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Freitag, 18. April 2025

Mama lern Deutsch!

"Das Verhältnis seines jüngeren Ichs zu Deutschland vergleicht Durgun mit der Beziehung, die man zum beliebtesten Mitschüler in der Schulklasse hatte: "Es war so, als hätte ich jedes Jahr versucht, Deutschland zu meinem Kindergeburtstag einzuladen, aber es war nie gekommen – ohne Kommentar. [...] "Die Ehe meiner Eltern ist wie Carmen Geiss – erschreckend laut und trotzdem liebevoll." Auf solche Jokes folgen jedoch immer wieder Passagen, in denen er mit seiner Mutter auf verstörend harte Weise ins Gericht geht. Seine ganze Jugend über habe sie ihn und seine Sprachkenntnisse ausgenutzt, ihn Behördenbriefe, Arztdiagnosen, Kochrezepte übersetzen lassen, bis heute – und versäume so die Chance, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. "Denn ganz ehrlich: Um an einer Gesellschaft teilhaben zu können, ist Lesen und Schreiben das Mindeste."

Damit greift Durgun einen beliebten Talking Point von Konservativen und Rechten auf: die integrationsunwillige, die deutsche Sprache auch nach Jahrzehnten nicht beherrschende Migrantin. "Ich gebe zu, der vorige Absatz hätte auch ein Auszug aus dem Protokoll des letzten Sommerfestes der AfD-Jugend sein können", kommentiert Durgun das lakonisch. Auch an anderer Stelle scheint er keine Berührungsängste mit potenziell rassistischen Stereotypen zu haben, etwa wenn er schildert, wie sein Kumpel Baran sich Geld ergaunert, indem er an Haustüren Spenden für vermeintlich gute Zwecke sammelt, "für Klimaschutz oder Tierheim oder so" 

Passagen wie diese lassen die Leserin ratlos zurück: Spielen solcherlei Erzählungen nicht den Falschen in die Karten, auch wenn sie humoristisch aufgeschrieben sind? Dass seine ambivalenten Beobachtungen der migrantischen Community instrumentalisiert werden können, ist für Durgun offensichtlich jedoch kein Grund, sie nicht zu veröffentlichen. Er zeichnet das komplexe Gesamtbild seiner Kindheit, wie er sich an sie erinnert. "Dieses Buch hilft, um Deutschland zu verstehen", schreibt er.

Durgun [...] fügt der postmigrantischen Debatte eine neue Dimension hinzu, indem er die eigene Community in die Verantwortung nimmt. Am Ende findet er dann doch noch versöhnliche Worte für seine Mutter. Wenn er beschreibt, wie sie ihm beigebracht habe, dass "Cay den Kummer von der Seele spült", wird deutlich, wie viel Bewunderung er aufbringt für die Zuversicht, die sie ihm trotz aller Hürden vermittelte. [...]" (ZEIT 16.4.25)

Tahsim Durgun: Mama, bitte lern Deutsch!

Freitag, 9. Oktober 2015

Neu zugewanderte Schüler


Im Jahr 2014 sind knapp 100.000 Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter neu nach Deutschland zugewandert. Die Zahl hat sich seit 2006 vervierfacht, dennoch lag der Anteil neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher im Verhältnis zur Gesamtschülerschaft bei einem Prozent. Das sind die zentralen Ergebnisse einer Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln. [...]
Die Studie hat ergeben, dass in vielen Bundesländern nicht systematisch erhoben wird, wie viele neu zugewanderte Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse tatsächlich an den Schulen sind. Ohne diese Planungsgrundlage ist es jedoch kaum möglich, den Bedarf an Lehrkräften und weiteren Ressourcen rechtzeitig einzuschätzen. "Die Bundesländer müssen sich auf ein gemeinsames Verfahren einigen", so Becker-Mrotzek weiter." [...] "Das Thema ist kein Projekt für eine Taskforce auf Zeit, sondern eine langfristige Aufgabe. Migrationsbewegungen, wie wir sie gerade erleben, sind ein wiederkehrendes Phänomen. Dieses Thema wird immer wieder und durchgängig eine Rolle spielen. Gerade deshalb sollten auch Mindeststandards für den Schulbesuch neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher entwickelt werden. Die Themen Migration und Deutsch als Zweitsprache müssen noch breiter in der Lehramtsausbildung verankert werden", fordert Becker-Mrotzek.