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Montag, 9. August 2021

Kara Walker

  Kara Walker ist bekannt für ihre Scherenschnitte, die Szenen der Unterdrückung von Schwarzen in der Zeit der Sklavenhalter in den USA vorführen. 

Ihre Bilder sind geeignet, zu verstören. Gegenwärtig werden 600 ihrer Zeichnungen im Kunstmuseum Basel gezeigt. In einem Interview mit Die Zeit hat sie über Ihre Kunst gesprochen:

"ZEIT: Ihre Arbeiten liefern eine Fülle von Fragen: "Is race less fluid than gender?" haben Sie auf eines der Papiere getuscht.

Walker: (sie lacht) Das ist das Problem, wenn man Zeichnungen mit Wörtern macht. Ich kann diese Frage, die ich gestellt habe, selbst nicht beantworten. Wenn ich Wörter auf Zeichenpapier schreibe und mit Bildern in Serien zusammenstelle, geht es mir auch um die Leichtigkeit des Schreibstils. Und um die Frage, ob man Bilder wie Wörter lesen kann – und Wörter so fühlen kann wie Bilder. Kann ein Text als Zeichnung in die Betrachterinnen und Betrachter eindringen und sich dort an einem ungemütlichen Fleck einnisten?

Freitag, 25. Juni 2021

Funde von anonymen Gräbern in Kanada

Erneut Hunderte anonyme Gräber in Kanada entdeckt Spiegel online 24.6.2021

In Kanada sind auf einem Gelände in der Nähe eines früheren katholischen Internats für Kinder von Ureinwohnern erneut Hunderte anonyme Gräber entdeckt worden. So viele nicht gekennzeichnete Gräber seien bislang noch nie gefunden worden, erklärten die indigene Gemeinschaft Cowessess und die Föderation souveräner indigener Nationen (FSIN) am Mittwoch.[...] 

In Kanada waren ab 1874 rund 150.000 Kinder von Ureinwohnern und gemischten Paaren von ihren Familien und ihrer Kultur getrennt und in kirchliche Heime gesteckt worden, um sie so zur Anpassung an die weiße Mehrheitsgesellschaft zu zwingen. Viele von ihnen wurden in den Heimen misshandelt oder sexuell missbraucht. Nach bisherigen Angaben starben mindestens 3200 dieser Kinder, die meisten an Tuberkulose. [...]"

Geschärftes Bewusstsein für heutigen Rassismus führt dazu, dass auch Rassismus aus früheren Zeiten mehr Aufmerksamkeit findet. Aus dem damaligen Dominion Australien ist seit langem bekannt: "Zehn bis dreißig Prozent aller Aborigines-Kinder waren betroffen." (Wikipedia) von der Zwangsentfernung aus ihren Familien, um sie ihrer Ursprungskultur zu entfremden. Entsprechendes geschah - in kleinerem Umfang - schon Jahrzehnte zuvor im Dominion Kanada. 

Darauf habe ich - gestützt auf die NYT - bereits 2015 hingewiesen. (Damals habe ich nicht mit auf  den weit umfassenderen Vorgang in Australien aufmerksam gemacht.)


"Ich weiß, was sie erlitten, bevor man sie vergrub" Von 

DIE ZEIT 30. Juni 2021

"Chief Dominique Rankin wurde 1955 in eine Missionsschule gezwungen. Nach dem Fund der toten indigenen Kinder in Kanada holen ihn die Erinnerungen ein.
Eigentlich dachte er, die Vergangenheit liege hinter ihm. Vor wenigen Monaten, bevor die Nachrichten über die Leichenfunde kamen, erschien seine Biografie auf Englisch. Chief Dominique Rankin, Häuptling und Sohn eines Häuptlings, erzählt in dem Buch "They Called Us Savages" ("Sie nannten uns Wilde"), wie er eine Missionsschule in Quebec überlebte. Solche Schulen zur Umerziehung der Indigenen gab es in ganz Kanada. Als vergangene Woche 751 anonyme Gräber auf dem Gelände einer ehemaligen "Residential School" in Saskatchewan entdeckt wurden, bat die ZEIT Chief Rankin um ein Gespräch. Die Zusage kam prompt. Doch um zu verstehen, was damals geschah, muss man zunächst in das Jahr 1955 zurückgehen, von dem auch im Buch erzählt wird.

Es war ein gewöhnlicher Sommermorgen, als plötzlich die beiden Beamten bei uns zu Hause erschienen. Ich war acht Jahre alt, und manche Erinnerungen an diesen Schmerzenstag sind verblasst, doch deutlich sehe ich noch den Offizier der Royal Canadian Mounted Police und den Mann von der Behörde für Indianische Angelegenheiten vor mir. Sonst kamen sie wegen der Erwachsenen, aber diesmal verkündeten sie unseren Eltern: "Mr. und Mrs. Rankin, wir haben Befehl, sechs Ihrer Kinder in das neue Schulheim Saint-Marc-de-Figuery zu bringen. Wenn Sie sich weigern, verstoßen Sie gegen das Gesetz." Unsere Tränen halfen nichts. Meinen machtlosen Eltern wurde damals das Kostbarste geraubt, was sie noch besaßen: ihre Kinder. Und schon sitzen wir im Bus, zusammengepfercht, unterwegs ins Unbekannte. [...]"

Freitag, 16. April 2021

Joachim Gauck: Menschenrechte

Joachim Gauck: "Menschen, die die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte lieben, fragen nicht danach, ob jemand schwarz ist oder weiß" ZEIT 31.3.21

Der Kampf gegen Rassismus ist eine demokratische Pflicht. Aber nicht Herkunft oder Identität entscheiden dabei, sondern Haltung – und die ist unabhängig von der Hautfarbe.

