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Freitag, 9. September 2022

Zur Rolle der Queen

 "Es gab mit der Queen noch eine Instanz, eine überwölbende Identifikationsfigur, die weit über den parteipolitischen Kämpfen stand, in einem völlig anderen Ausmaß als die ja doch immer gewählten, und damit den jeweils aktuellen Mehrheitsverhältnissen ausgesetzten repräsentativen Staatsoberhäupter anderer Länder, beispielsweise der deutsche Bundespräsident. Die Briten konnten, wenn sie in den kollektiven Spiegel sahen, darin noch die vornehme Beständigkeit von Elisabeth erkennen. Nun sehen sie da Liz Truss. Oder Keir Starmer. Parteipolitiker jedenfalls, das Personal eines krisenhaften Alltags. So ist der Tod der Queen auch der Moment, in dem die Briten sich selbst und die von ihnen geschaffenen politischen Zustände erkennen müssen. Es ist das Ende einer Selbsttäuschung. 

 Zu dieser Selbsttäuschung gehört auch das mentale Festhalten am alten Empirestatus. Als ihr Vater 1952 starb und sie Königin wurde, war Elisabeth gerade in Kenia unterwegs, einer der vielen damaligen Kolonien des britischen Weltreichs. Dieses Weltreich gibt es schon lang nicht mehr, aber weil die Königin noch die gleiche war wie zu Empirezeiten, konnte sich auch das kollektive Selbstbild der Briten nie ganz von der (für sie) glorreichen Vergangenheit lösen. Es gab an der Spitze des Staates keinen personellen Bruch mit dieser längst vergangenen Epoche, das postimperiale Britannien konnte vielleicht deshalb nie ganz in der Gegenwart ankommen, weil in ihrer höchsten Repräsentantin die Vergangenheit symbolisch noch weiterlebte. So hielt sich auch die kolonialistische Vorstellung, andere für die eigenen Probleme und Kosten in Haftung nehmen zu wollen: die Franzosen für die Migration, die EU für den wirtschaftlichen Abstieg und sowieso alles Schlechte. Die britische Politik war zuletzt geprägt von einer chronischen Verantwortungsflucht. Viele der führenden Personen erwecken den Eindruck, sie und das Land hätten eine Art historisch gewachsenen Anspruch auf Wohlergehen. Die Armut explodiert, das Gesundheitssystem ist ruiniert, aber die neue Premierministerin plant eine Umverteilungspolitik von unten nach oben, als ginge das nichts an. Der Financial Times-Kolumnist Simon Kuper klagt schon, das Land verwandele sich in ein zweites Brasilien. Die Hoffnung wäre, dass das Land nun seine Empire-Phantomschmerzen loswird und sich der Gegenwart umso engagierter stellt: Großbritannien ist nicht mehr groß, sondern ein vergleichsweise kleines Land mit vergleichsweise großen, selbstverschuldeten Problemen." (Tod von Queen Elizabeth II: Die Mitte ist leerVon  und  ZEIT 9.9.2022)

Ich stimme dieser Analyse so nicht zu, doch m.E. ist etwas Wahres daran. Und diese Teilwahrheit trifft auch EU, Europa und den "Westen"*. Schuld sind die anderen. 

Das gilt auch für Russland und China, die Pandemie ("Der Virus ist schuld!") und den Klimawandel ("Wer konnte denn ahnen, dass er sich nicht an die politischen Spielregeln hält und die Menschenwürde nicht achtet mit seiner Gleichmacherei von Menschen und Tieren!") 

Aber vor alle: Warum gibt es die anderen, die Tausende, die ertrinken und denen wir nicht die Schuld geben können! - Selbst die Briten zeigen etwas vom Allgemeinmenschlichen.

*So angenehm war an der Humanitären Intervention, dass sie Vorwärtsverteidigung des Westens am Hindukusch und überall in der Welt rechtfertigte, so lange sie ihren Zweck ("nationales Interesse") erfüllte.

Dienstag, 16. August 2022

Kulturgeschichte Europas: Commonwealth

 In Kindlers Kulturgeschichte Europas handeln der Band 16 über "Europäische Kolonialreiche im 18. Jahrhundert" (708 Seiten der Taschenbuchausgabe) und Band 17 über "Das britische Commonwealth" (837 Seiten). 

