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Sonntag, 29. März 2026

Demokratie Design?

 

"[...] Das Kumulieren und Panaschieren ist an sich ein wertvolles Instrument für mehr Mitbestimmung, in der Praxis gerät es jedoch zur logistischen Herausforderung. Mit einer Breite von fast 1,5 Metern und mehr als 1.100 Namen glich der Stimmzettel zur Frankfurter Stadtverordnetenversammlung eher einer „Wahltapete“ als einem übersichtlichen Dokument.

Passend dazu ist die Region Frankfurt/Rhein-Main in diesem Jahr „World Design Capital“. In Anbetracht dieser Papierberge stellt sich mir die Frage: Braucht unsere Demokratie ein Design-Update? Dass dahinter weit mehr steckt als bloße Praktikabilität, erläutert der Politikwissenschaftler Christian Stecker in unserer Veranstaltungsaufzeichnung „Ausgezählt!“ – eine profunde Analyse, die auch demokratietheoretische Argumente in den Fokus rückt.

Doch wie genau befruchten sich Demokratie und Design? Dieser Frage widmen wir uns ab dem 17. April in unseren „Denkräumen“. Unsere Stipendiatinnen und Stipendiaten der Jungen Akademie laden Sie herzlich ein, gemeinsam über neue Impulse für unsere Gesellschaft nachzudenken. Details zum ersten Termin finden Sie direkt unter diesem Intro. [...]

17 April

Freitag, 18.00–20.30 Uhr
 
Weißfrauen Diakoniekirche, Frankfurt

Design Demokratie

Platz und Raum für Gemeinschaft

Demokratie muss gestaltet werden: auf Plätzen, in Parks, am Familien-Esstisch. Was braucht es räumlich, damit das gut gelingen kann? Darüber spricht die Junge Akademie mit Peter Cachola Schmal vom Deutschen Architekturmuseum und mit Lutz Dietzold vom Rat für Formgebung.
https://www.evangelische-akademie.de/kalender/design-demokratie/63880/?utm_source=newsletter&utm_medium=email

https://jeanpol.wordpress.com/2026/03/29/titelder-stillstand-ist-hausgemacht-und-wird-falsch-bekampft/

Freitag, 27. Februar 2026

"Was ist eigentlich, wenn ich Deutschland mal verlassen muss?".

 "Der Ex-FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai erlebt mit Sorge, wie sich das wohlhabende Bürgertum radikalisiert. Und fragt sich deshalb, ob er eines Tages auswandern muss. [...]

 "[...] Djir-Sarai: Um es klar zu sagen: Ich mache mir Sorgen um die bürgerliche Mitte in Deutschland. In den Milieus, die eigentlich mal für Diskurs, Verständigung und Kompromiss standen, herrscht mittlerweile ein Geist der Kompromisslosigkeit. Der Staat soll liefern – und zwar sofort. Und wenn er nicht liefert, muss eben ein neues System her. Diese Haltung ist brandgefährlich.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel für diese Haltung?

Djir-Sarai: Ich skizziere Ihnen mal einen Typus: Stellen wir uns den Geschäftsführer eines Unternehmens vor, finanziell erfolgreich, internationale Ausbildung, internationaler Freundeskreis, vielleicht mit einem türkischen Schwiegersohn. Und einige solcher Leute reden nun plötzlich wie Radikale.

ZEIT: Wie denn?

Djir-Sarai: Sie schimpfen auf "die da oben", obwohl sie selbst natürlich zu "denen da oben" gehören. Sie sprechen mit einer tiefen Verachtung über Politiker. "Die können das nicht, die sind doof, die verstehen die Probleme im Land nicht, die sind abgehoben." Und dazu kommt dann nicht selten eine Verachtung für das System: "Hier geht alles so langsam, hier reden zu viele Leute mit, hier muss mal einer durchgreifen." So in etwa ist die Tonlage.

ZEIT: Man könnte ja auch sagen: Es läuft tatsächlich vieles gerade nicht besonders gut in Deutschland.

Djir-Sarai: Das stimmt, und das macht mich auch wütend. Aber ich komme zu einer anderen Schlussfolgerung: Dann muss man sich mehr engagieren, sich mehr einbringen, mehr diskutieren. Was ich aber stattdessen erlebe, ist ein Rückzug. Man richtet sich ein in seiner Wut und schimpft nur noch auf all diejenigen, die es angeblich verbocken. Und das sind natürlich immer die anderen. [...]

Djir-Sarai: Ich bin schon immer für eine restriktive Migrationspolitik. Ich hatte immer ein Problem damit, dass wir Leute ins Land lassen, die unsere Werte ablehnen. Das ist eine Bedrohung für unsere offene Gesellschaft. Ich wäre auch beim Thema Einbürgerung und Integration weitaus härter als die bisherige Politik. Für diese Haltung habe ich von links immer Prügel bekommen. [...] 

Djir-Sarai: Ich habe mich selbst neulich dabei erwischt, wie ich meiner Frau die Frage gestellt habe: "War es eigentlich ein Fehler, dass unsere Kinder meinen iranischen Nachnamen tragen?" Ich war in diesem Moment über meine eigene Frage entsetzt. Noch vor zehn Jahren wäre es mir nie in den Sinn gekommen, so was auch nur zu denken. [...] 

Djir-Sarai: Ich glaube, sie war auch massiv irritiert davon. So hat sie jedenfalls geguckt. Aber das Thema ist ja noch größer. Ich liebe Deutschland, es ist meine Heimat. Aber ich habe mir zuletzt schon die Frage gestellt: Was ist eigentlich, wenn ich Deutschland mal verlassen muss? Die Frage fand ich früher absurd.

ZEIT: Warum?

Djir-Sarai: Weil meine Eltern mich das immer gefragt haben. Und ich habe mich deshalb mit ihnen gestritten. Die haben zum Beispiel immer zu mir gesagt, du musst etwas studieren, womit man überall auf der Welt arbeiten kann. Medizin zum Beispiel. Und ich habe gesagt: Warum soll ich denn weggehen? Ich bin hier zu Hause. Und die sagten: Na ja, man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln. Ich habe mich darüber richtig aufgeregt.

ZEIT: Und heute würden Sie sagen, Ihre Eltern hatten recht?

Djir-Sarai: Nein, aber ich erwische mich jedenfalls selbst, wie ich dieselben Gedanken habe und genauso mit meinen Kindern heute rede." ZEIT 26.2.26


Montag, 8. Dezember 2025

Streiten in der Demokratie

Werte sind das Ergebnis unserer Erfahrungen und erwachsen aus Prägungen unserer Lebenszeit. Zwar lassen sie sich auch philosophisch begründen, aber eine Letztbegründung ist nicht interkulturell möglich.  Streiten wir darüber, können wir uns gegenseitig sehr tief verletzen. Oft wenden wir uns von Menschen ab, die unsere Werte nicht teilen. Letztlich gilt: "Über Werte kann man nicht streiten." Im Wertekonflikt gibt es keine Lösung, vielmehr sind Toleranz und Akzeptanz gefragt.

Andererseits gibt es Ehrbegriffe, die schädlich sind und die Ausgangspunkte für Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein können. (siehe Himmlers Rede vom 4.10.1943 in Posen)

Da muss man streiten, ja sogar staatlich rechtzeitig eingreifen. Das ist ein schwieriges Feld.


