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Donnerstag, 24. September 2026

Judenverfolgung

 Holocaust am Starnberger See

"[...] Der Dachauer Außenlagerkomplex Mühldorf liegt etwa 70 Kilometer östlich von München und besteht aus mehreren Lagern mit rund 8.000 Häftlingen. In den ersten Wochen muss Sigi im berüchtigten »Waldlager« schuften, in dem die Häftlinge in Iglu-artigen Hütten auf dem Boden schlafen und es keine Sanitäranlagen gibt. Später wird er ins Lager Mettenheim überstellt. Die Nationalsozialisten lassen hier eine gewaltige unterirdische Fabrik zur Montage von Militärflugzeugen der Firma Messerschmitt errichten, Deckname »Weingut I«. Die Häftlinge müssen einen Betonbogen bauen, auf dem später Bäume zur Tarnung gepflanzt werden sollen. Sie schleppen 50-Kilo-Zementsäcke, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, dafür erhalten sie täglich einen Liter Suppe und einen Viertel-Laib Brot. Immer wieder fallen Häftlinge vor Erschöpfung in den nassen Beton und versinken. Die durchschnittliche Überlebensdauer beträgt nur wenige Monate. »Obwohl unser KZ klein war, gab es ein Dutzend Tote jeden Morgen«, erzählt Dan Golomb in Seeshaupt.

Dass er selbst nicht dazugehörte, erklärt er sich später damit, dass er an vielen Tagen, statt auf der Hauptbaustelle zu arbeiten, dem »Sonderkommando« zugeteilt war, das die Leichen abtransportierte. Das war furchtbar, aber weniger anstrengend.

Sigi Golomb ist gegen jede Wahrscheinlichkeit am Leben geblieben. Noch in den letzten Tagen vor seiner Befreiung übersteht er einen Luftangriff der Alliierten, die den Todeszug aus Mühldorf für einen Militärtransport halten. Als US-Soldaten am 30. April 1945 im Seeshaupter Bahnhof die Waggons öffnen, zählen sie mindestens 63 Leichen. Viele, die noch leben, sind so geschwächt, dass sie die nächsten Wochen nicht überstehen. Ein zweiter Zugteil strandet in Tutzing und wird dort befreit.

Jahrzehntelang schweigt Golomb über das Erlebte. Nach dem Krieg geht er zurück nach Jugoslawien, beendet die Schule und beginnt in Belgrad, physikalische Chemie zu studieren. 1948 zieht es ihn nach Israel, wo er seinen verhassten Vornamen ablegt. Als Dan Golomb setzt er nach dem Militärdienst sein Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem fort; 1958 wird er promoviert. In Israel lernt er auch seine spätere Frau kennen, mit der er in die USA auswandert. Viele Jahre arbeitet er dort in einer Forschungsstelle der Luftwaffe, bevor er Forschungsdirektor der noch jungen nationalen Umweltschutzbehörde in Washington wird. Spezialisiert auf Luftveränderungsprozesse und deren Folgen, wechselt er später ans Polytechnikum in Cambridge.[...]"

Mittwoch, 14. Juni 2023

Holocaustgedenken

 https://www.spiegel.de/geschichte/auschwitz-gedenken-ehemalige-kz-haeftlinge-bauten-museum-auf-a-1013096.html

Aufbau eines Holocaustmuseums durch ehemalige KZ-Häftlinge ab1946: 


"[...] Noch bevor Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager befreiten, hatten Häftlinge Pläne geschmiedet, "aus dem Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau ein Denkmal für das Leiden des polnischen Volkes zu machen", wie der ehemalige Gefangene Jacek Marecki berichtete. Als die Rote Armee das ehemalige KZ-Gelände Ende 1945 an Polen zurückzugeben plante, hielten einige Überlebende die Zeit für ein Museum gekommen. [...]"

