Hilfe für al-Qaida, Spiegel online, 7.11.13

mehr zu Büchner und Snowden