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Donnerstag, 28. Mai 2026

Zur Schuldfrage am 1. Weltkrieg

 Clark ist ein hervorragender Historiker. Aber wenn er von "Schlafwandlern" spricht, die nicht wussten, was sie taten, meint er damit nicht, dass alle unschuldig waren.

Vor dem Krieg war aufgrund der gegenseitigen Spannungen auf vielen Seiten das Gefühl, dass es so nicht lange weitergehen könne. ("Besser eine Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.")

Man hatte die Erfahrung gemacht, dass Kriege Lösungen herbeiführten: Das Zeitalter der napoleonischen Kriege wurde durch den Sieg der Alliierten über Napoleon beendet und es begann eine Zeit der Zusammenarbeit in der "Heiligen Allianz". Die wurde durch die Revolutionen von 1848 gestört, aber nach deren Niederschlagung war wieder Ruhe und viele Revolutionäre gingen nach Amerika. Als dann aber der alte deutsch-französische Gegensatz wieder aufbrach, sorgte der Sieg Deutschlands über Frankreich wieder für eine Ruhezeit.

Kriege schienen Problemlösungen zu bringen. (Im Nachhinein ist klar, dass das eine schiefe Sichtweise war, aber man konnte so denken.)

Als die Spannungen auf dem Balkan zunahmen, als die Kolonialmächte sich über ihren Eroberungen zerstritten, als die allgemeine Spannung zunahm und Deutschland in Rivalität gegen Großbritannien auftrat (vorher galt: Großbritannien war nach dem Sieg über Napoleon nur am Gleichgewicht der Kräfte interessiert, so lange die anderen Mächte ihr Empire nicht störten), als die Spannungen also unerträglich zunahmen, entstand das Gefühl, es müsste wieder zu einer Klärung kommen.

Dass darüber etwas, was es noch nie gegeben hatte, der erste Weltkrieg der Geschichte entstehen würde, sahen die Wenigsten voraus (fast alle "Schlafwandler"), aber sie waren nicht ganz unschuldig. Jeder wollte seine eigene Sicherheit. Und das ging schief.

Der Frieden nach dem Ersten Weltkrieg sorgte aber nicht für eine lange Ruhephase wie die vorigen Kriege, sondern für furchtbare Zerstörungen und führte zum Zweiten. Da war es wichtig, dass ein deutscher Historiker sagte: Wir Deutschen waren nicht unschuldige Opfer der Niederlage im Ersten Weltkrieg und des Versailler Friedens, dessen Bekämpfung Hitler ermöglichte, den nächsten Krieg anzuzetteln. Die deutschen Regierungen wollten ihre Interessen wahren und haben dafür den Krieg in Kauf genommen, von dem sie meinten, er könne - wie im Krieg von 1870/71 - gut für sie ausgehen. Insofern waren sie schuld am Krieg.

Und gut war, dass ein neutraler (australischer) Historiker sagte: Die Deutschen waren nicht die Einzigen, die einen Krieg in Kauf genommen haben.

So allgemein gesehen haben beide Recht und du mit der Vermutung "Deutschland war schuld" natürlich auch. Wie die internationale Historikergemeinschaft über die Phase vor dem Ersten Weltkrieg in 20 und in 50 Jahren urteilen wird, brauchen wir nicht zu wissen.

Wenn andere sagen: Deutschland hatte nicht die Alleinschuld und du der Meinung bist, Deutschland war am Krieg schuld, passt das gut zusammen. Hauptsache, niemand behauptet, Erzherzog Franz-Ferdinand war schuld, weil er sich hat ermorden lassen.

Dienstag, 24. Februar 2026

Vier Jahre Ukrainekrieg - ein Rückblick mit mit einem Vergleich mit dem Ersten Weltkrieg

Der erste Punkt, wo ich darüber nachdachte, wie stark die Parallelen des Ukrainekriegs zum ersten Weltkrieg seien, war der Stellungskrieg im Osten der Ukraine.

Einig bin ich mit Scholz in Hinsicht darauf, dass der Krieg eine Art von Zeitenwende darstellt; aber nicht so sehr wie der Erste Weltkrieg, denn es ist nicht erst damit der Krieg nach Europa gekommen, vielmehr war schon am Ende des vorigen Jahrhunderts über die Aufteilung Jugoslawiens Krieg entstanden. Und die Nato hat eifrig eingegriffen.

