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Freitag, 15. November 2024

Warum fährt man ins "Heilige Land"?

 Vermutlich, um die wirkmächtige Erzählung mit realen Dingen in Verbindung zu bringen, um ein wenig näher an die Entstehungsbedingungen der Erzählung zu kommen.

Daher auch das "Pilgern" zu Orten an denen Erzählungen spielen, die Freude daran, wenn eine Erzählung in vertrauert Umgebung spielt. 

An dem Beispiel kann man ein wenig nachvollziehen, weshalb australische Aborigines Erzählungen mit realen Wegen in Verbindung bringen. Weshalb sie die "Wege der Ahnen" mit den Liedern der Ahnen verbunden sehen. 

Dass gebundene Sprache besonders in Verbindung mit Musik hilft, sich Wortlaut zu merken, wissen wir. Das Musik sich mit dem Gedächtnis besonders intensiv verbindet und deshalb auch Dementen hilft Erinnerungen wachzurufen, wissen wir auch.  Wiederkehrende Rituale verbinden uns stärker mit der Wirklichkeit. 

So verbindet sich das gesungene Lied mit dem Weg, den man geht.

Mittwoch, 29. März 2023

Ist Erinnerung ein Konstrukt?

 https://www.zeit.de/2023/14/erinnerung-trauma-forschung-gedaechtnis/komplettansicht

"[...] Elizabeth Loftus ist 78 Jahre alt und eine Koryphäe ihres Faches, eine weltweit führende Gedächtnisforscherin. An diesem Tag unterrichtet sie drei Stunden lang, ohne Pause. Es geht darum, dass sich Augenzeugen oft falsch an ein Verbrechen erinnern. Sie erzählt von dem Serienmörder Ted Bundy, den sie mal traf, und dem Schauspieler Kevin Spacey, mit dem sie neulich gezoomt hat, weil er der sexuellen Nötigung beschuldigt wird. Die Studierenden hängen an ihren Lippen. Ein paar Räume weiter hat Loftus ihr Büro. Neben der Tür hat sie eine Postkarte aufgehängt. Darauf steht: "Artige Frauen schreiben selten Geschichte."

Anfang der 1970er, nach ihrer Doktorarbeit in Psychologie, habe sie beschlossen, dass ihre Forschung bedeutsam sein soll, erzählt sie am Morgen nach dem Seminar in ihrem Haus auf dem Campus. Loftus wurde später mit Kritik aller Art überzogen, sie wurde in Fachartikeln angegriffen und in E-Mails mit dem Tod bedroht, sie wurde ausgebuht, beleidigt, verklagt und von Veranstaltungen ausgeladen, einmal schlug ihr im Flugzeug eine Sitznachbarin eine zusammengerollte Zeitung auf den Kopf, nachdem Loftus sich vorgestellt hatte – aber sie kann sich nicht erinnern, dass irgendjemand ihre Arbeit als irrelevant bezeichnet habe.#

