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Sonntag, 28. April 2019

Lindner zu Guerilla-Lernen

Lindner meint, dass das Lernen in Institutionen und in vorgegebenen Lernschritten in der jetzigen sich rapide ändernden Welt unangemessen sei.
Folglich nennt er das jetzt notwendige neue Lernen im Netz in Analogie zum Guerillakrieg mit ständig wechselnden Kampfsituationen "Guerilla-Lernen".
Die dafür notwendigen Fähigkeiten entwickelt er anhand der Arbeiten von Rheingold über "Digital Literacy" (dafür erfindet Lindner das neue deutsche Wort: Literanz)
Rheingold unterscheidet fünf Schlüsselkompetenzen: "Man muss die eigene Aufmerksamkeit und Konzentration managen. Man muss Bullshit schnell erkennen können. Man muss sich aktiv beteiligen können an den Web-Kommunikationen und Web-Wissensprozessen. Man muss lernen, im Web mit anderen zusammenzuarbeiten. Und schließlich muss man verstehen, wie die Vernetzung auch im Offline-Leben die gewohnten Verhältnisse verändert – sozial, geistig-kulturell und wirtschaftlich. [...]

Am nützlichsten für Guerilla -LernerInnen sind vielleicht seine Bemerkungen zur Aufmerksamkeit. Rheingold leitet dazu an, ruhig und konzentriert mit dem Internet umzugehen – achtsam, nicht hastig und getrieben. In seinem Kursplan sind auch Links zu einfachen Meditationsübungen. [...]"
Man muss fähig sein, seine Aufmerksamkeit zu teilen: "So ist das auch im Netz; es gibt keinen Tunnelblick, und es geschehen immer viele Dinge gleichzeitig. Um nicht von den Ablenkungen hin- und hergeworfen zu werden, muss man also quasi einen zerstreuten, halbaufmerksamen Blick aus den Augenwinkeln trainieren, mit dem man immer vieles gleichzeitig erfasst. [...] Man muss lernen, an den richtigen Stellen quasi hinein- und wieder hinauszuzoomen. Dazu gehört auch, zwischen mehreren Apps oder auch zwischen mehreren digitalen Bildschirmen und Geräten zu wechseln."

