„Da es schwierig ist, echte Propheten von falschen zu unterscheiden, ist es das beste, allen Propheten zu mißtrauen, es ist besser, auf offenbarte Wahrheiten zu verzichten, auch wenn sie uns wegen ihrer Schlichtheit und ihres strahlenden Glanzes begeistern, auch wenn sie uns bequem erscheinen, weil sie gratis zu haben sind. Es ist besser, sich mit anderen, bescheideneren und weniger beschwingenden Wahrheiten zu begnügen, jenen, die man mühsam erwirbt, allmählich und nicht auf Abkürzungswegen, durch Studium, Diskussion und Überlegung, Wahrheiten, die sich überprüfen und nachweisen lassen.“ (Primo Levi)
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Samstag, 1. August 2026
Samstag, 23. April 2022
Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst
Bei einem Kampf auf Leben und Tod wägt man nicht seine Worte. Wenn der ukrainische Andrij Melnyk Botschafter die deutsche Regierung scharf angreift, ist das also kein Wunder. Schon im August 2016 hatte er die deutsche Regierung um defensive Waffen gebeten.
Das Regiment hatte historisch seinen Sitz in Berdjansk im Süden der Oblast Saporischschja am Asowschen Meer, von dem sich auch der Truppenname ableitet.[25] Aktuell hat es seinen Sitz in Ursuf, Oblast Donezk.[26]"
Andrij_Bilezkyj "[...]Er war Kommandant des Regiments Asow. Zwischen 2014 und 2019 war er Mitglied der Werchowna Rada"
Freitag, 1. April 2022
Wurde Putin falsch informiert?
Im Krieg stirbt als ersten die Wahrheit. Meist auf beiden Seiten. Und zwar deshalb, weil genaue Kenntnis der Wahrheit dem Gegner einen Vorteil verschaffen könnte. Und das wollen natürlich beide Seiten vermeiden.
Mir der Überschrift "Wurde Putin falsch informiert?" suggeriert die FAZ (31.3.22), dass Putin falsch informiert wurde und in Kenntnis der Wahrheit wohl den Krieg schon abgebrochen hätte oder bald abbrechen wird.
Der vollständige Text steht hinter einer Zahlschranke. Was dort steht, weiß ich nicht.
Ich habe dieselbe Überschrift gewählt, denn sie erweckt Neugier. Oder hatte ich einen anderen Grund?
Im Krieg sterben oft auch einfache Wahrheiten, denn die Unsicherheit nimmt zu.
Montag, 6. September 2021
Wichtiger als die Wahrheit?
Wenn Presseleute mit Hilfswerken kooperieren, entstehen Konflikte zwischen dem Informationsinteresse und dem Interesse daran zu helfen. Dazu
Johannes Dietrich: Wichtiger als die Wahrheit FR 6.9.21
https://www.fr.de/politik/wichtiger-als-die-wahrheit-90962149.html
Aber nicht nur da gibt es diese Konflikte:
https://www.fr.de/suche/?tt=1&tx=&sb=&td=&fd=&qr=Wichtiger+als+dei+Wahrheit
In Lessings Nathan heißt es: "Für die Wahrheit alles auf das Spiel zu setzen: Leib und Leben, Gut und Blut." Das ist das Ethos des Journalismus.
Lessing lässt seinen Nathan nicht so handeln.
Dabei war Lessing doch der aufklärende, aufgeklärte Wahrheitssucher par excellence.
Er folgte sein Leben lang dem, was Camus im Mythos des Sisyphos beschrieben hat.
Nach dem Tod seiner Frau schrieb er:
Gestern liebt' ich,
Heute leid' ich,
Morgen sterb ich:
Dennoch denke ich Heut' und morgen
Gern an gestern.
Der genaue Zeitpunkt*, wann er dies Gedicht schrieb, das er als "Lied aus dem Spanischen" bezeichnete, ist mir freilich nicht einmal bekannt. -Wahrheit? Was wusste er über sein "morgen"? Doch hat er sicher viele Heute an dies Gestern gedacht. (Gestern war heute - Ingeborg Drewitz)
* "um 1780"
"Am 8. Oktober 1776 heirateten[15] er und Eva König in Jork bei Hamburg im Hause von Johannes Schuback[16]. Am Weihnachtsabend 1777 gebar sie den Sohn Traugott, der aber am folgenden Tag starb. Am 10. Januar 1778 starb auch Eva Lessing an Kindbettfieber."
