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Dienstag, 19. November 2024

Wie hat der historische Materialismus die Art der Geschichtsschreibung der DDR beeinflusst?

Antworten auf gutefrage.net (von vor 9 Jahren)

1: "Aus ADLIGEN WURDEN JUNKER

aus ENTWICKLUNGEN HISTORISCHE ZWANGSLÄUFIGKEITEN; DIE EWIGEN GESETZEN FOLGTEN

aus einem SOWJETISCH BESETZTEN TEIL DEUTSCHLANDS DER ARBEITER- UND BAUERNSTAAT

Die Großschreibung ergab sich zunächst zufällig. Ich habe sie beibehalten, um anzudeuten, dass es zwar noch unterschiedliche Forschungsergebnisse geben konnte, dass sie aber alle nach demselben Schema interpretiert und dargestellt werden mussten. 

Max Frisch berichtet, dass ihn Brecht, als Frisch von einer Polenreise zurückkam, begierig ausfragte. Sobald Helene Weigel dazu kam, wurde alles nach dem HistoMat interpretiert, so dass Frisch seinen Besuch zusammenfasste: Belehrt darüber, was ich in Polen erlebt hatte, fuhr ich nach Hause. - Das heißt: unabhängig von den Ergebnissen der Forschung wusste man schon, was und wie man es darzustellen hatte."

 2: "Maßgeblich, denn so wurde die Determiniertheit geschichtlicher Prozesse hervorgerufen durch ökonomische Zustände und technischer Entwicklung dadurch, herausgearbeitet. Auch die Entstehung von Klassen, wiederum der Ökonomie geschuldet und deren Einflussnahme auf den Geschichtsverlauf, inklusive deren Kämpfe bestimmten die Geschichtsschreibung der DDR."

Dienstag, 14. Mai 2024

Westpropaganda gegen die DDR

 Die Insulaner (Kabarett) von Günter Neumann gegründet, 1948-64: Mitwirkende u.a. Edith SchollwerEwald WenckTatjana Sais

Der Insulaner verliert die Ruhe nicht

[...]

Der Insulaner hofft unbeirrt, 

dass eine Insel wieder 'n schönes Festland wird.

Ach wär das schön!

Abkürzungen in einen Text umgewandelt (in einer Zeitschrift, verbreitet von der Bundeszentrale für Heimatdienst (?))

DDR GPU FDGB Korea

Die drei Roten, Grotewohl, Pieck und Ulbricht für den Galgen behalten. Komme Ostern retour. Euer Adolf

So etwas frisst sich fest, wenn es in der Kindheit gelernt ist.


Samstag, 3. Februar 2024

Malweib Brigitte Fugmann

 Brigitte Fugmann Malweib

In der DDR war die Malerin Brigitte Fugmann ein Star, heute will ihre Tochter das vergessene Werk der Mutter wieder in Erinnerung rufen. Über eine Frau, deren Leben nach der Wende tragisch endete. von Eva Sudholt

Sonntag, 29. Oktober 2023

Schnipsel aus der DDR-Geschichte

 Steffen Mau: Lütten Klein Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp 2019

1. Leben in der DDR

Die Erinnerung an die DDR-Gesellschaft trügt rallerdings nicht vollends, auch wenn sie nur einen Teil der Verhältnisse spiegeln mag. In der DDR spielte die normative Selbstbindung an gesellschaftliche Gleichheitsziele eine große Rolle, der erreichte Grad an sozialer Egalität galt sogar als Fortschrittsmaß der sozialistischen Gesellschaft. Die DDR hat zwar nicht die klassenlose Gesellschaft eingeführt, sich aber doch daran gemacht, gravierende materielle Ungleichheiten zu beseitigen. Die Enteignungswellen in der sowjetischen Besatzungszone und in den ersten Jahren der DDR, die Verstaatlichung großer Bereiche/sowie die begrenzten Möglichkeiten der Vermögensbildung wirkten der Entstehung von Besitzklassen im Sinne des Soziologen Max Weber entgegen. Das Eigentum an Immobilien, Luxusgütern oder Produktionsmitteln war kein hervorstechendes gesellschaftliches Differenzierungskriterium, dass eine Statusordnung begründet hätte. Als privilegiert galten diejenigen, denen ein Häuschen an der Ostsee gehörte oder zugeschanzt wurde. Wer sich jedoch von anderen absetzen wollte, wurde schnell mit Konsumengpässen konfrontiert, dem uniformen Angebot und der  begrenzten Produktpalette. In wichtigen Bereichen, etwa im Wohnungswesen, beim Zugang zur Urlaubsplätzen oder bei der Bildung, spielte Geld nur eine untergeordnete Rolle und wurde von anderen, eher politischen Distributionsmodi überlagert. Was in der Erinnerung als Gesellschaft der Gleichen erscheint, war eine nach unten hin nivellierte Gesellschaft." (S. 43/44)

2. Transformationen, S.113 ff.

Zusammenbruch und Übergang, S.113 ff.

Dieses – für jeden Soziologen spannende – Kippen von Einschüchterung und Anpassung zu offenen Widerspruch erlebte ich als NVA-Soldat im Grundwehrdienst in der Werder Kaserne in Schwerin hautnah mit. ...















