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Samstag, 2. Februar 2019

euro|topics: Warum rutscht Italien in die Rezession?

Die Wirtschaftsleistung Italiens ist im vierten Quartal 2018 zum zweiten Mal in Folge zurückgegangen. Damit ist das Land in die Rezession gerutscht. Für eine Reihe von Kommentatoren bekommt Italien acht Monate nach dem Antritt der Regierung aus Cinque Stelle und Lega zu Recht die Quittung.
AVVENIRE (IT)

Rom hat Misstrauen gesät

Wachstum hat mit Vertrauen zu tun, und das hat die Regierung in Rom verspielt, konstatiert Avvenire:
„Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem Rückgang von Investitionen und Konsum im Herbst und dem Schwinden des Vertrauens. Denn der Herbst war geprägt von einem politisch-institutionell brisanten Klima und dem Frontalzusammenstoß im Haushaltsstreit - zwischen der Regierung auf der einen und Europa und den Märkten auf der anderen Seite. Eine Konfrontation, die uns 1,7 Milliarden zusätzliche Zinsen auf die Staatsverschuldung gekostet hat. Der Spread [Risikoaufschlag für Staatsanleihen] kletterte auf 350 Basispunkte, die Börse verlor 20 Prozent und Dutzende Milliarden an Ersparnissen landeten im Ausland, weil man - glücklicherweise unbegründet - fürchtete, dass Italien den Euro verlassen könnte.“
Marco Girardo
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CORRIERE DEL TICINO (CH)

Ohne Investitionen kein Wachstum

Schnelles Handeln mahnt Journalist Ferruccio De Bortoli in Corriere del Ticino an:
„Die Investitionen wurden gekürzt, um den von Brüssel geforderten Parametern gerecht zu werden. Eine politisch schmerzlose Möglichkeit, die Konten vorübergehend auszugleichen. Doch so sägt man still und leise am Ast, auf dem man sich mit bequemer Selbstverständlichkeit niedergelassen hat. ... Der Infrastruktur-Sektor ist extrem wichtig. Doch die Regierung ist sich über die Finanzierung von Großprojekten nicht einig, wobei Cinque Stelle mittlerweile eine gewisse Dosis Realismus zugestanden werden muss. ... Rund 400 Großprojekte warten auf ihre Umsetzung. Würden Meinungsverschiedenheiten überwunden und bürokratische Hindernisse abgebaut, würde sich das sowohl auf das Wachstum als auch auf ausländische Investitionen positiv auswirken. Und man würde eine Rezession vertreiben, die bisher nur technisch ist.“
Ferruccio De Bortoli
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SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (DE)

Leider Reformkurs gestoppt

Dass Lega und Cinque Stelle die Schuld für die schlechten Wirtschaftsdaten sogleich wieder anderswo suchen - beim Abschwung in Deutschland und China -, lässt die Süddeutsche Zeitung nicht gelten:
„Schuld sind vor allem sie selbst. Sie haben den Reformkurs der Sozialdemokraten gestoppt, der erste Erfolge und moderates Wachstum brachte. Sie haben sich einen bitteren Streit mit der EU-Kommission geliefert, der viel politische Kraft und Vertrauen von Investoren kostete. Sie erhöhen die Schulden des ohnehin gefährlich hoch verschuldeten Staates. Und sie investieren viel zu wenig in Infrastruktur, Forschung oder Bildung, also in Sektoren, die stabiles Wachstum bringen könnten. Eine Weile wird sich die Regierung noch aus der Verantwortung stehlen können. Doch auf Dauer lassen sich die Italiener nicht täuschen.“
Stefan Ulrich
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LES ECHOS (FR)