Weiterhin empfiehlt Lindner: David Allen: Getting Things done. The Art of Stress-Free Productivity (2001; deutsch: Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag): 
"Allen leitet dazu an, auch kleinere Aktivitäten als persönliche Projekte zu betrachten. Als Projekt bezeichnet Allan alles, was sich nicht auf einen Blick übersehen lässt, weil es über länger als zwei Tage erstreckt oder in mehr als drei Schritten abgearbeitet werden muss. Alles, was an Anforderungen täglich herein kommt, wird in kleine Next Actionable Steps zerlegt: Das sind Aktionen, die man jetzt und sofort in einem Zug erledigen kann. Also etwa ein Einkauf, ein Telefonanruf, eine E-Mail, eine Google-Recherche, um eine ganz konkrete Frage zu klären, und so weiter. [...]
Ein alternatives Konzept von digitaler Literanz hat Doug Belshaw für Mozilla Education entwickelt. [...] Belshaw hat acht Zutaten der Digital Literacy destilliert, aus denen man die eigene Diät zusammenstellen soll. [...] Hier sind die im Überblick: Kritisch Denken entspricht ungefähr dem, was Rheingold "Bullshit-Erkennung" nennt. Hier geht es darum, Machtverhältnisse zu erkennen, mit Fragen wie: Für wen ist dieses digitale Angebote hier gedacht? Worin besteht der Nutzen für die Anbieter? Wer ist hier ausgeschlossen, und wer wird hier privilegiert? Welche unterschwelligen Annahmen werden hier transportiert? Wo liegen die Gefahren? Das hat alles sehr viel mit Text-Kompetenz zu tun sagt Belshaw.
Kreativ ist hier konkreter gefasst als der geläufige Wischiwaschi-Begriff: Es geht nicht einfach darum, sich auszudrücken, sondern darum, neue Dinge auf neue Art zu tun, um etwas zu erzeugen, was für jemand praktischen Wert hat. Das heißt, man muss vorher geeignete Probleme überhaupt erst finden, die man dann in einem eigenen kreativen Projekt bearbeiten kann. [...] Immer geht es um das Machen, um das Herstellen von Objekten.
Damit hängt für Belshaw Kommunikation und Kollaboration direkt zusammen. Unter Communicative versteht er, dass man sich gemeinsam auf ein konkretes Objekt bezieht, das man gestaltet. [...] Das kann auch durch einen Blogpost geschehen, der etwas auf den Begriff bringen, das man vorher selbst nicht verstanden hat. Darüber tauscht man sich dann auch im Netz aus. Das Objekt wird so zum "sozialen Objekt“. Auch Grafiken oder Fotos sind gute Beispiele dafür. Visuelle Kommunikation ist im Netz eine wichtige Fähigkeit. Das muss und soll gar nicht große Kunst sein. Auch ein erhellendes Foto, das man irgendwo findet und mit einer witzigen Unterschrift* versieht, [...] ist bereits ein soziales Objekt. [...]
[*Ob Belshaw so etwas oder auch so etwas unter "erhellend" versteht? Und dies oder eher das?]
Construktive bedeutet bei Belshaw, digitale Texte und Medieninhalte konstruieren und rekonstruieren zu können. Auch Empfänger von fremden Inhalten haben im Netz eine viel aktivere Rolle als früher. Der erste Schritt ist immer das Kopieren. Copy and Paste ist die allererste digitale Technik, die man lernen muss. Wenn man etwas interessant oder anregend findet, schneidet man es aus und sammelt es. Dann kann man das Material in eigene Zusammenhänge bringen, verformen und verändern. Digitales Konstruieren ist dabei viel leichter und risikoloser als im nicht-digitalen Raum, weil man jeden Schritt mit einem Klick rückgängig machen kann.
Cognitive meint Denkwerkzeuge und Denkgewohnheiten. Das erste kognitive Werkzeug ist das jeweilige Netz-Gerät selbst, das Smartphone oder der PC. Dazu kommen eine Vielzahl von Tools und Apps, die alle bestimmte Arten zu denken begünstigen, von der Mind Map bis zum Tagging. Zu Cognitive gehört es für Belshaw, diese Werkzeuge auszuprobieren, mit ihnen herumzuspielen, die für sich geeignetsten auszuwählen und andere zu verwerfen. Aber auch Rheingolds Achtsamkeitstechniken sind in diesem Sinne kognitiv.
Cultures heißt kulturelles Wissen und kulturelle Geläufigkeit. Die Mehrzahl ist wichtig. Man erwirbt diesen Teil von Literanz am besten, wenn man in viele digitale Umwelten für jeweils einige Zeit eintaucht. Belshaw meint hier so etwas Ähnliches wie die Minerva-Hochschule, die ihre Studierenden jedes Semester in eine andere Metropole schickt. Im Prinzip kann das jede/r im Netz selbst machen. Man erkennt den eigenen Fortschritt, sagt Belshaw, wenn man immer schneller und bruchloser zwischen verschiedenen Digitalkulturen wechseln kann.
Confident steht für Selbstsicherheit, elastische Widerstandsfähigkeit und Beharrungsvermögen. Am Anfang sind alle Leute sehr unsicher, die es in digitale Umwelten verschlägt. Man weiß nicht, welcher Klick was bewirkt und welche Tastenkombination eine Abkürzung ist, die viel Zeit und Nerven spart. Mit komplexeren Kenntnissen ist es ähnlich. Man lernt es, sag Belshaw, in dem man Probleme löst und sein Lernen als eigenes, selbstgesteuertes Projekt versteht. Da braucht man mehr als nur die Tricks aus Getting Things done. Vor allem hilft das Feedback von Peers und Mentoren. Man braucht persönliche Lern-Netzwerke und im Idealfall auch eine Community, eine Online-Gemeinschaft von Gleichgesetzten, in der man sich anfeuert und hilft.
Der achte und letzte Bereich, aus dem sich Belshaws digitale Literanz speist, ist Civic. Das meint "zivil" im Sinne von "Zivilgesellschaft": das Feld außerhalb der festgefügten Institutionen, wo sich Leute mit gemeinsamen Interessen treffen, austauschen und zusammenschließen. Draußen in der analogen Welt kann das ein Café sein, ein Co-WorkingSpace, ein selbst organisiertes Barcamp oder ein FabLab für Digitalbastler. Aber es könnte auch eine Volkshochschulgruppe sein, in der man kunstvolle Decken bestickt und dann auf dem Flohmarkt oder auf der Kunsthandwerk-Netzplattform etsy anbietet. [...] digitale Zivilgesellschaft, die sich der Diktatur widersetzt. Aber natürlich gehören zu civic alle Arten von Web-Inhalten und Lebenszeichen.* [...]
Was könnte es den durchschnittlichen Guerilla-LernerInnen nützen, mit Code und Software Entwicklung grundsätzlich vertraut zu sein? Darauf gibt es drei Antworten: Informatisch denken lernen, Web Literacy und die Fähigkeit zur digitalen Kollaboration.