Donnerstag, 11. September 2025

Unterschiedliche Wertvorstellungen sorgen für große Ambivalenz

 Demokratie mit garantierten Rechtswegen steht im Widerstreit mit schnellen Entscheidungen.

Das Recht auf Selbstverwirklichung steht im Widerstreit zu klaren Entscheidungen: Eine Ehe "Bis dass der Tod euch scheide" steht im Widerspruch zum Recht auf das Ausleben der jeweils eigenen sexuellen Identität. Wie gehen Ehepartner mit dem Wechsel der Identität ihrer Partner um, wie ihre Kinder?

Die Ausweitung der sexuellen Identitäten und das Recht, sie leben zu dürfen, steht im Widerspruch zu dem Schutz von Minderjährigen vor Missbrauch durch Pädosexuelle

Ab wann ist ein Liebesbrief kein sexueller Missbrauch? Wie verträgt er sich mit der Verhinderung von Übergriffen aus der Sicht von #Me Too? Ist die Benutzung eines falschen Pronomens für Transpersonen strafbar, auch wenn sie auf Unwissenheit beruht? ("Unwissenheit schützt nicht vor Strafe.")

Das Ganze verkompliziert sich, wenn man von unterschiedlichen Moralvorstellungen und und gesellschaftlichen Regelungen in einer multikulturellen Gesellschaft ausgeht. Wie weit und wie lange ist jemand, der einen "Ehrenmord" begangen hat, vor Strafbarkeit geschützt? Wie wirken internationale Menschenrechte?


All diese unterschiedlichen Bewertungen brauchten kein größeres Problem zu sein, so lange das Verhältnismäßigkeitsprinzip wenigstens in Deutschland allgemein anerkannt würde. Spätestens seit der Coronakrise ist das nicht mehr ohne weiteres der Fall.

Deshalb ist es wichtig, immer wieder daran zu erinnern, dass dieselbe Maßnahme richtig sein kann oder falsch, je nach dem, welches Übel zu vermeiden wichtiger ist. Und dass man nicht über Maßnahmen streiten soll, ohne zu bedenken, welche Übel man für wichtiger hält.

Dienstag, 19. November 2024

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, 2024

 Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, Siedler Verlag, München 2024   (orig.: Autocracy, Inc.: The Dictators Who Want to Run the World, Doubleday, 2024)

Wikipedia: "Anne Applebaum betrachtet sich selbst als Liberal-Konservative. Sie bejaht Marktwirtschaft,  Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die NATO und die Europäische Union.[26]

Im Jahr 2002 veröffentlichte sie eine Kolumne, in der sie israelische Angriffe auf die palästinensische Radio- und TV-Station Voice of Palestine verteidigte, weil diese ihrer Meinung nach durch die systematische Verbreitung von anti-israelischen Inhalten und der Befürwortung des Terrorismus, insbesondere von Selbstmordattentaten, ein legitimes Ziel seien.[27]

Russland unter Präsident Wladimir Putin sieht sie als raffinierte Diktatur. Die russische  Gazprom etwa sei kein privatwirtschaftliches Unternehmen, sondern ein Instrument russischer Außenpolitik: „Das ist nicht dasselbe wie – sagen wir – Shell. Gazprom gehört den Leuten, die den Kreml kontrollieren und ist eines ihrer Werkzeuge. Gazproms Aktivitäten in Deutschland – einschließlich des Kaufs eines Fußballvereins – ist russische Propaganda. Es hat alles mit Korruption zu tun, wenn man sich anschaut, wie die russischen Oligarchen reich geworden sind: Die haben fast alle westliches Offshore-Banking benutzt. Sie haben ihr Geld zusammen mit der russischen Mafia angelegt. Die Firmen haben ein Doppelleben geführt – ein legales und ein illegales“, meinte Applebaum in einem Interview mit The European.[28] Putins Krieg in der Ukraine sei zynisch, da er damit versuche, den Westen einzuschüchtern und zu destabilisieren.[29] Nur wenn Russland begreife, dass der Angriff auf die Ukraine ein Fehler war, gebe es eine Chance für dauerhaften Frieden, so Applebaum Anfang 2023. Jede andere Lösung – ein vorausgehender Waffenstillstand oder die Abtretung von Gebieten – berge das Risiko, dass Russland einige Monate oder Jahre warte und dann wiederum eine Invasion beginne. Mit den Waffenlieferungen schicke der Westen „eine klare Botschaft“ an Russland.[30]"


"Autokratische Herrschaft besteht im 21. Jahrhundert nicht länger nur aus einem Tyrannen an der Spitze, der mit Gewalt sein Volk unterdrückt: Heute werden Autokratien durch ausgeklügelte Netzwerke geführt, es hat sich eine neue internationale autokratische Allianz gebildet, wie Bestsellerautorin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch zeigt. Von China bis Weißrussland, von Syrien bis Russland unterstützen sich Autokraten von heute gegenseitig mit Ressourcen und Equipment made in Iran, Myanmar oder Venezuela: von Propaganda-Trollfarmen und Bots über Investitionsmöglichkeiten für ihre korrupten Staatsunternehmen bis hin zum Austausch modernster Überwachungstechnologien. Applebaum offenbart, wie die Diktatoren der Welt hinter den Kulissen zusammenarbeiten und sich mit aggressiven Taktiken gegenseitig Sicherheit und Straffreiheit verschaffen. Und sie macht deutlich, wie diese autokratische Allianz unsere Demokratie untergräbt." (Siedler Verlag)

daraus:
"[...] Sieglinde Geisel einen überzeugenden Überblick über die "flexiblen Zweckbündnisse" vor, die Autokratien und Diktaturen weltweit eingehen, um ihre Macht zu erhalten und Demokratien zu zerstören. Von Russland über Syrien bis Venezuela werden die verschiedensten Staaten beleuchtet und aufgezeigt, welche Strategien sie von Waffenlieferungen an Rechtsextremisten bis Finanzspritzen an Terroristen zur Destabilisierung nutzen, so Geisel. Dass Putin und Xi Jinping bestimmt Begriffe nutzen, zum Beispiel von "Souveränität" sprechen statt von Menschenrechten, um sich so weiter gegen demokratische Bestrebungen wehren, kann Applebaum kenntnisreich vermitteln. "

NZZ "[...] Als Beispiele nennt sie iranische Drohnenlieferungen an Russland, so Ribi, oder auch die Hilfe, die der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko von seinesgleichen erhält. Autokraten wie Lukaschenko setzen ihre Machtinteressen inzwischen ganz offen durch, beschreibt Ribi mit Applebaum, auch weil der Westen, der lange vergeblich auf Wandel durch Handel setzte, dem nichts entgegenzusetzen habe. Applebaum plädiert nun für ein Umdenken, und ganz besonders für eine Fortsetzung der Waffenlieferungen an die Ukraine, so Ribi. Neue Erkenntnisse bringt dieses Buch nicht, gesteht er, aber es gelinge Applebaum, ein erfahrungsgesättigtes Gesamtbild von der derzeitigen bedrohlichen Weltlage zu zeichnen."
SZ "[...] Rezensentin Viola Schenz [...] Siegeszug der Autokraten, für den sie keine globale Verschwörung, wohl aber geschickte Kollaborationen von totalitären Regimes verantwortlich macht, die nicht durch eine gemeinsame Ideologie, sondern nur durch ihre Ablehnung des Westens zusammengehalten werden. Als Beispiele nennt Applebaum unter anderem den Gegenwind, den die Ukraine bei ihren Forderungen nach Unterstützung erhält, sowie die Ölverkäufe an China und Indien, die dem Iran dabei helfen, Terrormilizen im Nahen Osten zu finanzieren. Die Autokraten der Gegenwart, liest Schenz, tun nicht einmal mehr so, als würden sie das Beste für ihr Land wollen, stattdessen setzen sie darauf, die eigene Bevölkerung apathisch und hoffnungslos zu machen. Allzu viel Hoffnung macht auch Applebaums stark argumentiertes und angenehm verdichtetes Buch nicht, gesteht die Rezensentin ein, die Hoffnungen auf Wandel durch Handel haben sich inzwischen zerschlagen. Die Demokratien müssten eine Gegenachse bilden, erklärt Schenz, der Westen dürfte nicht immer nur auf den eigenen Vorteil blicken und Freiheitsbestrebungen auch andernorts fordern. [...]"