Fotos: S.S.118/119

"[...]Was die eigentlich risikoaversen DDR-Bürger trieb, war dabei weniger die Lust am Untergang als vielmehr die Hoffnung auf Veränderung. Das Umschlagen subjektiver Ohnmacht in kollektive Handlungsmacht hatte etwas Berauschendes – so habe ich es damals empfunden und so muss es vielen, vor allen den Jüngeren gegangen sein, selbst wenn sie nicht zur Opposition zählten. War bislang alles starr und vorherbestimmt, hatten die versteinerten Verhältnisse, mit Marx gesprochen nun plötzlich zu tanzen begonnen." (Steffen Mau: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp 2019, S.121)

2. Blaupause West, S.133 ff.

Der Organisierungsgrad der Parteien war weit geringer als im Westen. "Einzig die Linkspartei war mit einem festen Wählerstamm im Osten von Anbeginn verankert, wobei die Mitglieder Basis durch das Wegsterben der Älteren immer schmaler wird. Die AfD beginnt seit einiger Zeit, mehr und mehr Mitglieder einzusammeln – Ende 2018 waren es in Mecklenburg-Vorpommern schon über 750, die angegebene Zielmarke ist 1000. Schaut man auf die Ergebnisse der letzten Europawahl im Mai 2019, scheint die AfD auf dem Weg zur ostdeutschen Regionalpartei, die die traditionellen Volksparteien zum Teil überholt." (S.145) [Die Landtagswahlen in Bayern und Hessen 2023 zeigten freilich auch im Westen in dieselbe Richtung.]

"Die Wiedervereinigung steht, so gesehen, für eine Unternutzung des demokratischen Potenzials der friedlichen Protestbewegung und für eine Übernutzung des nutz nationalen Potenzials politische Mobilisierung. Den Lohn ehemaligen DDR Bürgern wurde zu verstehen gegeben, dass ich ihre Stellung und ihr Status vor allem vom Deutsch – sein ableitet und nicht auf ein Republikanisches Verständnis der Mitglieder schafft zurückgeht. Angesichts des Verlustes der Heimat DDR und der gleichzeitigen kulturell – politischen Entwertung dieser Identitätsressourcen nimmt es nicht Wunder, dass ich viele ostdeutsche bereitwillig auf dieses neue Identitätsangebot einlesen. Die DDR war keinesfalls frei von nationalen Anwandlungen, im Prozess der Vereinigung wurden diese Leidenschaften aber weiter versiert und identitätspolitisch aufgeladen (S. 149)

3. Vermarktlichung S.150 ff.
Allein von 1989 auf 1990 brach die Industrieproduktion der DDR um über vierzig Prozent ein, weil im Osten die Märkte wegfielen und/man gegenüber dem Westen nicht konkurrenzfähig war: die ersten Entlassungswellen trafen die Menschen aus heiterem Himmel. [...] Von den im Jahr 1989 Erwerbstätigen arbeiteten vier Jahre später gut zwei Drittel nicht mehr im ursprünglichen Beruf, bei Personen auf den höheren Leitungspositionen waren es neunzig Prozent. Arbeitslosigkeit wurde binnen kürzester Zeit zum ostdeutschen Kollektivschicksal, wobei die Folgen weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinausgingen. In praktisch jeder Familie musste(n) ein oder gar mehrere Mitglieder zu Hause bleiben, die urplötzlich nichts mehr mit sich anzufangen wussten und darauf warteten, dass die Gesellschaft ihnen ein Angebot machen würde. [...] Die im Westen nicht unumstrittene Eingliederung der ehemaligen DDR-Bürger in die bundesdeutschen Sozialsysteme war das Palliativ, um den Schmerz des Absturzes einigermaßen zu lindern." (S. 151)
"In den Folgejahren kam es in ganz Ostdeutschland im Zeitraffer zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit bis auf Höchstwerte von über 20 Prozent. Vierzig aller Beschäftigten waren bis 1996 mindestens einmal arbeitslos. Die Frauen waren davon noch deutlich stärker betroffen als die Männer, was auch damit zu tun hatte, dass sie häufig in Sektoren arbeiteten, in denen der Strukturwandel besonders stark zuschlug: [...] Begleitet wurde die krankmachende Gesundschrumpfung durch eine ganze Reihe arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, die für Ostbiografien als typisch gelten können: Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen und Kurzarbeit machten aus ehemaligen Werktätigen Kostgänger des Sozialstaates, die nun am Tropf öffentlicher Zuwendungen hingen. Nicht umsonst hat man die ostdeutschen als 'Pioniere der Prekarität' bezeichnet." (S.153)

"Die vielbeschworene Individualisierung ging in Ostdeutschland mit sozialer Separierung ein her. Freundeskreise zerrissen, Familienbande lockerten sich, Bildungskarrieren entwickelten sich auseinander, die Nähe des Wohnens wurde aufgehoben. Konkret stellten sich Fragen wie: Wer in meinem Freundeskreis kann sich den Restaurantbesuch oder eine gemeinsame Urlaubsreise leisten? Die formierte und auf einheitlich getrimmte Gesellschaft wurde fragmentierter, was auch bedeutete, dass die Individuen aufgefordert waren, sich in einer unübersichtlicher werdenden Statuslandschaft zu neu zu verordnen. [...] 
Wer gehofft hatte, nach dem Ende der DDR-typischen politisierten Verteilung von Positionen und Ressourcen würden nunmehr meritokratische Prinzipien einziehen, wurde enttäuscht. Statt Qualifikation und Leistungsbereitschaft waren es kontingente Umstände, die die Post-Wende-Biografien dirigierten: der richtige Ort, die richtige Zeit oder die richtigen Kontakte. Meine Mutter konnte sich in den Räumlichkeiten ihrer alten Poliklinik als Kassenärztin niederlassen. Dafür musste sie zwar mit über fünfzig Unternehmerin werden und Kredite schultern, / aber die Arbeit blieb ihr erhalten. So half den einen das Quäntchen Glück, andere gerieten in die Teufelsmühle von Jobverlust, Arbeitsbeschaffungs-maßnahmen und Umschulung." (S.159/160)

Gemeinsamkeiten von DDR und BRD

Viele sind sich der Ähnlichkeiten während der 40 Jahre Trennung nicht bewusst“ FR 30.9.23

Interview mit Gunilla Budde ["So fern, so nah. Die beiden deutschen Gesellschaften (1949-1989) 2022]

"Die Liebe zu Jeans und zum Kleingarten: Die DDR und die BRD hatten viel gemeinsam. Historikerin Gunilla Budde über eine geteilte deutsche Geschichte, von der wir auch jetzt noch lernen können. [...]

