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Freitag, 31. Oktober 2025

Volksstimme

 Die Volksstimme ist eine Zeitung für Sachsen-Anhalt. Der Name klingt nach Volksentscheid und urdemokratisch.

Doch die Wikipedia weist darauf hin: "Die Volksstimme wird verlegt von der Mitteldeutsche Verlags- und Druckhaus GmbH[2], die zur Bauer Media Group gehört. Der Bauer Media Group gehört seit Januar 2020 mit der Mitteldeutschen Zeitung auch die zweite große Tageszeitung aus Sachsen-Anhalt.[3]" und ergänzt: "Lediglich in der Altmark hat sie mit der 1990 gegründeten Altmark Zeitung einen Wettbewerber."

Für mich zeigt sich: Zeitungen aus dem Gebiet der ehemaligen DDR sind mir weniger geläufig. Nur Beiträge der Mitteldeutschen Zeitung nehme ich öfter wahr. Ob das am Namen liegt, der auf Mitteldeutschland hinweist?

Dazu wiederum die Wikipedia: "Seit der deutschen Einheit 1990 gibt es zunehmend Bestrebungen, das Attribut Mitteldeutschland den Ländern SachsenSachsen-Anhalt und Thüringen, als Kerngebiet zusammengefasst, zuzuordnen. In diesem Sinne fand nach der Jahrhundertflut 2002 in Halle (Saale) die Auftaktveranstaltung der Initiative Mitteldeutschland statt.[1]"

Der Begriff Ostdeutschland ist weniger präzis gefasst: Die Wikipedia unterscheidet: "Ostdeutschland seit 1990 umfasst das Gebiet der seit der deutschen Wiedervereinigung bestehenden neuen Länder und die zugehörige Bevölkerung." (Wikipedia) und "Ostdeutschland bezeichnet den Osten Deutschlands. Der Begriff hat mehrere geographische, politische und soziokulturelle Bedeutungen, die nicht deckungsgleich sind. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden als Ostdeutschland gemeinhin die östlich der Elbe gelegenen Teile Deutschlands bezeichnet (Ostelbien). Einschränkend waren damit auch nur die östlich von Oder und Neiße gelegenen preußischen Gebiete OstpreußenHinterpommernWestpreußenSchlesien und die Provinz Posen gemeint. Nach 1945 hatte der Ausdruck eine doppelte Bedeutung, da nun auch das Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 die Deutsche Demokratische Republik so genannt wurden, während die alte Bedeutung in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin im Gebrauch blieb. Das Staatsgebiet der DDR wurde als Mitteldeutschland bezeichnet. Die Unterscheidung von Ost- und Mitteldeutschland spielte nicht zuletzt im Diskurs der Vertriebenenverbände und der ihnen angeschlossenen Kultureinrichtungen eine Rolle. Ostdeutschland seit 1990 wird im politischen und wirtschaftlichen Sinn als Synonym für die Neuen Länder nach der deutschen Wiedervereinigung gebraucht." (Wikipedia)

Der Begriff Mitteldeutschland bleibt vieldeutig. Dazu die Wikipedia: "Der Begriff Mitteldeutschland dient der Bezeichnung eines im weitesten Sinne zentral in Deutschland gelegenen Gebietes; er findet im geographischen, linguistischen,   historischen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und weiteren Zusammenhang Verwendung.

Da das Gebiet nicht eindeutig oder je nach Wissenschaftszweig unterschiedlich definiert ist, überschneidet sich der Begriff mit den vielschichtigen Definitionen Nord-Ost-Süd- und Westdeutschlands. Bereits 1819 entstand auf dem Gebiet der Wirtschaft die Idee von Mitteldeutschland." 

Sonntag, 29. Oktober 2023

Schnipsel aus der DDR-Geschichte

 Steffen Mau: Lütten Klein Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp 2019