Inhalt des Buches

Einleitung: Die Achse der Autokraten

Kapitel 1: In Gier vereint S.25 ff
gegenseitige Unterstützung durch andere Autokraten, ganz unabhängig von Ideologien

Kapitel 2: Das Krebsgeschwür der Kleptokratie S.4 ff.
z.B. arbeiten Venezuela und Iran zusammen

Kapitel 3 Deutungshoheit (S.70 ff.)
Sharp power (S. 84ff.) [Zum Aufkommen des Begriffs im 19. Jh. und schlagartiger  Vervielfachung am Anfang des 21. Jhs: google books]














:
Kapitel 4 Ein neues Betriebssystem (S.103ff) 
Statt Menschenrechte   China: Recht auf Entwicklung, Souveränität

Kapitel 5 Die Verunglimpfung der Demokraten (S.127-154)  
Gene Sharp: Von der Diktatur zur Demokratie. Ein Leitfaden für die Befreiung. Beck, München 2008, 
Dazu Perlentaucher"[...] ein Lehrbuch zum gewaltfreien Sturz von Diktaturen. Der Politikwissenschaftler Gene Sharp hat es ursprünglich für die Demokratiebewegung in Myanmar (Birma) geschrieben. Besonders bei der Befreiung von den Diktaturen in Osteuropa hat es im letzten Jahrzehnt eine wichtige Rolle gespielt. Die serbische Widerstandsbewegung "Otpor" hat es beim Sturz Milosevics im Jahre 2000 benutzt, es wurde von den Befreiungsbewegungen Kmara" in Georgien, "Pora!" in der Ukraine, "KelKel" in Kirgisistan und "Subr" in Belarus (Weißrußland) verwendet.

Die Tageszeitung "Michael Holmes [...] dieser programmatische Klassiker der Widerstandsliteratur aus dem Jahr 1993 [...] analysiere systematisch Schwächen und Stärken von Diktaturen und bespreche Chancen und Risiken von Kommunikations- und Widerstandsstrategien. [...] Autor Gene Sharp sei dabei kein "blauäugiger Pazifist", sondern interessiere sich schlicht für die Frage, wie man Diktaturen effektiv und mit wenigen Opfern "zersetzen" könne. Ziel: Die liberale Demokratie." 







"Keine politische Gruppe hat sich diese neuen Möglichkeiten geschickter zu eigen gemacht als die Demokratiebewegung von Hongkong 2016 und 2019/20 (S.133/34) "Doch obwohl sie eine Schlacht nach der anderen gewannen, verloren sie den Krieg. Während ich dies schreibe, sind alle Führer der Proteste von Hongkong entweder im Gefängnis oder im Exil." (S.135)

Aber es gab auch Erfolge, die von einem einzelnen ausgingen, einem Pastor der Pfingstbewegung in SimbabweEvan Mawarire, der das #ThisFlag movement auslöste (2016). (vgl. S.136-139) 
Darauf reagierte das Regime, indem es "Mawarire als falsch, verlogen und von Ausländern manipuliert (S.139) verleumdete. 
Diese Methode ist alt, schon in der Antike zu Ciceros Zeiten, dann im Kampf von Stalin gegen seine Gegner, vor allem gegen Trotzki, dann 2009 gegen die Proteste im Iran und von Hugo Chávez, der seine Gegner als Agenten des amerikanischen Imperialismus bezeichnete, oder gegen den Investor George Soros, dem allerlei Verschwörungstheorien gelten, die auf die „Spitze des Weltfinanz-Zionismus“ und damit das Judentum allgemein zielen.
Mawarire sagte dazu "Die sozialen Medien, die uns groß gemacht haben, haben uns auch wieder abgeschossen" (S.142)
[Dazu Fontanefan: Ähnlich ist es auch Greta Thunberg gegangen, als sie sich für die Bevölkerung im Gazastreifen einsetzte.]
Auf die Verdächtigungen von US-Einfluss reagierte eine Euromaidan-Demonstrantin: 
" 'Die haben einfach nicht kapiert, dass wir uns selbst organisieren.' Wie Shore erklärt: 'Aus der Kreml-Propaganda, der zufolge amerikanische Geheimdienste oder andere internationale Verschwörer die Fäden ziehen, spricht nicht nur bösartige Absicht, sondern auch die Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass es Menschen geben könnte, die eigenständig denken und handeln.' " (S.140)
[Dazu Fontanefan: Indem Applebaum diese Argumentation von Shore nicht kritisiert, gerät sie freilich in den inneren Widerspruch, dass sie bösartige Absicht und gleichzeitig Unfähigkeit, sich selbständiges Handeln vorzustellen, unterstellt. Beides zugleich schließt sich aber aus. Mit dieser überzogenen Kritik nähren Shore und Applebaum den Verdacht, dass sie von vielleicht wirklich vorhandenen US-Einflüssen ablenken wollen. Der Demonstrantin auf dem Euromaidan darf man zu gute halten, dass sie vielleicht wirklich an die Unfähigkeit des Kreml glaubt. Applebaum hat allzu deutlich gemacht, dass sie nicht daran glaubt, als dass sie Shores unbedachten Satz einfach auf sich beruhen lassen dürfte.
Nachdem Applebaum (auf S.144) den Fall Nawalny angesprochen hat, schreibt sie auf S.145: "Deshalb schrecken moderne Autokraten vor Mord zurück. Ein Märtyrer kann eine politische Bewegung beflügeln, doch eine erfolgreiche Schmutzkampagne kann sie zerstören." Wieder eine Unbedachtsamkeit: Gerade hier hätte sie darauf hinweisen müssen, dass zwar gegen allzu bekannte Gegner nicht Mord, sondern Schmutzkampagnen eingesetzt werden, dass aber - wenn diese nicht erfolgreich sind - zur Not doch auch auf Mord zurückgegriffen werden kann.]


Epilog: Demokraten vereinigt euch (S.155 ff.)

