Soldaten, die als Sieger zu einem Heldenempfang in London heimkehrten,
fanden zumindest ein Land vor, das sie wiedererkannten.
Soldaten dagegen, die - in vielen Fällen versprengt und ungeordnet nach
Wien, Budapest, München oder Berlin zurückströmten, gerieten
in einen revolutionären Umbruch und in wirtschaftliches Chaos.
Seltsamerweise schaffte es das besiegte Deutschland besser als das
siegreiche Großbritannien (übrigens auch besser als die neutralen
Niederlande), den Nachkriegs-Arbeitsmarkt zu steuern und die
Arbeitslosigkeit niedrig zu halten - teils, indem die Frauen aus den
Beschäftigungen, die sie während des Krieges angenommen hatten,
wieder herausgedrängt und durch Männer ersetzt wurden. Zudem
half die Inflation. Eine zu diesem Zeitpunkt deflationäre Wirtschaftspolitik
hätte die deutsche Wirtschaft nur noch weiter ruiniert, es den
vielen demobilisierten Soldaten jedenfalls unmöglich gemacht, überhaupt
Arbeitsplätze zu finden. Die galoppierende Inflation, die die
Regierung nicht zu drosseln versuchte, war allerdings ein hoher Preis,
der bald teuer bezahlt werden musste.
Während des Krieges, als die Staatsverschuldung fast um das Dreißigfache,
die Geldsumme des im Umlauf befindlichen Papiergelds um
mehr als das Zwanzigfache zunahm, war die Inflationsrate in Deutschland
gestiegen. 1918 lagen die Preise etwa fünfmal höher als vor dem
Krieg, die Währung hatte etwa die Hälfte ihres früheren Wertes verloren.
Damit stand Deutschland nicht allein. In Österreich-Ungarn
waren Inflation und Abwertung während des Krieges sogar noch
höher gewesen. Die meisten Länder durchliefen, mehr oder weniger
ausgeprägt, während des Krieges einen Inflationsprozess. In Frankreich,
den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern
lagen die Preise 1919 dreimal höher als 1913, im Vereinigten König-
reich waren sie fast zweieinhalbmal so hoch. In Ost- und Mitteleuropa
jedoch geriet die Preisinflation in den Nachkriegsjahren außer Kontrolle.
Die Währungen von Polen, Österreich und Russland wurden
durch Hyperinflation ruiniert. Jan Slomka, lange Jahre Ortsvorsteher
des Dorfes Dzikow in Südostpolen (dem wir im zweiten Kapitel bereits
begegnet sind), erinnerte sich ein paar Jahre später an die Folgen der
Inflation, die zu toben begann, nachdem die österreichische Krone
1920 durch die Geldnoten der Polnischen Mark ersetzt worden war:
Wenn irgendjemand irgendetwas verkaufte und mit dem Geld
nicht sofort etwas anderes kaufte, machte er schwere Verluste.
Es gab viele, die ihr Haus oder Feld verkauften oder einen Teil
ihrer Rinder, nur um ihr Geld entweder zu Hause oder auf
einer Bank aufzubewahren. Sie verloren alles, was sie hatten,
und wurden zu Bettlern. Andererseits machten jene, die sich
Geld liehen und damit Sachen erstanden, ein Vermögen. Es
gab Geld in Unmengen. Man musste es in Aktentaschen oder
Körben tragen, Geldbörsen und dergleichen waren nutzlos.
Für häusliche Dinge bezahlte man Tausende, dann Millionen,
schließlich Milliarden.
Erst die Einführung einer vollkommen neuen Währung, des Zloty, im
Jahr 1924 brachte Polen eine Stabilisierung.
In Deutschland war der Sturz in die Hyperinflation Teil einer
schweren politischen Krise, die das Land 1923 erfasste, nachdem die
Franzosen, als Vergeltung für den Verzug der deutschen Reparationszahlungen,
das Ruhrgebiet, Deutschlands industrielles Kernland.
besetzt hatten. Ihren Ursprung freilich hatte die Hyperinflation in
der Kriegsfinanzierung, die auf einer riskanten Spekulation beruhte:
Die Deutschen setzten darauf, dass sie den Krieg gewinnen würden
und sich die Kriegskosten von den besiegten Ländern wiederholen
könnten.
