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Mittwoch, 2. Oktober 2024

Sarah Wagenknecht im Interview

 

Frau Wagenknecht: Hätten Sie das für möglich gehalten?

https://www.youtube.com/watch?v=J6VTONHee6A

Für mich fällt das Interview auseinander:

Mich überzeugt die Argumentation zum Ukrainekrieg und dazu, dass die Bundeswehr künstlich schlecht geredet wird (insbesondere von Militärs). Für äußerst gefährlich halte ich auch alles, was in Richtung Erstschlagskapazität geht. Schließlich war die Zweitschlagskapazität der Sowjetunion die Grundlage für die gegenseitige Abschreckung und Friedenssicherung im Kalten Krieg. 

Ich stimme überein in der Analyse der AfD: Sie ist in der komfortablen Situation sehr viele Fehler der letzten Jahre zu Recht kritisieren zu können und sie ist extrem gefährlich für die Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte in Deutschland. Außerdem - das deutet Wagenknecht nur an - ist ihre politische Ausrichtung äußerst unsozial. Ein wichtiger Unterschied zum BSW.

 Gar nicht überzeugend ist für mich die Vorstellung, Deutschland könnte sich ohne Bündnispartner erfolgreich gegen einen russischen Angriffskrieg verteidigen.

Für völlig falsch halte ich die Ausblendung des Weltproblems Klimawandel.

Das BSW ist ein Gewinn für die deutsche Politik, soweit es Protestwählern ermöglicht,  nicht AfD zu wählen. Es wäre sehr gefährlich für die Regierungsfähigkeit, wenn es von der FDP die Taktik der Opposition in der Regierung übernähme. 

Ich verstehe, weshalb Wagenknecht in der Phase, wo es um den Aufbau der Partei geht, sich bewusst von den gegenwärtig unbeliebten Grünen abgrenzt, so wie ich es verstanden habe, weshalb Kohl von blühenden Landschaften gesprochen hat. Aus meiner Sicht war Kohls Aussage eine Grundlage, auf der der Rechtradikalismus in Deutschland wieder groß geworden ist. Doch wenn das BSW bewirken würde, dass die Beschränkung des Klimawandels noch weniger im Zentrum der bundesdeutschen Politik stünde als schon jetzt, dann wäre das noch schlimmer als das Erstarken der AfD.

Die Zunahme der Unwetterkatastrophen und die tiefere Einsicht in die Folgen des Klimawandels machen aber eine solche Entwicklung eher unwahrscheinlich. Sobald es um praktische Politik geht, sollte Wagenknecht eigentlich zu intelligent sein, als dass sie sehenden Auges die Katastrophe in Kauf nimmt. 

Mittwoch, 4. September 2024

Ein Unionspolitiker über Sarah Wagenknecht

"[...] CSU-Vorstandsmitglied Bernd Posselt warnt ebenfalls davor, das BSW zu verharmlosen. Sahra Wagenknecht sei die "friedensgefährdende Chefpropagandistin Wladimir Putins" sowie der "menschgewordene Hitler-Stalin-Pakt". (BR24 4.9.24)

Dienstag, 28. Februar 2023

Friedensdemonstrationen Ende Februar 2023

 Da über die Demonstrationen nur sehr unvollständig berichtet wurde, hier ein paar Hinweise:

25.2. Friedensdemonstration in Bonn mit Margot Käßmann

25.2. Friedensdemonstration in Köln mit Margot Käßmann, Aufruf des Friedensforums (pdf)

         Käßmanns Rede in Köln: Bezug auf Prantl und Habermas, 300 000 Kriegsflüchtlinge aus Russland, ihren Vater, der von 18 J. bis 25. J. als Hitlers Soldat gekämpft und bis zu seinem Tod den Krieg gehasst. Pazifisten zu beschimpfen, ist unwürdig einer demokratischen Diskussion. Wir distanzieren uns nicht von anderen Demonstrationen anderer Demonstrationen, die für einen Waffenstillstand und Verhandlungen eintreten, sei es in Berlin oder anderswo, Wir brauchen für die Zukunft dieser Welt keine Aufrüstung, sondern Abrüstung. Wir wollen eine entwaffnete Welt.

