"Die Erinnerungen von Überlebenden beschreiben, wie die Häftlingskapellen organisiert waren und zu welchen Anlässen die Musiker welche Musik
spielen mussten. Die Hauptaufgabe der Häftlingsorchester bestand in vielen
Lagern darin, den Tagesablauf zu strukturieren. Es sind vor allem die Klänge deutscher Marschmusik und populärer Orchestermusik, die sich in die
Köpfe der Überlebenden eingegraben haben. Zu dieser Musik marschierten
die Arbeitskolonnen tagtäglich durch die Lagertore. Der Takt der Märsche
sollte sie zum Gleichschritt disziplinieren und die anwesenden SS-Männer unterhalten. Bekannte Orchesterstücke aus Operetten, Melodien populärer Lieder wie „Lilli Marleen“ verhöhnten die gequälten Menschen und
demonstrierten ihnen ihre Hilflosigkeit, denn sie konnten der Musik nicht
entkommen, die sie an ein normales Leben, eine glückliche Vergangenheit
erinnerte. Vom Orchester des Auschwitzer Frauenlagers ist überliefert,
dass es Tausende von Deportierten mit leichter Operettenmusik empfangen musste, um die Neuangekommenen abzulenken und zu täuschen.
„Ein nächtliches Konzert beginnt“, erinnerte sich die Musikerin Seweryna
Szmaglewska.
„Bei den Waggons schreien die SS-Männer wie besessen, jammern die Geschlagenen,
weinen die Kinder, und auf diesem akustischen Hintergrund erklingen die Melodien spanischer Tänze, sehnsüchtiger Serenaden, sentimentaler Lieder.” (Szmaglewska 1962: 245)
Aus vielen Konzentrationslagern ist bekannt, dass die SS-Wachen mit dem
gebrülltem Befehl „ein Lied“ die Gefangenen in verschiedenen Situationen
deutsche Volkslieder singen ließen, zum Beispiel, wenn sie die Bevölkerung
der umliegenden Dörfer über den wahren Charakter der Lager hinwegtäuschen wollten." (S.214-216)
Juliane Brauer: "Lieder aus den nationalsozialistischen
Konzentrationslagern
Geschichte(n), Erinnerung und Rezeption" in: Berichte, künstlerische Werke und
Erzählungen von NS‑Verfolgten
Zeugnisformen
Bildungsarbeit mit Zeugnissen. Herausgegeben von Dagi Knellessen und Ralf Possekel, S. 213 ff. (Link zum Download)