(Kershaw: Höllensturz, S.144)
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Donnerstag, 6. Oktober 2016
Kershaw: Inflation (Folgen des 1. Weltkriegs)
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Inflation,
Kershaw
Freitag, 23. September 2016
Kershaw: Kommunikation zwischen Frontsoldaten und der Heimat im 1. Weltkrieg
Den Menschen in der Heimat war es unmöglich, das ganze Ausmaß
des Grauens an der Front zu erfassen, dabei hatten sich in Großbritannien
Millionen von Menschen eine Ahnung davon verschaffen
können - durch den Dokumentar- und Propagandafilm The Battle of
the Somme (Die Schlacht an der Somme}, der zwar teilweise (in den
Angriffsszenen) nachgestellt war, die entsetzliche Erfahrung aber
nicht verhüllte. Dies war das erste Mal in der Geschichte, dass ein
Publikum zu Hause Krieg und Kriegsgeschehen hautnah zu sehen
bekam. Der Film war so erschütternd, dass manche Zuschauer vor
Entsetzen in Ohnmacht fielen. Die Behörden mussten erkennen, dass
die Bevölkerung eine solche Konfrontation mit der düsteren Wirklichkeit
des Krieges nicht verkraftete. Die meisten Angehörigen zu
Hause wollten oder mussten verdrängen, was ihre Lieben an der Front
zu erleiden hatten. Daher überrascht es nicht, dass viele Soldaten mit
dem Gefühl in den Frontdienst zurückkehrten, dass die Menschen
daheim überhaupt nicht verstanden, was sie durchmachten. So etwa
kühlte sich der herzliche Empfang, den ein britischer Leutnant auf
Heimaturlaub 1917 bei seinen Angehörigen erfuhr, rasch ab, als diese
den britischen Sieg von Passendale rühmten. Er nämlich beschrieb
daraufhin das Grauen dieser Schlacht, deutete an, dass die Verluste
umsonst gewesen seien - und wurde prompt vor die Tür gesetzt.
Ein derartiger Mangel an Sensibilität, ein solches Unverständnis
waren jedoch nicht unbedingt typisch. Die Interaktion zwischen Heimat
und Front war enger und bedeutsamer, als dieser Fall nahelegt.
Die schiere Menge an Post, der essenziellen Verbindung in die Heimat,
dokumentiert das starke Bedürfnis nach Heimaturlaub (bei jenen, die
das Glück hatten, überhaupt daran denken zu können, anders beispielsweise
als kanadische, australische, neuseeländische oder indische
Soldaten, anders auch als die vielen Männer, die aus entlegenen
Gegenden des Russischen Reiches stammten). Es scheint außerdem,
dass - als der Konflikt sich hinzog - die Meinungen über den Krieg in
der Heimat und an der Front immer mehr miteinander verschmolzen,
insbesondere bei den kriegführenden Mächten, die sich dem Gedanken
einer immer wahrscheinlicheren Niederlage stellen mussten.
(Jan Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, dva 2016, Kapitel 2, S.113-114)
des Grauens an der Front zu erfassen, dabei hatten sich in Großbritannien
Millionen von Menschen eine Ahnung davon verschaffen
können - durch den Dokumentar- und Propagandafilm The Battle of
the Somme (Die Schlacht an der Somme}, der zwar teilweise (in den
Angriffsszenen) nachgestellt war, die entsetzliche Erfahrung aber
nicht verhüllte. Dies war das erste Mal in der Geschichte, dass ein
Publikum zu Hause Krieg und Kriegsgeschehen hautnah zu sehen
bekam. Der Film war so erschütternd, dass manche Zuschauer vor
Entsetzen in Ohnmacht fielen. Die Behörden mussten erkennen, dass
die Bevölkerung eine solche Konfrontation mit der düsteren Wirklichkeit
des Krieges nicht verkraftete. Die meisten Angehörigen zu
Hause wollten oder mussten verdrängen, was ihre Lieben an der Front
zu erleiden hatten. Daher überrascht es nicht, dass viele Soldaten mit
dem Gefühl in den Frontdienst zurückkehrten, dass die Menschen
daheim überhaupt nicht verstanden, was sie durchmachten. So etwa
kühlte sich der herzliche Empfang, den ein britischer Leutnant auf
Heimaturlaub 1917 bei seinen Angehörigen erfuhr, rasch ab, als diese
den britischen Sieg von Passendale rühmten. Er nämlich beschrieb
daraufhin das Grauen dieser Schlacht, deutete an, dass die Verluste
umsonst gewesen seien - und wurde prompt vor die Tür gesetzt.
