Steffen Mau: Lütten Klein Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp 2019
1. Leben in der DDR
Die
Erinnerung an die DDR-Gesellschaft trügt rallerdings nicht vollends,
auch wenn sie nur einen Teil der Verhältnisse spiegeln mag. In der
DDR spielte die normative Selbstbindung an gesellschaftliche
Gleichheitsziele eine große Rolle, der erreichte Grad an sozialer
Egalität galt sogar als Fortschrittsmaß der sozialistischen
Gesellschaft. Die DDR hat zwar nicht die klassenlose Gesellschaft
eingeführt, sich aber doch daran gemacht, gravierende materielle
Ungleichheiten zu beseitigen. Die Enteignungswellen in der
sowjetischen Besatzungszone und in den ersten Jahren der DDR, die
Verstaatlichung großer Bereiche/sowie die begrenzten Möglichkeiten
der Vermögensbildung wirkten der Entstehung von Besitzklassen im
Sinne des Soziologen Max Weber entgegen. Das Eigentum an Immobilien,
Luxusgütern oder Produktionsmitteln war kein hervorstechendes
gesellschaftliches Differenzierungskriterium, dass eine Statusordnung
begründet hätte. Als privilegiert galten diejenigen, denen ein
Häuschen an der Ostsee gehörte oder zugeschanzt wurde. Wer sich
jedoch von anderen absetzen wollte, wurde schnell mit Konsumengpässen
konfrontiert, dem uniformen Angebot und der begrenzten
Produktpalette. In wichtigen Bereichen, etwa im Wohnungswesen, beim
Zugang zur Urlaubsplätzen oder bei der Bildung, spielte Geld nur
eine untergeordnete Rolle und wurde von anderen, eher politischen
Distributionsmodi überlagert. Was in der Erinnerung als Gesellschaft
der Gleichen erscheint, war eine nach unten hin nivellierte
Gesellschaft." (S. 43/44)
2. Transformationen, S.113 ff.
Zusammenbruch und Übergang, S.113 ff.
Dieses – für jeden Soziologen spannende – Kippen von Einschüchterung und Anpassung zu offenen Widerspruch erlebte ich als NVA-Soldat im Grundwehrdienst in der Werder Kaserne in Schwerin hautnah mit. ...
"[...]Was die eigentlich risikoaversen DDR-Bürger trieb, war dabei weniger die Lust am Untergang als vielmehr die Hoffnung auf Veränderung. Das Umschlagen subjektiver Ohnmacht in kollektive Handlungsmacht hatte etwas Berauschendes – so habe ich es damals empfunden und so muss es vielen, vor allen den Jüngeren gegangen sein, selbst wenn sie nicht zur Opposition zählten. War bislang alles starr und vorherbestimmt, hatten die versteinerten Verhältnisse, mit Marx gesprochen nun plötzlich zu tanzen begonnen." (Steffen Mau: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp 2019, S.121) 2. Blaupause West, S.133 ff.
Der Organisierungsgrad der Parteien war weit geringer als im Westen. "Einzig die Linkspartei war mit einem festen Wählerstamm im Osten von Anbeginn verankert, wobei die Mitglieder Basis durch das Wegsterben der Älteren immer schmaler wird. Die AfD beginnt seit einiger Zeit, mehr und mehr Mitglieder einzusammeln – Ende 2018 waren es in Mecklenburg-Vorpommern schon über 750, die angegebene Zielmarke ist 1000. Schaut man auf die Ergebnisse der letzten Europawahl im Mai 2019, scheint die AfD auf dem Weg zur ostdeutschen Regionalpartei, die die traditionellen Volksparteien zum Teil überholt." (S.145) [Die Landtagswahlen in Bayern und Hessen 2023 zeigten freilich auch im Westen in dieselbe Richtung.]