Verständlich, aber doch bemerkenswert. Eine eigene Art von Eurozentrismus.

Was einerseits fragwürdig ist, hat andererseits schon Sinn. Immerhin beschäftigt sich Nicholas Mansergh in "Das britische Commonwealth" speziell mit der Definition des Begriffs, und dieser Begriff ist nun einmal spezifisch britisch (und insofern europäisch) wie überhaupt die dauerhafte Vereinigung von Staaten in einer engen Verbindung ohne Aufgabe ihrer nationalen Eigenart nach meiner Einschätzung überhaupt ziemlich typisch europäisch ist. Die EU ist das bekannteste Beispiel dafür (die USA das prominenteste Gegenbeispiel), die meisten anderen Vereinigungen von Staaten waren entweder sehr kurzlebig oder auf Abschleifung der nationalen Eigenarten ausgerichtet.

Die Sowjetunion, die länger bestanden hat als bisher die EU, war dadurch gekennzeichnet, dass eine gewisse Russifizierung stattfand, und ging von einem europäischen Zentrum aus. 

Der Begriff  "Das britische Commonwealth" wurde schließlich durch "The Commonwealth of Nations" ersetzt (im Deutschen freilich fast durchweg nur mit Commonwealth wiedergegeben. Und Mansergh beschäftigt sich auf 75 Seiten nur mit der Entstehung des Begriffs und des Übergangs vom Empire zum Commonwealth.

Zumindest für mich sehr ungewohnt ist, dass dabei Empire stets mit "Reich" übersetzt wird, wo doch das Empire in seiner Ausprägung sich sehr von anderen Reichen wie "Römisches Reich" oder "Zarenreich", aber auch von anderen Kolonialreichen unterschieden hat, eben darin, dass es mehr Siedlerkolonien als diese enthielt und dass es sich in eine Staatengemeinschaft wie den Commonwealth überführen ließ.

https://en.wikipedia.org/wiki/Commonwealth_of_Nations

https://en.wikipedia.org/wiki/Archibald_Primrose,_5th_Earl_of_Rosebery

erste Formulierung des Commonwealthgedankens

https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Christiaan_Smuts Betonung auf die Nationen gelegt (S.53)

Rolle der Siedlungskolonien und späteren Dominions

Liste der Dominions 

Erfahrungen Indiens in der Zeit des Empire 

 Massaker von Amritsar 13.4.1919 (S.39)

"das darauf hin verhängte Kriegsrecht, die öffentlich vollstreckte Prügelstrafe und der Befehl, dass Inder an dem Ort, wo eine Missionarin tätlich beleidigt worden war, vorbeikriechen mussten." (S.39) Die "Kriechergasse (Crawling Lane) Amritsars" wurde in Indien als Symbol der Unterdrückung durch die Briten zum geflügelten Wort. (S.39/40) 

O’Dwyer , der Gouverneur des Punjab "lobte General Reginald Dyers Verhalten, das zum Massaker von Amritsar führte, und befürwortete das Massaker als „korrekte Handlung“.[1][2" (WikipediaDazu O’Dwyers Rechtfertigung: Michael O’Dwyer: India as I Know It, London, 1925..

"Während der Nationalismus sich in den späteren Entwicklungsphasen des Commonwealth als der wichtigste Faktor erwies, blieb die Commonwealth–Idee selbst im wesentlichen weiterhin liberal. Dieser Umstand erklärt sowohl die Weise als auch die Begrenzung ihres Gehalts." ("Das britische Commonwealth", S. 42)

Als J[...] Nehru während des Zweiten Weltkriegs im Gefangenenlager[...] inhaftiert war, erinnerte er sich empört an das Denkmal auf dem General Nicholson, der beim Entsatz der indischen Hauptstadt im September 1857 an der Spitze seine Leute tödlich verwundet wurde 'immer noch das alte Delhi mit gezücktem Schwert bedroht'. Nach der Unabhängigkeit wurde es folglich entfernt; nur der Sockel erinnert noch an den Standort in den Gärten jenseits des Kashmirtors. Während aber die die Commonwealth–Idee solche nationalistische Zurückweisung der symbolischen Heldenfiguren des Reiches einschloss, blieb sie – obwohl nicht ganz unbeeinflusst von Ihnen – für die extremeren Vertreter des Nationalismus unempfänglich." ("Das britische Commonwealth", S. 42/43)

