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Freitag, 8. Mai 2020

Kinder des Krieges

Kinder des Krieges 4.5.20 20:15

Ich hatte ein Internettreffen, als der Film lief, habe ihn dann nachgeholt.
Sehr gut, dass es ihn gibt. Es gibt so vieles, was man sich nicht vorstellen kann, wenn einen nicht Anschauung dabei unterstützt.
Ich selbst bin während des Krieges geboren, habe aber keinerlei Erinnerung an die Zeit.
Von meinen älteren Geschwistern habe ich gehört (sinngemäß zitiert):

"Die demokratischen Politiker, ganz ohne Uniform, nur im Anzug, kamen mir irgendwie würdelos vor."
Von ihm gibt es ein Foto in einer Art Lodenmantel, auf dem er den Betrachter erst ansieht.
Darunter sein Ausspruch: "Jetzt bin ich ganz essessig." (meint: SS-ig, Schutzstaffelmäßig)
Das Ideal des ältesten Sohnes: wie der Vater Soldat zu werden.
Aus den Briefen des Vaters an den Achtjährigen: 
"Ist Wolf der Dragoner nicht ein tüchtiger Soldat? [...]  Mit geht’s gut, mein Junge, aber ich habe sehr viel Arbeit! Am 25.2. haben wir ein Feindflugzeug mit abgeschossen, ein ganz großes, schweres mit 4 Motoren! [...] 
Denke dir: ich muss jetzt manchmal im Radio sprechen! Da stellen die Soldaten draußen den richtigen Sender ein, und dann hören sie von uns die Luftlage. Aber ihr könnt in eurem Radio zu Hause das nicht hören! Deshalb versuche erst gar nicht! Aber das darfst du nur Mutter erzählen, nicht anderen Leuten! Die geht das nichts an! Bei uns ist auch viel Alarm! Aber nicht so viel wie im Westen. Deshalb dürfen wir gar nicht schimpfen! - In einem Auto mit Holzgas bin ich jetzt öfter gefahren! Nun grüß mir alle zuhaus! Viele Grüße und Heil Hitler!"
Die älteste Tochter (sinngemäß zitiert): "Ich war ganz verstört in der neuen Welt ohne Vater [er war kurz vor Kriegsende gefallen.]. Alles war anders. Man durfte sich noch nicht einmal richtig begrüßen*, sondern sollte etwas ganz Komisches sagen: 'Guten Tag'".  [Bei Kriegsende war sie 7 Jahre alt.]
Im Vergleich zu meinen älteren Geschwistern kann ich durchaus von der Gnade der späten Geburt sprechen. Nur aus Berichten der Älteren kannte ich die Geschichte, wie ich vom Grießbrei mit Pulverdampf Fieber bekommen haben soll. - Jahrzehnte später erklärte mir mein Bruder, dass der vielleicht von der Granate, die im Garten des Nachbarn einschlug und deren Trichter noch monatelang zu sehen war.  
Dabei haben meine älteren Geschwister nichts von den Schrecken der Zeitgenossenschaft mit dem NS-Regime erlebt, von denen der Film Kinder des Krieges so beredt Zeugnis ablegt.
Im Abschiedsbrief des Vaters an die Kinder hieß es:
"So schön wie früher zuhaus im Frieden wird es nie wieder werden. Deshalb müßt Ihr alle umso tapferer sein, “damit Vater und Mutter sich freuen können”, wie Gerhard immer sagt."
Insofern passt der Film "Kinder des Krieges" in die "Coronazeit". 
Die alte Normalität wird vielleicht nie wiederkehren. Aber wenn mehr Gerechtigkeit zwischen dem globalen "Norden" und dem "Süden" am Ende dieser Zeit stehen sollte, dann wäre das ein großer Gewinn. Ob gar auch die Ziele des Klimagipfels von 2015 erreicht werden können? Das wäre wohl zu viel gehofft.

Montag, 25. März 2019

Trümmerfrauen

Wikipediaartikel

Für mich der Anlass, mich kurz auf das Thema einzulassen:
Harald Jähner: Wolfszeit. Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit

Bildbeispiel aus dem Bundesarchiv, sieh Wikipedia Commons
Dort findet man noch viele weitere eindrucksvolle Fotos. Das für mich eindrucksvollste kam in der Frankfurter Rundschau, ist aber wohl nicht allgemein freigegeben.

















