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Samstag, 9. März 2024

Navid Kermani über die Nuba

 Navid Kermani : Am Rand der Welt (Eine Reise zu den Nuba) Zeit Magazin 7.3.2024 S.19/22 (im Sudan)

Das eigentliche Leben der Nuba spielt sich entlang der Hänge und in den Hochebenen des Gebirges ab, die nur zu Fuß zu erreichen sind. Mehr als 50 verschiedene Sprachen werden dort auf engstem Raum gesprochen, die oft nicht einmal ein Wort gemeinsam haben. Die Nuba erklären sich die Vielzahl ihrer Volksgruppen damit, dass sie als Schwarzafrikaner einst aus allen Richtungen vor den arabischen Kolonisatoren und Sklavenhändlern hierher geflohen sind.

Nicht nur konnten die Rebellen die Kontrolle über ihr Land behaupten; seit sich im Sudan die beiden Generäle gegenseitig bekämpfen, weitet die SPLM-N die Grenzen des quasi autonomen Gebietes Dorf um Dorf aus, während sie mit nichts in der Hand einen Staat aufbaut, Krankenhäuser, Verwaltung, Schulen, in denen Englisch statt Arabisch gelehrt wird, damit sich die nachfolgende Generation endgültig von der kolonialen Vergangenheit [der Herrschaft der Araber] löst.

Ich frage den Stammeschef der Lomon, Apanjo Mohammed, wann die moderne Zivilisation hier oben Einzug hielt, die Bekleidung, die ersten Schulen, Ärzte – kamen sie mit den Arabern oder zuvor schon mit den europäischen Missionaren? Nein, erst mit der SPLM-N, antwortet Apanjo mit Mudschahids Vater. Die Araber – weder die räuberische Nomaden noch die Beamten der sudanesischen Staats - seien nie bis in die Hochebene vorgedrungen. Und die Missionare? Die Missionare schon, sagt er, aber die Lomon hätten sie wegen ihrer helleren Holzfarbe für Araber / gehalten und sich deshalb vor ihnen versteckt. Aber die Rebellen sprachen doch ebenfalls Arabisch, sagte ich: wie haben Sie sich mit ihnen überhaupt verständigt?

Unter ihnen waren Lomon, die in die Städte gezogen waren; die kannten wir, und wir haben ihnen vertraut.

Und das Arabische haben sie ebenfalls von der SPLM-N? Ja, in deren Schulen gelernt.

Das heißt, die Welt der Lomon hat sich ausgerechnet mit denen verändert, die für ihren Erhalt kämpften? Ja, so könnte man es sagen. Aber wir finden die Veränderungen gut." (S. 19/22)

Dienstag, 17. Januar 2023

Kermani beim Neujahrsempfang in Frankfurt: „Vergesst Mohammad Hosseini nicht“

 Navid Kermani erinnert beim Neujahrsempfang im Frankfurter Römer an die Proteste und Hinrichtungen im Iran.

Es war eine Geschichte aus seinem Leben, die Navid Kermani beim Neujahrsempfang im Kaisersaal des Römers zu erzählen hatte. Er war, sagte er, am Wochenende mit seiner Tochter Skifahren, im Lift hatte er Empfang, da brach diese Nachricht über ihn herein: Zwei Menschen, die im Iran protestiert hatten, wurden hingerichtet. Einer von ihnen ist Mohammad Hosseini, der 39 Jahre alt wurde, ein Waise war und Arbeiter in einer Geflügelfabrik.

Mohammad Hosseini hinterließ einen Abschiedsbrief, in der er sich eine Gesellschaft wünschte, in der Kinder in Frieden leben könnten, in der Liebe zwischen den Menschen herrsche, in der Frauen echte Rechte hätten: „Frau, Leben, Freiheit“, beschwor er den Slogan der politischen Emanzipation im Iran. Ob er den Text selbst geschrieben habe, ob ihm jemand seine Stimme verlieh? „Das ist egal. Es spricht die Wahrheit“, sagte Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller und Intellektueller. „Vergesst Mohammad Hosseini nicht.“

Frankfurt und seine Bezüge zum Iran

Auch Frankfurt habe Bezüge zum Iran, führte Navid Kermani aus, Goethe etwa mit dem West-östlicher Divan, und Nargess Eskandari-Grünberg, die in der ersten Reihe saß. „Frau Grünberg-Eskandari“, wie er sie gleich zweimal nannte, was die Sympathien aber nicht schmälerte, habe als junge Frau im Iran im berüchtigten Evin-Gefängnis als politische Gefangene eingesessen. Sie habe als politische Geflüchtete in Deutschland Deutsch gelernt und in Frankfurt Karriere gemacht. Es gehe ihr sicher ebenso wie ihm, wenn Meldungen über Hinrichtungen im Iran auf dem Handybildschirm auftauchten: Die Welt breche in die Realität herein.

