Posts mit dem Label Lyrik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lyrik werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 31. Dezember 2024

Wolf Biermann: Du lass dich nicht verhärten

Wolf Biermann

Du lass dich nicht verhärten

Warte nicht auf bessre Zeiten

Immer wieder mal habe ich mich gefragt, weshalb so große Romane wie etwa die Buddenbrooks oder Stolz und Vorurteil, in denen so viel Verständnis für die Welt, wie  ist, steckt, oder großartige Dramen nicht mehr Wirkung zeigen, und dann denke ich an Lieder wie die beiden oben vorgestellten und sage mir: Schon diese beiden Lieder bedeuten mehr als das Lebenswerk vieler produktiver Dichter.

Denn in wenigen Zeilen kann Lebensmut geschaffen werden, und das Werk von Matthias Claudius wäre wohl nicht die Hälfte wert, wenn er nicht Der Mond ist aufgegangen geschrieben hätte. Er hat dabei auf schon berühmte Zeilen anderer Dichter zurückgegriffen, und die Vrtonung macht viel von der Wirkung dieses Lides aus. Und doch, wie viel würde deutsche Lyrik fehlen, wenn es dieses Lied nicht gäbe. 

Dabei wird solch ein Lob der Bedeutung solcher Lieder nicht einmal gerecht. Denn siw sind für Millionen in den unterschiedlichsten Situationen wichtig gewesen: Stärkung, Trost, Ermutigung. Und Wolf Biermann hat nicht zu Unrecht darauf hingewiesen, wi viel ihm das Lied Wer nur den lieben Gott lässt walten bedeutet.


Montag, 11. März 2019

was ein wunsch wäre, schlaf ...

Der Klang von Muschelkalk Von Moritz Aisslinger
"Nico Bleutge schreibt Gedichte. Er gilt als einer der bedeutendsten Lyriker in Deutschland – trotzdem kennt ihn kaum einer. Oft sucht er tagelang nach dem richtigen Wort. Leben kann er davon nicht. Porträt eines Menschen, der sich für den Untergrund entschieden hat  [...]

... zu übertragen, wärme

[...] Deutschland, das Land der Dichter und Denker? Das war einmal, jedenfalls was die Dichter betrifft. Schüler interpretieren zwar noch immer Goethe und Schiller, Studenten schreiben Seminararbeiten über Brecht und Trakl, und in der Hausbibliothek des Bildungsbürgertums finden sich Rilke und Benn. Den Namen eines zeitgenössischen Lyrikers kennen eher nicht so viele. [...] 


sich in die luftwege schleichen
innen im kopf. die bahnen
und bläschen. tiefer
gerutscht
Die Luftwege, sagt er, seien ein Fachterminus für die Atemwege, Nase, Mund, 
Kehle. Deshalb habe er dieses Wort gewählt und die Bläschen nach unten 
verschoben, dorthin, wo sie, die Lungenbläschen, anatomisch auch hingehörten, 
ans Ende der Lungen. Er wolle mit dem medizinischen Vokabular arbeiten, das die 
Ärzte im Herbst 2017 ihm gegenüber verwendeten, ebenso wie mit der floskelhaften
Sprache, mit den Trostformeln, [...]"
Ich habe die Technik des Autors des ZEIT-Artikels, den ich hier zitiere, verwendet, 
um Neugier auf ein Gedicht von Bleutge zu erwecken. 
Wer das vollständige Gedicht kennen lernen will, hat die Möglichkeit, den 
vollständigen ZEIT-Artikel vom 7.3.2019 zu lesen. Da wird sie/er in den Text 
eingeführt und kennt ihn am Schluss ganz. 
Werden Lyriker heute zu wenig beachtet? Wie ging es Hölderlin? Wer weiß heute 
noch Gedichte von Brecht auswendig, die nicht aus der Dreigroschenoper 
stammen? 
Die Positionen, die auf dem Lyrikkongress in Frankfurt, der vom 7.3. an lief, 
vertreten wurden, kann ich verstehen. Aber Paul Heyse und Bob Dylan erhielten 
den Literaturnobelpreis, Paul Celan nicht. Franz Kafka aber auch nicht. 
Wer das Publikum seiner Zeit überfordert, hat nicht selten den längeren
Nachruhm. Deutschlehrer dazu zu verdonnern, Schülern den Bedeutungsgehalt
von "Muschelkalk" bei Bleutge beizubringen, wäre kontraproduktiv. 
Goethe hat trotz heftiger Kritik von Literaturkennern mit seinem Werther einen
Bestseller geschrieben. Sein Faust wurde weltberühmt, aber Schillers Wilhelm 
Tell fleißiger gelesen. Faust II wird immer wieder aufgeführt, aber ihn Wort für 
Wort im Unterricht zu lesen und zu besprechen, wird man keinem Deutschlehrer
empfehlen können. Meiner tat's und ich fand es nicht nur im Nachhinein gut. 
Aber mehr habe ich von diesem Lehrer in der Deutsch AG gelernt, wo er uns an
einfachere Texte von Brecht, Kafka und Benn heranführte. 

