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Dienstag, 19. Mai 2026

Erinnerungen aus dem Einschulungsjahrgang 1944

Schulanfängerinnen 1944 erinnern sich beim Klassentreffen 2026 an die Behelfsbrücke, über die sie gerannt sind, obwohl sie eher zum Balancieren geeignet war, weil der Lehrer gesagt hatte: "Wenn Fliegeralarm ist, rennt, was ihr könnt." 

"Und wisst ihr noch, wie die Griffel im Griffelkasten geklappert haben, wenn wir gerannt sind?"


Dienstag, 14. Juni 2022

Über die Besetzung Griechenlands durch Nazideutschland im 2. Weltkrieg - Parallelen?

 "Und als die deutsche Besatzung anfing, war plötzlich nichts mehr zu essen da, die Kinder starben auf der Straße vor Hunger und gesunde Menschen haben nach Arbeit gesucht. Man kennt die Bilder von Angola und verschiedenen afrikanischen Ländern, wo Dürre und Hunger herrschen. So waren die griechischen Kinder auf der Straße, schreiend: Ich hab Hunger, ich hab Hunger.         Die Deutschen haben die Griechen angeworben, die bereit wären, in Griechenland für das deutsche Militär zu arbeiten und so sind viele, die sich dem Druck, sich beim deutschen Militär zu melden, entgehen wollten, in die Berge geflohen.         So haben wir in Griechenland drei Gruppen von Menschen:          1. diejenigen, die sich zum Widerstand gegen die Deutschen anmeldeten         2. diejenigen, die mit den Deutschen zusammen gearbeitet haben         3. diejenigen, die sich weder den einen noch den andern angeschlossen haben.         Am schlimmsten waren die dran, die unabhängig bleiben wollten, sie suchten natürlich in den Städten nach Arbeit."

(Quelle: Interview von 1992)

Samstag, 22. November 2014

Anarchie in der Nachkriegsphase

Keith Lowe schildert in "Der wilde Kontinent" Rache, Vertreibung und ethnische Säuberungen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die aus verständlichen Gründen lange nur recht eingeschränkt öffentlich angesprochen wurden.

In seinem neuen Buch spannt Keith Lowe einen weiten Bogen. Dieser reicht von den überlebenden jüdischen Lagerhäftlingen und Zwangsarbeitern über die Vertreibung der Deutschen, die Vergeltungsmaßnahmen an deutschen Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und an Kollaborateuren in den von Deutschland besetzten Ländern, weiter über die ethnischen Säuberungen in Polen, der Ukraine und auf dem Balkan bis hin zu den Bürger- und Partisanenkriegen im Zuge der gewaltsamen Unterwerfung Osteuropas durch die Sowjetunion. Abgrundtiefer, weltanschaulich und nationalistisch aufgeladener Hass und grenzenloses Racheverlangen waren der Antrieb dieser Mordlust. [...] 
Ein polnischer Partisan beschreibt die Rachespirale des Gewaltkonflikts: "Sie hatten zwei Nächte vorher sieben Männer getötet. In dieser Nacht töteten wir sechzehn von Ihnen. Eine Woche später antworteten die Ukrainer, indem sie eine ganze polnische Siedlung auslöschten, die Häuser anzündeten, alle Bewohner töteten, die nicht hatten fliehen können, und die Frauen vergewaltigten, die ihnen in die Hände fielen. Zur Vergeltung griffen wir ein noch größeres ukrainisches Dorf an, und diesmal töteten zwei oder drei Mann aus unserer Einheit auch Frauen und Kinder. Die Ukrainer rächten sich. So eskalierten die Kämpfe. Jedes Mal wurden mehr Menschen getötet, mehr Häuser angezündet, mehr Frauen vergewaltigt. Die Menschen stumpfen sehr schnell ab und töten, als hätten sie nie etwas anderes getan." (Peter Reichel: Zeit ohne Nachsicht, Die Welt, 22.11.14)

Dienstag, 25. Februar 2014

Ein Hungerexperiment

Die Schreckensnachrichten über Millionen hungernder Menschen in Europa hatten in den letzten Kriegsjahren auch die USA erreicht: Russland, die Niederlande, Griechenland - in etlichen Regionen kämpfte die Bevölkerung gegen den Hungertod. Die Regierung in Washington fragte sich, wie sich all diese unterernährten Menschen am besten wieder aufpäppeln lassen würden. Aber auch, wie sich Körper und Psyche von Hungernden verändern und welchen Einfluss dies auf Gesellschaft und Politik Europas haben könnte. Ancel Keys war der Mann, der die Antworten auf diese Fragen finden sollte.(Spiegel online: Eines Tages: Hungerexperiment)

Er fand 400 Freiwillige, von denen er 36 für das Experiment aussuchte. Es wurde eine fürchterliche Tortur, die einen von ihnen zur Selbstverstümmelung trieb und andere zwischenzeitlich um ihren Verstand brachte. (Ausführlich sieh SPON)

Der Bericht von Johanna Lutteroth schließt:
Ende Juli 1945 war es endlich so weit: Die sogenannte Rehabilitierungsphase begann. Nun wurden die Kalorien langsam wieder aufgestockt und die Ernährung normalisiert. Aber die Euphorie der Testpersonen darüber währte nur kurz. Die Rehabilitationsperiode war "für mich schlimmer als alles andere", erinnerte sich etwa Roscoe Hinkle später. [...] 
Für Europa kamen Keys Erkenntnisse allerdings zu spät. Denn es sollte noch vier Jahre dauern, bis er alle Daten ausgewertet hatte und sie 1950 in dem fast 1400 Seiten starken Buch "The Biology of Human Starvation" veröffentlichte. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Hungersnot in Europa längst überwunden. Die politische Schlussfolgerung, die der Forscher aus dem Minnesota-Hungerexperiment zog, hat aber bis heute Gültigkeit: "Hungernden kann Demokratie nicht beigebracht werden." (Spiegel online: Eines Tages: Hungerexperiment)

Weshalb hatten sie mitgemacht? Sie waren Kriegsdienstverweigerer und wollten beweisen, dass sie nicht aus Furcht vor Entbehrungen und lebensgefährlichem Einsatz nicht in den Krieg zogen.


Als Legg [der sich selbst verstümmelte] beispielsweise mit seiner verbundenen Hand im Krankenhaus lag und nach seiner Selbstverstümmelung zum ersten Mal mit Keys sprach, bettelte er den Arzt förmlich an, ihn nicht aus dem Experiment zu schmeißen. "Für den Rest meines Lebens werde ich gefragt werden, was ich im Krieg gemacht habe. Dieses Experiment ist meine Chance, eine ehrenhafte Antwort auf die Frage zu geben."  (Spiegel online: Eines Tages: Hungerexperiment)

Weshalb ist dieses Experiment nicht so bekannt geworden wie das Milgram-Experiment? - Ich könnte mir vieles denken; aber ich weiß es nicht. 

Angesichts der Hunderte von Millionen, die hungern, und angesichts der Ablehnung, die den "Wirtschaftsflüchtlingen" in der Europäischen Union entgegenschlägt, möchte ich meinen, dass eine sorgfältige Rezeption dieses Experiments es schwerer machen könnte, die Ungleichheit auf der Welt zu verdrängen.