Dienstag, 15. August 2017

Von den Anfängen der sozialen Marktwirtschaft

"[...] Bei den ersten Bundestagswahlen erreichte die Union unter Konrad Adenauer 31% der Stimmen. Mit der hauchdünnen Mehrheit von einer einzigen Stimme wurde er der erste Kanzler der Bundesrepublik. Nichtsdestotrotz war die Marktwirtschaft Anfang der 1950er Jahre eher unbeliebt beim deutschen Volk – Umfragen ergaben damals, dass eine Mehrheit der Deutschen sie ablehnte. Die Gefahr, dass die junge BRD sich bei geänderten Mehrheitsverhältnissen im Bundestag wieder von der Sozialen Marktwirtschaft verabschieden würde, war durchaus real. Um diese Gefahr zu entschärfen, griff Ludwig Erhard zu einem Instrument, das damals vor allem in den USA sehr beliebt war – politische Propaganda, verpackt in einer vermeintlich neutralen Informationskampagne. Angeregt von Erhard gründete eine Gruppe westdeutscher Industrieller 1952 den Verein „Die WAAGE. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs“. Um die Hintermänner und das Budget der Kampagne zu verschleiern, wurde die Arbeit der „Waage“ nicht direkt, sondern über den Umweg der ausführenden Werbeagenturen finanziert.
„Die Waage“ trommelte mit Werbespots, die vor Kinofilmen ausgestrahlt wurden, Anzeigen und Plakaten für die Soziale Marktwirtschaft. Damit betraten deutsche Industrielle Neuland. Moderne Public Relations-Arbeit war in Deutschland zu dieser Zeit noch nicht sonderlich bekannt. „Die Waage“ kreierte die beiden Hauptfiguren ihrer Kinospots bereits mittels Panel-Untersuchungen und Meinungsumfragen. In einem typischen Waage-Spot erklärte der „moderne“, marktwirtschaftlich orientierte Fritz dem skeptischen Otto, warum allgemeiner Wohlstand nur durch die Marktwirtschaft entstehen könne und warum jede Form von Sozialismus gefährlich sei. [...]"
(Die Geburtswehen der Sozialen Marktwirtschaft, von Jens Berger 15.8.2017)

Dienstag, 26. Mai 2015

Nachkriegszeit

Ein kurzer Sommer der Anarchie, von IAN BURUMA, ZEIT Nr.15, 7.5.2015
Krieg ist ein großer sozialer Gleichmacher. Höhere Damen arbeiten im Büro, Arbeiter werden Offiziere. Frauen nehmen Stellen an, die früher Männern vorbehalten waren. [...]
Das Verlangen nach gesellschaftlicher und politischer Gleichstellung war ein weltweites Phänomen. Das gehört ebenso zur Geschichte des Jahres 1945 wie Hunger, Schwarzmarkt, Rache und Bürgerkrieg. Aus den Ruinen sollte, so die Hoffnung vieler, eine neue Welt entstehen, in der Weltkriege nicht mehr möglich wären. [...] Die nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen kollidierten also von Anfang an mit der Idee einer Weltregierung. Dazu kam, dass die kleineren Nationen befürchteten, eine Weltregierung führe letztlich zu nichts anderem als einem Weltreich unter amerikanischer und sowjetischer Herrschaft.
Bekanntlich kam es anders: Die Spannungen zwischen den USA und der UdSSR machten immerhin diese Sorge gegenstandslos. Bald war die Welt in einen kapitalistischen und einen kommunistischen Block gespalten, und die Träume von einer Weltregierung zerplatzten. Doch solange die Erinnerungen an den Krieg noch frisch waren, hatte der Konsens von 1945 weitgehend Bestand. Die ehemaligen europäischen Kolonien errangen eine nach der anderen ihre Unabhängigkeit, oft mit dem Rückhalt der Vereinten Nationen. Und die sozialdemokratischen Ideale, denen sich auch die Christdemokraten weitgehend verschrieben hatten – starker Sozialstaat und soziale Gerechtigkeit –, blieben in Westeuropa die Norm. Dasselbe galt für die Bestrebungen in den USA, die auf Roosevelts New Deal der dreißiger Jahre zurückgingen. Selbst die Konservativen in Großbritannien standen viel weiter links als heute. Und der Glaube an ein vereintes Europa war, vor allem in Deutschland, so stark, dass Zweifler als heillose Reaktionäre oder fremdenfeindliche Nationalisten angeprangert wurden. [...]
Eine eindrucksvolle Gesamtschau, die in Erinnerung ruft, welcher Art der Konsens war, der die Sieger über die Hitler-Diktatur und die, die ihr entronnen waren, verband. 
Dass viele über ihr Ende unglücklich waren, weil dies Ende mit Kapitulation und materiellem Elend verbunden war. Und das die NS-Ideologie in vielen Köpfen noch sehr virulent war, wo das Verhalten schon völlig angepasst war, darf man darüber nicht übersehen. Aber es gab diesen Konsens, der freilich im Kalten Krieg und durch die Interessengegensätze zwischen etablierten Industriestaaten und in die Freiheit entlassenen ehemaligen Kolonien zerrieben wurde. 