1. Leben in der DDR

Die Erinnerung an die DDR-Gesellschaft trügt rallerdings nicht vollends, auch wenn sie nur einen Teil der Verhältnisse spiegeln mag. In der DDR spielte die normative Selbstbindung an gesellschaftliche Gleichheitsziele eine große Rolle, der erreichte Grad an sozialer Egalität galt sogar als Fortschrittsmaß der sozialistischen Gesellschaft. Die DDR hat zwar nicht die klassenlose Gesellschaft eingeführt, sich aber doch daran gemacht, gravierende materielle Ungleichheiten zu beseitigen. Die Enteignungswellen in der sowjetischen Besatzungszone und in den ersten Jahren der DDR, die Verstaatlichung großer Bereiche/sowie die begrenzten Möglichkeiten der Vermögensbildung wirkten der Entstehung von Besitzklassen im Sinne des Soziologen Max Weber entgegen. Das Eigentum an Immobilien, Luxusgütern oder Produktionsmitteln war kein hervorstechendes gesellschaftliches Differenzierungskriterium, dass eine Statusordnung begründet hätte. Als privilegiert galten diejenigen, denen ein Häuschen an der Ostsee gehörte oder zugeschanzt wurde. Wer sich jedoch von anderen absetzen wollte, wurde schnell mit Konsumengpässen konfrontiert, dem uniformen Angebot und der  begrenzten Produktpalette. In wichtigen Bereichen, etwa im Wohnungswesen, beim Zugang zur Urlaubsplätzen oder bei der Bildung, spielte Geld nur eine untergeordnete Rolle und wurde von anderen, eher politischen Distributionsmodi überlagert. Was in der Erinnerung als Gesellschaft der Gleichen erscheint, war eine nach unten hin nivellierte Gesellschaft." (S. 43/44)

2. Transformationen, S.113 ff.

Zusammenbruch und Übergang, S.113 ff.

Dieses – für jeden Soziologen spannende – Kippen von Einschüchterung und Anpassung zu offenen Widerspruch erlebte ich als NVA-Soldat im Grundwehrdienst in der Werder Kaserne in Schwerin hautnah mit. ...















Fotos: S.S.118/119

"[...]Was die eigentlich risikoaversen DDR-Bürger trieb, war dabei weniger die Lust am Untergang als vielmehr die Hoffnung auf Veränderung. Das Umschlagen subjektiver Ohnmacht in kollektive Handlungsmacht hatte etwas Berauschendes – so habe ich es damals empfunden und so muss es vielen, vor allen den Jüngeren gegangen sein, selbst wenn sie nicht zur Opposition zählten. War bislang alles starr und vorherbestimmt, hatten die versteinerten Verhältnisse, mit Marx gesprochen nun plötzlich zu tanzen begonnen." (Steffen Mau: Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Suhrkamp 2019, S.121)

2. Blaupause West, S.133 ff.

Der Organisierungsgrad der Parteien war weit geringer als im Westen. "Einzig die Linkspartei war mit einem festen Wählerstamm im Osten von Anbeginn verankert, wobei die Mitglieder Basis durch das Wegsterben der Älteren immer schmaler wird. Die AfD beginnt seit einiger Zeit, mehr und mehr Mitglieder einzusammeln – Ende 2018 waren es in Mecklenburg-Vorpommern schon über 750, die angegebene Zielmarke ist 1000. Schaut man auf die Ergebnisse der letzten Europawahl im Mai 2019, scheint die AfD auf dem Weg zur ostdeutschen Regionalpartei, die die traditionellen Volksparteien zum Teil überholt." (S.145) [Die Landtagswahlen in Bayern und Hessen 2023 zeigten freilich auch im Westen in dieselbe Richtung.]

"Die Wiedervereinigung steht, so gesehen, für eine Unternutzung des demokratischen Potenzials der friedlichen Protestbewegung und für eine Übernutzung des nutz nationalen Potenzials politische Mobilisierung. Den Lohn ehemaligen DDR Bürgern wurde zu verstehen gegeben, dass ich ihre Stellung und ihr Status vor allem vom Deutsch – sein ableitet und nicht auf ein Republikanisches Verständnis der Mitglieder schafft zurückgeht. Angesichts des Verlustes der Heimat DDR und der gleichzeitigen kulturell – politischen Entwertung dieser Identitätsressourcen nimmt es nicht Wunder, dass ich viele ostdeutsche bereitwillig auf dieses neue Identitätsangebot einlesen. Die DDR war keinesfalls frei von nationalen Anwandlungen, im Prozess der Vereinigung wurden diese Leidenschaften aber weiter versiert und identitätspolitisch aufgeladen (S. 149)