Mit Sicherheit war es nicht Deutschland das Land, dass den Krieg wollte und insofern an ihm schuld war. Mir scheint es gegenwärtig weiterhin so, dass die USA und mit ihr die wichtigen Politiker der Europäischen Union an ihren Zielen festgehalten haben: Ausweitung der EU und Ausdehnung der NATO, ohne zu bedenken, was das alles an Folgen haben könnte.
Es war aber nicht so, dass alle Seiten wie Schlafwandler in den Krieg gegangen wären, sondern der "Westen" war ebenso wie Russland der Meinung, dass er seine Ziele durchsetzen könne, ohne dabei unerträgliche Verluste zu erleben.

Die Krisen und Kriege auf dem Balkan vor dem Ersten Weltkrieg könnte man mit der Situation von 2014-2022 vergleichen. Alles schienen relativ begrenzt zu sein, von Deutschland aus gesehen in der Ferne "wenn hinten fern in der Türkei die Völker aufeinander schlagen" (Goethe: Faust I, Osterspaziergang)

Der übertriebene Optimismus nach der Einigung mit Gorbatschow war nicht gerechtfertigt: Weder der Gedanke, es käme "Das Ende der Geschichte" noch die Formel "Wir sind umzingelt von Freunden" hat zugetroffen. Das Ende der Geschichte war eine Illusion und Verkennung der damaligen Situation, die fast jeder erkennen konnte. Die Formel "umzingelt von Freunden" schien eine Friedensdividende möglich zu machen, ohne dass man dafür größere  Anstrengungen machen müsste. Das war ein verhängnisvoller Irrtum.

Dabei hätte man sehen müssen, dass die Veränderung nur die Konfrontation der Blöcke beseitigte, aber kein einziges Problem der übrigen Welt.

Folgen der ersten 4 Jahre Krieg in Zahlen:
"Der Ukrainekrieg hat bisher schätzungsweise sehr hohe Verluste gefordert. Die kombinierten militärischen Verluste von Russland und der Ukraine könnten bis zu 1,8 Millionen betragen und bis zum Frühjahr 2026 auf 2 Millionen steigen" (KI Ecosia) 26.2.26

Zivile Opfer in der Ukraine
14.999 davon Kinder 763 Tote
40.601, davon Kinder 2.486 Verletzte 

Vermint und zu räumen 139.000 km²
30% des Staatsgebietes

Zerstörter Wohnraum
236.000 Häuser
2.500.000 Wohneinheiten
19-13% des Wohnbestandes

Flüchtlinge
1,34 Mill. nach Deutschland
977.000 nach Polen
398.000 nach Tschechische Republik
                                                                                             Quelle Welt am Sonntag 22.2.2026








Mittwoch, 20. Januar 2021

Weihnachtsgruß Wilhelms II. zur Kriegsweihnacht 1916


Text:

Geschrieben den 3. Dezember 1916

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und en Menschen ein Wohlgefallen

Gott segne das 3. Kriegsweihnachten allen, draußen im Feld wie daheim im lieben Vaterland

                                                                                                                     Wilhelm 


Auf der Rückseite:

Weihnachtsgruß Seiner Majestät des Kaisers

an das Deutsche Volk


Über den Gesamterlös wird S.M. der Kaiser verfügen

Verkaufspreis 20 Pfennig


Es gibt da allerlei zu interpretieren. Bemerkenswert, dass der Angreifer den Friedensgruß der Engel zitiert. Selbstverständlich, dass Gott "das Kriegsweihnachten" nur für Deutsche segnen soll.


 

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Kershaw: Inflation (Folgen des 1. Weltkriegs)