Mehr als 100 Menschen stünden im Iran auf der Todesliste, sagte er. Mehr als 500 Menschen seien bereits getötet worden, vier davon hingerichtet. Mehr als 19 000 Menschen säßen in den überfüllten Gefängnissen.

Deutschland habe, als die Proteste im September begannen, vier Wochen gezögert. Dann habe die Bundesaußenministerin eine 180-Grad-Wende in ihrer Iran-Politik gemacht. „Der Druck von innen und der Druck von außen werden etwas bewirken“, ist sich Kermani gewiss.

Es gehe im Iran nicht nur um den Kopftuchzwang. Auch wenn der Tod von Mahsa Amini, der eine Haarlocke unter dem Kopftuch hervorgelugt haben soll, den Auftakt der Proteste bildete. Es gehe um Frauenrechte, Menschenrechte, den Alltag, Korruption, Armut, Umweltverschmutzung. Im Iran trockneten Flüsse aus, in den Städten wabere Smog durch die Luft. Das Regime versuche die Proteste mit einer äußersten Gewaltbereitschaft, einem Meer von Blut, zu unterdrücken. Doch der Wandel lasse sich nicht aufhalten. 85 Prozent der Menschen im Iran solidarisierten sich mit dem Protest - auch wenn nur noch wenige todesmutig auf die Straße gingen. „Der Iran hat eine Stimme“, sagte Kermani. Gleiches wünsche er sich für Afghanistan.  ( FR 10.1.23)

"Weltpolitik bestimmt die Reden beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt, die OB-Wahl die Gespräche in den Hallen

Es ist wie früher. Wie im Januar 2020, vor der verdammten Pandemie. Vor der Tür warten die Menschen in Schlangen. In langen Schlangen. 1200 Gäste sind geladen. Vor dem Kaisersaal drängt sich alles. Und am Bufett werden vor allem Menschen froh, die Fleisch mögen. So war es immer beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt im Römer, der zuletzt zwei Mal coronabedingt ausfiel. Und so ist es auch am Dienstagabend.

Eines aber ist grundlegend anders als noch 2020. Die erste Rede des Abends hält nicht Peter Feldmann. Der wurde im November als Oberbürgermeister abgewählt. Dafür spricht Nargess Eskandari-Grünberg. Die ist wahlweise amtierende Oberbürgermeisterin oder kommissarische Oberbürgermeisterin oder Bürgermeisterin oder Diversitätsdezernentin. Jedenfalls ist sie erste Rednerin, trägt die silberne Amtskette und spricht zu sehr aktuellen Themen, was die meisten Gäste sehr gut finden.

Da geht es etwa um den Fechenheimer Wald, in dem die Polizei in den nächsten Tagen wohl mit schwerem Gerät anrücken wird. „Wir tragen gemeinsam Verantwortung, dass Auseinandersetzungen, wie sie im Fechenheimer Wald zu erwarten sind, friedlich verlaufen.“ Und es geht um die Krawalle in der Silvesternacht. Eskandari-Grünberg verurteilt die Angriffe auf Rettungskräfte und Polizei. Sie sagt aber auch: „Wenn ein kompliziertes Thema auf kriminelles Verhalten von Jugendlichen und jungen Menschen reduziert wird – und dies auch noch migrant:innenfeindlich und rassistisch – ist das nicht akzeptabel.“

Auch über die großen Krisen in der Welt spricht die Politikerin der Grünen. Über den Iran, wo die Bevölkerung für Menschenrechte kämpfe und der Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ den Demonstrierenden Mut mache. Und über die Ukraine, in der es um „nicht weniger als Selbstbestimmung, Toleranz, Frieden und Freiheit“ gehe.

Um die Frankfurter Kommunalpolitik geht es nach den Reden fast überall in den weitläufigen Gängen des Römers. Und über Grüne Soße. Denn die gab es immer in den Vorpandemiejahren – außer in dem Jahr, als es nur Laugenbrezeln gab. Dieses Jahr: „Gibt keine“, sagt Ordnungsdezernentin Annette Rinn (FDP). Und ist etwas enttäuscht. „Handkäse gibt es auch nicht.“ Aber Handkäse hin, Grüne Soße her – für die Ordnungsdezernentin beginnt „das Jahr der Verbesserung“. Im Bahnhofsviertel, in der Ausländerbehörde – „alles wird besser und Yanki Pürsün Oberbürgermeister“. Sieht FDP-Kandidat Pürsün natürlich ähnlich. Verpackt es nur anders: Die Gremien der Stadt sollten mit der Stadtgesellschaft „Hand in Hand einen riesigen Schritt vorangehen“. Mit ihm als Stadtoberhaupt.

