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Sonntag, 29. Oktober 2023

Lebensmittelpreise

 Bei 19 untersuchten Grundnahrungsmitteln in verschiedenen Filialen von vier Supermarkt- und Discounterketten in fünf Großstädten in NRW gab es Preisunterschiede von bis zu 400 Prozent.

Für Menschen mit geringem Einkommen oder ohne eigenes Einkommen sind die Preissteigerungen ein großes Problem. Der Bürgergeldsatz für Lebensmittel liegt pro Tag bei etwa 5,75 Euro. Mit Hartz IV waren es 5,20 Euro. Das reicht nicht für eine gesunde Ernährung. Daher sollte die Politik aus Sicht der Verbraucherzentralen dringend handeln. Immerhin 16 Prozent der Menschen in Deutschland gelten laut Paritätischem Wohlfahrtsverband als arm. Und immer mehr Menschen sind von Ernährungsarmut betroffen und können sich nicht mehr ausreichend ernähren.

Sieh auch:

Entwicklung der Lebensmittelpreise von Jan. 2020 bis Sept 2023 (Statistisches Bundesamt)

Mittwoch, 17. August 2022

Zur voraussichtlichen Gaspreisentwicklung

 "Um eine grobe Ahnung von den künftig noch zu erwartenden Preissteigerungen für Erdgas zu bekommen, ist es ganz hilfreich, sich einmal den aktuellen Börsenpreis für Erdgas an der Leipziger Energiebörse EEX anzuschauen. Dort wurde eine Megawattstunde gestern für 234 Euro gehandelt. Das ist erstmal ein abstrakter Wert. Rechnet man dies jedoch auf die für Haushalte relevante Größe um, kommt man auf 23,4 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Gaspreis für Haushalte beträgt zurzeit bei den Versorgern, die den Arbeitspreis bereits angepasst haben, inklusive der Gasumlage, 19,56 Cent und liegt damit rund vier Cent unter dem Börsenpreis, der jedoch ein Großhandelspreis ohne Steuern und Abgaben und ohne Netzentgelte sowie die Kosten der Endversorger ist, die ja beim Endkundenpreis noch hinzugezählt werden müssen.

Ist der Börsenpreis maßgeblich für den Endkundenpreis? Ja! Denn seit einigen Jahren orientieren sich auch langfristige Lieferverträge über ihre Preisanpassungsklauseln an diesem Börsenpreis; nur halt zeitversetzt. Dies im Hinterkopf, sollte klar sein, dass wir bei der nun heiß debattierten Gasumlage leider tatsächlich nur über einen kleinen Teil der bereits in diesem Herbst und später zu erwartenden Mehrbelastungen für Verbraucher sprechen." 

(Jens Berger in Nachdenkseiten)

Deshalb kommt alles darauf an, wie weit der Preisanstieg durch Sparen bei nicht notwendigen Leistungen (insbesondere bei Leistungen für den nicht lebensnotwendigen gehobenen Bedarf) gelingt und wie weit die - im Sinne der ökologischen Wahrheit - notwendigerweise ansteigenden Preise für den unteren Einkommensbereich abgefedert werden.

Donnerstag, 28. Februar 2019

Ein Pfarrerssohn schreibt in der Inflationszeit an seine Eltern

Leipzig 11.11.1923
Liebe Eltern!
Habt Dank für alles! Bis auf die Butter, die fast etwas früh kam, kam alles zur rechten Zeit. Gleich das Finanzielle: die Gelder reichten nicht, um die Kolleggelder zu bezahlen (die bloßen Gebühren betragen jetzt, wie ich gestern hörte ca. 5 Billionen) da langen die größten Summen nicht hin.
Also war die Frage die nach der besten Anlage des Kapitals, gleich gestern hatte ich keine Möglichkeit, wertbeständiges Geld zu kaufen (übrigens nach der künstlichen Stabilisierung des Dollars steigen die Goldpreise, sodaß für die Mensa zum Beispiel wertbeständige Anlage nicht viel Wert hat. Also hab ich mir so viel wie möglich Essensmarken gekauft (jetzt habe ich außer Bezahlung der Schulden noch für eine Woche Marken was sonst außer den Kolleggeldern irgend noch zu bezahlen ist, wird morgen bezahlt (gestern hatte ich nichtZeit, alles zu bezahlen) trotzdem langte der Verbrauch noch nicht, um alles aufzubrauchen. Da bin ich leichtsinnig geworden (wenns so zu nennen ist) und hab das Geld [...] anders angelegt und zwar hab ich mir eine kleine Bibelausgabe gekauft. Das war seit einiger Zeit meine starkes Streben. Hoffentlich versteht Ihrs. Glaubt bitte nicht, es wäre Leichtsinn oder Verschwendung. Ich kanns jedenfalls nicht dafür halten. Ich glaub fest, daß für die Kolleggelder auch noch Rat werden wird.
Heute Nachmittag und ubend ist kaum Zeit, drum nehmt bitte vorlieb mit der ganz geschäftlich platten "Mitteilung". Vor aller Tätigkeit weiß ich fast nicht, was anfangen, Sonntag wie Wochentag bin ich besetzt (teils von rein geselligem Beisammensein, das für ein ruhigeres Zusammenkommen manchmal nötig ist. Viel Schwierigkeiten gibts dies Semester, denen ich oft glaube nicht gewachsen zu sein; aber 2.Kor. 12,9, den ich über meinem Schreibtisch hängen habe, tröstet mich immer wieder.
Was ich eigentlich noch schreiben wollte, dazu ist heut keine Zeit mehr, drum lebt wohl für diesmal.
Herzliche Grüße Euch allen zusammen Euer Joachim