Zum selben Themenzusammenhang:


http://www.zeit.de/2015/18/helmut-schmidt-erinnerungen-zweiter-weltkrieg

http://www.zeit.de/2015/18/1945-deutschland-befreiung-kriegsende-neuanfang


Samstag, 22. November 2014

Anarchie in der Nachkriegsphase

Keith Lowe schildert in "Der wilde Kontinent" Rache, Vertreibung und ethnische Säuberungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die aus verständlichen Gründen lange nur recht eingeschränkt öffentlich angesprochen wurden.

In seinem neuen Buch spannt Keith Lowe einen weiten Bogen. Dieser reicht von den überlebenden jüdischen Lagerhäftlingen und Zwangsarbeitern über die Vertreibung der Deutschen, die Vergeltungsmaßnahmen an deutschen Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und an Kollaborateuren in den von Deutschland besetzten Ländern, weiter über die ethnischen Säuberungen in Polen, der Ukraine und auf dem Balkan bis hin zu den Bürger- und Partisanenkriegen im Zuge der gewaltsamen Unterwerfung Osteuropas durch die Sowjetunion. Abgrundtiefer, weltanschaulich und nationalistisch aufgeladener Hass und grenzenloses Racheverlangen waren der Antrieb dieser Mordlust. [...] 
Ein polnischer Partisan beschreibt die Rachespirale des Gewaltkonflikts: "Sie hatten zwei Nächte vorher sieben Männer getötet. In dieser Nacht töteten wir sechzehn von Ihnen. Eine Woche später antworteten die Ukrainer, indem sie eine ganze polnische Siedlung auslöschten, die Häuser anzündeten, alle Bewohner töteten, die nicht hatten fliehen können, und die Frauen vergewaltigten, die ihnen in die Hände fielen. Zur Vergeltung griffen wir ein noch größeres ukrainisches Dorf an, und diesmal töteten zwei oder drei Mann aus unserer Einheit auch Frauen und Kinder. Die Ukrainer rächten sich. So eskalierten die Kämpfe. Jedes Mal wurden mehr Menschen getötet, mehr Häuser angezündet, mehr Frauen vergewaltigt. Die Menschen stumpfen sehr schnell ab und töten, als hätten sie nie etwas anderes getan." (Peter Reichel: Zeit ohne Nachsicht, Die Welt, 22.11.14)

Sonntag, 2. November 2014

Jugendliche nach dem Zusammenbruch 1945

Die junge Generation fühlte sich orientierungslos, ganz ohne gültige Werte. Viele junge Männer wollten damals zur Fremdenlegion gehen, Sie wollten etwas sein.
Für junge Frauen gab es nicht diese Möglichkeit, aber auch sie suchten in der völlig veränderten Welt irgendwo eine Ordnung, eine heilere Welt.

Heinrich Böll hat das Lebensgefühl von Jugendlichen in der Zeit sehr gut wiedergegeben in der Erzählung "Kumpel mit dem langem Haar" (in: Wanderer kommst du nach Spa..., S.14-19)