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Freitag, 13. März 2026

Youtube zu Literatur und Habermas

https://de.wikipedia.org/wiki/Silber_%E2%80%93_Die_Trilogie_der_Träume

 Das Wirtshaus im Spessart (1958)

Th. Mann: Die Buddenbrooks (1959) Teil I   Teil II

Th. Mann: Der Zauberberg (1981)





60 Jahre Gruppe 47  Gruppe 47 vorläufiges Schlussbild nach 30 Jahren, Glanz und Vergehen der Gruppe


Kurt Tucholsky       Paul Celan Herta Müller Heinrich Böll  Böll 2  Böll 1975 Böll 1992 Böll 2009 

Peter Handke Martin Walser u 47 H.M.Enzensberger 1961

dito

Siegfried Unseld  Uwe Johnson Max Frisch  Ingeborg Bachmann  Ingeborg Bachmann

Friedrich DürrenmattDürrenmatt: Wie entsteht ein Drama? (1969 - 1) (1969 - 2)

Heiner Müller

                                   


Habermas 90 Jahre (Seyla Benhabib  Rainer Forst im Interview mit Yves Bossart: über die Grindstruktur seines Denkens über kommunikative Vernunft)

Sloterdijk über Habermas (2022) Damals sah man Adorno als Lehrer und Habermas als seinen Assistenten (speziell Erkenntnis u. Interesse), S.s 60 S. Exzerpt Hab. als Paraphrasiker gesehen; Ss. Kritik der zynischen Vernunft (1983) von H. noch rechtpositiv besprochen, vielleicht in der Hoffnung S. in seinen Kreis einbeziehen zu können, - Begegnung H. und S. in Baltimore Auseinanderentwicklung. Der Historikerstreit sieht S. als eng und kleinlich an.)

Mehr als alles, was der Fall ist  (H: "Auch eine Geschichte der Philosophie" eine Rekonstruktion der Entwicklung des säkularen Denkens Dürnberger (H. Kants Transzendentalphilosophie als Ersatz für Metaphysik durch Kommunikationstheorie ersetzt)

Reemtsma Vortrag zu "Auch eine Geschichte der Philosophie" und Habermas Antwort

Habermas und das Begreifen der Gegenwart

Zum Verhältnis von Moral und Sittlichkeit 

Die Öffentlichkeitstheorie von Habermas

Strukturwandel der Öffentlichkeit bei H. übergangen der Kampf um Informationsfreiheit, Trennung von Information und Meinung


Dienstag, 28. Februar 2023

Friedensdemonstrationen Ende Februar 2023

 Da über die Demonstrationen nur sehr unvollständig berichtet wurde, hier ein paar Hinweise:

25.2. Friedensdemonstration in Bonn mit Margot Käßmann

25.2. Friedensdemonstration in Köln mit Margot Käßmann, Aufruf des Friedensforums (pdf)

         Käßmanns Rede in Köln: Bezug auf Prantl und Habermas, 300 000 Kriegsflüchtlinge aus Russland, ihren Vater, der von 18 J. bis 25. J. als Hitlers Soldat gekämpft und bis zu seinem Tod den Krieg gehasst. Pazifisten zu beschimpfen, ist unwürdig einer demokratischen Diskussion. Wir distanzieren uns nicht von anderen Demonstrationen anderer Demonstrationen, die für einen Waffenstillstand und Verhandlungen eintreten, sei es in Berlin oder anderswo, Wir brauchen für die Zukunft dieser Welt keine Aufrüstung, sondern Abrüstung. Wir wollen eine entwaffnete Welt.

Käßmann im Interview in Phoenix

Referat von Käßmanns Position:

"Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die auch zu den Unterzeichnern des ‚Manifest für den Frieden‘ gehört, hat ihre Kritik an der derzeitigen westlichen und deutschen Politik hinsichtlich des Krieges in der Ukraine erneuert. „Mir ist wichtig, dass es in Deutschland nicht nur ständig eine Diskussion um noch mehr Waffen, erst Helme, dann Verteidigungswaffen, dann Angriffspanzer und vielleicht auch Jagdbomber gibt, sondern dass die Diskussion sich darauf konzentriert, wie schnellstmöglich das Töten in der Ukraine gestoppt werden kann“, äußerte sich Käßmann im Fernsehsender phoenix. Viele Menschen in Deutschland hätten Angst, dass sich der Krieg ausweiten könne. Sie verstehe zwar die Argumente derjenigen, die darauf pochten, dass die Ukraine vor Verhandlungen die besetzten Gebiete zurückerhalte, „aber wie viele hunderttausende Tote soll es noch geben bis dahin“, meinte Käßmann und fügte hinzu: „Um der Menschen willen ist es doch wichtig, dass es sofort einen Waffenstillstand gibt und dann über die Maßnahmen verhandelt wird, wie es zum Frieden kommt“. Gerade in Deutschland sei es über Jahrzehnte Konsens gewesen, keine Waffen in Kriegs- und Krisengebiete zu liefern. „Dass das einfach über den Haufen geworfen wird, dafür müssen wir uns als Deutsche verantworten“, war die frühere EKD-Ratsvorsitzende überzeugt. Die deutsche Außenministerin habe zwar recht mit ihrer Auffassung, dass auch deutsche Waffen Menschenleben schützten. „Aber es stimmt eben auch, dass unsere Waffen Menschen töten“, so Käßmann. Sie habe im Übrigen nicht damit gerechnet, dass sich auch die AfD und rechte Kreise dem Manifest für den Frieden anschließen würden. „Ich finde das bedrückend und belastend. Wir müssen uns offenbar damit abfinden, dass die rechte Szene rund um die AfD ständig Aktionen kapern will“, erklärte Käßmann. Wer für den Frieden demonstriere, könne jedoch nicht den Nationalismus befördern wollen. Sie werde sich jedoch von diesen Entwicklungen nicht abschrecken lassen. „Ich werde deshalb nicht zu Hause bleiben und sagen, jetzt traue ich mich nicht mehr auf die Straße und dort meine Meinung zu sagen.“ "

Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung vom 14.2.2

"[...] Seit Monaten ist der Frontverlauf eingefroren. Unter dem Titel „Der Abnutzungskrieg begünstigt Russland“ berichtet beispielsweise die FAZ über den für beide Seiten verlustreichen Stellungskrieg um Bachmut im Norden des Donbass und zitiert die erschütternde Aussage eines leitenden Nato-Funktionärs: „Es sieht dort aus wie in Verdun.“ Vergleiche mit dieser grauenhaften, der längsten und verlustreichsten Schlacht des Ersten Weltkrieges haben mit dem Ukrainekrieg nur entfernt und nur insofern etwas zu tun, als ein anhaltender Stellungskrieg ohne größere Veränderungen des Frontverlaufs gegenüber dem „sinngebenden“ politischen Ziel des Krieges vor allem das Leiden seiner Opfer zu Bewusstsein bringt. Der erschütternde Frontbericht von Sonja Zekri, der seine Sympathien nicht verhehlt, aber auch nichts beschönigt, erinnert tatsächlich an Darstellungen des Grauens an der Westfront von 1916. Soldaten, „die sich an die Kehle gehen“, Berge von Toten und Verwundeten, die Trümmer von Wohnhäusern, Kliniken und Schulen, also die Auslöschung eines zivilisierten Lebens – darin spiegelt sich der destruktive Kern des Krieges, der die Aussage unserer Außenministerin, dass wir „mit unseren Waffen Leben retten“, doch in ein anderes Licht rückt. [...]

Denn abgesehen von den Menschenleben, die der Krieg mit jedem weiteren Tag fordert, steigen die Kosten an materiellen Ressourcen, die nicht in beliebigem Umfang ersetzt werden können. Und für die Regierung Biden tickt die Uhr. Schon dieser Gedanke müsste uns nahelegen, auf energische Versuche zu drängen, Verhandlungen zu beginnen und nach einer Kompromisslösung zu suchen, die der russischen Seite keinen über die Zeit vor dem Kriegsbeginn hinausreichenden territorialen Gewinn beschert und doch ihr Gesicht zu wahren erlaubt.

Abgesehen davon, dass westliche Regierungschefs wie Scholz und Macron telefonische Kontakte mit Putin aufrechterhalten, kann auch die in dieser Frage anscheinend gespaltene US-Regierung die formale Rolle eines Unbeteiligten nicht aufrechterhalten. Ein haltbares Verhandlungsergebnis kann nicht ohne die USA in den Kontext von weitreichenden Vereinbarungen eingebettet werden. Daran sind beide kriegführenden Parteien interessiert. Das gilt für Sicherheitsgarantien, die der Westen für die Ukraine gewährleisten muss. Aber auch für das Prinzip, dass die Umwälzung eines autoritären Regimes nur insoweit glaubwürdig und stabil ist, wie sie aus der jeweils eigenen Bevölkerung selbst hervorgeht, also von innen getragen wird.

Der Krieg hat überhaupt die Aufmerksamkeit auf einen akuten Regelungsbedarf in der ganzen mittel- und osteuropäischen Region gerichtet, der über die Streitobjekte der Kriegsparteien hinausreicht. Der Osteuropa-Experte Hans-Henning Schröder, ehemaliger Direktor des Deutschen Instituts für internationale Politik und Sicherheit in Berlin, hat (in der FAZ vom 24. Januar 2023) auf die Abrüstungsvereinbarungen und ökonomischen Rahmenbedingungen hingewiesen, ohne die keine Vereinbarung zwischen den unmittelbar Beteiligten stabilisiert werden kann. Schon die Bereitschaft der USA, sich auf solche Verhandlungen von geopolitischer Reichweite einzulassen, könnte sich Putin zugutehalten.

Gerade weil der Konflikt ein umfassenderes Interessengeflecht berührt, ist nicht von vornherein auszuschließen, dass auch für die einstweilen einander diametral entgegengesetzten Forderungen ein für beide Seiten gesichtswahrender Kompromiss gefunden werden könnte."


27.2. Demonstration in Berlin (Video)

 Sarah Wagenknecht bei Lanzmann

Insgesamt war das Presseecho - so weit ich es feststellen konnte - schwach und Berichte meist ziemlich unvollständig. 

Friedensbewegung gestern und heute: diffamiert als ferngesteuert

Zitate:

Heiner Geißler 1983 zitiert von wdr 2008

 Er zitiert sinngemäß aus einem "Spiegel"-Interview mit dem grünen Abgeordneten Joschka Fischer: "Es sei angesichts von Auschwitz zu bedenken, ob jetzt wieder eine Massenvernichtung vorbereitet werde; früher entlang dem Koordinatensystem der Rasse und heute entlang dem Ost-West-Konflikt." Fischer ruft dazwischen: "Sie sollten sauber zitieren!" Geißler fährt fort: "Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht." Tumulte brechen aus. Der SPD-Abgeordnete Ernst Waltemathe, dessen pazifistische Verwandte in Auschwitz getötet worden sind, will von Geißler wissen, ob die Opfer demnach an ihrer Vernichtung selbst schuld gewesen seien. Die FDP-Abgeordnete Hildegard Hamm-Brücher fragt mit Tränen in den Augen, was der Pazifismus mit dem Judenhass der Nazis zu tun gehabt habe.

nachdenkseiten 1.3.2023:

"„Viele Menschen“, bedauerte der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, „nehmen an Veranstaltungen teil, ohne zu wissen, dass sie von moskautreuen Kommunisten initiiert und gelenkt werden.“ Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der SPIEGEL druckte zwar die Zitate dieser Unionspolitiker, ordnete sie jedoch kritisch ein und setzte ihnen Argumente entgegen, die diese Diffamierungen widerlegten. Ein wenig überspitzt könnte man sagen: Der SPIEGEL machte damals den Job, den heute alternative Medien wie die NachDenkSeiten übernehmen müssen.Ein wenig überspitzt könnte man sagen: Der SPIEGEL machte damals den Job, den heute alternative Medien wie die NachDenkSeiten übernehmen müssen.

