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Samstag, 16. Dezember 2023

Über die Abkehr vom verständigungsorientierten Diskurs

 Vor allem poststrukturalistische Perspektiven haben seit den 1980er Jahren die Konsensorientierung des deliberativen Diskursmodells kritisiert und in ihrer Vorstellung von Demokratie den Dissens in den Vordergrund gerückt.

VERSTÄNDIGUNGSORIENTIERTER DISKURS

Das generelle Verständnis eines verständigungsorientierten Diskurses ist vor allem durch Jürgen Habermas’ Diskursethik geprägt, die besonders in Deutschland breiten Eingang in die politische Kultur gefunden hat. In seiner Theorie des kommunikativen Handelns geht Habermas von folgender Beobachtung aus: Die Gesellschaft reproduziert sich über ökonomische Zwänge und staatliche Machtausübung, bedarf jedoch für ihr Fortbestehen immer auch eines erheblichen Maßes an intersubjektiver Verständigung. In diesem Verständigungsprozess einigen sich die Gesellschaftsmitglieder auf Geltungsansprüche, das heißt, sie stimmen darüber überein, dass etwas der Fall ist (kognitiver Geltungsanspruch) oder ein Gebot besteht, dem man Achtung schenken soll (normativer Geltungsanspruch). Zudem tauschen sie Gefühlseindrücke aus, für die sie Authentizität beanspruchen (ästhetischer Geltungsanspruch). In der intersubjektiven Verständigung sind die unterschiedlichen Geltungsansprüche zumeist miteinander verschmolzen. Zudem werden sie im Alltag in der Regel naiv hingenommen, ohne selbst als solche hervorzutreten und hinterfragt zu werden. 06

Dies ändert sich, sobald ein Dissens entsteht. Dann kann die Kommunikation nicht länger im Modus alltäglicher Gewissheiten fortgesetzt werden, sondern muss auf die Ebene des Diskurses wechseln. Hier werden die zuvor unproblematischen Geltungsansprüche problematisiert und zum Gegenstand der gemeinsamen Erörterung gemacht. Im Diskurs werden Argumente vorgetragen, abgewogen, widerlegt und revidiert.

06 Vgl. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Frankfurt/M. 1995 [1981].

mehr dazu (zugleich Quellenhinweis)

daraus:

"Über Sieg und Niederlage im Kampf um die kulturelle Hegemonie entscheiden für sie nicht zuletzt „affektive Kräfte, die am Ursprung der kollektiven Formen von Identifikation“ stehen. 

Zur Auflösung der Fußnote[25] Das in dieser Hinsicht stärkere Lager kann mehr Menschen mobilisieren und setzt sich so gegenüber der Gegenseite durch. Liberale und linke Parteien wie auch soziale Bewegungen sollen den Kampf um die Herzen der Menschen aufnehmen und den populistischen Affekten der Rechten linkspopulistische Leidenschaften und Identifikationsmöglichkeiten entgegensetzen.

Dieser Blick auf die heutigen Konfrontationen mag Betrübnis und Besorgnis hervorrufen, scheint aber empirisch zuzutreffen: Blickt man auf die artikulierten Normen und Werte, scheint jeder common ground zwischen linksliberalen und rechtspopulistischen Kreisen abwesend und ein verständigungsorientierter Diskurs somit kaum möglich. Wenn nationalistische und antimoderne Agitatoren den liberaldemokratischen Grundkonsens universeller Menschenrechte und gleicher Freiheiten nicht anders auslegen, sondern schlichtweg verneinen und durch eine hierarchische Welt- und Sozialordnung austauschen wollen, fehlt augenscheinlich die Grundlage, auf der agonal oder vernünftig gestritten werden kann." (Hervorhebung von Fontanefan). 

Meine Position ist freilich, man sollte es nach Möglichkeit trotzdem versuchen, denn es ist wichtig dafür, dass man die Denkstrukturen des anderen kennenlernt und vielleicht bei einer neuen Kommunikation anders ansetzen kann. Freilich geht man damit die Gefahr ein, von denen missverstanden zu werden, die die Diskurssituation nicht verstehen. Ich besinne mich, dass ich in den 68er Jahren ein Vokabular verwendet habe, das mir inzwischen selbst ziemlich fremd geworden ist. (Fontanefan)

Montag, 9. Dezember 2019

Joerg Scheller über Pluralismus

Joerg Scheller @joergscheller1
Ein paar Worte zum #Pluralismus. Ich studierte von 2001–2005 #Kunstgeschichte am Kunsthistorischen Institut der #UniversitätStuttgart. Dort lehrten unter anderem #BeatWyss, #ReinhardSteiner, #VerenaKrieger und #CaecilieWeissert. Für mich eine fruchtbare Konstellation.
 Wyss als Vertreter der 68er-Linken, Mitbegründer der schweizerischen progressiven Gesellschaften, kämpferischer Public Intellectual.
Steiner als Konservativer und Bellizist, der im Ganggespräch schon mal den Vietnamkrieg verteidigte, also eher rechts im demokratischen Spektrum.
 Krieger als Gründungsmitglied von #DieGrünen, ehemalige Bundestagsabgeordnete, linker ökosozialistischer Parteiflügel, überzeugte Feministin.
Weissert, zumindest im Unterricht, unpolitisch, ruhig, sachlich, differenziert, sorgfältig, grossen Wert auf Methodologien legend.
 Ich habe von diesem Spannungsfeld, in welchem keine(r) der Involvierten absolute Deutungshoheit hatte, ungemein profitiert. Zu jeder Position gab es Gegenpositionen, die blinden Flecke jeder Haltung, jeder These traten ebenso zutage wie ihre Berechtigung und ihre Potentiale. So wünsche ich mir Institutionen, Organisiationen, die Gesellschaft. Es gilt, von Pluralität zu lernen, und das beinhaltet Konflikte, Widersprüche, Reibung. Aus heutiger Sicht stellen sich mir diese vier Jahre als "good practice" des Rawl'schen überlappenden Konsenses dar. Der "common ground" bestand im Interesse an Kunst, Wissenschaft, Forschung, Erkenntnis, Weiterentwicklung des Fachgebiets. WIE das zu erfolgen hatte, WIE etwas bewertet werden sollte, war Gegenstand von Austausch, Verhandlungen, auch Streit, der sich nicht immer schlichten ließ. Gerade an Bildungseinrichtungen braucht es die Gleichzeitigkeit von diversen, nicht-extremistischen Positionen. Man lernt, indem man Inhalte, Thesen, Vorgehensweisen prüft & vergleicht – nicht, indem man in einem Raum des prästabilierten, schon vorab festgelegten Guten studiert. (Joerg Scheller auf Twitter)

Zunächst eine Twitterstellungnahme: " #Kunstgeschichte ".  Bei Gelegenheit eine differenziertere Antwort.