Informatisch denken lernen ist nicht dasselbe wie "Informatik-Wissen" erwerben. Es geht darum, die innere Logik von Software-gesteuerten Prozessen besser verstehen zu lernen. Das sei auch für die Allgemeinbildung von Bedeutung, sagt Beat Döbeli Honegger, der selbst Informatiker und Professor an einer pädagogischen Hochschule ist. Letztlich geht es um Systemdenken, "das modellierende, vernetzte Denken, um Systeme der Wirklichkeit zu beschreiben zu simulieren und zu verstehen". Ich stimme dem zu, konzentriere mich im folgenden aber auf die Schnittmenge mit Web Literacy. [...]
Im schulischen Informatikunterricht programmieren die SchülerInnen üblicherweise entweder kleine Roboter oder Sensorenschaltungen (das soll auf industrielle Ingenieurstätigkeit vorbereiten) oder es werden Grundkenntnisse in Office-Programmen vermittelt (das soll auf Bürotätigkeiten vorbereiten). Das Web kommt in der Regel zu kurz, dabei ist gerade hier die wichtigste Schnittstelle zwischen Kulturwelt und Datenwelt. Alle 'weichen' digitalen Literanzen haben irgendwie mit dem Web zu tun. Für die Nonprofit-Firma Mozilla, die unter anderem den Open Source-Browser Firefox entwickelt, hat ein Team, zu dem auch nach Belshow gehörte, ein sehr sinnvolles Curriculum für code-bezogene Webkompetenzen ausgearbeitet.
Auf eine interaktiven Webseite sieht man dort alles auf einen Blick und kann auf einzelne Kompetenzen klicken. Dann findet man nicht nur einfache Erklärungen, sondern bekommt kleine Werkzeuge zur Verfügung gestellt, um diese Kompetenzen im kleinen praktischen Projekten spielerisch zu entwickeln. Diese Mozilla-Seite ist vorbildlich. Man könnte sie ohne großen Aufwand ins Deutsche übertragen. Eigentlich sollte das in allen Schulen benutzt werden, aber anscheinend macht das kaum jemand. Es ist kaum zu verstehen, warum nicht Mozilla und auch Wikimedia nicht privilegierte Partner der Schulen sind, wenn es um Iinformatorische Bildung geht. Aber in den unzähligen deutschen MINT-Programmen spielen das Web und die Web Literacy bislang kaum eine Rolle. [...]

Damit ist die dritte wichtige
Web Literacy-Komponente angesprochen, die im weiteren Sinn mit dem Coden und der Informatik zusammenhängt. Es geht darum, eigene Fähigkeiten zu entwickeln, die in gemischten Teams brauchbar und anschlussfähig sind. Auch hier werden viele Fähigkeiten gebraucht, die kaum mit einem tieferen Verständnis von Code und Informatik zu tun haben – organisieren, präsentieren, recherchieren, kommunizieren, texten, kreativ gestalten, Zahlen erheben und auswerten, und so weiter.

