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Samstag, 20. April 2024

Eruv oder: Wie das Zusammenleben von orthodoxen Juden und Ungläubigen erleichtert wird

 Der Eruv ist in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft entwickelt worden, um es  orthodoxen Juden zu erleichtern, mit Ungläubigen zusammenzuleben. Er ist besonders in der Diaspora für orthodoxe Juden, die streng nach dem Gesetz leben, wichtig.

Das gedanklich Anspruchsvolle dabei ist, dass er gleichzeitig Grenze wie Abgrenzung ermöglicht, so wie eine Tür durch das Öffnen ermöglicht, einen geschlossenen Raum zu verlassen und gleichzeitig durch Schließen einen für andere verbotenen Raum herstellen kann.  Das kennt man im bürgerlichen Leben von der Trennung von privat und öffentlich.

Der Eruv ist freilich gedanklich weit anspruchsvoller, zum Beispiel, weil Brot, das Mischen und Zäune bzw. Drähte dazu dienen können, öffentliche Räume zu (dem Gesetz nach) privaten Räumen einer Gemeinschaft zu machen. 

Dazu passt die jüdische Anekdote vom Wunderrabbi, der eine Gruppe von Orthodoxen eine Weiterreise am Sabbath ermöglichte: "Wir saßen im Zug und konnten nicht aussteigen, doch der Sabbath fing an. Da half unser Rabbi mit einem Wunder: 'Rechts war Sabbath, links war Sabbath, aber im Zug war kein Sabbath.' "

Dieses Konzept könnte in einer zerstrittenen Welt Zusammenarbeit ermöglichen, wo (zeitweise) unüberbrückbare Gegensätze bestehen.

Mehr dazu in: Grenzen, 2015, hrsg. von Gisela Dachs (in der Reihe Jüdischer Almanach der Leo Baeck Institute)


Freitag, 28. Februar 2020

Israels Spiegel

https://www.zeit.de/2020/10/tel-aviv-israel-scheinkin-judentum/komplettansicht

"[...] Jair befürchtet eine Zunahme des Antisemitismus. Sobald seine Partei die Regierung stellt, sagt er mir, ist eines der ersten Dinge, die er tun wird, der Aufbau einer Infrastruktur mit hoch qualifiziertem Personal zur Bekämpfung des Antisemitismus.
Was für eine Geschichte eines Volkes: Hass gestern und Hass morgen.
Als ich mich von der Scheinkin, Israels Spiegel, verabschiede, betrachte ich ihr Volk, ein Volk, das es von der Asche Auschwitz’ zu Apartments für neun und für 29 Millionen gebracht hat. Was sehe ich? Ich sehe einen Stamm, einen sehr alten Stamm, der sich – wenn man nach der Geschichte gehen kann – bis ans Ende aller Zeiten vor denen wird schützen müssen, die ihn hassen, denen von innen und denen von außen. Es ist ein Stamm, der die historische biblische Sprache spricht, Hebräisch, ein Volk, das im Land der Bibel lebt, dem einzigen Land, das es für sie gibt, einem teuren Land. [...]"

Mittwoch, 21. August 2019

Schma Jisrael - Höre Israel!


"4 Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. 
5 Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. 
6 Und diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. 
7 Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. 
8 Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. 
9 Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben. "


"Das Schma Jisrael ist der älteste Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses. Der erste Satz proklamiert die Einheit und Einzigkeit Gottes. In den rezitierten Toraabschnitten werden mehrere für die Glaubenspraxis wichtige Gebote angesprochen:
  • das tägliche Rezitieren des Schma Jisrael selbst,
  • das Anlegen der Tefillin (Gebetsriemen),
  • die Zizijot (Schaufäden),
  • die Mesusot (Kapseln an den Türpfosten),
  • die Weitergabe der Gebote an die nächste Generation."
(Wikipedia: Schma Jisrael)

Samstag, 3. August 2019

Reaktionen auf ein Cover von "Spiegel Geschichte"

https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/es-befoerdert-antisemitische-vorurteile/

Das Cover befördert vermutlich antisemitische Vorurteile. Ich kenne es nicht.
Meiner Kenntnis nach hatten viele mittel- und westeuropäische Juden Vorurteile gegenüber polnischen Juden. Und die Fremdheit dieser Juden wurde von den Nazis (neben vielem anderen) benutzt, um sie für eine Abwertung aller Juden auszunutzen.

