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Sonntag, 6. Dezember 2020

Briefe in Fontanes "Unwiederbringlich"

 Im Vergleich zu Raabe schien mir Fontane relativ wenig Abstand zu seinen Personen zu haben, wo sich doch so viel in Konversation und Briefen abspielt. So war ich über die Formulierung "Alle Romane und Novellen sind aus einem auktorialen Gestus erzählt" der Wikipedia nicht angemessen, doch beim näheren Hinsehen nutzt Fontane gerade die Briefe, obwohl sie ja nur die Person sprechen lassen, wegen der Nachbemerkungen, auch wenn diese nur die Gedanken einer Person berichten, immer wieder dazu, die Position des Erzählers zu verdeutlichen. 

Für Unwiederbringlich habe ich das bereits in einem Post von 2011 für den ersten Teil des Romans herausgestellt, jetzt tritt es mir im zweiten Teil wieder entgegen.

Graf Holks Schwager Arne schreibt : "[...]  Ich habe Deine Briefe gelesen – es waren ihrer nicht allzuviel, und keinen einzigen traf der Vorwurf, zu lang gewesen zu sein –, aber die Hälfte dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg. Für Deine Frau, Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig Zeilen gehabt, immer nur Fragen, denen man abfühlte, daß sie nach Antwort nicht sonderlich begierig waren. Ich glaube, lieber Holk, daß es genügt, Dich auf all das einfach aufmerksam gemacht zu haben. Du bist zu gerecht, um Dich gegen das Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen, und bist zu gütigen und edlen Herzens, um, wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast, nicht auf der Stelle für Abhülfe zu sorgen. Die Stunde, wo solcher Brief auf Holkenäs eintrifft, wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein; laß mich hoffen, daß sie nahe liegt. Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener Schwager"

Die Nachbemerkung ist ganz aus der Sicht des Grafen geschrieben, und doch, wie deutlich klagt hier der Erzähler den Grafen an: 

"Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes, daß er darauf verzichtete, die beiden andern zu lesen. Petersen schrieb vielleicht ähnliches. Zudem war die Stunde da, wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte, vor der er ohnehin fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können." (23. Kapitel)



Dienstag, 8. September 2020

Briefe von Nonnen aus Kloster Lüne

Die Professorin Eva Schlotheuber hat im Kloster Lüne 1800 Briefe von Nonnen, gefunden, die von ihren internationalen Verbindungen zeugen und in denen ihr Kampf gegen die Auflösung des Klosters im Zuge der Reformation dokumentiert ist. 

Die Nonnen waren erfolgreich und konnten - obwohl sie das Bekenntnis gewechselt haben - ihre Gemeinschaft bewahren. Heute ist Kloster Lüne ein evangelisches Damenstift mit einer Äbtissin als Leiterin. 

Videos:

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/die_briefbuecher?nav_id=9254

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/die_rolle_der_frau?nav_id=9255


Beispieltext:

Nonnen im Kloster Lüne an einen weltlichen Gönner 10. Juli, vor 1508

http://diglib.hab.de/edoc/ed000248/start.htm

[Lage 05, fol. 14v]