Viele Leute kommen in einer hochdigitalisierten Umgebung glänzend zurecht, ohne selbst je ein Stück Quellcode gesehen zu haben. Dazu gehören nämlich die ganzen Abläufe in einer vernetzten Welt, die indirekt durch die Digitalisierung betroffen sind. Informationen werden so umgeformt, Prozesse so definiert und Ziele so gesetzt, dass sie dann von Programmen und Programmierern sinnvoll bearbeitet werden können. Es geht darum, die eigenen Fähigkeiten in die Zusammenarbeit einzubringen und so anschlussfähig zu machen, dass das Team Projekte für eine digitalisierte Welt entwickeln kann. [...]
Design Thinking ist im Kern eine gute Idee, die abgeleitet wurde aus der Arbeit der Leute, die Web-Anwendungen entwerfen und gestalten, bevor man sich mit der konkreten Programmierung beschäftigt. Daraus entstand im Silicon Valley ein Methoden-Baukasten, der dann vom SAP-nahen Hasso Plattner-Institut in Potsdam auch nach Deutschland importiert wurde. Oft ist Design Thinking allerdings nicht viel mehr als ein mehr oder minder anregendes Kreativitäts-Larifari für Wochenend-Workshops. Wenn es aber ernsthaft betrieben wird, ist es eine eigene Disziplin, in der es darum geht, in konzentrierter und zeitraubender Teamarbeit komplexe Problemlösungen zu finden.


Eigentlich geht es darum, dem verengten Blickwinkel der IT-Ingenieure wie auch dem Wunschdenken der Marketingleute zu entkommen. Gute Design Thinking-Methoden zielen auf eine Haltung, die pragmatisch und empathisch zugleich ist. Sie rücken die Perspektive der real existierenden Menschen und ihren unübersichtlichen, und ordentlichen Alltag in den Blick [...]. So verstanden ist Design Thinking eng verwandt mit den emanzipatorischen Idealen des Guerilla-Lernens.
So verstandene Design-Kompetenzen sind tatsächlich für fast alle nützlich, die sich in der digitalisierten Welt durchschlagen. Das ist sozusagen die Hintertür, durch die die verdrängten sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden in die verarmte MINT-Welt wieder einsickern. MINT ist in aller Munde, für die Zahlenmenschen ist überall gesorgt, aber welches griffige Etikett halt die andere Hälfte, die wir in der digitalen Gesellschaft und Wirtschaft mindestens genauso brauchen? 
[...] für den Anfang stelle ich ZONS zur Diskussion: Zeichen, Organisation, Netzwerk, System.
Z steht für die Disziplinen, die sich nicht wie Mathematik mit Zahlen und Formeln befassen, sondern mit Zeichen und Texten. So wie es mathematische Kompetenzen gibt, gibt es auch Zeichenkompetenzen – es geht dann darum, Texte zu verstehen, zu analysieren, zu verformen und in neuen Formen zusammenzustellen. Das geht weit über das hinaus, was die akademische Semiotik abdeckt. (Semiotik ist die Wissenschaft von den Zeichen.) Solche Zeichenkompetenzen kann man grundsätzlich in allen Kultur- und sprachwissenschaftlichen Fächern erwerben und einüben. Bisher geschieht das nur am Rand, aber gerade jetzt beginnen sich mit den sogenannten Digital Humanities Disziplinen zu entwickeln, die Schriftsprache als Teil des neuen digitalen Informationsraums behandeln.


Als Leser fühle ich mich von Belshaw angesprochen, wenn ich hier Martin Lindner (mit seiner Zustimmung) ausführlich zitiere oder wenn ich immer wieder auch kleine Gesprächsergebnisse mit meinen Netzbekannten auf Wikiversity festhalte. Und überhaupt bei diesem gesamten Blog, der zu großen Teilen auf copy & paste + Links mit Kurzkommentaren beruht.

zum Kontext:
https://fontanefanopco11.blogspot.com/2019/04/martin-lindner-die-bildung-und-das-netz.html

Freitag, 12. April 2019

Martin Lindner: "Wir alle werden ein bisschen wie Donald Trump"

