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Mittwoch, 27. Dezember 2023

Norman Paech über Befreiungsbewegungen

 "Alle Befreiungsbewegungen vom ANC in Südafrika über die SWAPO in Südwestafrika und die MPLA in Angola bis zur FLN waren in den Medien der alten Kolonialmächte Terroristen. Das war die PLO bis 1993 ebenso, danach war es die Fatah, und jetzt ist es die Hamas. Man hätte daraus lernen können, dass der Widerstand und die Gewalt nie durch das Militär, sondern immer nur durch den Rückzug der Okkupanten aus dem Land verschwunden sind."

Norman Paech ist gewiss verdienstvoll; aber indem er den ANC nennt, weist er sogleich darauf hin, dass seine Behauptung fragwürdig ist.

Nelson Mandela und Desmond Tutu haben für eine entscheidende Ausnahme gesorgt.  Es wäre von Befreiungsbewegungen extrem ungewöhnlich, wenn sie denselben Weg beschritten. Auch ist jeder Fall anders zu bewerten. Aber Geschichte ist in jeder Gegenwart noch offen, freilich nicht für alles; aber offener als die die Beteiligten wissen können. (Fontanefan) 

Damit der oben genannte Text nicht aus dem Zusammenhang gerissen bleibt, füge ich den mir vorliegenden Text vollständig an. Trotz seiner aggressiv gegen den Staat Israel und nicht nur gegen die Siedler und die Regierung Netanyahu gerichteten Polemik schein er mir lesenswert, auch wenn der Lösungsvorschlag ohne starke Vermittlung von beiden Seiten mir unrealistisch erscheint.


Für ein Szenario des Friedens

Nahostkonflikt: Eine Lösung kann es nur durch ein Ende der Besatzung
und der kolonialen Gewalt geben.
Von Norman Paech*

Wäre der Begriff der Zeitenwende nicht schon so abgegriffen und
inhaltslos, könnte man den 7. Oktober 2023 als eine solche bezeichnen –
zumindest für Israel, wenn man unseren Medien glauben soll. Ihre
Berichte über Palästina waren nie durch eine besonders respektvolle
Einschätzung der Palästinenser gekennzeichnet. Aber die Kluft zwischen
der permanenten Zelebrierung des israelischen Schmerzes, der Wut, des
Hasses, der Trauer und der Klagen in den Feuilletons einerseits und der
Verachtung, Verhöhnung, Erniedrigung und Beleidigung der Täter
andererseits war noch nie so vernichtend und endgültig. Das ist nur
möglich, wenn man die lange Geschichte der Gewalt und Verbrechen
zwischen beiden Völkern lediglich auf den 7. Oktober konzentriert, der
wie ein schwarzes Loch die ganze Geschichte des Elends davor und danach
verschlingt. Dann wird auch plötzlich der sonst so tabuisierte Vergleich
mit dem Holocaust wieder erlaubt.

/*Bekannter Terrorvorwurf*/

Das Massaker vom 7. Oktober ist in der Tat in seinem Verlauf wie in
seinem Ergebnis ebenso grauenvoll wie völkerrechtswidrig, ein
furchtbares Kriegsverbrechen. Doch kam es nicht überraschend, es war
voraussehbar. Alle Jahre der Besatzung und Blockade waren immer wieder
von Angriffen der israelischen Armee mit Gewalt und zahlreichen Opfern
unter der Zivilbevölkerung begleitet, ob 2021, 2018, 2012, 2008/2009.
Wir können bis zum Jahr 1936 zurückgehen, dem Jahr des letzten großen
Aufstandes der palästinensischen Bevölkerung gegen die fremden Siedler
und ihre mit ihnen verbündeten Mandatsherren, der von diesen gemeinsam
niedergeschlagen wurde. Ob 1948, 1967 oder 1973, das waren die großen
Kriege um das Land und gegen die Besatzung. Seit der Gründung Israels
hat es dort faktisch keinen Frieden gegeben, sondern einen fortdauernd
unfriedlichen Zustand, im Englischen Low-intensity warfare genannt. Die
immer wieder aufkeimenden Hoffnungen auf Frieden mit Namen Madrid, Oslo,
Camp David, Taba oder Annapolis unterbrachen nur kurzzeitig den
Kriegszustand, ohne ihn aufzuheben.
Die Grausamkeit und Gewalt dieser Kämpfe unterschied sich nicht von der
Gewalt aller Befreiungskämpfe in den fünfziger bis siebziger Jahren in
Afrika. Es war die typische Gewalt asymmetrischer Kriege, wie sie die
Kämpfer der FLN in Algerien in ihrer Antwort auf die Frage, warum sie in
die Papierkörbe der Restaurants Bomben legten, die unschuldige Gäste
zerrissen, kurz beschrieben: »Hätten wir die Flugzeuge und Panzer der
Franzosen, würden wir die benutzen, wir haben nur diese Bomben.« Alle
Befreiungsbewegungen vom ANC in Südafrika über die SWAPO in
Südwestafrika und die MPLA in Angola bis zur FLN waren in den Medien der
alten Kolonialmächte Terroristen. Das war die PLO bis 1993 ebenso,
danach war es die Fatah, und jetzt ist es die Hamas. Man hätte daraus
lernen können, dass der Widerstand und die Gewalt nie durch das Militär,
sondern immer nur durch den Rückzug der Okkupanten aus dem Land
verschwunden sind.