3. Vermarktlichung S.150 ff.
Allein von 1989 auf 1990 brach die Industrieproduktion der DDR um über vierzig Prozent ein, weil im Osten die Märkte wegfielen und/man gegenüber dem Westen nicht konkurrenzfähig war: die ersten Entlassungswellen trafen die Menschen aus heiterem Himmel. [...] Von den im Jahr 1989 Erwerbstätigen arbeiteten vier Jahre später gut zwei Drittel nicht mehr im ursprünglichen Beruf, bei Personen auf den höheren Leitungspositionen waren es neunzig Prozent. Arbeitslosigkeit wurde binnen kürzester Zeit zum ostdeutschen Kollektivschicksal, wobei die Folgen weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinausgingen. In praktisch jeder Familie musste(n) ein oder gar mehrere Mitglieder zu Hause bleiben, die urplötzlich nichts mehr mit sich anzufangen wussten und darauf warteten, dass die Gesellschaft ihnen ein Angebot machen würde. [...] Die im Westen nicht unumstrittene Eingliederung der ehemaligen DDR-Bürger in die bundesdeutschen Sozialsysteme war das Palliativ, um den Schmerz des Absturzes einigermaßen zu lindern." (S. 151)
"In den Folgejahren kam es in ganz Ostdeutschland im Zeitraffer zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit bis auf Höchstwerte von über 20 Prozent. Vierzig aller Beschäftigten waren bis 1996 mindestens einmal arbeitslos. Die Frauen waren davon noch deutlich stärker betroffen als die Männer, was auch damit zu tun hatte, dass sie häufig in Sektoren arbeiteten, in denen der Strukturwandel besonders stark zuschlug: [...] Begleitet wurde die krankmachende Gesundschrumpfung durch eine ganze Reihe arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen, die für Ostbiografien als typisch gelten können: Vorruhestand, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungen und Kurzarbeit machten aus ehemaligen Werktätigen Kostgänger des Sozialstaates, die nun am Tropf öffentlicher Zuwendungen hingen. Nicht umsonst hat man die ostdeutschen als 'Pioniere der Prekarität' bezeichnet." (S.153)

"Die vielbeschworene Individualisierung ging in Ostdeutschland mit sozialer Separierung ein her. Freundeskreise zerrissen, Familienbande lockerten sich, Bildungskarrieren entwickelten sich auseinander, die Nähe des Wohnens wurde aufgehoben. Konkret stellten sich Fragen wie: Wer in meinem Freundeskreis kann sich den Restaurantbesuch oder eine gemeinsame Urlaubsreise leisten? Die formierte und auf einheitlich getrimmte Gesellschaft wurde fragmentierter, was auch bedeutete, dass die Individuen aufgefordert waren, sich in einer unübersichtlicher werdenden Statuslandschaft zu neu zu verordnen. [...] 
Wer gehofft hatte, nach dem Ende der DDR-typischen politisierten Verteilung von Positionen und Ressourcen würden nunmehr meritokratische Prinzipien einziehen, wurde enttäuscht. Statt Qualifikation und Leistungsbereitschaft waren es kontingente Umstände, die die Post-Wende-Biografien dirigierten: der richtige Ort, die richtige Zeit oder die richtigen Kontakte. Meine Mutter konnte sich in den Räumlichkeiten ihrer alten Poliklinik als Kassenärztin niederlassen. Dafür musste sie zwar mit über fünfzig Unternehmerin werden und Kredite schultern, / aber die Arbeit blieb ihr erhalten. So half den einen das Quäntchen Glück, andere gerieten in die Teufelsmühle von Jobverlust, Arbeitsbeschaffungs-maßnahmen und Umschulung." (S.159/160)

Gemeinsamkeiten von DDR und BRD

Viele sind sich der Ähnlichkeiten während der 40 Jahre Trennung nicht bewusst“ FR 30.9.23

Interview mit Gunilla Budde ["So fern, so nah. Die beiden deutschen Gesellschaften (1949-1989) 2022]

"Die Liebe zu Jeans und zum Kleingarten: Die DDR und die BRD hatten viel gemeinsam. Historikerin Gunilla Budde über eine geteilte deutsche Geschichte, von der wir auch jetzt noch lernen können. [...]

Die Gärten in der DDR wurden noch weit stärker als in der Bundesrepublik zur Selbstversorgung genutzt – und manchmal auch für mehr. In meinem Buch berichtet ein Zeitzeuge, dass er an einem Lebensmittelgeschäft ein Schild entdeckte, auf dem überraschenderweise nicht der Ver- sondern der Ankauf von Obst und Gemüse von Schrebergärten aus der Umgebung beworben wurde. Verlegen erklärte der Händler, dass er in seinem Laden ausschließlich Obst und Gemüse aus den umliegenden Kleingärten verkaufen würde. [...]