Immer noch geht es um Lindner:" Bildung im Netz".   Aber ich bin 100 oder 150 Seiten weiter im Text im Teil 3: Ver-Web-ung der Bildung. Im Augenblick geht es um den Unterschied von personalisiertem Lernen, wo eine Institution dem einzelnen Lerner zugeschnittene Häppchen gibt und ihn leitet, wie er nach Meinung der Institution am besten lernt. 
[Die Notizen, die ich hier wiedergebe, entspringen meinem persönlichen Lernprozess und erheben nicht den Anspruch, übersichtlich über Lindners Buch zu informieren. Den kann ich schon deshalb nicht erfüllen, weil mir keine Seitenangaben zur Verfügung stehen und weil ich nur mit unverhältnismäßigem Aufwand feststellen könnte, auf welchen Unterabschnitt ich mich beziehe. Sie sind Teil meines Lerntagebuchs wie dieser Blog mit "Schnipseln" überhaupt.]
Und auf der anderen Seite das persönliche Lernen, wo der Lerner selbst entscheidet, was er als Nächstes zu sich nehmen will. Häufig wird man dabei durch Links verführt in Ecken, wo man eigentlich nichts Wesentliches für seinen Kontext lernt. D.h. das persönliche Lernen setzt sehr viel Selbstdisziplin voraus und Fähigkeit zur Selbststeuerung. Das personalisierte Lernen aber verschafft weniger die Erfahrung des Flow.
Im Folgenden gebe ich einiges davon wieder, wie Martin Lindner es darstellt:

Beim Lernen im Web gibt es eine "Umstellung auf Mikro-Inhalte und Informationwolken". Damit "hängt der Verlust der Konzentrationsfähigkeit zusammen, den wir alle beklagen. 
Wir alle werden ein bisschen wie Donald Trump. Tatsächlich ist das eine große Umstellung der kollektiven Denkprozesse, an der wir alle beteiligt sind. Das Mikro-Web lenkt unseren Blick auf die elementaren Aufmerksamkeitsspannen, mit denen wir sinnhafte Eindrücke aus unserer Umwelt verarbeiten. "Sinnhaft" heißt: Einzelne Eindrücke und Momente, die wir im Kopf sprachlich begleiten. Das fällt in die Zuständigkeit von Kulturwissenschaftlern, nicht von  "Hirnforschern".. Es ist nicht dasselbe wie die visuelle Informationsverarbeitung durch das Gehirn.
Diese "sinnhaften Momente" sind im Netz vielleicht gar nicht kürzer als früher, sie sind nur viel ausgeprägter. Im Mittelalter bezeichnete man als momentum ein Zehntel der Viertelstunde, also eine Spanne von 1,5 Minuten. [...] 
Das hat ganz konkrete Folgen für das Lernen im Web: Große Textblöcke müssen im Web in eine Form gebracht werden, die für die schnelle Aufnahme über den Bildschirm [...]  optimiert ist. Niemand liest im Web Texte am Stück, die länger sind als ein paar Absätze, und jeder Absatz wird so selbst ein Stück Microcontent. [...]
Das zerstreute Mikrolernen im Web ist auf sehr konkrete Weise ein Lernen im Flow: Wenn es gut läuft, ist der nächste Klick der nächste Schritt in einer laufenden Kettenreaktion. [...] Ein Learner Experience Design für Weblernen müsste immer darauf zielen, solche Flow-Erlebnisse wahrscheinlich zu machen."

Am Schluss von Teil 3 stellt Lindner die Regeln vor, die für Bildungsunternehmen gelten sollen, die "den vielen kleinen Lernenden ein Angebot machen". 
Sie wurden Ende 2012 / Anfang 2013 in der Bill of Rights and Principles for Learning in the Digital Age formuliert. 
Dort heißt es: "The document, drafted by a dozen educators brought together by the MOOC pioneer Sebastian Thrun, proposes a set of “inalienable rights” that the authors say students and their advocates should demand from institutions and companies that offer online courses and technology tools."
Unter anderem wurden darin die Rechte auf Transparenz der finanziellen und pädagogischen Ziele und ein Recht auf Privatheit und fairen Umgang mit den eigenen Daten formuliert. 
Während hier von Lernenden als students gesprochen wird, wird in der zweiten Bill of Rightsdie unter "der Federführung von Philipp Schmidt [Hier seine keynote "Warum das MIT Media Lab kein Fan von Online Kursen ist" 30.01.2013]" geschrieben wurde, von 'vernetzten Lernenden', die "ihr eigenes Lernen in die Hand nehmen (Lindner) gesprochen. (Auf Wikiversity ist Martin Lindners deutsche Version der 2. Bill zu finden.)
Diese 'vernetzten Lernenden' sind also die, die nicht personalisiertes sondern persönliches Lernen ausüben wollen.

