"An das eng geschnittene Oberteil schloss sich meistens ein weiter, faltenreicher Rock an, der bis über die Füße fiel. Meliurs Kleid 'legte sich eng an und spannte über ihren Armen und ihrer Brust. Unten war es zur Freude so weit geschnitten, dass um ihre Füße viele Falten lagen.' [...] Besonders effektvoll ist dieser Gegensatz im späteren 13. Jahrhundert von Konrad von Würzburg herausgearbeitet worden. 'Die Schöne trug ein Hemd aus Seide auf ihrem Körper, wie nie einer Frau ein Kleidungsstück gepasst hat. Es war fein, wie ich gehört habe, so dass man ihre weiße Haut – die war wie eine blühende Pflanze – hindurchscheinen sah. Mit Goldfäden war ihr Körper an den Seiten darin eingeschnürt. Man sah ihre zarten Brüste unter dem schönen Kleid zierlich hervortreten, als ob es zwei Äpfel wären.' [...] 'Das Hemd war nach einem ungewöhnlichen Schnitt gearbeitet und passte sich so eng ihrem herrlichen Körper an, dass man geschworen hätte, dass die Liebliche oberhalb des Gürtels nackend und ganz entblößt wäre.' Zuletzt wurde die Schleppe geschildert: 'Dadurch büßte aber die Schleppe nichts von ihrer Schönheit ein; man konnte sie gut sehen mit / ihren vielerlei Falten.' Die Vorstellung, dass man durch den feinen Stoff den nackten Körper sehen konnte, hat bei den Dichtern dieser Zeit ein vielfältiges Echo gefunden." (Lebendiges Mittelalter, hg. von Brigitte Hellmann, dtv 1995, S.168/169)
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Sonntag, 1. August 2021
Freitag, 30. Juli 2021
Roger von Wendover über Kaiser Friedrich II.
Roger von Wendover: Flores Historiarum Eine Weltgeschichte kompiliert aus vielen Autoren.
Wertvoll ist sein eigener zeitgenössischer Bericht von 1215-1235.
Textauszug
"In diesem Jahre kamen im Monat Februar zwei Tempelritter, von Kaiser Friedrich geschickt, mit anderen Rittern und Gesandten zum König [Heinrich III.] von England nach Westminster und brachten einen mit einer goldenen Bulle versehenes Schreiben, in dem der Kaiser Isabella, die Schwester des Königs, zur Ehe verlangte. [...] als nun die Gesandten um die Erlaubnis baten, die Prinzessin zu sehen, schickte der König vertrauenswürdige Boten in den Turm von London zu seiner Schwester, die dort unter wachsamer Obhut gehalten wurde. Diese führten sie ehrfurchtsvoll nach Westminster und stellten in Gegenwart des Königs die schöne Prinzessin, die einundzwanzig Jahre zählte, in blühender Jugend erstrahlte und mit königlichen Gewändern sowie durch entsprechende Sitten geschmückt war, den kaiserlichen Gesandten vor. Nachdem sich diese einige Zeit an ihrem Anblick erquickt und sie des kaiserlichen Bettes in allem für würdig erachtet hatten, bekräftigten sie im Namen des Kaisers den Ehebund durch einen Eid und boten ihr seitens des Kaisers den Verlobungsring. Nachdem sie ihr diesen an den Finger gesteckt hatten, begrüßten sie sie als Kaiserin des römischen Reiches mit dem gemeinsamen Rufe: "Es lebe die Kaiserin! sie lebe!"
Als nun die Gesandten darauf in aller Eile das, was geschehen war, dem Kaiser durch treue Vermittler mitgeteilt hatten, schickte dieser nach dem Osterfest [8. 4.] den Erzbischof [Heinrich] von Köln und den Herzog [Heinrich II von Brabant] von Löwen in Begleitung vieler Edlen nach England, die ihm die Kaiserin in ehrenvolle Weise zuführen sollten, damit das bereits geschlossene Ehebündnis durch die fleischliche Erkennung vollzogen werde." (Lebendiges Mittelalter, hg. von Brigitte Hellmann, dtv 1995, S. 74)
Zu der Zeit, als die Kaiserin nach Köln kam, war der Kaiser in kriegerische Unternehmungen gegen seinen Sohn [Heinrich (VII.), den König von Deutschland] verwickelt. Der Vater hatte aber einen so zahlreiches Heer gegen den Sohn zusammengebracht, dass er zu gleicher Zeit zehn Burgen belagern konnte.[...] Sobald der Kaiser also jenen in strenge Haft gebracht hatte, schickte er nach der Kaiserin, auf dass sie zu ihm komme, nachdem sie sechs Wochen in Köln zugebracht hatte. Der Erzbischof [Heinrich] von Köln, der Bischof [Wilhelm] von Exeter und die übrigen zur Begleitung der Kaiserin Abgeordneten machten sich mit ihr auf dem Weg und brachten sie nach einer Reise von sieben Tagen mit allen hochzeitlichem Prunk und Jubel zum Kaiser. [...] Gefiel sie ihm schon bei dem leiblichen Anblick, so noch viel mehr in den Freuden des Ehebettes, wo er sie als reine Jungfrau erkannte, und als er ihren Charakter kennen lernte und sie hervorragend und mit der Gabe anmutiger Beredsamkeit ausgestattet fand. [...]
