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Samstag, 26. Juni 2021

Was sich (nicht) gehört

 Kathrin Passig macht in ihrer Kolumne in der FR vom 26.6.21 darauf aufmerksam, dass es sich nicht gehört, wenn man hinter Leuten vorbeigeht, auf ihre Handys zu schauen. 

Dabei ist es doch unproblematisch, auf das Buch zu sehen, das jemand liest. Aber da steht ja nicht sein eigener Text.

Es gehört sich nicht, weiblichen Personen auf die Brust zu starren, so dass es T-Shirts gibt, auf denen steht "Mein Gesicht ist weiter oben". Dabei gehört es sich je auch nicht, jemanden mit seinen Blicken zu fixieren. 

Die Brust nicht ansehen, weil sie ein (sekundäres) Geschlechtsmerkmal ist? Aber es ist doch unproblematisch, sich einen Bart anzusehen. Aber den lässt sich der Besitzer absichtlich wachsen. Bei der Brust ist das anders. Aber wenn sich die Besitzerin sie absichtlich hat vergrößern lassen? Inzwischen lassen sich viele auch den Po vergrößern.

Es ist nicht einfach. In Ländern, in denen es unüblich ist, Gardinen hinter den Fenstern zu haben, gehört es sich nicht, in die Fenster zu schauen. Jedenfalls in Irland. Und in den Niederlanden?

Beim Warten auf den Aufzug sieht man sich nicht ausdrücklich an, sondern sieht auf das Display, das angibt, wo der Aufzug gerade ist. Im Aufzug sieht man in eine unverfängliche Richtung, was sich ändert, wenn der stecken bleibt. 

Verboten ist es nicht, zu registrieren, wenn ein Paar nebeneinander sitzt und jede(r) aufs Handy schaut. Verboten ist es auch nicht, zu registrieren, was für eine Zeitung jemand liest oder kauft. 

Jemanden auf das ansprechen, was er gerade liest, macht man aber besser nur, wenn man länger zusammen ist, etwa auf einer Bahnfahrt. Da ist die große Chance, jeanden unverbindlich für die Dauer einer Fahrt kennenzulernen. 

Auf diese Art haben sich in Italien meine Mentorin und unsere Kinderfrau kennengelernt, die beide denselben Nachnamen haben und deren Freundschaft Jahrzehnte überdauert hat. 

Aber das kommt bei Passig nun wirklich nicht vor, doch sie hat manches Nachdenken und Erinnern angeregt. 

Samstag, 15. August 2020

Kathrin Passig über Twitter und anderes

@kathrinpassig schreibt in der FR (15./16.8.20, S.10) treffend u differenziert über die Schwierigkeiten, Netzwerke endgültig zu verlassen. Kurzformel "Je Türknall, desto wiederkomm" und lässt offen, ob sie die erfunden hat.

mehr von ihr (Interview im Tagesspiegel):
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/interview-mit-netzexpertin-kathrin-passig-meistens-brauche-ich-eine-halbe-stunde-pro-tweet/9250450-all.html (25.12.2013)

"[...] Am 8. Juni twitterten Sie: „233 Tweets über die Unbegreiflichkeit von Interlaken verfasst und wieder gelöscht, Kapitulation und Abreise.“

Ich habe lange versucht, etwas über Interlaken zu sagen. Erst als ich im Zug war, habe ich getwittert.
Katharsis bedeutet: Es geht Ihnen nach dem Scheintwittern besser. Doch es ist unbefriedigend, einen Text vor der Veröffentlichung zu löschen.

Muss nicht sein. Ich finde es sogar etwas besser.[...]
Ich habe schon öfter davon profitiert, eine Frau zu sein – und in dem Moment, wo es zu den eigenen Ungunsten ausschlägt, soll ich „Aufschrei“ rufen? [...]
Seit seinen Anfangszeiten tut das Netz genau das: Es belegt, dass Phänomene, die bisher als Einzelfälle galten, im Prinzip schon Alltag und Norm sind. [...]
Uns hat Ihr Tweet zum Tod Ihres guten Freundes Wolfgang Herrndorf sehr berührt.

Wolfgang war’s wichtig, dass es nicht in allen Nachrufen heißt, er sei dem Krebs erlegen. Das hätte sofort in seinem Blog stehen müssen, oder im Wikipedia-Eintrag.
* Sein Blog war überlastet, und den Wikipedia-Eintrag dürfen nur schon länger angemeldete Nutzer bearbeiten. Im engeren Kreis haben wir in einem Chat überlegt, was jetzt zu tun ist, und ich dachte: Na gut, dann halt Twitter. So werden diese Informationen schnell und breit gestreut.
Daran gab es viel Kritik.