Richard von Weizsäcker in seiner Rede vom 8.5.1985:

"Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander."

mehr zum Thema auf Youtube

Aktuelle Meldung:

"[...] Das Kriegsgeschehen erinnere an die Grabenkämpfe im Ersten Weltkrieg, und die ukrainischen Streitkräfte seien den Angreifern aus Russland derzeit in einigen Schlüsselbereichen zahlenmäßig stark unterlegen, sagte ein ranghoher EU-Beamter heute in Brüssel. [...]

Um der Ukraine die dringend benötigte Munition zur Verfügung zu stellen, wird derzeit erwogen, lieferwilligen Mitgliedstaaten einen deutlich höheren Anteil der Kosten aus EU-Mitteln zu erstatten als bislang. In einem bereits am Mittwoch bekannt gewordenen Diskussionspapier für die Mitgliedstaaten wird eine Rückerstattungsquote von bis zu 90 Prozent vorgeschlagen. [...]

Für die Rückerstattung von Munitionskosten wird vorgeschlagen, eine weitere Milliarde Euro aus der sogenannten Europäischen Friedensfazilität zu mobilisieren. Bei ihr handelt es sich um ein Finanzierungsinstrument, über das die EU bereits heute Waffen und Ausrüstung liefert sowie die Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte fördert. [...]" (FR 2.3.23)


Freitag, 16. September 2022

Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und Precht/Welzer:Die vierte Gewalt

Jürgen Habermas: Die neue, erst noch entstehende Öffentlichkeit 
Von Arno Widmann FR 15.09.2022 über

Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Suhrkamp, Berlin 2022. 108 S., 18 Euro.

[...] Es ist die überarbeitete Fassung eines großen Artikels in einem Sonderheft der Zeitschrift „Leviathan“ zum Thema „Ein erneuter Strukturwandel der Öffentlichkeit?“. [...]

Es [das Buch] beschränkt sich auf die Rolle, die der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit für die „deliberative Politik“ spielt. Deliberative Politik? „Deliberatio“ heißt Beratschlagung auf Latein. [...] Gemeint ist eine Politik, bei der aus verschiedenen Ansichten, Meinungen in einer öffentlichen Auseinandersetzung ein gemeinsamer Weg gefunden wird. Demokratische Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass das nicht nur die Politiker:innen tun. Die Staatsbürger und Staatsbürgerinnen selbst müssen einander so begegnen. Sie müssen einander anerkennen, und sie müssen sich kundig machen, um vernünftige Entscheidungen oder doch wenigstens vernünftige Begründungen für sie entwickeln zu können.

Das Internet hat die größte Öffentlichkeit hergestellt, die es jemals gab. Niemals war es leichter, sich über unterschiedlichste Vorgänge und deren Interpretationen zu informieren. Niemals konnte man mit mehr Menschen kommunizieren. Aber gerade das lässt das Verlangen nach Zugehörigkeit wachsen. Man sucht sich Freunde, bleibt mit denen in einer Blase hängen und verzichtet auf die Kommunikation mit den Vertreter:innen anderer Ansichten. Je stärker diese Tendenz wird, desto schwieriger wird es mit der Demokratie.

An anderer Stelle hat Widmann den Gedankengang von Habermas noch plastischer formuliert:

"Die digitale Revolution hat uns alle zu potentiellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. Durch sie erst sind die Medien wirklich nichts als Medien. Die Kontrollinstanzen von z. B. Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. Habermas begrüßt ausdrücklich die so stattfindende „Inklusion“. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie. Nein, das Wort dialektisch verwendet Habermas nicht. Aber er beschreibt diesen zwiespältigen Vorgang sehr genau. Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“

Sieh auch:
Sind die digitalen Medien eine Gefahr für die Gesellschaft? In seinem neuen Buch schaut Jürgen Habermas besorgt auf einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Eine Rezension von Peter Neumann, ZEIT 22.9.22

"[...] Nicht die [...] immer befürchtete Herrschaft des Allgemeinen, des Austauschbaren, das alles Einzelne unterschiedslos unter sich zu begraben droht, lauert heute noch am Horizont der Gesellschaftstheorie. Im Gegenteil: Inzwischen ist es die Herrschaft des Besonderen und Singulären, die die Aufklärung in ein falsches Freiheitsversprechen zurückfallen lässt. Je fein ziselierter und individueller sich eine Gesellschaft gibt, desto schwerer wird es, über dem mehr oder minder berechtigten Selbstinteresse das Gemeinwohl nicht aus den Augen zu verlieren. An dieser Volte im Spätwerk des 93-Jährigen dürften künftige Nachfolger der Kritischen Theorie noch lange zu knabbern haben. [...]"

Weitere Rezensionen in Kurzfassung bei Perlentaucher

Dasselbe Phänomen des Auseinanderfalles von (in den Qualitätsmedien) veröffentlichter Meinung und der ungefilterten Meinung der vielen anderen beschreiben:

R.D. Precht u. H. Welzer: Die vierte Gewalt, Fischer Verlag 2022

Der erste Satz laut FR (26.9.22, S.20/21): "Deutschland, eines der freiesten Länder der Welt, hat ein Problem mit der gefühlten Meinungsfreiheit." 
Weiter in der FR: "Dass die beiden ernstzunehmenden und um Empirie bemühten Intellektuellen dieser Aussage die Zahlen einer Umfrage folgen lassen, ehrt sie. Nur, sie müssten wissen, dass ihre These, die sie öffentlichkeitswirksam vertreten, zu solchen Umfrageergebnissen beitragen kann, die dann diese These wiederum belegen sollen." 
Dass die Autoren auf diese Umfrage hinweisen, nimmt der FR-Autor Benninghoff ihnen freilich übel und schreibt deshalb weiter: "Ein Zirkelschluss, der das ganze Elend populistischer Meinungsdebatten auf den Punkt bringt."
Dass einem Autor der Qualitätsmedien die Kritik der Autoren nicht gefällt und er sie seinerseits kritisiert, kann man ihm nicht übelnehmen. Nur dass der Hinweis auf einen Sachverhalt ein unzulässiger Zirkelschluss sein sollte, will mir nicht recht einleuchten.
Zumal deshalb nicht, weil sie dazu beitragen wollen, den Sachverhalt zu beseitigen, nämlich, dass Meinungsfreiheit als bedroht gefühlt wird.