Käßmann im Interview in Phoenix

Referat von Käßmanns Position:

"Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die auch zu den Unterzeichnern des ‚Manifest für den Frieden‘ gehört, hat ihre Kritik an der derzeitigen westlichen und deutschen Politik hinsichtlich des Krieges in der Ukraine erneuert. „Mir ist wichtig, dass es in Deutschland nicht nur ständig eine Diskussion um noch mehr Waffen, erst Helme, dann Verteidigungswaffen, dann Angriffspanzer und vielleicht auch Jagdbomber gibt, sondern dass die Diskussion sich darauf konzentriert, wie schnellstmöglich das Töten in der Ukraine gestoppt werden kann“, äußerte sich Käßmann im Fernsehsender phoenix. Viele Menschen in Deutschland hätten Angst, dass sich der Krieg ausweiten könne. Sie verstehe zwar die Argumente derjenigen, die darauf pochten, dass die Ukraine vor Verhandlungen die besetzten Gebiete zurückerhalte, „aber wie viele hunderttausende Tote soll es noch geben bis dahin“, meinte Käßmann und fügte hinzu: „Um der Menschen willen ist es doch wichtig, dass es sofort einen Waffenstillstand gibt und dann über die Maßnahmen verhandelt wird, wie es zum Frieden kommt“. Gerade in Deutschland sei es über Jahrzehnte Konsens gewesen, keine Waffen in Kriegs- und Krisengebiete zu liefern. „Dass das einfach über den Haufen geworfen wird, dafür müssen wir uns als Deutsche verantworten“, war die frühere EKD-Ratsvorsitzende überzeugt. Die deutsche Außenministerin habe zwar recht mit ihrer Auffassung, dass auch deutsche Waffen Menschenleben schützten. „Aber es stimmt eben auch, dass unsere Waffen Menschen töten“, so Käßmann. Sie habe im Übrigen nicht damit gerechnet, dass sich auch die AfD und rechte Kreise dem Manifest für den Frieden anschließen würden. „Ich finde das bedrückend und belastend. Wir müssen uns offenbar damit abfinden, dass die rechte Szene rund um die AfD ständig Aktionen kapern will“, erklärte Käßmann. Wer für den Frieden demonstriere, könne jedoch nicht den Nationalismus befördern wollen. Sie werde sich jedoch von diesen Entwicklungen nicht abschrecken lassen. „Ich werde deshalb nicht zu Hause bleiben und sagen, jetzt traue ich mich nicht mehr auf die Straße und dort meine Meinung zu sagen.“ "

Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung vom 14.2.2

"[...] Seit Monaten ist der Frontverlauf eingefroren. Unter dem Titel „Der Abnutzungskrieg begünstigt Russland“ berichtet beispielsweise die FAZ über den für beide Seiten verlustreichen Stellungskrieg um Bachmut im Norden des Donbass und zitiert die erschütternde Aussage eines leitenden Nato-Funktionärs: „Es sieht dort aus wie in Verdun.“ Vergleiche mit dieser grauenhaften, der längsten und verlustreichsten Schlacht des Ersten Weltkrieges haben mit dem Ukrainekrieg nur entfernt und nur insofern etwas zu tun, als ein anhaltender Stellungskrieg ohne größere Veränderungen des Frontverlaufs gegenüber dem „sinngebenden“ politischen Ziel des Krieges vor allem das Leiden seiner Opfer zu Bewusstsein bringt. Der erschütternde Frontbericht von Sonja Zekri, der seine Sympathien nicht verhehlt, aber auch nichts beschönigt, erinnert tatsächlich an Darstellungen des Grauens an der Westfront von 1916. Soldaten, „die sich an die Kehle gehen“, Berge von Toten und Verwundeten, die Trümmer von Wohnhäusern, Kliniken und Schulen, also die Auslöschung eines zivilisierten Lebens – darin spiegelt sich der destruktive Kern des Krieges, der die Aussage unserer Außenministerin, dass wir „mit unseren Waffen Leben retten“, doch in ein anderes Licht rückt. [...]

