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Freitag, 7. März 2025

Wie Trumps Forschungspolitik es unternimmt, Forschung zu verhindern

 Was Musk mit der Wikipedia versucht, nämlich ihre Ergebnisse zu unterdrücken, das unternimmt Trump mit Hilfe der US-Bürokratie: Er versucht, die Forschungsergebnisse zu unterdrücken und Forschungsgrundlagen zu zerstören (ZEIT, 6.3.2025: Nicolas Killian: "Gleichberechtigung"? Sofort löschen! Der Feldzug der neuen US-Regierung gegen missliebige Forschung gefährdet die Basis jeder Wissenschaft: vertrauenswürdige Daten.)

Daraus:

"Während Massenentlassungen und Milliardenkürzungen in staatlichen Forschungsinstituten seit Trumps Rückkehr für Schlagzeilen sorgen, wogt ein weiterer Kampf eher unbemerkt, obwohl seine Folgen nicht minder zerstörerisch sind. Es geht um Forschungsdaten, den Rohstoff vieler Wissenschaften. Datensätze verschwinden, werden nicht veröffentlicht oder, vielleicht noch problematischer, sie werden verändert. [...] Unter anderem weil Trump "die woke Gender-Ideologie" schmäht und damit die LGBTQ-Community angreift, zu der sich rund neun Prozent der Erwachsenen in den USA zählen. Er will das "verschwenderische und schädliche" Konzept der "Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion" stoppen. Das geht auf Kosten ohnehin benachteiligter Minderheiten, zum Beispiel schwarzer Menschen, die in den USA eine fünf Jahre geringere Lebenserwartung haben als Weiße. [...] An den meisten klinischen Studien nahmen bisher vor allem junge, weiße Männer teil – also genau jene Menschen, die Ramachandran kaum behandelt.  Wenn sie ein Medikament verschreibt, weiß sie deshalb oft nicht, wie wirksam oder sicher es für ihre Patienten tatsächlich ist. "An diesen Menschen wurde es nie getestet", sagt sie. Deshalb blickt sie mit Sorge auf das Gerücht, die FDA habe ganz aufgehört, Nebenwirkungen von Medikamenten nach Geschlechtsidentität und einigen anderen demografischen Merkmalen zu erfassen. Diese Maßnahmen, sagt Ramachandran, könnten sich also über Generationen hinweg auswirken. Dabei wäre das nicht nur ungerecht, sondern auch teuer: Eine Studie hat gezeigt, dass im Jahr 2018 ethnische Ungleichheiten im US-Gesundheitswesen die Wirtschaft des Landes 451 Milliarden Dollar kosteten. Zudem orientieren sich viele Länder an den USA, wenn sie neue Arzneien zulassen. So könnte es weltweite Folgen haben, wenn in Amerika aus ideologischen Gründen die Datenqualität leidet. [...]"

Was sonst nur in Autokratien oder Diktaturen geschieht, führt Präsident Trump jetzt in der US-Demokratie ein. Dazu hat er das oberste US-Gericht mit extrem konservativen Richtern besetzt, die befunden haben, dass ein US-Präsident im Amt keine strafbare Handlungen begehen könne. (Das ist bereits bekannt. Gegenwärtig wird deutlich, wie Trump und seine Untergebenen das - zu großen Teilen entgegen ihrem Willen - ausnutzen.)

Das Internet Archive und viele US-Universitäten halten dagegen.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Universitäten müssen Forschung und Lehre verbinden

Die universitäre Lehre muss der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses dienen. Von Armin Nassehi

"[...] Der Exzellenzwettbewerb ist ein Wettbewerb um Forschungsstärke. Es sind Forschungsverbünde, wichtige Fragestellungen und eine forschungsförderliche Infrastruktur, für die Universitäten ausgezeichnet werden und sich Exzellenzuniversitäten nennen dürfen. [...] 
Universitäten sind aber keine reinen Forschungseinrichtungen. Sie haben auch Aufgaben in der Lehre und werden von eher forschungsfernen Beobachtern sicher in erster Linie als Bildungsanstalten wahrgenommen. Ihre Leistung für die Gesellschaft besteht vor allem darin, wissenschaftlich, wenigstens akademisch ausgebildetes Personal unterschiedlicher Fachrichtungen bereitzuhalten, das damit Voraussetzungen dafür mitbringt, in Organisationen anderen Typs entsprechendes Wissen anzuwenden. Dies ist eine wichtige Leistung – und an Universitäten soll diese Ausbildung forschungsnah erfolgen, damit die Absolventen auch lernen, dass Wissen nicht einfach vorhanden ist, sondern in seiner Genese von Voraussetzungen abhängig ist. [...]"

Freitag, 13. Januar 2017

Atlas der deutschen Volkskunde

"Die erste Zentrale befand sich an bester Adresse, im Berliner Schloss. Daneben wurden im deutschsprachigen Raum 35 Landesstellen eingerichtet. Jeder zweite Ort, in dem es mindestens eine Schule gab, sollte erforscht werden – etwa 40.000 Orte. Ebenso viele Freiwillige, die in diesen Orten lebten, sollten die Antworten recherchieren. Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann war einer von ihnen. Die meisten waren Lehrer, viele Pfarrer. Frauen waren fast keine dabei. Damit die Freiwilligen auch verstanden, wie wichtig das Projekt war, an dem sie da mitarbeiteten, erhielten sie eine "Werbeschrift", gestaltet von dem Maler Max Slevogt. Und es wurde ihnen versprochen: Wenn der Atlas fertig wäre, bekämen sie alle ein Exemplar davon. Nur: Der Atlas wurde nicht fertig, bis heute nicht.
Mehr als fünfzig Jahre lang wurde am Atlas geforscht, so lange wie an wahrscheinlich keinem anderen geisteswissenschaftlichen Projekt. [...]
Aber nach der Weltwirtschaftskrise 1929 war klar, dass selbst der Atlas, das Prestigeprojekt, sparen musste. Man begnügte sich damit, jeden vierten statt jeden zweiten Ort mit einer Schule zu untersuchen. Das waren immer noch 20.000 Orte. Und damit 20.000 ehrenamtliche Forscher."