Weißsein privilegiert also. Ganz automatisch – per Schicksal. Ein Zeitgeist, aus angloamerikanischen Gefilden stammend, will es so. Über die Entstehung und das Anwachsen dieses von Amerika ausgehenden Narrativs ist viel geschrieben und gestritten worden. Inzwischen hat sich die Kritik an dem dominanten weißen Blick sogar bis in die vorkoloniale Zeit ausgedehnt, das Bild der Antike soll revidiert werden. Zuvor schon standen die Philosophen der Aufklärung auf dem Prüfstand. Ich bin Bürger eines Landes, in dessen Geschichte Nationalismus, Rassismus und auch Kolonialismus tiefe Spuren hinterlassen haben. Trotzdem lässt das pauschale Urteil, Weißsein privilegiere, bei mir Zweifel an seiner historischen Berechtigung aufkommen und ruft spontan einen aus tieferen Schichten stammenden emotionalen Protest hervor. 
Beginnen wir mit der Sprache. Spielt sie doch eine nicht unwesentliche Rolle bei den augenblicklichen Diskussionen um weiße Dominanz. Im allgemeinen Sprachgebrauch meinen Privilegien Vorrechte – wie etwa die eigene Gerichtsbarkeit und das eigene Erbrecht, und zwar für den Adel im Feudalstaat. Privilegien sind danach Sonderrechte für eine Minderheit; sobald Rechte wie etwa das Wahlrecht allen zuerkannt werden, werden sie vom Privileg zum Allgemeingut, zur Norm. Nach diesem Verständnis verfügen Weiße in unserer Demokratie über keinerlei Sonderrechte, die ihnen der Gerechtigkeit halber entzogen werden sollten. Vielmehr geht es darum, die faktischen Ungleichheiten aufzuheben, die Nichtweiße trifft, obwohl sie, von der Verfassung gestützt, dieselben Rechte haben. [...]

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Weshalb Trump auch von Leuten gewählt wird, die seinen Lügen nicht glauben

 Die USA verlieren ihre Vormachtstellung in der Welt, die Weißen ihre Mehrheit in der Bevölkerung. Das macht Angst. 

Angst mag kein guter Ratgeber sein. Aber man hört auf sie.

Auch Wähler der Demokraten finden einen Hund sympathischer, wenn sie wissen, dass er einem Weißen gehört und nicht Obama.

https://www.zeit.de/2020/42/rassismus-usa-us-wahl-donald-trump-ezra-klein

Donnerstag, 30. Juli 2020

Ist künstliche Intelligenz automatisch rassistisch?

Oder woran liegt es, dass Automaten Fotos von Schwarzen unverhältnismäßig oft für fehlerhaft halten?

https://www.zeit.de/2020/32/kuenstliche-intelligenz-diskriminierung-hautfarbe-gesichtserkennung/komplettansicht

"Erst langsam wird das Ausmaß dieser Verzerrung deutlich, wie 2019 das amerikanische Institut für Standards und Technologie gezeigt hat, die weltweit wichtigste Behörde für die Bewertung von Gesichtserkennungsalgorithmen. Laut einer Studie machen die Systeme der automatischen Gesichtserkennung bei schwarzen Männern bis zu 100-mal häufiger Fehler als bei Europäern, und bei Frauen in allen Tests mehr Fehler als bei Männern. Als schwarze Frau gehört Audrey K. gleich zu den zwei großen Fehlergruppen – so wie Joy Buolamwini, die Wissenschaftlerin am MIT."

Sieh auch:

Montag, 6. Juli 2020

Rassismus in Deutschland wird noch immer mit einem "sehr weißen Blick" betrachtet

https://www.fr.de/politik/deutschland-usa-rassismus-black-lives-matter-schwarze-juden-antisemitismus-13822506.html

"[...] Rassismus: Aus Solidarität muss breite Einmischung werden 
Womit der Begriff der White Supremacy ins Spiel kommt als einer Ideologie, mit der die eine Gruppe sich über die andere(n) erhebt. Wie steht es um so verstandenen „Weißen Rassismus“ bei uns? Bricht da nicht gerade etwas zum Besseren auf? Ajnwojner bleibt skeptisch. Sie sieht selbst in der aktuellen deutschen Debatte einen „sehr weißen Blick“, vor allem, wenn es um Alltagserfahrungen von Rassismus geht: „Die Fäden haben nicht die Betroffenen in der Hand.“ Erreicht sei erst etwas, wenn aus der gegenwärtigen vielstimmigen Bekundung von Solidarität auch breite, auf strukturelle Veränderungen zielende Einmischung wird.
Andererseits: Die Betroffenen treiben den Wandel selbst voran. Postmigrantische Selbstorganisationen, PoC und Schwarze Deutsche, Institutionen wie das jüdische Förderungswerk ELES und andere prägen die aktuellen Debatten und Proteste wesentlich mit und vernetzen sich zunehmend, auch wenn das nicht ohne schwierige Aushandlungsprozesse und Konflikte geht. Vor allem aber drängt ihre Klientel immer mehr in die Institutionen. Zwar sind es bei weitem noch nicht genug, aber sie werden dort bleiben und Wirkung entfalten, wenn die Solidaritätswellen abgeebbt sind."
 (Von Ursula Rüssmann)


Montag, 24. Februar 2020

Wer kann bestimmen, was Rassismus ist?

Der folgende ZEIT-Artikel vertritt eine höchst ehrenwerte Position, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man meiner Argumentation nicht kritiklos auf den Leim gehen möchte. Ich wiederhole aber nicht die gesamte Argumentation, die man nachlesen kann, sondern zitiere hier nur den Schluss, den ich für problematisch halte:
"Selbst der rassistischste AfD-Wähler wird nie die Drohung erfahren, aus diesem Land ausgeschlossen zu werden. Immer werden Politiker der sogenannten Mitte sagen, man muss auch seine Sorgen anhören. Diese Sicherheit des Dazugehörens fehlt Deutschen nichtweißer Hautfarbe. Und wenn wir uns mit unseren Werten ernstnehmen, wenn wir also wollen, dass die Schönheit des ersten Satzes unserer Verfassung zugleich auch eine Wahrheit ist, dann schulden wir es ihnen, diese Sicherheit zu schaffen. Jetzt. Bedingungslos. Für immer." (Rassismus: Bedingungsloses Zuhören)

Meine Behauptung: Wer von Rassismus betroffen ist, merkt es.
Andere können das nicht unmittelbar nachvollziehen, denn menschliche Wahrheit* ist immer subjektiv.*
Wie komme ich darauf?
Ernst Tugendhat hat einmal gesagt: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen."
Das hielt ich für eine sehr berechtigte Aussage, bis mir auffiel, dass nach dem Holocaust manches, was ich, ein Deutscher, für wahr halte, für einen Holocaustüberlebenden nicht nur grundfalsch sein, sondern eine schwere Verletzung bedeuten kann.
Wahrheit ist also so subjektiv, dass meine Wahrheit zwar sinnvoll in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden kann, nicht aber einem Holocaustüberlebenden ins Gesicht gesagt werden kann, ohne ihn tief zu verletzen.