Grünen-Parteichefin Julia Frank lacht da nur. Sie ist „optimistisch für die OB-Wahl“. Für die Kandidatin der Grünen, für Manuela Rottmann. Die ist noch ganz im Bann der Rede von Navid Kermani. „Ich wünsche mir, dass die Krisen auf der Welt abnehmen“, sagt Rottmann. Sie hoffe, dass es zumindest in Teilen der Welt die Chance auf Frieden in diesem Jahr gibt.

Auch OB-Kandidatin der Linken, Daniela Mehler-Würzbach, wünscht sich, da alle derzeit fassungslos aufs Weltgeschehen schauten, „Mut zur Veränderung für die Politik.“ Und selbstverständlich, dass „die Frankfurterinnen und Frankfurter bereit sind für eine linke Oberbürgermeisterin“.

Logischerweise wünscht sich Uwe Becker etwas anderes. Dass er, der OB-Kandidat der CDU, „die Chance bekommt, meine Heimatstadt zu gestalten“. Und ja, er würde sich auch freuen, wenn die Frankfurterinnen und Frankfurter ihm bereits im ersten Wahlgang ihr Vertrauen schenken würden. „Frankfurt kann mehr und ich will mehr daraus machen.“ Aber Silvester hat er es erst einmal ruhig angehen lassen, „gemütlich zu Hause“, um auf den Trubel der nächsten Wochen vorbereitet zu sein. Nico Wehnemann (Die Partei) freut sich auch über die Kandidatur Beckers. Wie Peter Feldmann würde er in jedes Fettnäpfchen treten, „das ist großartig für unseren eigenen Bembel-Wahlkampf“.

Der Oberbürgermeisterkandidat der SPD, Mike Josef hofft auf ein ruhigeres Jahr als 2022. Zum einen wegen der weltweiten Krisen, aber natürlich auch weil die Frankfurter SPD durch die Abwahl von Feldmann sich wenig auf das politische Tagesgeschäft konzentrieren konnte. Er wünscht sich Gesundheit und blickt zuversichtlich auf den Wahlkampf. [...]" (FR 10.1.23 Von: Timur Tinç, Sandra Busch, Georg Leppert)


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Dienstag, 1. Februar 2022

Navid Kermani über Religion

 "[...] Im Kern ist die Feindesliebe die Basis eines humanen Gemeinwesens. Wir haben diese Weisung politisch übersetzt, in einen rechtlichen Rahmen überführt: Unsere Verfassung erkennt jedem Menschen unveräußerliche Würde und Grundrechte zu. Auch ein Mörder verliert seine Würde nicht. Auch der Terrorist, der den Staat bekämpft, hat in diesem Staat Rechte. Das wird heute – zum Glück – säkular begründet. Man braucht dafür nicht die Religion. Aber dennoch ist es wichtig zu fragen: Wo kommt so etwas her? Ganz sicher nicht aus einer rein diesseitigen, materialistischen Sicht auf die Welt. [...]"