Soldaten, die als Sieger zu einem Heldenempfang in London heimkehrten,
fanden zumindest ein Land vor, das sie wiedererkannten.
Soldaten dagegen, die - in vielen Fällen versprengt und ungeordnet nach
Wien, Budapest, München oder Berlin zurückströmten, gerieten
in einen revolutionären Umbruch und in wirtschaftliches Chaos.
Seltsamerweise schaffte es das besiegte Deutschland besser als das
siegreiche Großbritannien (übrigens auch besser als die neutralen
Niederlande), den Nachkriegs-Arbeitsmarkt zu steuern und die
Arbeitslosigkeit niedrig zu halten - teils, indem die Frauen aus den
Beschäftigungen, die sie während des Krieges angenommen hatten,
wieder herausgedrängt und durch Männer ersetzt wurden. Zudem
half die Inflation. Eine zu diesem Zeitpunkt deflationäre Wirtschaftspolitik
hätte die deutsche Wirtschaft nur noch weiter ruiniert, es den
vielen demobilisierten Soldaten jedenfalls unmöglich gemacht, überhaupt
Arbeitsplätze zu finden. Die galoppierende Inflation, die die
Regierung nicht zu drosseln versuchte, war allerdings ein hoher Preis,
der bald teuer bezahlt werden musste.
Während des Krieges, als die Staatsverschuldung fast um das Dreißigfache,
die Geldsumme des im Umlauf befindlichen Papiergelds um
mehr als das Zwanzigfache zunahm, war die Inflationsrate in Deutschland
gestiegen. 1918 lagen die Preise etwa fünfmal höher als vor dem
Krieg, die Währung hatte etwa die Hälfte ihres früheren Wertes verloren.
Damit stand Deutschland nicht allein. In Österreich-Ungarn
waren Inflation und Abwertung während des Krieges sogar noch
höher gewesen. Die meisten Länder durchliefen, mehr oder weniger
ausgeprägt, während des Krieges einen Inflationsprozess. In Frankreich,
den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern
lagen die Preise 1919 dreimal höher als 1913, im Vereinigten König-
reich waren sie fast zweieinhalbmal so hoch. In Ost- und Mitteleuropa
jedoch geriet die Preisinflation in den Nachkriegsjahren außer Kontrolle.
Die Währungen von Polen, Österreich und Russland wurden
durch Hyperinflation ruiniert. Jan Slomka, lange Jahre Ortsvorsteher
des Dorfes Dzikow in Südostpolen (dem wir im zweiten Kapitel bereits
begegnet sind), erinnerte sich ein paar Jahre später an die Folgen der
Inflation, die zu toben begann, nachdem die österreichische Krone
1920 durch die Geldnoten der Polnischen Mark ersetzt worden war:

Wenn irgendjemand irgendetwas verkaufte und mit dem Geld
nicht sofort etwas anderes kaufte, machte er schwere Verluste.
Es gab viele, die ihr Haus oder Feld verkauften oder einen Teil
ihrer Rinder, nur um ihr Geld entweder zu Hause oder auf
einer Bank aufzubewahren. Sie verloren alles, was sie hatten,
und wurden zu Bettlern. Andererseits machten jene, die sich
Geld liehen und damit Sachen erstanden, ein Vermögen. Es
gab Geld in Unmengen. Man musste es in Aktentaschen oder
Körben tragen, Geldbörsen und dergleichen waren nutzlos.
Für häusliche Dinge bezahlte man Tausende, dann Millionen,
schließlich Milliarden.

Erst die Einführung einer vollkommen neuen Währung, des Zloty, im
Jahr 1924 brachte Polen eine Stabilisierung.
In Deutschland war der Sturz in die Hyperinflation Teil einer
schweren politischen Krise, die das Land 1923 erfasste, nachdem die
Franzosen, als Vergeltung für den Verzug der deutschen Reparationszahlungen,
das Ruhrgebiet, Deutschlands industrielles Kernland.
besetzt hatten. Ihren Ursprung freilich hatte die Hyperinflation in
der Kriegsfinanzierung, die auf einer riskanten Spekulation beruhte:
Die Deutschen setzten darauf, dass sie den Krieg gewinnen würden
und sich die Kriegskosten von den besiegten Ländern wiederholen
könnten.
(Kershaw: Höllensturz, S.144)

Mittwoch, 28. September 2016

Etappe - Verwundete; Deutschland - Flüchtlinge?

Aus vielen Gründen unterscheidet sich das Verhältnis von Etappe und Front im 1. Weltkrieg immens von dem von Deutschland und Syrien heute.
Aber schon die Andeutung des Vergleichs macht uns deutlich, wie viel sich seit:

"Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,

Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.


Herr Nachbar, ja! So lass ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten
." (J.W.v.Goethe: Faust 1. Teil 2. Szene)


verändert hat.

Biedermeier, Imperialismus, Globalsierung. Da ist einiges geschehen.
Als der Faust I 1808 herauskam, hatte freilich Napoleon in Europa eine ganz neue Ordnung geschaffen ("Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." 1806 nach der vernichtenden Niederlage Preußens vom Berliner Stadtkommandanten ausgegeben). 
Doch schon 1813 schrieb Körner "Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen [...] der Freiheit Licht"
Und im Oktober folgte die Völkerschlacht von Leipzig, die verlustreichste seit Menschengedenken. 
Wie stark unterschieden sich die Freiheitshoffnungen der von Napoleon besiegten Völker von denen der Revolutionäre des Arabischen Frühlings? Und diese Hoffnungen führten in den syrischen Bürgerkrieg, zu den Flüchtlingen, Pegida und AfD, zur Obergrenze und der Forderung, alles solle beim Alten bleiben, die die Parteienlandschaft in der Bundesrepublik umstürzt.