Übrigens, Jan Wagners Regentonnenvariationen sind leichter zugänglich als 
Bleutges Muschelkalk. Und deshalb vermutlich die geeignetere Schullektüre
auch für zukünftige Lyriker.
Mehr zu Fokus Lyrik im Tagesspiegel

Freitag, 26. Januar 2018

Der Leser produziert sein Leseerlebnis

Zur Diskussion um Gomringers Gedicht "Avenidas":

http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-um-eugen-gomringer-gedicht-das-lyrische-ich-ist-auffaellig-abwesend-1.3841758 SZ


MONIKA GRÜTTERS: Wider die Diktatur des Zeigbaren faz.net 26.1.18

Debatte um Gomringer-Gedicht: Köhler: Ein Geschenk kann man beiseite legen. via @faznet

Fontanefan: Freilich. Aber mit welcher Begründung kann man es tun, ohne zu verletzen?

Freilich, das Gedicht ist 1953 geschrieben worden, 2011 prämiert und darauf geschenkt worden, beiseite gelegt werden soll es 2017.


The line it is drawn
The curse it is cast
The slow one now
Will later be fast
As the present now
Will later be past
The order is rapidly fadin’
And the first one now will later be last

Mittwoch, 22. November 2017

Vorzügliche Reklame für Minnesangs Frühling

http://www.zeit.de/2017/48/lyrik-minnelieder-mittelhochdeutsch-uebersetzung-liebesgedichte/komplettansicht

Jan Wagner: "Das Gedicht ist einer der letzten wahren Freiräume, weil in ihm alles möglich ist, ohne große Kosten. Man braucht einen Stift, ein Blatt Papier und hat alle Freiheit."

Samstag, 14. November 2015

"Leerstellen" in literarischen Texten

Eine Erläuterung für ungeübte Leser

Gemeint ist, was "zwischen den Zeilen" steht, also das Unausgesprochene. Aber was unausgesprochen ist, muss man sich in jedem konkreten Fall erschließen. 

Und das heißt 

1. dass man einen Text lesen kann, ohne die vom Autor eingebaute Leerstelle überhaupt zu bemerken, 

2. dass jede Ausfüllung einer Leerstelle je nach Leser unterschiedlich ausfallen kann. (Von unausgefüllt über sehr präzis durchdacht bis zu haltlosen Spekulationen.)

Jetzt ein Beispiel: Wenn ein Autor darüber schreibt, dass ein junger Mann und eine junge Frau gemeinsamen einen erotischen oder gar pornographischen Text lesen, und dann fortfährt 
"An diesem Tage lasen wir nicht weiter ...", dann denkt sich wohl jeder Leser, der zumindest die Pubertät erreicht hat, das Gleiche. Aber nicht jeder Leser erkennt darin schon eine Begründung dafür, dass das Liebespaar in der Hölle ist. Dafür muss man schon wissen, dass zu Dante Alighieris Zeiten die Kirche sehr sexualfeindlich war. Das wissen freilich die meisten Leser ebenfalls. (Wenn dich die Beispielstelle interessiert: http://www.divina-commedia.de/la_divina_commedia/hoelle_005_la_divina_commedia.h...
Wenn in Fontanes "Irrungen Wirrungen" das 12. Kapitel schließt "Und sie schmiegte sich an ihn und blickte mit einem Ausdrück höchsten Glückes zu ihm auf." und das 13. Kapitel beginnt "Beide waren früh auf", dann ist ebenfalls nur ein geringer Interpretationsspielraum.
Aber Leerstellen sind nicht immer so einfach auszufüllen wie bei Auslassungen von Passagen, die als pornographisch aufgefasst werden könnten.
Berühmt sind Schillers Dramenschlüsse: "Dem Manne kann geholfen werden." "Dem Fürsten Piccolomini" "Der Lord lässt sich entschuldigen. Er ist zu Schiff nach Frankreich." (Zum Verständnis des Zusammenhangs musst du eine Suchmaschine heranziehen.) Hier liegt die Leerstelle am Schluss des Textes. Das gilt genauso für die Märchenformel "Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage".
Das muss für den Anfang genügen. Weitere Leerstellen musst du selber suchen.
So viel darf ich dir verraten: Leerstellen sind genau das, was gute Literatur ausmacht und Freude am Lesen erzeugt. Nicht alle Leerstellen freilich, sondern nur die, die nicht trivial ausgefüllt werden müssen.
Und noch eins: Lyrik ist voll von Leerstellen. Deshalb sind Gedichtinterpretationen im Deutschunterricht so beliebt: Weil sie darin schulen, Freude an Literatur zu entwickeln.