weitere Rezensionen: NDR FAZ
Interview mit den Autoren: ZEIT

Ich habe meinerseits festgestellt, dass ich die Artikel der Wochenzeitung "Der Freitag" erfrischend finde, auch wenn sie m.E. des öfteren daneben liegen, einfach deshalb, weil da abweichende Meinungen intelligent vertreten werden. 
Allerdings kommt etwas Entscheidendes hinzu: Es wird immer wieder auf Sachverhalte hingewiesen, die mir in anderen Qualitätsmedien entgangen sind. Das passiert mir so oft sonst nur in ausländischen Presseerzeugnissen. 

Dass die Überlegungen von Habermas, Precht und Welzer nicht ganz neu sind, zeigt der folgende Abschnitt aus einem Artikel von vor über 7 Jahren:

"[...] Der gesamte Mechanismus der Weltaneignung und Wirklichkeitskonstruktion, den Disintermediation ermöglicht, ist also zwiespältig: Er kann uns befreien, weil auf einmal für jeden sichtbar die Diktatur der Mono-Perspektive zerbröselt. Und er kann uns in eine neue Verbiesterung und ideologische Verhärtung hineinlocken, weil sich nun der Einzelne – ohne offizielles Korrektiv, ohne die Irritation durch einen allgemein anerkannten Glaubwürdigkeitsfilter – seine Weltsicht zusammenbasteln und in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann.
[...] Worauf es insgesamt ankommt, ebendies meint Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation*: Es entstehen, parallel zur publizistischen Selbstermächtigung des Einzelnen, Nachrichten- und Weltbildmaschinen eigener Art, globale Monopole der Wirklichkeitskonstruktion, die längst mächtiger sind als die klassischen Nachrichtenmacher. [...] Diese Gesellschaft braucht also, will sie nicht ihre liberal-aufklärerische Tradition verlassen, Denkräume und Wertedebatten, um die Frage nach der publizistischen Verantwortung in der öffentlichen Sphäre neu zu stellen, sie überhaupt erst zu behandeln. [...] Die neuen Player in der Erregungsarena der Gegenwart sind längst mitten unter uns, und es wäre fatal, die Frage nach der publizistischen Verantwortung aller weiterhin zu ignorieren. [...]" (Pöbeleien im Netz ersticken Debatten. Wir brauchen endlich Regeln! Ein Appell von Bernhard Pörksen, Die ZEIT 25.6.2015
*It's the proliferation—not elimination—of intermediaries that has made blogging so widespread.  The right term here is “hyperintermediation,” not “disintermediation.”(Intermediaries online are more powerful, and more subtle, than ever before.)

Meinen (Fontanefans) Kommentar zu Pörskens Artikel habe ich damals so formuliert:
"Dass man sich "in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann" sehe ich als gesellschaftliche Gefahr, wenn es keine Konkurrenz von anspruchsvollen Redaktionen mehr gibt. (Deshalb sehe ich auch im Monopol der Wikipedia eine Gefahr, ohne das hier weiter zu begründen.)
Freilich, da ich in der Ukrainekrise [das bezog sich auf die von 2014] wie der griechischen Finanzkrise weitgehend eine unkritische Übernahme der EU-Perspektive durch die Medien beobachtet habe, befürchte ich, dass auch die traditionellen Medien - aufgrund welcher Mechanismen auch immer - keine zureichende Meinungsvielfalt mehr generieren können." 

Samstag, 2. Juli 2022

Kriegszivilgesellschaft

 https://www.merkur-zeitschrift.de/2022/06/30/kriegszivilgesellschaft-philosophiekolumne/

Im Rückgriff auf Luhmann, Habermas, Arendt und im weiteren auf Burckhardt und Nietzsche unter Beiziehung von Kosellecks Verständnis der Bürgergesellschaft kommt Gunnar Hindrichs zu folgender Aussage:

"Einst entpflichtete die Trennung von Rechtsfrieden und Gewissen die Bürgerinnen von öffentlichen Glaubensbekenntnissen. Indem jedoch die öffentliche Kritik den inneren Gerichtshof nach außen gewendet hat, tendiert sie dazu, jene Entpflichtung zurückzunehmen und ihre Mitglieder erneut auf Bekenntnisse zu verpflichten. Sie mögen Farbe bekennen: wie einst vor ihrem inwendigen Gerichtshof, so nun vor dem auswendigen. Tun sie das nicht, so werden sie verdächtig – sie entziehen ihre Überzeugungen ja der kritischen Verhandlung. Entsprechend kehrt die Frage des Bekenntnisses zurück. Und zugleich dehnt sie sich aus. Sie betrifft nun nicht mehr die Konfession des Glaubens, sondern alles, was die bürgerliche Öffentlichkeit ihrer kritischen Urteilsfindung unterwirft. 

In diesem Zug vermag etwas um sich zu greifen, was uns aus religiösen Zusammenhängen vertraut ist: die Bekenntniswut. Sofern in der kritischen Öffentlichkeit ein Bekenntnis auftritt, sind die anderen Mitglieder dazu aufgerufen, ebenfalls ihr Bekenntnis abzugeben. Denn nun steht der Sachverhalt, um den es dem Bekenntnis geht, im Raum – und dieser Raum ist der auswendige Gerichtshof, als der das öffentliche Urteilen sich vollzieht. Wie in den religiösen Gemeinschaften nach einem ersten Bekenntnis immer mehr sich dazu berufen sehen, sich ebenfalls zu bekennen, so bekennen nun die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft vor jenem Gerichtshof Farbe, sobald erste Bekenntnisse vor ihm Fahrt aufgenommen haben. Kurz: Wer dem religiösen Bekenntnis entsagte, hatte im konfessionellen Zeitalter ein Problem; wer dem politisch-gesellschaftlichen Bekenntnis entsagt, hat eins im bürgerlichen.