/*Angekündigter Genozid*/

Die Geschichte nach dem 7. Oktober steht unter dem Schlachtruf, die
Terrorgruppe Hamas zu vernichten. Die schier end- und unterschiedslose
Gewalt, mit der die israelische Armee den Gazastreifen umpflügt, lässt
allerdings den Verdacht aufkommen, dass die politische Führung in
Jerusalem gelernt hat, dass der Sieg über eine militärische Organisation
nicht ausreicht, um den Widerstand in der Zukunft zu brechen. Sie muss
den Widerstand der ganzen Bevölkerung brechen. Israels Premierminister
Netanjahu beruft sich gegenüber US-Präsident Joseph Biden auch auf die
Flächenbombardierungen im Zweiten Weltkrieg und den Einsatz der
Atombombe. Daher der offene Terror, die unbegrenzte Gewalt der Armee,
flankiert durch den Stopp oder die äußerste Beschränkung der Zufuhr
lebenswichtiger Güter.
Die Armeeführung hat vier Ziele ihrer Angriffe ausgegeben: 1. taktische
Ziele, das heißt vorwiegend militärische, 2. Untergrundziele, also die
Tunnel, 3. Power targets, das sind Hochhäuser, Wohnblöcke, öffentliche
Gebäude, Universitäten, 4. Familienhäuser vermuteter Mitglieder der
Hamas. Den Schwerpunkt hat die Armee nach eigenen Angaben auf die Ziele
drei und vier gelegt mit dem Ergebnis, dass 70 Prozent der bislang an
die 20.000 Toten – die unter den Trümmern verschütteten nicht mitgezählt
– Zivilisten sind. Die Todeszahl ist 15mal höher als beim bisher
tödlichsten Gazakrieg 2014. Zwei Drittel der Toten sind Frauen und
Kinder. Über 300 Familien haben mehr als zehn Angehörige verloren. 2014
kamen 93 Babys ums Leben, 2023 nach drei Wochen 286 Babys. Doch die
nackten Zahlen der Toten, Verletzten und Vertriebenen vermögen die
Hölle, in der sie mehr sterben als leben müssen, kaum andeuten.
Das Vorbild der Armee ist offensichtlich die Shock-and-awe-Strategie der
US-Armee bei ihrem Überfall auf Bagdad im Jahr 2003. Nunmehr wird sie
unterstützt durch ein System der künstlichen Intelligenz mit Namen
»Habsora« (Gospel/Evangelium), welches ihr ermöglichte, in den ersten 35
Tagen insgesamt 15.000 Ziele in Gaza zu identifizieren und anzugreifen.
Zum Vergleich: In den 53 Tagen von »Protective Edge« 2014 waren es circa
6.000. Jeder Krieg steigert die technologischen Fähigkeiten und die
Zerstörungskraft, Parameter, bei denen Israel nicht ohne Grund mit an
der Spitze operiert.
Dieser Krieg kann offensichtlich nur noch der Presse und der
Bundesregierung als Verteidigungskrieg verkauft werden. *In der
internationalen Diskussion setzt sich allmählich die Erkenntnis durch,
dass es sich bei ihm um einen Völkermord handelt*. In den USA hatten
sich schon Mitte Oktober 800 Juristen in einer gemeinsamen Erklärung
unter der Aussage zusammengefunden: »Die anhaltenden und bevorstehenden
israelischen Angriffe auf den Gazastreifen werden mit potentiell
völkermörderischer Absicht durchgeführt.« Der Genozidforscher Raz Segal,
einer der Unterzeichner, fügte hinzu: »In der Tat ist Israels
genozidaler Angriff auf Gaza ausdrücklich, offen und schamlos. Israels
Ziel ist es, die Palästinenser in Gaza zu zerstören. Und diejenigen von
uns, die auf der ganzen Welt zuschauen, sind der Verantwortung, Israel
daran zu hindern, nicht gewachsen.« Also sollten sich jene, die
»zuschauen«, fragen, was sie getan haben, diesen 7. Oktober mit seinen
katastrophalen Folgen zu verhindern.