Ein derartiger Mangel an Sensibilität, ein solches Unverständnis
waren jedoch nicht unbedingt typisch. Die Interaktion zwischen Heimat
und Front war enger und bedeutsamer, als dieser Fall nahelegt.
Die schiere Menge an Post, der essenziellen Verbindung in die Heimat,
dokumentiert das starke Bedürfnis nach Heimaturlaub (bei jenen, die
das Glück hatten, überhaupt daran denken zu können, anders beispielsweise
als kanadische, australische, neuseeländische oder indische
Soldaten, anders auch als die vielen Männer, die aus entlegenen
Gegenden des Russischen Reiches stammten). Es scheint außerdem,
dass - als der Konflikt sich hinzog - die Meinungen über den Krieg in
der Heimat und an der Front immer mehr miteinander verschmolzen,
insbesondere bei den kriegführenden Mächten, die sich dem Gedanken
einer immer wahrscheinlicheren Niederlage stellen mussten.
(Jan Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, dva 2016, Kapitel 2, S.113-114)
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Kershaw
Freitag, 16. September 2016
Kershaw über Antisemitismus
"Antisemitismus war ein neuer Begriff für ein altes, auf dem Kontinent
weitverbreitetes Phänomen: den Hass auf Juden. Die traditionelle
christliche, seit Jahrhunderten bestehende Feindseligkeit
gegenüber »den Mördern Christi« hielt sich hartnäckig und wurde
vom christlichen Klerus gepflegt - vom protestantischen ebenso wie
vom katholischen und vom orthodoxen. Ein anderes, tief verwurzeltes
Element dieses Hasses rührte aus uralten ökonomischen und
sozialen Ressentiments, die neue Nahrung erhalten hatten, weil es
die in jüngerer Zeit gewährten Freiheiten den Juden erlaubt hatten,
in größerem Umfang am Geschäfts- und Kulturleben teilzunehmen.
Bald schon provozierte das Reaktionen: Bei jedem wirtschaftlichen
Abschwung wurden die Juden zum Sündenbock gemacht. Vom ausgehenden 19. Jahrhundert an wurden die alten, oft bösartigen Formen
des Judenhasses von etwas noch Ärgerem überlagert. Nun nämlich
vermengten sie sich mit neuen, potenziell mörderischen Rassenlehren,
die eine pseudowissenschaftliche, biologische Rechtfertigung für
Hass und Verfolgung boten. Die ältere Diskriminierung, die zweifellos
schon schlimm genug gewesen war, hatte es Juden gestattet (sie
manchmal auch gezwungen), zum Christentum zu konvertieren. Das
schloss der wissenschaftlich verbrämte, biologische Antisemitismus
aus. Ihm zufolge waren Juden rassisch, »ihrem Blut nach« anders. Ein
Jude, so hieß es, könne ebenso wenig zum Franzosen oder Deutschen
werden, wie beispielsweise eine Katze zu einem Hund gemacht werden
könne. Es war eine Doktrin, die nicht nur auf Diskriminierung
hinauslief, sondern auf totalen Ausschluss. Und sie führte potenziell
auf den Weg physischer Vernichtung."
(Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, dva 2016 S.36)
(Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, dva 2016 S.36)
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