Dennoch: Es gibt mehr Unterschiede zwischen Juden und Nicht-Juden, als der Durchschnittsbürger ahnt.
Gerade weil ich nicht wenige Juden* kenne und immer fand, dass sie sich meist nur durch tieferes Nachdenken von anderen meiner Bekannten unterschieden, habe ich trotz einer ganzen Reihe von Büchern, die ich dazu kannte, trotz Vorträgen, Synagogenbesuchen, Exkursionen  in Paul Spiegel: "Was ist koscher? - Jüdischer Glaube - jüdisches Leben" sehr viel Neues darüber erfahren, wie sehr sich Juden von Nicht-Juden unterscheiden, auch wenn sie durchaus nicht orthodox sind.
Wenn Paul Spiegel,  immerhin von 2000 bis zu seinem Tod Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, mir nicht ein völlig falsches Bild vom Judentum vermittelt hat, dann kann ich auf die Frage Orem Osterers "Was genau ist, bitteschön, unbekannt an dem Jüdischen ›nebenan‹?" nur antworten: Es ist so überwältigend viel, dass ich nicht glaube, dass ich es ohne vielfältige weitere Exzerpte aus Spiegels Buch auch nur ansatzweise beantworten könnte, geschweige denn genau
Freilich: "Lautet doch der alte jüdische Spruch: "Zwei Juden, drei Meinungen!" " (P. Spiegel, S.200) und insofern werden auch Juden nicht "genau" angeben können, was Nicht-Juden über Jüdisches unbekannt ist. 

*Eine streng genommen sehr ungenaue Redeweise, denn von keiner/m  meiner Bekannten weiß ich, ob sie/er eine jüdische Mutter hatte oder nicht.


Mittwoch, 22. August 2018

Paul Spiegel: Was ist koscher?

Paul Spiegel: Was ist koscher?

Spiegel "erzählt von jüdischer Religion und Geschichte, erklärt Riten und Festtage, die Rolle der Familie und des jüdischen Humors. Natürlich geht er auch auf aktuelle Fragen ein, auf jüdisches Leben nach dem Holocaust und die Bedeutung des Staates Israel für Juden in aller Welt." (Paul SpiegelWas ist koscher?, Rezension)

Wenn man bedenkt, dass es für einen erwachsenen Juden 613 Mitzwot (Gebote und Verbote) gibt, nach denen er sich ein Leben lang richten soll*, kann man sich kaum vorstellen, dass das vielen gelingt, zumal man ja nicht freiwillig Jude wird, sondern diese Vorschriften aufgrund seiner Geburt zu befolgen hat. Freilich, wenn man sie kennt, ist es fast noch erstaunlicher, dass erwachsene Personen sich freiwillig all diesen diesen Vorschriften unterwerfen und dass sie sich jahrelang bemühen, Jude werden zu dürfen. 
Juden betreiben keine Mission, vielmehr erschweren sie es, sich ihrer Religionsgemeinschaft anzuschließen, gerade weil es nicht einfach ist, sich diesen Vorschriften und den Anfeindungen, die Juden erleben, zu stellen. 

Zu  diesen Aussagen ist freilich zweierlei hinzuzufügen: Die Juden sind insofern "Erfinder" des "Rassismus", als sie die Sonderstellung einer Gruppe allein auf ihrer Abstammung über Jahrtausende propagiert haben. (Spiegel, S.17-33; dagegen aber Spiegel S.143 "Denn anders, als uns der Antisemitismus seit über 150 Jahren einzureden versucht: Wir Juden sind keine Rasse, sondern ein Volk." - Hervorhebung von Fontanefan) Und es gibt eine Ausnahme von dem Verzicht auf Mission. Unter den Makkabäern wurden besiegte Völker sogar zur Konversion zum Judentum gezwungen. (Spiegel, S.92)
"Das Lernen der Regeln für den Tempeldienst (und damit die Erinnerung daran) war nun das Äquivalent für die eigentlichen Handlungen im Tempel. So verfuhr man in allen Lebensbereichen, die den Glauben tangierten und die nun, nach der Zerstörung, nicht mehr praktiziert werden konnten." (S.100)*
Maimonides, "einer der wichtigsten jüdischen Gelehrten aller Zeiten" lebte von 1135 bis 1204 in einer Phase intensiven Austauschs zwischen arabischen und jüdischen Gelehrten.
Seine "herausragende Leistung lag unter anderem darin, dass er als Kenner der Werke des Aristoteles, dessen Gedankengebäude mit jüdischer Philosophie zu verbinden wusste, ebenso wie er durch die Kenntnis der Texte des berühmten muslimischen Philosophen Averroes auch arabisches Gedankengut verarbeitete. [...] seine Werke sind nicht etwa auf Hebräisch, sondern auf Arabisch geschrieben! " (S.109)

Über den Bund des Volkes Israels mit Gott:
"Der Rabbi von Kozk, einer der großen, gewaltigen spirituellen Führer des osteuropäischen, chaassidischen Judentums, hatte einst ein furchtbares Gebet an Gott gerichtet. Es war eine Zeit der Not, als er es sprach: "Herr der Welt, erbarme Dich unser. Rette uns. Zeige dich endlich. Denn sonst ... sonst werden wir nicht mehr dein auserwähltes Volk sein ... wir werden den Bund mit dir aufkündigen!"
Eine schreckliche Drohung, die für Nichtjuden verrückt erscheinen mag. Denn was ist der Mensch schon im Angesicht Gottes? Wie kann er sich erdreisten, den Herrscher der Welt so herauszufordern? Er kann es, besser: Der Jude kann es, denn der Bund ist ein Vertrag, den beide Seiten, Gott und Abraham, in völliger Gleichheit miteinander geschlossen haben, als Gleichberechtigte." (S.164)

Im KZ Theresienstadt stand auf einer Wand "ein denkwürdiger Satz: wir haben deinen Namen nie vergessen, Herr, vergiss auch du uns jetzt nicht! 

