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Dienstag, 25. September 2018

Eine Tagebuchnotiz aus dem Ersten Weltkrieg - "Fake News" vor 100 Jahren


Mittwoch 9.9.:
"Nichts Neues. Mit Ungeduld wird die Zeitung erwartet. Lügennachrichten der Franzosen und Engländer. (Das Wetter wird wieder wärmer. Etwas bewölkt.) Gewalttaten an Verwundeten und Gefangenen. Das sind ihre Heldentaten."

Sonntag, 8. Juli 2018

Hätte der Weihnachtsfrieden von 1914 zu einem dauerhaften Frieden führen können?

Natürlich kann niemand das wissen. Es gibt aber Ansatzpunkte für Vermutungen:
  1. Nicht nur unter Sozialisten aller Art gab es schon vor 1914 den Willen, einen kommenden Krieg zu verhindern. Auch die pazifistische Bewegung war - spätestens seit Bertha von Suttners "Die Waffen nieder" - schon stark und international vernetzt. Dennoch kam es zum Krieg. Ob Jean Jaurès (https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Jaurès) etwas daran hätte ändern können, wenn er nicht am 31.7.14 ermordet worden wäre, ist nicht gesagt. Der Nahostkonflikt, der nach den Abmachungen von Oslo schon erfolgreich auf den Weg des Friedens gebracht zu sein schien, hat sich nach der Ermordung Rabins noch weiter verschärft.
  2. Die Erfahrung der Gräuel des Stellungskrieges hat 1914 einige Soldaten auf beiden Seiten der Front schon so kriegsmüde gemacht, dass sie die Angst vor Gegnern und Vorgesetzten überwunden haben, um gemeinsam zu feiern. Aber in den Heimatländern wuchs der patriotische Hass noch.
  3. 1917 konnten die Bolschewisten eine erfolgreiche Revolution organisieren, indem sie versprachen, Frieden zu schließen. 1918 waren nach dem Hungerwinter von 1917 und im Angesicht der sicheren Niederlage des Kaiserreichs Matrosen und Soldaten in großer Zahl bereit, zu revoltieren, und es gab politische Führer, die eine - gebremste - Revolution daraus machten. (Das ist vielfach differenzierter beschrieben nachzulesen.)
Kriegsmüdigkeit beider Seiten kann zum Frieden führen. Reichte die von 1914 dazu aus? Reicht die heutige in Syrien und im Jemen dazu aus? - Was theoretisch denkbar wäre, darüber lässt sich viel diskutieren. Die historische Wirklichkeit zeigt, was sich in der jeweiligen Situation durchsetzt.
Um dennoch ein wenig zu spekulieren: Die Wahrscheinlichkeit, dass im Juli 1914 der Krieg verhindert worden wäre, war wohl größer als die, dass es in der Folge des Weihnachtsfriedens von 1914 zum Frieden gekommen wäre.

Sonntag, 6. Mai 2018

Der "Vorwärts" am 28.8.1914

"[...] Die sozialdemokratischen Führer, die in das neue Ministerium eingetreten sind, sind nicht etwa rechtsstehende, dem Ministerialismus zuneigende Genossen. Es sind die bedeutendsten Männer der französischen Bruderpartei, der geistreiche, von revolutionärem Temperament sprühende Marcel Sembat, sie stärkste Stütze von Jaurés in dem Kampf für die Verständigung mit Deutschland, und Jules Guesde – Guesde, der alte Kampfgefährte von Marx und Engels, der Begründer und Organisator der marxistischen Richtung in Frankreich, der schärfste und rücksichtsloseste Verfechter des Klassenkampfes, der unermüdlichste Bekämpfer jeder Kompromisspolitik, der ebenso wie Sembat die Spaltung der Billigung des ministerialistischen Experiments vorzog, der unversöhnlichste Feind kapitalistischer, ministerialistischer, imperialistischer Politik. Wie weit Guesde wie auch Sembat entfernt sind und stets entfernt waren von chauvinistischer Kriegsbegeisterung Deutschland gegenüber, das zeigte noch wieder die Rede, die Sembat am Tage der Kriegserklärung in einer großen Pariser Versammlung hielt. Er wandte sich dagegen, dass der Krieg irgend welchen Rachegelüsten dienen dürfe; auch nicht die Zerstörung deutscher Kultur dürfe sein Ziel sein, und wenn ein siegreiches Russland Deutschland zerstückeln und die Kosaken seine berühmten Hochschulen zerstören wollten, so werde das Frankreich nicht zugeben. Dass diese Männer, an deren Gesinnung internationaler Solidarität und Freundschaft für die deutsche Arbeiterklasse ein Zweifel nicht erlaubt ist, in das Ministerium eingetreten sind, das den Krieg führt, beweist, dass die Ereignisse Wirkungen zeitigen, die bei Ausbruch des Krieges nicht gewollt und von manchen nicht geahnt waren. [...]" Sozialdemokratische Minister in FrankreichDie Auswirkungen des Krieges in der französischen Regierung. Der Vorwärts  28.8.1914

Montag, 7. November 2016

Feldpostkarten an einen Dorfpfarrer im 1. Weltkrieg,





Es sind zu viele, um sie auszuwerten. Viele Gemeindemitglieder schreiben aus Ost und West. 
Die Fotos zeigen zum Teil Ansichten, zum Teil Kriegspropaganda.