Was hat das mit der Begriffsbestimmung von Rassismus zu tun?
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Wenn Personen von Antisemitismus betroffen sind, ist das für sie eine schwere Verletzung. Dass sie von Antisemitismus betroffen sind, ist ihre Wahrheit.
Wenn die Regierung Israels als Betroffene bestimmen könnte, was Antisemitismus ist, könnte sie jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus bezeichnen und damit die innerisraelische Opposition zu Antisemiten erklären.
Das ist nahe an dem, was gegenwärtig in der Türkei geschieht, wo (weitestgehend) vorurteilsfreie Berichterstattung als Spionage deklariert und als solche bestraft werden kann.

Zu Recht wird der Begriff Rasse als obsolet bezeichnet. Wenn jemand wegen seiner äußerlichen Merkmale abgewertet wird, indem man ihn einer angeblich minderwertigen "Rasse" zuordnet, verdient er daher unsere Solidarität.
Wenn Bangel aber behauptet, nur die Angegriffenen verstünden, was Rassismus ist, begeht er meiner Meinung nach einen Fehler. Er hat Recht damit, dass nur der Angegriffene beurteilen kann, wie verletzend Rassismus ist.
Denn nur in Ausnahmefällen (z.B., wenn man einen Menschen sehr liebt) wird man Verletzungen, die einem anderen zugefügt werden, genauso stark - oder gar stärker - empfinden als die, die einem selbst zugefügt werden. [Folterer versuchen, weil es diese Fälle gibt, gelegentlich, wenn sie die Gefolterten nicht brechen können, ob es ihnen über die Folter ihrer Angehörigen gelingt ihr/ihm ihren Willen aufzuzwingen.]
Hans Magnus Enzensberger hat dazu einmal dem Sinne nach gesagt: Jedem steht der eigene Zahnschmerz mehr weh als das Leid der vielen Millionen auf der Welt.

Deshalb haben die Angegriffenen aber noch nicht das Recht, für die Gesellschaft zu definieren, was Rassismus sei. Dass muss m.E. im gesamtgesellschaftlichen Diskurs geschehen.
Wenn z.B. Menschen in Deutschland Chinesen ausweichen und auf die andere Straßenseite wechseln, weil sie fürchten, von ihnen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, dann ist das in den meisten Fällen eine übertriebene Angstreaktion.* Weil es von den Chinesen aber als Rassismus empfunden werden kann, ist es ein angemessener Ausdruck von Solidarität, auf sie zuzugehen und sie besonders freundlich zu grüßen. (Bei Twitter habe ich einen solchen vorbildlichen solidarischen Akt dokumentiert gesehen.)
Aber wer seine übertriebene Angst nicht überwinden kann, ist deshalb noch kein Rassist, auch wenn sein Verhalten von Menschen, die öfter Rassismus erfahren haben, nahe liegender Weise so gedeutet werden wird.

Die völlig inakzeptablen Beleidigungen von Renate Künast könnten (zumindest theoretisch) subjektive Wahrheiten der Beleidiger sein.
Die Unterscheidung zwischen "Wahrheit" und "Beleidigung" kann aber nicht allein beim Beleidigten und schon gar nicht bei dem, dessen Äußerung als beleidigend empfunden wurde, liegen. Sie muss innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Rahmens intersubjektiv geschehen. Entsprechendes gilt für rassistische Äußerungen und nicht-rassistische.

Im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes haben Richter einen Ermessensspielraum, im Rahmen der Gesetze darüber zu entscheiden, was so rassistisch ist, dass es diskriminierend oder gar beleidigend ist. (Andererseits kann solch ein Urteil angefochten werden und öffentliche Urteilsschelte geübt werden. Was zum Glück relativ häufig geschieht.) Ihre Empathie wird immer eine menschlich beschränkte sein. Deshalb kann Rechtsprechung immer nur Annäherung an Gerechtigkeit sein. Für die Fälle, wo sie zu weit davon entfernt ist, gibt es die genannten Korrekturmöglichkeiten, so unvollkommen sie bleiben.

Um auf den Schluss des oben angeführten Artikels aus der ZEIT einzugehen:
Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist keine Wahrheit, sondern ein Postulat, das aufgestellt worden ist, weil sie im NS-Staat millionenfach in unerträglicher Weise missachtet worden ist.  Der Auftrag des Grundgesetzes ist: "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Bedingungslose Sicherheit der Menschenwürde zu garantieren geht über die Möglichkeit jeder empirisch feststellbaren Staatsgewalt hinaus. "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die ist meine Ansicht. Doch wichtiger ist Karl Jaspers Ermahnung:

"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

* Für westliche Ohren mag das befremdlich klingen, nicht aber für asiatische Philosophie.

*  Vgl. D. Bonhoeffer: Was heißt die Wahrheit sagen?