Die Gärten in der DDR wurden noch weit stärker als in der Bundesrepublik zur Selbstversorgung genutzt – und manchmal auch für mehr. In meinem Buch berichtet ein Zeitzeuge, dass er an einem Lebensmittelgeschäft ein Schild entdeckte, auf dem überraschenderweise nicht der Ver- sondern der Ankauf von Obst und Gemüse von Schrebergärten aus der Umgebung beworben wurde. Verlegen erklärte der Händler, dass er in seinem Laden ausschließlich Obst und Gemüse aus den umliegenden Kleingärten verkaufen würde. [...]

Über die gesamten 40 Jahre der Trennung wurden Pakete von West- nach Ostdeutschland geschickt. Was genau packten die Familienmitglieder ihren Verwandten hinein?

Zunächst gab es staatliche Vorgaben, was hinein durfte und was nicht. Das SED-Regime hatte die Sendungen genau im Auge, rechnete aber auch zunehmend mit ihnen. Die beliebtesten Produkte waren Bohnenkaffee, Seife, Perlonstrümpfe und Apfelsinen. Weil die Pakete oft länger unterwegs waren, faulten manchmal die Orangen schon etwas. Man kann sich vorstellen, dass sich dadurch ein ganz eigenartiger Duft entwickeln konnte: Eine Mischung aus Kaffee, überreifen Südfrüchten und Seife verbanden die ostdeutschen Familien mit den Paketen, gleichsam den Duft der großen, weiten Welt. Entsprechend fieberte man allmonatlich dem Westpaket entgegen.

[...] bei aller Freude, die sie auslösten, wurde die Geschichte der Westpakete nach und nach auch zu einer Geschichte der Missverständnisse. Allabendlich vorm Fernseher sah die Ostverwandtschaft im Werbefernsehen, was es im Westen alles an Markenprodukten zu kaufen gab. Das steigerte die Erwartungen, aber auch die Forderungen. Wenn dann der Aldi-Kaffee im Paket ankam, der im Westen selbst getrunken wurde – und nicht die ersehnte „Krönung“ – kam es zu Spannungen. Die Westverwandtschaft wiederum schickte teilweise auch noch in den 1970er Jahren Mehl, Butter und Rosinen, die in der DDR schon lange keine Mangelware mehr waren.

Als Dank für die West-Pakete kamen aber auch Päckchen aus dem Osten.

Eben dafür wurden diese Zutaten geschickt. Denn ein Klassiker zu Weihnachten war der Dresdner Stollen. Aber auch Langspielplatten des Thomaner-Chors und die handgeschnitzten Erzgebirgsengel waren beliebte Gegengaben, mit denen man sich im Osten revanchieren wollte, um nicht als bloßer Almosenempfänger dazustehen. Doch die spannungsreiche Schieflage blieb, denn Westpakete wurden bis zum Ende der DDR verschickt. [...]"

Steffen Mau:

Im großen und ganzen besteht Einigkeit über die Haupteinschätzungen. [Das Problem ist nur, dass die Leute nicht das tun wollen, was für die gewünschten Ziele erforderlich wäre.]

"Ich befürchte, dass gerade Wasser in das Fundament des Hauses der Demokratie eintropft. Und es ist wahnsinnig aufwendig, das durchnässte Fundament wieder trockenzulegen. Deswegen ist es so gefährlich, wenn Akteure aus der Mitte affektgeladene Diskurspolitik betreiben. Das habe ich der Regierung auch gesagt."

In der Sprache der Versicherungen nennt man so etwas Allmählichkeitsschaden. Der wird lange nicht entdeckt, bis er ungemein groß geworden ist.

Die gegenwärtigen Konflikte bezögen sich aber nicht auf das Hauptproblem, sondern auf sogenannte Trigger. Also so etwas wie Gendern oder Verbote kleinerer Art. Man regt sich wahnsinnig darüber auf, obwohl man in den Hauptfragen an sich übereinstimmt. 


Dienstag, 29. Dezember 2020

Wie die deutsche Teilung beschrieben wurde

 https://segu-geschichte.de/deutsche-teilung-quellen/

Grotewohl und Adenauer Oktober 1949

Wie sehr sich die Aussagen gleichen und wie sehr sie der Aussage des jeweils anderen widersprechen.

Welche Vereinigung war 1946 vorausgegangen?

Inwiefern war 1948 ein entscheidender Schritt zur Auseinanderentwicklung (--> Teilung) getan worden?

Samstag, 3. Oktober 2020

Mauerfall und deutsche Einigung aus der Sicht von 1990 bis 2023

 https://twitter.com/MelsGedanken/status/1312305393134116864

Meine Schüler (in Westdeutschland) fanden, die Einigung brauchte nicht zu sein.

Ich habe ihnen erzählt, dass sie - neben der Hoffnung auf privates Glück - für mich der große Wunschtraum war. 

