Posts mit dem Label Richter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Richter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 2. Januar 2023

Hedwig Richter über Freiheit

 https://twitter.com/RichterHedwig/status/1505848682230558725

Ein lesenswerter Text.

Freilich Impfskeptiker als Vertreter einer "Suppenkasperfreiheit" zu bezeichnen, entwertet die vorherigen Differenzierungen, so wie das Tintenfass des "großen Nikolas" aus Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter nicht die angemessene Bekämpfung des Rassismus darstellt.  (Im Übrigen ist ja auch Esszwang auch keine sinnvolle Methode der Kindererziehung.)

Dienstag, 13. Oktober 2020

Über die Versuchungen und Überforderungen eines Strafrichters

"Die Strafjustiz ist schwach bei intelligenter und mächtiger Kriminalität, stark und manchmal großmäulig gegen Unterschichtenkriminalität. Etwas mehr Reflexion und etwas weniger Zeitgeist wären nützlich.

[...] am Amtsgericht, wo Säufer, Rapper, Hausmänner und Fachverkäuferinnen sich ihre Lebenshilfen abholen, sind meist keine Professoren zur Hand; da muss der Amtsrichter alles selbst wissen. Zum Glück, so denken er und seine Dienstvorgesetzten, macht er den Job schon 20 Jahre und hat alles mal gesehen. Deshalb weiß eine 49-jährige Strafrichterin, Einzelkind aus einem Zahnarzthaushalt, schon nach kurzer Einarbeitungszeit wirklich genau, wie es auf dem Straßenstrich, im Sozialamt, in der Bahnhofshalle und unter Amphetaminsüchtigen zugeht; und was eine 21-Jährige mit abgebrochener Friseurinnenlehre und Großflächentattoo samstagnachts denkt, will, träumt und reflektieren kann, wenn sie mit zwei Ecstasy in der Birne auf einem Beifahrersitz Platz nimmt, kann sich die Richterin bestimmt sehr gut vorstellen. Sie hat übrigens, um das zu lernen, während ihrer gesamten, acht Jahre währenden Ausbildung genau null Stunden aufgewendet.

Will sagen: Strafrichter haben zu einem großen Teil mit Sachverhalten zu tun, die sie selbst nie erleben, und mit Menschen, denen sie in vielerlei Hinsicht selbst denkbar fernstehen. Strafrichter wachsen nicht in Hartz-IV-Familien auf; sie wohnen nicht zu sechst auf 65 Quadratmetern; am 25. des Monats ist das Geld in der Regel noch nicht versoffen; sie können Französisch und ein bisschen Latein und fürchten sich bis auf den Grund ihrer Seele davor, sozial abzustürzen und verachtet zu werden, während ihre Klientel dieses Gefühl schon in der Kita inhaliert hat." ("Knallhart-Richter" gegen Rapper Gzuz Strafen fürs schlichte Gemüt, Spiegel Panorama 9.10.20)

Natürlich bin ich nicht immer Thomas Fischers Meinung, aber lehrreich ist immer, was er sehr gut verständlich vorträgt. Dazu:

"Die Rezensentin des Deutschlandfunks äußerte, Fischer schreibe „ungewohnt offen und gedanklich erfrischend“; das Buch bewege sich „zwischen Polemik, Provokation und Belehrung“.[16] Mit Blick auf das große Publikum Fischers bei Universitätsvorträgen schrieb der Unispiegel im Mai 2016, Fischer werde gerade „zu einer Art Popstar und Erklärbär für Studenten und andere junge Menschen“.[40]" (Wikipedia)

In diesem Fall fällt es leicht, ihm zuzustimmen. 

Donnerstag, 18. Juli 2019

Über die (fehlende) Öffentlichkeit bei Gerichtsverhandlungen

oder: ein Lob auf Gerhard Richter


"[...] Die Entkopplung unserer Gerichtssäle von den diversen Resonanzsystemen ist dennoch ein kultureller Verlust. Für die Rechtsprechung aber ist sie dramatisch: Denn manchmal, gar nicht so selten, verhängen die Strafgerichte harte Strafen vorrangig nach dem Kriterium der sogenannten Generalprävention. Dies mit Abschreckung zu übersetzen wird in der Juristerei nicht so gern gehört, geht aber am Kern der Sache kaum vorbei. Wenn eine bestimmte Deliktart – zum Beispiel Wohnungseinbrüche – zu einer gesellschaftlichen Seuche wird, ist es an den Gerichten, hierauf wirksam zu reagieren. Das kann dazu führen, dass der einzelne Täter vielleicht nur deshalb keine milde Strafe bekommt, weil diese aus generalpräventiver Sicht – von den in den Startlöchern stehenden weiteren Wohnungsdieben – als Freibrief verstanden werden könnte. Bloß – wie funktioniert das mit der Abschreckung, wenn von den harten Strafen mangels Öffentlichkeit keiner was erfährt? Wie rechtsstaatlich oder redlich ist es, eine unbedingte Freiheitsstrafe in der mündlichen Urteilsbegründung primär mit der erforderlichen Generalprävention zu begründen, wenn im Gerichtssaal kein Reporter und kein Zuschauer sitzt, der tragende Strafzumessungsgrund also offensichtlich auf eine Fiktion baut? [...]
(Thomas Melzer, ZEIT 17.7.19)
https://www.zeit.de/2019/30/oeffentliche-gerichtsverhandlungen-besucher-aufmerksamkeit-generalpraevention/komplettansicht

Donnerstag, 16. Mai 2019

Hedwig Richter über Twitter in der Geschichtswissenschaft

https://www.zeit.de/2019/21/twitter-wissenschaft-forschung-austausch-aufmerksamkeit/komplettansicht

"Als ich in meinem Demokratie-Thread darüber reflektierte, ob am Anfang der Demokratie immer eine Revolution gestanden habe, wies mich die Historikerin @BirteFoerster auf den US-Historiker Hayden White hin. [...]
Widerspruch stellt sich immer ein, und vielen ist es eine Freude, wider den Stachel zu löcken. Präsentiert man etwa einen Gedanken als neu, findet sich gewiss eine in der Timeline, die sogleich auf einschlägige Literatur verweist. Eine wunderbare Serviceleistung, für die allein es sich lohnt, auf Twitter zu sein. [...]
Twitter lebt eben vor allem von den anderen. In meinem Fall empfahl die Schriftstellerin @KathrinPassig (33.500 Follower!) meine Vorlesung und nannte sie: "Kleine Twitter-Uni im Thread".
Früher, so schreibt der Historiker @PaulNolteBerlin in einem seiner Bücher, habe man meist nicht vor Fertigstellung der Habilitation mit dem Publizieren begonnen. Der Wissenschaftler sprang als fertiger Mensch mit fertigen Thesen in die Welt. Ganz anders heute, auf Twitter: wilde Thesen, altkluge Promovierende, steile Behauptungen, irre Geistesblitze.
Wissenschaft im Dialog – als Spiel, aber im Ernst."