* Mit Angst nichts zu tun hat folgender Vorgang, den ein Spanier aus der S-Bahn berichtet: Bin leicht erkältet, muss niesen. Typ neben mir steht auf, setzt sich weg, funkelt mich böse an und zischt: "Dreckiger Scheiß-Italiener! Dich haben Sie wohl vergessen, wegzusperren?"
Wenn man so etwas nie selbst erlebt hat, fällt Einfühlung natürlich sehr viel schwerer, als wenn man es aus eigener Erfahrung kennt.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Infodemie und Wirklichkeitsverlust

#infodemie und #ichbinkeinvirus : #Angst ist zwar kein #Rassismus und Menschen sind kein Virus, aber das Auseinanderhalten ist für viele nicht einfach. Deshalb #Klimaschutz , bevor vor Angst eine #Panik ausbricht.
Wirklichkeit zu verleugnen mag auf den einzelnen beruhigend wirken. Gesellschaften führt es mittelfristig in den Abgrund.
Über 40 Jahre - bezahlte - Verleugnung des menschengemachten Klimawandels und Panik bei minimalem Risiko, das zerstört die menschliche Solidarität, die wir so dringend brauchen wie vielleicht noch nie zuvor.

Ein wichtiger Grund für den Wirklichkeitsverlust ist, dass Regierungen und Medien immer häufiger Ersatzaufregungen präsentieren, um von den Problemen, die nicht zu bewältigen scheinen, abzulenken.
Eine gewisse Rechtfertigung dafür liegt in der Globalisierung, die von "der" Wirtschaft vorangetrieben wird und von "der" Politik nicht mehr kontrolliert wird (werden kann?).
Die Folge ist der Realitätsschock, der von Sascha Lobe eindrucksvoll beschrieben worden ist und der sachangemessenes Handeln weiter erschwert.

Zu den Entwicklungen im Internet
Zu Sascha Lobo auf diesen Blog

Dazu ein Eintrag vom 22.12.2014 zu Pegida:
"Pegida" hat vollkommen recht: Die Regierung hat das Volk belogen.
So schreibt Anetta Kahane  völlig zu recht in der FR vom 22.12.14 und fährt fort: "Seit JAHRZEHNTEN KAM JEDE REGIERUNG MIT DER LÜGE, dass sich die Gesellschaft weder verändern werde noch müsse. [...] Die Regierungen sagten stets, Deutschland sei kein Einwanderungsland."
Warum sagten sie das? Weil in Deutschland Veränderung "nicht Hoffnung, sondern Angst" macht.

So weit treffend beobachtet und erfreulich überzeugend argumentierend geht es weiter. 
Nur der letzte Gedanke ist unvollständig und deshalb falsch.
Veränderung macht nicht nur in Deutschland "nicht Hoffnung, sondern Angst", sondern überall. Jedenfalls bei den Menschen die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Veränderung macht aber auch Hoffnung. Den Gedanken verfolgt Kahane leider nicht weiter.
Hoffnung macht sie, wenn sie verspricht,dass der Grund für die Negativerfahrungen wegfallen wird. 
Jetzt kann man mit der Erzählung vom Rattenfänger kommen, man braucht es aber nicht.


Zum Corona-Virus FAZ 5.2.20
Zum Entdecker des Coronavirus SZ 6.2.20 (Er forderte eine Veränderung.)

Dienstag, 30. April 2019

Osterhammel:Sklavenemanzipation und "Weiße Vorherrschaft"

Die postemanzipatorische Rassengesellschaft im Süden der USA

In keinem anderen Land war die Abschaffung der Sklaverei von einer solch dramatischen Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten begleitet wie in den USA. Schon während des Bürgerkrieges hatten Hunderttausende von Afroamerikanern ihr Schicksal in die eigene Hand genommen, hatten als free blacks aus dem Norden oder entflohene Sklaven aus dem Süden auf Unionsseite gekämpft oder einen anderen Beitrag zur Kriegsführung des Nordens geleistet, hatten sich im Süden herrenlosen Landes bemächtigt. [...]
Wem bisher der Herr das freie Wort verboten hatte, der konnte sich nun unverstellt und öffentlich äußern. [...] selbst auf der Geschworenenbank sitzen, bei Wahlen ihre Stimme abgeben und sich sogar für Ämter zur Wahl stellen.
Ausgerechnet dieser große Aufbruch kippte in das Gegenteil einer scharfen Rassendiskriminierung um. Ende der 1870er Jahre waren die Errungenschaften der Emanzipationszeit weitgehend zunichte gemacht. In den 1880er Jahren verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Rassen in den früheren Sklavenstaaten des Südens in dramatischer Weise. Nach 1890 waren die Afroamerikaner zwar nicht neuerlich versklavt, aber einer extrem diskriminierenden und einschränkenden Rassenordnung unterworfen, die von weißem Terror und Lynchjustiz begleitet war. Von der Ausübung staatsbürgerlicher Rechte konnte keine Rede mehr sein. Nur drei Mal hat es solche scharfen Rassenordnungen jenseits der Sklaverei gegeben: im Süden der USA zwischen den 1890er und 1920er Jahren, in Südafrika nach 1948 und in Deutschland nach 1933 sowie während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten Europa. Lässt man den Fall Deutschlands beiseite, so bleiben als Kandidaten für einen ungefähren Vergleich die USA und Südafrika, denn die Anfänge der südafrikanischen Apartheid reichen weit ins 19.Jahrhundert zurück. [...]
Die Unterschiede zu Südafrika sind so groß, dass sich ein umfassender Vergleich verbietet; punktuell finden sich jedoch aufschlussreiche Querbezüge. Die Entwicklungen in den beiden Ländern, zwischen denen wenige prägende Transfers stattfanden, verliefen nicht synchron. Die Sklavenbefreiung in Südafrika erfolgte fast drei Jahrzehnte vor derjenigen in den Südstaaten der USA. Um 1914 waren da wie dort die Ideologien und Instrumente rassischer Hierarchisierung und Ausgrenzung vorhanden. Südafrika ging dann seit den 1920er Jahren noch einen Schritt über den Süden der USA hinaus, denn Apartheid wurde hier zu einem Grundprinzip nationaler Gesetzgebung. [...]
In dem - neben den Südstaaten - anderen großen Fall von Massensklaverei im 19. Jahrhundert ist die Herausbildung von weißer Vorherrschaft ausgeblieben. Dafür, dass sich in Brasilien die Sklaverei viel länger hielt als überall sonst im kontinentalen Lateinamerika, gibt es mehrere Gründe. Nicht der unwichtigste war, dass die Brasilianer keinen Unabhängigkeitskrieg gegen ihre Kolonialmacht geführt hatten, daher auch, anders als in den Kämpfen ihrer Nachbarn gegen die Spanier, keine schwarzen Soldaten rekrutiert wurden. [...] Warum aber entstand in Brasilien nach 1888 keine formalisierte Rassenordnung? Nach dem Ende der Sklaverei, das mit einem friedlichen Übergang von der Monarchie zur Republik zusammenfiel, begann eine lange Debatte über die nationale und rassische Identität des Landes und seine Chancen der Modernisierung. [...] In den Modernisierungsvorstellungen von Teilen der weißen Elite fanden daher freigelassene Sklaven schon früher einen Platz. Noch wichtiger aber war die Strategie, die Sklaven in den dynamischen Sektoren der Wirtschaft durch neu angeworbene Emigranten aus Europa zu ersetzen. Diese Emigranten und die Ex-Sklaven, die nun in großer Zahl ökonomisch marginalisiert wurden, begegneten sich nicht auf denselben Arbeitsmärkten. Damit entfiel eine Konkurrenzsituation, wie sie überall in der Welt zu einem typischen Nährboden für Rassismus wurde. In Brasilien war die Rassenfrage nie zu einem Streitpunkt territorialer Politik geworden. Keine sezessionsbereiten Sondergebiete definierten sich wie der US-Süden durch rassische Identitäten. Im Gegenteil gab sich die Elite Mühe, einen inklusiven Nationalismus und den Mythos einer besonderen Menschenfreundlichkeit der früheren Sklaverei zu propagieren. [...] die Behörden verstanden sich nicht als Garanten von Rassenschranken. Allein die Schwäche des Staates führte dazu, dass viel rassistische Gewalt ungestraft geschah. Sie war aber nicht unmittelbarer Ausfluss staatlicher Ordnung. (S.1209-1213)