 Damals als junge Forscherin trieb sie Geld vom Verkehrsministerium auf und überlegte sich ein Experiment. Sie zeigte Menschen ein Video eines Auffahrunfalls und fragte anschließend eine Gruppe: "Wie schnell war das Auto, als es das andere berührte?" Eine andere Gruppe fragte sie: "Wie schnell war das Auto, als es in das andere Auto einschlug?" Die zweite Gruppe nannte im Durchschnitt eine um knapp 15 Kilometer pro Stunde höhere Geschwindigkeit.
 Als sich die Menschen eine Woche später noch mal an den Unfall erinnern sollten, gaben jene, die nach dem einschlagenden Auto gefragt worden waren, häufiger an, im Unfallvideo zerbrochenes Glas gesehen zu haben. In Wahrheit hatte es kein zerbrochenes Glas gegeben.
 Alle hatten dasselbe Video gesehen. Dennoch erinnerten sich die einen an ein schnelles Auto und eine zerbrochene Scheibe. Und die anderen an ein langsames Auto und eine intakte Scheibe. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Gruppen war das Verb, das Loftus in ihrer Frage benutzt hatte. Sie probierte noch andere Verben aus: "kollidieren", "aufprallen", "anstoßen". Die Antworten unterschieden sich verlässlich um einige Kilometer pro Stunde. Es war, als würde Loftus an einem Regler drehen und damit die Erinnerung der Menschen steuern.
 Die vorherrschende Meinung war zu jener Zeit: Das menschliche Gedächtnis arbeitet wie eine Art Videorekorder, unbestechlich zeichnet es die Wirklichkeit auf und speichert sie als Erinnerung im Gehirn ab. Auch wenn man später nicht mehr auf alles Zugriff hat – jene Dinge, an die man sich erinnert, sind ein akkurates Abbild vergangener Erlebnisse. Wie ließen sich da Loftus’ Befunde erklären?
 Ihre Studie sorgte für Aufsehen. Es begann eine Phase intensiven Forschens. Bald war klar: Das menschliche Gedächtnis ist in dem, was es abspeichert, hochgradig wählerisch. Von den Tausenden Eindrücken und Informationen, die jede Sekunde unser Hirn erreichen, nehmen wir nur einen winzigen Teil bewusst wahr. Und davon verschwindet das allermeiste bald wieder. Nur ein Bruchteil bleibt hängen, nämlich alles, worauf wir aktiv unsere Aufmerksamkeit richten. Auch davon wiederum wird nur ein kleiner Teil langfristig als Erinnerung abgespeichert. Nämlich alles, was für uns neu, überraschend, von großer Bedeutung oder mit starken Gefühlen verbunden ist. Was wir am Donnerstag zu Abend gegessen haben oder welche Nummer unser Hotelzimmer im Urlaub hatte, gehört in der Regel nicht dazu.
 Das Vergessen schützt unser Gehirn vor Überlastung, indem es irrelevante Inhalte löscht – so wie man am Computer besser ab und zu offene Browserfenster aus der vergangenen Woche schließt. Was bleibt, sind die Dinge, die wichtig sind: der erste Kuss; das Tor, mit dem wir unsere Mannschaft zur Meisterschaft schossen; die Geburt des Kindes; der Streit, der zur Trennung führte; wo wir waren, als die Flugzeuge ins World Trade Center einschlugen. Daran erinnern wir uns meist für immer – und zwar sehr genau. Oder?

 Am 28. Januar 1986 explodierte die Raumfähre Challenger kurz nach dem Start. Menschen auf der ganzen Welt sahen die Bilder in den Nachrichten und waren schockiert. Der amerikanische Psychologe Ulric Neisser und seine Kollegin Nicole Harsch überlegten sich in aller Eile ein Experiment. Sie stellten ihren Studierenden am Tag nach der Explosion fünf Fragen zum Moment, in dem sie von der Tragödie erfuhren: Wie haben Sie davon erfahren? Wo waren Sie? Was haben Sie gemacht? Wer war bei Ihnen? Wie haben Sie sich gefühlt? [...]

Zweieinhalb Jahre später bekamen dieselben Studierenden dieselben Fragen noch einmal gestellt. Ein Viertel beantwortete keine einzige Frage wie beim ersten Mal. Bei der Hälfte deckten sich nur die Antworten auf eine Frage. Und als die Forscher wissen wollten, ob die Probanden diese Fragen schon einmal beantwortet hätten, sagten 75 Prozent Nein. Selbst nachdem sie ihre ursprünglichen Antworten in der eigenen Handschrift gesehen hatten, schworen sie, dass das nicht sein könne. Die Erinnerungen waren noch da, aber sie hatten sich verändert. Die Probanden hatten in der Zwischenzeit neue Berichte über die Explosion gesehen und gelesen, sie hatten Gespräche darüber geführt oder angehört oder einfach nur darüber nachgedacht. Sie hatten die ursprüngliche Erinnerung mit anderen Eindrücken überschrieben, ohne dass sie es gemerkt hatten. Der alte Stand war weg. 
In der Forschung setzte sich mehr und mehr das Modell des "rekonstruktiven Gedächtnisses" durch, eines Gedächtnisses also, das beim Erinnern keine exakte Wiedergabe eines Ereignisses abspielt, sondern eine nachträgliche Rekonstruktion. Und die ist oft umso verfälschter, je länger das Ereignis her ist. Vorangetrieben wurde diese Revolution in der Psychologie von Elizabeth Loftus, die inzwischen einen Lehrstuhl an der University of Washington in Seattle übernommen hatte. [...]" (ZEIT 29.3.2023)