Freitag, 6. August 2021
Streitkultur: Über den Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen.
"Wir leben in einer kulturellen Umbruchszeit. In rasanter Geschwindigkeit zerfällt, was bisher gewiss schien. Überkommene Wertorientierungen, Geschlechterrollen und Identitäten werden in Frage gestellt, neue Identitäten kämpfen um ihre Anerkennung. Wer kann mit welchem Recht noch beanspruchen, zu wissen, was als wahr, richtig, gut, fortschrittlich, nachhaltig gelten kann? Welche Sprech- und Verhaltensformen setzen sich durch? Wie viel politisch Unkorrektes ist noch erlaubt? [...]
Zwar können und sollten wir uns selbstkritisch fragen, ob wir Anderen mit bestimmten fragwürdigen Vorurteilen begegnen, die sich vermeiden ließen. Wenn wir aber vernünftige Gründe für die Annahme haben, dass Andere ihrerseits fragwürdigen Vorurteilen folgen, können wir dem nicht dadurch sinnvoll begegnen, dass wir uns entspannt der Weisheit überlassen, jeder habe eben seine eigene Perspektive. Die humane Toleranz findet ihre Grenze dort, wo humane Basiswerte verletzt werden. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns mit Streitkultur über die in Frage stehenden Tatsachen und Bewertungen auseinanderzusetzen."
(Die Stunde der Streitkultur von Gunzelin Schmid Noerr FR 6.8.21)
sieh auch:
Wie schafft man die notwendigen Veränderungen?
Montag, 24. Februar 2020
Wer kann bestimmen, was Rassismus ist?
"Selbst der rassistischste AfD-Wähler wird nie die Drohung erfahren, aus diesem Land ausgeschlossen zu werden. Immer werden Politiker der sogenannten Mitte sagen, man muss auch seine Sorgen anhören. Diese Sicherheit des Dazugehörens fehlt Deutschen nichtweißer Hautfarbe. Und wenn wir uns mit unseren Werten ernstnehmen, wenn wir also wollen, dass die Schönheit des ersten Satzes unserer Verfassung zugleich auch eine Wahrheit ist, dann schulden wir es ihnen, diese Sicherheit zu schaffen. Jetzt. Bedingungslos. Für immer." (Rassismus: Bedingungsloses Zuhören)
Meine Behauptung: Wer von Rassismus betroffen ist, merkt es.
Andere können das nicht unmittelbar nachvollziehen, denn menschliche Wahrheit* ist immer subjektiv.*
Wie komme ich darauf?
Ernst Tugendhat hat einmal gesagt: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen."
Das hielt ich für eine sehr berechtigte Aussage, bis mir auffiel, dass nach dem Holocaust manches, was ich, ein Deutscher, für wahr halte, für einen Holocaustüberlebenden nicht nur grundfalsch sein, sondern eine schwere Verletzung bedeuten kann.
Wahrheit ist also so subjektiv, dass meine Wahrheit zwar sinnvoll in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden kann, nicht aber einem Holocaustüberlebenden ins Gesicht gesagt werden kann, ohne ihn tief zu verletzen.
Was hat das mit der Begriffsbestimmung von Rassismus zu tun?
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Wenn Personen von Antisemitismus betroffen sind, ist das für sie eine schwere Verletzung. Dass sie von Antisemitismus betroffen sind, ist ihre Wahrheit.
Wenn die Regierung Israels als Betroffene bestimmen könnte, was Antisemitismus ist, könnte sie jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus bezeichnen und damit die innerisraelische Opposition zu Antisemiten erklären.
Das ist nahe an dem, was gegenwärtig in der Türkei geschieht, wo (weitestgehend) vorurteilsfreie Berichterstattung als Spionage deklariert und als solche bestraft werden kann.