"[...] Von der Leyens Aufruf, diese Beziehungen auf der Grundlage von Transparenz, Berechenbarkeit und Gegenseitigkeit neu auszutarieren, war eine diplomatisch formulierte Forderung nach Zöllen, Einfuhrverboten und Exportkontrollen, die sicherstellen sollen, dass China mit staatlichen Mitteln nicht unsere Industrie ruiniert.
Diese Warnung reicht noch nicht aus, denn die Konkurrenz betrifft nicht nur China und nicht nur die Wirtschaft. Wir stehen heute an einem Wendepunkt, an dem wir dafür Sorge tragen müssen, dass Überwachungstechnologie, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, Stimm- und Gesichtserkennungssysteme und andere neue Technologien, den demokratischen Werten, den Menschenrechten und der Transparenz verpflichtet sind. Bei der gesetzlichen Regulierung der sozialen Medien sind wir bereits gescheitert mit fatalen Folgen für die Politik in aller Welt [...] Ein Bündnis aus Demokratien, sollte Transparenz fördern und internationale Standards festlegen,[...] 
Wir können es nicht länger zulassen, dass die Reichsten Geschäfte mit Autokratien machen und sich für deren außenpolitische Ziele einspannen lassen, während sie gleichzeitig Aufträge von demokratischen Regierungen erhalten und den Status, die Privilegien der Staatsbürgerschaft und die Rechtssicherheit der demokratischen Welt genießen.  Es ist Zeit, sie vor die Wahl zu stellen. [...]" (S. 176/77).

Mein Urteil: Ein nützliches Buch, aber indem Applebaum gar nicht auf dieselben Verleumdungsmethoden von Seiten des Westens ("Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst") eingeht, schwächt sie ihre Argumentation.
Die Aussage von Rezensenten, sie habe nicht genügend darauf hingewiesen, was man zur Verteidigung der Demokratie tun könne, lässt fast den Verdacht aufkommen, sie hätten die Seiten ab S.127 nicht gelesen. 
Einen Königsweg zur Verteidigung der Demokratie gibt es freilich in der Tat nicht. Denn fehlerlos regieren und der eigenen Bevölkerung jede Zumutung ersparen, das kann keine Regierung, das ist nicht Menschensache. 


Mittwoch, 13. November 2024

Menschlichkeit und Sparsamkeit

 "In aller Welt wird um Sparmodelle gerungen. Sparmodelle heißen nichts anderes als: wie viel Freiheit (Liberté), Gleichheit (Egalité) und Brüderlich-  oder Schwesterlichkeit (Fraternité) können wir uns noch leisten?

Republik war in ihren Ursprüngen anders gemeint. Nicht 'Wieviel Menschlichkeit können wir uns leisten, sondern wie ermöglichen wir sie. Wenn unser Denken bei Sparmodellen stehenbleibt, dann ist das ein Eingeständnis, dass die Republik gescheitert ist. Was soll gerettet werden? Und für was? Und für wen?
Und noch einmal der Satz, diesmal unkommentiert: Unsere Neigung zur Kultur hat wohl auch damit zu tun, dass uns die Zivilisation immer wieder misslingt. 
Oder wie es Max Frisch formulierte: 'Ein Volk, das Symphonien hat, hat noch lange nicht Kultur.' "
(Peter Bichsel FR 28.12.1996)

Dienstag, 23. Januar 2024

Ist Informatik wichtig für die Demokratie?

 Bob Blume befragt Christian Spannagel (spotify.com)

mehr Informatik, Rolle von Algorithmen, Bildung als wichtigste Ressource, Arbeitsplatz Schule, Lehramtsstudium, unzureichende Ausbildung, 

mehr Medienangebote 

Kann man bei Fremdsprachen aufgrund maschineller Übersetzung kürzen?

Weshalb ist gegenwärtig die AfD eine Gefahr für die Demokratie?

Gegenwärtig ist zwar die breite Mehrheit der Bevölkerung gegen die AfD, aber da alle Parteien unterschiedliche Ziele haben, ist in manchen Gegenden die AfD bereits die Partei mit den meisten Anhängern. Und in unsicheren Zeiten orientieren die meisten, die keinen festen Standpunkt haben, oft an der stärksten Kraft. Das führt dazu, dass die AfD weiter an Anhängern gewinnt.

Ein Teil der AfD-Politiker hat sich deshalb ausgedacht, man brauche ja gar nicht die Mehrheit zu haben, um die gegenwärtigen Parteien zu blockieren. Wenn die jetzige Koalition von der kleinsten beteiligten Partei, der FDP gehindert wird, notwendige Entscheidungen zu treffen, dann könne man auch mit etwa 30% der Stimmen alle anderen Parteien zusammen daran hindern, sinnvolle Entscheidungen zu treffen, weil diese Parteien sich gewiss nicht einigen können.

Und es hat den Anschein, dass das wirklich der Fall sein könnte. Sich auf ein gemeinsames Programm zu einigen und sich dann auch wirklich daran zu halten, fällt offenbar gegenwärtig sehr schwer. Und das ist dann in der Tat eine Gefahr für unsere Demokratie.

Montag, 22. Januar 2024

Weshalb ist die Demokratie in Gefahr?

Liegt es allein an den Krisen? Oder an den Feinden der Demokratie? Natürlich wesentlich daran. Aber auch an etwas anderem:

Für eine Großdemonstration gegen Hassbotschaften gibt die Demonstrationsleitung Sprüche vor wie:

"Ganz Berlin hasst die AfD !"

Wenn es so wäre, gäbe es die Demonstration nicht. Also ist es "Fake News", eine Unwahrheit par excellence

Und außerdem eine Hassbotschaft, wie Rassisten sie verbreiten, gegen die sich die Demonstration doch richtet.

Natürlich soll das keine Rechtfertigung für Rassismus oder die AfD sein. Aber es zeigt, dass manches aus dem Ruder gelaufen ist. - Im vorigen Artikel habe ich darauf hingewiesen, dass die junge Demokratie der Weimarer Republik in ihren ersten Jahren eine ganze Reihe schwerer Krisen bewältigt hat. Krisen und schwere Aufgaben hatte auch die Demokratie Westdeutschlands ab 1949 zu bewältigen, aber in was für einem Umfeld: Marshallplan, Unterstützung eines Bundesgenossen im Kalten Krieg (freilich, Frankreich war zunächst dagegen, konnte aber dafür gewonnen werden, Deutschland zur stärksten Wirtschaftsmacht West- und Mitteleuropas zu machen). 

Was ist nach vielen Friedensjahren, als wegen des Dauerfriedens schon das "Ende der Geschichte" ausgerufen worden war? 

Eine schwere Finanzkrise hat dazu geführt, dass plötzlich alles mögliche "alternativlos" war, wo doch die Aufgabe von Politik ist, immer möglichst viele Wege offen zu halten. 

Angesichts einer Pandemie wurden plötzlich Wissenschaftler dazu benutzt, als Rechtfertigung für umstrittene Maßnahmen zu dienen, wo man doch angesichts des Klimawandels jahrzehntelang alles getan hatte, um wissenschaftlichen Konsens in Frage zu stellen, um unangenehmen Botschaften auszuweichen. 


Mehr dazu:

Verteidigung der Demokratie

Eine Pandemie und ihre Folgen für die politische Diskussion in unserer Gesellschaft




(ein Meinungsspektrum, dem ich nur zum Teil folge, das mir aber zum Verständnis der gegenwärtigen Situation der Demokratie in Deutschland wichtig erscheint)

Über die Demonstrationen gegen rechts (mit Zahlen unterlegter Bericht vom 22.1.24  über die Demonstrationen mit - gegenwärtig - 240 Kommentaren als Ergänzung des angeführten Meinungsspektrums und der angeführten Zahlen)
Zitat daraus: "[...] "Ganz Berlin hasst die AfD", skandierten Demonstranten am Sonntagabend auf einer Eisfläche vor dem Reichstagsgebäude, um sie herum eine Menschenmenge, darin Familien, Alte mit Thermoskannen, Jugendliche mit Bierflaschen. Es war zwar natürlich nicht "ganz Berlin", das sich da zum Protest gegen Rechtsextremismus versammelt hatte, jedoch mit nach Polizeiangaben 100.000 Teilnehmern eine große Demonstration – neben München die größte an diesem Wochenende in absoluten Zahlen. [...] Bundesweit protestierten nach den von uns ausgewerteten Zahlen von Freitag bis Sonntag mehr als eine Million Menschen gegen die AfD. [...]"