In der ersten Nacht aber, in der der Kaiser mit ihr schlief, wollte er sie nicht fleischlich erkennen, bevor ihm nicht die geeignete Stunde von den Astrologen angezeigt wäre. Nachdem aber der Beischlaf in der frühen Morgen Stunde vollzogen worden war, gab er sie als Schwangere unter sorgfältige Obhut mit den Worten: "Gib weislich acht auf dich, denn du hast einen Knaben empfangen!" Und dasselbe meldete er als eine Tatsache dem König von England, ihrem Bruder, durch den Bischof von Exeter und den Magister Johann von St. Aegidius, einen Predigerbruder. Und so geschah es, denn sie gebar einen Sohn namens Heinrich." (S. 77/78) [freilich erst drei Jahre später]
"Nachdem dann also fast alle Leute beiderlei Geschlechts, die am Hofe der Kaiserin in ihrer Heimat erzogen und ausgebildet worden waren, nach England zurückgeschickt worden waren, übergab der Kaiser die Kaiserin mehreren maurischen Eunuchen und ähnlichen alten Ungetümen zur Obhut." (Lebendiges Mittelalter, S.79)
Heinrich war als römisch-deutscher König mit den nördlich der Alpen herrschenden Traditionen des Konfliktverhaltens aufgewachsen; Friedrichs harte, unbeugsame Haltung hingegen entsprach der Mentalität im normannischen Königreich. Im Reich nördlich der Alpen wurden seit der Ottonenzeit Streitigkeiten mit rituellen Unterwerfungen gütlich beigelegt.[77] Im Königreich Sizilien ging es weniger um Ausgleich mit den Adligen, sondern der Herrscher musste unnachgiebig seinen uneingeschränkten Machtanspruch durchsetzen. Nach dieser Sichtweise führte nur erbarmungslose Härte zu Frieden und Stabilität.[78] Die kaiserliche Strenge versuchte Matthäus Paris damit zu rechtfertigen, dass der Sohn in dieser Situation die Ermordung des Vaters geplant habe.[79]
Ebenfalls in Worms fand einige Tage nach Unterwerfung des Sohnes am 15. Juli Friedrichs Hochzeit mit Isabella, der Schwester des englischen Königs Heinrich III., statt. Seine zweite Frau Isabella von Brienne war 1228 verstorben. An den prächtigen Hochzeitsfeierlichkeiten in Worms nahmen vier Könige, elf Herzöge und dreißig Grafen und Markgrafen teil.[80] [...]
Friedrich hatte mit mindestens 13 Frauen wenigstens 20 Kinder. [...] Die dritte eheliche Verbindung ging der mittlerweile vierzigjährige Friedrich 1235 in Worms mit der einundzwanzigjährigen Isabella von Plantagenet ein. Sie war die Schwester König Heinrichs III. von England und Tochter des verstorbenen englischen Königs Johann Ohneland. Isabella brachte zahlreiche Reichtümer in die Ehe ein. Die Mitgift belief sich auf die enorme Summe von etwa sieben Tonnen Silber.[119] Nach der Hochzeit verschwand Isabella aus der Öffentlichkeit. Matthäus Paris behauptet, Friedrich habe „die Kaiserin mehreren maurischen Eunuchen und ähnlichen alten Ungetümen zur Obhut“ gegeben.[120] Mit Isabella hatte Friedrich etwa Ende 1236 eine Tochter namens Margarete und einen Sohn, den im Februar 1238 geborenen Heinrich (auch Carlotto oder Zarlotto genannt). Isabella verstarb möglicherweise an einer Fehlgeburt am 1. Dezember 1241 nach sechsjähriger Ehe in Foggia. Das Mitte der 1240er Jahre geplante Heiratsprojekt mit Gertrud von Österreich, mit dem sich der Kaiser die Unterstützung eines wichtigen Fürsten sichern wollte, scheiterte wohl an Friedrichs Exkommunikation.[121] Ebenso blieb der Plan einer Ehe mit Jutta von Sachsen unausgeführt. Diese eheliche Verbindung hätte Friedrichs Stellung im Norden des Reiches erheblich gestärkt. Im Jahr 1245 oder vielleicht erst 1248 heiratete Friedrich seine langjährige Geliebte Bianca Lancia, um die Anzahl seiner legitimen Nachkommen und möglichen Nachfolger zu erhöhen.[122]"
Dienstag, 8. September 2020
Briefe von Nonnen aus Kloster Lüne
Die Professorin Eva Schlotheuber hat im Kloster Lüne 1800 Briefe von Nonnen, gefunden, die von ihren internationalen Verbindungen zeugen und in denen ihr Kampf gegen die Auflösung des Klosters im Zuge der Reformation dokumentiert ist.