FR 1.2.22

Donnerstag, 16. Januar 2020

Navid Kermani

Antworten auf den ZEIT-Fragebogen

Wie schwer zwei Säcke wiegen - Eine Reise durch Qiandongnan, eine entlegene Bergregion im Südwesten Chinas. ZEIT 16.1.2020
"[...] Die Not der 300 Millionen Chinesen, auf deren Mobilität, Anspruchslosigkeit und geringem Lohn das Wachstum der Wirtschaft wesentlich beruht, füllt in der westlichen Presse ganze Dossiers. Doch wann immer wir in den letzten Tagen Wanderarbeiter fragten, die auf Heimatbesuch waren, hörten wir Frohlocken, dem Landleben entkommen zu sein.
 Warum das?, fragten wir die 30-jährige Xie Liying, die beide Welten kennt, weil sie mit ihrem Mann von Fabrik zu Fabrik gezogen ist, bis der Sohn schulpflichtig wurde und sie in ihr Haus in Dongmeng zurückkehrten, einem der besterhaltenen Dörfer überhaupt in der Region, das inzwischen auch mit Öko-Tourismus wirbt. Dem kleinen, geschmackvollen Hotel, das der Dorfgemeinschaft ein Stückchen Boden abgekauft hat und sie überdies mit ein paar guten Arbeitsplätzen belohnt, haben die Bewohner zugesagt, so oft wie möglich ihre farbenfrohen Trachten zu tragen, die Dongmeng zusätzlich schmücken. Die Riten und Gesänge werden von den Yao wie von allen Minderheiten ohnehin gepflegt.
 Und doch ist Xie Liying unglücklich, zurück zu sein. Dongmeng ist ihre Heimat, hier kennt sie ihre Nachbarn von klein auf, hier sprechen alle ihre Sprache und singen abends gemeinsam die immer gleichen Lieder, deren Verse sie spontan komponieren und die also jedes Mal neu sind, hier trägt sie die kunstvolle Kleidung, die sie selbst näht, hier besitzt sie ein Haus und ihre eigenen Felder, isst das Essen aus eigenem Anbau, genießt den vollen Geschmack ohne künstliche Aromen, nur hier atmet sie gute Luft und ist von Schönheit umgeben, Schönheit der Natur, der Architektur, der Tradition und des Handwerks. Xie Liying führt ein Leben, das authentischer kaum sein könnte, bestimmt selbst über ihren Tagesablauf und wird dabei nach eigenem Bekunden gut satt, hat nur hier eine Krankenversicherung und eine kostenlose Schule für den Sohn – warum sehnt sie sich nach der Koje zurück, in der sie zu dritt wohnte und die jeden Augenblick gekündigt werden konnte, nach Unsicherheit und Abhängigkeit im höchsten Grade, nach der Monotonie in der Fabrik, zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche dieselbe Handbewegung, nach der Fremde aus Beton und Teer, mit Videos auf dem Smartphone als einzigem Zeitvertreib statt mit dem gemeinschaftlichen Gesang, der selbst den Reisenden verzückt. – Ich mag die körperliche Arbeit nicht, sagt sie. –
Aber die Arbeit am Fließband ist doch auch körperlich, wende ich ein. – Aber dort gab es Nahrung und Geld. Hier gibt es nur Nahrung. Ich würde auch gern mal Kleider kaufen, mal was anderes essen, nicht immer nur Reis, Kartoffeln und Mais. Außerdem ist Fließband noch mal etwas anderes, als die schweren Säcke zu tragen und jeden Tag im Dreck zu stehen.[...]
Wer krank ist, sucht Hilfe bei Geistern, nicht nur bei Medizinern. Und die Verstorbenen werden durch Feste geehrt, die gar kein Ende nehmen wollen. Sieben Tage und Nächte blasen die Hörner, und um den gekühlten Sarg aus Plastikglas, in dem der Verstorbene aufgebahrt ist, tanzen die Angehörigen und Nachbarn im Kreis. Die Beerdigung ist für die Miao das wichtigste Fest im Leben. Das ganze Dorf hilft, damit auch die Trauergäste aus den umliegenden Dörfern reichlich zu essen haben. Zehn Frauen sind allein fürs Schneiden des Gemüses eingeteilt, zehn weitere fürs Kochen, während die Männer sich den Einkauf und das Schlachten der Tiere aufteilen. Satt zu werden versteht sich in Qiandongnan noch lange nicht von selbst; umso aufwendiger wird der Überfluss zelebriert, den es wenigstens an Festtagen gibt.
 Früher, so hören wir, wurde mit leerem Magen getanzt und musiziert. Waren das schönere Feste? Nein!, lautet die erstaunte Antwort. Die Kinder werden nach ihrem Tod sicher nicht mehr sieben Tage und Nächte geehrt."

Sonntag, 19. August 2018

Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime

"Wir haben nichts gegen Muslime" – immer wieder habe ich das in Indien gehört. Aber plötzlich ist da ein indisches "Wir", das nichtmuslimisch ist, und ein muslimisches "Sie", gegen das wir nichts haben. Diese Muslime fühlten sich bis gestern genauso als Inder wie die Hindus. Und wie oft höre ich in Deutschland das "wir" nichts gegen Muslime haben.
 Oder alle möglichen Talksendungen zum Islam: Wie können "wir" mit dem Islam umgehen, müssen wir Angst haben vor den Muslimen? Daß zu diesen "Wir" auch Muslime gehören könnten, scheint den Talkgästen beinah undenkbar zu sein. [...]
"Wir" Deutsche müssen Dialog führen mit den Muslimen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet es für etwa 3 Millionen Menschen in diesem Land, daß sie den Dialog mit sich selbst führen müßten.(S.27 -Hervorhebungen von Fontanefan)