Mittwoch, 18. Mai 2022

Gesellschaftliche Vergessen


Der Geschichtstalk aus dem Super7000 in Düsseldorf

Das Vergessen in der Geschichte

 Diskussion zwischen Historikern und Journalisten

Prof. Dr. Antje Flüchter (Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Marko Demantowsky (Universität Wien) PD Dr. Tobias Winnerling von der Universität Düsseldorf sowie von der Redaktion Der Spiegel Dr. Felix Bohr. Durch das Gespräch führte Georgios Chatzoudis.

 LISA.(gerda-henkel-stiftung.de)

Aus der Diskussion

intentionales Vergessen?   Damnatio Memoriae

Teilgruppengedächtnis

Bedeutung von materiellen Überresten

gesellschaftliche Relevanz

Das Vergessen verhindern als Aufgabe

sieh auch:

Archäologie der Moderne

 nicht vergessen! Memory of Mankind - Memory of Mankind (Wikipedia)

Memory of Mankind die größte Zeitkapsel der Menschheit


Mittwoch, 25. April 2018

Marc Aurel: Alles ist bald vollständig vergessen

„32. Denk einmal um der Klarheit willen an die Jahre unter Vespasian. Da wirst du folgendes sehen: Menschen, die heiraten, Kinder aufziehen, krank sind, sterben, Krieg führen, feiern, Handel treiben, den Acker bestellen, aber auch solche, die schmeicheln, sich aufspielen, argwöhnisch sind, Intrigen spinnen, einige auch, die dafür beten, sterben zu dürfen, die über die Verhältnisse jammern, lieben, Schätze anhäufen, höchste Stellungen und Königreiche haben wollen. Nicht wahr, eben jenes Leben dieser Menschen hat nirgendwo eine Spur hinterlassen. Geh nun weiter in Trajans Zeit. Wieder ist es ganz genauso. Tot ist auch jenes Leben. Schau dir ebenfalls die Etiketten anderer Epochen und ganzer Völker an und sieh, wieviele Menschen sich heftig anstrengten, nach kurzer Zeit fielen und sich wieder in ihre Grundbestandteile auflösten. Vor allem aber mußt du jene gründlich betrachten, die du selbst noch kennenlerntest, wie sie Sinnlosem nachjagten, es aber unterließen, das zu tun, was ihrem eigenen Wesen entsprach, zäh daran festzuhalten und damit zufrieden zu sein. Es ist aber notwendig, hier daran zu denken, daß auch die Sorgfalt, die man bei jeder Tätigkeit aufbringt, ihre besondere Würde und Angemessenheit hat. Denn so wirst du nicht mit Ärger aufhören, wenn du dich nicht länger, als es sich gehörte, mit weniger wertvollen Dingen beschäftigen kannst.
33. Die früher gebräuchlichen Begriffe sind jetzt veraltete Wörter. So sind also auch die Namen der früher hochberühmten Männer heute gewissermaßen veraltet: Camillus, Caeso, Volesus, Leonnatus, in Kürze aber auch Scipio und Cato, dann sogar Augustus, Hadrian und Antoninus. Denn alles ist vergänglich und wird bald zum Gegenstand der Sage. Bald aber ist es auch vollständig vergessen. Und das sage ich über die Menschen, die sich auf erstaunliche Weise vor anderen hervortaten. Denn die übrigen sind mit ihrem letzten Atemzug verschwunden, verschollen. Was ist auch überhaupt das „ewige Andenken“? Völlig nichtig. Was ist es also, worauf man Mühe verwenden sollte? Dieses eine: Ein von Gerechtigkeit bestimmtes Denken, Taten, die der Gemeinschaft nützen, Worte, die niemals lügen, und eine Einstellung, die alles, was geschieht, als notwendig willkommen heißt, als bekannt, als Wirkung einer entsprechenden Ursache und Quelle.“ (zitiert nach Albrecht von gutefrage.net)