Die Nonnen waren erfolgreich und konnten - obwohl sie das Bekenntnis gewechselt haben - ihre Gemeinschaft bewahren. Heute ist Kloster Lüne ein evangelisches Damenstift mit einer Äbtissin als Leiterin.
Videos:
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/die_briefbuecher?nav_id=9254
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/die_rolle_der_frau?nav_id=9255
Beispieltext:
Nonnen im Kloster Lüne an einen weltlichen Gönner 10. Juli, vor 1508
http://diglib.hab.de/edoc/ed000248/start.htm
Unse fliteghe ynnighe ghebed to Gode dem heren vor juw to allentyden! Erßamen vorsichtighen leven heren unde guden frunde, wy gheystliken kyndere be [Lage 05, fol. 15r] dancken juwer erßamheyt aller gunst unde woldath, by uns bewiset manichworve, dat God van hemmel dusentvolt wedder belonen mote, hir dorch syne gnade unde namals myd der ewighen glorien! Erßamen leven heren unde groten vrunde, so juwer erßamheyt wol bewust iß, dat wy langhe tyd hebbetabekummert wesen, dat wy noch eyn dormitorium mochten krighen, des wy ser bederff hebbenb.1 Also heft unse werdighe here, de provest,2 dar groten vlid anghelecht unde ist darna myd ghantzen truwen, dat he unse begheer darane moghe vorvullen und us soden late buwen, des syn werdicheyt [Lage 05, fol. 15v] den nenerleye wys kan vullenbringen ane hulpe juwer erßamheyt. Worumme iß unse othmodighe, fruntlike bede, dat gy to der ere Godes unde umme sundergher leve unde fruntschop willen, dar wy myd juwer erßamheyt ane vorbunden synt, uns willen teyndusent steyns to hulpe gheven, angheseyn, dat wy negest dem almechtigen Gode unde syner benedieden moder al unsen trost to juwer erßamheyt settet unde heft soden seker tovorsicht to juw, dat gy uns nenerleye wys kont effte moghet vorweygheren, wes wy van juwer erßamheyt byddet. Erßamen leven heren, wolde gy umme de leve Godes unse bede twiden unde uns hirmede to hulpe komen, so dat wy [Lage 05, fol. 16r] unse anghehaven buw moghen vormidddest juwer hulpe to enen guden ende bringhen, upp dat unse werdighe here, de Provest, nenen hoͤn effte spot dorve lyden van den luden, de den villichte wol wolden segghen, wan wy steyns gebreck hedden: „Ecce hic homo cepit edificare et non potuit consummare.“3 Soden spot konde wy nichtc wol d vordregen unde lyden, wes wy uns van juwer erßamheyt hir ane vorhopen moghen, bydde wy demodigen eyn richtich, fruntlick antwortd. Dat vordene wy alle tyd gherne wedder by Gode den heren, myd allen vlite juwer erßamheyt to byddende suntheyt unde salicheyt lyves unde der sele, welkere juw vorlenen mote de vader unde de son unde de hilge geist. Amen. Datum Lune am dage septem fratrum.
Montag, 11. Februar 2019
Samstag, 31. März 2018
Kulturbruch zwischen Antike und Mittelalter?
Mir ist das freilich zu detailliert und nicht grundsätzlich genug. Es gab einen Kultur- und Zivilisationsbruch am Übergang von der Antike zum Mittelalter.