"Die Wiedervereinigung steht, so gesehen, für eine Unternutzung des demokratischen Potenzials der friedlichen Protestbewegung und für eine Übernutzung des nutz nationalen Potenzials politische Mobilisierung. Den Lohn ehemaligen DDR Bürgern wurde zu verstehen gegeben, dass ich ihre Stellung und ihr Status vor allem vom Deutsch – sein ableitet und nicht auf ein Republikanisches Verständnis der Mitglieder schafft zurückgeht. Angesichts des Verlustes der Heimat DDR und der gleichzeitigen kulturell – politischen Entwertung dieser Identitätsressourcen nimmt es nicht Wunder, dass ich viele ostdeutsche bereitwillig auf dieses neue Identitätsangebot einlesen. Die DDR war keinesfalls frei von nationalen Anwandlungen, im Prozess der Vereinigung wurden diese Leidenschaften aber weiter versiert und identitätspolitisch aufgeladen (S. 149)
3. Vermarktlichung S.150 ff.
Allein von 1989 auf 1990 brach die Industrieproduktion der DDR um über vierzig Prozent ein, weil im Osten die Märkte wegfielen und/man gegenüber dem Westen nicht konkurrenzfähig war: die ersten Entlassungswellen trafen die Menschen aus heiterem Himmel. [...] Von den im Jahr 1989 Erwerbstätigen arbeiteten vier Jahre später gut zwei Drittel nicht mehr im ursprünglichen Beruf, bei Personen auf den höheren Leitungspositionen waren es neunzig Prozent. Arbeitslosigkeit wurde binnen kürzester Zeit zum ostdeutschen Kollektivschicksal, wobei die Folgen weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinausgingen. In praktisch jeder Familie musste(n) ein oder gar mehrere Mitglieder zu Hause bleiben, die urplötzlich nichts mehr mit sich anzufangen wussten und darauf warteten, dass die Gesellschaft ihnen ein Angebot machen würde. [...] Die im Westen nicht unumstrittene Eingliederung der ehemaligen DDR-Bürger in die bundesdeutschen Sozialsysteme war das Palliativ, um den Schmerz des Absturzes einigermaßen zu lindern." (S. 151)
"In den Folgejahren kam es in ganz Ostdeutschland im Zeitraffer zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit bis auf Höchstwerte von über 20 Prozent. Vierzig aller Beschäftigten waren bis 1996 mindestens einmal arbeitslos. Die Frauen waren davon noch deutlich stärker betroffen als die Männer, was auch damit zu tun hatte, dass sie häufig in Sektoren arbeiteten, in denen der Strukturwandel besonders stark zuschlug: [...] Begleitet wurde die krankmachende Gesundschrumpfung durch eine ganze Reihe arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, die für Ostbiografien als typisch gelten können: Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen und Kurzarbeit machten aus ehemaligen Werktätigen Kostgänger des Sozialstaates, die nun am Tropf öffentlicher Zuwendungen hingen. Nicht umsonst hat man die ostdeutschen als 'Pioniere der Prekarität' bezeichnet." (S.153)
"Die vielbeschworene Individualisierung ging in Ostdeutschland mit sozialer Separierung ein her. Freundeskreise zerrissen, Familienbande lockerten sich, Bildungskarrieren entwickelten sich auseinander, die Nähe des Wohnens wurde aufgehoben. Konkret stellten sich Fragen wie: Wer in meinem Freundeskreis kann sich den Restaurantbesuch oder eine gemeinsame Urlaubsreise leisten? Die formierte und auf einheitlich getrimmte Gesellschaft wurde fragmentierter, was auch bedeutete, dass die Individuen aufgefordert waren, sich in einer unübersichtlicher werdenden Statuslandschaft zu neu zu verordnen. [...]
Wer gehofft hatte, nach dem Ende der DDR-typischen politisierten Verteilung von Positionen und Ressourcen würden nunmehr meritokratische Prinzipien einziehen, wurde enttäuscht. Statt Qualifikation und Leistungsbereitschaft waren es kontingente Umstände, die die Post-Wende-Biografien dirigierten: der richtige Ort, die richtige Zeit oder die richtigen Kontakte. Meine Mutter konnte sich in den Räumlichkeiten ihrer alten Poliklinik als Kassenärztin niederlassen. Dafür musste sie zwar mit über fünfzig Unternehmerin werden und Kredite schultern, / aber die Arbeit blieb ihr erhalten. So half den einen das Quäntchen Glück, andere gerieten in die Teufelsmühle von Jobverlust, Arbeitsbeschaffungs-maßnahmen und Umschulung." (S.159/160)
Gemeinsamkeiten von DDR und BRD
„Viele
sind sich der Ähnlichkeiten während der 40 Jahre Trennung nicht
bewusst“ FR 30.9.23
Interview mit Gunilla
Budde ["So fern, so nah. Die beiden deutschen
Gesellschaften (1949-1989) 2022]
"Die
Liebe zu Jeans und zum Kleingarten: Die DDR und die BRD hatten viel
gemeinsam. Historikerin Gunilla Budde über eine geteilte deutsche
Geschichte, von der wir auch jetzt noch lernen können. [...]