Sonntag, 11. Februar 2018

Erinnerung

"[...] Es kommt noch hinzu, dass wir nicht das eigentliche Ereignis erinnern, sondern genau genommen den letzten Abruf. Denn immer wenn wir eine Erinnerung abrufen, wird diese erneut abgespeichert. Und das, was wir dann das nächste Mal erinnern, ist das, was wir als Letztes abgespeichert haben. Das heißt, aktuelle Informationen, auch aktuelle Gefühlslagen können sich immer auch einschleichen in unsere ursprünglichen Erinnerungen. [...]
Unser Gehirn funktioniert immer selektiv, und die zunehmende Informationsflut verstärkt dabei eine vereinfachte emotionale Verarbeitung auf Basis von Stereotypien und ganz einfachen Schwarz-Weiß- Mustern. D.h. was man bisher beobachten kann, ist, dass ein Mehr an Informationen, was ja auch durchaus zu einer differenzierteren Weltsicht führen kann, sehr häufig das Gegenteil bewirkt, wenn nämlich unsere Gehirne überfordert werden mit der Menge an Informationen, die sie in einem bestimmten Moment verarbeiten sollen. Man kann also zu Recht fragen, ob eine so hohe Informationsdichte statt zu einem differenzierteren Weltbild sehr häufig sogar ins Gegenteil führt, zu einer extrem vereinfachten Weltwahrnehmung.  [...]  "
Die Biografie in den Neuronen. Das Ich und sein Gedächtnis Von Martin Korte, SWR2 11.2.18

Donnerstag, 11. Februar 2016

Das Geschenk des Orang-Utans

Von seinen Reisen in Krisengebiete hat der Reporter Wolfgang Bauer Erinnerungsstücke mitgebracht (ZEIT magazin 5/2016)
"Ein rot-blau lackiertes Stück Holz, Teil einer Bordwand, herausgebrochen aus einem kleinen Fischerboot. Das Geschenk von Julio, einem dreijährigen Orang-Utan-Männchen. Wilderer hatten seine Mutter kurz nach seiner Geburt in den Wäldern von Borneo erschossen. Sie töten Orang-Utan-Mütter, um an ihre Jungen zu kommen, denn in Indonesien gibt es einen florierenden Handel mit Menschenaffen. Orang-Utan-Kinder werden als Haustiere geschätzt. Wenn sie älter werden, beginnen sich ihre Besitzer vor ihrer Kraft zu fürchten und bringen die Tiere oft um. Julio wurde von der wohlhabenden Besitzerin einer Zuckerbäckerei gekauft. Sie unterhielt einen Sommersitz am Strand in der Nähe der Stadt. Julio und ich saßen nebeneinander im Sand. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits bedrohlich groß geworden. Fünf Menschenaffen hatte die Zuckerbäckerin vor Julio gehabt und töten lassen, und auch Julios Tage schienen gezählt. Am Strand schaute er mich irgendwann an und gab mir dieses bunte Stück Holz. Hatte vielleicht nichts zu bedeuten, ich war trotzdem gerührt."
Seine anderen Mitbringsel leben auch von dem speziellen Kontext, von dem sie Zeugnis ablegen. Doch immer war es Bauer, der dem Erinnerungsstück die Bedeutung gab. Hier geht die Handlung vom Orang-Utan aus.

Samstag, 4. Juli 2015

Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik

Johannes Fried: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik, 2004

"Insofern sieht Hagner in Frieds Buch auch einen überzeugenden methodenkritischen Leitfaden für Historiker. Der Anspruch des Autors sei jedoch ambitionierter. Es gehe ihm um eine "neurokulturell orientierte Memorik", die einen gleichberechtigten methodischen Zugang neben Geistes-, Sozial- oder Kulturgeschichte zur Erforschung der Vergangenheit bilden soll. "Geschichte soll um Gedächtniskritik bereichert werden, die sich ihre Axiome aus den kognitiven Neurowissenschaften ausborgt, um zu zeigen, dass naive Realitätsgläubigkeit und die Annahme stabiler Gedächtnistraditionen keine guten Ratgeber für Kulturwissenschaftler sind", erklärt Hagner. " (Perlentaucher zu SZ 30.11.2004)