Denn abgesehen von den Menschenleben, die der Krieg mit jedem weiteren Tag fordert, steigen die Kosten an materiellen Ressourcen, die nicht in beliebigem Umfang ersetzt werden können. Und für die Regierung Biden tickt die Uhr. Schon dieser Gedanke müsste uns nahelegen, auf energische Versuche zu drängen, Verhandlungen zu beginnen und nach einer Kompromisslösung zu suchen, die der russischen Seite keinen über die Zeit vor dem Kriegsbeginn hinausreichenden territorialen Gewinn beschert und doch ihr Gesicht zu wahren erlaubt.

Abgesehen davon, dass westliche Regierungschefs wie Scholz und Macron telefonische Kontakte mit Putin aufrechterhalten, kann auch die in dieser Frage anscheinend gespaltene US-Regierung die formale Rolle eines Unbeteiligten nicht aufrechterhalten. Ein haltbares Verhandlungsergebnis kann nicht ohne die USA in den Kontext von weitreichenden Vereinbarungen eingebettet werden. Daran sind beide kriegführenden Parteien interessiert. Das gilt für Sicherheitsgarantien, die der Westen für die Ukraine gewährleisten muss. Aber auch für das Prinzip, dass die Umwälzung eines autoritären Regimes nur insoweit glaubwürdig und stabil ist, wie sie aus der jeweils eigenen Bevölkerung selbst hervorgeht, also von innen getragen wird.

Der Krieg hat überhaupt die Aufmerksamkeit auf einen akuten Regelungsbedarf in der ganzen mittel- und osteuropäischen Region gerichtet, der über die Streitobjekte der Kriegsparteien hinausreicht. Der Osteuropa-Experte Hans-Henning Schröder, ehemaliger Direktor des Deutschen Instituts für internationale Politik und Sicherheit in Berlin, hat (in der FAZ vom 24. Januar 2023) auf die Abrüstungsvereinbarungen und ökonomischen Rahmenbedingungen hingewiesen, ohne die keine Vereinbarung zwischen den unmittelbar Beteiligten stabilisiert werden kann. Schon die Bereitschaft der USA, sich auf solche Verhandlungen von geopolitischer Reichweite einzulassen, könnte sich Putin zugutehalten.

Gerade weil der Konflikt ein umfassenderes Interessengeflecht berührt, ist nicht von vornherein auszuschließen, dass auch für die einstweilen einander diametral entgegengesetzten Forderungen ein für beide Seiten gesichtswahrender Kompromiss gefunden werden könnte."


27.2. Demonstration in Berlin (Video)

 Sarah Wagenknecht bei Lanzmann

Insgesamt war das Presseecho - so weit ich es feststellen konnte - schwach und Berichte meist ziemlich unvollständig. 

Friedensbewegung gestern und heute: diffamiert als ferngesteuert

Zitate:

Heiner Geißler 1983 zitiert von wdr 2008

 Er zitiert sinngemäß aus einem "Spiegel"-Interview mit dem grünen Abgeordneten Joschka Fischer: "Es sei angesichts von Auschwitz zu bedenken, ob jetzt wieder eine Massenvernichtung vorbereitet werde; früher entlang dem Koordinatensystem der Rasse und heute entlang dem Ost-West-Konflikt." Fischer ruft dazwischen: "Sie sollten sauber zitieren!" Geißler fährt fort: "Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht." Tumulte brechen aus. Der SPD-Abgeordnete Ernst Waltemathe, dessen pazifistische Verwandte in Auschwitz getötet worden sind, will von Geißler wissen, ob die Opfer demnach an ihrer Vernichtung selbst schuld gewesen seien. Die FDP-Abgeordnete Hildegard Hamm-Brücher fragt mit Tränen in den Augen, was der Pazifismus mit dem Judenhass der Nazis zu tun gehabt habe.

nachdenkseiten 1.3.2023:

"„Viele Menschen“, bedauerte der damalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, „nehmen an Veranstaltungen teil, ohne zu wissen, dass sie von moskautreuen Kommunisten initiiert und gelenkt werden.“ Aus heutiger Sicht erstaunlich: Der SPIEGEL druckte zwar die Zitate dieser Unionspolitiker, ordnete sie jedoch kritisch ein und setzte ihnen Argumente entgegen, die diese Diffamierungen widerlegten. Ein wenig überspitzt könnte man sagen: Der SPIEGEL machte damals den Job, den heute alternative Medien wie die NachDenkSeiten übernehmen müssen.Ein wenig überspitzt könnte man sagen: Der SPIEGEL machte damals den Job, den heute alternative Medien wie die NachDenkSeiten übernehmen müssen.

Richard von Weizsäcker in seiner Rede vom 8.5.1985:

"Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander."

mehr zum Thema auf Youtube

Aktuelle Meldung:

"[...] Das Kriegsgeschehen erinnere an die Grabenkämpfe im Ersten Weltkrieg, und die ukrainischen Streitkräfte seien den Angreifern aus Russland derzeit in einigen Schlüsselbereichen zahlenmäßig stark unterlegen, sagte ein ranghoher EU-Beamter heute in Brüssel. [...]

Um der Ukraine die dringend benötigte Munition zur Verfügung zu stellen, wird derzeit erwogen, lieferwilligen Mitgliedstaaten einen deutlich höheren Anteil der Kosten aus EU-Mitteln zu erstatten als bislang. In einem bereits am Mittwoch bekannt gewordenen Diskussionspapier für die Mitgliedstaaten wird eine Rückerstattungsquote von bis zu 90 Prozent vorgeschlagen. [...]

Für die Rückerstattung von Munitionskosten wird vorgeschlagen, eine weitere Milliarde Euro aus der sogenannten Europäischen Friedensfazilität zu mobilisieren. Bei ihr handelt es sich um ein Finanzierungsinstrument, über das die EU bereits heute Waffen und Ausrüstung liefert sowie die Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte fördert. [...]" (FR 2.3.23)


Montag, 10. August 2020

Günter Gaus im Gespräch mit Sahra Wagenknecht

Gaus: 
"Wie lebt es sich denn damit Frau Wagenknecht, außer einer sehr kleinen Minderheit der Kommunistischen Plattform in der PDS, eine Dissidentin zu sein? Öffentlich bespöttelt, gelegentlich verhöhnt, manchmal verfemt - wie lebt es sich damit, eine Dissidentin zu sein?

Wagenknecht:
Also, ich kann damit eigentlich leben, weil ich das Gefühl habe, dass ich nicht so eine winzige Minderheit nur repräsentiere. Wenn ich jetzt den Eindruck hätte, dass ich auch insgesamt keine Resonanz bekäme, dass das, was ich vertrete, nur von einem ganz winzigen Kreis von Leuten auch geteilt wird, dann würde das sicher irgendwann auch entmutigen. Aber ich habe sowohl von dem, was ich an Post bekomme, als auch ganz direkten Reaktionen tagsüber in der S-Bahn, wenn ich unterwegs bin, schon das Gefühl, dass gar nicht so wenige Leute ähnlich denken. Also das Gefühl haben, dass es so wie jetzt nicht weitergeht und dass sie nach Auswegen suchen. Und ich denke auch - bezogen auf Vergangenheit - das hat sich ja nun inzwischen auch gezeigt, dass die Leute sich nicht einreden lassen, dass die DDR so war, wie die Bundesrepublik sie darstellen wollte.

Gaus:
Hat sich das verstärkt, dass die Leute sie anreden?

Wagenknecht:
Das hat sich in den letzten vier, fünf Jahren schon deutlich - also gerade ein, zwei Jahren deutlich verstärkt, ja. Also, was ich interessant finde, ist vor allem, dass ich vor allem im letzten Jahr sehr, sehr viel Post von jungen Leuten bekommen habe. Also es war so – sicherlich ich hatte immer Resonanz und ich hatte auch immer Menschen, die mich angesprochen haben, aber dass es vor allem ganz junge Leute sind, dass es Schüler sind, die auch in meine Veranstaltungen kommen, das ist neu. Und das finde ich schon sehr ermutigend.