Doch nur zurück zu dem Vergleich zwischen den Verwundeten, die aus den Abnutzungsschlachten im 1. Weltkrieg nach Deutschland zurück gebracht wurden, zu den Bürgerkriegsflüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen.
1916/17 haben mit Sykes-Picot-Abkommen und der Balfour-Erklärung europäische Mächte an die Stelle des osmanischen Reiches eine Ordnung gesetzt, die nicht nur in Israel/Palästina, sondern im Nahen Osten allgemein für 100 Jahre labile Verhältnisse und Unfriede gebracht haben. Der Hochmut Bush juniors hat mit seiner Koalition der Willigen das fragwürdige prekäre Gleichgewicht zwischen künstlichen Staaten einerseits und den rivalisierenden religiösen Gruppierungen vollends destabilisiert. Die Hoffnung, das ermögliche den Sturz der Diktatoren und die Errichtung von Demokratien westlichen Stils, haben sich zerschlagen.
So wie Weltmachtsträume mancher Deutscher und die Hoffnung, die Rivalitäten der europäischen imperialistischen Mächte könnten durch das reinigende Gewitter eines großen Krieges beseitigt werden. Was man bekam, war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und weit mehr Verwundete und Tote, als 1916 abzusehen war. 

Wie schön könnte es den Deutschen doch als Exportweltmeister gehen, wenn nicht nur die Griechen, sondern auch die Flüchtlinge die Suppe auslöffeln würden, die die wenigsten unter ihnen eingebrockt haben. 
"Das bunte Treiben [...] dazu Musikkapelle wären ein rechtes Bild des Friedens gewesen, wenn nicht die vielen Verwundeten uns immer wieder in die rauhe Wirklichkeit zurückriefen", schreibt der Landsturmmann 1916. 

Sind wir bereit, uns der Wirklichkeit von 2016 zu stellen, oder fordern wir einfach, dass 'nur zu Hause es beim Alten bleibt', auch wenn das nur auf Kosten anderer denkbar und auch dann nicht langfristig möglich sein kann?

Aus der unüberschaubaren Menge der Schriften zum Thema Flüchtlingskrise ab 2015 einige wenige, die leichter zugänglich gemacht wurden:
Leseprobe
"Man darf nicht vergessen, dass die Menschen, bevor sie über das Meer fahren, wahrscheinlich schon viel größere Gefahren überstehen mussten – egal, wo sie herkommen: Afghanen müssen durch schneebedeckte Berge in Iran wandern und über Grenzen gehen, an denen sie jederzeit erschossen werden können. Syrer müssen an IS-Checkpoints vorbei und an türkischen Grenzbeamten, die auf sie schießen. Tausende Menschen aus Ost- und Westafrika müssen die Sahara durchqueren. Sie werden bei extremer Hitze auf überfüllte Pick-up-Trucks geladen, viele Autos bleiben liegen und werden nie wieder gesehen, die Menschen sterben einfach. Es gibt Geschichten von Skeletten, die in Gebetshaltung in der Wüste liegen – Überreste von Menschen, die zu Gott gebetet haben, dass er sie rettet." (Patrick Kingsley im Interview mit jetzt.de 10.5.16)
"1. Verhindern, dass Mirgraten das Gefühl entwickeln, überflüssig zu sein
2. Frauen der Migranten einbeziehen, wenn sie nicht über Arbeit integriert sind
3. Die Verschleierung von Frauen, die aus ländlichen Räumen kommen, muss anders bewertet werden als die von Frauen aus urbanen Räumen. Dafür brauchen Betreuer weite Entscheidungsspielräume.
4. Schulen und ihr Umfeld sind so zu gestalten, dass sie der Integration dienen. Das heißt: Schulen mit einem Migrantenanteil deutlich über 40% sind zu vermeiden.
5. Jugendlichen muss eine langfristige Lebensplanung attraktiv gemacht werden.
6. Man muss berücksichtigen, dass die Gründe für Verhaltensweisen oft nicht in der Religion, sondern in sozialen Faktoren liegen.
7. Schulen müssen als Hebel zur Öffnung von Parallelgesellschaften genutzt werden.
8. Neuankömmlinge dürfen nicht durch unveränderbare Arbeitsmarktregeln benachteiligt werden.
9. Schon ausländische Namen können zu Diskriminierung führen. Dennoch muss sichergestellt werden, dass Diskriminierung eine Ausnahme bleibt.
10. Arbeitspolitische Maßnahmen müssen immer auf zivilgesellschaftliche Folgen geprüft werden, damit nicht wieder die Abkehr von Integration staatlich subventioniert wird, wie es bei türkischen Einwandererfamilien geschah.
11. Es muss verhindert werden, dass Flüchtlinge so lange vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden, dass sie "eine Mentalität des Passiven" entwickeln."