Friedemann Schmoll entdeckte für sich den Atlas und übernahm den Auftrag, ein Buch über die Geschichte des Atlas zu schreiben (Die Vermessung der Kultur. Der „Atlas der deutschen Volkskunde“ und die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1928–1980.)
So weiß er zu berichten:
"Wer den Atlas studiere, stelle fest, dass der Kaffee damals vor allem in den protestantischen Gebieten verbreitet war. "Das Aufweckende des Protestantismus und des Kaffees passten gut zusammen." Sein Onkel, erzählt Schmoll, hat auch Kaffee getrunken – zum Frühstück, aus einer großen Holzschüssel, mit viel warmer Milch und Brotstücken drin. Das schlürfte er dann so laut, dass es den Neffen mächtig beeindruckte. Erst vierzig Jahre später hat Schmoll über den Atlas erfahren, warum sein Onkel das machte. Der Onkel nahm die alte Tradition, morgens eine Brotsuppe zu essen, und verknüpfte sie mit dem Neuen, dem Kaffee. Der Atlas zeigt, wo um 1930 die Brotsuppe noch üblich war, nämlich auch in Schwaben. "Das ist halt das Schöne, wenn man versteht, woher Verhaltensweisen kommen." Es geht ihm um die Entschlüsselung des Alltags. Die kann Stück für Stück mit dem Atlas gelingen. [...] 
Um 1930 hatte der Geburtstag noch einen starken Konkurrenten, den Namenstag. Dass sich seither das Geburtstagfeiern fast überall im Land durchgesetzt hat, sage doch etwas darüber aus, wie wir heute leben. "
(Matthias Stolz: Der verlorene AtlasZEIT magazin 1/2017; online ab 12.1.17)

Ob der Verfasser (Matthias Stolz ) nie etwas vom Grimmschen Wörterbuch gehört hat?

Zwei Links aus den Kommentaren scheinen mir beachtenswert:

Zu denken gibt: 
Es arbeiteten 20 000 Ehrenamtliche mit. Wie viele aktive Benutzer arbeiten gegenwärtig an der deutschsprachigen Wikipedia? (unter 20 000)
Was Schmoll als zu ambitioniert verwirft, ist beim Atlas zur deutschen Alltagssprache möglich: eine vergleichende Aktualisierung älterer Forschung durch Internetbefragung.

Sonntag, 27. März 2016

Wie wichtig ist es, zu glauben, dass man etwas weiß, auch wenn das nicht korrekt ist?

Die Vorstellung, nichts zu wissen, kann äußerst irritierend sein.
Es macht einen Unterschied, ob man nur nach außen hin behauptet, von nichts wirklich überzeugt zu sein, und sich dabei in der normalen Lebensumwelt völlig sicher fühlt oder ob man zwischen Träumen, Halluzinationen und der Realität nicht unterscheiden kann oder ob man aufgrund von Gedächtnisverlust ganz seine eigene Identität verliert. 
Natürlich braucht man auch dann nicht alles zu glauben. Aber wenn man sich bei nichts mehr sicher fühlt, ist es fürchterlich.
Ein Bekannter von mir verlor kurzfristig sein Gedächtnis und musste sich von seinem Sohn tagelang erklären lassen, wer er war, wer zu seiner Familie gehörte, mit welchen wissenschaftlichen Themen er sich seit Jahrzehnten befasste etc.. 
Danach konnte er wieder normal weiterleben, freilich, die Erfahrung des zwischenzeitlichen Gedächtnisverlustes blieb ihm und verunsicherte ihn auch danach.
Jetzt noch eine heitere Geschichte zu Wissen und Glauben:
Mein Sohn entdeckte als Kind einen Wissenstest in einer alten Zeitschrift aus der Zeit vor seiner Geburt. Als es an die Auswertung der Antworten ging, wurde ihm mitgeteilt: Leider ist fast die Hälfte deiner Antworten falsch. Man darf sich eben nicht auf sein Schulwissen verlassen, was man sich vor Jahrzehnten angeeignet hat. 
Er wusste schon so viel, dass er recht vieles korrekt beantworten konnte. Und die Zeitschrift war noch nicht so überholt, dass nicht das meiste, was damals als richtig galt, auch zum Zeitpunkt, als mein Sohn die Fragen beantwortete, noch korrekt war. 
Andererseits hat er mir, als er 8 Jahre alt war, anhand eines aktuellen Schulbuchs der 9. Klasse erklärt, dass meine Kenntnisse über chemische Bindungen aufgrund eines neuen Atommodells inzwischen überholt waren. 
Gerade in den Naturwissenschaften sind wissenschaftliche Ergebnisse nicht selten nach wenigen Jahren oder sogar schon nach Monaten überholt. Da glaubt mancher Fachwissenschaftler noch, etwas zu wissen, was inzwischen schon nicht mehr Forschungsstand ist, nur weil er die neusten Aufsätze eines Teilgebiets nicht gelesen hat.
Andererseits wird manchmal erst nach Jahrzehnten entdeckt, dass Wissenschaftler Versuchsreihen gefälscht haben, um ein Ergebnis zu bekommen, weil die Versuchsergebnisse selbst leider zu keiner neuen Erkenntnis geführt hatten.

Dienstag, 3. April 2012