Sonntag, 30. April 2023

Boris Palmer sorgt mit rassistischen Äußerungen für Eklat

 Boris Palmer sorgt mit rassistischen Äußerungen für Eklat

"Bei einer Veranstaltung der Universität Frankfurt hat Palmer mehrmals das N-Wort benutzt. Kritik daran verglich er mit der Verfolgung von Juden während der NS-Zeit." ZEIT 29.4.2023

 Aus den Kommentaren: Que Che

"Palmer ist ein narzistisches A-Wort. Geschenkt.
Der Grund warum er trotzdem schon dreimal gewählt wurde, ist aber das es einen Aspekt bei seinen Provokationen gibt, der bei vielen Menschen Sorge auslöst.
Menschen nicht zu beleidigen und bestimmte Worte die vielleicht mal als ok galten, nicht mehr zu benutzen, weil sie als beleidigend verstanden werden, da sind die meisten Menschen wohl dabei.
Aber Worte tatsächlich als „unsagbar“ zu brandmarken, egal in welchem Kontext, da gruselt es mich. Nicht wegen dem Wort, sondern weil 
undifferenzierte Gebote und Urteile tatsächlich ein Merkmal von Diktaturen und dogmatischen Ideologien sind.
Anstatt daran zu arbeiten, wie wir es schaffen können, das eigentliche Problem hinter Rassismus und jeder anderen Form von Diskriminierung zu lösen, schafft man damit das Gegenteil: Angst, Polarisierung und am Ende Hass.
Wo das hinführt, wenn man Sprache bereinigt, aber das Problem ignoriert, kann man in den USA sehen." 

(ZEIT  29.4.2023 Kommentare)

Dazu:

"Palmer ist ein narzistisches A-Wort. Geschenkt." 

Der Kommentator beleidigt Palmer in einer sprachlich-gedanklich grotesken Form Form. (Wer ist ein Wort?)  Dadurch passt er sich der von Palmers Gegnern (scheinbar?) geforderten Redeweise an und ironisiert sie gleichzeitig. Captatio Benevolentiae nannte man das in der Antike (wobei er sich gleichzeitig davon distanziert). Ich besinne mich daran, in der Zeit der 68er meine Redeweise an den gängigen Jargon angepasst zu haben, damit meine Argumente überhaupt erst angehört wurden. Ein fragwürdiges Verfahren, wenn man später kontextfrei zitiert wird (daher seine gleichzeitige Distanzierung).

Sein Argument scheint mir beachtenswert. Das Phänomen Boris Palmer ist ambivalent. So wie es die 68er Studentenbewegung auch war. 

Die Frage ist, welche Widerständigkeit die bessere Rechtfertigung hat. Oder darf man schon gleich auf die Folgen der jeweiligen Widerständigkeit hinweisen? 

Welcher Lernprozess wird in der breiteren Öffentlichkeit durch diese Art von (Nicht-)Kommunikation in Gang gesetzt? Wer ist dafür verantwortlich? Fontanefan. 

Samstag, 16. Mai 2020

Antisemitismus ein komplexes Phänomen

Zu dem sehr komplexen Thema Antisemitismus gibt es drei neuere Publikationen, die am 16.5. in der Frankfurter Rundschau besprochen wurden: 
Christian Thomas: ANTISEMITISMUS. Jude in Deutschland 16.5.20 FR
Es wird deutlich, dass das Thema Antisemitismus sehr komplex ist und dass es äußerst schwierig ist, ihn zu bekämpfen, ohne das Missfallen derer zu erregen, die eine andere Art der Bekämpfung für sinnvoller halten.
Daniel Barenboim hat mit dem West-Eastern-Divan-Orchestra viel dazu beigetragen, dass Juden und Araber, Israelis und Palästinenser bei der gemeinsamen Arbeit an Musik, die ihnen gefällt, zueinander finden und  sich besser verstehen.
Dennoch sieht er besonders genau, weshalb das so schwer ist: Unter Arabern ist Antisemitismus und ein Hass auf Israelis sehr stark verbreitet und Israelis können das verständlicherweise nicht akzeptieren. Das liegt an schwerwiegenden Gründen. Barenboim hat das Problem so beschrieben:
"Wenn es wahr ist, dass die Palästinenser nicht in der Lage sein werden, Israel zu akzeptieren, ohne auch seine Geschichte einschließlich des Holocaust zu akzeptieren, dann ist ebenso wahr, dass Israel nicht in der Lage sein wird, die Palästinenser zu akzeptieren, solange der Holocaust sein einziges moralisches Kriterium für seine Existenz ist."
So werden vermutlich die Bewohner ehemaliger Kolonien nicht akzeptieren, wenn ihnen gesagt wird, das damalige Unrecht sei nicht so schlimm wie der Holocaust. Ein Völkermord wird nicht dadurch "nicht so schlimm", wenn ein sehr viel schlimmerer stattgefunden hat. Gerade Deutsche sollten sich hüten, so zu argumentieren, weil Deutsche sowohl den Völkermord an den Herero und Nama als auch den Holocaust verursacht haben. 