Aus meinem politischen Tagebuch von 1990

Ein Kindheitstraum ist uns in Erfüllung gegangen. Wie das aber Träume so an sich haben: die Erfüllung ist weniger schön, als die Vorstellung sie sich ausmalte. Zu viele Sorgen sind damit verbunden, zuviel Verärgerung über manches, was hätte anders laufen sollen, zu unrealistisch waren die kindlichen Hoffnungen: wir sind alle zusammen, die politischen Zwänge gibt es nicht mehr, natürlich sind alle Personen, die einem in der Kindheit wichtig waren, dabei, um es mitzuerleben.
Schließlich hat man inzwischen auch schon lange gewußt, daß der Tag kommen würde und daß er an den Problemen vorerst nur wenig ändern würde. So waren wir Eltern gestern auch wenig gestimmt, zu feiern.
Und doch, es ist ein großer Tag, es ist ein wichtiger Vorgang, und über alles Erwarten glückliche Entwicklungen finden ihren Abschluß.
   So waren wir auch dankbar, daß unsere Kinder uns dann doch noch zum Feiern brachten: Ma, indem er darauf bestand, bis um 24.00 Uhr, zur Einigungsminute, aufzubleiben, Mo, indem sie in melancholischer Resignation bedauerte, nicht bis in die Einheit hineinfeiern zu dürfen. So haben wir dann doch unsere Mädchen geweckt und zu fünft Wunderkerzen in die Nacht gehalten.
Beziehungsreich war für uns der Tag, da an ihm die letzten Sachen vom Lager zurückkamen, die wir vor elf Jahren dorthin gegeben hatten. Auch eine Wiedervereinigung mit Vertrautem, wovon wir lange getrennt waren: das alte Wilhelm-Busch-Album, das Reineke-Fuchs-Buch, meine Schülerzeichnungen, ...  Ma meinte, als die Spiele auftauchten, das sei wie oder gar noch schöner als Weihnachten, weil manches auftauchte, was man sich gar nicht gewünscht, womit man gar nicht gerechnet hatte. (Da war es dann auch nicht so schlimm, daß manche gute Bücher durch Feuchtigkeit verdorben sind. Was hilft schon Reklamieren.) Am unerwartetsten, aber höchst passend tauchte die Titelseite der satirischen Zeitung "Pardon" auf, auf der es - in Kritik am Gerede von der "sogenannten DDR" - hieß: "Endlich bewiesen: Es gibt keine DDR. Kein Päckchen nach drüben." - Als ich diese Titelseite aufhob, war mein Kindheitstraum gewiß schon ausgeträumt. Ich glaubte nicht mehr daran, daß ich noch erleben würde, daß er wahr wird.
Jetzt ist es so weit.
Päckchen nach drüben? Tatsächlich, es hat sich alles verändert. Es lohnt sich nicht mehr, Apfelsinen zu schicken, Schokolade oder Kaffee. Jetzt können es plötzlich Bücher sein oder man selbst.
Und zum Glück haben wir damit ja auch schon ein wenig angefangen.

Mo spricht:
Ich will unbedingt den Fernsehfilm über die Teilung sehen. -
Es gibt ja keine DDR mehr, aber die Taschenlampe kommt trotzdem aus der DDR. Da will ich sie gut aufheben als Andenken.
(Ähnlich habe ich gedacht von den vielen Büchern, die jetzt eingestampft worden sind. Die Kunstbände waren gewiß wertvoll, und manches wäre auch ein schönes Andenken, z.B. Schulbücher.)

Soeben erreicht uns ein Anruf von G aus unserer Hauptstadt. Wir aus der Provinz kommen nicht zu ihm durch.  ( 3.10.90)

Ich hoffe stark auf weitere Demokratisierung in der DDR. […] Ich hoffe sehr auf dauernde Normalisierung des Verhältnisses. Eine Wiedervereinigung wäre mir dann völlig unwichtig. Gegenwärtig fürchte ich sie, falls sie Gorbatschows Position in der SU gefährden könnte.(7.1.1990)

Bei einem Blick auf eine Aufstellung der Ereignisse des Jahres 1989 habe ich gesehen: es ist ein Jahr des Aufbruchs gewesen nicht nur in der DDR und Osteuropa. Waffenstillstand in Angola, Demokratie in Chile, Frederik de Clerk Präsident Südafrikas, demokratisch gewählter Präsident in Brasilien mit vielen Reformen, Sturz des Diktators von Paraguay, verfassungsgebende Versammlung in Namibia, Abzug der Sowjets aus Afghanistan, der Vietnamesen aus Kambodscha. Freilich: in China Niederschlagung der Studentenproteste. (Beginn 1990)

https://fontyfan.blogspot.com/search/label/Deutsche%20Einigung

Aktuelle Äußerungen anonym:

"Ich war 4 und fand das total beeindruckend, wie die ganzen Menschen sich vor Freude weinend in die Arme fielen und über Mauer und Grenzen liefen. Und wie gebannt meine Eltern auf den Fernseher starrten. [...]

Ich hing die nächsten Tage an der Glotze und erlebte, wie eine Italienerin es beschrieb, das erste mal feiernde Deutsche, die nüchtern sind."

Montag, 17. August 2020

Volkskorrespondenten

"Der ideologischen Infiltration der Redaktionen diente die nach sowjetischem Vorbild aufgebaute Volkskorrespondenten-Bewegung, die 1948 von den SED-Landesleitungen initiiert wurde und 1963 etwa 17 000 Personen umfasste. Sie berichteten als eine Art Vertrauenspersonen aus ihren Betrieben und Wohnvierteln." ( Kurt Koszyk in: J. Wilke (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1999, S.48)

Samstag, 9. November 2019

Geschichte zweier deutscher Staaten und ihre Fortsetzung

https://www.zum.de/fontane44/geschichte_deutschlands_ab_1945_1.htm (Zeittafel mit Links)
https://unterrichten.zum.de/wiki/Deutschland_1945-1989
https://unterrichten.zum.de/wiki/DDR

Detlef PollackPolitischer Protest (Politisch alternative Gruppen in der DDR, 2000)

https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2019/05/berliner-mauer-mauerbau-mauerfall-pressekonferenz/komplettansicht

https://www.zeit.de/2019/46/ostdeutschland-wiedervereinigung-westdeutsche-lafontaine-ditfurth-theo-sommer/komplettansicht

https://www.zeit.de/2019/46/ostdeutschland-junge-menschen-herkunft-wiedervereinigung-jubilaeum

