Fortsetzung von Frontier II
"[...] Noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts waren mobile Lebensformen, deren Grundlage die Aufzucht und Nutzung von Tierherden war, über ein riesiges Gebiet verbreitet, das von der Südgrenze des skandinavisch-sibirisch-mandschurischen Waldgürtels südlich bis zum Himalaya, zu den Hochländern des Irans und Anatoliens und zur Arabischen Halbinsel reichte und sich westöstlich
von der Volga bis kurz vor die Tore von Peking erstreckte: ein Gebiet, das noch weit mehr umfasste als das «Zentralasien» heutiger Karten. Stationäre Landwirtschaft konzentrierte sich an den Rändern des eurasischen Kontinents von Nordchina bis zum Panjab und dann wieder in Europa westlich der Volga, die die Welt der Grasländer und Steppen nach Westen hin abschloss.'!" Ein solcher idealtypischer Gegensatz zwischen Statik und Mobilität darf freilich nicht übersehen lassen, dass es auch in Europa oder Südasien (kaum dagegen in China) auch im 19.Jahrhundert wandernde Bevölkerungsgruppen gab.
Nomadismus an der Steppengrenze
Innerhalb dieser riesigen Sphäre mobiler Existenzweisen haben die Ethnologen verschiedene
Spielarten des Nomadismus unterschieden:
(I) die Kamel-Nomaden der Wüste, die sich auch in ganz Nordafrika finden;
(2) die Schaf- und Ziegenhirten Afghanistans, des Irans und Anatoliens;
(3) die Reiternomaden der eurasischen Steppe, unter denen Mongolen und Kasachen die bekanntesten sind;
schließlich (4) die Yak-Hirten des tibetischen Hochlandes.
Diese verschiedenen Varianten des Nomadismus hatten mehrere charakteristische Gemeinsamkeiten:
große Distanz und oft auch heftige Abneigung gegenüber städtischem Leben, eine soziale Organisation in Abstammungsgemeinschaften mit gewählten Oberhäuptern sowie eine große Bedeutung der Nähe zum Tier für die kulturelle Identitätsbildung. Das nomadische Asien war von
unzähligen ökologischen Grenzen durchzogen, in zahlreiche Sprachgemeinschaften parzelliert und religiös zumindest in die drei großen Orientierungen Islam, Buddhismus und Schamanismus (mit jeweils mehreren Richtungen und Spielarten) differenziert. [...] Das Leben von Nomaden ist risikoreicher als das von Ackerbauern, und dies prägt ihre Weltsicht. Herden können sich mit exponentieller Geschwindigkeit vermehren und schnell zu Reichtum führen, sind aber biologisch noch anfälliger als die Pflanzenzucht. Mobiles Leben verlangt ständig Entscheidungen über Wege, das Management von Herden und das Verhalten zu Nachbarn und Fremden, denen man begegnet. [...]
Wie der russische Anthropologe Anatoly M. Khazanov betont hat, sind nomadische Gesellschaften, anders als die Gesellschaften von Subsistenzbauern, niemals autark. Sie können isoliert nicht funktionieren. Je feiner eine bestimmte Nomadengesellschaft sozial differenziert ist, desto aktiver
sucht sie Kontakt und Wechselwirkung mit der Außenwelt.
Khazanov unterscheidet vier große Klassen von Strategien, die Nomaden zur Verfügung stehen:
(1) freiwillige Sesshaftwerdung,
(2) Handel mit komplementären Gesellschaften oder auch Zwischenhandel mit Hilfe der
perfektionierten Transportmittel (etwa des Kamels), die vielen Nomadengesellschaften zur Verfügung stehen;
(3) freiwillige oder widerstandslos erduldete Unterordnung unter sesshafte Gesellschaften und den Aufbau von Abhängigkeitsbeziehungen zu ihnen;
(4) umgekehrt Dominierung sesshafter Gesellschaften und Aufbau entsprechender asymmetrischer
Dauerbeziehungen.
Die vierte dieser Strategien erreichte den Höhepunkt ihres Erfolges im Mittelalter, als von Spanien bis China Bauerngesellschaften unter die Kontrolle von Reiternomaden fielen. Noch die großen Dynastien des kontinentalen Asien, die den Erdteil in der frühen Neuzeit beherrschten, stammten aus Zentralasien und hatten nicht unbedingt einen nomadischen, so doch einen nicht-bäuerlichen Hintergrund. Dies gilt auch noch für die mandschurische Qing-Dynastie, die China von 1644 bis 1911 regierte. [...] Selbst Russland leistete noch weit ins 17. Jahrhundert hinein Tributabgaben in astronomischer Höhe an die Krimtataren. [...] (S.514-516)
Reichsperipherien
Es ist eine Besonderheit von Frontiers in Eurasien, dass sie imperial überformt waren. Anders als in Amerika und im subsaharischen Afrika war das zentralisierte und in sich hierarchisch geordnete Großreich die dominierende politische Form. Es gab dabei, grob unterschieden, zwei Formen von Reichen: zum einen die von Reiternomaden getragenen Steppenreiche, die sich zu ihrer bäuerlich-sesshaften Umwelt parasitär verhielten, zum anderen solche Reiche, die sich ihre Ressourcen vor allem durch direkte Besteuerung der eigenen Bauernschaft besorgten. [...]
Schon in der frühen Neuzeit wurden die Nomaden des zentralen Asien also imperial eingekreist. [...] Am Ende des 18. Jahrhunderts waren daher die Kernländer der alten militärischen Dynamik der Reiternomaden unter den Imperien aufgeteilt. Dieser Zustand sollte bis zur Gründung mittelasiatischer Republiken nach dem Ende der Sowjetunion 1991 andauern. [...]
Das Qing-Reich traf bei seiner Expansion nach 1680 an mehreren seiner Ränder auf Völker, die keine ethnischen Chinesen ('Han-Chinesen') waren und die daher als herrschafts- und zivilisierungsbedürftig eingestuft wurden: in Südchina, auf der neu eroberten Insel Taiwan und in der Mongolei. [...] Sie waren also keine semi-autonomen Tributstaaten wie Korea oder Siam, sondern kolonisierte Völker im Inneren des Reiches." (S.517-518)
"Eine demographisch wirklich ins Gewicht fallende hanchinesische Kolonisationsbewegung begann aber erst im frühen 20. Jahrhundert, [...] Die millionenfache Expansion von Han-Chinesen in die Peripherie begann erst nach 1949 unter kommunistischer Herrschaft. Erst im 20. Jahrhundert entstand also eine innerchinesische Frontier der siedelnden Ressourcenerschließung, [...]" (S.519)
"Wenn es mithin im Eurasien des 19. Jahrhunderts eine Frontier gab, dann muss man sie im Süden und Osten des Zarenreiches suchen. Der russische Staat entstand als Frontstaat. [...] Erst unter Katharina der Großen wurde das Reich zu einer imperialen Potenz ersten Ranges. Unter der Zarin wurde das einst mächtige Khanat der Krimtataren zerschlagen und dem Reich damit der Zugang zum Schwarzen Meer geöffnet. [...] Trotz dieser Grundlagen fällt die eigentliche Bildung des zarischen Vielvölkerreiches ebenso wie die militärische Expansion bis an das andere Ende des asiatischen Kontinents in die Zeit des kalendarischen 19.Jahrhunderts." (S.521)
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Dienstag, 12. Juli 2016
Frontier in Eurasien (Osterhammel: Die Verwandlung der Welt)
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China,
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Verwandlung der Welt,
Zarenreich
Montag, 11. Juli 2016
Wilder Westen in Nordamerika und Frontier in Südamerika und Südafrika (Frontier II aus Osterhammel: Die Verwandlung der Welt)
Fortsetzung von: Frontiers - Landnahme im 19. Jahrhundert
Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen. Die Invasion der Großen Ebenen durch euro-amerikanische Siedler begann erst in den 1840er Jahren." (S.490)
"In den fünfziger Jahren nahm die Zahl der Zwischenfälle zu, in den sechziger Jahren brachen die klassischen Indianerkriege aus, die tief im nationalen Gedächtnis der USA verankert sind und die durch Hollywood unsterblich gemacht wurden. Als 1862 bei dem größten Massaker, das seit der Gründung der USA von Indianern (hier: Sioux) an weißen Siedlern verübt worden war, mehrere hundert Menschen umkamen, wuchs gar die Furcht vor einem großen Indianeraufstand im Rücken der Bürgerkriegsarmeen. An den Indianerkriegen war jedoch nur eine Minderheit der Stämme beteiligt. Allein Apache, Sioux, Comanche, Cheyenne und Kiowa leisteten Dauerwiderstand." (S.491)
"Die zivilen Pioniere des «Wilden Westens», die mit Revolvern und Gewehren ihre Alltagsangelegenheiten regelten, gehörten im 19. Jahrhundert zu den am höchsten bewaffneten Populationen der Erde. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung prägten auch in Friedenszeiten
das gesellschaftliche Leben in einer Weise, die sonst nur für Bürgerkriege charakteristisch ist. [...] Innerhalb der etwa vier Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865 erreichte die Terrorherrschaft von Revolverhelden ihre größte Intensität und weiteste Verbreitung. [Richard Maxwell] Brown vertritt die Auffassung, es habe sich dabei um eine Art von kleinem «Bürgerkrieg» gehandelt: Die meisten der 200 oder 300 berühmt-berüchtigten Killer (und eine große Zahl von weniger bekannten) hätten im Auftrag von Großgrundbesitzern gehandelt und deren Interessen gegen kleine Rancher und Farmerfamilien auf Einzelgehöften (homesteaders) durchgesetzt. Sie seien keine Sozialbanditen mit Gerechtigkeitssinn und Sympathie für die kleinen Leute gewesen, sondern eher Agenten in einem Klassenkampf von oben." (S.492)
Deportationen
"Bis zur Mitte des Jahrhunderts waren rechtlich gestützte Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Stämme nicht vorgesehen. Sie waren einer Art von indirect rule zu Sonderkonditionen unterworfen. Erst nach 1870 setzte sich die Idee durch, auch die Indianer hätten den allgemeinen
Gesetzen des Landes zu gehorchen." (S,493)
"In Jacksons Augen war die Zivilisierungsmission der Jefferson-Generation gescheitert. Er knüpfte an die Mentalität der sogenannten Paxton Boys an, die in den 1760er Jahren in Pennsylvania schlimme Massaker an Indianern verübt hatten. Die Duldung indianischer Enklaven hielt er für
zwecklos. Sein Ziel war es, mit den Methoden, die man heute «ethnische Säuberung» nennt, die Indianer hinter den Mississippi zu vertreiben. [...] Es wurden Konzentrationslager eingerichtet, ganze indianische Gemeinschaften wurden mit wenigen Habseligkeiten bei manchmal extremen Witterungsbedingungen in Gewaltmärschen in das sogenannte Indian Territory verbracht. [...]