"Im Habsburger oder im Osmanischen Reich, bis vor kurzem in Städten wie Sarmakand oder Sarajewo, heute noch in Isfahan oder Los Angeles  waren oder sind Parallelgesellschaften kein Schreckgespenst [...]. Ohne sie gäbe es vermutlich keine Christen mehr im Nahen Osten, und ihr heutiger Exodus hat viel mit dem verhängnisvollen Drang mal der Mehrheitsgesellschaft, mal der Staatsführer, mal von ein paar hundert Terroristen zu tun, Einheitlichkeit herzustellen und kulturelle Nischen auszumerzen." (S.12/13)
"Identität per se ist etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition." (S.17)
"Das bedeutet, daß just mit der Auflösung festgefügter Identitätsmuster, wie sie die Globalisierung mit sich bringt, offenbar der Drang entsteht, sich an etwas festzuhalten, was als eigenes, als Merkmal, das einen von anderen unterscheidet, zu reklamieren wäre. Man kehrt zurück zu dem, was man früher zu sein glaubte, aber im eigenen Leben nie war." (S. 31)
"Niemand bricht radikaler mit der Vergangenheit als jene Gruppierungen, die in die Vergangenheit zurückkehren wollen." (S.32)
"Die Säkularität, wie wir sie kennen und die weit über die Trennung von Staat und Religion hinausgeht [...], Ist eine singuläre Erscheinung in Europa. [...] Wenn wir von säkularen Westen sprechen, meinen wir Westeuropa." (S.33)
"Will man in Westeuropa ein Wir schaffen, reicht das Christentum als Identitätskitt nicht aus." S.35) 
[...] Meine Heimat ist nicht Deutschland. Sie ist mehr als Deutschland: Meine Heimat ist Köln geworden. Meine Heimat ist das gesprochene Persisch und das geschriebene Deutsch: Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich sofort unter Landsleuten, wenn ich Persisch höre – nicht wenn ich deutsch höre. Aber das erste, was ich tue, ist zu schauen, wo es eine deutsche Zeitung gibt. Ich vermeide, soweit es geht, jede fremdsprachige Lektüre, weil ich für mein Leben gern gutes Deutsch lese. Etwas auf Englisch oder Persisch zu lesen, ist mir niemals Vergnügen, auch wenn ich es verstehe. [...]
Mit der gesprochenen deutschen Sprache verbinde ich nicht Gefühle der Vertrautheit, Wärme, Geborgenheit, ich spreche Deutsch auch viel zu schnell. [...] (S.136)
"In der Poesie ist es wieder ganz anders. Wenn ich ein Gedicht auf Spanisch höre, dann ist es mir intuitiv näher, als wenn ich ein deutsches oder persisches Gedicht höre – und/ das, obwohl ich kaum Spanisch spreche.[...]
Das hat gewiss damit zu tun, dass die ersten Gedichte, die ich mit Begeisterung vortrug, von Pablo Neruda waren. [...] Meine Heimat ist nicht nur Deutschland oder Iran, sondern auch die Poesie von Pablo Neruda, die mich in die Liebe begleitet hat." (S.136/137)
Ja, Hölderlin ist Heimat, eindeutig – oder der erste FC Köln, ebenfalls Heimat, seit ich vier Jahre alt bin, ein Verein übrigens in dessen inoffizieller Hymne es heißt: Wir sind multikulturell. (S.138)
"Im Ernst: nicht ganz dazu zu gehören, sich wenigstens einige Züge von Fremdheit zu bewahren, ist ein Zustand, den ich nicht aufgeben möchte." (S.139)

Zur Leitkultur:
"[...] anders als bei dem genaueren Begriff des Grundgesetzes, vor dem alle gleich sind, gehört der ethnisch Deutsche ungeachtet seiner eigenen Ansichten und Werte zu dem Volk, das leitet. [...].
Wenn ein politisches Gebilde religiösen und ethnischen Minderheiten eine gleichberechtigte Teilhabe in Aussicht stellt, dann ein vereinigtes Europa." (S.141) 

Zu europäischen Werten:
Kermani meint, der christliche Ursprung viele europäische Werte sei nicht zu leugnen. "Aber es sind Werte, die säkularisiert, also im Laufe der Zeit innerweltlich begründet worden sind." (S.142)

"Nicht umsonst tut es Immanuel Kant nicht unter dem ewigen Frieden, einer Weltföderation republika/nisch verfasster Länder. Natürlich ist das eine Utopie, und keiner wußte das besser als Kant, dieser nüchternste unter allen europäischen Philosophen. Aber in dem Augenblick, indem Europa aufhört, diese Utopie vor Augen zu haben, sich auf diese Utopie hinzubewegen, hört es als Idee auf zu existieren. [...]
Man stelle sich vor, die EU würde den Betrieb als Reformmotor nicht nur drosseln (was wegen Überhitzung gelegentlich sinnvoll sein mag), sondern ein für allemal einstellen: Die Entwicklung ,die daraufhin in Osteuropa oder in der Türkei einträte, wäre für die alten Europäer erst recht nicht bequem. Sie wäre dramatisch." (S.142/43)