Baseballschlägerjahre
https://www.zeit.de/2019/46/neonazis-jugend-nachwendejahre-ostdeutschland-mauerfall

https://www.zeit.de/suche/index?q=Erkl%C3%A4r+mir+den+Osten&type=article&type=gallery&type=video

Literatur über die Zeit vor und nach der Einigung:
Ingo Schulze: „Simple Storys“, 1998;  „Neue Leben“,2005  „Adam und Evelyn“, 2008,  „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“, 2017
Uwe Tellkamp: „Der Turm“, 2008
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, 2011 
Lutz Seiler: „Kruso“, 2014
Thomas Brussig: „Helden wie wir“, 1995

Einzelschicksale:
Eine Familie, deren Mitglieder zum Teil sowohl in der DDR und wie in der BRD aus politischen Gründen im Gefängnis saßen.
"Bei Dirk Kampling, geboren am 9. November, weckte die Maueröffnung Ängste statt Freude. Denn sein Vater, seine Mutter, sein Bruder und er selbst waren politisch inhaftiert - in der BRD und in der DDR." (SPON 9.11.19)
https://www.spiegel.de/geschichte/mauerfall-ein-familiendrama-zwischen-ddr-und-brd-a-1294935.html

Flucht: ballonflucht.de

Mittwoch, 2. Oktober 2019

DDR-Geschichte: Auf dem Mifa-Rad zum Ostseestrand

DDR-Geschichte: Auf dem Mifa-Rad zum Ostseestrand von Susan Kreller ZEIT 2.10.19

"[...] Ich komme aus Plauen, einer mittelgroßen Stadt im sächsischen Vogtland, mein Kindergarten hieß "Sozialismus siegt". Manche sagen, in Plauen habe die Wende begonnen. Fünfzehntausend Menschen sind damals, am 7. Oktober 1989, auf die Straße gegangen, es war die erste richtige Großdemonstration gegen das DDR-Regime. Kann sein, dass ich danach nie wieder so viel Mut auf einmal gesehen habe.
Aber wie könnte ich in einem Buch von solchen Dingen erzählen, noch dazu für ein junges Lesepublikum? Und überhaupt: Wie lässt sich die DDR in Sprache übersetzen?
Wie erzählt man von einem Land, das es nicht mehr gibt und das in so vielen Menschen trotzdem weiterhämmert, weiteratmet, weiterweint? Wie schreibt man das Schweigen in die Geschichten und wie die Würde? Wie fügt man all dem Farblosen, Dunklen und Trennenden, das so oft mit der DDR verbunden wird, etwas Buntes, Helles, Verbindendes hinzu? Wie schickt man die Klischees aus den Geschichten und lässt den Schmerz darin? Wie erzählt man von Einschränkung, perfider Überwachung und Diktatur, aber ebenso von Freundschaft, Gemeinschaft und Wärme? Wie zeigt man die Unterschiede zwischen DDR und Bundesrepublik auf, aber auch die vielen Gemeinsamkeiten? [...]"

Dienstag, 10. September 2019

Bärbel Bohley


Jana Hensel hat einen Thread über Bärbel Bohley geschrieben, der nicht untergehen sollte, deshalb folgt er hier als Blogartikel:
Was kaum jemand weiss ist, dass Bohley das Jahr 1988 in der BRD und England verbracht hat, verbringen musste. Sie wurde als Bürgerrechtlerin mit anderen zur Ausreise gedrängt, war aber die einzige, die unbedingt zurück wollte. Mithilfe von Petra Kelly gelang ihr das nur unter grossen Mühen. Ohne diese Inkubationszeit im westeuropäischen Exil aber ist ihr Entschluss, das Neue Forum zu gründen, nicht zu verstehen. Sie hat in diesen Monaten dem Westen auf die Knochen geschaut, seine Widersprüche gespürt, den Kapitalismus gesehen und auch die Einsamkeit jener, die die DDR vor ihr verlassen haben. „Das innere Leben ist auch bei uns möglich“, schreibt sie in ihr Tagebuch. Und: „Die Freiheit, die wir bei uns haben, würden wir hier nicht finden.“ Nachdem sie zurückkehren darf, gründet sie das Neue Forum, diese Protestbewegung, die sich bewusst nicht im Schutzraum der Kirche versammelt hat, sondern die die Milieugrenzen zwischen Oppositionellen und einfachen Bürgern bewusst aufbrechen wollte. Binnen Wochen schlossen sich ihr Zehntausende an. So ist Bärbel Bohley zur entscheidenden Figur des Herbstes 1989 geworden. Sie konnte es werden, weil sie vorher den Westen gesehen hatte. So eng ist die deutsch-deutsche Geschichte miteinander verknüpft. Lange bevor Helmut Kohl die Bühne betrat.