Die schlimmste Episode war die Deportation des Volkes der Seminolen aus Florida. Hier verflocht sich Jacksons Kampagne mit der Sklavereifrage." (S.494)
"Einige der vertriebenen Stämme setzten in ihren neuen Wohngebieten ihre unhonoriert gebliebene Anpassung an die euro-amerikanische Umgebung fort. Den «Five Civilized Tribes» Cherokees,
Creeks, Choctaws, Chickasaws und Seminolen - ging es zwischen 1850 und dem Beginn des Bürgerkrieges relativ gut. Sie überwanden die Folgen des removal, fanden zu neuer Einigkeit, gaben sich Verfassungen und bauten an eigenen politischen Institutionen, in denen sich die alte indianische Demokratie mit den institutionellen Formen der US-Demokratie verband. Viele wirtschafteten in bäuerlichen Familienbetrieben, andere beschäftigten schwarze Sklaven in Plantagen.[...] In den 1850er Jahren schufen sie sich ein Schulwesen, um das sie die weiße Bevölkerung in den benachbarten Staaten Arkansas und Missouri hätte beneiden können. [...]
Die allgemeine Brutalisierung der amerikanischen Gesellschaft durch den Bürgerkrieg setzte sich nach Kriegsende in erneuter Aggression gegen die Indianer fort." (S.495)
"Mit der Verbreitung des 1874 patentierten und umgehend in riesigen Mengen produzierten Stacheldrahts und der lückenlosen Festlegung privater Besitzansprüche kam der «offene Westen» zu seinem Ende." (S.497)
Eigentum
"Die Indianer wie viele andere jagende, sammelnde und Land bestellende Völker der Welt kannten durchaus «Privat»-Eigentum. Es bezog sich aber nicht auf Land «an sich», sondern auf die Dinge, die sich auf dem Land befanden. Dazu gehörte die Ernte, über die im Prinzip diejenigen verfügen
konnten, die sie produziert hatten." (S.499)
Südamerika und Südafrika
Argentinien
"Die größte Ähnlichkeit zu den USA findet man in Argentinien. [...] Im Unterschied zur US-Frontier wurde das Land in Argentinien nicht in kleine Einheiten zerlegt. Die Regierungen verkauften es
oder vergaben es in großen Stücken als politische Geschenke. So entstanden große Viehgüter, die ihr Land zuweilen an kleinere Rancher verpachteten. [...] Ein für Argentinien charakteristischer Sozialtypus war der Gaucho: ein Wanderarbeiter, Ranchknecht und Pferdemann der Pampa." (Der
Cowboy war im Grunde eine lateinamerikanische Erfindung: Erst über die großen Viehfarmen Nordmexikos verbreitete er sich nach Texas und von dort in den übrigen Wilden Westen. [...])" (S.501/2)
"Fast aufs Jahr gleichzeitig mit dem letzten großen Indianerkrieg der USA wurden die riesigen Landflächen des inneren Argentinten für die wirtschaftliche Nutzung geräumt. Den Indianern wurde noch nicht einmal das kümmerliche Überleben in Reservaten gestattet." (S.503)
Brasilien
"Brasilien ist das einzige Land der Welt, in dem einige der nach 1492 in Amerika begonnenen
Frontier-Prozesse von Ausbeutung und Ansiedlung immer noch anhalten." (S.504)
Südafrika
"Die Frontier-Prozesse in Südamerika Südafrika und Südafrika standen in keiner realen
Wechselwirkung miteinander. Daher fällt umso mehr ihre exakte Gleichzeitigkeit auf. Die letzten Indianerkriege fanden in Nord- und Südamerika in den 1870er und 1880er Jahren statt, also genau zu derselben Zeit, als die weiße (britische) Eroberung des südafrikanischen Landesinneren abgeschlossen wurde. Für Südafrika markiert das Jahr 1879 einen Schlusspunkt. In diesem Jahr wurden die Zulu, die wichtigste afrikanische Gegenmacht zu den Briten, militärisch geschlagen. [...] Die Sioux und die Zulu waren beide bedeutende regionale Militärmächte, die sich manche ihrer einheimischen Nachbarn untertänig und abhängig gemacht hatten. Als Folge eines jahrzehntelangen Kontakts mit Weißen waren sie sich über deren militärische Möglichkeiten durchaus im Klaren. Beide hatten sich auch nur in einem sehr geringen Maße den Invasoren und ihrem Lebensstil assimiliert." (S.505)
"Diesen Gemeinsamkeiten stehen einige Unterschiede im Schicksal von Sioux und Zulu gegenüber. Dem hohen ökonomischen Druck, der auf sie ausgeübt wurde, setzten die beiden Völker eine unterschiedliche Widerstandskraft entgegen. Die Sioux waren nomadische Bisonjäger. die sich in
Jagdbanden organisiert hatten und über keine ausgeprägte politische und militärische Hierarchie verfügten. Sie waren auf dem expandierenden Binnenmarkt der USA wirtschaftlich völlig nutzlos geworden. Die Zulu hingegen existierten auf der Basis einer viel stärkeren stationären Mischwirtschaft von Viehzucht und Ackerbau. Sie verfügten über eine zentralisierte monarchische Organisation und integrierten sich gesellschaftlich durch ein System klar definierter Altersgruppen. Daher ließ sich die Zulugesellschaft trotz ihrer militärischen Niederlage und der folgenden
Okkupation ihrer Wohngebiete nicht so einfach zerschlagen und demoralisieren wie die Gesellschaft der Sioux." (S.506)
"Die Buren profitierten von der Zerrüttung zahlreicher afrikanischer Gemeinschaften, die eine Folge jüngster militärischer Auseinandersetzungen unter den afrikanischen Völkern, der Mfecane, war:
Zwischen 1816 und 1828 hatte der blitzartig erstarkte Militärstaat der Zulu unter deren Kriegskönig Shaka große Gebiete im Grasland entvölkert und zugleich den weißen Siedlern Bundesgenossen aus dem Anti-Zulu-Lager zugeführt. Der Große Treck war ein militärisch und logistisch erfolgreiches Manöver einer der ethnischen Gruppen in Südafrika, die um Land konkurrierten. Er wurde zu einem kolonialen Eroberungszug von zunächst «privatem» Charakter. Eine Staatsbildung erfolgte erst später, gleichsam als «Nebenfolge» (Jörg Fisch) privater Landaneignung, als sich die Buren zwei
eigene Republiken schufen: 1852 die Republik Transvaal, 1854 den Oranje-Freistaat. [...] Militärisch stand den Buren keine Zentralarmee zur Seite. [...]
Jede Frontier weist besondere demographische Verhältnisse auf, und hier liegt ein besonders wichtiger Unterschied zwischen Nordamerika und Südafrika. Vor den 1880er Jahren gab es keine Masseneinwanderung nach Südafrika. [...]" (S.507)
"In Südafrika wie in Nordamerika war der sich und seine Familie selbst versorgende bewaffnete Pionier zunächst der vorherrschende Grenzertypus. In Amerika war die Grenze aber schon früh mit Elementen großbetrieblicher Produktion für Exportmärkte durchsetzt. Im 18.Jahrhundert waren Tabak- und Baumwollplantagen, von denen sich manche an der Grenze befanden, in großräumige Handelsnetze eingesponnen. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurde die Grenze zunehmend zum Organ
kapitalistischer Entwicklungsprozesse. In Südafrika waren die Buren nach dem Exodus eines Teils von ihnen ins Landesinnere zunächst noch weiter von den Weltmärkten entfernt als zuvor. [...] In Südafrika benötigten Farmen und Bergwerke einheimische Lohnarbeit. Den Afrikanern wurden daher nicht nur Subsistenznischen eingeräumt; sie wurden auch auf der untersten Stufe einer rassisch definierten Hierarchie in die dynamischen Sektoren der Wirtschaft integriert. [...] Die südafrikanischen Reservate, die erst viel später - nach 1951 - unter der Bezeichnung homelands ihre volle Ausprägung fanden, waren weniger ein Freiluftgefängnis zur Isolation einer ökonomisch funktionslosen Bevölkerung als der Versuch, schwarze Arbeitskraft politisch zu kontrollieren und ökonomisch zu kanalisieren. Sie beruhten auf dem Prinzip, dass sich in den Reservaten die Familien
durch Subsistenzlandwirtschaft selbst ernährten, während die männlichen Arbeitskräfte, deren physische Reproduktionskosten auf diese Weise minimal gehalten wurden, in den dynamischen Sektoren beschäftigt wurden. [...]
Als in den 1930er Jahren in den USA erstmals eine Art von humaner Indianerpolitik realisiert wurde, war es für ein genuines Indian revival zu spät. In Südafrika stand damals das Maximum an Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit noch bevor." (S.508/09)
Turner in Südafrika
Auf keine andere Interpretation einer Nationalgeschichte außer derjenigen der USA ist die Frontier-These öfter, nachhaltiger, aber auch kontroverser angewendet worden als auf die südafrikanische. [...] Die Frontier des 19. Jahrhunderts wird ebensowenig wie die Sklaverei am Kap (vor der Abschaffung der Sklaverei im British Empire 1833/34) als unmittelbare Quelle der Apartheid gesehen. Beides, Sklaverei wie Frontier, trug jedoch dazu bei, dass sich bereits im späten 19. Jahrhundert eine (auch religiös motivierte) kulturelle Überheblichkeit der Weißen sowie Praktiken scharfer Ausgrenzung herausbildeten.Die Frontier-These liefert keinen Generalschlüssel zur Geschichte Südafrikas, weist aber auf die große Bedeutung von Geographie und Umwelteinflüssen für die Herausbildung sozialer Haltungen hin.