Bitte schickt bei Gelegenheit mal Briefumschläge mit, ich hab gar keine gewöhnlichen mehr.
Leichtsinn, eine Bibel anzuschaffen? Wertbeständiges Geld kaufen? - Nichts, was heute ein Pfarressohn schreiben würde.

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Kershaw: Inflation (Folgen des 1. Weltkriegs)

Soldaten, die als Sieger zu einem Heldenempfang in London heimkehrten,
fanden zumindest ein Land vor, das sie wiedererkannten.
Soldaten dagegen, die - in vielen Fällen versprengt und ungeordnet nach
Wien, Budapest, München oder Berlin zurückströmten, gerieten
in einen revolutionären Umbruch und in wirtschaftliches Chaos.
Seltsamerweise schaffte es das besiegte Deutschland besser als das
siegreiche Großbritannien (übrigens auch besser als die neutralen
Niederlande), den Nachkriegs-Arbeitsmarkt zu steuern und die
Arbeitslosigkeit niedrig zu halten - teils, indem die Frauen aus den
Beschäftigungen, die sie während des Krieges angenommen hatten,
wieder herausgedrängt und durch Männer ersetzt wurden. Zudem
half die Inflation. Eine zu diesem Zeitpunkt deflationäre Wirtschaftspolitik
hätte die deutsche Wirtschaft nur noch weiter ruiniert, es den
vielen demobilisierten Soldaten jedenfalls unmöglich gemacht, überhaupt
Arbeitsplätze zu finden. Die galoppierende Inflation, die die
Regierung nicht zu drosseln versuchte, war allerdings ein hoher Preis,
der bald teuer bezahlt werden musste.
Während des Krieges, als die Staatsverschuldung fast um das Dreißigfache,
die Geldsumme des im Umlauf befindlichen Papiergelds um
mehr als das Zwanzigfache zunahm, war die Inflationsrate in Deutschland
gestiegen. 1918 lagen die Preise etwa fünfmal höher als vor dem
Krieg, die Währung hatte etwa die Hälfte ihres früheren Wertes verloren.
Damit stand Deutschland nicht allein. In Österreich-Ungarn
waren Inflation und Abwertung während des Krieges sogar noch
höher gewesen. Die meisten Länder durchliefen, mehr oder weniger
ausgeprägt, während des Krieges einen Inflationsprozess. In Frankreich,
den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern
lagen die Preise 1919 dreimal höher als 1913, im Vereinigten König-
reich waren sie fast zweieinhalbmal so hoch. In Ost- und Mitteleuropa
jedoch geriet die Preisinflation in den Nachkriegsjahren außer Kontrolle.
Die Währungen von Polen, Österreich und Russland wurden
durch Hyperinflation ruiniert. Jan Slomka, lange Jahre Ortsvorsteher
des Dorfes Dzikow in Südostpolen (dem wir im zweiten Kapitel bereits
begegnet sind), erinnerte sich ein paar Jahre später an die Folgen der
Inflation, die zu toben begann, nachdem die österreichische Krone
1920 durch die Geldnoten der Polnischen Mark ersetzt worden war:

Wenn irgendjemand irgendetwas verkaufte und mit dem Geld
nicht sofort etwas anderes kaufte, machte er schwere Verluste.
Es gab viele, die ihr Haus oder Feld verkauften oder einen Teil
ihrer Rinder, nur um ihr Geld entweder zu Hause oder auf
einer Bank aufzubewahren. Sie verloren alles, was sie hatten,
und wurden zu Bettlern. Andererseits machten jene, die sich
Geld liehen und damit Sachen erstanden, ein Vermögen. Es
gab Geld in Unmengen. Man musste es in Aktentaschen oder
Körben tragen, Geldbörsen und dergleichen waren nutzlos.
Für häusliche Dinge bezahlte man Tausende, dann Millionen,
schließlich Milliarden.