DDR-Bürgerrechtsbewegungen 1989

Mittwoch, 15. Mai 2019

Doppelnamen und Doppeldeutschland

"Männernamen sind immer toll. Und Frauennamen sind immer scheiße. Und Doppelnamen sind doppelt scheiße?"
Sie haben sicher davon gelesen: Mit dieser Frage hatte sich Gabriele Möller-Hasenbeck in der vergangenen Woche im Kölner Gürzenich überraschend auf die Bühne begeben, um den dort auftretenden Comedian Bernd Stelter auf ihren Unmut über seine Scherze hinzuweisen. Stelter hatte sich zuvor im Zusammenhang mit der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer über Doppelnamen lustig gemacht.
Es ist keineswegs übertrieben, wenn ich sage, dass dieser in der Weltpolitik vergleichsweise harmlos erscheinende Vorfall und all seine bisherigen Begleiterscheinungen großes Interesse bei mir hervorgerufen haben. Das "Steltergate", wie es in den sozialen Netzwerken schnell genannt werden sollte, fördert nämlich Probleme verschiedenster gesellschaftlicher Ebenen zutage und nicht zuletzt auch einen bedauerlichen, noch immer bestehenden Graben zwischen Ost und West.[...]
Worin besteht nun der Unterschied zur ostdeutschen Frau?
Es ist im Osten ja nicht so, dass wir keine Frauen mit Doppelnamen gekannt haben. Schon der Name Irma Gabel-Thälmanns, die bereits jedem Jungpionier bekannte Tochter des kommunistischen, in der DDR-Erinnerungskultur gehypten Widerstandskämpfers Ernst Thälmann, spricht für sich. Und mit der populären Langläuferin und Biathletin Simone Greiner-Petter-Memm schoss die zielsichere DDR-Sportlerin mit einem Dreifach-Namen einmal über selbiges hinaus.
Ja. Doppel- und sogar Mehrfachnamen gab es in der DDR, aber besonders häufig waren sie nicht. Vielleicht weil sich die Emanzipation der ostdeutschen Frauen bis heute eher wenig über Sprache definiert. In diesem Zusammenhang wage ich zu behaupten, dass die Generationen der bis etwa 1980 geborenen ostdeutschen Frauen mit Gender-Sternchen und Innen-Endungen eher wenig am Hut hat. Meiner Mutter zum Beispiel war es völlig gleich, ob sie Zahnarzt oder Zahnärztin genannt wurde. Sie hatte Zahnmedizin studiert und diesen Beruf ausgeübt. Fertig. Einem Mann gegenüber habe sie sich noch nie unterlegen gefühlt, sagt sie. Und dieses Gefühl teile ich mit ihr uneingeschränkt. Es sind aber Wahrnehmungen. Es ist unsere Wirklichkeit. Es liegt mir fern, diese als einzig geltende darzustellen." (Doppeldeutschland. Was die Diskussion über Witze auf Kosten von Frauen mit Doppelnamen über Ost und West verrät von Ulrike Gastmann, ZEIT 6.3.19)

Mittwoch, 24. April 2019

Ein Ost-West-Dialog in Briefen

Ein Ost-West-Dialog über nunmehr 23 Jahre
Er ist von konträren Sichtweisen auf die beiden deutschen Staaten sowie der äußerst unterschiedlichen Beurteilung der gesellschaftlichen Entwicklung seit 1989/1990 geprägt.

Sonntag, 24. Februar 2019

Hab den Mond mit der Hand berührt... - ein Blick in Annettes Philosophenstübchen

"1970 veranstaltete die Jugendzeitung "Junge Welt" in der DDR ein Preisausschreiben, in dem man beschreiben sollte, wie man sich seinen Tagesablauf am 6.1.2000 vorstellt. 500 Preisträger wurden schließlich zu einer Party am 8.1.2000 eingeladen. Da es die "Junge Welt" tatsächlich noch gibt, hält sie natürlich ihr Wort und die Party wird stattfinden. In diesem Zusammenhang wurden die 500 Briefe aus dem Archiv geholt. 4 Autor(inn)en wurden schließlich in dem Film vorgestellt. Sicher hatten bei den ausgezeichneten Arbeiten eh nur die eine Chance, die sich positiv auf eine sozialistische Zukunft bezogen. Aber wenn man jetzt so massiv mit den damaligen Erwartungen und Hoffnungen konfrontiert wird, ist das doch einigermaßen berührend. Im Film wurde als Musik der Titel "Hab den Mond mit der Hand berührt..." eingespielt. Ja, so war es tatsächlich. Wir haben damals selbstverständlich vom erfüllten Fortschritt geträumt, die Welt des Jahres 2000 war endlich überall sozialistisch und befreit. [...]" (Annettes Tagebuch Teil 7, am Beginn des neuen Jahrtausends)

Dienstag, 10. Juli 2018

Versicherungen in der DDR

"Ab 1945 war die Fortsetzung der Arbeit für die in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands tätigen Versicherungsunternehmen durch den Befehl Nr. 01 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) verboten. An ihre Stelle traten staatliche Versicherungsanstalten. Die privaten Versicherungsgesellschaften verlegten demzufolge ihre Hauptsitze in die westlichen Besatzungszonen, wo sie ihre Arbeit fortsetzen konnten. [...]  Im Jahre 1969 fusionierten die DVA und die Vereinigte Großberliner Versicherungsanstalt, die als staatlicher Versicherer für Ost-Berlin fungierte, zur „Staatlichen Versicherung der DDR“ (SV).
Mit der politischen Wende kam es zur Auflösung der SV, indem 1990 die „Staatliche Versicherung der DDR in Abwicklung“ gegründet wurde. Die neu gebildeten „Deutschen Versicherungs-AG“ und der „Deutschen Lebensversicherungs-AG“ gingen 1998 in der Allianz-Versicherungs AG in München auf."
(Seite „Staatliche Versicherung der DDR“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. Oktober 2017, 21:21 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Staatliche_Versicherung_der_DDR&oldid=170199384 (Abgerufen: 10. Juli 2018, 06:27 UTC))


Sonntag, 18. Februar 2018

Wolfgang Leonhard: Meine Geschichte der DDR

Besprechungen bei Perlentaucher: https://www.perlentaucher.de/buch/wolfgang-leonhard/meine-geschichte-der-d-dr.html