Montag, 8. Mai 2023

Die Revolutionen von 1848 in gesamteuropäischer Perspektive (Jürgen Osterhammel)

"[...] Es war die größte und umfassendste Revolutionsbewegung in der europäischen Geschichte. Überall gab es Angriffe auf die herrschenden politischen Ordnungen, Forderungen nach bürgerlichen Rechten, Verfassungen, Parlamenten. Nicht von dieser Bewegung erfasst worden zu sein, war ein Ausnahmefall. Das Zarenreich unter Nikolaus I., dem „Gendarmen Europas“, wehrte alle Revolutionsimpulse ab, machte die Grenzen dicht. Es war gewarnt, weil es in seinen Grenzen den großen Unruhefaktor Polen hatte, wo 1830/31 ein großer Aufstand nur mühsam unterdrückt werden konnte. Erst nach der militärischen Niederlage im Krimkrieg (1853-56) erkannte die zarische Herrschaft in den sechziger Jahren die Notwendigkeit von Reformen, vor allem der Befreiung der bäuerlichen Leibeigenen. Allerdings blieb die absolute Monarchie bestehen, ein Sonderweg in Europa. [...]

Großbritannien war als frühe konstitutionelle Monarchie das Vorbild der gemäßigten Liberalen auf dem europäischen Kontinent. Auf der britischen Insel hatte es bereits eine breite Bewegung des sozialen Protests gegeben, den Chartismus, der Anfang der 1840er Jahre einige seiner Ziele erreicht hatte, andere nicht, und 1848 bereits im Niedergang war. Die britische politische und gesellschaftliche Elite war erfahren im Ablenken von Spannungen und hat das auch 1848 erfolgreich praktiziert. Sie hat Spannungen in die Kolonien abgelenkt. Es galt, die Mittelschicht ruhig zu halten, indem man sie finanziell möglichst wenig belastete. Der britische Staat steigerte die finanziellen Bürden der Kolonien, etwa in Ceylon (Sri Lanka), und nahm dort durch Steuererhöhungen ausgelöste Proteste in Kauf. [...]

[Zur welthistorischen Auswirkung:]

Die Taiping-Revolution in China (da sie vollkommen scheiterte, oft nur als „Aufstand“ bezeichnet), die 1850 begann, erst 1864 endete und viele Millionen Tote forderte, oder 1857/58 den Großen Aufstand in Indien gegen die britische Kolonialherrschaft, beides Bewegungen, die von der Revolution von 1848 in Europa nicht beeinflusst waren. Die Taiping-Revolution war die blutigste Umwälzung des 19. Jahrhunderts. Sie erhielt einen gewissen Anstoß durch Kontakte ihres wichtigsten Führers mit christlichen Missionaren, aber das hatte nichts mit 1848 zu tun, niemand in China hörte von der „Paulskirche“. China war jedoch keineswegs ganz isoliert: Nachrichten von Goldfunden in Kalifornien 1849 locken sofort chinesische Glücksritter an. Auch Japan blieb von 1848 unberührt, wie überhaupt alle nicht-kolonisierten Gebiete der außereuropäischen Welt. Die Wirkungszusammenhänge waren primär atlantische. Schon die Französische Revolution war in ein transatlantisches Geschehen eingebettet. Man spricht heute von den Atlantischen Revolutionen, die in den britischen Kolonien in Nordamerika begannen, in Haiti einen gewaltsamen Höhepunkt erreichten und mit den Unabhängigkeitsrevolutionen in Lateinamerika endeten. Zwischen 1775 und 1825 erfasste ein gigantischer Revolutionszyklus den atlantischen Raum. Das wiederholte sich 1848 nicht, aber selbstverständlich existierten transatlantische Kontakte. Das Verhältnis zwischen den USA und Europa war zwar keine „Freundschaft“, aber die stärkste interkontinentale Beziehung, die Europa schon damals hatte. [...]

„Demokratie“ bedeutete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Selbstregierung mit allmählich immer locker werdenden Bindungen an das imperiale Zentrum in London. Australien zum Beispiel war ab 1907 faktisch ein sich parlamentarisch selbst regierender Nationalstaat. In den allermeisten Kolonien – und es gab davon 1898 viel mehr als fünfzig Jahre zuvor – konnte von Demokratie keine Rede sein. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts führte dann eine neue „eurasische“ Revolutionswelle dazu, dass in Russland, China, dem Iran und dem Osmanischen Reich absolute Monarchien konstitutionelle Zugeständnisse machten oder – wie in China 1911 – ganz zusammenbrachen.

Wie steht 1848 zur Idee der „Global Assembly“?

Wenn man heute im Sinne der Initiative global ausblickt, ist „1848“ eine produktiv nutzbare Chiffre für zukunftsorientierte Beratschlagung. Man kann sich die etwa 800 Leute, es waren nur Männer, recht gut vorstellen, die sich (niemals alle gleichzeitig) 1848 zusammensetzten und über grundlegende Verfassungsfragen berieten. Das ist einprägsam, es hat einen großen Symbolwert. Obwohl die Revolution von 1848/49 selbst kein globales Ereignis war, sondern ein europäisches und sogar gesamteuropäisches, ist die Paulskirche ein guter Ausgangspunkt, um alte und neue Themen global weiterzudenken. Die persönlichen Freiheitsrechte, die damals diskutiert wurden, haben eine Tradition, die sogar älter ist als die Französische Revolution, die wiederum die Menschen- und Bürgerrechte auf die historische Tagesordnung setzte. In vielen Ländern der Welt sind diese universalen Rechte, die man nicht als „eurozentrisch“ kleinreden darf, in keiner Weise realisiert und garantiert. Sie sind, um Ernst Bloch, den Philosophen der Hoffnung, zu zitieren, ein „unabgegoltenes Erbe“ der Revolution von 1848." (1848 war eine Lektion“ Interview mit Jürgen Osterhammel Frankfurter Rundschau 7.5.2023)


Dazu:

„Global Assembly für Menschenrechte, Demokratie und globale Gerechtigkeit“

"Das Treffen mit 45 Aktivistinnen und Aktivisten aus 40 Ländern findet aus Anlass des 175. Jahrestages der Nationalversammlung in der Paulskirche statt. Nach dem Auftakt wollen die Teilnehmer:innen drei Tage lang in Klausur darüber beraten, wie trotz zunehmender autoritärer Tendenzen in der Welt die Grund- und Menschenrechte verteidigt und womöglich ausgebaut werden können.

Die Versammlung ist aus der Überzeugung entstanden, dass die Frage nach Demokratie und Menschenrechten, um die 1848 auf nationaler und europäischer Ebene gerungen wurde, in Zeiten der Globalisierung nur transnational diskutiert werden kann.