Dies heute, rund sechzig Jahre nach dem Holocaust, auf der Wand [...] zu lesen ist erschütternd. Zugleich ist es aber auch ein weiteres Zeugnis dieser gleichberechtigten Wechselbeziehung zwischen Gott und dem jüdischen Volk, die ohne Vergleich in der Religionsgeschichte ist." (S.164)

"Eine Überlieferung besagt, dass der Messias – auf den wir Juden ja immer noch warten – erst dann kommen wird, wenn alle Juden zweimal hintereinander die Schabbatgebote einhalten, oder aber, wenn alle Juden zweimal hinter einander die Schabbatgebote nicht einhalten!
Beide Fälle beschreiben zwei völlig entgegengesetzte Möglichkeiten: Im ersten Fall geht die Überlieferung davon aus, dass alle Juden wirklich fromm geworden sind und die Gebote Gottes in all ihren komplexen Anforderungen erfüllen. Damit wäre das gesamte jüdische Volk wahrhaftig und wirklich gesetzestreu, es würde auf Gottes Wegen wandeln und hätte all die Niederungen der menschlichen Schwäche, der Niedertracht, des Bösen und des Gemeinen hinter sich gelassen. Dann käme, fast zwangsläufig, die Erlösung in Gestalt des Messias, der nach der Überlieferung nicht nur das jüdische Volk, sondern die gesamte Welt erlösen wird. Das ist dann die Zeit, wenn "Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet" werden.
Bei der zweiten Möglichkeit ist das genaue Gegenteil der Fall: Kein einziger Jude hält sich an die göttlichen Gebote. Das jüdische Volk ist also ein "abgefallenes" Volk, abtrünnig geworden von Gott, gottlos, es lebt auf allertiefstem Niveau, fern jeglicher Spiritualität, fern jeglicher Ethik, jeglicher Moral – dann muss der Messias ebenfalls kommen, denn dann steht es ganz schlimm um das auserwählte Volk. Es muss dringend gerettet werden, ebenso wie der Rest der Welt."

(S. 199/200)

Über das Leben von Juden in Deutschland:
"Und wenn man bedenkt, dass die Jewish Agency noch Ende der vierziger Jahre gedroht hat, alle Juden, die nicht innerhalb von sechs Wochen Deutschland verlassen, später nicht mehr als Juden an zu erkennen und ihnen somit eine spätere Einwanderung nach Israel zu verwehren, mag das heute, wo Zehntausende Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, wie aus einer anderen Zeit erscheinen." S.299/300)
"Nur wenn sich Deutschland weiterhin als freier, pluralistischer und liberaler Staat bewährt, werden die Juden sich eines Tages in Deutschland wieder "daheim" fühlen können." (S.303)
* "Nach jüdischem Recht dürfen in Lebensgefahr bis auf drei (Mord, Götzendienst, Unzucht) sämtliche Gebote der Tora gebrochen werden" (Wikipedia)
* Eine Schulung in Abstraktion, die durchaus positiv gesehen werden kann, auch wenn solche Verfahren (wie etwa das Studium der toten Sprache Latein) mit dem Begriff "Säbelzahntigercurriculum" verspottet worden sind."

Zur Fortsetzung (Geschichte des Islam)

Dienstag, 12. April 2016

Wolffsohn zu den abrahamitischen Religionen

"Gerade die Schriften und ihre buchstäbliche Auslegung seien das Problem, konterte der Publizist und Historiker Michael Wolffsohn. Eine kritische Interpretation der Quellen, wie das Christentum sie mit der Reformation oder das Judentum durch rabbinische Texte erfahren hätten, habe der Islam in diesem Maße noch nicht erfahren. Deshalb sei es ein Unterschied, ob im Alten Testament das Niederbrennen irgendeines seit 2400 Jahren untergegangenen mesopotamischen Königreichs oder im Koran der Kampf gegen die - durchaus noch existierenden - Juden gefordert werde." ("Hart aber fair" zum Islamismus, SPON 12.4.16)

Bemerkenswert ist in diesem Kontext die energische Kritik, die Luthers antijudaistische Texte im Vorfeld des Reformationsjubiläums erfahren. Texte einer Vorbildfigur werden immer wieder von neuem einem kritischen Blick ausgesetzt. Zunächst durch Spener, was dazu führte, dass Luthers Polemiken gegen die Juden lange Zeit in den üblichen Werkausgaben nicht mehr zu finden waren, damit seine Autorität nicht für antisemitische Hetze in Anspruch genommen werden könne. Dann im 20. Jahrhundert durch Theologen, die daran erinnerten, dass Luthers Texte dann doch zur Rechtfertigung der nationalsozialistischen Hetze herangezogen werden konnten und dass das durchaus am Charakter dieser Texte lag.

Samstag, 30. März 2013

Daniel Boyarin: Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum

Daniel Boyarin schreibt gegen eine "Aufspaltung des Judäo-Christentums".
Eine Rezension von "The Yewish Gospels" in der FR vom 30.3.13 Ist leider - noch? - nicht online greifbar.