Perlentaucher über die Besprechung in der FAZ:
 "Höchst subjektiv" seien Leonhards Wertungen, räumt er ein, "aber allemal anregend". Besonders spannend findet Fricke, dass Leonhard in diesem Buch nun nachtragen kann, was in seinem Bestseller von 1955 noch nicht möglich war: Einzelheiten zu seiner Flucht, bei der ihm jugoslawische Diplomaten geholfen hatten. "Aufschlussreich" findet der Rezensent zudem, was Leonhard über die Wiederbegegnung mit früheren Weggefährten wie Mischa Wolf nach der Maueröffnung erzählt. Voll und ganz eingenommen hat Fricke schließlich, wie ehrlich er über Erfolge, Enttäuschungen, Traumata und Ängste berichtet.
Diesem Urteil kann ich mich durchaus anschließen.  Besonders interessant sind für mich seine persönliche Sicht auf  Walter Ulbricht (sehr fleißig, stalinistisch parteitreu, bis er in den 60er Jahren eine andere ökonomische Politik versucht), Otto Grotewohl (entschieden gegen die Einheitspartei SED, nach einem Gespräch mit Marschall Schukow wie umgedreht), Anton Ackermann (L. fühlt sich ihm eng verbunden, für deutschen Weg zum Sozialismus*, brillant formulierend)

*Der deutsche Weg zum Sozialismus

Montag, 12. Februar 2018

Gaus - Gottfried Forck

"[...] [Forck:] Sie kennen ja die Geschichte aus dem alten Testament "Auszug aus Ägypten". Man könnte sagen, die Wende haben wir erlebt wie den Durchzug durchs Rote Meer. Keiner hat erwartet, daß es in der Tat so sein könnte, daß wir so ungeschoren, so relativ unblutig durch das hindurch kamen, was damals anstand. Und das, was dann später gekommen ist, das war der Tanz ums Goldene Kalb ... [Gaus:] dabei ist man im Moment ... Nein, vielleicht ist man schon einen Schritt weiter. Und jetzt hört man von manchen schon die Klagen: wären wir doch in Ägyptenland geblieben. Also, die Ängstlichen, die jetzt sagen, die Vergangenheit war denn so schlecht auch nicht, und da hatten wir unser sicheres Einkommen, und das lief doch. [...]"

Gaus: Katharina Thalbach

Sendung vom 09.11.1996 Günter Gaus im Gespräch mit Katharina Thalbach

KatharinaThalbach, geboren 1954 in Ostberlin, Ziehkind von Helene Weigel, 1976 nach Westberlin gegangen. Sie ist heute eine der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen und Regisseurinnen.
Gaus: Sie waren zwölf Jahre, als 1966 Ihre Mutter, Sabine Thalbach, eine bedeutende, berühmte Schauspielerin in Ostberlin, starb. Daraufhin nahm sich Helene Weigel Ihrer an. Die große Schauspielerin, Helene Weigel, die Witwe Bert Brechts, war damals die Prinzipalin seines Theaters, des Berliner Ensembles. Sie haben Abitur gemacht, aber vor allem waren Sie, Katharina Thalbach, Schauspielelevin bei der Weigel. Sie haben einmal gesagt, sie sei streng gewesen. Erzählen Sie: Wie war das, Ziehkind der berühmten Helene Weigel zu sein?
Thalbach: Ziehkind ist vielleicht ein bisschen übertrieben, der private Kontakt war ja eher geringer. Aber ich glaube, sie hat mir einfach die Chance gegeben zu überleben. Es war eine schwierige Zeit für mich. Ich war zwölf Jahre alt und habe allein mit meiner Mutter gelebt. Als sie starb, fühlte ich mich wie „Hänschen allein auf der Welt“. Ich wollte vorher nie etwas mit der Schauspielerei zu tun haben. Auf einmal dachte ich: Na ja, vielleicht ist es für mich doch ein höherer Auftrag, etwas weitermachen zu können, was meine Mutter – sie war 34, als sie starb – ein bisschen früh beenden musste. Die Weigel hat mir dazu die Chance gegeben. Ich hatte das Gefühl, das wird jetzt mein Zuhause, wo ich keines mehr hatte. Das klingt sehr kitschig, aber es war wirklich so. Das ist das, was ich ihr am meisten danke. Dann hat sie mir natürlich ziemlich unsentimental diesen Beruf beigebracht, der auch ein Beruf war. Die Strenge lag in erster Linie darin, dass sie mitleidlos war. Bei den ersten Proben – ich spielte eine Hure in der Dreigroschenoper, war 13 und hatte noch ein absolutes Piepsstimmchen – wurde ich erbarmungslos angeschrieen: Lauter, lauter! Das ging so lange, bis ich mit Tränen von der Bühne zur Sprecherziehung geschickt wurde. Das hat sie durchgezogen. Sie hat mir immer wieder Chancen gegeben, aber diese sehr erbarmungslos.
Gaus: Aufgewachsen mit der Mutter. Dann stirbt die Mutter, Sie sind zwölf, der Helene Weigel überantwortet, aber Abiturientin, also Schülerin an der Oberschule. Was ist Ihnen – wir kommen auf Einzelheiten später –, was ist Ihnen an DDR-Herkunft geblieben? Seither sind Sie eine ganz und gar oder nicht ganz und gar, aber doch wesentlich vom Westen bestimmte Schauspielerin und Regisseurin geworden. [...]

Gaus: Steckte in dem Wunsch, es selber zu machen, auch Frustration über Regisseure, die Sie erlebt hatten?
Thalbach: Ja, sicher auch, aber nicht so extrem. Ich hatte ein bisschen die Schnauze voll, immer nur über Regisseure zu meckern. Ich dachte mir: Moment, du musst es ja erst einmal besser machen können. Dann machte ich das Meckern doch lieber produktiv, und probierte es selber aus.
Gaus: Manche Schauspieler, manche Schauspielerinnen klagen, wir hätten heute ein Regietheater, eine Despotie der Regisseure, in der den Stücken und Schauspielern Gewalt angetan werde. Was sagen Sie zu solchen Beschwerden, und wie verpflichtend ist Ihnen Werktreue?
Thalbach: Ich habe eher das Gefühl, dass im Augenblick die Schauspieler im Theater und auch im Film wieder wichtiger werden. Es gibt wieder Stars. Da ist der Vorwurf nicht mehr ganz so berechtigt. Der traf vor zehn Jahren zu. Meine Erfahrung ist da auch nicht so extrem, dass ich nur über die Regisseure meckern musste. Was die Werktreue betrifft: Ich halte mich immer für relativ werktreu. Manchmal vielleicht sogar viel zu viel, dass ich denke, man müsste viel innovativer mit Stücken umgehen, wie es viele Regisseure machen. Ich halte mich da für sehr altmodisch. [...]