Über die gesamten 40 Jahre der Trennung wurden Pakete von West- nach Ostdeutschland geschickt. Was genau packten die Familienmitglieder ihren Verwandten hinein?

Zunächst gab es staatliche Vorgaben, was hinein durfte und was nicht. Das SED-Regime hatte die Sendungen genau im Auge, rechnete aber auch zunehmend mit ihnen. Die beliebtesten Produkte waren Bohnenkaffee, Seife, Perlonstrümpfe und Apfelsinen. Weil die Pakete oft länger unterwegs waren, faulten manchmal die Orangen schon etwas. Man kann sich vorstellen, dass sich dadurch ein ganz eigenartiger Duft entwickeln konnte: Eine Mischung aus Kaffee, überreifen Südfrüchten und Seife verbanden die ostdeutschen Familien mit den Paketen, gleichsam den Duft der großen, weiten Welt. Entsprechend fieberte man allmonatlich dem Westpaket entgegen.

[...] bei aller Freude, die sie auslösten, wurde die Geschichte der Westpakete nach und nach auch zu einer Geschichte der Missverständnisse. Allabendlich vorm Fernseher sah die Ostverwandtschaft im Werbefernsehen, was es im Westen alles an Markenprodukten zu kaufen gab. Das steigerte die Erwartungen, aber auch die Forderungen. Wenn dann der Aldi-Kaffee im Paket ankam, der im Westen selbst getrunken wurde – und nicht die ersehnte „Krönung“ – kam es zu Spannungen. Die Westverwandtschaft wiederum schickte teilweise auch noch in den 1970er Jahren Mehl, Butter und Rosinen, die in der DDR schon lange keine Mangelware mehr waren.

Als Dank für die West-Pakete kamen aber auch Päckchen aus dem Osten.

Eben dafür wurden diese Zutaten geschickt. Denn ein Klassiker zu Weihnachten war der Dresdner Stollen. Aber auch Langspielplatten des Thomaner-Chors und die handgeschnitzten Erzgebirgsengel waren beliebte Gegengaben, mit denen man sich im Osten revanchieren wollte, um nicht als bloßer Almosenempfänger dazustehen. Doch die spannungsreiche Schieflage blieb, denn Westpakete wurden bis zum Ende der DDR verschickt. [...]"

Steffen Mau:

Im großen und ganzen besteht Einigkeit über die Haupteinschätzungen. [Das Problem ist nur, dass die Leute nicht das tun wollen, was für die gewünschten Ziele erforderlich wäre.]

"Ich befürchte, dass gerade Wasser in das Fundament des Hauses der Demokratie eintropft. Und es ist wahnsinnig aufwendig, das durchnässte Fundament wieder trockenzulegen. Deswegen ist es so gefährlich, wenn Akteure aus der Mitte affektgeladene Diskurspolitik betreiben. Das habe ich der Regierung auch gesagt."

In der Sprache der Versicherungen nennt man so etwas Allmählichkeitsschaden. Der wird lange nicht entdeckt, bis er ungemein groß geworden ist.

Die gegenwärtigen Konflikte bezögen sich aber nicht auf das Hauptproblem, sondern auf sogenannte Trigger. Also so etwas wie Gendern oder Verbote kleinerer Art. Man regt sich wahnsinnig darüber auf, obwohl man in den Hauptfragen an sich übereinstimmt. 


Samstag, 9. November 2019

Geschichte zweier deutscher Staaten und ihre Fortsetzung

https://www.zum.de/fontane44/geschichte_deutschlands_ab_1945_1.htm (Zeittafel mit Links)
https://unterrichten.zum.de/wiki/Deutschland_1945-1989
https://unterrichten.zum.de/wiki/DDR

Detlef PollackPolitischer Protest (Politisch alternative Gruppen in der DDR, 2000)

https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2019/05/berliner-mauer-mauerbau-mauerfall-pressekonferenz/komplettansicht

https://www.zeit.de/2019/46/ostdeutschland-wiedervereinigung-westdeutsche-lafontaine-ditfurth-theo-sommer/komplettansicht

https://www.zeit.de/2019/46/ostdeutschland-junge-menschen-herkunft-wiedervereinigung-jubilaeum