Das Turnersehe Motiv der Emergenz von Freiheit an der Frontier findet sich in Südafrika nur in gebrochener Weise. Der burische Exodus vom Kap ins Landesinnere war unter anderem auch eine Reaktion auf eine soziale Revolution: die Befreiung der Sklaven am Kap 1834. [...] Der Auszug der Treckburen aus der (relativ) urbanen und weltoffenen Kapkolonie war, politisch gesehen, eine Flucht vor solchem rechtlichen Egalitarismus." (S.510/11)
"Die Buren wiederum wollten in ihren isolierten Republiken in Ruhe gelassen werden und strebten nicht nach einer Eroberung des Kaps. Der 1886 beginnende «Goldrausch» am Witwatersrand störte diese Selbstgenügsamkeit. Die Buren wollten von den neuen Reichtümern durchaus profitieren und ließen britischen Kapitalisten freie Hand, sorgten aber dafür, die politische Macht in der Hand zu behalten. [...] Der Südafrikanische Krieg oder Burenkrieg von 1899-1902 entstand aus einer solchen Gemengelage. Er endete mit dem militärischen Sieg einer Imperialmacht, die sich ungewöhnlich verausgaben musste, um einen militärisch scheinbar belanglosen Gegner niederzuringen, und der nun
Zweifel kamen, ob koloniale Vorherrschaft - zumal gegen andere Weiße zu einem solch hohen Preis durchgesetzt werden solle.
Die burische Gesellschaft auf dem Hohen Veldt war durch den Krieg tief verwundet worden; ein Zehntel der Bevölkerung war umgekommen. Die Buren stellten aber weiterhin die große Mehrheit unter der weißen Bevölkerung Südafrikas, und sie kontrollierten die Landwirtschaft. Andere
Bundesgenossen gab es für die Briten im Land nicht. Da ein permanentes Besatzungsregime nicht in Frage kam, musste man sich mit den unterlegenen Buren arrangieren.[...] Anders als in Argentinien, wo die Macht der Gaucho-Frontier bald zerschlagen wurde, eroberte in Südafrika die Frontier-Peripherie das politische Zentrum und prägte ihm fast das ganze 20. Jahrhundert über ihren Stempel auf. [...] Für die politische Entwicklung der USA war der Bürgerkrieg das, was für Südafrika der Burenkrieg bedeutete - allerdings in einem wesentlich komprimierteren Zeitablauf. Die Sezession der
Südstaaten der USA von der Union 1860/61 war ein Äquivalent des Großen Trecks, und die Pflanzerdemokratie der Südstaaten vor der Sezession zeigt große Ähnlichkeiten mit dem gleichzeitigen Herrenvolk-Republikanismus der burischen Pioniere, [...] In den großen Kompromissen nach dem jeweiligen Kriegsende von 1865 in den USA und 1902 in Südafrika vermochten die unterlegenen weißen Parteien ihre Interessen und Werte in hohem Maße zur Geltung zu bringen - in beiden Fällen auf Kosten der Schwarzen. Offensichtlich hat aber in den USA die Frontier nicht in derselben Weise gesiegt wie in Südafrika: Die Werte und Symbole des eigentlichen «Wilden Westens» machten sich nicht auf der Ebene der politischen Ordnung, sondern als Ingredienzien des amerikanischen Kollektivbewusstseins und «Nationalcharakters» bemerkbar. (S.512/13)
Fortsetzung sieh: Frontier in Eurasien
Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen. Die Invasion der Großen Ebenen durch euro-amerikanische Siedler begann erst in den 1840er Jahren." (S.490)
"In den fünfziger Jahren nahm die Zahl der Zwischenfälle zu, in den sechziger Jahren brachen die klassischen Indianerkriege aus, die tief im nationalen Gedächtnis der USA verankert sind und die durch Hollywood unsterblich gemacht wurden. Als 1862 bei dem größten Massaker, das seit der Gründung der USA von Indianern (hier: Sioux) an weißen Siedlern verübt worden war, mehrere hundert Menschen umkamen, wuchs gar die Furcht vor einem großen Indianeraufstand im Rücken der Bürgerkriegsarmeen. An den Indianerkriegen war jedoch nur eine Minderheit der Stämme beteiligt. Allein Apache, Sioux, Comanche, Cheyenne und Kiowa leisteten Dauerwiderstand." (S.491)
"Die zivilen Pioniere des «Wilden Westens», die mit Revolvern und Gewehren ihre Alltagsangelegenheiten regelten, gehörten im 19. Jahrhundert zu den am höchsten bewaffneten Populationen der Erde. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung prägten auch in Friedenszeiten
das gesellschaftliche Leben in einer Weise, die sonst nur für Bürgerkriege charakteristisch ist. [...] Innerhalb der etwa vier Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkrieges 1865 erreichte die Terrorherrschaft von Revolverhelden ihre größte Intensität und weiteste Verbreitung. [Richard Maxwell] Brown vertritt die Auffassung, es habe sich dabei um eine Art von kleinem «Bürgerkrieg» gehandelt: Die meisten der 200 oder 300 berühmt-berüchtigten Killer (und eine große Zahl von weniger bekannten) hätten im Auftrag von Großgrundbesitzern gehandelt und deren Interessen gegen kleine Rancher und Farmerfamilien auf Einzelgehöften (homesteaders) durchgesetzt. Sie seien keine Sozialbanditen mit Gerechtigkeitssinn und Sympathie für die kleinen Leute gewesen, sondern eher Agenten in einem Klassenkampf von oben." (S.492)
Deportationen
"Bis zur Mitte des Jahrhunderts waren rechtlich gestützte Eingriffe in die inneren Angelegenheiten der Stämme nicht vorgesehen. Sie waren einer Art von indirect rule zu Sonderkonditionen unterworfen. Erst nach 1870 setzte sich die Idee durch, auch die Indianer hätten den allgemeinen
Gesetzen des Landes zu gehorchen." (S,493)
"In Jacksons Augen war die Zivilisierungsmission der Jefferson-Generation gescheitert. Er knüpfte an die Mentalität der sogenannten Paxton Boys an, die in den 1760er Jahren in Pennsylvania schlimme Massaker an Indianern verübt hatten. Die Duldung indianischer Enklaven hielt er für
zwecklos. Sein Ziel war es, mit den Methoden, die man heute «ethnische Säuberung» nennt, die Indianer hinter den Mississippi zu vertreiben. [...] Es wurden Konzentrationslager eingerichtet, ganze indianische Gemeinschaften wurden mit wenigen Habseligkeiten bei manchmal extremen Witterungsbedingungen in Gewaltmärschen in das sogenannte Indian Territory verbracht. [...]
Die schlimmste Episode war die Deportation des Volkes der Seminolen aus Florida. Hier verflocht sich Jacksons Kampagne mit der Sklavereifrage." (S.494)
"Einige der vertriebenen Stämme setzten in ihren neuen Wohngebieten ihre unhonoriert gebliebene Anpassung an die euro-amerikanische Umgebung fort. Den «Five Civilized Tribes» Cherokees,
Creeks, Choctaws, Chickasaws und Seminolen - ging es zwischen 1850 und dem Beginn des Bürgerkrieges relativ gut. Sie überwanden die Folgen des removal, fanden zu neuer Einigkeit, gaben sich Verfassungen und bauten an eigenen politischen Institutionen, in denen sich die alte indianische Demokratie mit den institutionellen Formen der US-Demokratie verband. Viele wirtschafteten in bäuerlichen Familienbetrieben, andere beschäftigten schwarze Sklaven in Plantagen.[...] In den 1850er Jahren schufen sie sich ein Schulwesen, um das sie die weiße Bevölkerung in den benachbarten Staaten Arkansas und Missouri hätte beneiden können. [...]