Gaus: Vor einiger Zeit haben Sie gesagt, Sie seien im Augenblick – aber wie eigentlich doch alle – orientierungslos. Und Sie hielten für möglich, dass in „zehn, zwanzig Jahren der Sozialismus wieder Fuß fassen“ werde. Drückt das eine Hoffnung aus?

Thalbach: Klar drückt das eine Hoffnung aus. Ich meine, die Welt, so wie sie ist, ist ja nicht unbedingt so attraktiv. Bis auf einige Ausnahmen. Der Wunsch nach einer gerechteren Welt ist etwas älter als der Sozialismus. Wie immer er sich äußert, ob nun mit dem Namen Sozialismus oder nicht, er ist präsent und wird sich durchsetzen. Ich habe gerade im „Stern“ einen Bericht über die brasilianischen Landarbeiter gelesen, die wie im Mittelalter einen Bauernkrieg für ihre Interessen führen. Ich finde es hoffnungsvoll. Vielleicht bin ich wirklich eine Träumerin und Utopistin, aber wenn ich mir diese Hoffnung nicht mehr vorstellen kann, dann fehlt mir auch der Grund, Kunst zu machen. Dann muss ich mir ein ganz, ganz stilles Plätzchen suchen und noch ein paar Blumen anpflanzen und mich aus dieser Welt verabschieden. Ohne diesen Traum von einer gerechteren, besseren Welt fände ich sie furchtbar.

Gaus: Wenn Sie sagen: orientierungslos – was bedeutet das für Sie?
Thalbach: Ich kann es nur im Zusammenhang mit Arbeit sagen: Wo sind die Verbündeten, wo sind die Richtungen? Wo sind die Organisationsformen. Angesichts von immer größer werdendem Geldmangel, von immer schnellerem Erfolg-haben-müssen, angesichts von immer weniger Möglichkeiten für Kontinuität und für Suche, auch von Möglichkeiten, Risiken einzugehen, kann man leicht die Orientierung verlieren. Verbündete und eine Form von Sicherheit zu finden, das gibt Orientierung.

Samstag, 10. Februar 2018

Günter Gaus im Gespräch mit Gisela May

Sendung vom 18.07.2001

[...]
Gaus: War die deutsche Teilung, Frau May, nur eine politisch-staatliche Teilung, oder auch eine soziale? Ich hatte den Eindruck, als ich hier privilegierter Beobachter DDR war, daß es auch eine soziale Teilung war. Ich habe darüber geschrieben. Es ist eigentlich nie so richtig ins Bewußtsein gedrungen, glaube ich. Die Eigentums- und Besatzungspolitik, auch die Bildungspolitik der SED vertrieb große Teile des Mittelstands, der größeren Bauern und der Akademiker. Es blieb im Grunde eine Schicht zurück, die sich erst im Laufe der Zeit wieder auffächerte. Die erste Frage in diesem Zusammenhang: War diese Teilung auch eine soziale Teilung? Und zweitens: Trägt das zu der Fremdartigkeit im Umgang zwischen Ost und West immer noch bei?

May: Sie haben eine Tatsache übersehen, und diese erscheint mir die entscheidende. Wir hatten eine getrennte Währung. 1948 hat die Bundesrepublik mit der D-Mark sich dem Dollar angeschlossen, während wir am Rubel hingen und eine Währung bekamen, die in der westlichen Welt nichts mehr wert war. Insofern war dieser soziale Unterschied schon durch die unterschiedliche Währung gegeben.  [...]

Gaus: Die Nachfolge der Weigel als Mutter Courage: Wie sind Sie damit fertig geworden?

May: Das war furchtbar, weil ich den ganz falschen Weg gegangen bin. Ich habe mir auf den Proben immer wieder die Bänder von der Weigel angehört, weil ich sie eben so grandios fand in dieser Rolle, weil ich überhaupt dieses ganze epische Theater zum ersten Mal erlebt hatte. Das war ja die erste Aufführung, die in Brechts Regie 1948 im Deutschen Theater stattfand. Das war für mich umwerfend. Nun wollte ich eben die Weigel studieren, und dann „weigelte“ ich. Ich fing plötzlich an, etwas Österreichisch zu sprechen, und über meinen Tonfall dachte ich: Das bin ich doch gar nicht mehr. Da war plötzlich die Weigel. Also das mußte ich dann alles vergessen. Bis zur Premiere … Dann rutsche ich in ein Regiekorsett hinein, in dem ich mich dann so verbiß und mir gar nichts mehr traute. Es war ein furchtbarer Prozeß. Auch bei der Premiere war ich noch nicht so. Nach zehn, zwölf Vorstellungen wurde dann die May zur Courage. [...]

Gaus: Erlauben Sie mir eine letzte Frage. Sie sind inzwischen wieder erfolgreich mit einem Brecht-Weill-Programm auf der Bühne des Berliner Ensembles aufgetreten. Was bedeutete das vor allem für Sie, Frau May, Heimkehr oder Triumph?

May: Es bedeutete Heimkehr, insoweit, daß ich sage, Heimkehr in ein Haus, in ein wunderbares Haus, in dem ich 30 Jahre ein wunderbares Publikum hatte. Aber es bedeutete nicht Heimkehr in ein Ensemble. Ein Ensemble vermisse ich noch heute.