Die Idee der „Global Assembly“ stammt von der Initiative „Der utopische Raum“, einer Kooperation der Stiftung Medico international, des Instituts für Sozialforschung und der FR. Aktiv beteiligt sind außerdem Brot für die Welt, Medico, Misereor, Reporter ohne Grenzen, die Friedrich-Ebert-, die Heinrich-Böll- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Evangelische Akademie Frankfurt ist Gastgeberin für die dreitägige Klausur, die auf die Eröffnung folgt. Gefördert wird das Ganze von der Stadt Frankfurt, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie der Bundeszentrale für politische Bildung. Eine Fortsetzung ist im März 2024 ist geplant.

Der öffentliche Auftakt findet auf Einladung der Stadt Frankfurt am Sonntag, 14. Mai, um 18 Uhr in der Paulskirche statt. "

(FR 7.5.23)


Sonntag, 8. August 2021

Wolfgang Streeck: Zwischen Globalismus und Demokratie, 2021

Wolfgang Streeck: Zwischen Globalismus und Demokratie: Ist Kleinstaaterei der Ausweg? Von Otfried Höffe

[...] Buchtitel sollen Aufmerksamkeit wecken, was dem emeritierten Max-Planck-Direktor Wolfgang Streeck bei seinem neuem Opus magnum fraglos gelingt: „Zwischen Globalismus und Demokratie. Politische Ökonomie im ausgehenden Neoliberalismus“.

Der Titel verbindet nämlich zwei der wichtigsten Begriffe der heutigen politischen Debatte zu einer These. Der erste Begriff erklärt ein Grundphänomen unserer Zeit – die Globalisierung – zu einem -ismus, mithin zu einer Ideologie, die hoffentlich, so geht die angedeutete These weiter, zugunsten der in normativer Hinsicht allein legitimen Staatsform, der Demokratie, überwunden werde. Allenfalls vermisst man hier die Qualifikation der Demokratie als „konstitutionell“, weil sie auf Verfassungsprinzipien wie die Grund- und Menschenrechte sowie die Gewaltenteilung zu verpflichten sei.

Die nähere Erläuterung dieser Leitthese widerspricht vehement zwei der nach Streecks Ansicht in Theorie und Praxis vorherrschenden politischen Entwicklungen. Der Grund für die beiden Fehlentwicklungen liegt, wie der Untertitel des Werkes anzeigt, im Neoliberalismus. Gemeint ist ein Wirtschaftsliberalismus, der mit seinem Kapitalismus mehr und mehr lediglich die Marktkräfte ohne die für eine humane Wirtschaft notwendigen Gegenkräfte stärkt.

Dieser Neoliberalismus ist dem ersten Teil, „Kapitalistische Wirtschaft“, zufolge in eine doppelte Krise geraten, in „die Gleichzeitigkeit von wirtschaftlicher Stagnation und politischer Blockade, von Wachstumsschwäche und Vertrauensverlust, von Kapitalismus- und Demokratiekrise“. Dafür sei in hohem Maß eine „für die Stabilität und Bewohnbarkeit unzulängliche“ Global Governance verantwortlich. Denn sie baue ein weltweites Staatensystem auf, in dem nationale Sonderregelungen und nationale Gerichte, mithin demokratische Einflusschancen minimiert würden. Und im Fall unseres Kontinents ziele die Europäische Union auf einen Superstaat, auf ein Imperium, was aber scheitere. Sowohl in der globalen als auch der europäischen Entwicklung verliere der Gesichtspunkt, der in politischer Theorie und Praxis doch unverzichtbar sei – die Volksherrschaft –, zunehmend an Gewicht. [...]

Insoweit sind Streecks Warnungen vor der insbesondere für Deutschland nicht abwegigen Diagnose von „Europa“ als Zivilreligion beachtenswert. Man mag die folgende Behauptung für eine polemische Zuspitzung halten, muss sie als Diskussionsthese aber doch für zulässig halten: „Die Europäische Währungsunion ist der supranationale Wohlfahrtsausschuss des nationalen Konsolidierungsstaates: ein Instrument der politischen Eliten zur Durchsetzung der Hyperglobalisierung ... bei gleichzeitiger Verschleierung ihrer Kosten.“

Weiterhin wäre hinsichtlich des für die westlichen Staaten behaupteten Neoliberalismus eine differenziertere Diagnose wünschenswert. Die USA sind ohne Zweifel stärker neoliberal bestimmt als Deutschland mit seiner sozialen Marktwirtschaft, zu der beispielsweise in den Unternehmen die Mitbestimmung gehört und die Staatsausgaben für Arbeit und Soziales bei etwa 50 Prozent liegen, wobei dieser Anteil nicht etwa sinkt, vielmehr steigt. Schließlich kann man auch den in Skandinavien vorherrschenden Fürsorgestaat, das sogenannte Volksheim, nicht als in hohem Maß neoliberal bewerten.

Der Blick auf die USA gebietet schließlich einen hier letzten Vorbehalt gegenüber Streecks „Ausweg“: Das, was etwa auf Israel, Norwegen und die Schweiz zutrifft, nämlich Kleinstaaten zu sein, passt auf die USA gewiss nicht, übrigens ebenso wenig auf Indien, auch wenn man diesen Staat nicht ohne weiteres als funktionierende Demokratie einzuschätzen gewillt ist. 

Auch hier scheint der gegen den Ausdruck des Nationalstaates vorgeschlagene Begriff des Einzelstaates wichtiger zu sein: Die Geschichte wird zeigen, ob sich bisherige Kleinstaaten im Laufe der Zeit zu größeren Gebilden entwickeln, wie die zunächst einzelnen Neuenglandstaaten zu den USA wurden. Oder wie nach dem populären Geschichtsbild aus Uri, Schwyz und Unterwalden nach und nach die heutige Schweizer Eidgenossenschaft entstand. [...]"

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Rezensionen bei Perlentaucher

Wenn politische Beschlüsse durch weltweite Marktwirtschaft ersetzt werden. In: Andruck – Das Magazin für politische Literatur im Deutschlandfunk. 22. April 2013

Wolfgang Streeck  formulierte, Wirtschafts- und Finanzexperten seien Kapitalversteher, „deren besonderes Know-how darin besteht, den Eigentümern von Produktionsmitteln ihre Wünsche von den Lippen abzulesen und sie für den öffentlichen Gebrauch in »Sachzwänge« zu übersetzen.“ (Eine Last für Generationen. in: Handelsblatt. 10. März 2009)


Sonntag, 25. Juli 2021

Die erschöpfte Demokratie von Ulrike Guérot

[...] Früher, im Sommer, weit zurück in den 1980er Jahren, als ich in den Sommerferien Praktika bei Zeitungen gemacht habe, sprach man immer von der „Saure-Gurken-Zeit.“ Es war nichts los, was einer Berichterstattung würdig war. Die Bewohner der Bundesrepublik tummelten sich am Strand, Kinder tranken Fanta auf Ferienfreizeiten, der Sommer dehnte sich bis hin zur Langeweile. [...]

Heute jagt ein politischer Superlativ den nächsten und die Demokratie verliert ihre Gemächlichkeit. Die Bürger*innen, die all diese politischen GAUs diskutieren, aushandeln und verarbeiten müssen, kommen nicht mehr zur Ruhe: 2021 ist bereits der zweite Pandemie-Sommer, der jetzt zusätzlich zum Hochwasser-Sommer geworden ist. [...]