Meine Artikel zum 1. Weltkrieg auf diesem Blog

1. Weltkrieg: 1916 Post aus der Etappe

Feldpostkarte Landsturmmann Hugo Groth an Johanna (in deutscher Schrift; Bild: Mainz. Das Innere des Doms)
Abs. Landsturmmann Groth, z.Zt. Festungs-Verm. Personal Mainz, Münsterplatz
den 17.2.1916
Liebe Hanna.
Dein Paket gut angekommen. Die Eier haben mir zum Abendbrot gut gemundet. Ich gedenke heute mein Päckchen wieder fertig zu machen. Brief folgt dann später! Mir geht es ganz gut,mdoch fehlt mir die frische Luft u. Bewegung.
Das Essen ist wieder etwas teurer geworden. Dienstag u Freitag sind fleischlose Tage, Mittwoch und Donnerstag fettlos. Am Sonnabend giebt es kein Schweinefleisch. - Etwas Neues wüßte ich nicht zu erzählen. An Paul hatte ich am Sonntag ein Päckchen geschickt. Das habe ich wohl schon erzählt? Beim Zahnarzt kostete die Sache 5,00 M. Du mußt mir in den nächsten Tagen Geld schicken, damit ich mein gemietetes Zimmer bezahlen kann. Meine Arbeit ist schwer für Laien zu beschreiben. Gelegentlich mal mehr dazu. Grüße die Bekannten. Wie geht es dir?

Herzl. Gruß Dein Hugo

Feldpostkarte Landsturmmann (in lateinischer Schrift; Bild: Eiserner Turm, Mainz)
Bahnpost Zug 1014 Cöln (Rhein) - Fra[nkfurt (M]ain)
Landsturmmann [...], z.Zt. Festungsvermess. Personal Mainz, Münsterplatz
Wiesbaden, d.12. Mä[rz][19]16
Liebe H.
Sitze bei schönem Wetter u schöner Musik in einer Gartenwirtschaft "unter den Eschen" u gedenke Eurer. Heute einen Brief von Heide erhalten. Sie hat viel zu tun. Gestern Nacht kamen wieder viele Verwundete hierher. Ich kann es jedesmal beobachten, da ich in der Nähe des Bahnhofs wohne; fast alles durch Autos befördert. Ich habe durch die mathematisch. Wiederholung u Ausrechnungen jetzt kaum eine Minute Zeit mehr. Alles concentriert sich bei mir jetzt um die Lösung der gestellten Aufgabe. Sind schon ein gut Teil weiter gekommen. An die liebe Mutter habe ich eben auch ein Kärtchen geschrieben. Nun noch an Heide. Mein Geld ist trotz der Löhnung u Sparsamkeit sehr knapp. Wie geht es Euch allen?
Herzliche Grüße an Euch alle. Dein H.



Feldpostkarte Hugo Groth an Johanna (in lateinischer Schrift; Bild:Bad Münster a. Stein Rheingrafenstein und altes Fischerhaus (16. Jahrh.)
Abs. Landsturmmann Groth, Festungs-Vermess. Abteilung Mainz 
Bad Münster a/Stein. d. 6.8.16 
Liebe Hanna.
Herzlichen Gruß von hier!
Es ist ein wunderschönes Plätzchen an der Nahe; ich war oben auf den Felsen gestiegen (Weg führt nach oben) dort, wo ich die Fahe hingemalt habe. Das Wetter war herrlich.
Das bunte Treiben an u auf der Nahe dazu Musikkapelle wären ein rechtes Bild des Friedens gewesen, wenn nicht die vielen Verwundeten uns immer wieder in die rauhe Wirklichkeit zurückriefen. Grüße die Kinder
Dein Hugo

1. Weltkrieg: Fesselballon zur Beobachtung der Wirkung des eigenen Artilleriefeuers


Postkarte nach einem Gemälde von Professor Hans Rudolf Schulze
herausgegeben vom Deutschen Luftflotten-Verein für Schaffung einer starken deutschen Luftflotte

Zu dieser Zeit wurde der Horror des Stellungskrieges offenkundig als geeigneter Gegenstand für Gemälde angesehen. Welch ein Gegensatz zur Kunst von Kollwitz und Barlach.