Samstag, 14. April 2018

Zur Rolle Polens im Kontext des Holocaust

Die Deutschen errichteten die Hauptvernichtungslager auf polnischem Boden.

Bei der Entdeckung von versteckten Juden spielten Einzelpersonen und Verbrecherbanden "nicht selten mit einer ethnisch gemischten – polnischen, deutschen und jüdischen – Struktur und Aufgabenverteilung" eine nicht unwichtige Rolle. (Wikipedia: Szmalcownik)

Wikipedia: Liste der Gerechten unter den Völkern Abschnitt Polen

"Żegota war der Codename für den Rat für die Unterstützung der Juden eine Untergrundorganisation im deutsch besetzten Polen, die zwischen 1942 und 1945 fungierte und unter der Schirmherrschaft der polnischen Exilregierung stand. Im besetzten Europa war sie die einzige Organisation ihrer Art. Mit ihrer Hilfe konnten Tausende von polnischen Juden gerettet werden. Meist wurden für die Juden, die sich auf der „arischen“ Seite verbargen, gefälschte Personaldokumente beschafft, sowie finanzielle Unterstützung und medizinische Betreuung organisiert.
Der Rat für die Unterstützung der Juden wurde im Dezember 1942 als Fortsetzung eines früheren Geheimkomitees gegründet, das Provisorisches Komitee für die Judenhilfe hieß und im September 1942 gegründet worden war.
Allein in Warschau wurden von Żegotas Kinderabteilung, aus dem deutschen Ghetto für Juden in Warschau, mehr als 2.500 jüdische Kinder geschmuggelt und bei polnischen Familien oder in Waisenhäusern, die von Klöstern oder Stadtverwaltungen geführt wurden, versteckt."
(Niconasbeznas bei gutefrage.net)    Dort auch mehr zum Thema

Mittwoch, 14. März 2018

Wie viele Juden wurden im Holocaust ermordet?

"Im Holocaust wurden zwischen 5,5 und 6,3 Millionen jüdische Menschen ermordet
Die Zahl 6 Millionen wurde wohl zuerst von Adolf Eichmann verwendet
Eine genaue Zahl wird sich wegen der Quellenlage nicht ermitteln lassen [...]"

GeschichtsCheck 11.10.216

Im weiteren Text wird erläutert, dass Historiker die Zahl zunächst niedriger schätzten und wie man zu der heutigen Schätzung kommt.

Mittwoch, 7. März 2018

Stein des Anstoßes - gegen das Vergessen

In Herxheim am Berg wurde entdeckt, dass die Kirchenglocke eine Inschrift mit dem Namen Adolf Hitler trägt. Das führte zu Recht zu einer Diskussion, die weit über das Dorf hinaus Aufmerksamkeit erregte.  Darf die Glocke weiter verwendet werden oder sollte man sie einschmelzen?
Auch wenn ich an den guten Motiven beider Seiten nicht zweifle, scheint mir die richtige Lösung recht nahe liegend. 
Als nicht bekannt war, welche Inschrift die Glocke trug, hat sich niemand an ihr gestört. Jetzt, wo es bekannt geworden ist, wurde sie zum Stein des Anstoßes für eine Diskussion. 
Die Glocke hat also seit 1945 keinen Anlass mehr geboten,nazistische oder neonazistische Ideologie zu verbreiten. Auf dem Glockenstuhl hängend bietet sie auch wenig Gelegenheit dazu. Sie hat aber geholfen, der jetzigen Generation zu verdeutlichen, wie stark die NS-Herrschaft sich schon 1934  in Kirchen ausgewirkt hat. Sie ist zum Stein des Anstoßes geworden und hat dazu beigetragen, die Wirklichkeit von 1934 besser zu verstehen. 
Man sollte nicht ohne Not ein historisches Dokument zerstören und dafür CO2 produzieren, wenn es nicht der Förderung einer menschenverachtenden Ideologie dienen kann. Ihr Klang verändert sich nicht, er trägt jetzt aber dazu bei, Bewusstsein zu schärfen. Das wird nicht lange vorhalten, aber vielleicht wird man in 80 Jahren wieder auf die Inschrift aufmerksam. Dann wird noch mehr vergessen sein, was 1933 - 1945 in Deutschland geschah, und eine Anlass für eine Diskussion wird umso wichtiger geworden sein.
Seit 1992 erinnern die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig an den Holocaust und seine Opfer an den Stellen, wo sie gelebt haben. Sie sind für rechte Ideologen der AfD zu Steinen des Anstoßes geworden. Wenn eine Kirchenglocke auch dazu beitragen kann, umso besser. 
Selbstverständlich war es richtig, nach 1945 die Symbole der NS-Herrschaft zu entfernen, um nicht der verbrecherischen Ideologie Anknüpfungspunkte zu bieten. 
Heute geht es darum, das Vergessen zu verhindern. 