3. Fremdenabwehr und "Rassenkampf"
Um 1900 war das Wort «Rasse» in vielen Sprachen rund um den Globus gebräuchlich. Das weltweite Meinungsklima war von Rassismus durchtränkt. Zumindest im globalen «Westen», der sich im Zeitalter des Imperialismus auf allen Kontinenten fand, bezweifelten wenige die Vorstellung, die Menschheit sei in Rassen unterteilt, diese Rassen besäßen, biologisch bedingt, unterschiedliche Fähigkeiten und als Folge dessen auch ein unterschiedliches Recht, ihre Existenz autonom zu gestalten. [...] Um 1930 war Rassismus weltweit bereits eine Spur weniger akzeptabel geworden, als er es wenige Jahrzehnte zuvor gewesen war. Im «weißen» Westen hatten es selbst wohlhabende und bürgerlich auftretende Afroamerikaner immer noch schwer, ein Hotelzimmer zu finden. Aber «Rasse» wurde zumindest als wissenschaftliches Konzept weniger unkritisch hingenommen. Japans Versuch, auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 eine Klausel gegen rassische Diskriminierung in die Satzung des neu gegründeten Völkerbundes aufnehmen zu lassen, war vor allem am Widerstand der britischen Dominions und der USA gescheitert, doch zeigte diese Initiative immerhin, für wie anfechtbar rassistische Diskurse und Praktiken mittlerweile gehalten wurden. [...] Um 2000 war Rassismus weltweit diskreditiert, seine Propagierung in vielen Ländern unter Strafe gestellt, jeglicher Anspruch auf Wissenschaftlichkeit lächerlich gemacht. Aufstieg und Fall von Rassismus als geschichtsprägender Macht füllen den, weltgeschichtlich gesehen, kurzen Zeitraum zwischen etwa 1860 und 1945. Dieser makabre Zyklus verklammert das 19. mit dem 20. Jahrhundert. [...]

Rassetheorien, prä- und postrevolutionär
Der große Komplex von Rassedenken und rassistisch motiviertem Handeln müsste nun in einem zweiten Schritt geduldig auseinandergelegt werden. Dies kann hier nicht geschehen. Es wären unterschiedliche Spielarten von Rassismus zu unterscheiden, nach den verwendeten Methoden etwa

(1) einen repressiven, Unterklassen erzeugenden;
(2) einen segregierenden, «Ghettos» bildenden;
(3) einen exkludierenden, Nationalstaaten an ihren Grenzen abschottenden;
(4) einen exterminatorischen, den «rassischen Feind» auslöschenden Rassismus. Unterschiedlich waren die Arten und Weisen, mit «Rasse» argumentativ und narrativ umzugehen. Das Bild wäre zudem durch eine ganze Reihe transnationaler Verbindungen zu ergänzen. Ebenso wie in den Jahrzehnten um 1900 «Rasse» die unter Intellektuellen im Westen beliebteste Kategorie war, um die Beziehungen der Staaten und Völker untereinander zu Makro-Bildern zu ordnen, so reagierten nationale und partikulare Rassismen aufeinander und so schlossen sich vor allem solche Rassedenker, die an die «Züchtbarkeit- der Menschen glaubten, zu grenzüberschreitenden Gruppierungen zusammen. [...]" (S.1214-1217)

"Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kam unter europäischen Intellektuellen das Klassifizieren und Vergleichen als wissenschaftliches Verfahren in Mode. Vorschläge wurden gemacht, die Menschheit in Typen einzuteilen. Die vergleichende Anatomie und die Phrenologie, d.h. die Vermessung von Schädeln zwecks Rückschlüssen auf die Intelligenzleistung ihrer Besitzer, gab diesen Bemühungen einen wissenschaftlichen Anstrich nach den Maßstäben der Zeit. Einige Autoren gingen so weit, in bewusster Abkehr von der christlichen Schöpfungslehre die separate Erschaffung der verschiedenen Rassen (Polygenesis) zu postulieren und damit auch die vom Abolitionismus betonte Grundsympathie zwischen Weißen und Schwarzen in Zweifel zu ziehen. [...] Die Klassifikation von Rassen führte zu einer niemals aufgelösten Konfusion, zumal das angloamerikanische Wort  race auch zur Bezeichnung von Nationen benutzt wurde: "the Spanish race" usw. Im Jahre 1888 variierten allein in der US-amerikanischen Literatur die Zahl der unterschiedlichen races zwischen 2 und 63.[...] Die Naturwissenschaftler hatten das Thema niemals aufgegeben, auch wenn einer der Größten unter ihnen, Alexander von Humboldt, ein kompromissloser Gegner allen Rassedenkens blieb." (S.1218 u. 1220)

"Fast ganz Europa (allerdings nicht Finnland) ließ sich von einer Theorie der eigenen «indogermanischen» oder «arischen» Ursprünge faszinieren, die anfangs mehr mit einer gemeinsamen Wurzel seiner Sprachen als mit biologischen Banden zu tun hatte und deren Erfolg in einer verführerisch einfachen Gegenüberstellung von «arisch» und «semitisch" begründet lag. Diese antinomische Denkfigur, durch Wissenschaft geadelt, wurde später im Jahrhundert von Antisemiten aufgegriffen, die damit die nicht-arischen» Juden aus der europäischen Kulturgemeinschaft ausschließen konnten. Der Ariermythos weckte aber auch Widerspruch. So war man in Großbritannien keineswegs von der Aussicht begeistert, mit den Indern verwandt zu sein, zumal nicht nach dem Großen Aufstand von 1857, in dessen Folge man Indien lieber als so «anders» wie möglich sah." (S.1221)

Dominanter Rassismus und seine Gegner

"Für die Zeit seit den 1850er Jahren kann man von einem dominanten Rassismus sprechen. Er war über die westliche Welt einschließlich ihrer Kolonien sehr ungleichmäßig verteilt, fehlte aber nirgends und war eines der einflussreichsten Weltbildmuster der Epoche. [...] Auf «niedere Rassen» mit bestenfalls wohlmeinender Herablassung hinunterzublicken wurde zur Selbstverständlichkeit. Extreme rassistische Äußerungen, wie sie um 1820 undenkbar gewesen waren und um 1960 Skandale verursacht hätten, konnten ungestraft öffentlich getan werden. Die Produktion rassebasierter Weltanschauungen erreichte einen Höhepunkt bei Richard Wagners Schwiegersohn, dem britischen Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, dessen Werk Die Grundlagen des 19.Jahrhunderts (1899), das bald nach seinem Erscheinen in ganz Europa gelesen wurde, einen großen Einfluss auf die nationalsozialistische Rassenideologie gewinnen sollte." (S.1221/22)
"Es gab durchaus Beispiele, dass sich einzelne diesem, wie David Brion Davis sagt, «official racism in Western culture» entzogen. In einer dramatischen Intervention aus Anlass des jamaikanischen Morant-BaySkandals von 1865 stellte sich John Stuart Mill der rassistischen Polemik seines Schriftstellerkollegen Thomas Carlyle entgegen. [...]
Und die Soziologie als neu entstehende Wissenschaft stand mit ihren Gründern Emile Durkheim, Max Weber, Georg Simmel und Vilfredo Pareto von Anfang an in Opposition gegen den Zeitgeist, indem sie keine biologischen und genetischen Faktoren in ihren Erklärungen akzeptierte." (S.1222)

Staat, Fremdenpolitik und Rassismus

Ein weiteres Merkmal des dominanten Rassismus seit den 1860er Jahren war seine Verstaatlichung. Ältere Rassismen hatten den Charakter persönlicher Haltungen gehabt. Der dominante Rassismus seit den 1860er Jahren hingegen besaß die immanente Tendenz, sich als Rassenordnung verwirklichen zu wollen. [...]
Neu war im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts, dass Regierungen von Nationalstaaten und, in schwächerer Form, Imperien ihre Aufgabe darin sahen, für die kulturelle Homogenität und ethnische «Reinheit» innerhalb ihrer Grenzen zu sorgen. Dies geschah in unterschiedlichen Formen und mit unterschiedlicher Intensität. Die Freizügigkeit über Staatsgrenzen hinaus war in Europa während der ersten beiden Drittel des 19.Jahrhunderts hinaus für Angehörige der unteren Schichten deutlich gestiegen. Viel Passzwang verschwand. Gegen Ende des Jahrhunderts kehrte sich dieser Trend um. Pässe und Passkontrollen wurden eingeführt, Papierwände unterschiedlicher Höhe um die Nationalstaaten errichtet. Großbritannien blieb eine liberale Ausnahme. Die Bürger des Vereinigten Königreichs hatten vor dem Weltkrieg keine Personalausweise. Sie konnten ihr Land ohne Pass oder behördliche Genehmigung verlassen und ihr Geld unbehindert in fremde Währungen umtauschen. Umgekehrt wurden Ausländer nicht daran gehindert einzureisen und konnten ihr Leben auf der Insel verbringen, ohne sich bei der Polizei zu melden. [...]
 Die innere Konsolidierung von Nationalstaaten erforderte, dass die Frage der Zugehörigkeit zum nationalen «Staatsvolk» energischer gestellt werden musste. Die Wiedereinführung von Schutzzöllen auf dem Kontinent in den späten 1870er Jahren zeigte, wie Regierungen auf einem anderen Gebiet Ströme über ihre Staatsgrenzen hinweg zu regulieren vermochten. Bei Menschen stellte sich die Frage, wer als «unerwünscht» ausgeschlossen und wer auf welchem Platz in einer Skala der Einbürgerungswürdigkeit platziert werden sollte. " (S.1223/24)