Ja, einerseits gilt Twitter vielen als frivol und unseriös – ein alberner Vorwurf, Twitter ist ja nicht dem Veröffentlichen von Katzenscherzen vorbehalten. Andererseits beschwerten sich manche, der Tweet sei zu detailreich gewesen: „Aber der Werther-Effekt!“ Da hätte Wolfgang zwar nur drüber gelacht und gesagt: „Die sollen erst mal sehen, wo die ’ne Waffe herkriegen.“ Aber wenn ich gewusst hätte, dass es tatsächlich eine Übereinkunft unter Journalisten gibt, bei Suiziden Ort und Todesart nicht zu nennen, hätte ich das auch nicht getan. Die Details waren ja nicht so wichtig. [...]" <Hervorhebung Fontanefan>
*Gegenwärtig heißt es dort: "Herrndorf tötete sich am 26. August 2013 in Berlin selbst.[2][15]" 
Man beachte besonders die Einzelbelege: [2][15].
Ein Retweet von Passig: https://twitter.com/ryanjgallag/status/1293922509415473152

Twitterjargon:
Die Wörter DRUKO und DRÜKO sind DEUTSCHER TWITTER-JARGON, u. von den Erfindern negativ besetzt, werden aber auch neutral gemeint verwendet. #Druko = #DrunterKommentar = #ReplyTweet #Drüko = #DrüberKommentar = #ReTweet mit Kommentar

Samstag, 17. August 2019

Kathrin Passig, Kreol-Sprachen, Shakespeare und Digitalisierung

Obwohl ich damit hadere, dass viele Befürworter der Digitalisierung so tun, als ob sie per se unvermeidbar wäre, bin ich auf dem Weg, ein Fan von Kathrin Passig zu werden, die Elektroroller verteidigt und meint, man könne ja abwarten, ob sie sich durchsetzen.
Als ob es richtig gewesen wäre, dass man abgewartet hat, ob Billigfluglinien sich durchsetzen. Und - und da sind wir bei der Digitalisierung - als ob man abwarten dürfte, ob sich computergesteuerte Autos durchsetzen.
Man darf es nicht angesichts des hohen Energieaufwands für eine Aufgabe, die ähnlich effektiv von Menschen übernommen werden kann und angesichts der Gefahren, die bei einer solchen Technologie durch Stromausfall oder Computermanipulation entstehen.

Kathrin Passig berichtet, dass Jaron Lanier 2012 davor gewarnt hat, dass Maschinenübersetzungen dazu führen könnten, "dass Muttersprachler [...] nach einer Weile bevorzugt Ausdrücke verwenden, die sich zuverlässig übersetzen lassen? Werden nicht die Vorgaben der Übersetzungssoftware allmählich die übersetzten Sprachen verändern?" (FR 17./18.8.19)
Dann schreibt sie weiter: "Jaron Lanier ist zwar selbst so eine Art Software zum Hervorbringen vorhersehbarer Technikkritik. Aber als Herstellerin eventuell genauso vorhersehbarer Technikverteidigung will ich ihm da keine Vorwürfe machen".
Solange ich nicht weiß, dass es schon Algorithmen zur Herstellung solcher selbstironischen  Formulierungen gibt, freue ich mich einfach daran. Umso mehr, als sie darauf verweisen kann, dass sie ihrerseits bei der Herstellung von Übersetzungen zur Synchronisierung von Filmen bemerkt hat, dass man dabei auch als menschlicher Übersetzer möglichst nah bei der Wortgestalt des Ausgangstextes bleibt und dass so einige Formulierungen, die so entstanden sind, schon nach kurzer Zeit in die deutsche Umgangssprache eingedrungen sind.
Ihren Optimismus, dass Kreol-Sprachen keinen großen Verlust gegenüber den Ausgangssprachen darstellen, teile ich zwar nicht; aber sie versteht mit Sicherheit mehr von Sprachen als ich. Und wenn man das Shakespeare-Englisch als Kreol-Sprache aus Angelsächsisch und Anglonormannisch versteht, dann wäre Shakespeare der beste Beweis, dass Kreol-Sprachen an Ausdrucksfähigkeit hinter keiner Originalsprache zurückzustehen brauchen.

Angesichts des Klimawandels müssen wir aber jede unnötigen CO2-Ausstoß vermeiden und dürfen deshalb alles, was ähnlich effektiv von Menschen übernommen werden kann, nicht Maschinen übertragen.
Allerdings glaube ich, dass Digitalisierung, wo sie effektiver ist als menschliche Arbeit einen wesentlichen Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes leisten kann, wenn man sie konsequent genug dafür einsetzt und optimiert.