Eine sehr begrüßenswerte Initiative ist Erinnerung sichtbar machen, die von Karl Fischbach initiiert und von der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM) propagiert "durch Wissenserwerb gegen rechte Propaganda immun" machen will. 

Gegen das Vergessen muss für den Holocaust und die Entwicklungen, die dazu geführt haben, die Devise bleiben.

"In der Nacht zum 7. Oktober 2024, dem Jahrestag des Massakers der Hamas in Israel, werden in Zeitz sämtliche Stolpersteine herausgebrochen und gestohlen. Spurensuche in einer geplagten Stadt" 

Montag, 22. Juni 2015

Auschwitz: Flucht und Aufstand

Insgesamt versuchten ungefähr 700 Häftlinge die Flucht aus Auschwitz; sie gelang in etwa 300 Fällen. Versuchte Flucht wurde mit Verhungern bestraft; oft wurden auch die Familienangehörigen von Flüchtigen verhaftet und in Auschwitz I zur Abschreckung ausgestellt. Eine andere Strafe war, Mitgefangene für die Flucht büßen zu lassen.
Am 7. Oktober 1944 führte das jüdische Sonderkommando (die Häftlinge, welche die Gaskammern und Krematorien bedienen mussten und von den anderen Häftlingen getrennt gehalten wurden) einen Aufstand durch. Weibliche Gefangene hatten Sprengstoff von einer Waffenfabrik eingeschmuggelt, und das Krematorium IV wurde damit teilweise zerstört. Anschließend versuchten die Gefangenen eine Massenflucht, aber alle 250 Entflohenen wurden kurz darauf gefasst und getötet. (KZ Auschwitz-Birkenau)

Freitag, 15. Mai 2015

Poetischer Stolperstein

Mit einer Lesung und einer Installation zum poetischen Stolperstein wird am 19. Mai die Ausstellung „‘Drum immer hinweg mit ihnen‘ – Luthers Sündenfall gegenüber dem Juden“ im Heppenheimer Haus der Kirche neu eröffnet [...] 
Der „poetische Stolperstein“, der von der Gemeindepfarrerin Dr. Vera-Sabine Winkler aus Gorxheimertal konzipiert wurde, gestaltet diese kritische Auseinandersetzung in Bild und Text – und will zugleich zum Innehalten und Nachdenken anregen: Über den 9. November 1938, über Luthers Bedeutung für die Judenverfolgung durch den Nationalsozialismus, über den 9. November 1989, der ohne die reformatorischen Impulse kritischer Christen in der DDR nicht möglich geworden wäre und über die Frage, wo heute Widerständigkeit zum Schutz von Minderheiten angesagt ist.Der „poetische Stolperstein“, der von der Gemeindepfarrerin Dr. Vera-Sabine Winkler aus Gorxheimertal konzipiert wurde, gestaltet diese kritische Auseinandersetzung in Bild und Text – und will zugleich zum Innehalten und Nachdenken anregen: Über den 9. November 1938, über Luthers Bedeutung für die Judenverfolgung durch den Nationalsozialismus, über den 9. November 1989, der ohne die reformatorischen Impulse kritischer Christen in der DDR nicht möglich geworden wäre und über die Frage, wo heute Widerständigkeit zum Schutz von Minderheiten angesagt ist.("Halt an den Schritt", Evangelisches Dekanat Bergstraße)
Der Text  auf dem Stolperstein (sieh Bild!) beginnt auf beiden Textseiten mit "Halt an den Schritt".
Auf der, die dem Holocaustgedenken gilt, fährt er fort "und sieh den Ort an dem millionenfacher mord ein leben wie das deine traf ...".
Auf der, die sich auf Luther bezieht, lautet die Fortsetzung: "und sieh den Mann, der immer wieder zieht in bann die protestanten aller welt ..."
Der volle Text ist auf den realen Würfeln zu sehen, die für die Gemeindearbeit ausgeliehen werden können:
"Gemeinden und Einzelpersonen haben im Anschluss an den Abend und solange die Ausstellung andauert die Möglichkeit, einen „poetischen Stolperstein“ mit in den eigenen Kontext zu nehmen: Als Denk- und Gesprächsanstoss, als Ausstellungsobjekt oder Impuls für den Gottesdienst. Eine "Gebrauchsanweissung" wird mit den „poetischen Stolpersteinen“ verteilt." (Evangelisches Dekanat Bergstraße)
(Neu)-Eröffnung der Ausstellung am 19. Mai um 18 Uhr im Haus der Kirche, Ludwigstr. 13, Heppenheim