Dienstag, 2. April 2019

Martin Lindner: Die Bildung und das Netz: Content-Web und Live-Web

Lindner beobachtet eine Entwicklung vom Content-Web zum Live-Web, in dem alles vorüber fließt: "Alles, was wichtig ist, kommt einmal vorbei".

Er unterstellt dabei, dass das Content-Web nicht mehr von Bedeutung wäre. Ich denke aber, dass sich nur das Schwergewicht innerhalb des Lebenszyklus des Inhalts verschoben hat. Während es früher darum ging, Inhalte bekannt zu machen, steht jetzt die Kommunikation im Vordergrund. Aber nicht ohne Grund aber heißt es: "Das Internet vergisst nichts". Auch die größte Nichtigkeit (Content) kann wieder ans Tageslicht gezogen werden, während andererseits das Wichtige vorbeifließt, also nicht wahrgenommen wird, wenn es nicht ständig wiederholt wird.
Andererseits gibt es sehr wohl Inhalte, die von Institutionen dauerhaft dokumentiert werden, und andere, die nach kurzem Auftauchen für den Normalbürger unauffindbar werden, weil sie aus dem Netz genommen werden. Letzteres geschieht ständig durch das Abschalten von Webseiten, aber auch unauffälliger durch virtuelles "Schreddern" durch Institutionen.

Das Netz vergisst insofern ständig, ganz abgesehen davon, dass auch die Archivierung im Netz nur von relativ kurzer Dauer ist und schwerlich Jahrtausende überdauern wird. Deshalb ist in der Tat das Projekt Memory of Mankind der Gegenpol des Live Web.
Andererseits dient ein Großteil der Kommunikation dem Hinweisen auf Inhalte, seien es an sich nichtige, die aber einen Shitstorm auslösen können oder fundierte, dauerhafte wissenschaftliche Ergebnisse, die sich so viel schneller verbreiten, oder Tagesnachrichten, die in der Wikipedia in umfassende Darstellungen eingeordnet werden und damit einem längerfristigen Zugriff zur Verfügung stehen.

Was mir bei Lindner gut gefällt, ist seine Unterscheidung zwischen dem rauen Informationsnetz, in dem man Informationen sucht, und dem "verfetteten", auf  "Hochglanz polierten" Netz, das zeigt und anbietet.
Ich persönlich bedaure, dass Twitter, das Lindner noch als Beispiel für die modularisierten Informationsbruchstücke anführt, mit der Aufnahme von Bildern und Videos den Weg zum "verfetteten" Netz geht. (Die Erweiterung auf 280 statt 140 Zeichen scheint dagegen keinen negativen Effekt zu haben. Die Formulierungen werden freier und andererseits wird offenbar nicht mehr versucht, möglichst viel in einen Tweet zu pressen.)

aktuell dazu:
Harris: Wie Technologie unseren Geist manipuliert (übersetzt von Bob Blume)
"[...]  Wenn man einmal weiß, auf welche Knöpfe man bei Menschen drücken muss, kann man auf ihnen spielen, wie auf einem Klavier. Und das ist exakt was Produktdesigner unserem Geist antun. Sie spielen auf euren psychischen Schwächen, bewusst und unbewusst, um eure Aufmerksamkeit zu erlangen. Auch gegen euren Willen. Man könnte sagen, sie entführen bzw. kapern euren Geist – und damit euch. Ich will euch zeigen, wie sie das tun. [...]
Je mehr Entscheidungen Technologie für nahezu jede Dimension unseres alltäglichen Lebens bereithält (Informationen, Events, Orte, an die man geht, Freunde, Dates, Jobs), desto mehr nehmen wir an, dass unser Telefon das nützlichste Menü bereithält, aus dem wir auswählen können. [...]
Aber je mehr wir darauf achten, welche Optionen uns vorgesetzt werden, desto mehr werden wir wahrnehmen, was gar nicht zu unseren eigentlichen Bedürfnissen passt.
[... Smartphones funktionieren wie Glückspielautomaten, weil sie in ungleichen Abständen Belohnungen verschaffen. Dadurch machen sie von sich abhängig. Das könnten die Internetanbieter verhindern. ] Zum Beispiel könnten sie Leute dazu befähigen, Zeiten festzulegen, in denen man die Glücksspielautomaten-Apps checkt und eben auch, dass die neu ankommenden Nachrichten sich an diese Zeiten halten.
[Es folgen viele Beispiele von zeitraubenden Manipulationen*, an die wir uns im Netz schon wie an Selbstverständliches gewöhnt haben.]
Die Zeit der Menschen ist wertvoll. Und wir sollten sie mit derselben Energie beschützen wir es mit der Privatsphäre und den digitalen Rechten tun. "
[Hervorhebungen betreffen Passagen oder Wörter, wo ich von Bob Blumes Übersetzung abweiche.]