1. weil das weströmische Reich zusammenbrach
Deshalb fehlte die zentrale Organisation, die genügend Kapital und Arbeitskräfte bereitstellen konnte, die Infrastruktur auf dem gesamten Reichsgebiet aufrechtzuerhalten.
Außerdem führte das dazu, dass die Einheit der Kirche verloren ging. Das Schisma von 1054 stand an Ende eines längeren Prozesses. (Eine umfassende Einheit der Kirche hatte es freilich schon sehr früh nicht mehr gegeben: Ende der Urgemeinde um das Jahr 50.)
2. weil mit der Entstehung der römischen Staatskirche die Autorität der heidnischen Wissenschaft nachhaltig infrage gestellt wurde.
Interessanterweise wurden auf oströmischen Gebiet, wo das Reich seine Kontinuität behielt, die antiken Schriften sehr viel besser überliefert als im Westen, ja sogar sehr erfolgreich an das arabische Kalifat weitergegeben. So konnte in der Renaissance nicht nur an die Weiterentwicklung des antiken Denkens im byzantinischen Reich, sondern auch an die in den arabischen Kalifaten angeknüpft werden.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Autorität des Aristoteles im Mittelalter umfassender galt als in der Zeit der konkurrierenden Wissenschaftsschulen in der Antike. So galten die Aussagen der aristotelischen Schriften als beweiskräftiger als die Beobachtungen in der Wirklichkeit.
Einen in mancher Weise vergleichbaren Kulturbruch hat es mit dem Ende der Sowjetunion gegeben:
Ende der Autorität des Marxismus-Leninismus auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen SU und Ende des Warschauer Paktes und der russischen Hegemonie insbesondere in großen Teilen Osteuropas.
Wegen des Fortbestandes der Herrschaft der kommunistischen Partei ist der Umbruch in China (trotz des Abweichens vom Maoismus) zwar nicht so radikal, doch wegen der sehr erfolgreichen Einführung privatkapitalistischer Strukturen ist er aber weltwirtschaftlich noch folgenreicher.
Die Vorstellung, im Mittelalter sei die zivilisatorische und wissenschaftliche Entwicklung zusammengebrochen, ist freilich oberflächlich. Was wegen der Autorität der Kirche erschwert war, war der wissenschaftliche Austausch und der Ideenwettbewerb. Dies Phänomen ist freilich bei allen Reichsbildungen zu beobachten und gilt in mancher Hinsicht auch im Bereich der us-amerikanischen Hegemonie (insbesondere im Bereich der Wirtschaftswissenschaften).
Sonntag, 18. März 2018
Vom Mittelalter zum Humanismus: Ambraser Heldenbuch
Donnerstag, 21. Mai 2015
Inwiefern war im Mittelalter die Krönung des Kaisers durch den Papst ein Problem?
2. Der Weg ist weit. - Dazu kommt aber auch: Wer Kaiser werden wollte, musste den Weg nach Rom sichern können, d.h. er musste die regionalen Mächte unterwerfen oder zumindest ihrer wohlwollenden Neutralität sicher sein oder sich den Weg mit einem starken Heer freikämpfen. Insbesondere musste er sich mit den Herrschern Roms auseinandersetzen, die ihrerseits versuchten, den Papst zu kontrollieren.
Beim ersten Fall einer Kaiserkrönung im Mittelalter - bei der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 - bestand noch das Problem, dass Karl durch seine Krönung das Privileg des oströmischen Kaisers, der einzige Kaiser und damit der weltliche Herr der Christenheit zu sein, beseitigte.
Zwar fanden die beiden Kaiser einen Weg, miteinander auszukommen. Otto II. heiratete dann sogar eine byzantinische Prinzessin (Theophanu), aber eine Kränkung für den oströmischen Kaiser blieb der westliche Kaiser dennoch.
Außerdem kam es wegen der zwei Kaiser auch zur Spaltung (Schisma) der Kirche in orthodoxe und römisch-katholische Kirche.
Diese Spaltung war die Voraussetzung dafür, dass christliche (römisch-katholische) 1203 Konstantinopel angriffen, es weitgehend zerstörten und ein lateinisches Kaiserreich auf oströmischem Boden begründeten. Obwohl das bald wieder bedeutungslos wurde, war die militärische Stellung Ostroms dadurch dauerhaft geschwächt.
Der Spezialist für Kreuzzüge und das Oströmische (oder byzantinische) Reich Steve Runciman hat in dieser Schwächung von 1203 die Hauptursache dafür gesehen, dass das oströmische Reich von den Osmanen erobert werden konnte.