"Europa mit seinem Homogenisierungswahn, von dem es sich auch sechzig Jahre nach seinen großen Kollektivierungskriegen nur mühsam befreit, wird noch lange Zeit benötigen, um solche Lebensläufe hervor zu bringen. [wie die Obamas]. Aber vielleicht lernt es seit dem 4. November 2008 etwas schneller: Identifizierung gelingt dort, wo sie nicht auf Identität hinausläuft." (S.145)

"[...] diese Islamkonferenz ist großartig. Daß der deutsche Staat überhaupt offiziell mit dem Islam spricht, ihn also wahrnimmt, sich an einen Tisch mit 15 Muslimen setzt, daß der Innenminister, ein CDU-Innenminister sich danach vor die Presse stellt und sagt: Der Islam ist ein Teil Deutschlands, ein Teil der Zukunft Deutschlands ein Teil der Zukunft Europas, das sind Ereignisse von hohen symbolischen Wert, [...]
So sehr bemüht sich die CDU heute um ein migrationspolitisches Profil, daß man bei einer vergißt, mit wem in Deutschland die Integrationspolitik begonnen hat, nämlich mit dem Antritt der rot-grünen Koalition im Jahr 1998." (S.147/48)
"Vor allem aber hat rot grün einen Mentalitätswechsel in der Gesellschaft bewirkt, der nicht geringer zu bewerten ist als das gewachsene Bewusstsein für den Erhalt der Umwelt." (S.149)
(Navid Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, Cop. 2009, 9. Aufl. 2017)

Zum Vergleich:
Eine Amerikanerin über ihr Gefühl zwischen zwei Nationen, FAZ 19.8.18

sieh auch Heimat:
https://twitter.com/pallaske/status/1099778857597579266

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox, 2018

Hier wird klar, weshalb Kermani so wichtig ist: Weil er Konflikte aufzeigt und zugleich Wege zu ihrer Lösung (nicht Patentrezepte).

Zur Fortsetzung

Freitag, 7. Juli 2017

In Auschwitz

"Wenn es einen einzigen Moment gibt, an dem ich ohne Wenn und Aber zum Deutschen wurde, dann war es nicht meine Geburt in Deutschland, es war nicht meine Einbürgerung, es war nicht das erste Mal, als ich wählen gegangen bin. Schon gar nicht war es ein Sommermärchen. Es war letzten Sommer, als ich den Aufkleber an die Brust heftete, vor mir die Baracken, hinter mir das Besucherzentrum: deutsch. Ich ging zu meiner Gruppe und wartete ebenfalls stumm auf unsere Führerin. Im Tor, über dem „Arbeit macht frei“ steht, stellten sich nacheinander alle Gruppen zu einem bizarren Foto auf. Nur wir schämten uns. [...]
Das kulturelle Gedächtnis braucht Rituale, Mahnmale, Jahrestage, wiederkehrende Bilder und, ja, auch sprachliche Floskeln, um sich zu bilden, zu bewahren und zu entwickeln. Seiner Natur nach tendiert das zeremonielle Gedenken zur Wiederholung und Formelhaftigkeit. Es ruft durch Zeichen eine Erinnerung wach. [...]
Wenn in der eigenen Biographie die Referenzpunkte fehlen, auf die sich das kulturelle Gedächtnis in Formeln, Gesten und Symbolen bezieht, dann werden diese Formeln, Gesten und Symbole als leer empfunden. [...]
Dass der Holocaust in die Ferne rückt, ist allerdings nicht nur den Jahren geschuldet, die vorüberziehen, oder den Kilometern, die zwischen dem heutigen Deutschland und den zentralen Stätten des Völkermords liegen. Es kommt eine demographische Entwicklung hinzu. Immer mehr Menschen leben in Deutschland, die nicht einmal mehr einen familiengeschichtlichen Bezug zum Nationalsozialismus haben. [...]
Je ferner Auschwitz rückt, desto leichter wird es Deutschen wieder fallen, sich an ihrer Geschichte zu erbauen. Und sie werden übersehen, dass gerade in der Gebrochenheit Deutschlands bundesdeutsche Identität und, ja, Stärke und Vitalität liegt. Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz, lehrte der Rabbi Nachman von Berditschew.
Der Satz ist einer meiner Lieblingssätze, Motto auch eines Buches von mir. Natürlich bezieht er sich auf die Liebe, die Liebe zu den Mitmenschen oder zu Gott, in jedem Fall auf eine individuelle Situation. Aber er lässt sich auch auf ein Gemeinwesen beziehen: Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz. Wenn etwas spezifisch wäre an der deutschen Leitkultur, die dieser Tage wieder eingefordert wird, wären es nicht Menschenrechte, Gleichberechtigung, Säkularismus und so weiter, denn diese Werte sind durchweg europäisch, wenn nicht universal; es wäre das Bewusstsein seiner Schuld, das Deutschland nach und nach gelernt und auch rituell eingeübt hat – aber just diese eine Errungenschaft, die nicht Frankreich oder die Vereinigten Staaten, sondern die Bundesrepublik für sich reklamieren darf neben guten Autos und Mülltrennung, möchte das nationale Denken abschaffen. Umgekehrt gilt allerdings auch: Wer sich gegen ein völkisches Verständnis der Nation wendet, kann die historische Verantwortung nicht ethnisch engführen. Wer sich in Deutschland einbürgern lässt, wird auch die Last tragen müssen, Deutscher zu sein. Spätestens in Auschwitz wird er sie spüren, wenn er sich den Aufkleber an die Brust heftet. [...]"
(Ausschnitte aus der  Rede, die Navid Kermani zum zwanzigjährigen Bestehen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München gehalten hat: Die Zukunft der Erinnerung faz.net 7.7.17)