Ansatz am falschen Hebel

Dass die kürzlich vom italienischen Parlament verabschiedeten Maßnahmen zur Konjunkturbelebung kaum etwas bewirken werden, glaubt das Wirtschaftsblatt Les Echos:
„Zum einen, weil sie die Haushaltslöcher vergrößern und daher die Zinsen nach oben treiben, was sowohl öffentliche Kassen als auch Banken und Unternehmen belastet. Wahlversprechen wurden verwässert (Bürgereinkommen, Investitionsprogramm), oder aber sie haben keinen positiven Effekt auf den Privatkonsum (vorgezogene Verrentungen). Vor allem aber gehen die Maßnahmen die Schwächen der italienischen Wirtschaft nicht an: Probleme hinsichtlich Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, die Ineffizienz der Verwaltung, die Qualität von Bildung und Ausbildung. Vor der Europawahl wird die populistische Regierung ihre Strategie nicht ändern. Früher oder später wird sie jedoch Rechenschaft ablegen müssen.“
Etienne Lefebvre
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Dienstag, 5. Juni 2018

Zur wirtschaftspolitischen Situation Italiens

"[...] Der finanzpolitische Schlendrian, den deutsche Medien Italien gerne unterstellen, ist nämlich eine Legende. Italien meldete zwar seit Einführung des Euros jedes Jahr ein Haushaltsdefizit – da die Wirtschaft des Landes jedoch schneller als die Schulden wuchs, baute Italien seine Staatsschuldenquote de facto zwischen 1995 und 2007 um 17,9 Prozentpunkte ab. Mit Ausnahme des Jahres 2005 gab es kein Jahr, in dem die italienische Staatsschuldenquote nicht abgenommen hätte. Dank der relativ günstigen Zinsrate, die meist nur 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte über der deutscher Staatsanleihen lag, hatte sich Italien bis zur Finanzkrise an seine relativ hohen, aber immer auch refinanzierbaren, Zinslasten gewöhnt. Erst die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise haben das Land ins Wanken gebracht. [...]"
Jens Berger: Italien hat kein Schulden-, sondern ein Wachstumsproblem, NachDenkSeiten 5.6.18

Montag, 4. Juni 2018

Wie geht es weiter in Slowenien, Spanien und Italien? - euro|topics


Wer kann Slowenien künftig regieren?
In Slowenien hat die Partei SDS des rechtskonservativen Oppositionsführers und Ex-Premier Janez Janša mit 25 Prozent der Stimmen die Parlamentswahl gewonnen. Unter anderem möchte er das Land nach dem Vorbild Ungarns vor Migranten abschotten. Doch viele Kommentatoren können sich die erneute Bildung einer Regierung unter Janša nicht vorstellen und bringen Alternativen ins Spiel.
HVG (HU)

Janša bringt zu viele Altlasten mit

Trotz ihres Wahlsiegs wird die SDS von Ex-Premier Janez Janša wohl nicht regieren, meint hvg:
„Viktor Orbán hat für den Sieger Janša Wahlkampf gemacht und die rechtsgerichtete, slowenische Partei hat auch seine schrille, einwanderungsfeindliche Kampagnentechnik übernommen. Doch dessen Verbündeter aus Ljubljana war mit Unterbrechungen schon acht Jahre an der Regierung. Und wegen Janšas Skandalen aus dieser Zeit ist nur die Partei NSi bereit, entsprechend ihrer Ankündigungen, mit ihm eine Koalition zu bilden - wie Der Standard schreibt. (Janša saß sogar kurz im Gefängnis.) So wird der Sieg wohl nicht fürs Regieren reichen.“
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JUTARNJI LIST (HR)

Zwei schwierige Alternativen

Nach der Wahl sieht Jutarnji list zwei politische Szenarien:
„Sollte Janez Janša an die Macht kommen, wird sich Slowenien mit Ungarn und wahrscheinlich Polen verbünden. Und auch mit der neuen populistisch-xenophoben Regierung in Italien wird sich Janša gut verstehen. Die österreichischen radikal-rechten Freiheitlichen [FPÖ] werden in Ljubljana gern gesehene Gäste sein. ... Sollte die Linke die Regierung bilden, muss Marjan Šarec sagen, was er eigentlich will. Seine letzten Aussagen waren sehr gegen Fremdenfeindlichkeit gerichtet, doch man ist besorgt über Ankündigungen, dass ihn das bestehende Establishment stört. Außerdem handelt es sich um einen Politiker ohne die nötige Erfahrung für den Posten des Premiers, was ein Problem sein könnte.“
Željko Trkanjec
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VEČER (SI)