Mehr dazu sieh: Stadtarchiv Karlsruhe: 

Erster Weltkrieg - Postkarten "Aus großer Zeit 1914/15"

Dienstag, 27. September 2016

Eine Feldpostkarte von 1916

  (in lateinischer Schrift; Bild: Wiesbaden. Nerotal mit Neroberg u. Griech. Kapelle)

Mainz, d.22.8.[19]16
Liebe [...]
Heute nachm. Dein Päckchen erhalten. Vielen Dank! Jetzt kann man auch keinen Käse mehr bekommen. Es sollen Käsekarten eingeführt werden. Auch hier ist das Wetter kalt u. regnerisch. -
Sag mal!, habt Ihr nach Hause geschrieben wegen Pauls Anschrift. Ich warte auch hier 2 Monate auf Nachricht von ihm. Gebt mir doch auf meine Anfragen ordentlich Bescheid u. legt den Brief nicht gleich als erledigt bei Seite. Übrigens hatten wir gestern u. heute hohen Besuch von Berlin.

Im Oktober gehen mit d. Abteilung große Veränderungen vor. Wir werden der Fortification angegliedert, ein großer Teil wird abgeschoben, ein Teil kommt ins Feld, einige bleiben zurück, um die Arbeiten zu Ende zu führen. Unser Dirigent kommt zunächst nach Berlin. Der Rat Storz (?) bleibt hier. Das ist das Neuste. Nun herzl. Gruß dir u. den Kindern Dein [...]

Sonntag, 25. September 2016

Kershaw: Staat unter Druck (Folgen des 1. Weltkriegs)