Weder in Frankreich noch in Deutschland entstanden vor 1914 Rassestaaten.
"Nicht in Europa, sondern in den Abwehrrassismus demokratischen Einwanderergesellschaften Nordamerikas und Ozeaniens wurde ein Abwehrrassismus politisch mehrheitsfähig. Er richtete sich vornehmlich gegen Asiaten." (S.1224)
"Vor allem in Kalifornien kam es zu pogromartigen Übergriffen mit Toten und Verletzten. 1882 setzten sich die Anhänger eines Immigrationsverbots auf Bundesebene schließlich durch. Der Kongress beschloss einen Chinese Exclusion Act, der die Einwanderung von Chinesen für zunächst zehn Jahre so gut wie unterband. (S.1225)
Vergleichbare Entwicklungen vollzogen sich in Australien und auf dem amerikanischen Kontinent sowie in Südafrika..
"Die offizielle Unterstützung einer White Australia-Politik war aber noch größer als vergleichbare Tendenzen in den USA. Ungefähr ein volles Jahrhundert lang, von den 1860er bis zu den 1960er Jahren, verfolgten die australischen Kolonien und später die Föderation eine Politik der Verhinderung einer Masseneinwanderung von Nicht-Weißen. [...] ab 1901 wurde die Zuwanderung extrem erschwert. 1910 ging Kanada zu einer White Canada-Politik über. Paraguay hatte schon 1903 ein scharfes Einwanderungsgesetz erlassen und die Kolonie Natal in Südafrika 1897 den Zuzug von Indern zu unterbinden versucht, in diesem Fall zugunsten der afrikanischen Bevölkerung." (S.1225)
"Damals wurde zum ersten Mal ein Widerspruch im US-amerikanischen Selbstbewusstsein deutlich, der heute noch erkennbar ist: Die Vereinigten Staaten, die sich dank ihrer allumfassenden Überlegenheit als Retter der Völker der Welt sehen, werden gleichzeitig von der Furcht beherrscht, durch eben diese Völker infiziert und ruiniert zu werden." (S.1226)
Nicht-westlicher Rassismus: China: "Dem Land war 1860 die Freizügigkeit für Ausländer aufgezwungen worden. Es gab daher in China zwar reichlich Anlass für Vorbehalte gegen Ausländer, aber keine Grundlagen für einen abwehrenden Rassismus." (S.1226) "Das kaiserliche China kannte "Barbaren"-Stereotype aller Art und registrierte auch körperliche Besonderheiten der verschiedensten Fremdvölker, denen man an den Grenzen des Reiches begegnete. Doch wurde der Barbar durchweg als ein ohne eigenes Verschulden kulturell defizientes Wesen betrachtet, als Kandidat für wohlwollende Zivilisierung. Der Weg von kultureller zu biologischer Fremdheit war im Denken des traditionalen Chinas versperrt. [...] Dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts westliche Rasselehren in China bekannt wurden, war eine Voraussetzung für die Entstehung eines chinesischen Rassismus, die andere war die endgültige Zerstörung eines sinozentrischen Weltbildes durch die als katastrophal empfundene militärische Niederlage gegen Japan 1895." (S.1227)
"Grenzenlos mobil wurden Rassediskurse erst, als sie im universalistischen Idiom der (Natur-)Wissenschaft formuliert wurden und damit die Aura objektiver Unanfechtbarkeit annahmen. Solche Mobilität wiederum setzte das einzigartige Meinungsklima der Jahrhundertwende voraus, als sogar schwarze amerikanische Bürgerrechtler und (Proto-)Panafrikanisten wie selbstverständlich in Kategorien "rassischer" Verschiedenheit dachten und ihre politischen Projekte auf die angenommene Einheitlichkeit einer, wie es damals hieß, "negro race" stützten. (S.1228)