mehr zur Ausstellung

Tweets zu Stolperstein


Sieh auch:

Freitag, 24. April 2015

Beispiele für Umdenken

In der Flüchtlingsfrage hat das Unglück vor Lampedusa und der Appell des Papstes ein Umdenken in der Öffentlichkeit bewirkt. Die Politiker gaben nur Lippenbekenntnisse ab und änderten nichts und wenn, dann nur etwas zum Schlechteren. Von "Mare Nostrum" zu "Triton".
Jetzt scheint das Umdenken bei den Politikern in Handlungen zu münden, freilich sehr zaghaften.

Ein Umdenken gab es in Fragen der sexuellen Orientierung. War früher ausgeübte Homosexualität beim männlichen Geschlecht über den §175 gleich strafbewehrt, egal ob unter Erwachsenen oder zwischen Erwachsenen und Kindern, so kann man heute stolz darauf sein, homosexuell zu sein, wer aber pädosexuell ist, dem gilt kein Mitgefühl, auch wenn er große Anstrengungen unternimmt, seine Veranlagung nicht auszuleben, wo doch jedwede andere Spielart von Veranlagung - auch solche, die bis vor wenigen Jahren noch völlig unbekannt waren - vollen Respekt zu genießen scheint.

Konnte nach 1966 der Bundesgerichtshof der Ehemann von seiner Ehefrau fordern, dass sie bei der Erfüllung ihrer "ehelichen Pflichten" "keine Gleichgültigkeit zur Schau" trage, so kann seit 1997 ein Ehemann, der - unter Ausnutzung einer ökonomischen Abhängigkeit seiner Frau oder durch sonstigen Druck ehelichen Beischlaf als sein Recht einfordert, wegen Vergewaltigung in der Ehe bestraft werden.

Oskar Gröning war in der Nachkriegszeit noch in einem Prozess gegen einen SS-Mann von Auschwitz "als Zeuge geladen". Hatte er noch 1985 gegen Holocaustleugnung mit einem deutlichen "Ich habe alles gesehen" protestiert, so wird ihm heute der Prozess gemacht, weil er zwar nicht unmittelbar an der Tötung von Menschen beteiligt, aber Teil der Maschinerie war, die 300 000 Menschen zu Tode brachte.  Denn die Justiz hat seit dem Prozess gegen John Demjanjuk 2011 umgedacht und rechnet auch indirekte Beteiligung als Schuld an. 
So rasch denken wir um. Aber selten gestehen wir anderen das Recht zu, langsamer im Umdenken zu sein. - Zu Recht oder zu Unrecht?