Und all das betrifft die Zivilgesellschaft. 11 Hervorgebracht vom Strukturwandel der Öffentlichkeit schließen sowohl das Kommunikative als auch das Agonale an die Externalisierung des inneren Gerichtshofs an. Das Kommunikative, weil es ihm um die intersubjektive Prüfung und Anerkennung von Geltungsansprüchen geht. Das Agonale, weil sein Wettstreit im Reden und Handeln der öffentlichen Urteilsfindung dient. Prüfen, Anerkennen, (Gegen)Rede, Urteilen – das ist nichts anderes als der Vollzug eines Gerichts. [...]

Denn wenn ein Krieg zum zivilgesellschaftlichen Thema wird, dann wird er, wie alle anderen Themen eines auswendigen Gerichtshofs, auf seinen Geltungsanspruch hin betrachtet. Und dann liegt es nahe, ihn als gerechtfertigt oder ungerechtfertigt zu beurteilen. Entsprechend verdrängt das Konzept vom gerechten Krieg die Reflexion auf Strukturen, Interessen, Machtlagen. Das betrifft sowohl die realpolitische als auch die antimilitaristische Reflexion. Die Kälte der Realpolitik verfällt Isaiah Berlins Verdacht, letztlich zynische Brutalität im Sinn zu haben. 14 Das Feuer des Antimilitarismus erscheint als eine Gesinnungsethik, die sich vor globaler Verantwortung drückt. 15

Dieses Übergewicht des Konzepts »gerechter Krieg« hat Folgen. Wird der Krieg als gerecht beurteilt, nimmt man Partei für die angreifende Seite. Wird er hingegen als ungerecht beurteilt, nimmt man Partei für die angegriffene. Das heißt: Die verlangte Position läuft auf ein Bekenntnis zur jeweils gerechten Partei des Krieges hinaus. So kippt die Urteilsfindung über einen Krieg ins Farbebekennen im Krieg um.

Zweitens duldet der Bekenntnisdrang nur das Pro und Contra der Kriegsparteien, nichts Drittes. Er klagt jene der Zeugnisverweigerung an, die sich zu keiner Kriegspartei bekennen. Und er versteht sogar die Ablehnung des Krieges als ein Bekenntnis im Krieg. Seine Formel lautet meist so: Weil man sich mit seiner Neutralität oder seiner Ablehnung des Krieges weigert, Position im Krieg zu beziehen, lässt man die gerechte Seite im Stich und unterstützt damit die ungerechte. [...]"

Montag, 29. Juni 2020

Habermas und Arno Widmann oder wie Literatur die Demokratie retten könnte

"Der erste Satz lautet: „Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies“. Dann kommt kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich und es geht so weiter: „kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ "
Das ist Habermas. Aber Arno Widmann versteht es, ihn zu lesen und uns zu erklären, was seine Faszination ausmacht. 
Habermas hat eine philosophische Theorie des Kommunikativen Handelns entwickelt und er hat die Kurzformel vom herschaftsfreien Diskurs entwickelt. Damit hat er eine Formel gefunden, die ich mir mit "Gespräch auf Augenhöhe" übersetzen kann. Das ist nach meinem Verständnis ein Gespräch, bei dem nur die Qualität des Arguments zählt und nicht die Autorität, die von einer Lebensleistung ausgeht (z.B. Einstein oder Habermas) oder von einer Institution (Papst) oder von einem Machtapparat (Trump, Stalin, Hitler). 
In der Wikipedia wird mit der über Decknamen möglichen Anonymität so etwas versucht (freilich durch die organisatorische Macht von Administratoren und Administratorennetzwerken wieder konterkariert).

Wie erklärt uns Widmann das Besondere an der Formulierungskunst von Habermas?
"Das ist Jürgen Habermas. Er kann eben beides: So reden, dass wir ihn verstehen und das dann verstecken in einem Professorendeutsch, vor dem man davonrennen möchte. Allerdings gelingt es einem nicht, weil er einen durch diesen abschreckenden Sound hindurch immer wieder packt. Hier zum Beispiel das „vibrieren“." (Nachzulesen in Widmann: Es bleibt die Literatur, FR 29.6.2020)

Während Adorno einmal (in der ZEITsinngemäß erklärt hat: Ich bin aus den USA nach Deutschland zurück gekommen, weil man in den USA von mir verlangt, verständlich zu schreiben, hat Habermas den Weg gefunden, beides zu tun: Sich im wissenschaftlichen Diskurs eine führende Stellung zu erarbeiten und in der öffentlichen Auseinandersetzung unmissverständlich Position zu beziehen (z.B. Historikerstreit). Dazu braucht es immer wieder Kurzformeln wie 'Verfassungspatriotismus', 'Strukturwandel der Öffentlichkeit' und eben 'herrschaftsfreier Diskurs'. 

Zurück zu Widmann: Er ist nicht nur auf den unterschiedlichsten Feldern im Bereich Kultur unterwegs, sondern er stellt aktuelle Beiträge und Diskussionen auch prägnant vor. 
Den Vorteil der sozialen Medien und ihre Gefährlichkeit für die Demokratie beschreibt er, Habermas vereinfachend, so:
"Die digitale Revolution hat uns alle zu potentiellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. [...] Die Kontrollinstanzen von z. B. Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. [...]. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie.[...] Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“ [...]
Und dann fährt Widmann fort:
"So umfassend der Einfluss der Digitalisierung auf die politische Kommunikation ist, so gering ist er auf die Literatur. [...] Literarische Werke, so Habermas, verfügen über „eine eigentümliche Autorität.“ Sie rührt aus ihrem „Eigensinn“, mit dem sie sich dem Urteil der Zeitgenossen entziehen oder gar widersetzen und dagegen einer späteren Generation sich mitteilen ja geradezu aufdrängen können." [...]  Der Künstler, der Autor hat nicht eine Erfahrung, die er geschickt in Worte zu fassen versteht, sondern er erfährt, was er erfährt, beim Schreiben. Literarische Erfahrung ist eine Sache des Textes. Darum kann der Leser sie – in manchen Fällen nach Tausenden von Jahren über mehrere Übersetzungen hinweg ohne Kenntnis der Lebensumstände des Autors – nachvollziehen.
Wir lesen, so schreibt Habermas, nicht um uns über bestimmte Sachverhalte aufzuklären, sondern – damit kommt er Adorno näher, als er ihm in den letzten 60 Jahre wohl je war -, „um wenigstens manchmal einige Zipfel jener vorsprachlich präsenten Erfahrungen, aus denen wir intuitiv leben und mit denen wir dahinleben, als solche zu ergreifen und uns anschaulich vor Augen zu führen. Ob sie nun schön sind oder schrecklich.“"
Und es bedarf eines "Qualitätsmediums", um Widmann den Apparat und die Reichweite zu geben, um uns auf den verschiedensten Gebieten so informieren, dass wir nicht nur über das Wesen von Literatur, sondern auch über die gedankliche Nähe von Adorno und Habermas aufgeklärt werden. 