Donnerstag, 26. Januar 2017

Samstag, 16. Juli 2016

Problemlösung durch Streiten?

Wenn ich Brexit-Gegner und Brexit-Befürworter innerhalb ihrer Gruppen bestätigen, ohne sich auf die Sicht der anderen Seite einzulassen, lösen sie weder die Probleme der EU noch die Großbritanniens.*
Wie organisiert man Streiten so, dass es zu Problemlösung führt?

Zwei Beiträge dazu liefert Navid Kermani in Solidarität,Freiheit,Offenheit und  Europa nach dem Brexit. Auf Kosten unserer Kinder einen weiteren Georg Kugler in Herrschaft oder Streiten.

*Aktuell wird man dabei auch an die Konflikte innerhalb der Türkei und die mit der EU, an den weltweiten Terror durch Einzeltäter, Gruppen und Staaten, an den Klimawandel, ob primär von Menschen verursacht oder nicht, und an deren Folgeprobleme (Flucht und Ausgrenzung) denken.

Freitag, 18. Dezember 2015

Islamischer Fundamentalismus

Kermani im Interview:
"Wenn man mit den Islamisten spricht, erkennt man so etwas wie protestantische Prinzipien in ihrer Theologie: Die strikte Schriftgläubigkeit zum Beispiel, [...] Muhammad Abduh sagte beispielsweise nach einer Europareise, er habe in Europa den Islam gefunden, aber keine Muslime. In der muslimischen Welt gebe es dagegen Muslime, aber keinen Islam. Er abstrahierte also die Religion vom gelebten Islam. So wurde der große Reformator ungewollt zum Vater des islamischen Fundamentalismus [...]" (Publik-Forum 18.12.15, S.33)

Samstag, 12. Dezember 2015

Muslime gegen Unterdrückung und Terror

"Alle Massenaufstände der letzten Jahre in der islamischen Welt waren Aufstände für Demokratie und Menschenrechte, nicht nur die versuchten, wenn auch meist gescheiterten Revolutionen in fast allen arabischen Ländern, ebenso die Protestbewegungen in der Türkei, in Iran, in Pakistan und nicht zuletzt der Aufstand an den Wahlurnen der letzten indonesischen Präsidentschaftswahl. Ebenso zeigen die Flüchtlingsströme an, wo sich viele Muslime ein besseres Leben erhoffen als in ihrer Heimat: jedenfalls nicht in religiösen Diktaturen. Auch die Berichte, die uns aus Mossul oder Rakka selbst erreichen, künden nicht von Begeisterung, sondern von Panik und Verzweiflung der Bevölkerung. Alle maßgeblichen theologischen Autoritäten der islamischen Welt haben den Anspruch des IS verworfen, für den Islam zu sprechen, und im Detail herausgearbeitet, inwiefern dessen Praxis und Ideologie dem Koran und den Grundlehren der islamischen Theologie widersprechen. Und vergessen wir nicht, dass es an vorderster Front Muslime selbst sind, die gegen den „Islamischen Staat“ kämpfen, Kurden, Schiiten, auch sunnitische Stämme und die Angehörigen der irakischen Armee."
(Kermani in seiner Friedenspreisrede 2015)

Samstag, 5. September 2015

"Religion ist eine sinnliche Erfahrung"