*Manipilationsansätze: Die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen - Soziale Wertschätzung - Soziale Gegenseitigkeit - Fässer ohne Boden, unendliche Feeds und Autoplay -
Sofortige Unterbrechungen vs. „respektvolle“ Lieferung - Deine Gründe mit ihren Gründen bündeln -Unangenehme Entscheidungen - Vorausschaufehler, „Fuß in der Tür“-Strategien

Montag, 25. März 2019

Martin Lindner: Die Bildung und das Netz: Bildung - Begriffsklärung


"Bildung ist nicht zeitlos, und ist sie auch keine individuelle Angelegenheit. Hier entfalten sich nicht einfach verschiedene Persönlichkeiten, entsprechend ihren natürlichen Anlagen. Die Persönlichkeiten werden entfaltet, geprägt und geformt im kulturellen, politischen und eben auch technischen Systemen. Scheinbar ganz persönliche Bildungserlebnisse sind von Anfang an geprägt durch die gesellschaftliche Situation. Bildung zur Zeit Humboldts war ganz anders als Bildung um 1900 oder Bildung um 1935. Und die Bildung, die ich selbst in den 1970er Jahren erfahren habe, ist eine ganz andere als die Bildung, die meine Tochter 35 Jahre später erfährt.
Das Schlagwort Digitale Bildung meint immer: erneuerte Bildung. Bildung unter den Bedingungen des großen Umbruchs seit etwa 1990, der alle westlichen Gesellschaften betrifft. Das ist auch, aber eben nicht nur ein technologischer Umbruch. Vielleicht noch nicht einmal in erster Linie.
Wie haben sich die grundsätzlichen Bedingungen verändert, die unser lebenslanges Lernen, unser Wissenwollen und Wissenmüssen prägen? Was hat das zu tun mit dem epochalen Change, der seit den 1990er Jahren überall ausgerufen wird? Es gibt keinen passgenauen Überbegriff dafür, aber so ungefähr weiß man, wovon die Rede ist, wenn die bekannten Schlagworte fallen: Globalisierung, Automatisierung, Individualisierung, Ökonomisierung, Wissensgesellschaft. Neoliberalismus und Prekariat gehören auch dazu. All diese Schlagworte beschreiben Aspekte des globalen Wandels, der zeitlich zusammenfällt mit der Digitalisierung [...]
Mir gefällt die eingängige und vieldeutige Metapher am besten, die Thomas Friedman als roten Faden für sein bekanntes Buch über die Globalisierung benutzt hat: "Die Welt ist flach". Der New York Times-Chefkolumnist ist berüchtigt dafür, komplexe Entwicklungen auf allzu simple, allzu einleuchtende Formeln zu reduzieren. Natürlich ist das zu simpel. Aber wenn man das Schlagwort wertfrei nimmt, bietet "Verflachung der Welt" einen nützlichen Blickwinkel, gerade weil es so umfassend und vage ist. Vor allem passt es gut auf die digitalen Informationsströme, die immer schneller, breiter und weltumspannender werden. Mit der Netz hat sich die digitale Sphäre um die Welt gelegt, die jederzeit alles mit allem in Verbindung setzen kann. Das betrifft Geld und Kapital, Produktions- und Logistikketten, wissenschaftliche Daten und Ideen, die Pop-Kultur und sogar die globalisierungsfeindlichen Ideologien der Islamisten und rechtsextremen Nationalisten.