Die allgemeine Brutalisierung der amerikanischen Gesellschaft durch den Bürgerkrieg setzte sich nach Kriegsende in erneuter Aggression gegen die Indianer fort." (S.495)
"Mit der Verbreitung des 1874 patentierten und umgehend in riesigen Mengen produzierten Stacheldrahts und der lückenlosen Festlegung privater Besitzansprüche kam der «offene Westen» zu seinem Ende." (S.497)
Eigentum
"Die Indianer wie viele andere jagende, sammelnde und Land bestellende Völker der Welt kannten durchaus «Privat»-Eigentum. Es bezog sich aber nicht auf Land «an sich», sondern auf die Dinge, die sich auf dem Land befanden. Dazu gehörte die Ernte, über die im Prinzip diejenigen verfügen
konnten, die sie produziert hatten." (S.499)
Südamerika und Südafrika
Argentinien
"Die größte Ähnlichkeit zu den USA findet man in Argentinien. [...] Im Unterschied zur US-Frontier wurde das Land in Argentinien nicht in kleine Einheiten zerlegt. Die Regierungen verkauften es
oder vergaben es in großen Stücken als politische Geschenke. So entstanden große Viehgüter, die ihr Land zuweilen an kleinere Rancher verpachteten. [...] Ein für Argentinien charakteristischer Sozialtypus war der Gaucho: ein Wanderarbeiter, Ranchknecht und Pferdemann der Pampa." (Der
Cowboy war im Grunde eine lateinamerikanische Erfindung: Erst über die großen Viehfarmen Nordmexikos verbreitete er sich nach Texas und von dort in den übrigen Wilden Westen. [...])" (S.501/2)
"Fast aufs Jahr gleichzeitig mit dem letzten großen Indianerkrieg der USA wurden die riesigen Landflächen des inneren Argentinten für die wirtschaftliche Nutzung geräumt. Den Indianern wurde noch nicht einmal das kümmerliche Überleben in Reservaten gestattet." (S.503)
Brasilien
"Brasilien ist das einzige Land der Welt, in dem einige der nach 1492 in Amerika begonnenen
Frontier-Prozesse von Ausbeutung und Ansiedlung immer noch anhalten." (S.504)
Südafrika
"Die Frontier-Prozesse in Südamerika Südafrika und Südafrika standen in keiner realen
Wechselwirkung miteinander. Daher fällt umso mehr ihre exakte Gleichzeitigkeit auf. Die letzten Indianerkriege fanden in Nord- und Südamerika in den 1870er und 1880er Jahren statt, also genau zu derselben Zeit, als die weiße (britische) Eroberung des südafrikanischen Landesinneren abgeschlossen wurde. Für Südafrika markiert das Jahr 1879 einen Schlusspunkt. In diesem Jahr wurden die Zulu, die wichtigste afrikanische Gegenmacht zu den Briten, militärisch geschlagen. [...] Die Sioux und die Zulu waren beide bedeutende regionale Militärmächte, die sich manche ihrer einheimischen Nachbarn untertänig und abhängig gemacht hatten. Als Folge eines jahrzehntelangen Kontakts mit Weißen waren sie sich über deren militärische Möglichkeiten durchaus im Klaren. Beide hatten sich auch nur in einem sehr geringen Maße den Invasoren und ihrem Lebensstil assimiliert." (S.505)
"Diesen Gemeinsamkeiten stehen einige Unterschiede im Schicksal von Sioux und Zulu gegenüber. Dem hohen ökonomischen Druck, der auf sie ausgeübt wurde, setzten die beiden Völker eine unterschiedliche Widerstandskraft entgegen. Die Sioux waren nomadische Bisonjäger. die sich in
Jagdbanden organisiert hatten und über keine ausgeprägte politische und militärische Hierarchie verfügten. Sie waren auf dem expandierenden Binnenmarkt der USA wirtschaftlich völlig nutzlos geworden. Die Zulu hingegen existierten auf der Basis einer viel stärkeren stationären Mischwirtschaft von Viehzucht und Ackerbau. Sie verfügten über eine zentralisierte monarchische Organisation und integrierten sich gesellschaftlich durch ein System klar definierter Altersgruppen. Daher ließ sich die Zulugesellschaft trotz ihrer militärischen Niederlage und der folgenden
Okkupation ihrer Wohngebiete nicht so einfach zerschlagen und demoralisieren wie die Gesellschaft der Sioux." (S.506)
"Die Buren profitierten von der Zerrüttung zahlreicher afrikanischer Gemeinschaften, die eine Folge jüngster militärischer Auseinandersetzungen unter den afrikanischen Völkern, der Mfecane, war:
Zwischen 1816 und 1828 hatte der blitzartig erstarkte Militärstaat der Zulu unter deren Kriegskönig Shaka große Gebiete im Grasland entvölkert und zugleich den weißen Siedlern Bundesgenossen aus dem Anti-Zulu-Lager zugeführt. Der Große Treck war ein militärisch und logistisch erfolgreiches Manöver einer der ethnischen Gruppen in Südafrika, die um Land konkurrierten. Er wurde zu einem kolonialen Eroberungszug von zunächst «privatem» Charakter. Eine Staatsbildung erfolgte erst später, gleichsam als «Nebenfolge» (Jörg Fisch) privater Landaneignung, als sich die Buren zwei
eigene Republiken schufen: 1852 die Republik Transvaal, 1854 den Oranje-Freistaat. [...] Militärisch stand den Buren keine Zentralarmee zur Seite. [...]
Jede Frontier weist besondere demographische Verhältnisse auf, und hier liegt ein besonders wichtiger Unterschied zwischen Nordamerika und Südafrika. Vor den 1880er Jahren gab es keine Masseneinwanderung nach Südafrika. [...]" (S.507)
"In Südafrika wie in Nordamerika war der sich und seine Familie selbst versorgende bewaffnete Pionier zunächst der vorherrschende Grenzertypus. In Amerika war die Grenze aber schon früh mit Elementen großbetrieblicher Produktion für Exportmärkte durchsetzt. Im 18.Jahrhundert waren Tabak- und Baumwollplantagen, von denen sich manche an der Grenze befanden, in großräumige Handelsnetze eingesponnen. Im Laufe des 19.Jahrhunderts wurde die Grenze zunehmend zum Organ
kapitalistischer Entwicklungsprozesse. In Südafrika waren die Buren nach dem Exodus eines Teils von ihnen ins Landesinnere zunächst noch weiter von den Weltmärkten entfernt als zuvor. [...] In Südafrika benötigten Farmen und Bergwerke einheimische Lohnarbeit. Den Afrikanern wurden daher nicht nur Subsistenznischen eingeräumt; sie wurden auch auf der untersten Stufe einer rassisch definierten Hierarchie in die dynamischen Sektoren der Wirtschaft integriert. [...] Die südafrikanischen Reservate, die erst viel später - nach 1951 - unter der Bezeichnung homelands ihre volle Ausprägung fanden, waren weniger ein Freiluftgefängnis zur Isolation einer ökonomisch funktionslosen Bevölkerung als der Versuch, schwarze Arbeitskraft politisch zu kontrollieren und ökonomisch zu kanalisieren. Sie beruhten auf dem Prinzip, dass sich in den Reservaten die Familien
durch Subsistenzlandwirtschaft selbst ernährten, während die männlichen Arbeitskräfte, deren physische Reproduktionskosten auf diese Weise minimal gehalten wurden, in den dynamischen Sektoren beschäftigt wurden. [...]
Als in den 1930er Jahren in den USA erstmals eine Art von humaner Indianerpolitik realisiert wurde, war es für ein genuines Indian revival zu spät. In Südafrika stand damals das Maximum an Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit noch bevor." (S.508/09)
Turner in Südafrika
Auf keine andere Interpretation einer Nationalgeschichte außer derjenigen der USA ist die Frontier-These öfter, nachhaltiger, aber auch kontroverser angewendet worden als auf die südafrikanische. [...] Die Frontier des 19. Jahrhunderts wird ebensowenig wie die Sklaverei am Kap (vor der Abschaffung der Sklaverei im British Empire 1833/34) als unmittelbare Quelle der Apartheid gesehen. Beides, Sklaverei wie Frontier, trug jedoch dazu bei, dass sich bereits im späten 19. Jahrhundert eine (auch religiös motivierte) kulturelle Überheblichkeit der Weißen sowie Praktiken scharfer Ausgrenzung herausbildeten.Die Frontier-These liefert keinen Generalschlüssel zur Geschichte Südafrikas, weist aber auf die große Bedeutung von Geographie und Umwelteinflüssen für die Herausbildung sozialer Haltungen hin.
Das Turnersehe Motiv der Emergenz von Freiheit an der Frontier findet sich in Südafrika nur in gebrochener Weise. Der burische Exodus vom Kap ins Landesinnere war unter anderem auch eine Reaktion auf eine soziale Revolution: die Befreiung der Sklaven am Kap 1834. [...] Der Auszug der Treckburen aus der (relativ) urbanen und weltoffenen Kapkolonie war, politisch gesehen, eine Flucht vor solchem rechtlichen Egalitarismus." (S.510/11)
"Die Buren wiederum wollten in ihren isolierten Republiken in Ruhe gelassen werden und strebten nicht nach einer Eroberung des Kaps. Der 1886 beginnende «Goldrausch» am Witwatersrand störte diese Selbstgenügsamkeit. Die Buren wollten von den neuen Reichtümern durchaus profitieren und ließen britischen Kapitalisten freie Hand, sorgten aber dafür, die politische Macht in der Hand zu behalten. [...] Der Südafrikanische Krieg oder Burenkrieg von 1899-1902 entstand aus einer solchen Gemengelage. Er endete mit dem militärischen Sieg einer Imperialmacht, die sich ungewöhnlich verausgaben musste, um einen militärisch scheinbar belanglosen Gegner niederzuringen, und der nun
Zweifel kamen, ob koloniale Vorherrschaft - zumal gegen andere Weiße zu einem solch hohen Preis durchgesetzt werden solle.
Die burische Gesellschaft auf dem Hohen Veldt war durch den Krieg tief verwundet worden; ein Zehntel der Bevölkerung war umgekommen. Die Buren stellten aber weiterhin die große Mehrheit unter der weißen Bevölkerung Südafrikas, und sie kontrollierten die Landwirtschaft. Andere
Bundesgenossen gab es für die Briten im Land nicht. Da ein permanentes Besatzungsregime nicht in Frage kam, musste man sich mit den unterlegenen Buren arrangieren.[...] Anders als in Argentinien, wo die Macht der Gaucho-Frontier bald zerschlagen wurde, eroberte in Südafrika die Frontier-Peripherie das politische Zentrum und prägte ihm fast das ganze 20. Jahrhundert über ihren Stempel auf. [...] Für die politische Entwicklung der USA war der Bürgerkrieg das, was für Südafrika der Burenkrieg bedeutete - allerdings in einem wesentlich komprimierteren Zeitablauf. Die Sezession der
Südstaaten der USA von der Union 1860/61 war ein Äquivalent des Großen Trecks, und die Pflanzerdemokratie der Südstaaten vor der Sezession zeigt große Ähnlichkeiten mit dem gleichzeitigen Herrenvolk-Republikanismus der burischen Pioniere, [...] In den großen Kompromissen nach dem jeweiligen Kriegsende von 1865 in den USA und 1902 in Südafrika vermochten die unterlegenen weißen Parteien ihre Interessen und Werte in hohem Maße zur Geltung zu bringen - in beiden Fällen auf Kosten der Schwarzen. Offensichtlich hat aber in den USA die Frontier nicht in derselben Weise gesiegt wie in Südafrika: Die Werte und Symbole des eigentlichen «Wilden Westens» machten sich nicht auf der Ebene der politischen Ordnung, sondern als Ingredienzien des amerikanischen Kollektivbewusstseins und «Nationalcharakters» bemerkbar. (S.512/13)
Fortsetzung sieh: Frontier in Eurasien
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Sonntag, 19. April 2015
Frontiers - Landnahme im 19. Jahrhundert
"Das extreme Gegenteil der Stadt ist im 19.Jahrhundert nicht länger das 'Land', die Lebenssphäre der erdgebundenen Ackerbauern.
Es ist die Frontier [...] : die bewegliche Grenze der Ressourcenerschließung. Sie wird in Räume vorangetrieben, die selten so 'leer' sind, wie die Aktivisten der Expansion sich und anderen einreden. Aus der Sicht derer, auf die sich die Frontier zubewegt, ist sie die Speerspitze einer Invasion. [...]