Mittwoch, 29. April 2015

WIE VIEL VERKAUFEN DEUTSCHE VERLAGE VON IHREN BÜCHERN?

"Ein durch und durch unseriöses Gewerbe" von Ulrich Greiner, ZEIT 12. Juni 1987

 Hilde Domins „Gesammelte Gedichte“: 1400. Aber Rose Ausländer: 2000. Das ist schon viel. Gerhard Köpfs Roman „Die Erbengemeinschaft“: 3700. Evelyn Schlags Erzählung „Die Kränkung“: gegen 10 000. „Ein Bestseller“, sagt Fritz. Und was ist mit den großen Namen des Verlags, zum Beispiel mit der Horkheimer-Ausgabe? „Zäh, zäh, unter tausend. Ein Buchhändler sagte mir: ‚Die kritische Theorie ist kein Thema mehr.‘“ Um so besser geht es mit der Mann-Familie. Golo Manns „Erinnerungen und Gedanken“: 120 000. Thomas Manns Tagebücher, obwohl der Band 98 Mark kostet: 8000. Fritz zieht das Resümee: „Der Umsatz im Buchhandel steigt, aber wir literarischen Verlage haben alle dieselbe Zielgruppe, und die wird eher kleiner.“ [...]Die Literatur, die Luchterhand immer wieder riskiert, hat es schwer. Beispiel: Die erste Erzählung von Anna Rheinsberg „Marthe und Ruth“: 1750. Und selbst Peter Härtlings Gedichtband „Die Mörsinger Pappel“ verkauft sich nicht berauschend. Härtling, sonst ein Autor von Bestsellern. „Wenn Härtling mit Gedichten zu mir kommt, dann blicken wir beide uns tief in die Augen und wissen Bescheid. Aber ich will nicht behaupten, daß wir Geld daran verlieren.“ Die Auflagen seien nicht kleiner geworden, verglichen mit früheren Jahren, aber die Bedingungen hätten sich geändert, und heute sei es ungleich aufwendiger, ein Buch durchzusetzen. „Das Verlagsgeschäft ist ein durch und durch unseriöses Gewerbe“, sagt Altenhein, „aber ich beklage mich nicht.“ Von der „Rättin“ des Günter Grass hat der Verlag 110 000 Stück verkauft. Von Christa Wolfs Tschernobyl-Erzählung „Störfall“ 175000 [...]
Die Schar der literarisch interessierten Leser ist äußerst begrenzt. Die Zahlen der Verlage sind überraschend ähnlich. Lyrik hat maximal tausend Käufer, neue Romane um die fünftausend. Das lohnt sich für keinen Verlag. Aber die Verlage rechnen mit Überraschungen: daß nämlich plötzlich einer über 10 000 kommt. Und sie kalkulieren mit ihren Bestsellern. Mit den Großen finanzieren sie die Kleinen, damit sie vielleicht groß werden. Das Gewerbe ist deshalb „unseriös“, wie Altenhein sagt, weil man den Bedarf an Schuhen und Kühlschränken ungefähr ausrechnen kann, den an Literatur aber nicht. Der Hersteller eines Kühlschranks kann genau bestimmen, wie der Kühlschrank aussehen soll. Der Verleger aber kann nur drucken, was die Autoren ihm liefern.

Donnerstag, 2. April 2015

Johannes Kühn: Sonnenblumen

Kühns Zeile "Sonnenblumen, das sind die Räder der Mondscheinkutsche." diente als Anregung für den Wortsegel-Wettbewerb in Blieskastell. 

Daraus machte dei ZEIT-Leserin Doris F. Franz:
"Schlüsselblumen, das sind die Lebensretterinnen aus Kindertagen."

Rühmkorf nannte den saarländischen Arbeiterdichter Kühn "Schmetterling im Kohlenstaub".

Anrührend.