Britisch Nordamerika / Kanada S.61-115
Südafrika S.116-180
Australien / Neuseeland S. 181-224
Die Kolonialkonferenzen 1887-1911 S.225-288

2. Teil: Das britische Commonwealth der Nationen S.289 ff.

Der Krieg als Katalysator S.289-337
Irland: Die Dominion-Regelung S.338-383
Nicholas Mansergh erläutert sehr genau die Positionen der verschiedenen Akteure: Lloyd George und sein überraschender Kurswechsel vom "Frühsommer 1921" (S.365) auf Verhandlungen, die Unionisten in London und Ulster und den Verfechtern einer Republik Irland, hier stattdessen eine Zusammenfassung der Wikipedia: 
"Der fehlgeschlagene Aufstand an Ostern 1916 löste einige Jahre Guerillakrieg in Irland aus. Führend darin waren Patrick Pearse (1879–1916), Michael Collins (1890–1922), Roger Casement (hingerichtet 1916) [sowie Joseph Mary Plunket, ebenfalls 1916 hingerichtet] und Éamon de Valera (1882–1975). Die Sinn Féin, obwohl selbst nur unwesentlich am Aufstand beteiligt, wurde zum Mittelpunkt der Unabhängigkeitsbewegung. Bei den Unterhauswahlen von 1918 gewann Sinn Féin 80 % der irischen Mandate und bildete aus diesen Abgeordneten den First Dáil, das erste irische Parlament seit 1801. Éamon de Valera wurde zum Präsidenten der Republik Irland gewählt und der Aufbau einer parallelen Regierungs- und Verwaltungsstruktur begann. Die britische Regierung erklärte den Dáil unverzüglich für illegal. Der folgende Irische Unabhängigkeitskrieg (1919–1921) führte 1921 zum Anglo-Irischen Vertrag, der für 26 der 32 irischen Countys die Unabhängigkeit von Großbritannien garantierte. Aus den Provinzen MunsterLeinster und Connaught sowie drei der neun Countys von Ulster wurde der Irische Freistaat (englisch Irish Free-State) gebildet. Die sechs nördlichen Countys von Ulster bildeten Nordirland und blieben Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland." (Geschichte Irlands)
Was Irland als Home Rule angeboten wurde, war weit weniger, als es die Siedlungskolonien als Dominions schon hatten. (S.358)
Von 1919 bis 1921 "kämpfte die Irish Republican Army (IRA) einen Guerillakrieg gegen die britische Armee"  Das "Ende des Unabhängigkeitskriegs bildete der Anglo-Irische Vertrag. Durch den Vertrag erhielt das südirische Gebiet den Status eines Dominion, ähnlich dem vom Kanada. Dies ging über das hinaus, was Ende des 19. Jahrhunderts Parnell angeboten worden war, und war etwas mehr, als das, was die Irish Parliamentary Party bisher auf konstitutionellem Weg erreicht hatte. Durch diesen Vertrag wurde 1922 der irische Freistaat geschaffen, doch Nordirland hatte die Möglichkeit aus dem Vertrag auszusteigen und Teil des Vereinigten Königreiches zu bleiben, was schließlich auch geschah." (Wikipedia)
"Irland wurde gezwungen, einem freien Bund beizutreten. Dieser Widerspruch, diese Belastung, die der verfassungsrechtlichen Stellung eines Dominions auferlegt wurde, als Lloyd George am 5. Dezember 1921 mit einem Ultimatum die Verhandlungen abbrach, heftete sich wie eine Klette an sie, die erst abgeschüttelt wurde, als die verfassungsrechtliche Stellung eines Dominions selbst abgelegt wurde." (Mansergh, S. 379)

Die verfassungsrechtliche Stellung der Dominien und die Zolltarifreform 1921-1936 S.384-446
Indien: Ein unbestimmtes Ziel S.447-486
Befriedung und Krieg: Die Rolle des Commonwealth S.487-533

3. Teil: Das Commonwealth S.577 ff.