Dienstag, 26. Mai 2015

Wie die USA zur Weltmacht aufstiegen

Wie die USA zur Weltmacht aufstiegen, SZ 26.5.15

"Aber für eine Geschichte der Zwischenkriegszeit, die global angelegt ist und das weitere 20. Jahrhundert im Blick hat, erweist sich diese Perspektive als außerordentlich fruchtbar und erhellend, weil sie die komplexe Interaktion von wirtschaftlicher Entwicklung und politischer Dynamik erfassen und analytisch aufschlüsseln kann.
Die alte Frage nach dem Versagen der "Friedensmacher" von 1919, die Generationen von Historikern um- und angetrieben hat, eine Frage, die sich aus den Debatten der Zwischenkriegszeit und den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg speiste, verliert vor diesem Horizont ihre erkenntnisleitende Bedeutung. Ihr analytisches Potenzial hatte sich ohnehin erschöpft.
Adam Toozes Buch stößt demgegenüber neue Tore auf. Es lässt die Entwicklung der internationalen Ordnung nach 1918 nicht als abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit erscheinen, sondern als Beitrag zur Entstehung einer Welt, in der wir noch heute leben."

Samstag, 2. August 2014

Augusterlebnis 1914

100 Jahre nach Kriegsbeginn, 57 Jahre nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sollte ein weniger verzerrtes Bild des "Europäischen Bürgerkrieges", wie man den Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammenfassend genannt hat, möglich sein.
Wie von Verteidigern der Fischerschen Thesen in der Diskussion über "Griff nach der Weltmacht" schon damals angedeutet wurde, hat die Öffnung der Akten anderer europäischer Staaten eine klarere Sicht auf die Kriegsbereitschaft in diesen Staaten möglich gemacht. Christopher Clarks hat in "Die Schlafwandler"* den kollektiven Weg in den Krieg dargestellt. Den Versuch, daraus eine Unschuldsthese für die deutsche Führung von 1914 zu basteln, wurde zu Recht zurückgewiesen. Im Einzelnen wird die wissenschaftliche Diskussion weitere Differenzierungen erbringen.
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Bemerkenswert erscheint mir in diesem Kontext ein Artikel  in der Frankfurter Rundschau vom 2.8.14 (publiziert wurde er im Rahmen der sehr verdienstvollen Artikelserie der FR zum Ersten Weltkrieg):
"Das Begehren nach dem Blutopfer" von Christian Thomas.
Darin schreibt er über das Augusterlebnis 1914 "von einer ungeteilten kollektiven Euphorie kann keine Rede sein", trägt dann aber eine Menge Belege für die Bereitschaft, sich für 'Volk und Vaterland' zu opfern, zusammen. Dazu gehört, dass die sozialdemokratischen Abgeordneten trotz ihres Boykotts der Reichstagssitzung, in der Wilhelm II. den Kriegsbeginn rechtfertigte, dann doch - mit zwei rühmlichen Ausnahmen - den Kriegskrediten zustimmte. Ja, sogar die Deutsche Friedensgesellschaft habe sich der allgemeinen Opferbereitschaft nicht entgegenstellen wollen. (Hier hätte mich ein Beleg sehr interessiert.)
Dass in der Bevölkerung die Trennung von Vätern, Söhnen und Brüdern nicht allgemein begrüßt worden ist, dass man ihrem Tod nicht allgemein freudig entgegengesehen hat, darf als sicher gelten, auch wenn öffentliche Organe nicht darüber berichtet haben und die Filmbilder von jubelnden Kriegsfreiwilligen das nicht dokumentiert haben. Die Euphorie war nicht ungeteilt. Doch das "August-Erlebnis" hat Thomas eindrucksvoll belegt.

*Clarks Titel spielt auf Hermann Brochs Trilogie "Die Schlafwandler" an.


Mittwoch, 8. Januar 2014

Verteilungskampf, Generationengerechtigkeit und Erster Weltkrieg - Wissenswertes von L.I.S.A.

L.I.S.A. das Portal der Gerda-Henkel-Stiftung bietet eine Fülle auch für Laien verständlicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen und Tagungsdokumentationen.
Mich interessiert gegenwärtig besonders:
Verteilungskampf oder Solidarität? Generationengerechtigkeit im Zeichen des demografischen Wandels

Aber auch zum Ersten Weltkrieg und zu Clarks "Schlafwandler" findet sich allerlei Informatives. Ganz abgesehen von Pompeji, Bosnien und ...

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Fritz Fischer hat meiner Kenntnis nicht die Alleinschuld Deutschlands behauptet, sondern seine Unschuld bestritten. Das schien ihm als deutschem Historiker wichtig, nachdem ein halbes Jahrhundert in Deutschland an der Unschuldsthese festgehalten worden war.
Dass die anderen am Kriegsausbruch Beteiligten ihre Nationalinteressen über das Systeminteresse Frieden stellten, war schon lange zu vermuten. Vieles aus den bekannten Akten sprach dafür.
Wenn Clark sich jetzt auf das "Wie" konzentriert, versucht er von Schuldzuweisungen fortzukommen.
Nach diesem Buch wird es aber schwer sein, an der Unschuld, Deutschlands, Frankreichs, Russlands und Großbritanniens festzuhalten.
Wer schon vorher durch Fischers Buch von der Schuld Deutschlands überzeugt wurde, war und ist deshalb noch kein "Deutschlandhasser".

vgl dazu auch: Politisches Buch Erster Weltkrieg:Zündschnur und Pulverfass und die 105 Kommentare dazu