Unse fliteghe ynnighe ghebed to Gode dem heren vor juw to allentyden! Erßamen vorsichtighen leven heren unde guden frunde, wy gheystliken kyndere be [Lage 05, fol. 15r] dancken juwer erßamheyt aller gunst unde woldath, by uns bewiset manichworve, dat God van hemmel dusentvolt wedder belonen mote, hir dorch syne gnade unde namals myd der ewighen glorien! Erßamen leven heren unde groten vrunde, so juwer erßamheyt wol bewust iß, dat wy langhe tyd hebbetabekummert wesen, dat wy noch eyn dormitorium mochten krighen, des wy ser bederff hebbenb.1 Also heft unse werdighe here, de provest,2 dar groten vlid anghelecht unde ist darna myd ghantzen truwen, dat he unse begheer darane moghe vorvullen und us soden late buwen, des syn werdicheyt [Lage 05, fol. 15v] den nenerleye wys kan vullenbringen ane hulpe juwer erßamheyt. Worumme iß unse othmodighe, fruntlike bede, dat gy to der ere Godes unde umme sundergher leve unde fruntschop willen, dar wy myd juwer erßamheyt ane vorbunden synt, uns willen teyndusent steyns to hulpe gheven, angheseyn, dat wy negest dem almechtigen Gode unde syner benedieden moder al unsen trost to juwer erßamheyt settet unde heft soden seker tovorsicht to juw, dat gy uns nenerleye wys kont effte moghet vorweygheren, wes wy van juwer erßamheyt byddet. Erßamen leven heren, wolde gy umme de leve Godes unse bede twiden unde uns hirmede to hulpe komen, so dat wy [Lage 05, fol. 16runse anghehaven buw moghen vormidddest juwer hulpe to enen guden ende bringhen, upp dat unse werdighe here, de Provest, nenen hoͤn effte spot dorve lyden van den luden, de den villichte wol wolden segghen, wan wy steyns gebreck hedden: Ecce hic homo cepit edificare et non potuit consummare.3 Soden spot konde wy nichtc wol d vordregen unde lyden, wes wy uns van juwer erßamheyt hir ane vorhopen moghen, bydde wy demodigen eyn richtich, fruntlick antwortd. Dat vordene wy alle tyd gherne wedder by Gode den heren, myd allen vlite juwer erßamheyt to byddende suntheyt unde salicheyt lyves unde der sele, welkere juw vorlenen mote de vader unde de son unde de hilge geist. Amen. Datum Lune am dage septem fratrum.


Freitag, 1. November 2019

unerwartet





"... kann nicht schreiben und bitte Dich, diesen Brief selber
voll auszuschreiben, er ist eine Art liebevoller Blanko-Scheck, den Du Dir in beliebiger Höhe selbst ausfüllen kannst ..."
(Der Dichter an seine Liebe)

Donnerstag, 9. April 2015

Walter Benjamin, Adorno, Habermas, Scholem - Briefwechsel von Habermas kommentiert

Briefwechsel Benjamin-Adorno, 1994 von Jürgen Habermas vorgestellt

Briefwechsel Gershom Scholem-Adorno, am 9.4.2015 in der ZEIT von Habermas vorgestellt

@Walter Benjamin #Walter Benjamin bei Twitter

@TW_Adorno #Adorno bei Twitter

@J_Habermas  #Habermas bei Twitter

#GershomScholem bei Twitter; Gershom Scholem ist bei Twitter präsenter, als ich vermutet hätte (z.B. http://antiguostestamentos.blogspot.com.ar/2014/11/descarga-gershom-scholem-los-origenes.htmlhttp://www.timesofisrael.com/visiting-gershom-scholem/)

Gershom Scholem bei Wikipedia

Walter Benjamin (Biographie ),  W. Benjamin in Wikipedia

Benjamins Passagen-Werk

Briefwechsel Gershom Scholem-Ernst Jünger

Meine Schnipsel sind oft Tweets, die ich später leichter wieder finden können will.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Ein Brief aus dem Revolutionsjahr 1848

Neujahr 1848

Liebe Eltern
Wir haben wieder einen Punkt in unserem Leben erreicht, wo man pflegt, einen Augenblick stille zu stehen, um einmal um sich herzublicken. Dieser Punkt: ist der Neujahrstag. Blicke ich nun auf meine durchlebten Tage, so finde ich, daß Sie, theure Eltern, mir alles waren. Sie sorgten für die Erhaltung meines Leibes, Sie sorgten für die Veredelung meines Geistes; Sie suchten mir Freuden zu bereiten, wo Sie nur konnten; und was habe ich Ihnen dafür wieder geben können? Nichts, auch gar nichts. Darum fordert dies Alles mich zum wärmsten Danke auf. Ich blicke daher mit Hoffnung in die Zukunft und will besonders am ersten Tage dieses neuen Jahres den lieben Gott, bitten, daß er Sie, liebe Eltern, noch recht oft dieses Fest erleben und daß er mich gut und fromm werden lasse, damit ich Ihnen auch einst Freude machen und beweisen kann, daß ich würdig bin zu heißen

                                                                                                  Ihre dankbare Tochter ...

Die Verfasserin war damals neun Jahre alt.