Donnerstag, 1. März 2018

Wie organisiert man politische Beteiligung bei Tendenzen zur Erstarrung?

Dazu lässt sich eine kleine Geschichte der heutigen Bundesrepublik Deutschland erzählen, die z.B. zu erklären hätte, wie Gustav Heinemann und Joachim Gauck Bundespräsidenten, der Verteidiger der  RAF Otto Schily ein scharfer Innenminister und der Steinewerfer Joschka Fischer ein sehr beliebter Außenminister wurde. (Das habe ich in Stichpunkten auf Wikiversity versucht.)

Immer wieder geht es da um:  Wir sind eine kleine (radikale ?) Minderheit.

Ähnliches geschieht gegenwärtig bei der Vorbereitung der 4. Großen Koalition:
Innerparteiliche Opposition (Jusos, aber nicht nur); aber auch massenhafter Eintritt in die SPD (wie nach der Wahl von Martin Schulz zum Parteivorsitzenden) in der Hoffnung auf eine Erneuerung der SPD.

Das Beispiel SED gibt in doppelter Weise zu denken:

Einerseits könnte die Trias Gabriel, Schulz, Nahles die SPD (wie Grotewohl 1946/47) in eine Einheitspartei führen (ganz anders als die Trias Wehner, Brandt, Schmidt, die über die 1. Große Koalition 1966 die Erneuerung der BRD ab 1969 herbeiführte).
Dann käme es wohl zu einer neuen Einheitspartei: einer Sozialdemokratisch-Christlichen Union, die SU abzukürzen sich aus historischen Gründen verbietet.

Andererseits könnte die Erneuerung total scheitern, weil der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert weder ein Gorbatschow noch eine Merkel ist.

Die Gefahr ist offensichtlich; aber der Klimawandel erlaubt nicht weitere vier Jahre Erstarrung.
(Das hat Die Anstalt am 27.2. anschaulich dargestellt.)

Wir dürfen uns nicht wieder einmal mit "Brot und Spiele" (diesmal: Exportweltmeister und Internet) abspeisen lassen. Wir brauchen politische Beteiligung, die schon so oft in der Geschichte der BRD Erstarrung gelockert hat.



So wichtig Skepsis gegenüber Nachrichten, Koalitionsverträgen und Parteien ist, ohne Handeln bleibt es auch beim Weiter so.
Daher plädiert Jürgen Habermas für einen starken Mann, der zusammen mit Macron für Gerechtigkeit sorgen könnte. Aus meiner Sicht hat Gabriel freilich zum einen mit der Entscheidung für die Große Koalition 2013 und zum anderen mit der Fehl-Organisation und Behinderung des Wahlkampfs entscheidend zum Absturz der SPD beigetragen. Die Qualität eines Gorbatschow fehlt ihm nicht minder als die einer Merkel. Was nutzt es da, wenn er gelegentlich begriffen haben sollte, worauf es ankommt? Er handelt nicht danach, ähnlich wie Merkel beim Klimaschutz.
Abschied vom Weiter-so (Kongress des Archivs der Zukunft in Lüneburg)