Beide, Stadt wie Frontier, haben aber auch etwas gemeinsam: Sie sind die großen Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts. Als die Räume erträumter Möglichkeiten ziehen sie Migranten an wie nichts sonst in der Epoche. Gemeinsam ist der Stadt wie der Grenze die Durchlässigkeit und Formbarkeit der sozialen Verhältnisse. Wer nichts hat, aber einiges kann, mag es hier zu etwas bringen." (S.465)
"Das 20. Jahrhundert ist insgesamt gekennzeichnet durch intensivere, also weniger raumgreifende Nutzung von Potenzialen. Die Zerstörung tropischer Regenwälder sowie die Überfischung der Meere setzen allerdings das frühere Muster extensiver Ausbeutung auch noch in einem Zeitalter fort, [...]" (S.466)
Osterhammel lenkt in diesem Kontext verständlicherweise seinen Blick nicht auf die noch ausgreifendere Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen, wie sie von der Nutzung fossiler Energien und recyclingarmen Nutzung von Rohstoffen im 20. und 21. Jahrhundert weltweit geschieht. Dazu Naomi Klein.
"Daneben gingen vergleichbare Prozesse etwa auch von Chinesen und einigen Völkern im tropischen Afrika aus. Migrationsbewegungen zur burmesischen Reisgrenze oder zur plantation frontier [vgl. dazu das Beispiel Jamaika; F.] in anderen Teilen Südostasiens waren eine Folge neuer Exportchancen auf internationalen Märkten. Mit der landnehmenden Kolonisierung verbanden sich extrem unterschiedliche Erfahrungen, die sich auch in der Geschichtsschreibung spiegeln. Auf der einen Seite standen die aktiven Kolonisten, die mit ihren Wagentrecks - so verstanden sie sich selbst - in die 'Wildnis' hinauszogen, dort neben ihrer Viehwirtschaft 'herrenloses' Land urbar machten und die Errungenschaften der 'Zivilisation' einführten." (S.466)
"Bereits James Fenimore Cooper [...] hatte in seinen Lederstrumpf-Romanen [...] die Tragik des indianischen Untergangs beschworen. In die amerikanische Geschichtsschreibung fand eine solch düstere Sicht erst im frühen 20. Jahrhundert vereinzelt Eingang." (S.467)
"Wer nicht rücksichtslos verfolgt wurde, den unterzog man Prozeduren der 'Zivilisierung', die auf der völligen Entwertung der traditionellen einheimischen Kultur beruhten. In diesem Sinne entstanden bereits im 19. Jahrhundert jene 'traurigen Tropen', über die Claude Levi-Strauss 1955 bewegend geschrieben hat." (S.468)
Nach 1945: "Die beginnende Anerkennung von außen schuf den betroffenen Minderheiten auch neue Möglichkeiten der eigenen Identitätsbildung. An der Grundtatsache der Marginalisierung ihrer Lebensformen ließ sich jedoch nichts mehr ändern." (S.468)
"Der junge Historiker Frederick Jackson Turner prägte ihn 1893 in einem Vortrag, der wahrscheinlich bis heute der einflussreichste Text der amerikanischen Geschichtsschreibung ist. Turner sprach von einer 'Frontier', die sich immer weiter von Ost nach West vorangeschoben habe und in seiner Gegenwart zum Stillstand und Ende (closure) gekommen sei." (S.469)
"McNeill sieht die Frontier als ambivalent: zum einen durchaus als politische und kulturelle Bruchlinie, zum anderen aber auch als Öffnung von Freiräumen, wie sie die stärker strukturierten Gesellschaften stabil besiedelter Kernzonen nicht zuließen. Zum Beispiel war die Stellung der Juden, die oft in Grenzgebieten siedelten, deutlich besser als unter weniger flüssigen Verhältnissen.
[...]
Eine Frontier ist ein sich großräumig, also nicht bloß lokal begrenzt manifestierender Typus einer prozesshaften Kontaktsituation, in der auf einem angebbaren Territorium (mindestens) zwei Kollektive unterschiedlicher ethnischer Herkunft und kultureller Orientierung meist unter Anwendung oder Androhung von Gewalt Austauschbeziehungen miteinander unterhalten, die nicht durch eine einheitliche und überwölbende Staats- und Rechtsordnung geregelt werden. Eines dieser Kollektive spielt die Rolle des Invasoren. Das primäre Interesse seiner Mitglieder gilt der Aneignung und Ausbeutung von Land und/oder anderen natürlichen Ressourcen. [...] Der Siedler ist weder Soldat noch Beamter. Die Frontier ist ein manchmal lange andauernder, doch prinzipiell flüchtiger Zustand von hoher sozialer Labilität." (S.471)
"Auf der Seite der Invasoren werden je nach Bedarf drei Rechtfertigungsmuster einzeln oder in Kombination herangezogen:
• das Recht des Eroberers, das eventuell vorhandene Besitzrechte der anderen Seite für nichtig erklärt;
• die schon bei den Puritanern des 17. Jahrhunderts beliebte Doktrin der terra nullius, welche Land, das von Jägern und Sammlern oder von Hirten bevölkert ist, als 'herrenlos', frei akquirierbar und kultivierungsbedürftig betrachtet;
• die oft erst später als sekundäre Ideologisierung hinzukommende Vorstellung eines zivilisierenden Missionsauftrags gegenüber den 'Wilden'." (S.472)
"Frontiers können sich nur dort über die erste Invasionsphase hinaus halten, wo, erstens, keine klaren Territorialgrenzen Invasionen und Frontier-Prozesse (borders) gezogen werden und wo, zweitens, die Durchstaatlichung rudimentär oder lückenhaft bleibt. Von der Warte der Frontier ist der 'Staat' verhältnismäßig fern. Die Grenzen von Imperien sind typischerweise Frontiers, doch sie sind es nicht immer. Sobald Imperien nicht länger expandieren, sind Frontiers, sofern es sie noch gibt, keine Zonen potenzieller Einverleibung, sondern eher offene Flanken in der Sicherung vor äußeren Bedrohungen." (S.472/73)
"Im britischen Empire des 19.Jahrhunderts war die Nordwestgrenze Indiens eine solche neuralgische Verteidigungszone, die besondere Arten der Kriegführung. an erster Stelle mountain warfare mit leichter Bagage in unübersichtlichem Gelände, erforderlich machte; die Russen im Kaukasus und die Franzosen in Algerien führten ähnliche Grenzkriege. Im Unterschied dazu bot die Nordgrenze Britisch-Indiens keine Sicherheitslücke dieser Art. Sie war eher eine in umständlichen Verhandlungen zwischenstaatlich vereinbarte Staatengrenze, also border. nicht frontier. [...]
Dort, wo zwei oder mehrere Kolonialmächte mit ihren modernen Begriffen von territorialer Staatlichkeit sich Gebiete streitig machten, sollte man nicht von Frontiers, sondern von 'Grenzländern' sprechen. Nach einem von dem Turner-Schüler Herbert Eugene Bolton vorgeschlagenen Konzept versteht man unter solchen borderlands 'umstrittene Grenzgebiete zwischen kolonialen Sphären'. In solchen borderlands hatten die Einheimischen andere Handlungsmöglichkeiten als an einer Frontier, konnten sie doch in gewissem Maße die rivalisierenden Invasoren gegeneinander ausspielen und die verschiedenen Grenzlinien überqueren. Sobald aber einmal eine Einigung zustande gekommen war, ging sie auf Kosten der Lokalbevölkerung. Im Extremfall wurden ganze Völker über die Grenze deportiert, oder es wurden Transfers ausgehandelt, so schon im 18. Jahrhundert an der Grenze zwischen dem Zarenreich und dem Qing-Imperium." (S.473)
"Frontiers sind stets turbulent und stellen daher unweigerlich eine Bedrohung für das dar, was für das Imperium in der Zeit nach der Eroberungsphase das höchste aller Güter sein muss: Ruhe und Ordnung. [...] Die interessanteste neue Bedeutung, die der Frontier-Begriff in der letzten Zeit gewonnen hat, ist die ökologische. [...] Man kann allgemeiner von Frontiers extraktiver Ressourcenausbeutung sprechen. Hier geht es um ökonomische, aber zur gleichen Zeit auch um ökologische Zusammenhänge. [...] Man kann nicht über Frontiers sprechen und dabei von Ökologie schweigen." (S.474)
Überschreitung und Verstaatlichung
"(1) Als 'Transfrontier-Prozesse' bezeichnet man Bewegungen von Gruppen über ökologische Grenzen hinaus. Ein gutes Beispiel dafür sind die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auftretenden Treckburen in Südafrika. Als fruchtbare und leicht zu bewässernde Böden am Kap knapp wurden, gaben viele afrikaanssprachige Weiße eine intensive Landwirtschaft europäischen Stils auf und übernahmen eine semi-nomadische Lebensweise. Einige von ihnen, man schätzt ein Zehntel, schlossen sich afrikanischen Gemeinschaften an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten Leute gemischter Abstammung als griquas ihre eigenen Sozialverbände, Städte und sogar staatsähnliche Strukturen (Griqualand East und West). Auch in Südamerika traten solche transfrontiersmen auf, allerdings nicht unter Mangelbedingungen, sondern dort, wo ein Überfluss an Tieren die Jagd auf Vieh und Pferde erlaubte. Sonst aber bestanden große Ähnlichkeiten zwischen Afrika und Amerika, vor allem waren diese grenzüberschreitenden Gemeinschaften im Binnenland von außen so gut wie nicht regierbar. [...]