Der Krieg setzte alle beteiligten Staaten, selbst jene, die sich schließlich
als siegreich erwiesen, unter noch nie dagewesenen Druck. Ob sie
neu waren oder enorm erweitert, für alle Aufgaben wurde in einern
Konflikt dieses Ausmaßes der Staat verantwortlich. Er musste Soldaten
in immer größerer Zahl für die Front mobilisieren, ihnen Unmengen
Waffen und Nachschub bereitstellen. Nach zwei Jahren Krieg
war ein hoher Anteil der männlichen, wehrfähigen Bevölkerung
jedes Landes zum Militärdienst eingezogen. (Großbritannien, das mit
einer Freiwilligenarmee in den Krieg eingetreten war, führte 1916 die
Wehrpflicht ein.) Um die kämpfende Truppe auszurüsten, musste die
Massenfertigung von Waffen in Gang gesetzt werden; zudem waren
Erforschung und Entwicklung neuer Technologien und innovativer
Waffentypen zu finanzieren. Die Zahl der Krankenhäuser, von improvisierten
Pflegeeinrichtungen und Erholungsheimen musste enorm
gesteigert werden, damit die große Zahl Verwundeter und Verstümmelter,
die von der Front zurückkamen, versorgt werden konnte. Die
öffentliche Fürsorge, wie unzulänglich sie auch sein mochte, für Witwen
und Familien, die ihrer Ernährer beraubt waren, musste bereitgestellt
werden. Nicht zuletzt war durch staatliche Propaganda und
Zensur die öffentliche Meinung zu orchestrieren, für die Kampfmoral
zu sorgen und die Verbreitung von Informationen durch direkte oder
indirekte Einflussnahme auf die Presse zu kontrollieren.
All das machte eine gelenkte Wirtschaft erforderlich, verlangte
beträchtlich erhöhte Staatsausgaben. Die Rüstungsausgaben allein
erreichten gegen Ende des Krieges ein beispielloses Niveau: 59 Prozent
des deutschen, 54 Prozent des französischen und 50 Prozent
des britischen Bruttoinlandsprodukts (wobei weniger entwickelte
Volkswirtschaften wie die Russlands, Österreich-Ungarns oder des
Osmanischen Reiches weniger abschöpfen konnten). Den Bürgern
wurden neue oder erhöhte Steuern aufgebürdet. Großbritannien
war relativ erfolgreich darin, Kriegskosten durch Steuern zu finanzieren,
Deutschland und insbesondere Frankreich sträubten sich
stärker dagegen, ihre Bürger zu besteuern - in der Vorstellung, der
Feind würde nach dem Sieg Reparationen für den Konflikt zu zahlen
haben. Der größte Teil der Kriegskosten wurde durch Kreditaufnahme
gedeckt. Die Alliierten liehen sich die Mittel vor allem bei den
Vereinigten Staaten. Österreich besorgte sich Darlehen in gewissem
Umfang in Deutschland. Doch als sich der Krieg hinzog, wurde es für
Deutschland unmöglich, irgendwo im Ausland Kredite aufzunehmen;
die deutschen Kriegsanstrengungen mussten also zunehmend über
inländische Kriegsanleihen finanziert werden. Kampagnen zur Zeichnung
von Kriegsanleihen fanden in allen kriegführenden Staaten
statt. Überall stieg die Staatsverschuldung gewaltig an. Wenn weder
Kreditaufnahme noch Steuern genügten, druckten die Staaten Geld,
verschoben das Problem also auf später.
So, wie die staatliche Lenkung der Wirtschaft und die Eingriffe ins
zivile Leben intensiver wurden, wuchs auch der Staatsapparat. Büro
kratien wurden ausgebaut, Überwachung, Zwang und Repression
nahmen zu. »Feindliche Ausländer« wurden interniert, in manchen
Regionen, insbesondere in Osteuropa, ganze Bevölkerungen vertrieben.
Bis sich die Russen 1915 aus Westpolen und Litauen zurückzogen,
dabei »verbrannte Erde« hinterließen, hatten sie mindestens
300000 Litauer, 250000 Letten, 350000 Juden (die besonders schwer
misshandelt wurden) und 743000 Polen ins russische Hinterland
deportiert. Anfang 1917 lebten in russischen Städten zusätzlich zu
den immer größere Not leidenden Massen rund sechs Millionen Vertriebene
- Flüchtlinge aus dem Kaukasus und aus den Grenzgebieten
im Westen ebenso wie Zwangsdeportierte.
Überall musste der Staat für Unterstützung sorgen, speziell für die
Industriearbeiterschaft, zu der nun auch in großer Zahl Frauen in
der Rüstungsproduktion gehörten.
(Jan Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949, dva 2016, Kapitel 2, S.115-117)

Sonntag, 26. Juni 2016

Papier oder Metall? (aus der Kaiserzeit)

"Argumentiert nun unser Goldreservist so, dass er sich sagt: die Geltungskraft des in Deutschland umlaufenden Papiergeldes ist an die Existenz des Deutschen Reichs, zum mindesten an die Integrität der Reichsbank und der deutschen Reichsfinanzen, geknüpft, das Gold behält Goldeigenschaft auch über den Bestand des Vaterlandes hinaus, so hat er theoretisch mit diesen Erwägungen recht. Zu erwidern wäre ihm jedoch: 1. dass er ein erbärmlicher Lump sei, wenn er an die ökonomische Erhaltung seiner werten eigenen, n belanglosen Person denkt, auch für den Fall, dass Deutschland staatlich oder wirtschaftlich zugrunde geht; 2. dass er Möglichkeiten ins Auge fasst, deren Verwirklichung außer dem Bereich aller Wahrscheinlichkeit liegt. Denn selbst im Falle, dass das Kriegsglück gegen uns entscheidet, wäre an einen völligen Zusammenbruch der deutschen Finanz- und Kreditwirtschaft doch nicht im entferntesten zu denken. Aber auch selbst die Gefahr besteht kaum, die ein ganz Schlauer vielleicht wittert, wenn er sein Goldhäschen verpackt, dass unser Papiergeld im eigenen Lande wesentlich „entwertet“ werden sollte. Diese Angst vor starker „Entwertung“ des Papiergeldes spukt ja immer noch in unseren Köpfen, die vielleicht gerade gebildet genug sind, um von der „Assignatenwirtschaft“ während der französischen Revolution gehört zu haben, und die deshalb schon einen Zustand wiederkehren sehen, wie damals in Frankreich, als das Pfund Butter einen Silberfranken oder 300 Papierfranken kostete.
Solche Missgriffe, wie sie zur Entwertung der Assignaten führten, sind in keinem anderen Lande, geschweige denn in Deutschland, dem bestgeordneten Lande der Welt, denkbar."
( Text: Geld und Vermögen in Kriegszeiten von Werner Sombart Quelle: Berliner Tageblatt 27. August 1914)

Die Frage "Wie kommt ein Wissenschaftler dazu, solch einen Text zu schreiben?" ist relativ leicht zu beantworten. 

