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Mittwoch, 1. Februar 2023

Ist es nicht besser, nur innerhalb des eigenen Volkes heiraten, fragt ein Kurde.

 Es ist verständlich, wenn Angehörige eines Volkes, das überall in der Minderheit ist, großen Wert darauf legen, dass sie nicht in der Mehrheitsbevölkerung aufgehen, so dass ihre Kultur verloren gehen könnte.

Den Deutschen, die in den Osten ausgewandert sind, ins heutige Polen, ins Baltikum, nach Russland, Tschechien, Ungarn, Rumänien ging es ähnlich. Als Hitler und die Nationalsozialisten dies Nationalbewusstsein ausgenutzt haben und den Deutschen dort eingeredet haben, sie sollten ein "Herrenvolk" sein, hat das schlimme Folgen für Europa gehabt und im Holocaust zu einem entsetzliches Exzess geführt. Darunter haben vor allem die deutschen Minderheiten gelitten. Seit die meisten Deutschen in Deutschland wohnen, geht es ihnen gut. (Lange haben viele Nachbarn gesagt: unverdient gut.) Dann haben Deutsche ihrerseits Ausländer in ihr Land gerufen, weil sie nicht genügend Arbeiter mehr hatten. So kommt es jetzt, dass Deutschland zum Einwanderungsland geworden ist. Verständlicherweise sind Deutsche daher daran interessiert, dass die Eingewanderten auch Deutsch sprechen lernen und sich an die hiesige Lebensweise anpassen. Das widerspricht den Traditionen, die sie als Minderheit im Ausland hatten.

Und jetzt ist es zu einer merkwürdigen Umkehrung gekommen. Immer mehr Deutsche, aber weiterhin eine deutliche Minderheit, wollen den nach Deutschland Eingewanderten nicht gönnen, dass sie an ihrer Kultur festhalten, was die deutschen Minderheiten im Ausland ihrerseits doch weitgehend getan haben.

Aber die Mehrheit der Deutschen will den Eingewanderten das bieten, was die deutschen Minderheiten im Ausland sich wünschten, nämlich als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt zu werden.

Deswegen werden viele Deutsche sagen, dass es ihnen nicht wichtig ist, dass Deutsche nur Deutsche heiraten. Denn sie haben mit dieser Art von Nationalismus schlechte Erfahrungen gemacht.

Ich verstehe, dass du als Kurde anders denkst; aber du hast vielleicht auch Verständnis dafür, dass die meisten Deutschen aufgrund ihrer Erfahrung da anders denken.

Montag, 24. Juli 2017

Nationale Identität oder Postnationalismus

"When Canadian Prime Minister Justin Trudeau called his country the world’s “first post-national state” with no “core identity” or “mainstream,” he was offering a prescription, not a description. As Canada celebrates its 150th birthday this week and stares into the uncertain future ahead, his words may prove little more than an opening bid as the country negotiates its 21st-century purpose. [...] Canada would be less colonial politically, less English culturally, less white racially and more comfortable with activist government ideologically. Today’s lines are just as easy to observe, but where they lead is much harder to imagine, promising, as they do, to steer the country not merely from one identity to another, but away from identity itself."
(Who gets to decide Canada's identity? The Washington Post 29.6.2017)

Montag, 1. Mai 2017

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker und anderer Kollektive

Das 19. Jahrhundert brachte einen Aufschwung des europäischen Nationalismus und eine Ausweitung des europäischen Kolonialismus.
Die Folgen waren vielfältig und widersprüchlich. In Europa entstanden neue Nationalstaaten zum Teil durch Einigungskriege, zum Teil als Ergebnis der Aufteilung der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich nach dem Ersten Weltkrieg.
Andererseits wurden in Afrika Territorien ohne Rücksicht auf historische Bindungen oder Sprachgrenzen unter den europäischen Staaten verteilt.
Bei der Aufteilung des Osmanischen Reiches wurde mit der Ankündigung einer nationalen Heimstätte für die Juden und der Förderung nationaler Hoffnungen bei den Arabern die Grundlage für den Nahostkonflikt gelegt, nicht nur der zwischen Juden und Palästinensern, sondern auch zwischen arabischen Selbstbestimmungsversuchen und den imperialen Plänen der europäischen Staaten (Sykes-Picot) sowie der USA.
Das 20. Jahrhundert brachte mit den beiden Weltkriegen den furchtbaren Beleg, welche Folgen fehlgeleiteter Nationalismus in Verbindung mit Rassismus haben kann, und den Versuch, diese Gefahren durch europäische Zusammenarbeit zu überwinden.
Das Auseinanderbrechen Jugoslawiens und die Eurokrise zeigten freilich auf, dass die übernationalen Bindekräfte nur unzureichend entwickelt waren. Fehlende Solidarität mit der griechischen Bevölkerung und unzureichende wirtschaftliche Zusammenarbeit bewiesen die Fragwürdigkeit des Eurozonenkonzepts und beförderten die Abkehr von übernationalen Einheiten.