/*Falsche Alternativen*/

Jene, »die zuschauen«, konnten nicht nur, sie wollten offensichtlich
diesen voraussehbaren Krieg auch nicht verhindern. Der Auftrag der UNO,
die beiden Völker in separate souveräne Staaten zu trennen, liegt immer
noch offen auf dem Tisch. Er gilt zwar immer noch als offizieller
Lösungsvorschlag aller Staaten zur Befriedung des Konfliktes, es gibt
jedoch keine Regierung, die sich für ihn einsetzt. Die beiden einzigen
realistischen Alternativen kann man unter die Begriffe »Parkplatz« oder
»Apartheid« fassen.
Der »Parkplatz« ist die aktuelle Strategie der Netanjahu-Regierung, den
Gazastreifen unbewohnbar zu machen und die Bevölkerung zu vertreiben –
wohin auch immer, am besten nach Ägypten. Die Bewohnbarkeit hatte die
UNO dem Gazastreifen schon für 2020 abgesprochen, ohne allerdings das
vorauszusehen, was jetzt geschieht. Die zerstörten Gebäude, die
Infrastruktur und die Produktionsstätten sind zu reparieren. Aber für
wen? Die Gesellschaft ist zerschlagen, eine zweite Nakba. Wer nicht
umgekommen ist, hat alles verloren und trägt wohl nur noch den Schlüssel
seines Hauses mit sich. Zusätzlich zu den Millionen Flüchtlingen mit
ihren Nachkommen fliehen weitere Hunderttausende in die Nachbarstaaten.
Die USA werden diese Katastrophe nicht verhindern und die
Bundesregierung auch nicht. Sie werden allenfalls mahnen, die Grundsätze
der Humanität einzuhalten.
Als Alternative gilt vor allem die sogenannte Einstaatenlösung, bei der
sich beide Völker arrangieren und ein friedliches Miteinander
organisieren. Wie das im einzelnen erfolgen soll, ist ungewiss. Der
vielzitierte Philosoph Omri Boehm spricht von einer Konföderation, in
der auch die Flüchtlinge einen Platz finden sollen. Ob die Palästinenser
die gleichen Rechte haben sollen wie Juden oder nur einen
eingeschränkten Status, wie mitunter vorgeschlagen, steht zur Debatte.
Was meines Erachtens nicht zur Debatte steht, ist die Zukunft eines
solchen Einheitsstaates, wie er faktisch schon jetzt unter Bedingungen
der Apartheid besteht. Die Mitglieder der UNO würden zwar weiter die
Einhaltung der Menschen- und demokratischen Rechte anmahnen, aber
niemand wird in seine Souveränität und internen Angelegenheiten
eingreifen. Die Existenz Israels wäre gesichert, aber die Palästinenser
hätten mit dem Verzicht auf einen eigenen Staat ihre Souveränität
aufgegeben und müssten nun den Kampf um ihre politische, ökonomische und
kulturelle Existenz allein gegen die jüdisch-zionistische Dominanz
ausfechten – kein Szenario des Friedens.
Es bleibt die Trennung in zwei souveräne Staaten, die derzeit zwar
diplomatisch gehandelt wird, aber keine effektive Unterstützung erhält,
die eine Realisierung dieses alten Auftrags der UNO realistisch
erscheinen lässt. Das wohl stärkste Argument gegen diese sogenannte
Zweistaatenlösung lautet, dass der Landraub der Siedlerbewegung faktisch
kein Territorium für einen palästinensischen Staat übriggelassen habe
und diese Entwicklung auch nicht rückgängig gemacht werden könne. Wer
würde es wagen, Juden von ihrem Land zu vertreiben?