Dennoch hier noch zwei Links:
Gold gab ich für Eisen
Inflation 1914-1923
Ein Zitat aus dem Artikel des 2. Links:
"Die Reichsregierung hob kurz nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges am 4. August 1914 die gesetzliche Noteneinlösungspflicht der Reichsbank in Gold (siehe Goldmark) auf. Außerdem wurden die staatlichen Möglichkeiten zur Schuldenaufnahme und der Vermehrung der Geldmenge bei den Scheidemünzen und Banknoten durch die Aufhebung des Goldankers (= gesetzliche Dritteldeckung der Reichsbanknoten durch Gold) ausgeweitet. Der Plan war vor Kriegsbeginn insgeheim entstanden; er wurde von der sogenannten„nationalen Begeisterung“ getragen (siehe auch Hurra-Patriotismus). Diese Geldvermehrung sollte durch Kriegsanleihen anstatt durch Steuern gegenfinanziert werden, da der Aufmarsch und die Versorgung millionenstarker Streitkräfte nie dagewesene Kosten mit sich brachten.
Gleichzeitig sollte die Kaufkraft der Bevölkerung für den Militärbedarf abgeschöpft bzw. stillgelegt werden, um bei der vorauszusehenden kriegsbedingten Güterverknappung im Inland der Schwarzmarktbildung durch Geldverknappung bei den Bürgern entgegenwirken zu können. Um an zusätzliches Geld und Gold zu kommen, wurden mehrere Kriegsanleihen und die Aktion Gold gab ich für Eisen aufgelegt. Anders als in Großbritannien und Frankreich, wo der Krieg durch Vermögenssteuern finanziert wurde, sollten diese Kriegsanleihen nach dem „Siegfrieden“ mit der „Kriegsbeute“ in Form von Reparationen dann wieder abgelöst werden. Die hohen Reparationen, die Frankreich nach dem verlorenen Krieg 1870/71 zahlte, waren vielen noch in Erinnerung (Gründerzeit)."

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Kriegskosten

Vermutlich weiß jeder Leser dieses Blogs, dass sich Preise über größere Zeiträume hinweg nicht sinnvoll vergleichen lassen. Weder das Existenzminimum noch die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten noch irgendwelche Warenkörbe enthalten genügend Entsprechungen, dass valide Kostenvergleiche möglich wären.
Dies vorausgeschickt lesen sich die Zahlen aus Werner Steins Kulturfahrplan dennoch eindrucksvoll.
Man sollte doch annehmen, dass im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen auch das Töten billiger geworden wäre, seit es nicht mehr von Hand geschah.

Für die Tötung eines Gegners wurden aufgewendet:
In den Kriegen Cäsars 0,75 Dollar,
Napoleons 3000 Dollar,
im 1. Weltkrieg 21 000 Dollar,
im 2. Weltkrieg 50 000 Dollar und
im Vietnamkrieg 100 000 - 300 000 Dollar
(Steins Kulturfahrplan des 20. Jhs, S.443)

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Fritz Fischer hat meiner Kenntnis nicht die Alleinschuld Deutschlands behauptet, sondern seine Unschuld bestritten. Das schien ihm als deutschem Historiker wichtig, nachdem ein halbes Jahrhundert in Deutschland an der Unschuldsthese festgehalten worden war.
Dass die anderen am Kriegsausbruch Beteiligten ihre Nationalinteressen über das Systeminteresse Frieden stellten, war schon lange zu vermuten. Vieles aus den bekannten Akten sprach dafür.
Wenn Clark sich jetzt auf das "Wie" konzentriert, versucht er von Schuldzuweisungen fortzukommen.
Nach diesem Buch wird es aber schwer sein, an der Unschuld, Deutschlands, Frankreichs, Russlands und Großbritanniens festzuhalten.
Wer schon vorher durch Fischers Buch von der Schuld Deutschlands überzeugt wurde, war und ist deshalb noch kein "Deutschlandhasser".

vgl dazu auch: Politisches Buch Erster Weltkrieg:Zündschnur und Pulverfass und die 105 Kommentare dazu