(2) Die Verstaatlichung von Frontiers: [...] Der allgemeinste Beitrag von Regierungen zur Frontier- Kolonisation lag schon in der frühen Neuzeit darin, dass sie die faktische Okkupation von Land pauschal legalisierten und dabei gleichzeitig die Eigentumsansprüche der Einheimischen rundweg
bestritten." (S.476)
Wilder Westen in Nordamerika
"So war der kalifornische Goldrausch die größte zusammenhängende Migrationsbewegung in der Geschichte der USA. Allein im Jahr 1849 strömten 80000 Menschen nach Kalifornien, 1854 lebten dort 300 000 Weiße. Eine ähnliche Dimension hatte 1858 der weniger bekannte gold rush nach Colorado. [...] Die Region der eigentlichen Frontier lag also zwischen einer seit langem dynamischen Ostküste und einem aus anderen Ursachen wirtschaftlich aufstrebenden Landesteil am anderen maritimen Rand des Kontinents. Sie war buchstäblich eine 'Mitte'. (S.478)
"Die Franzosen hatten im 18.Jahrhundert viel mehr als Engländer und Schotten eine Art von modus vivendi mit den Indianern erreicht. Auch im Verhältnis von Spaniern und Pueblos im heutigen New Mexico war es unter den Bedingungen eines ungefähren Machtgleichgewichts zu einer langfristig stabilen frontier of inclusion gekommen. Dies wiederholte sich im Machtbereich der USA nicht. Die charakteristische Form der Behandlung der Einheimischen [...] war das Reservat. [...] Nach dem Bürgerkrieg und vollends nach dem Ende der Indianerkriege in den 1880er Jahren wurde das System zahlreicher verstreuter Sondergebiete zur allgemein praktizierten Norm. An keiner anderen Frontier - gewisse Ähnlichkeiten bestehen mit dem Homeland-System im Südafrika des 20. Jahrhunderts - erlangte diese umzingelnde Ausgrenzung der Urbevölkerung eine ähnliche Bedeutung. [...]
Als wissenschaftliches Konzept wie als populärer Mythos war die Frontier schon lange, bevor Turner ihr einen Namen gab, das große integrierende Thema einer nationalen Geschichtskonstruktion." (S.479)
"Die Erschließung des Westens wurde und wird als die spezifisch nordamerikanische Form der Nationsbildung gesehen. Integrierend wirkt das Thema auch deshalb, weil nahezu jede nordamerikanische Region irgendwann einmal in ihrer Geschichte ein 'Westen' gewesen ist." (S.480)
"Mit süd- oder ostasiatischen Augen gesehen, werden amerikanische Eigenarten noch deutlicher: grenzenlose Verwunderung angesichts eines solchen Überflusses an fruchtbarem Land. In vielen Teilen Asiens waren bereits um 1800 fast alle hochproduktiven Gegenden besiedelt und genutzt und die Landreserven aufgebraucht." (S.481)
Indianer
"Wie zuvor schon in der Karibik, in Mittel- und Südamerika, so nahm auch die Zahl der nordamerikanischen Ureinwohner als Folge der europäischen Invasion deutlich ab. Der generelle Vorwurf eines weißen Genozids an den Indianern ist übertrieben. Gewiss wurden aber einige amerikanische Ethnien ausgelöscht, und es gab dramatische regionale Einbrüche, an erster Stelle in Kalifornien. Dort hatten am Beginn der spanischen Besiedlung um 1769 ca. 300 000 Einheimische gelebt, am Ende der spanischen Periode um 1821 noch ca. 200 000. Nach dem Goldrausch waren 1860 von ihnen nur noch 30 000 übrig geblieben. Krankheit, Hunger und vielfach sogar Mord - ein führender Historiker hat von einem 'Programm systematischen Abschlachtens' gesprochen - hatten diesen drastischen Rückgang verursacht." (S.481)
"Bei den Indianern fällt zunächst ihre große Diversität auf. Eine einheitliche indianische Lebensweise gab es nicht, auch keine gemeinsame Sprache, so dass die militärische Koordination im Widerstand gegen die Weißen sehr erschwert war. [...] Solange Indianer als Bundesgenossen der Europäer begehrt waren, gelang es indianischer Politik häufig, die Weißen - Briten, Franzosen, Spanier und rebellische Kolonisten - gegeneinander auszuspielen. Dies war nach dem Britisch-amerikanischen Krieg von 1812 kaum noch möglich. [...] Gemeinsam war den meisten Indianern, dass sie von einer technologischen Revolution berührt worden waren. Nicht anders kann man die Einführung von Pferden als Last- und Reittieren bezeichnen, die um 1680 vom spanisch kolonisierten Süden Nordamerikas ausgegangen war. Mit dem Pferd kamen die Feuerwaffen, zunächst durch die Franzosen mitgebracht, um ihre indianischen Bundesgenossen gegen die Spanier zu bewaffnen. Pferd und Muskete veränderten in radikaler Weise das Leben von Zehntausenden, die noch nie einen weißen Mann gesehen hatten. [...] um 1800 hatten so gut wie alle Indianer westlich des Mississippi ihre Lebensweise auf das Pferd eingestellt. Ganze Völker erfanden sich neu als Zentauren." (S.482)
"[...] die indianische Landwirtschaft hatte im Rahmen einfacher Technologie (kein Pflug, keine Düngung) eine hohe Leistungsfähigkeit erreicht, von der anfangs auch die Euro-Amerikaner profitierten. Um 1830 waren die Großen Ebenen so stark bevölkert wie niemals zuvor. Man hat geschätzt, dass sich damals 60000 Indianer, 360 000 bis 900 000 gezähmte Pferde, 2 Millionen Wildpferde, 1,5 Millionen Wölfe und bis zu 30 Millionen Bisons diesen riesigen Lebensraum teilten.
Erst das Pferd erlaubte die vollständige Erschließung der Ebenen zwischen Mississippi und Rocky Mountains, 300 Kilometer von Ost nach West und 1500 Kilometer von Norden nach Süden sich erstreckend. Das Pferd wirkte als Energietransformator. Es verwandelte die im Grasland gespeicherte Energie in Muskelkraft, die - anders als diejenige nicht domestizierbarer Großtiere - menschlicher Führung gehorchten." (S.483)
"Erst durch ihre Pferd-Bison-Kultur wurden die Indianer der Großen Ebenen zu wahrhaften Nomaden. [...] Das stereotype Bild der Indianer als virtuose Kampfreiter trifft erst für die letzte Phase ihrer freien Existenz zu. Innerhalb von drei oder vier Generationen entwickelte sich die berühmte indianische Pferdekunst, [...] Über den Pelzhandel, den man deshalb nicht verklären sollte, machten die Indianer aber auch erste Bekanntschaft mit Alkohol, einer Droge, die - wie einige Jahrzehnte später das Opium in China - den Zusammenhalt und die Widerstandskraft ihrer Gemeinschaften stark schwächen sollte. Die Pferd-Bison-Kultur verstärkte die Verbindungen zu äußeren Märkten." (S.484) Eine 'Ernte' von 6 bis 7 Tieren pro Person und Jahr war möglich (wie man heute weiß), ohne die Reproduktion der Tiere zu gefährden. Alles, was darüber hinausging, bedeutete Raubbau.
Die Lebensgrundlagen der Plains Indians, die auf den Nachfragestimulus ökonomisch rational, aber ökologisch unvernünftig reagierten, verschwanden zusehends. [...] Weiße Jäger schalteten sich in das Geschäft ein und veranstalteten einen Massenmord an Bisons, wie ihn die Indianer niemals praktiziert hatten. Der durchschnittliche euro-amerikanische Bisonjäger schoss täglich ca. 25 Tiere. Zwischen dem Ende des Bürgerkrieges und den späten 1870er Jahren fiel die Zahl der Bisons auf den Großen Ebenen von 15 Millionen auf wenige hundert Exemplare. Profitinteresse wurde zynisch durch das Argument verschleiert, man wolle durch Vernichtung der natürlich gewachsenen, 'wilden' Bisonherden der 'zivilisierten' Rinderwirtschaft Raum schaffen und zugleich die Indianer zur Aufgabe ihrer «barbarischen» Lebensweise zwingen. Um 1880 war die Pferd-Bison-Kultur der Großen Ebenen vernichtet. [...]
War es für die Indianer ein Vorteil oder ein Unglück, dass die Siedler ihre Arbeitskraft nicht in systematischer Weise benötigten? Sie entgingen möglicherweise einem Schicksal von Zwangsarbeit und Versklavung, wurden dafür aber sozial marginalisiert." (S.485)
Siedler
"Jeffersons Ideal für den Osten wie für den Westen der USA war der Farmer als Kleinunternehmer [...] Dies blieb auch noch für die Besiedlung des Westens im r9. Jahrhundert weithin ein Idealbild, vom Staat immer wieder gesetzlich unterstützt, mit besonderem Nachdruck r862 durch Präsident Abraham Lincolns Homestead Act, der als sozialpolitischer Gegenentwurf zur Sklaverei der Südstaaten gemeint war. Dieses Gesetz gab jedem erwachsenen Bürger, der Oberhaupt einer Familie war, das Recht auf nahezu kostenfreie Zuteilung von r60 acres (ca. 65 Hektar) öffentlichen Landes im Westen, sofern dieses Land fünf Jahre lang kontinuierlich bearbeitet worden war. Die Realität sah nicht selten
anders aus. Zahlreiche Familien aus dem städtischen Osten, die zunächst homesteads in Anspruch genommen hatten, gaben das Land wieder auf, das vielfach in die Hände von Spekulanten fiel. Überhaupt ist der Makler und Bodenspekulant eine ebenso charakteristische Figur der Frontier wie
der karge und raubeinige Pionier." (S.487)
"Die Frontier lässt sich also nicht auf eine «binäre» Konfrontation zwischen Weißhäuten und Rothäuten reduzieren. Bei den Siedlern machten sich ähnliche Hautfarbenhierarchien bemerkbar
wie im städtischen Raum. [...] Land war keineswegs so frei verfügbar, wie die Ideologie es versprach. Um gutes Land wurde immer konkurriert, [...] (S.489)
Wenn die Mythologie der Frontier von der «grenzenlosen» Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen schwärmt, dann muss dem entgegengehalten werden, dass eine Ressource von Anfang an knapp war: Wasser." (S.490)
Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen." (S.490)
Fortsetzung unter: Wilder Westen in Nordamerika und Frontier in Südamerika und Südafrika
Es ist die Frontier [...] : die bewegliche Grenze der Ressourcenerschließung. Sie wird in Räume vorangetrieben, die selten so 'leer' sind, wie die Aktivisten der Expansion sich und anderen einreden. Aus der Sicht derer, auf die sich die Frontier zubewegt, ist sie die Speerspitze einer Invasion. [...]