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, Brexit, Populismus, Krise der Rechtsstaatlichkeit, Fliehkräfte in der EU, Pandemie: das alles und noch viel mehr in einem Jahrzehnt schafft ein politisches System, das nicht mehr zur Ruhe kommt, das keine Behäbigkeit mehr kennt, keine Normalität. Wie lange hält eine Demokratie den permanenten politischen Ausnahmezustand aus?"

(Die erschöpfte Demokratie von Ulrike Guérot Deutschlandfunk 23.7.21)

Mittwoch, 30. September 2020

Trump ist Verkäufer. Verkäufer entwickeln erfolgreiche Werbeslogans.

Bob Woodward: Rage. Simon & Schuster besprochen von Arno Widman

"Trump lügt. Nichts Neues auch das.  Aber wenn man das Buch liest, begreift man, dass Lüge und Wahrheit Konzepte sind, die in Trumps Welt keine Rolle spielen. Die moralische Empörung, die sich meldet, wenn man liest, dass Trump, als er öffentlich Covid-19 herunterspielte, im Gespräch mit Woodward die Gefährlichkeit des Virus sehr beredt zu beschreiben wusste, hat noch nicht verstanden, wie Trump tickt. Er sagt Woodward gegenüber nicht die Wahrheit, die er der Öffentlichkeit verschweigt. Er teilt vielmehr beiden mit, was sie hören wollen. Donald Trump ist Verkäufer. Er redet in Reklamesprüchen. Das ist das Geheimnis seines Erfolges. Wenn der Slogan funktioniert, ist alles gut. Kein Mensch käme auf die Idee, die Marketingsprüche eines Unternehmens einem Faktencheck zu unterwerfen.

Trump begreift nicht, warum er jetzt die Wahrheit sagen soll. Er ist sein ganzes Leben lang bestens ohne sie ausgekommen, er ist Präsident ohne sie geworden. Wer sind denn diese Faktenchecker? Sind sie Präsident? „Irgendwie glaubt Präsident Trump, wenn er etwas sagt, würde es wahr“, erklärte ein demokratischer Senator spöttisch. Die fleißigen Gottesdienstbesucher mögen dabei an die Schöpfungsgeschichte gedacht haben, in der es heißt: „Gott sagte, es werde Licht, und es ward Licht.“

Die Wahrheit aber scheint mir, dass Trump wie viele Chefs in der Vorstellung lebt, er brauche nur etwas anzuordnen, dann werde es gemacht. Bei Trump nimmt das, man kann das in Woodwards Buch über viele Seiten verfolgen, wahnhafte Züge an. Das Coronavirus werde verschwinden, einfach wieder verschwinden – sagte er immer wieder. Ein Zauberspruch, ein magisches Weltverständnis, in dessen Zentrum das aufgeblasene Selbst steht. Einer, der ganz und gar davon überzeugt scheint, dass er alles kann und alles weiß. Expertenwissen interessiert Trump nicht: „Ich brauche nur mich und drei oder vier Menschen, denen ich vertraue und mit denen ich arbeite.“ " (FR 29.9.20)

"Trump ist Verkäufer" scheint mir eine wichtige Erkenntnis. Daher scheint mir der Satz "Trump begreift nicht, warum er jetzt die Wahrheit sagen soll." hinter Widmans vorhergehende Erkenntnis zurückzufallen. 

Trump sieht nicht einwarum er jetzt die Wahrheit sagen soll, scheint mir die treffendere Formulierung. "Never change a winning team." So lange er mit seiner Strategie Erfolg hat, ist es für ihn die richtige. Deshalb kommt es darauf an, seine Strategie zu durchbrechen. Erst dann wird er sie aufgeben. Das ständige Pass-Spiel des 1. FC Barcelona war so lange richtig, so lange damit die Spiele gewonnen wurden. Erst wenn die Strategie nicht mehr funktioniert, wird der Trainer sie aufgeben. 

Es gibt mehr Moral in der Politik, als man so gemeinhin denkt. Offenbar sind gegenwärtig Glaubwürdigkeit und Vertrauen noch wichtig genug, dass die Mehrzahl der Politiker sie noch für wichtig genug halten, dass ein Verhalten wie das von Trump sich deutlich von dem anderer Akteure auf der politischen Bühne abhebt.

Das sollte freilich nicht zu dem voreiligen Schluss führen, dass Politiker in funktionierenden Demokratien immer die Wahrheit sagen. Das wäre sehr naiv.

Falsch liegt m.E. A. Schwarzkopf mit der folgenden Ansicht

"Donald Trump scheint eingesehen zu haben, dass er die Präsidentschaftswahl in fünf Wochen kaum noch gewinnen kann. Zu groß ist der Rückstand in den Umfragen, auch in fünf der entscheidenden und umkämpften Staaten wie Florida. Er setzte deshalb nicht darauf, Wechselwählerinnen und Wechselwähler für sich zu gewinnen, sondern eskaliert und polarisiert die Debatte weiter, um seine Anhänger anzustacheln." (FR 30.9.20)

Er "pöbelt", weil er das für das Zweckmäßigste hält. Und nach den bisherigen Erfahrungen spricht sehr viel dafür, dass er damit (im Sinne der Wahlbeeinflussung) Recht hat.

Zur Meldung: Trumps Superspread-Event in der FR vom 4.10.20. Natürlich ist es nicht unwahrscheinlich, dass Trump sich angesteckt hat. Wenn manche Trumpgegener daraus Honig saugen wollen, ist das nicht nur geschmacklos, sondern Schlimmeres. Vor allem aber: Selbst wenn sich viele Politiker angesteckt haben sollten. Die Tatsache, dass Trump erklärt, er sei positiv auf COVID-19 getestet worden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das wirklich der Fall ist, nur minimal. Dafür kommt ihm die Nachricht zu gelegen als Ablenkung von seiner Steueraffäre, und den Mitleidseffekt bei seinen Anhängern nimmt er gewiss gern mit. 


Freitag, 11. September 2020

Mal gegen den Strich gebürstet

 Merkel: Autokanzlerin, blockiert Umwelt- und Klimaschutz

Fischer: eloquent, dynamisch, für Umweltschutz

aber auch:

Merkel modernisiert eine konservative Partei, in der Frauen nur für Hilfsdienste zuständig waren. (Symbolischer Vorgang: Seehofer macht mit AfD-naher Politik den starken Mann und führt Merkel als unfähig vor). Sie bringt Frauen in wichtige Positionen und unterstützt von der Leyen bei ihrem Versuch eines Green Deals.

Fischer propagiert unter dem Motto "Nie wieder Auschwitz!" einen Bombenkrieg gegen Serbien.


China: weitgehend totalitärer Staat, der Schreckensvision von Orwells 1984 noch überbietet

EU: weitgehend demokratisch, Ergebnis erfolgreicher Verständigungs- und Friedenspolitik, Friedensnobelpreisträgerin

aber auch:

China treibt erfolgreiche Aufbaupolitik, vor allem im Bereich der Infrastruktur in Afrika

EU sucht mit Exporten von überschüssigen Agrarprodukten und unfairem Handelsaustausch ihren "Vorteil", statt Hilfe vor Ort zu leisten (die sie offiziell propagiert) schottet sie sich gegen Produkte und Flüchtlinge ab.

Natürlich ist alles weit komplexer, doch ein einfaches Gut und Böse, wie es in (halb)linken Filterblasen gern gepflegt wird, passt nicht. 

Sind Demokratien nicht zu vorausschauender Außenpolitik imstande? (Zum Glück gibt es vereinzelt auch positive Beispiele.) 