Geradezu Schallgeschwindigkeit im Umdenken hat Angela Merkel entwickelt. Als Umweltministerin machte sie zaghafte Schritte auf dem Weg zum Umweltschutz. In der Opposition machte sie sich stark für den Ausstieg aus dem Atomausstieg. In der Regierung setzte sie diesen Ausstieg um. Nach Fukushima machte sie eine Kehrtwende und trat für den Atomausstieg ein. Jetzt tut sie aber alles, um die Konkurrenz von nachhaltiger Energieherstellung zu stärken. Von Energiewende keine Spur. Die Emissionszertifikate, die die fossile Energie auf sanftem Wege weniger rentabel machen sollten, lässt sie zu Minimalpreisen verschleudern. Kohlekraftwerke mit einem Höchstmaß an CO2-Ausstoß schützt sie vor Kritikern und selbst äußerst zaghafte Versuche, wenigstens die exzessivsten Dreckschleudern abzuschalten, genießen bei ihr keinerlei Unterstützung. 
Was wird es nützen, wenn sie - nachdem die letzte Chance für eine selbstbestimmte Energiewende vertan ist - in einer neuen Kehrtwende beklagen wird, dass ihr Energiewendekurs leider nicht genügend Unterstützung erfahren habe?

Mittwoch, 22. April 2015

Oskar Gröning: "Ich war dabei."

"In einem Nachkriegsprozess gegen einen SS-Mann, der direkt an der Ermordung von KZ-Häftlingen beteiligt war, wurde Gröning als Zeuge geladen. Zum damaligen Zeitpunkt galt Gröning als juristisch unschuldig und wurde deshalb nicht angeklagt. Die Presse gab ihm den Beinamen „Buchhalter von Auschwitz“.[2] Den Holocaust bestätigte er als Augenzeuge: „Ich habe alles gesehen. Die Vergasungen, die Verbrennungen, die Selektionen. In Auschwitz sind 1,5 Millionen Juden ermordet worden. Ich war dabei.“" (Seite „Oskar Gröning“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. April 2015, 23:12 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oskar_Gr%C3%B6ning&oldid=141230769 (Abgerufen: 22. April 2015, 05:22 UTC))
Mein Respekt gilt dem Mann, der dazu zu lernen verstand. Wenn ihm jetzt der Prozess gemacht wird, ist das ein Beweis dafür, dass wir - gerechtfertigt oder nicht, braucht in diesem Kontext nicht diskutiert zu werden - aus Abstand anders über die NS-Zeit denken, als man noch in der Nachkriegszeit darüber dachte.
Für seine moralische Beurteilung ist mir ganz wichtig:
"Er stellte insgesamt drei Versetzungsgesuche an die Front. Am 17. Oktober 1944 überstellte ihn die SS schließlich zu einer Feldeinheit, die in der Ardennen-Offensive kämpfte." (Seite „Oskar Gröning“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. April 2015, 23:12 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Oskar_Gr%C3%B6ning&oldid=141230769 (Abgerufen: 22. April 2015, 05:22 UTC))

Man konnte also der Aufgabe des SS-Schergen entkommen, ohne dafür bestraft zu werden; aber es brauchte Ausdauer und Zähigkeit und die Bereitschaft, immer wieder in großer Todesgefahr zu leben. 

Zusatz:
HEINRICH WEFING: AUSCHWITZ-PROZESS: Mord verjährt nicht, ZEIT online,  22. April 2015 mit über 120 Kommentaren
"Oskar Gröning wird wohl nie wieder einem Menschen ein Haar krümmen. Dennoch gibt es einen großen, fast historischen Grund, weshalb der Greis noch vor Gericht steht." 
Zur Aussage des Richters, der 1991/92 mit Gröning sprach , Zeit 26.5.15

vgl. auch meinen Artikel bei Fontanefan, 25.4.15

Freitag, 20. Februar 2015

Michel Friedman und Martin Walser im Gespräch

"Herr Walser, ich kaufe Ihnen die Ahnungslosigkeit nicht ab", ZEIT 19.2.15

[...] Friedman: Die junge Generation trägt weder Schuld noch Verantwortung für das, was ihre Eltern in Hitlerdeutschland getan haben. Sie trägt allerdings Verantwortung für ihr eigenes Leben, für das, was sie heutzutage tut oder unterlässt. Geschichte kann einem dabei helfen, die Untaten der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Mein Motiv, mit den jungen Menschen über die Schoa und über Auschwitz zu reden, ist nicht auf die Vergangenheit gerichtet, sondern in die Zukunft. Indem wir gemeinsam sensibilisieren für die vielen Anfangserscheinungen der Gewalt, die zum Judenmord geführt haben – und davon gibt es mittlerweile wieder sehr viele –, um diesen entgegenzutreten. Die Verantwortungskompetenz in der Gegenwart zu schärfen ist das Motiv für mein Engagement.
Walser: Herr Friedman, ich kenne das von Ihnen, mich hat auch immer Ihr pädagogischer Eros beeindruckt. Aber das ist etwas ganz anderes als meine Herangehensweise. Ich finde das ganz toll, wie Sie das machen, ich habe das auch beobachtet. Aber ich sage auch: Ich komme als erziehendes Element nicht infrage. Ich habe mich immer nur vor die Leute hingestellt und gesagt: Mir geht es so und so. Mach daraus, was du willst und was du kannst. In den Sechzigerjahren bin ich umhergereist und habe eine Organisation gegründet gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam. Da habe ich nie gesagt: Du musst jetzt unbedingt … Das ist nicht meine Art. [...]