Baseballschlägerjahre
https://www.zeit.de/2019/46/neonazis-jugend-nachwendejahre-ostdeutschland-mauerfall

https://www.zeit.de/suche/index?q=Erkl%C3%A4r+mir+den+Osten&type=article&type=gallery&type=video

Literatur über die Zeit vor und nach der Einigung:
Ingo Schulze: „Simple Storys“, 1998;  „Neue Leben“,2005  „Adam und Evelyn“, 2008,  „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“, 2017
Uwe Tellkamp: „Der Turm“, 2008
Eugen Ruge: „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, 2011 
Lutz Seiler: „Kruso“, 2014
Thomas Brussig: „Helden wie wir“, 1995

Einzelschicksale:
Eine Familie, deren Mitglieder zum Teil sowohl in der DDR und wie in der BRD aus politischen Gründen im Gefängnis saßen.
"Bei Dirk Kampling, geboren am 9. November, weckte die Maueröffnung Ängste statt Freude. Denn sein Vater, seine Mutter, sein Bruder und er selbst waren politisch inhaftiert - in der BRD und in der DDR." (SPON 9.11.19)
https://www.spiegel.de/geschichte/mauerfall-ein-familiendrama-zwischen-ddr-und-brd-a-1294935.html

Flucht: ballonflucht.de

Mittwoch, 15. Mai 2019

Doppelnamen und Doppeldeutschland

"Männernamen sind immer toll. Und Frauennamen sind immer scheiße. Und Doppelnamen sind doppelt scheiße?"
Sie haben sicher davon gelesen: Mit dieser Frage hatte sich Gabriele Möller-Hasenbeck in der vergangenen Woche im Kölner Gürzenich überraschend auf die Bühne begeben, um den dort auftretenden Comedian Bernd Stelter auf ihren Unmut über seine Scherze hinzuweisen. Stelter hatte sich zuvor im Zusammenhang mit der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer über Doppelnamen lustig gemacht.
Es ist keineswegs übertrieben, wenn ich sage, dass dieser in der Weltpolitik vergleichsweise harmlos erscheinende Vorfall und all seine bisherigen Begleiterscheinungen großes Interesse bei mir hervorgerufen haben. Das "Steltergate", wie es in den sozialen Netzwerken schnell genannt werden sollte, fördert nämlich Probleme verschiedenster gesellschaftlicher Ebenen zutage und nicht zuletzt auch einen bedauerlichen, noch immer bestehenden Graben zwischen Ost und West.[...]
Worin besteht nun der Unterschied zur ostdeutschen Frau?
Es ist im Osten ja nicht so, dass wir keine Frauen mit Doppelnamen gekannt haben. Schon der Name Irma Gabel-Thälmanns, die bereits jedem Jungpionier bekannte Tochter des kommunistischen, in der DDR-Erinnerungskultur gehypten Widerstandskämpfers Ernst Thälmann, spricht für sich. Und mit der populären Langläuferin und Biathletin Simone Greiner-Petter-Memm schoss die zielsichere DDR-Sportlerin mit einem Dreifach-Namen einmal über selbiges hinaus.
Ja. Doppel- und sogar Mehrfachnamen gab es in der DDR, aber besonders häufig waren sie nicht. Vielleicht weil sich die Emanzipation der ostdeutschen Frauen bis heute eher wenig über Sprache definiert. In diesem Zusammenhang wage ich zu behaupten, dass die Generationen der bis etwa 1980 geborenen ostdeutschen Frauen mit Gender-Sternchen und Innen-Endungen eher wenig am Hut hat. Meiner Mutter zum Beispiel war es völlig gleich, ob sie Zahnarzt oder Zahnärztin genannt wurde. Sie hatte Zahnmedizin studiert und diesen Beruf ausgeübt. Fertig. Einem Mann gegenüber habe sie sich noch nie unterlegen gefühlt, sagt sie. Und dieses Gefühl teile ich mit ihr uneingeschränkt. Es sind aber Wahrnehmungen. Es ist unsere Wirklichkeit. Es liegt mir fern, diese als einzig geltende darzustellen." (Doppeldeutschland. Was die Diskussion über Witze auf Kosten von Frauen mit Doppelnamen über Ost und West verrät von Ulrike Gastmann, ZEIT 6.3.19)