Flach bedeutet: Schützende Grenzen und Einigungen werden brüchig – wirtschaftlich, gesellschaftlich und technologisch. Unsere Lebenswelt fühlt sich offener und unsicherer an. Das gilt nicht nur global, sondern auch regional, bis hinein in die tiefste Provinz. [...]

Im Blog des Weltwirtschaftsforums wurde gerade wieder prophezeit, das größte Unternehmen des Jahres 2030 werde ein Bildungstechnologie-Unternehmen sein. Weltweite Massenkurse, aber die Lehrenden werden keine Professoren-auf-Videos mehr sein, sondern künstlich-intelligente Bots. Sie personalisieren jeden Lehrplan für jede einzelne Person, und die Lernenden werden dann viermal oder gar zehnmal so schnell lernen. Das sagt ein weißbärtiger Thinktank-Futurist voraus, von dem man praktisch ausschließen kann, dass er selbst nennenswerte Erfahrungen mit dem Lernen im Netz gesammelt hat."

Montag, 18. März 2019

Lindner sieht Klimadebatte als Instrument, "Menschen zu Vegetariern zu machen"

"Mitunter wird die Ökologie instrumentalisiert, um Wirtschaft und Gesellschaft umzubauen – zum Beispiel, um das Auto zu verdrängen, Menschen zu Vegetariern zu machen oder Flugreisen zu unterbinden." (Christian Lindner am 15.3.19 in einem Gastbeitrag in der ZEIT)

Dann macht er einen Vorschlag, den selbst er schwerlich für originell halten kann:
"Ein echter Paradigmenwechsel wäre es, den ökologischen Effekt von Kohlendioxid mit einem Preis zu belegen. Das bedeutet, dass jeder, der CO2 emittiert, Zertifikate kaufen muss. Er kann sie auch wieder verkaufen, wenn er sie nicht mehr benötigt. In einem solchen Modell sinkt jährlich die Menge der Zertifikate. Dadurch steigt der Preis, und die Unternehmen haben ein eigenes ökonomisches Interesse daran, Kohlendioxid zu sparen." (Christian Lindner am 15.3.19)
Anscheinend ist ihm nicht bekannt, dass diese Emissionszertifikate bereits 2005 von der EU eingeführt wurden und einen ungeheuerlichen Preisverfall erlebten, so dass die CO2  Einsparung aufgrund dieser Zertifikate gegen null ging.

sieh auch:
Lügen, um die Schülerstreiks zu diskreditieren (nicht von Lindner!)

Samstag, 30. Dezember 2017

Gysi zitiert Roger Willemsen

 Gregor Gysi zitiert Roger Willemsen:
Einmal notierte er aus einer Rede des FDP-Abgeordneten Martin Lindner den Satz: "Es gibt in Deutschland eine Zunahme an Armutsberichten, aber keine Zunahme an Armut." Auf dem Bahnhof sieht ihn Willemsen wieder und schreibt über diese Begegnung: "Als ich auf dem Bahnsteig sehe, wie sich ihm die Verkäuferin des Obdachlosenmagazins 'Straßenfeger' nähert, ist mir die Situation beinahe schon zu plakativ, aber sie ist wahr, denn ich weiß, was folgen wird: die abwehrende Gäste, die sich abwendende Person. Hier wenigstens fielen Reden und Handeln zusammen." (Gysi: Ein Leben ist zu wenig, 217, S.359)

Roger Willemsen am 22. Oktober 2013: 
"Zu den etwa dreihundert afrikanischen Flüchtlingen, die Anfang Oktober vor Lampedusa tot geborgen wurden, fehlt von Angela Merkel bis heute jedes Wort." (Roger Willemsen: Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament, 2014, S.330)

Damals hätte Willemsen sich wohl nicht gedacht, dass Merkel noch im Juli 2015 wegen ihrer Fühllosigkeit gegenüber Flüchtlingen an den Pranger gestellt werden würde und  schon im September 2015 weltweit als die Politikerin mit dem besten Verständnis für Flüchtlinge angesehen sein würde. 
Den Deal mit Erdogan hätte er wohl eher erwartet.