Die
Gärten in der DDR wurden noch weit stärker als in der
Bundesrepublik zur Selbstversorgung genutzt – und manchmal auch für
mehr. In meinem Buch berichtet ein Zeitzeuge, dass er an einem
Lebensmittelgeschäft ein Schild entdeckte, auf dem
überraschenderweise nicht der Ver- sondern der Ankauf von Obst und
Gemüse von Schrebergärten aus der Umgebung beworben wurde. Verlegen
erklärte der Händler, dass er in seinem Laden ausschließlich Obst
und Gemüse aus den umliegenden Kleingärten verkaufen würde. [...]
Über
die gesamten 40 Jahre der Trennung wurden Pakete von West- nach
Ostdeutschland geschickt. Was genau packten die Familienmitglieder
ihren Verwandten hinein?
Zunächst gab es
staatliche Vorgaben, was hinein durfte und was nicht. Das SED-Regime
hatte die Sendungen genau im Auge, rechnete aber auch zunehmend mit
ihnen. Die beliebtesten Produkte waren Bohnenkaffee, Seife,
Perlonstrümpfe und Apfelsinen. Weil die Pakete oft länger unterwegs
waren, faulten manchmal die Orangen schon etwas. Man kann sich
vorstellen, dass sich dadurch ein ganz eigenartiger Duft entwickeln
konnte: Eine Mischung aus Kaffee, überreifen Südfrüchten und Seife
verbanden die ostdeutschen Familien mit den Paketen, gleichsam den
Duft der großen, weiten Welt. Entsprechend fieberte man allmonatlich
dem Westpaket entgegen.
[...] bei aller
Freude, die sie auslösten, wurde die Geschichte der Westpakete nach
und nach auch zu einer Geschichte der Missverständnisse.
Allabendlich vorm Fernseher sah die Ostverwandtschaft im
Werbefernsehen, was es im Westen alles an Markenprodukten zu kaufen
gab. Das steigerte die Erwartungen, aber auch die Forderungen. Wenn
dann der Aldi-Kaffee im Paket ankam, der im Westen selbst getrunken
wurde – und nicht die ersehnte „Krönung“ – kam es zu
Spannungen. Die Westverwandtschaft wiederum schickte teilweise auch
noch in den 1970er Jahren Mehl, Butter und Rosinen, die in der DDR
schon lange keine Mangelware mehr waren.
Als
Dank für die West-Pakete kamen aber auch Päckchen aus dem Osten.
Eben
dafür wurden diese Zutaten geschickt. Denn ein Klassiker zu
Weihnachten war der Dresdner Stollen. Aber auch Langspielplatten des
Thomaner-Chors und die handgeschnitzten Erzgebirgsengel waren
beliebte Gegengaben, mit denen man sich im Osten revanchieren wollte,
um nicht als bloßer Almosenempfänger dazustehen. Doch die
spannungsreiche Schieflage blieb, denn Westpakete wurden bis zum Ende
der DDR verschickt. [...]"
Steffen Mau:
Im
großen und ganzen besteht Einigkeit über die
Haupteinschätzungen. [Das Problem ist nur, dass die Leute nicht
das tun wollen, was für die gewünschten Ziele erforderlich
wäre.]
"Ich
befürchte, dass gerade Wasser in das Fundament des Hauses der
Demokratie eintropft. Und es ist wahnsinnig aufwendig, das
durchnässte Fundament wieder trockenzulegen. Deswegen ist es so
gefährlich, wenn Akteure aus der Mitte affektgeladene Diskurspolitik
betreiben. Das habe ich der Regierung auch gesagt."
In
der Sprache der Versicherungen nennt man so
etwas Allmählichkeitsschaden.
Der wird lange nicht entdeckt, bis er ungemein groß geworden ist.
Die
gegenwärtigen Konflikte bezögen sich aber nicht auf das
Hauptproblem, sondern auf sogenannte Trigger.
Also so etwas wie Gendern oder Verbote kleinerer Art. Man regt sich
wahnsinnig darüber auf, obwohl man in den Hauptfragen an sich
übereinstimmt.