Mit dem Brexit stellt sich das Problem kollektiver Selbstbestimmung mit aller Schärfe.
Welches Kollektiv darf sich selbst bestimmen: das Vereinigte Königreich, Schottland, Irland oder gar die nordirischen Religionsgruppen?

Siehe auch:
Probleme der Gegenwart bzgl. des Selbstbestimmungsrechtes
Michael Lüders: Wer den Wind sät + Youtube

"Der gescheiterte Versuch, Baschar al-Assad zu stürzen, vor allem mit Hilfe 'guter' Dschihadisten, hat erst die Grundlage für den Siegeszug des IS in Syrien geschaffen. [...] Sein Erfolg erklärt sich durch das politische Vakuum im Irak und in Syrien, das er selbst jedoch nicht erschaffen hat." (Wer den Wind sät, S.99)
Mehr zu "Wer den Wind sät" hier


Freitag, 3. Februar 2017

Was kann Schule zur Unterstützung von Demokratiefähigkeit leisten? (Blogparade)

"Es scheint mir eine Überlegung wert, die langfristig verwendeten, immer wiederkehrenden politisch instrumentalisierten Geschichtstopoi zu identifizieren und bei der Erstellung der Inhalte von Lehr- und Rahmenplänen für den Geschichts-, Politik- und Gesellschaftslehreunterricht besonders zu berücksichtigen."
Diesen Gedanken von Daniel Bernsen möchte ich unterstützen. Deshalb greife ich ihn hier gleich  auf, ohne ihn schon vertiefen zu können.

Bernsen kommt auf diesen Gedanken, weil er bei seiner Behandlung geschichtsverfälschender Mythen (vgl. die korrigierenden Darstellungen bei Geschichtscheck) festgestellt hat:
"Es sind also insbesondere die Leerräume der öffentlichen, staatlichen Geschichtsdarstellung, die mit Fehlinterpretationen und bewussten Lügen gefüllt und politisch instrumentalisiert werden." 
Aufgefallen ist ihm das bei der Behandlung politischer Hassreden, wie sie insbesondere gegen Flüchtlinge vorgebracht werden, aber auch sonst zur Stützung nationalistischer Ideologien verwendet werden. Dazu schreibt er, es handle sich "bei vielen Themen, um historische Ereignisse, Entwicklungen und Strukturen, die nicht in den Geschichtslehrplänen aufgegriffen werden, wie z.B. der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität oder die Situation der deutschen Kriegsgefangenen am Ende des 2. Weltkriegs („Rheinwiesenlager„), oder die in den letzten Jahren aus den Lehrplänen gestrichen wurden, wie z.B. die „Völkerwanderung“."

Dieser Beitrag von Bernsen lässt sich gut dem Themenfeld der Blogparade Förderung von Demokratiefähigkeit zuordnen, zu der Walter Böhme im ZUM-Blog aufgerufen hat.

Auch der Kinderreport des Kinderhilfswerks bezieht sich auf das Thema Förderung von Demokratiefähigkeit:
"Gleichzeitig bietet der Kinderreport 2017 aber auch Hinweise auf Strategien zur Stärkung unserer Demokratie durch eine Förderung demokratischer Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen. Wenn diese Förderung von nachhaltiger Wirkung sein soll, muss sie frühzeitig ansetzen und vor allem milieuübergreifend erfolgen“, betont Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes. „Demokratie normiert unser Zusammenleben und gibt den geregelten Rahmen für politische Entscheidungsund Gestaltungsprozesse vor. Sie ist aber nur dann verwirklicht, wenn jeder einzelne sie unabhängig vom Alter als Möglichkeit zur Selbstentfaltung begreift und gleichzeitig die vielfältigen Meinungen und Bedürfnisse anderer nicht aus dem Blick verliert. Wir müssen unsere Demokratie mit Leben füllen, ihre Voraussetzungen bewahren und sie offensiv gegen Bedrohungen verteidigen – und zwar jeden Tag aufs Neue“, so Krüger weiter." (Pressemitteilung des Kinderhilfswerks vom 2.2.17)

Donnerstag, 13. Oktober 2016