Zu Recht wird der Begriff Rasse als obsolet bezeichnet. Wenn jemand wegen seiner äußerlichen Merkmale abgewertet wird, indem man ihn einer angeblich minderwertigen "Rasse" zuordnet, verdient er daher unsere Solidarität.
Wenn Bangel aber behauptet, nur die Angegriffenen verstünden, was Rassismus ist, begeht er meiner Meinung nach einen Fehler. Er hat Recht damit, dass nur der Angegriffene beurteilen kann, wie verletzend Rassismus ist.
Denn nur in Ausnahmefällen (z.B., wenn man einen Menschen sehr liebt) wird man Verletzungen, die einem anderen zugefügt werden, genauso stark - oder gar stärker - empfinden als die, die einem selbst zugefügt werden. [Folterer versuchen, weil es diese Fälle gibt, gelegentlich, wenn sie die Gefolterten nicht brechen können, ob es ihnen über die Folter ihrer Angehörigen gelingt ihr/ihm ihren Willen aufzuzwingen.]
Hans Magnus Enzensberger hat dazu einmal dem Sinne nach gesagt: Jedem steht der eigene Zahnschmerz mehr weh als das Leid der vielen Millionen auf der Welt.
Deshalb haben die Angegriffenen aber noch nicht das Recht, für die Gesellschaft zu definieren, was Rassismus sei. Dass muss m.E. im gesamtgesellschaftlichen Diskurs geschehen.
Wenn z.B. Menschen in Deutschland Chinesen ausweichen und auf die andere Straßenseite wechseln, weil sie fürchten, von ihnen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, dann ist das in den meisten Fällen eine übertriebene Angstreaktion.* Weil es von den Chinesen aber als Rassismus empfunden werden kann, ist es ein angemessener Ausdruck von Solidarität, auf sie zuzugehen und sie besonders freundlich zu grüßen. (Bei Twitter habe ich einen solchen vorbildlichen solidarischen Akt dokumentiert gesehen.)
Aber wer seine übertriebene Angst nicht überwinden kann, ist deshalb noch kein Rassist, auch wenn sein Verhalten von Menschen, die öfter Rassismus erfahren haben, nahe liegender Weise so gedeutet werden wird.
Die völlig inakzeptablen Beleidigungen von Renate Künast könnten (zumindest theoretisch) subjektive Wahrheiten der Beleidiger sein.
Die Unterscheidung zwischen "Wahrheit" und "Beleidigung" kann aber nicht allein beim Beleidigten und schon gar nicht bei dem, dessen Äußerung als beleidigend empfunden wurde, liegen. Sie muss innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Rahmens intersubjektiv geschehen. Entsprechendes gilt für rassistische Äußerungen und nicht-rassistische.
Im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes haben Richter einen Ermessensspielraum, im Rahmen der Gesetze darüber zu entscheiden, was so rassistisch ist, dass es diskriminierend oder gar beleidigend ist. (Andererseits kann solch ein Urteil angefochten werden und öffentliche Urteilsschelte geübt werden. Was zum Glück relativ häufig geschieht.) Ihre Empathie wird immer eine menschlich beschränkte sein. Deshalb kann Rechtsprechung immer nur Annäherung an Gerechtigkeit sein. Für die Fälle, wo sie zu weit davon entfernt ist, gibt es die genannten Korrekturmöglichkeiten, so unvollkommen sie bleiben.
Um auf den Schluss des oben angeführten Artikels aus der ZEIT einzugehen:
Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist keine Wahrheit, sondern ein Postulat, das aufgestellt worden ist, weil sie im NS-Staat millionenfach in unerträglicher Weise missachtet worden ist. Der Auftrag des Grundgesetzes ist: "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Bedingungslose Sicherheit der Menschenwürde zu garantieren geht über die Möglichkeit jeder empirisch feststellbaren Staatsgewalt hinaus. "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die ist meine Ansicht. Doch wichtiger ist Karl Jaspers Ermahnung:
* Für westliche Ohren mag das befremdlich klingen, nicht aber für asiatische Philosophie.
* Vgl. D. Bonhoeffer: Was heißt die Wahrheit sagen?