Beide, Stadt wie Frontier, haben aber auch etwas gemeinsam: Sie sind die großen Wanderungsmagneten des 19. Jahrhunderts. Als die Räume erträumter Möglichkeiten ziehen sie Migranten an wie nichts sonst in der Epoche. Gemeinsam ist der Stadt wie der Grenze die Durchlässigkeit und Formbarkeit der sozialen Verhältnisse. Wer nichts hat, aber einiges kann, mag es hier zu etwas bringen." (S.465)
"Das 20. Jahrhundert ist insgesamt gekennzeichnet durch intensivere, also weniger raumgreifende Nutzung von Potenzialen. Die Zerstörung tropischer Regenwälder sowie die Überfischung der Meere setzen allerdings das frühere Muster extensiver Ausbeutung auch noch in einem Zeitalter fort, [...]" (S.466)
Osterhammel lenkt in diesem Kontext verständlicherweise seinen Blick nicht auf die noch ausgreifendere Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen, wie sie von der Nutzung fossiler Energien und recyclingarmen Nutzung von Rohstoffen im 20. und 21. Jahrhundert weltweit geschieht. Dazu Naomi Klein.
"Daneben gingen vergleichbare Prozesse etwa auch von Chinesen und einigen Völkern im tropischen Afrika aus. Migrationsbewegungen zur burmesischen Reisgrenze oder zur plantation frontier [vgl. dazu das Beispiel Jamaika; F.] in anderen Teilen Südostasiens waren eine Folge neuer Exportchancen auf internationalen Märkten. Mit der landnehmenden Kolonisierung verbanden sich extrem unterschiedliche Erfahrungen, die sich auch in der Geschichtsschreibung spiegeln. Auf der einen Seite standen die aktiven Kolonisten, die mit ihren Wagentrecks - so verstanden sie sich selbst - in die 'Wildnis' hinauszogen, dort neben ihrer Viehwirtschaft 'herrenloses' Land urbar machten und die Errungenschaften der 'Zivilisation' einführten." (S.466)
"Bereits James Fenimore Cooper [...] hatte in seinen Lederstrumpf-Romanen [...] die Tragik des indianischen Untergangs beschworen. In die amerikanische Geschichtsschreibung fand eine solch düstere Sicht erst im frühen 20. Jahrhundert vereinzelt Eingang." (S.467)
"Wer nicht rücksichtslos verfolgt wurde, den unterzog man Prozeduren der 'Zivilisierung', die auf der völligen Entwertung der traditionellen einheimischen Kultur beruhten. In diesem Sinne entstanden bereits im 19. Jahrhundert jene 'traurigen Tropen', über die Claude Levi-Strauss 1955 bewegend geschrieben hat." (S.468)
Nach 1945: "Die beginnende Anerkennung von außen schuf den betroffenen Minderheiten auch neue Möglichkeiten der eigenen Identitätsbildung. An der Grundtatsache der Marginalisierung ihrer Lebensformen ließ sich jedoch nichts mehr ändern." (S.468)
"Der junge Historiker Frederick Jackson Turner prägte ihn 1893 in einem Vortrag, der wahrscheinlich bis heute der einflussreichste Text der amerikanischen Geschichtsschreibung ist. Turner sprach von einer 'Frontier', die sich immer weiter von Ost nach West vorangeschoben habe und in seiner Gegenwart zum Stillstand und Ende (closure) gekommen sei." (S.469)
"McNeill sieht die Frontier als ambivalent: zum einen durchaus als politische und kulturelle Bruchlinie, zum anderen aber auch als Öffnung von Freiräumen, wie sie die stärker strukturierten Gesellschaften stabil besiedelter Kernzonen nicht zuließen. Zum Beispiel war die Stellung der Juden, die oft in Grenzgebieten siedelten, deutlich besser als unter weniger flüssigen Verhältnissen.
[...]
Eine Frontier ist ein sich großräumig, also nicht bloß lokal begrenzt manifestierender Typus einer prozesshaften Kontaktsituation, in der auf einem angebbaren Territorium (mindestens) zwei Kollektive unterschiedlicher ethnischer Herkunft und kultureller Orientierung meist unter Anwendung oder Androhung von Gewalt Austauschbeziehungen miteinander unterhalten, die nicht durch eine einheitliche und überwölbende Staats- und Rechtsordnung geregelt werden. Eines dieser Kollektive spielt die Rolle des Invasoren. Das primäre Interesse seiner Mitglieder gilt der Aneignung und Ausbeutung von Land und/oder anderen natürlichen Ressourcen. [...] Der Siedler ist weder Soldat noch Beamter. Die Frontier ist ein manchmal lange andauernder, doch prinzipiell flüchtiger Zustand von hoher sozialer Labilität." (S.471)
"Auf der Seite der Invasoren werden je nach Bedarf drei Rechtfertigungsmuster einzeln oder in Kombination herangezogen:
• das Recht des Eroberers, das eventuell vorhandene Besitzrechte der anderen Seite für nichtig erklärt;
• die schon bei den Puritanern des 17. Jahrhunderts beliebte Doktrin der terra nullius, welche Land, das von Jägern und Sammlern oder von Hirten bevölkert ist, als 'herrenlos', frei akquirierbar und kultivierungsbedürftig betrachtet;
• die oft erst später als sekundäre Ideologisierung hinzukommende Vorstellung eines zivilisierenden Missionsauftrags gegenüber den 'Wilden'." (S.472)
"Frontiers können sich nur dort über die erste Invasionsphase hinaus halten, wo, erstens, keine klaren Territorialgrenzen Invasionen und Frontier-Prozesse (borders) gezogen werden und wo, zweitens, die Durchstaatlichung rudimentär oder lückenhaft bleibt. Von der Warte der Frontier ist der 'Staat' verhältnismäßig fern. Die Grenzen von Imperien sind typischerweise Frontiers, doch sie sind es nicht immer. Sobald Imperien nicht länger expandieren, sind Frontiers, sofern es sie noch gibt, keine Zonen potenzieller Einverleibung, sondern eher offene Flanken in der Sicherung vor äußeren Bedrohungen." (S.472/73)
"Im britischen Empire des 19.Jahrhunderts war die Nordwestgrenze Indiens eine solche neuralgische Verteidigungszone, die besondere Arten der Kriegführung. an erster Stelle mountain warfare mit leichter Bagage in unübersichtlichem Gelände, erforderlich machte; die Russen im Kaukasus und die Franzosen in Algerien führten ähnliche Grenzkriege. Im Unterschied dazu bot die Nordgrenze Britisch-Indiens keine Sicherheitslücke dieser Art. Sie war eher eine in umständlichen Verhandlungen zwischenstaatlich vereinbarte Staatengrenze, also border. nicht frontier. [...]
Dort, wo zwei oder mehrere Kolonialmächte mit ihren modernen Begriffen von territorialer Staatlichkeit sich Gebiete streitig machten, sollte man nicht von Frontiers, sondern von 'Grenzländern' sprechen. Nach einem von dem Turner-Schüler Herbert Eugene Bolton vorgeschlagenen Konzept versteht man unter solchen borderlands 'umstrittene Grenzgebiete zwischen kolonialen Sphären'. In solchen borderlands hatten die Einheimischen andere Handlungsmöglichkeiten als an einer Frontier, konnten sie doch in gewissem Maße die rivalisierenden Invasoren gegeneinander ausspielen und die verschiedenen Grenzlinien überqueren. Sobald aber einmal eine Einigung zustande gekommen war, ging sie auf Kosten der Lokalbevölkerung. Im Extremfall wurden ganze Völker über die Grenze deportiert, oder es wurden Transfers ausgehandelt, so schon im 18. Jahrhundert an der Grenze zwischen dem Zarenreich und dem Qing-Imperium." (S.473)
"Frontiers sind stets turbulent und stellen daher unweigerlich eine Bedrohung für das dar, was für das Imperium in der Zeit nach der Eroberungsphase das höchste aller Güter sein muss: Ruhe und Ordnung. [...] Die interessanteste neue Bedeutung, die der Frontier-Begriff in der letzten Zeit gewonnen hat, ist die ökologische. [...] Man kann allgemeiner von Frontiers extraktiver Ressourcenausbeutung sprechen. Hier geht es um ökonomische, aber zur gleichen Zeit auch um ökologische Zusammenhänge. [...] Man kann nicht über Frontiers sprechen und dabei von Ökologie schweigen." (S.474)
Überschreitung und Verstaatlichung
"(1) Als 'Transfrontier-Prozesse' bezeichnet man Bewegungen von Gruppen über ökologische Grenzen hinaus. Ein gutes Beispiel dafür sind die im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auftretenden Treckburen in Südafrika. Als fruchtbare und leicht zu bewässernde Böden am Kap knapp wurden, gaben viele afrikaanssprachige Weiße eine intensive Landwirtschaft europäischen Stils auf und übernahmen eine semi-nomadische Lebensweise. Einige von ihnen, man schätzt ein Zehntel, schlossen sich afrikanischen Gemeinschaften an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten Leute gemischter Abstammung als griquas ihre eigenen Sozialverbände, Städte und sogar staatsähnliche Strukturen (Griqualand East und West). Auch in Südamerika traten solche transfrontiersmen auf, allerdings nicht unter Mangelbedingungen, sondern dort, wo ein Überfluss an Tieren die Jagd auf Vieh und Pferde erlaubte. Sonst aber bestanden große Ähnlichkeiten zwischen Afrika und Amerika, vor allem waren diese grenzüberschreitenden Gemeinschaften im Binnenland von außen so gut wie nicht regierbar. [...]