Erst die Einführung einer vollkommen neuen Währung, des Zloty, im
Jahr 1924 brachte Polen eine Stabilisierung.
In Deutschland war der Sturz in die Hyperinflation Teil einer
schweren politischen Krise, die das Land 1923 erfasste, nachdem die
Franzosen, als Vergeltung für den Verzug der deutschen Reparationszahlungen,
das Ruhrgebiet, Deutschlands industrielles Kernland.
besetzt hatten. Ihren Ursprung freilich hatte die Hyperinflation in
der Kriegsfinanzierung, die auf einer riskanten Spekulation beruhte:
Die Deutschen setzten darauf, dass sie den Krieg gewinnen würden
und sich die Kriegskosten von den besiegten Ländern wiederholen
könnten.
(Kershaw: Höllensturz, S.144)

Sonntag, 26. Juni 2016

Papier oder Metall? (aus der Kaiserzeit)

"Argumentiert nun unser Goldreservist so, dass er sich sagt: die Geltungskraft des in Deutschland umlaufenden Papiergeldes ist an die Existenz des Deutschen Reichs, zum mindesten an die Integrität der Reichsbank und der deutschen Reichsfinanzen, geknüpft, das Gold behält Goldeigenschaft auch über den Bestand des Vaterlandes hinaus, so hat er theoretisch mit diesen Erwägungen recht. Zu erwidern wäre ihm jedoch: 1. dass er ein erbärmlicher Lump sei, wenn er an die ökonomische Erhaltung seiner werten eigenen, n belanglosen Person denkt, auch für den Fall, dass Deutschland staatlich oder wirtschaftlich zugrunde geht; 2. dass er Möglichkeiten ins Auge fasst, deren Verwirklichung außer dem Bereich aller Wahrscheinlichkeit liegt. Denn selbst im Falle, dass das Kriegsglück gegen uns entscheidet, wäre an einen völligen Zusammenbruch der deutschen Finanz- und Kreditwirtschaft doch nicht im entferntesten zu denken. Aber auch selbst die Gefahr besteht kaum, die ein ganz Schlauer vielleicht wittert, wenn er sein Goldhäschen verpackt, dass unser Papiergeld im eigenen Lande wesentlich „entwertet“ werden sollte. Diese Angst vor starker „Entwertung“ des Papiergeldes spukt ja immer noch in unseren Köpfen, die vielleicht gerade gebildet genug sind, um von der „Assignatenwirtschaft“ während der französischen Revolution gehört zu haben, und die deshalb schon einen Zustand wiederkehren sehen, wie damals in Frankreich, als das Pfund Butter einen Silberfranken oder 300 Papierfranken kostete.
Solche Missgriffe, wie sie zur Entwertung der Assignaten führten, sind in keinem anderen Lande, geschweige denn in Deutschland, dem bestgeordneten Lande der Welt, denkbar."
( Text: Geld und Vermögen in Kriegszeiten von Werner Sombart Quelle: Berliner Tageblatt 27. August 1914)

Die Frage "Wie kommt ein Wissenschaftler dazu, solch einen Text zu schreiben?" ist relativ leicht zu beantworten. 

Dennoch hier noch zwei Links:
Gold gab ich für Eisen
Inflation 1914-1923
Ein Zitat aus dem Artikel des 2. Links:
"Die Reichsregierung hob kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges am 4. August 1914 die gesetzliche Noteneinlösungspflicht der Reichsbank in Gold (siehe Goldmark) auf. Außerdem wurden die staatlichen Möglichkeiten zur Schuldenaufnahme und der Vermehrung der Geldmenge bei den Scheidemünzen und Banknoten durch die Aufhebung des Goldankers (= gesetzliche Dritteldeckung der Reichsbanknoten durch Gold) ausgeweitet. Der Plan war vor Kriegsbeginn insgeheim entstanden; er wurde von der sogenannten„nationalen Begeisterung“ getragen (siehe auch Hurra-Patriotismus). Diese Geldvermehrung sollte durch Kriegsanleihen anstatt durch Steuern gegenfinanziert werden, da der Aufmarsch und die Versorgung millionenstarker Streitkräfte nie dagewesene Kosten mit sich brachten.
Gleichzeitig sollte die Kaufkraft der Bevölkerung für den Militärbedarf abgeschöpft bzw. stillgelegt werden, um bei der vorauszusehenden kriegsbedingten Güterverknappung im Inland der Schwarzmarktbildung durch Geldverknappung bei den Bürgern entgegenwirken zu können. Um an zusätzliches Geld und Gold zu kommen, wurden mehrere Kriegsanleihen und die Aktion Gold gab ich für Eisen aufgelegt. Anders als in Großbritannien und Frankreich, wo der Krieg durch Vermögenssteuern finanziert wurde, sollten diese Kriegsanleihen nach dem „Siegfrieden“ mit der „Kriegsbeute“ in Form von Reparationen dann wieder abgelöst werden. Die hohen Reparationen, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg 1870/71 zahlte, waren vielen noch in Erinnerung (Gründerzeit)."