* Mit Angst nichts zu tun hat folgender Vorgang, den ein Spanier aus der S-Bahn berichtet: Bin leicht erkältet, muss niesen. Typ neben mir steht auf, setzt sich weg, funkelt mich böse an und zischt: "Dreckiger Scheiß-Italiener! Dich haben Sie wohl vergessen, wegzusperren?"
Wenn man so etwas nie selbst erlebt hat, fällt Einfühlung natürlich sehr viel schwerer, als wenn man es aus eigener Erfahrung kennt.
Samstag, 30. November 2019
Klimaprognosen und Genauigkeit
Deshalb sind sind Prognosen für das Weltklima äußerst unsicher, weil die beeinflussenden Faktoren und ihre Wechselwirkungen extrem hoch sind.
Dazu hat hat Hans Jonas in "Das Prinzip Verantwortung" schon 1979 formuliert:
- "Eben diese Ungewißheit (..) muß selber in die ethische Theorie einbezogen und ihr zum Anlaß eines neuen Grundsatzes genommen werden (..). Es ist die Vorschrift, primitiv gesagt, daß der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu geben ist als der Heilsprophezeiung." S. 70
- „'Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden'; oder negativ ausgedrückt: 'Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens'; oder einfach: 'Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden';
Dazu vgl. auch: Komplexe Wahrheiten - Die Homogenisierung der Klima-Berichterstattung ist ein Problem Kommentar Axel Bojanowski Übermedien 20. September 2019
Dort hatte er freilich noch deutlich vorsichtiger formuliert: "Nur wenn wissenschaftliche Daten weder verfälscht noch verleugnet werden, wird sich die Gesellschaft vernünftig auf den Klimawandel vorbereiten können."
Weshalb hat er sich jetzt für eine so viel fragwürdigere Formulierung entschlossen? Weil gegenwärtig die Bereitschaft, den menschengemachten Klimawandel abzubremsen zugenommen hat?
Mittwoch, 7. Oktober 2015
Wahrheit und Propaganda
Samstag, 10. Januar 2015
kindliche Redefreiheit
Da gibt es eine Parallele zur Satire (vgl. mein voriger Beitrag): Wenn es keine anderen Mittel gibt, sich gegen Unterdrückung zu wehren, darf Satire alles. Aber solange es andere Möglichkeiten gibt, gilt Verhältnismäßigkeit der Mittel.
Sonntag, 19. Januar 2014
Wie steht es mit der Ökumene?
Anders gesagt: Die Wahrheit kann - menschlichen Ermessens nach - nicht die einer bestimmten Konfession, nicht die eines bestimmten Gurus sein. Allenfalls kann sie die Meinung aller Religionen, Konfessionen, Denominationen und Gurus einschließen.
Synkretistisch ist sie aber bestimmt nicht, denn ...
Ach was: Weltformel, Nirwana, Himmel, alles könnte dasselbe sein.
Samstag, 19. Oktober 2013
Wahrheiten
"Jeder hat das Recht auf meine Meinung." (Volksmund)
Freitag, 12. Juli 2013
Ein Erfahrungssatz
Wer will kommentieren?
Mittwoch, 7. November 2012
Wir alle wissen, dass Kunst nicht die Wahrheit ist
Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit. (F. Schiller)
Jeder freie Mensch ist kreativ. Da Kreativität einen Künstler ausmacht, folgt:
nur wer Künstler ist ist Mensch. ... Jeder Mensch ist ein Künstler. (Joseph Beuys)
Was ist Kunst?
Donnerstag, 5. April 2012
Wahrheit
Daüber lässt sich streiten.
Freilich gibt es laut Grundgesetz ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber es hat seine Vorzüge, wenn man seine Meinung nicht für die Wahrheit hält.
Martin Walser (ZEIT vom 12.4.12) spricht vom "Leben des Schriftstellers im Reizklima des Rechthabenmüssens".
Dazu von mir:
Ein Schriftsteller sollte die Möglichkeit haben, - wie etwas Schiller im "Wallenstein" - seine Wahrheit darzustellen.
Im politischen Bereich ist die Position des Sehers, der eine höhere Wahrheit vertritt, gefährlich. Da sollte auch der Dichter nur seine Meinung vertreten.