Navid Kermani: "Religion ist eine sinnliche Erfahrung", ZEIT Nr. 35 2015
Der deutsche Schriftsteller und islamische Gelehrte Navid Kermani hat ein Buch über christliche Kunst geschrieben: "Ungläubiges Staunen". Ein Gespräch mit dem Autor über die Gründe seiner Faszination INTERVIEW: ALEXANDER CAMMANN [...]
ZEIT: Viele Katholiken erleben ihre Kirche eher als lustfeindlich. Dagegen betonen Sie die Sinnlichkeit der christlichen Kunst, überhaupt hat Ihr Buch eine sehr optimistische Ausstrahlung.
Kermani: Ein Christ hätte vermutlich keine solche Liebeserklärung an seine Religion schreiben können. Und ich könnte nicht vergleichbar von islamischer Kunst schwärmen. Man kann das Andere, die andere Person genauso wie eine andere Kultur, viel vorbehaltloser lieben.
ZEIT: Sie nennen es Ihr "eigenes Christentum", das Sie dabei entdeckt haben. Wie kam es dazu?
Kermani: Ich habe den Islam gebraucht, um mir über das ästhetische Moment in den Religionen klar zu werden. Es waren die Rezitationen des Korans, die Poesie der Sufis, die Tänze, die mystische Musik Persiens. Erst mit diesen Erfahrungen wurde mir klar, wie religiös beispielsweise Hölderlin ist, wie sehr geprägt von der eigenen, der pietistischen Mystik. Es fällt einem christlich-deutschen Leser vielleicht gar nicht auf, wie stark seine Literatur bis zu Kafka und Thomas Mann von biblischen Bezügen und metaphysischen Fragestellungen durchdrungen ist, viel stärker als etwa die französische oder angelsächsische. Jean Paul oder Büchner sind gar nicht angemessen zu begreifen ohne das Christentum. Viele der größten deutschen Dichter waren Pfarrerssöhne, sie hatten beim Schreiben die Bibel im Ohr – was nicht heißt, dass sie fromm waren.
ZEIT: Nun gibt es allerdings in den Gesellschaften des Westens seit Langem eine starke Säkularisierung. Zugleich erleben wir wieder eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Religion. Ist das nicht paradox?
Kermani: Darin spiegelt sich lediglich die Aufdeckung eines Irrtums. Der Eindruck, dass die Religionen verschwunden seien, galt nur für einen schmalen Streifen zwischen Skandinavien und Nordspanien. Sonst war die Religion nirgendwo verschwunden. Wir haben unsere eigene Erfahrung auf die Welt übertragen und dann plötzlich gemerkt: Oh, links und rechts von uns, schon in Polen beispielsweise, ist das alles doch anders. Und angesichts des sich ausbreitenden Islamismus haben wir plötzlich gemerkt, dass uns die Verstehensmechanismen für Religion abhandengekommen sind, weil uns die eigene religiöse Tradition fernlag. Dass Religion eine Lebensform ist, eine Art und Weise, seinem Alltag einen Rhythmus zu geben, der nicht von einem selber vorgegeben ist, dass sie Menschen über sich hinauswachsen lässt im Guten wie im Bösen: Davor stehen wir oft so sprachlos. Wie kann es sein, dass sich Selbstmordattentäter umbringen für einen Glauben? Wie kann es sein, dass umgekehrt Menschen sich aufopfern für andere, dass sie sich trotz der drohenden Hinrichtung weigern zu konvertieren oder sich trotz aller Gefahren gegen den IS erheben? Wenn wir die religiösen Motive der Terroristen ernst nehmen, dann müssen wir auch die religiösen Motive derjenigen ernst nehmen, die sich enthaupten lassen oder gegen den IS kämpfen. Vielen von uns ist die Möglichkeit unverständlich, dass etwas über uns steht, das wichtiger ist als wir. Aber vor fünfzig Jahren leuchtete das vielleicht auch hierzulande der Volksfrömmigkeit noch ein.
ZEIT: Sie bekommen im Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ein anderer Preisträger, Jürgen Habermas, hat 2001 in seiner Dankesrede Religion als Ressource für unsere moderne Gesellschaft entdeckt, obwohl er selbst einräumt, "religiös unmusikalisch" zu sein.

Kermani: Ich bewundere Habermas dafür, wie er über seine eigenen Grenzen hinausdenkt, dass er nicht verurteilt, was er nicht versteht, sondern ein Potenzial erkennt. Das ist im Sinne einer intellektuellen Moralität ein beeindruckender Weg. Dabei waren die Stammväter der Kritischen Theorie religiös ziemlich musikalisch, wenn Sie an Adorno, Horkheimer und Benjamin denken, die wiederum eng mit Scholem und Bloch in Kontakt standen und sich gut in der religiösen Tradition auskannten, besonders in der mystischen. Gerade in der geistigen Schule, aus der Habermas kommt, ist ein transzendentes Moment angelegt. Dennoch tut er nicht so wie manche Talkshow-Katholiken heute, als wäre das urplötzlich seine eigene Sache. [...]