Auch Neuwahlen sind möglich

Mit Blick auf eine möglicherweise komplizierte Regierungsbildung schließt Večer Neuwahlen nicht aus:
„Slowenien steht eine Zeit politischer Instabilität bevor. ... Auf die neue Regierung warten das Schiedsabkommen mit Kroatien, der Verkauf der größten slowenischen Bank NLB, Streiks im öffentlichen Sektor, sowie die Gesundheits- und Rentenreform. ... Nichts ist ausgeschlossen, nicht einmal, dass wir bald wieder wählen müssen. Deshalb konnte gestern in Wahrheit niemand feiern, auch wenn einige gedacht haben, das Ergebnis hätte auch schlechter ausfallen können. Vielleicht ist bei all dem noch das größte Glück, dass wir in Zeiten des Wirtschaftswachstums leben. Doch wie lange noch?“
Matija Stepišnik
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LA STAMPA (IT)

Erneuter Sieg für Politik der Abschottung

Auch in Slowenien gewinnt ein Politikansatz, der gerade überall Schule macht, klagt La Stampa:
„Es war absehbar, dass eine rechtskonservative Partei siegt, die bisher in der Opposition war, und auf einen Kandidaten setzt, der den Ungarn Viktor Orbán sowie Donald Trump kopiert, um wieder ins Rampenlicht zu treten. Janša verspricht eine harte Anti-Migrationspolitik, mehr Sicherheit und Patriotismus - ein 'Slowenien First' mit anderen Worten. Doch er hat nicht ausreichend Stimmen, um alleine zu regieren. Somit steht auch Slowenien vor einer turbulenten Phase der Regierungsbildung. Auf Platz Zwei landete mit 13 Prozent die anti-systemische Liste von Marjan Šarec [LMS], dem Ex-Komiker und heutigen Bürgermeister von Kamnik, der mit der politischen Kaste ein Hühnchen rupfen will. LMS könnte das Zünglein an der Waage sein.“
Stefano Giantin
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Wer kann Slowenien künftig regieren?
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Kann Sánchez Spanien erneuern?
In Spanien ist Sozialistenchef Pedro Sánchez zum neuen Premier gewählt worden. Sein konservativer Vorgänger Rajoy war zuvor vom Parlament per Misstrauensvotum gestürzt worden. Hintergrund ist ein Korruptionsskandal, in den Rajoys konservative Partei PP tief verstrickt ist. Kommentatoren fragen sich, ob mit Sánchez ein Neustart für Spanien wirklich gelingen kann.
NRC HANDELSBLAD (NL)

Auch Sánchez stammt aus der alten Garde

Dass die Spanier mit Sánchez noch keinen echten Neustart vor sich haben, betont NRC Handelsblad:
„Sánchez stellt sich gerne dar als moderner Sozialist, aber er ist kein Erneuer. Für eine neue Generation von Spaniern sind die PP von Rajoy und die PSOE [von Sánchez] zu starke Symbole für die alte Politik. ... Dass Mitglieder beider Parteien in eine Korruptionsaffäre nach der anderen verwickelt waren, unterstreicht das Bild noch. Jüngere geben ihre Stimme immer häufiger neuen Parteien wie der liberalen Ciudadanos und der linksradikalen Podemos. Auf diese Weise wird Spanien nicht länger nur in rechts und links geteilt, sondern auch in jung und alt.“
Koen Greven
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DUMA (BG)