Samstag, 28. Dezember 2013

Sonntag, 27. Oktober 2013

Über die NS-Erschießungskommandos

Die Juden, Männer, Frauen, Kinder, hatten sich vor frisch ausgehobenen Gräben aufzustellen, damit sie beim Erschießen hinein fielen und weitere Arbeit ersparten.
Ein siebenjähriger Junge zu dem Leiter des Erschießungskommandos: "Onkel, stehe ich so richtig?"

dazu auch: Jüdischer Widerstand, Mein Großvater hätte mich erschossen

Samstag, 26. Oktober 2013

Helga Deen - ein Parallelfall zu Anne Frank

Helga Deen hat nur 21 Seiten über das Leben im holländischen Abschiebelager Vught geschrieben. Danach wurde sie in das Todeslager Sobibor gebracht. Doch die Schilderung ihres Lagerlebens im Juni 1943 ist hochinteressant.
So schreibt sie über eine Entlausungsaktion oder ihre Erschütterung über den Abtransport von Kindern. 
Ihr letzter Eintrag: 
"Packen, heute morgen ein sterbendes Kind erlebt, was mich völlig durcheinander gebracht hat. Aber alles ist nichts, verglichen mit dem Letzten. Wieder geht ein Transport ab und diesmal sind wir dabei."

Mittwoch, 4. September 2013

Widerstand im Wilnaer und im Warschauer Ghetto

Literatur zu bestellen:
Produktpreis:
"Geht nicht wie die Schafe zur Schlachtbank!" so begann der Aufruf von Abba Kovner, der Anfang 1942 zur Gründung der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der Widerstandsorganisation im Wilnaer Ghetto führte [zur Metapher "Schafe zur Schlachtbank"].
Ich habe über den Wilnaer Widerstand erst heute erfahren. Zum Glück findet sich aber einiges in der Wikipedia, was ich hier verlinken werde.
Weit ausführlicher informiert das Buch von Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941–1944, übersetzt von Hubert Witt, Ammann Verlag, Zürich 2009. ISBN 978-3-250-10530-5

Abraham Sutzkever, "Überlebender des Wilnaer Ghettos, war einer der bedeutendsten Gegenwarts-Dichter in jiddischer Sprache. In seiner Frühzeit hat er in seinen Schriften vor allem die jüdischen Leiden während der NS-Zeit thematisiert, später wandte er sich mehr israelischen Themen zu. Seine Werke sind in über 30 Sprachen übersetzt worden." (Zitat aus dem verlinkten Wikipediaartikel)

Kurzbiographien von wichtigen Bewohnern des Wilnaer Ghettos

Wilna während des Holocausts

Als die Widerstandsorganisation von Wilna im Warschauer Ghetto vom Völkermord an den Juden berichtete, wollten die führenden Vertreter nicht daran glauben, dass die 500 000 Menschen im Ghetto wirklich alle getötet werden würden. Es bedurfte schrecklicher Erfahrungen, bis man ihnen Glauben schenkte und auch dort Widerstandsorganisationen gründete. Bis sie sich vereinigten, bedurfte es weiterer Schreckenstaten.
Aufstand im Warschauer Ghetto