(2) Die Verstaatlichung von Frontiers: [...] Der allgemeinste Beitrag von Regierungen zur Frontier- Kolonisation lag schon in der frühen Neuzeit darin, dass sie die faktische Okkupation von Land pauschal legalisierten und dabei gleichzeitig die Eigentumsansprüche der Einheimischen rundweg
bestritten." (S.476)
Wilder Westen in Nordamerika
"So war der kalifornische Goldrausch die größte zusammenhängende Migrationsbewegung in der Geschichte der USA. Allein im Jahr 1849 strömten 80000 Menschen nach Kalifornien, 1854 lebten dort 300 000 Weiße. Eine ähnliche Dimension hatte 1858 der weniger bekannte gold rush nach Colorado. [...] Die Region der eigentlichen Frontier lag also zwischen einer seit langem dynamischen Ostküste und einem aus anderen Ursachen wirtschaftlich aufstrebenden Landesteil am anderen maritimen Rand des Kontinents. Sie war buchstäblich eine 'Mitte'. (S.478)
"Die Franzosen hatten im 18.Jahrhundert viel mehr als Engländer und Schotten eine Art von modus vivendi mit den Indianern erreicht. Auch im Verhältnis von Spaniern und Pueblos im heutigen New Mexico war es unter den Bedingungen eines ungefähren Machtgleichgewichts zu einer langfristig stabilen frontier of inclusion gekommen. Dies wiederholte sich im Machtbereich der USA nicht. Die charakteristische Form der Behandlung der Einheimischen [...] war das Reservat. [...] Nach dem Bürgerkrieg und vollends nach dem Ende der Indianerkriege in den 1880er Jahren wurde das System zahlreicher verstreuter Sondergebiete zur allgemein praktizierten Norm. An keiner anderen Frontier - gewisse Ähnlichkeiten bestehen mit dem Homeland-System im Südafrika des 20. Jahrhunderts - erlangte diese umzingelnde Ausgrenzung der Urbevölkerung eine ähnliche Bedeutung. [...]
Als wissenschaftliches Konzept wie als populärer Mythos war die Frontier schon lange, bevor Turner ihr einen Namen gab, das große integrierende Thema einer nationalen Geschichtskonstruktion." (S.479)
"Die Erschließung des Westens wurde und wird als die spezifisch nordamerikanische Form der Nationsbildung gesehen. Integrierend wirkt das Thema auch deshalb, weil nahezu jede nordamerikanische Region irgendwann einmal in ihrer Geschichte ein 'Westen' gewesen ist." (S.480)
"Mit süd- oder ostasiatischen Augen gesehen, werden amerikanische Eigenarten noch deutlicher: grenzenlose Verwunderung angesichts eines solchen Überflusses an fruchtbarem Land. In vielen Teilen Asiens waren bereits um 1800 fast alle hochproduktiven Gegenden besiedelt und genutzt und die Landreserven aufgebraucht." (S.481)
Indianer
"Wie zuvor schon in der Karibik, in Mittel- und Südamerika, so nahm auch die Zahl der nordamerikanischen Ureinwohner als Folge der europäischen Invasion deutlich ab. Der generelle Vorwurf eines weißen Genozids an den Indianern ist übertrieben. Gewiss wurden aber einige amerikanische Ethnien ausgelöscht, und es gab dramatische regionale Einbrüche, an erster Stelle in Kalifornien. Dort hatten am Beginn der spanischen Besiedlung um 1769 ca. 300 000 Einheimische gelebt, am Ende der spanischen Periode um 1821 noch ca. 200 000. Nach dem Goldrausch waren 1860 von ihnen nur noch 30 000 übrig geblieben. Krankheit, Hunger und vielfach sogar Mord - ein führender Historiker hat von einem 'Programm systematischen Abschlachtens' gesprochen - hatten diesen drastischen Rückgang verursacht." (S.481)
"Bei den Indianern fällt zunächst ihre große Diversität auf. Eine einheitliche indianische Lebensweise gab es nicht, auch keine gemeinsame Sprache, so dass die militärische Koordination im Widerstand gegen die Weißen sehr erschwert war. [...] Solange Indianer als Bundesgenossen der Europäer begehrt waren, gelang es indianischer Politik häufig, die Weißen - Briten, Franzosen, Spanier und rebellische Kolonisten - gegeneinander auszuspielen. Dies war nach dem Britisch-amerikanischen Krieg von 1812 kaum noch möglich. [...] Gemeinsam war den meisten Indianern, dass sie von einer technologischen Revolution berührt worden waren. Nicht anders kann man die Einführung von Pferden als Last- und Reittieren bezeichnen, die um 1680 vom spanisch kolonisierten Süden Nordamerikas ausgegangen war. Mit dem Pferd kamen die Feuerwaffen, zunächst durch die Franzosen mitgebracht, um ihre indianischen Bundesgenossen gegen die Spanier zu bewaffnen. Pferd und Muskete veränderten in radikaler Weise das Leben von Zehntausenden, die noch nie einen weißen Mann gesehen hatten. [...] um 1800 hatten so gut wie alle Indianer westlich des Mississippi ihre Lebensweise auf das Pferd eingestellt. Ganze Völker erfanden sich neu als Zentauren." (S.482)
"[...] die indianische Landwirtschaft hatte im Rahmen einfacher Technologie (kein Pflug, keine Düngung) eine hohe Leistungsfähigkeit erreicht, von der anfangs auch die Euro-Amerikaner profitierten. Um 1830 waren die Großen Ebenen so stark bevölkert wie niemals zuvor. Man hat geschätzt, dass sich damals 60000 Indianer, 360 000 bis 900 000 gezähmte Pferde, 2 Millionen Wildpferde, 1,5 Millionen Wölfe und bis zu 30 Millionen Bisons diesen riesigen Lebensraum teilten.
Erst das Pferd erlaubte die vollständige Erschließung der Ebenen zwischen Mississippi und Rocky Mountains, 300 Kilometer von Ost nach West und 1500 Kilometer von Norden nach Süden sich erstreckend. Das Pferd wirkte als Energietransformator. Es verwandelte die im Grasland gespeicherte Energie in Muskelkraft, die - anders als diejenige nicht domestizierbarer Großtiere - menschlicher Führung gehorchten." (S.483)
"Erst durch ihre Pferd-Bison-Kultur wurden die Indianer der Großen Ebenen zu wahrhaften Nomaden. [...] Das stereotype Bild der Indianer als virtuose Kampfreiter trifft erst für die letzte Phase ihrer freien Existenz zu. Innerhalb von drei oder vier Generationen entwickelte sich die berühmte indianische Pferdekunst, [...] Über den Pelzhandel, den man deshalb nicht verklären sollte, machten die Indianer aber auch erste Bekanntschaft mit Alkohol, einer Droge, die - wie einige Jahrzehnte später das Opium in China - den Zusammenhalt und die Widerstandskraft ihrer Gemeinschaften stark schwächen sollte. Die Pferd-Bison-Kultur verstärkte die Verbindungen zu äußeren Märkten." (S.484) Eine 'Ernte' von 6 bis 7 Tieren pro Person und Jahr war möglich (wie man heute weiß), ohne die Reproduktion der Tiere zu gefährden. Alles, was darüber hinausging, bedeutete Raubbau.
Die Lebensgrundlagen der Plains Indians, die auf den Nachfragestimulus ökonomisch rational, aber ökologisch unvernünftig reagierten, verschwanden zusehends. [...] Weiße Jäger schalteten sich in das Geschäft ein und veranstalteten einen Massenmord an Bisons, wie ihn die Indianer niemals praktiziert hatten. Der durchschnittliche euro-amerikanische Bisonjäger schoss täglich ca. 25 Tiere. Zwischen dem Ende des Bürgerkrieges und den späten 1870er Jahren fiel die Zahl der Bisons auf den Großen Ebenen von 15 Millionen auf wenige hundert Exemplare. Profitinteresse wurde zynisch durch das Argument verschleiert, man wolle durch Vernichtung der natürlich gewachsenen, 'wilden' Bisonherden der 'zivilisierten' Rinderwirtschaft Raum schaffen und zugleich die Indianer zur Aufgabe ihrer «barbarischen» Lebensweise zwingen. Um 1880 war die Pferd-Bison-Kultur der Großen Ebenen vernichtet. [...]
War es für die Indianer ein Vorteil oder ein Unglück, dass die Siedler ihre Arbeitskraft nicht in systematischer Weise benötigten? Sie entgingen möglicherweise einem Schicksal von Zwangsarbeit und Versklavung, wurden dafür aber sozial marginalisiert." (S.485)
Siedler
"Jeffersons Ideal für den Osten wie für den Westen der USA war der Farmer als Kleinunternehmer [...] Dies blieb auch noch für die Besiedlung des Westens im r9. Jahrhundert weithin ein Idealbild, vom Staat immer wieder gesetzlich unterstützt, mit besonderem Nachdruck r862 durch Präsident Abraham Lincolns Homestead Act, der als sozialpolitischer Gegenentwurf zur Sklaverei der Südstaaten gemeint war. Dieses Gesetz gab jedem erwachsenen Bürger, der Oberhaupt einer Familie war, das Recht auf nahezu kostenfreie Zuteilung von r60 acres (ca. 65 Hektar) öffentlichen Landes im Westen, sofern dieses Land fünf Jahre lang kontinuierlich bearbeitet worden war. Die Realität sah nicht selten
anders aus. Zahlreiche Familien aus dem städtischen Osten, die zunächst homesteads in Anspruch genommen hatten, gaben das Land wieder auf, das vielfach in die Hände von Spekulanten fiel. Überhaupt ist der Makler und Bodenspekulant eine ebenso charakteristische Figur der Frontier wie
der karge und raubeinige Pionier." (S.487)
"Die Frontier lässt sich also nicht auf eine «binäre» Konfrontation zwischen Weißhäuten und Rothäuten reduzieren. Bei den Siedlern machten sich ähnliche Hautfarbenhierarchien bemerkbar
wie im städtischen Raum. [...] Land war keineswegs so frei verfügbar, wie die Ideologie es versprach. Um gutes Land wurde immer konkurriert, [...] (S.489)
Wenn die Mythologie der Frontier von der «grenzenlosen» Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen schwärmt, dann muss dem entgegengehalten werden, dass eine Ressource von Anfang an knapp war: Wasser." (S.490)
Indianerkriege und Revolverterror
"Im Osten hatten die Kämpfe etwa 230 Jahre lang gedauert. Die Auseinandersetzung mit den Indianern westlich des Mississippi drängte sich dagegen auf knapp 40 Jahre zusammen." (S.490)
Fortsetzung unter: Wilder Westen in Nordamerika und Frontier in Südamerika und Südafrika
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