Iberische Halbinsel kann es Europa zeigen

Nach Portugal wird nun auch Spanien beweisen, dass linke Politik nicht zum Scheitern verurteilt ist, jubelt Duma:
„Sánchez hat die Chance, den politischen Kurs Spaniens grundlegend umzuwälzen. Die Katalonien-Krise wird er wahrscheinlich nicht so leicht in den Griff kriegen. Dafür dürfte die Wirtschaft - das andere große Problem Spaniens - nach der konservativen Sparpolitik Rajoys unter Sánchez aufblühen. Portugal hat es bereits vorgemacht und bewiesen, dass das Mantra von den bösen Sozialisten, die immer alles kaputt machen, und den guten Konservativen, die es wieder in Ordnung bringen, nicht stimmt. Die iberische Halbinsel kann endlich ein Zeichen setzen und dem Rest Europas zeigen, dass linke Politik die richtige Politik ist. Die Zeit dafür ist reif und wir können Pedro Sánchez nur viel Erfolg wünschen!“
Georgi Hristow
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EL MUNDO (ES)

Neuer Premier muss zunächst Brüssel beruhigen

Sánchez darf keine Bedrohung für Europa sein, mahnt El Mundo:
„Man muss anerkennen, dass Sánchez stets sein europäisches Profil unterstrichen hat. Und in der Debatte vor dem Misstrauensvotum konnte er zwar, um nicht die Separatisten zu verschrecken, nur wenig zu seinem Regierungsprogramm sagen. Dabei machte er aber dennoch klar, dass er die Zusagen des Landes gegenüber Brüssel einhalten werde, einschließlich der Vereinbarungen zum Defizit. Jetzt muss er es beweisen. Eine der großen Anstrengungen der ersten Legislatur unter Rajoy bestand darin, mitten in der Wirtschaftskrise dafür zu sorgen, dass Spanien nicht mehr als der kranke Mann Europas angesehen wird. Und die Sozialisten haben nun die unbedingte Pflicht, die Stabilität zu erhalten.“
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Kann Sánchez Spanien erneuern?
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Was machen Populisten aus Italien?
Mit dem Vorschlag eines neuen Kandidaten für das Amt des Wirtschafts- und Finanzministers haben die Protestbewegung Cinque Stelle und die rechtsgerichtete Lega den Weg für eine gemeinsame Regierung freigemacht. Premier wird nun doch der Rechtsprofessor Giuseppe Conte. Europas Kommentatoren diskutieren weiter darüber, ob das Experiment in Rom gut gehen kann.
ZEIT ONLINE (DE)

Europa bedeutet Einmischung

Zeit Online kritisiert die Auffassung, dass sich der Rest Europas nicht in die Angelegenheiten Italiens einzumischen hätte:
„[D]ann müssten wir ... aufhören, von einer europäischen Öffentlichkeit zu reden. Jede Nation unterhielte sich dann nur mehr mit sich selbst, stritte, zerfleischte oder versöhnte sich. Je nachdem. Aber ein Gespräch zwischen den Nationen wäre dann unerwünscht, geradezu unmöglich. ... Die EU ist auf Nationalstaaten aufgebaut. Jede Nation hat ihre Empfindlichkeiten, die sich zu einem guten Teil aus ihrer Geschichte erklären. Das lässt sich beklagen, aber nicht einfach aus der Welt schaffen. Darauf sollte jeder Rücksicht nehmen, doch das heißt nicht, dass man zum Schweigen verurteilt ist. Wenn man beim anderen eine Gefahr erkennt, die für alle bedrohlich ist – dann sollte sie deutlich benannt werden.“
Ulrich Ladurner
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VEČERNJI LIST (HR)

Auf alle Fälle etwas komplett Neues

Verfrüht findet Večernji list die Kritik am neuen Bündnis in Italien:
„Die neue Regierung aus Cinque Stelle und Lega muss erst zeigen, ob sie die zahlreichen Wahlversprechen einlösen kann. Manche nennen diese Regierung populistisch, andere Anti-Establishment, dritte bezeichnen sie als rechts doch ist sie in Wahrheit in Italien und ganz Europa einzigartig. Cinque Stelle hat linkes Gedankengut, wenn es ums Soziale geht, aber auch rechtes, wenn es um den Schutz der Grenzen vor Migranten geht. ... Das Wichtigste ist, diese Regierung nicht in alte Schubladen einzuordnen, denn sie ist etwas Neues. Über ihren Erfolg oder Misserfolg werden wir später diskutieren.“
Silvije Tomašević