4. Antisemitismus
"Vor allem in Deutschland und Frankreich wurde die Emanzipation der Juden als ein staatlich gelenkter Prozess ihrer «Zivilisierung» und Integration gesehen. Durch ein solches Zusammenwirken innerer und äußerer Antriebe wurde ein wachsender Teil der Bevölkerung jüdischen Glaubens in den Stand gesetzt, von den neuen wirtschaftlichen Chancen in einem sich modernisierenden Europa zu profitieren." (S.1229)
"Nie zuvor hatten sich Juden in Westeuropa so sicher fühlen können wie in den mittleren Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts. Sie standen jetzt nicht, wie frühneuzeitliche «Hofjuden», unter dem persönlichen Schutz launischer Fürsten, sondern unter dem Schutz des Rechts." (S.1230)
Aufstieg des Antisemitismus
 Antisemitische Agitation gab es in Ungarn, Österreich und in Russland.  "Gewalttätiger als anderswo äußerte sie sich im Zarenreich, in dessen polnischem Teil die Mehrzahl der europäischen Juden lebten. Hier war eine besonders widersprüchliche Situation entstanden. Einerseits war eine große Zahl der osteuropäischen Juden von der innerjüdischen Reformbewegung nicht berührt worden [...] Andererseits gab es im Zarenreich wenige sehr erfolgreiche, dem Klischee vom "Plutokraten" entsprechende jüdische Unternehmer, und in der Führung der nun entstehenden revolutionären Gruppierungen spielten Juden eine herausgehobene Rolle. Dies machte den Osten zu einem Nährboden eines rabiaten, eher sozial und anti-modernistisch als biologisch-rassistisch begründeten Antisemitismus." (S.1231) "Am Ende des 19.Jahrhunderts war der Westen des Zarenreiches für Juden die gefährlichste Gegend der Welt." (S.1232)
Sonderfall kontinentales Europa
"Bis zum Ersten Weltkrieg genossen die Juden den Schutz des osmanischen Staates, der sie seinerseits als seine Stützen betrachten konnte. Gefährlich für sie war ein christlicher Antisemitismus, der sich fast immer bemerkbar machte, sobald im 19.Jahrhundert die osmanische Herrschaft zurückgedrängt wurde: in Serbien, Griechenland, Bulgarien oder Rumänien. Anti-jüdische und anti-rnuslimische Gewalt steigerte sich hier in enger Parallelität. Die Juden in den neuen Balkanstaaten waren Verfolgungen durch ihre christlichen Nachbarn, durch Behörden und Kirchen ausgesetzt; vor allem die Griechisch-orthodoxe Kirche tat sich dabei hervor. Juden waren vielfach in die Finanz- und Fernhandelsnetze der osmanischen Ökumene eingebunden. Wenn Gebiete aus solchen Verflechtungen ausschieden und sich als insulare Bauernstaaten neu konstituierten, war die wirtschaftliche Existenz dieser Teile der jüdischen Bevölkerung bedroht. [...]
Auf dem Berliner Kongress diktierten 1878 die Großmächte den Balkanstaaten Schutzklauseln zugunsten nicht-christlicher Minderheiten. Da keine Großmacht bereit war, Juden in ferneren Ländern tatkräftig zu verteidigen, war dies nicht mehr als eine Drohung auf dem Papier, aber immerhin die Erfindung des neuen völkerrechtlichen Instruments des Minderheitenschutzes, das die Möglichkeit denkbar machte, nationale Souveränität im Namen der Menschenrechte einzuschränken." (S.1233)
" In Japan, wo man auch die Torheiten Europas kopierte, findet sich ein imitatorischer Antisemitismus ohne physisch präsente Juden. Die 1924 übersetzten Protokolle der Weisen von Zion bekräftigten vorhandene Verschwörungsängste und nährten einen xenophoben Nationalismus, den kleine Kreise in Japan seit längerem gepflegt hatten. Hier erschienen die Juden als Komplizen eines Westens, der angeblich Japan sein Lebensrecht bestritt. In China war die Reaktion umgekehrt. Dort machte erst die Übersetzung von Shakespeares Merchant of Venice im Jahre 1904 einen europäischen Typus des
Juden weithin bekannt, allerdings mit Sympathie als leidendes Opfer betrachtet und zur weltweiten Solidarität unter den Unterdrückten einladend." (S.1234/35)
Antisemitismus und Rasseordnungen
"Vor dem Ersten Weltkrieg argumentierte der Antisemitismus nicht überwiegend rassistisch. [...] Der Antisemitismus in Europa westlich von Polen war ebenso wie die Aggression gegen Afroamerikaner im Süden der USA nach dem Bürgerkrieg eine post-emanzipatorische Erscheinung. Er fügt sich in den Zusammenhang verschärfter Grenzziehungen zwischen «Zugehörigen» und «Fremden», nationalen Mehrheiten und wandernden oder kosmopolitischen Minderheiten. [...Rassisten suchten daher die Abgrenzung, nicht die Beseitigung der Fremden...]  Vor dem deutschen Vernichtungskrieg in Osteuropa nach 1941 hat es in der Geschichte von Imperialismus und Kolonialismus keine Fälle gegeben, in denen Herrschaft über andere Völker zum Zwecke ihrer rassistisch motivierten Bedrängung oder gar Ermordung angestrebt wurde. Kolonialismus hat immer seinem eigenen Programm nach irgendeine konstruktive Note gehabt. Zivilisierungsmission, nicht aber Rassismus ist im 19.Jahrhundert ein starker Motor für koloniale Expansion gewesen." (S.1236)
"Es führte kein direkter Weg vom Antisemitismus vor 1914 zur Judenpolitik des Nationalsozialismus nach 1933." (S.1238)

Zum Versuch der Identifikation von Rassen:
"The reality is that most races were identified on cultural or linguistic grounds, or simply on account of educated intuition, not biology." (Human races: biological reality or cultural  delusion? 14.8.2014)


Dienstag, 5. Dezember 2017

"Weißes Europa" - Der twitternde Jura-Professor

Professor Thomas Rauscher, Mitglied der juristischen Fakultät der Universität Leipzig postete auf Twitter einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, der rechtsextreme Demonstrationen am polnischen Unabhängigkeitstag thematisiert, und kommentierte: "Polen: 'Ein weißes Europa brüderlicher Nationen. Für mich ist das ein wunderbares Ziel!"
(ZEIT Campus online 3.12.17 mit 1300 Kommentaren)

Es erhob sich ein Proteststurm.
Wie weit darf ein Professor gehen? Welche Reaktionen sind angemessenß

Samstag, 7. November 2015

Unschuldsvermutung

Bryan Stevenson kämpft dafür, dass Amerika sich endlich seiner Geschichte des Rassismus zuwendet. (Unschuldsvermutung)

Sonntag, 5. Juli 2015

Rassismus in der Sprache

Rassismus in der Sprache liegt vor, wenn ein Ausdruck oder eine Redeweise rassistische Nebenbedeutungen hat oder ganz auf Zeiten zurückgeführt werden kann, als die Gesellschaft in sich rassistisch war.
Wenn Michelle Obama sich beklagt, dass ihr uppity nachgesagt wird, dann bleibt ihre Empörung wenig verständlich, solange man daraus nur schließt, dass sie als hochnäsig bezeichnet wird. Die rassistische Konnotation von uppity ist nämlich, dass sie "doesn't know her place", dass sie also ihre Stellung als Schwarze im Verhältnis zu Weißen nicht kennt. Wenn der first lady nachgesagt wird, sie sei aufmüpfig, wenn sie für sich beansprucht, als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu werden, dann ist es mehr als verständlich, wenn sie das einem Rassismus zuschreibt.
Von daher wird verständlicher, weshalb viele gegen die Verwendung von Neger im Deutschen sind und sogar gegen das Kinderlied "Zehn kleine Negerlein" polemisieren. Man stelle sich vor, wir hätten einen schwarzen Kanzler und immer wenn er aufträte, würde das Lied "Zehn kleine Negerlein" gesungen, oder Angela Merkel würde, wenn sie im Kreise der europäischen Regierungschefs auftritt, von diesen mit "anerkennenden" Bauarbeiterpfiffen begrüßt.
Auch ist das Wort Indianer im Deutschen kaum von rassistischen Konnotationen begleitet, während für einen native american, der sich als Überlebenden eines Völkermordes begreift, die Bezeichnung als red Indian empören muss, weil darin immer das Wort "The best Indian is a dead Indian." mitschwingt.