Nach dem Krieg

Doch gibt es nach wie vor den Vorschlag der PLO, dass alle Siedler, die
in dem neuen Staat bleiben wollen, bleiben können. Einzige Bedingung
sei, die Souveränität des neuen Staates anzuerkennen, wie es für die
Palästinenser in Israel seit langem selbstverständlich ist. Jene aber,
die zu einer Anerkennung nicht bereit seien, müssten das Land verlassen
und nach Israel zurückkehren. Der Vorschlag wurde seinerzeit von der
Siedlerbewegung rundherum abgelehnt.
Dennoch sehe ich keine Alternative, als auf diesen Vorschlag
zurückzukommen, wenn dieser Krieg zu Ende geht. Es genügt nicht, Gaza
wieder aufzubauen, die Vertriebenen neu anzusiedeln. Die ganze
palästinensische Gesellschaft muss von der Last der Besatzung und der
permanenten Gewalt befreit werden. Der 7. Oktober 2023 sollte erwiesen
haben, dass Frieden in dieser Region nur mit der Souveränität und
Gleichberechtigung beider Völker zu erreichen ist.

*Norman Paech ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft und
Öffentliches Recht und saß zwischen 2005 und 2009 für die Partei Die
Linke im Deutschen Bundestag. Der vorliegende Text ist die überarbeitete
Fassung eines Vortrags, den Paech am 9. Dezember im Rahmen des 30.
Friedensratschlags in Kassel hielt.


Mittwoch, 5. Juli 2023

euro|topics: Angst vor mehr Gewalt nach Angriff auf Dschenin

 

Israel hat eine zweitägige großangelegte Militäroffensive im Westjordanland für abgeschlossen erklärt. Premier Netanjahu kündigte jedoch an, dies sei "kein einmaliger Vorgang" gewesen. Die Armee war nach mehreren Luftschlägen mit Bodentruppen in die Stadt Dschenin eingedrungen, die als Hochburg militanter Islamisten gilt. Laut palästinensischer Seite wurden mindestens 13 Menschen getötet. Kommentatoren sind besorgt.

THE INDEPENDENT (GB)

Israel macht sich noch mehr Feinde

The Independent mahnt:

„Niemand kann ernsthaft glauben, dass man auf diese Weise die Sache des Friedens voranbringen, die Sicherheit Israels stärken oder die anhaltenden Terroranschläge auf unschuldige israelische Zivilisten stoppen kann. ... Statt der Palästinensischen Autonomiebehörde zu helfen, ihre Macht in Krisenherden wie Dschenin und Nablus wieder aufzubauen, rekrutiert Israel so indirekt Leute für die Dschenin-Brigaden. Bald wird Israel keine palästinensische Regierung mehr haben, mit der es verhandeln kann, und daran trägt es selbst größtenteils die Schuld.“

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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (DE)

Es braucht eine politische Lösung

Militäreinsätze dienen nicht dem vorgegebenen Ziel, Terrorismus zu bekämpfen, meint auch Israel-Korrespondent Peter Münch in der Süddeutschen Zeitung:

„Kurzfristige Erfolge werden mit langfristigen Schäden bezahlt: Jeder Tote und jede Zerstörung lassen Hass und Hoffnungslosigkeit auf palästinensischer Seite wachsen. ... Wenn Israel seinen Sieg erklärt hat in Dschenin, dann wird keine Ruhe einkehren, sondern es werden weitere Militäreinsätze folgen - noch größer, noch härter, mit noch mehr Potenzial zur Eskalation an anderen Fronten von Gaza bis Libanon. Militärische Mittel drehen die Spirale der Gewalt weiter. Beenden kann die Gewalt nur eine politische Lösung.“

Peter Münch
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JUTARNJI LIST (HR)

Antwort auf palästinensische Angriffe

Der Militäreinsatz in Dschenin ist eine Folge der wachsenden Feindseligkeiten, analysiert Jutarnji list und zählt mehrere Angriffe auf Israelis auf:

„In den letzten Monaten kam es zu einem sprunghaften Anstieg in der Zahl der Zwischenfälle auf den Straßen des Westjordanlandes, vom Werfen von Steinen und Molotowcocktails bis zu Angriffen mit Schüssen. Seit Beginn des Jahres haben die Palästinenser 28 Israelis getötet und Ende Juni fand bei einer Tankstelle am Eingang der Siedlung Eli einer der schwersten Zwischenfälle statt, die Ermordung von vier jüdischen Zivilisten. ... Gestern wurden sieben Menschen verletzt, als ein Autofahrer Passanten in der Nähe eines Einkaufszentrums in Tel Aviv überfuhr und danach ausstieg, um die Zivilisten zu erstechen.“

Robert Bajruši
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KURIER (AT)

Beide Seiten brauchen neue Anführer

Israelis und Palästinenser sind in alten Mustern gefangen, findet der Kurier:

„Es gilt, endlich aus dem Teufelskreis auszubrechen und das Blutvergießen zu stoppen. Dazu braucht es aber mutige Schritte und auch neue, mutige Politführer, die nicht in den alten Mustern gefangen sind. Das aktuelle Personal? Schlimm: Auf der einen Seite ein 73-jähriger Langzeit-Regierungschef, der 1988 erstmals in die Knesset einzog, auf der anderen mit Mahmud Abbas ein 87-jähriger Präsident, der sich Neuwahlen beständig entzieht. Die beiden stehen nicht für Erneuerung und Hoffnung. Im Gegenteil, sie verspielen die Chancen ihrer Kinder und Enkel.“

Walter Friedl
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Samstag, 23. September 2017

Theodor Herzl

"Macht keinen Unsinn, während ich tot bin!"

Dieser Ratschlag von Theodor Herzl ist gewiss beherzigenswert. 

Gewiss kennt jeder eine ganze Reihe von Leuten, denen er ihn ins Stammbuch schreiben möchte. 
Gewiss war Herzl sich auch bewusst, dass sein Buch "Der Judenstaat" manchen dazu verleiten könnte, "Unsinn" zu machen. Und es haben sich auch viele dazu verleiten lassen. 
Doch wer von uns könnte behaupten, dass er nie Unsinn gemacht hätte. 
Die Tatsache, dass eine Partei einmal Unsinn gemacht hat, ist also gewiss kein guter Grund, sie nicht zu wählen. Freilich, manche Partei gibt schon eine gewisse Gewähr, dass sie mehr Unsinn als etwas anderes machen wird. Ich brauche keine Namen zu nennen. Die sollte man besser nicht wählen. 

Montag, 1. Mai 2017

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und anderer Kollektive

Das 19. Jahrhundert brachte einen Aufschwung des europäischen Nationalismus und eine Ausweitung des europäischen Kolonialismus.
Die Folgen waren vielfältig und widersprüchlich. In Europa entstanden neue Nationalstaaten zum Teil durch Einigungskriege, zum Teil als Ergebnis der Aufteilung der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich nach dem Ersten Weltkrieg.
Andererseits wurden in Afrika Territorien ohne Rücksicht auf historische Bindungen oder Sprachgrenzen unter den europäischen Staaten verteilt.
Bei der Aufteilung des Osmanischen Reiches wurde mit der Ankündigung einer nationalen Heimstätte für die Juden und der Förderung nationaler Hoffnungen bei den Arabern die Grundlage für den Nahostkonflikt gelegt, nicht nur der zwischen Juden und Palästinensern, sondern auch zwischen arabischen Selbstbestimmungsversuchen und den imperialen Plänen der europäischen Staaten (Sykes-Picot) sowie der USA.
Das 20. Jahrhundert brachte mit den beiden Weltkriegen den furchtbaren Beleg, welche Folgen fehlgeleiteter Nationalismus in Verbindung mit Rassismus haben kann, und den Versuch, diese Gefahren durch europäische Zusammenarbeit zu überwinden.
Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens und die Eurokrise zeigten freilich auf, dass die übernationalen Bindekräfte nur unzureichend entwickelt waren. Fehlende Solidarität mit der griechischen Bevölkerung und unzureichende wirtschaftliche Zusammenarbeit bewiesen die Fragwürdigkeit des Eurozonenkonzepts und beförderten die Abkehr von übernationalen Einheiten.