Trump auf dem Weg zum Friedensnobelpreis?

https://www.hr-inforadio.de/programm/themen/kommentar-trump-auf-dem-weg-zum-friedensnobelpreis,trump_nobelpreis-100.html

Obama zu Unrecht den Friedensnobelpreis erhalten?


Sonntag, 16. August 2020

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens – Die Zeit der Gegenwart

"Mehr als alles andere aber schwächte den Westen und damit auch seine Führungsmacht die Infragestellung jener transatlantischen Wertegemeinschaft, die Amerikaner und Europäer in der Vergangenheit so oft beschworen hatten. (Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens – Die Zeit der Gegenwart, 2015, S. 236) 


"Im gleichen Monat gründeten Gewerkschaftler, linke Sozialdemokraten und Angehörige linker Splittergruppen eine neue Partei, die Wahlaternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG)." (Seite 245)
Wolfgang Clement, seit 2005 Minister für Wirtschaft und Arbeit, setzte jedoch im Zusammenspiel mit dem Kanzler, ein höheres Defizit und damit eine höhere Neuverschuldung durch, wobei die Beteiligten die Verletzung eines der Maastricht-Kriterien, nämlich die abermalige Überschreitung der Defizitgrenze von 3 Prozent des Bruttoinlandproduktes, bewusst in Kauf nahmen. [...] Den Bruch dieser Zusage vollzog die Bundesregierung in enger Abstimmung mit der französischen Regierung, der ebenfalls an einer Aufweichung der im Vertragswerk von Maastricht festgelegten Restriktionen lag. Schon 2003 hatten Berlin und Paris gemeinsam verhindert, dass die Kommission die Eurostaaten, die die Dreiprozentmarke überschritten hatten, durch einen "Blauen Brief" zur Haushaltsdisziplin ermahnte. Die beiden größten Volkswirtschaften der EU setzen damit ein Beispiel, dass Schule machen sollte. [...]
Die finanzpolitische Kehrtwende zeitigte nicht die Wirkungen, die sich Rot-Grün erhofft hatte. Am 22. Mai erlitten die beiden Düsseldorfer Koalitionspartteien, die SPD und die Grünen, bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen eine schwere Niederlage: Sie verloren ihre parlamentarische Mehrheit an CDU und FDP. Damit gab es in ganz Deutschland keine rot–grüne Landesregierung mehr. So wie Schröder die Lage beurteilte, war es für die SPD geradezu eine politische Überlebensfrage, nach dem Verlust ihres "Stammlandes" an Rhein und Ruhr wieder in die politische Offensive zu gehen. Noch am gleichen Abend kündigte der Kanzler daher in Absprache mit Müntefering an, er strebe nunmehr Neuwahlen an. Die "unechte" Vertrauensfrage, über die der Bundestag am 1. Juli abzustimmen hatte, führte zum gewünschten Ergebnis: dank 148 Enthaltungen aus den Reihen der Koalition wurde der Antrag abgelehnt." (Seite 246)
So kam es Im Sepember zu einer vorzeitigen Neuwahl des Bundestages.

"Am Abend des Wahltages, des 18. September, lagen die Unionsparteien mit 35,2 % nur knapp vor der SPD, die auf 34,2 % kam. Die FDP erhielt 9,8, die linke 8,7, Bündnis 90/die Grünen 8,1 %.
Eine Mehrheit gab es weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün. Rot-Rot-Grün war eine ebenso undenkbare Konstellation wie eine "Ampel" aus SPD, FDP und Grünen. Es blieb nur eine große Koalition aus Union und Sozialdemokraten, wie es sie schon einmal in den Jahren 1966-1969 in der "alten" Bundesrepublik gegeben hatte." (Seite 247)
"Von den inneren Reformen von Rot-Grün prägten sich den Zeitgenossen der Ausstieg aus der Kernenergie, die Ökosteuer, das neue Staatsbürgerschaftsrecht und die eingetragene Lebenspartnerschaft am stärksten ein. Unter Rot-Grün hatte Deutschland, um nicht allzu weit hinter die Pionierländer, die USA und Großbritannien, zurückzufallen, die Liberalisierung der Finanzmärkte vorangetrieben, indem es durch das Investment-modernisierungsgesetz vom September 2003 relativ restriktive Voraussetzungen für die Zulassung von Hedgefonds schuf." (Seite 248)

"Es sollten noch mehrere Jahre vergehen, bis in Deutschland die Einsicht reifte, dass die Reformen von 2003 Deutschland wirtschaftlich gestärkt und seinen Sozialstaat gefestigt hatte. Deutschland war aus Traditionen ausgebrochen, die sich als fesselnd erwiesen hatten. So reformbedürftig das Reformwerk in mancher Hinsicht auch war, in der Summe legte es den Grund dafür, dass Deutschland die Erschütterungen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise von 2008 besser überstand als die meisten anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union." (S.249)



"Wenn die Europäische Union so etwas wie ein "Wir-Gefühl" entwickeln wollte, musste sie die kommunistische Diktaturerfahrung als Teil ihres gemeinsamen Erbes begreifen, ohne dass sie die unterschiedlichen Erscheinungsformen von totalitärer Herrschaft, der nationalsozialistischen beziehungsweise faschistischen und der kommunistischen, gleichsetzte." (Seite 279)

"Ihren Anspruch, ein Bündnis freiheitlicher Demokratien zu sein, interpretierte die NATO sehr pragmatisch: Das autoritär regierte Portugal war ein Gründungsmitglied; die undemokratischen Strukturen der Türkei standen ihrer Aufnahme im Jahr 1952 nicht im Weg." (S.599)

Früher sprach man von Realpolitik, in der Politikwissenschaft spricht man von Realismus. Winkler beschreibt die NATO von 1952 als pragmatisch.
Winkler hat freilich weit mehr zu sagen. 

"Was die Demokratien angeht, [...] Schon im persischen Großreich gab es über Jahrhunderte hinweg einen gewählten Rat, eine Volksversammlung und Richter, die auf Vorschlag des Rats von der Volksversammlung gewählt wurden. Auch im Hinblick auf eine andere vermeintliche Errungenschaft des Westens, die Toleranz, sind Zweifel angebracht. [...] indischen Kaiser Aschoka, der schon im 3. Jahrhundert vor Christus für Toleranz eintrat. [...] Der alte Okzident brauchte lange, nämlich bis zur Aufklärung, bis er in der Toleranz eine Bedingung geistiger Freiheit erkannte und anerkannte." (S.606)

Rezensionen des Bandes bei Perlentaucher


Wikipedia Heinrich August Winkler:
"Angesichts der Coronakrise im Frühjahr 2020 hält es Winkler für illusorisch zu meinen, die Folgelasten seien allein durch neue Schulden zu meistern. Deutschland werde um eine „Umverteilung großen Stils“, einen Lastenausgleich zwischen den von den materiellen Folgen weniger Betroffenen und den in ihrer beruflichen Existenz Gefährdeten, nicht herumkommen. Diese Umverteilung werde den historischen Lastenausgleich zugunsten der Heimatvertriebenen und Ausgebombten nach dem Zweiten Weltkrieg weit übertreffen."
(Heinrich August Winkler: Plädoyer für einen neuen Lastenausgleich. Wir brauchen einen Corona-Soli. In: Der Tagesspiegel, 29. März 2020, S. 19.)