Montag, 18. September 2017

Karl Heinz Bohrer

Karl Heinz Bohrer : Von der Erotik des Denkens Interview vom 30.7.2012

" [...] Bohrer: [...]  Ich mache zwischen dem Erotischen und dem Ästhetischen keinen speziellen Unterschied mehr. [...]  
Außenseitersein gehört ja mehr oder weniger zum Selbstverständnis des modernen Intellektuellen. Die Frage ist, wie dieser Typus des Unabhängigen, der einst so originell war, heute noch aktualisiert werden kann. Nietzsches Unterscheidung zwischen "freiem Geist" und "Freigeist" ist da entscheidend.
Die Welt: Also alles, nur keine Rücksicht auf andere Denker und Ideen?
Bohrer: Nein. Ohne Rücksicht auf anderes Denken lässt sich nicht denken. Aber Rücksichtslosigkeit ist wichtig. [...]
Dieses Prinzip der schieren Beobachtung und nicht der synthetisierten oder deduktiven Form der Zeitkritik finde ich in der Tat eine interessante Möglichkeit des Journalismus. Aber: zwischen journalistischer Beschreibung von Augenblicken der Wirklichkeit einerseits und den ästhetischen Augenblicken an die ich hier denke, besteht kein Zusammenhang. Im einen Fall handelt es sich um eine pragmatische Form von Wirklichkeitsbestimmung, wenn möglich ohne ideologische Formelsprache. Das ist dann guter Journalismus. Im anderen Fall handelt es sich um Denkakte von enormem Ausmaß, die sich mit der großen Geistestradition des von Platon bis Hegel formierten Idealismus auseinandersetzen – und in einer Kühnheit darauf bestehen, dass die Welt eigentlich nur in Ausdrucksformen und nicht in Ideen fassbar ist: Darin liegt die Provokation für das intellektuelle Feuilleton. [...]
Die Welt: Ihnen ist damals von Ihrem Kollegen Marcel Reich-Ranicki vorgeworfen worden, Sie würden mit dem Rücken zum Publikum schreiben.
Bohrer: Das habe ich als einen wohltuenden Satz empfunden! Das ist der einzige Satz in seiner Biographie über unser Verhältnis und ich dachte sofort: er hat Recht. Darin lag ja auch ein gewisser Stolz. Ich fand von Anfang an, dass es für den Literaturkritiker und Chef des Literaturblatts der "F.A.Z." wichtiger ist, das zu denken, was relevant zu denken ist, und nicht das zu denken, was möglicherweise eine Mehrheit gut versteht. [...]
Die Welt: So wie Sie sprechen, über das Momentane, Plötzliche, Tat, Erscheinung, Emphase und Erotik im Denken: Ist der Appeal des Denkens nicht eindeutig männlich gepolt?
Bohrer: In der Tradition wahrscheinlich. Und ich muss auch zugeben, dass ich noch sehr geprägt worden bin durch eine "male chauvinist" Kulturvorstellung und maskuline Rede. Die Heroen der Intellektualität in meiner frühen Erziehung waren natürlich männlich. Und in der Emphatik des Selbstdenkers steckt ein Moment heroischer Selbstidentifikation, die Identifikation von Männlichkeit und Intellektualität drin. Sie meinen, was ich über Selbstdenker sage, ist einer maskulinen Ideologie entsprungen? [...]
Diese Zusammenkünfte linker Akademiker zu Salzstangenpartys, wo es noch nicht die dampfenden Essen gab, die es dann später als Charakteristikum der Linken gab, diese Treffen, bei denen sie sich zum Sichempören über soziale Untaten in der Gesellschaft wie fromme Christen in den Katakomben zusammenfanden: Dieser Aspekt der Achtundsechziger-Kulturrevolution hat in der Tat überhaupt keine erotischen Züge. Das waren Protestanten einer neuen Religion. [...]
Habermas war der scharfsinnige linksliberale Analytiker der Gesellschaftssituation par excellence, der sich von der Mehrheit der Utopiker strikt unterschied. Wenn auch sein wichtigstes Buch "Strukturwandel der Öffentlichkeit" damals zu einem Katechismus der linken Bewegung geworden war. Aber noch wichtiger: Habermas war die Erscheinung des freimütigen, in Deutschland so noch nie gesehenen Intellektuellen!
 Witzig und ernst zugleich, temperamentvoll und streng in Einem. Und: er hatte enormen Stil in seiner partiell frustrierend schwierigen Diktion. [...]
Ich bevorzuge eine nichtrealistische Literatur – zum Beispiel die surrealistische oder Claude Simon oder Cortázar oder Pynchon – die nicht als Diagnostik der Gesellschaft bestimmt werden kann. [...]

Sieh auch:
Jetzt: Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017
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Michael Krüger

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Habermas: Erste Hilfe für Europa

http://www.zeit.de/2007/49/Europa/komplettansicht

Was Habermas da fordert, ist interessant auch im Zusammenhang mit TTIP und CETA.
Nur dass da nicht nur über die Köpfe der Bürger, sondern auch über die nationalen Parlamente hinweg entschieden werden soll. Stichworte: Investitionsschutz und Gemischter Ausschuss

Freitag, 15. April 2016

Klare Sprache

"Sagt es einfach!" von Yascha Mounk ZEIT Nr.17 14.4.2016

Im Jahr 1968 hätte mich über Mounks Artikel noch sehr gefreut, denn die Faustregeln, die er für klares Schreiben formuliert, sollten sich von selbst verstehen. Zur Zeit der 68er war es freilich üblich, auch relativ einfache Gedanken unnötig "hegelianisch" zu formulieren.

Wenn Mounk allerdings Habermas dafür kritisiert, im "Strukturwandel der Öffentlichkeit" Formulierungen gebraucht zu haben, die auch sehr intelligente Erstsemester von der Lektüre abschrecken, ist er freilich auf dem Holzweg.*
Der Fehler liegt nicht bei Habermas, der in seiner Habilitation seine neuen Gedanken so differenziert formulierte, wie er es für nötig hielt, sondern bei den Professoren, die dies Werk Erstsemestern als Einführungslektüre nahe legen.*
Mounks "So hätte ich es gesagt" offenbart, dass er unfähig ist, den Bezug des Gedankens auf den Strukturwandel der Öffentlichkeit klar auszudrücken.  Er hätte sich besser einen Gedanken ausgesucht, den er ohne wesentlichen Substanzverlust einfacher ausdrücken kann.

Habermas hat - im Unterschied zu Adorno - die angelsächsische Forderung, man solle sich möglichst verständlich ausdrücken, durchaus nicht zurückgewiesen, sondern immer wieder - unter Verzicht auf die Terminologie seiner theoretischen Texte - allgemeine Verständlichkeit sichergestellt.

Recht gebe ich Mounk in einem sofort: Die Hauptgedanken des Strukturwandels der Öffentlichkeit lassen sich sicher ohne unerträglichen Substanzverlust wesentlich einfacher wiedergeben als in diesem wichtigen Werk der Theoriegeschichte. Die Frage ist freilich: Weshalb hat noch nie jemand, der diese Gedanken Erstsemestern nahe bringen will, sich daran gemacht, die notwendige Vereinfachung zu versuchen? Könnte es nicht daran liegen, dass dabei die Gefahr sehr groß wäre, dass man wie Mounk eklatant an dem Versuch scheitert?

Fazit: Es mag viele Texte geben, auf die Mounks Kritik zutrifft. An dem Beweis, dass das für Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit gilt, ist Mounk kläglich gescheitert.