Mit dem Brexit stellt sich das Problem kollektiver Selbstbestimmung mit aller Schärfe.
Welches Kollektiv darf sich selbst bestimmen: das Vereinigte Königreich, Schottland, Irland oder gar die nordirischen Religionsgruppen?

Siehe auch:
Probleme der Gegenwart bzgl. des Selbstbestimmungsrechtes
Michael Lüders: Wer den Wind sät + Youtube

"Der gescheiterte Versuch, Baschar al-Assad zu stürzen, vor allem mit Hilfe 'guter' Dschihadisten, hat erst die Grundlage für den Siegeszug des IS in Syrien geschaffen. [...] Sein Erfolg erklärt sich durch das politische Vakuum im Irak und in Syrien, das er selbst jedoch nicht erschaffen hat." (Wer den Wind sät, S.99)
Mehr zu "Wer den Wind sät" hier


Samstag, 28. März 2015

Michael Lüders "Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet" (Der Nahostkonflikt im Zusammenhang)

Michael Lüders "Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet" 2. Aufl. 2015

Michael Lüders "beschreibt die Fehler und Skandale westlicher Politik mit dem Ausgangs-Sündenfall der Ermordung des iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh am 19. August 1953. Das wird die Flucht der bösen Tat werden, die nachfolgend weitere böse Taten produzierte und bis heute nicht beendet ist. Auch durch die totale Panzerung der westlichen Welt, die eines nicht versteht, obwohl sie von ihren christlichen Wurzeln her dazu prädestiniert wäre: Sie kann eigene Fehler nicht zugeben. Der Autor lässt kein Schlupfloch, wir im Westen halten uns immer für die Guten, sind es aber nicht. Denn wir führen weiter eine Kumpanei an mit dem Wahhabismus Saudi Arabiens, der im Grunde genauso schlimm ist wie Al Qaida und der IS. Wir folgen sklavenhaft und unerbittlicher der US-amerika-nischen Politik, obwohl eine eigenständige Politik Europas schon längst den arabischen Raum und Nordafrika hätte gewinnen und auch den Staat Palästina längst hätte begründen können." (Rupert Neudeck)
(zum Text der Rezension*)
*Neudeck stellt darin die provozierende Frage: "Betrachten wir ethische und völkerrechtliche Normen als universale oder müssen Palästinenser, Araber und Muslime hier und da Abstriche hinnehmen, auf Grund der von Deutschen eingerichtetes Todesfabrik Auschwitz?"

Auch wenn man sich mit der Geschichte des Nahen Ostens und des Islamismus schon auszukennen glaubt, kann man diesem Buch eine Fülle weiterer wichtiger Informationen entnehmen. So auch zu dem einen - zumindest vorläufig - erfolgreichen Ergebnis des Arabischen Frühlings, bei Tunesien (S.131-134).
Klarsichtig zeigt er auf, was der Westen durch seine Zerschlagung der diktatorischen Regime in Irak und Libyen für ein Chaos angerichtet hat, und weist er darauf hin, dass es den westlichen Staaten im Nahen Osten nicht primär um "freiheitliche und liberale Werte" geht, sondern um die Beibehaltung des Status quo ("In Wirklichkeit geht es selbstverständlich nicht um Werte, sondern um die Beibehaltung eines Status quo, der Washington und den Europäern nützlich erscheint." S.127) Er kann aber nicht glaubhaft vermitteln, weshalb in diesem Fall die Beseitigung des Status nicht zu solchen einem Chaos führen würde wie im Irak, in Libyen und in Syrien. Tunesien ist doch zu sehr ein Sonderfall. 
Wenn er am Beispiel Chinas darauf hinweist, dass es nicht unbedingt einer Reformation und Aufklärung bedarf, um Staaten zu wirtschaftlichen Erfolg zu führen (S.129), so muss er doch eingestehen, dass der Erfolg dort auch ohne Rechtsstaat erreicht worden ist, obwohl er doch den für notwendig hält. ("Dennoch sind nicht Reformation und Aufklärung  das entscheidende Kriterium für gesellschaftliche Entwicklung und Pluralität, sondern Rechtsstaatlichkeit." S.129)