Wenn man bedenkt, wie schlecht die Informationen über die Pläne der NS-Führung über eine Vernichtung aller Juden in Europa waren, braucht man sich über die Zweifel nicht zu wundern, die den Nachrichten über den unglaublichen Plan eines Völkermords entgegengebracht wurden. 
Angesichts der grausamen Vergeltungsmaßnahmen, mit denen die Deutschen jeden Widerstandsakt beantworteten, kann man auch die Skrupel gut verstehen, dass man nicht zum Auslöser einer solchen Maßnahme werden wollte. Selbst Jitzchak Wittenberg, der Kommandeur der Wilnaer Widerstandskämpfer, hat sich selbst den Deutschen ausgeliefert, als sie mit einer Bombardierung des Wilnaer Ghettos drohten, in dem  am Beginn der Vernichtungsaktion etwa 55 000 Menschen lebten. 
(Gerade heute wurde des Massakers von Oradour gedacht, das in Frankreich verübt wurde, wo die SS-Truppen  gewiss noch eher Hemmungen hatten, unmenschliche Grausamkeiten zu begehen, als gegen Juden. - Zum Gedenken von Hollande und Gauck an Oradour)

Abraham Sutzkever hat 2005 dem Sinne nach gesagt: Kämpft gegen den Hass, erzieht zur Liebe. Aber macht den Bösen klar, dass sie keine Gnade finden. (zu finden in: Wilner Getto 1941–1944, übersetzt von Hubert Witt, Ammann Verlag, Zürich 2009. ISBN 978-3-250-10530-5)

Darin ist ein Dilemma beschrieben, das jeden von uns trifft, das die Bewohner der Ghettos aber in schreckliche Auseinandersetzungen führte. Und dennoch und trotz der Unmöglichkeit, sich auch nur annähernd zureichend mit Waffen zu versorgen, hat der Widerstand sich organisiert und dazu geführt, dass viele (wenn auch viel zu wenige), die vernichtet werden sollten, überleben konnten und dass Abraham Sutzkever und Marek Edelmann (u.a.: Das Ghetto kämpft. Berlin, 1993) ISBN 3-927170-05-4 so eindrucksvoll Zeugnis ablegen konnten.

Über die Art des Lebens, aus dem heraus der Widerstand organisiert wurde, berichtet die
Chronik des Gettos Lodz

Dazu:
 "Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.
Jeden Tag fertigten sie einen Tageseintrag an, in dem sie tagesaktuell über wichtige Ereignisse im Getto berichteten. Sie produzierten gewissermaßen eine Tageszeitung, allerdings eine Zeitung, die keine Leser hatte, da sie ausschließlich für das Archiv geschrieben wurde und einer späteren Generation für das Verständnis des Lebens und Sterbens im Getto dienen sollte." (Einführung in die Chronik)

Von der Länge her ist dies mehr als ein Schnipsel. Bezogen auf das, was es zu berichten gälte und woran die Erinnerung nicht verloren gehen darf, ist es viel zu wenig. 


Jüdischer Widerstand gegen den Holocaust
"Man schätzt, dass europaweit bis zu 1,5 Millionen Juden am regulären militärischen Kampf und am Partisanenkampf gegen die NS-Herrschaft beteiligt waren."




 Informationen zu Yad Vashem auf deutsch

Ergänzung:
Auschwitz-Überlebender Otto Dov Kulka: "Am genauesten trifft es das Wort 'Endlösung'"(Interview)
Warschauer Aufstand als Wendepunkt. Wlodzimierz Borodziej im Gespräch mit Michael Köhler 27.7.14

Montag, 18. März 2013

Unsere Mütter, unsere Väter 1. Teil

noch nachträglich anzusehen hier


Es machte keine Freude, zuzuschauen. Ich fand es insgesamt aber doch gelungen und werde versuchen,  morgen die zweite Folge anzusehen. 

Die Darstellungsabsicht finde ich sehr gut. Bei mir geht sie vielleicht etwas ins Leere, weil ich seit Jahrzehnten ständig mit dem Thema zu tun hatte und weil mir andererseits das Fernsehen ziemlich abgewöhnt habe.

Dass es auch für die meisten Täter schrecklich war, in einem Krieg zu leben und dass Opfer nicht notwendig alle gut waren, wird aber deutlich und insofern ein differenzierteres Reden möglich. 

Wir leben trotz allem, was gegenwärtig falsch läuft, zu einer sehr bevorzugten Zeit an einem sehr bevorzugten Ort.

Sonntag, 27. Januar 2013

Wiedersehen nach 30 Jahren und unglücklich

Warum ist Zinaida Grynewitsch, eine Holocaustüberlebende, unglücklich, als sie nach 30 Jahren ihre Mutter und ihre Geschwister wieder sieht?
Bericht auf Spiegel online