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Donnerstag, 12. Juni 2025

Dankbarkeit

Ich gehe zum Supermarkt und sehe eine leere Dose herumstehen und freue mich, dass ich so aufräumen und auf dem Weg zum Einkaufen am Flaschen/Dosenautomat eine kleine Spende für die Tafel machen kann. Jetzt muss ich nur daran denken, dass ich dem nächsten Flaschensammler etwas gebe, um auszugleichen, dass ich den Flaschensammlern eine kleine Geldquelle weggenommen habe.

Prompt werde ich an der Kasse mit meinen Kleinigkeiten vorgelassen. Es stellt sich heraus, dass der Betreffende, den ich nicht kenne, auch in dem Verein für gegenseitige Hilfe ist und mich wahrscheinlich mit jemandem aus dem Verein verwechselt hat, der ihm geholfen hat. 

Kleine Freuden des Alltags.

Anlass zu großer Dankbarkeit hat man immer dann, wenn man von Erfahrungen hört, die man noch nie zu machen hatte. So wie zum Beispiel von dieser Person, die einen Selbstmordversuch überstanden hat. Sie hat berichtet:

Auf jeden Fall bin ich jetzt in einer psychiatrischen Klinik, und das Team hat mir geraten, erstmal auf Abstand mit meinen Eltern zu gehen. Die Erziehung war nicht so dolle; jetzt haben die sich verändert, vor allem nach dem Geschehenen. Meiner Mutter habe ich erzählt, dass ich überlege, auszuziehen, da ich, auch wenn sie versuchen, sich zu bessern, in ihrer Gegenwart immer noch Angst habe. Sie war nicht begeistert, aber will mir nun mehr Autonomie einräumen und sagte, ich solle tun, was ich am besten für mich halte. Mir tut es aber richtig Leid. Trotz der Gewalt, dem Schreien, dem Schmerz und der Traurigkeit die sie mir all die Jahre zugefügt haben, fühle ich mich trotzdem schlecht. Wenn ich der Psychologin oder Bezugspflege erzähle, was passiert ist, und sie sagen, ich solle auf Abstand gehen oder sonst etwas Kritisches über sie sagen, bekomme ich voll die Schuldgefühle. Ich konnte nicht richtig lebten, das ist mir klar, aber ich habe überlebt. Materiell hat mir nichts gefehlt, ich fühlte mich halt immer nur in Alarmbereitschaft und entfremdet von jedem im Haus.

Ich soll jetzt in einem Betreuten Wohnen einziehen mit Leuten mit 1-27 Jahren und ähnlichen Umständen/Diagnosen haben, und mi ihnen zusammen leben. Das hört sich echt gut an, und das wird mir auch bestimmt gut tun. Was mich abhält ist, aber der Gedanke daran, dass meine Eltern sich dann schlecht fühlen. Aber wenn ich wieder einziehe, kann es wieder genauso schlimm werden.

Dass die Person nach ihren Erfahrungen Schuldgefühle gegenüber ihren Eltern haben kann, spricht von großer Empathie, die sie freilich zur Gesundung zumindest zwischenzeitlich überwinden muss. Eine Aufgabe, die man nicht haben möchte. 


 

Montag, 19. Mai 2014

Ein Lehrstück in Sachen Selbstwirksamkeit

Wie oft fühlen wir uns Computern, Behörden, Angebotsmonopolen oder schließlich - wie bei den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen - einem wirtschaftlich-politischen Komplex hilflos ausgeliefert.
Heute erhielt ich eine Lektion, wie man in scheinbar hilfloser Lage, Selbstwirksamkeit erlangen kann.

Vor dem Supermarkt spricht mich eine junge Frau vom nahe liegenden Behindertenwohnheim an und fragt, was ein Päckchen koste? Ob es 1 Euro sei.
Ich erinnere mich, dass seit 3,90 € wieder eine Portoerhöhung stattgefunden hat, und vermute 4,20 €.
Im Laden spricht sie mich an, ob ich ihr 20 Cent geben könne. Die gebe ich ihr.
In der Schlange vor der Kasse zeigt sie mir zwei Laugenbrezeln und 70 Cent und fragt mich, ob die für Brezeln reichen.
Ich zucke die Achseln und glaube mich noch völlig selbstbestimmt.

Dann geht sie an mir und weiteren Schlange Stehenden vorbei, wird vom Filialleiter, der an der Kasse sitzt, zurückgeschickt und von ihrer Hausgenossin kritisch ermahnt im Sinne von "Das macht man doch nicht!"
Vor mir bleibt sie in der Schlange stehen.
Ich überlege schon, wie es weitergeht. Wenn das Geld nicht ganz reicht, werde ich ihr wohl den Rest bezahlen. Wird sie mir wohl mein Geld zurückgeben, wenn sie es nicht braucht?
Als sie zu bezahlen hat, bleiben ihr 12 Cent übrig.
Sie bietet sie ihrer Hausgenossin an, die weist sie zurück, und der Filialleiter kommentiert: "Wenn sie mal Geld hat, dann verschenkt sie es." Da drückt sie mir das Geld in die Hand. Ich nehme es und habe die 2 Cent, die ich brauche, um nicht mehr Kleingeld zurückzubekommen als erwünscht.

Den Sachverhalt, dem Filialleiter und den in der Schlange Stehenden zu erklären verbietet sich.
Bleibt mir, dass ich das Geld -aus meiner Sicht - nicht zurückweisen konnte und sie mir klar gemacht hat, dass der Kinderspruch "Was geschenkt ist, bleibt geschenkt, wird nicht mehr ins Haus gehängt" auch unter Erwachsenen noch gilt und dass sie mir großmütig etwas geschenkt hat.

So kann man sich aus einer Situation der Hilflosigkeit ("Reicht mein Geld? Was wird es kosten? Was ist der Gesamtpreis, wenn ein Stück 29 Cent kostet?") in die des souverän Schenkenden manövrieren. Das nenne ich Selbstwirksamkeit.