*Mounks Beispiel:
So hätte ich es gesagt: Moderne Kommunikationsformen werden oft daran gemessen, wie sehr sie einem persönlichen Gespräch ähneln. Aber wie echt oder tiefgehend sie sind, hängt davon nicht unbedingt ab.
Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft
Der Sprachgebrauch von "öffentlich" und "Öffentlichkeit" verrät eine Mannigfaltigkeit konkurrierender Bedeutungen. Sie stammen aus verschiedenen geschichtlichen Phasen und gehen, in ihrer synchronen Anwendung auf Verhältnisse der industriell fortgeschrittenen und sozialstaatlich verfaßten bürgerlichen Gesellschaft , eine trübe Verbindung ein. Allerdings scheinen dieselben Verhältnisse, die sich gegen den überkommenen Sprachgebrauch zur Wehr setzen, eine wie immer konfuse Verwendung dieser Worte, ja ihre terminologische Handhabung doch zu verlangen.
*Ich selbst habe den Strukturwandel der Öffentlichkeit nie ganz durchgelesen. Ich habe mich damit begnügt, die mir am wichtigsten erscheinenden Passagen zu lesen. Der Beispielsatz von Mounk ist freilich beileibe nicht der am schwersten verständliche in diesem anspruchsvollen Werk. Wer sich damit begnügt, die Hauptgedanken aus Habermas' Werk nachzuvollziehen, tut sich durchaus leichter, wenn er z.B. Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas, 2014 heranzieht. Müller-Doohm würde freilich den Gedanken weit von sich weisen, die Lektüre seiner Biographie könnte die Kenntnis der Originalschriften von Habermas ersetzen. 

Fachbuch in leichter Sprache ZEIT 24.7.2013

Dienstag, 23. Juni 2015

EU und Griechenland

Habermas: Warum Merkels Griechenland-Politik ein Fehler ist, SZ 22.6.15

[...] Mit dieser demokratischen Legitimation ausgestattet, macht die griechische Regierung den Versuch, einen Politikwechsel in der Euro-Zone herbeizuführen.Dabei stößt sie in Brüssel auf die Repräsentanten von 18 anderen Regierungen, die ihre Ablehnung mit dem kühlen Hinweis auf ihr eigenes demokratisches Mandat rechtfertigen. Man erinnert sich an jene ersten Begegnungen, als sich die präpotent auftretenden Novizen in der Hochstimmung ihres Triumphes mit den teils paternalistisch-onkelhaft, teils routiniert-abfällig reagierenden Eingesessenen einen grotesken Schlagabtausch lieferten: Beide Seiten pochten papageienhaft darauf, vom jeweilig eigenen "Volk" autorisiert worden zu sein.
Die ungewollte Komik ihres einträchtig nationalstaatlichen Denkens führte der europäischen Öffentlichkeit unübertrefflich vor Augen, was wirklich fehlt - ein Fokus für eine gemeinsame politische Willensbildung der Bürger über folgenreiche politische Weichenstellungen in Kerneuropa. [...] Man muss sich das Anstößige, ja Skandalöse dieser Weigerung klarmachen: Der Kompromiss scheitert nicht an ein paar Milliarden mehr oder weniger, nicht einmal an dieser oder jener Auflage, sondern allein an der griechischen Forderung, der Wirtschaft und der von korrupten Eliten ausgebeuteten Bevölkerung mit einem Schuldenschnitt - oder einer äquivalenten Regelung, beispielsweise einem wachstumsabhängigen Schuldenmoratorium - einen neuen Anfang zu ermöglichen.

Statt-dessen bestehen die Gläubiger auf der Anerkennung eines Schuldenberges, den die griechische Wirtschaft niemals wird abtragen können. Wohlgemerkt, es ist unstrittig, dass ein Schuldenschnitt über kurz oder lang unvermeidlich ist. Die Gläubiger bestehen also wider besseres Wissen auf der formellen Anerkennung einer tatsächlich untragbaren Schuldenlast. [...]
Diese Auflösung von Politik in Marktkonformität mag die Chuzpe erklären, mit der Vertreter der deutschen Bundesregierung, ausnahmslos hochmoralische Menschen, ihre politische Mitverantwortung für die verheerenden sozialen Folgen leugnen, die sie als Meinungsführer im Europäischen Rat mit der Durchsetzung der neoliberalen Sparprogramme doch in Kauf genommen haben. 
Der Skandal im Skandal ist die Hartleibigkeit, mit der die deutsche Regierung ihre Führungsrolle wahrnimmt. Deutschland verdankt den Anstoß zu dem ökonomischen Aufstieg, von dem es heute noch zehrt, der Klugheit der Gläubigernationen, die ihm im Londoner Abkommen von 1953 ungefähr die Hälfte seiner Schulden erlassen haben.
Aber es geht nicht um eine moralische Peinlichkeit, sondern um den politischen Kern: Die politischen Eliten in Europa dürfen sich nicht länger vor ihren Wählern verstecken und selber den Alternativen ausweichen, vor die uns eine politisch unvollständige Währungsgemeinschaft stellt. Es sind die Bürger, nicht die Banken, die in europäischen Schicksalsfragen das letzte Wort behalten müssen. [...]



EU in der Krise, 20.5.11

mehr von Fs Schnipsel zu Griechenland und "Griechenlandkrise"

Donnerstag, 9. April 2015

Walter Benjamin, Adorno, Habermas, Scholem - Briefwechsel von Habermas kommentiert

Briefwechsel Benjamin-Adorno, 1994 von Jürgen Habermas vorgestellt

Briefwechsel Gershom Scholem-Adorno, am 9.4.2015 in der ZEIT von Habermas vorgestellt

@Walter Benjamin #Walter Benjamin bei Twitter

@TW_Adorno #Adorno bei Twitter

@J_Habermas  #Habermas bei Twitter

#GershomScholem bei Twitter; Gershom Scholem ist bei Twitter präsenter, als ich vermutet hätte (z.B. http://antiguostestamentos.blogspot.com.ar/2014/11/descarga-gershom-scholem-los-origenes.htmlhttp://www.timesofisrael.com/visiting-gershom-scholem/)

Gershom Scholem bei Wikipedia

Walter Benjamin (Biographie ),  W. Benjamin in Wikipedia

Benjamins Passagen-Werk

Briefwechsel Gershom Scholem-Ernst Jünger

Meine Schnipsel sind oft Tweets, die ich später leichter wieder finden können will.