Gaus:
Wonach fragen die?

Wagenknecht:
Die fragen interessanterweise nicht nur danach, oder nicht primär danach, ob ich jetzt bei der ein oder anderen Steuer meine, dass man die anders machen könnte. Die fragen schon, ob wir grundsätzlich andere Visionen haben, andere Alternativen, andere Gesellschaftsvorstellungen. Also ich war vor kurzem beispielsweise eingeladen bei einem katholischen Mädchengymnasium in Hessen - was sicherlich nicht ein Terrain ist, wo bisher die PDS oder die Linke große Resonanz bekommen hat. Und diese Mädchen haben mich eingeladen, weil sie das, was sie in der Geschichte über Sozialismus, über Kommunismus gelernt haben, nicht befriedigt hat, weil sie da Fragen hatten und die wollten sie mit mir diskutieren. Und das Interessante war, dass bei aller Skepsis, die sie natürlich auch gegenüber den Dingen hatten, die ich gesagt habe, dass wir diese Grundansicht, dass es so wie es jetzt ist, nicht weitergeht, die haben wir geteilt. Und die haben sie mit mir geteilt. Sie wollten halt mit mir darüber reden, welche Vorstellungen, welche Ansichten wir darüber haben. Und was ich natürlich interessant finde, sie laden sich dafür eben nicht jemanden ein aus der SPD, aus der CDU oder aus sonst einer etablierten...

Gaus:
...oder aus der Mehrheit der PDS?

Wagenknecht:
Tja, ganz konkret wollten sie es eben von mir wissen. Und ich denke, dass nach dem Gespräch manche Klischees einfach auch aufgebrochen waren, die vorher vielleicht existierten.

Gaus:
Das heißt - Sie sagen, das ist gar nicht wahr. Das, was ich fragen wollte, ist ein bisschen durch das, was Sie gesagt haben - klingt ein bisschen wie widerlegt. Fragen wollte ich und Sie sagen: ‚Nee, das ist gar nicht so’. Hat die bundesrepublikanische Gesellschaft seit der 68er Bewegung zu wenig Dissidenten?

Wagenknecht:
Also, ich denke, dass sie sicherlich zu wenig Widerspruch hatte – bezogen auf Positionen, die wirklich auch für andere Alternativen standen. Nun war das sicherlich auch durch Kalten Krieg, dadurch, dass es in der DDR eine sehr konkrete Alternative gab, die auch nicht für jeden attraktiv war.

Gaus:
Ich meine die Bundesrepublik jetzt. Die vereinigte Bundesrepublik, den Einheitsstaat. Vorher, vor der Vereinigung war die Dissidentenbewegung die 68er. Meine Frage ist also: Trotz Ihrer Erfahrungen, dass mehr Leute sich kümmern, dass Sie eingeladen werden – bis hin zu katholischen Mädchengymnasien. Was in der Tat nicht das ist, was man erwartet, wenn man über Sie in der Zeitung liest. Dennoch sind es immer noch zu wenig. Nimmt eine Gesellschaft Schaden - nach Ihrer Meinung - wenn sie zu wenig Dissidenten hat?

Wagenknecht:
Ja das kommt darauf an, was man sich von dieser Gesellschaft erwartet. Also die Ökonomie, die Wirtschaft, die Wirtschaftselite, die Wirtschaftslobbys, die nehmen sicherlich keinen Schaden. Die sind sehr zufrieden darüber, dass sie so wenig Widerspruch haben. Aber ich denke, dass natürlich die gesamte Entwicklung, die sich gegenwärtig vollzieht, ja zeigt, dass die große Mehrheit letztlich ja Schaden nimmt - also ganz persönlich, ganz materiell, aber natürlich auch geistig. Also wenn ich mir die gängigen politischen Diskussionen angucke, es ist ja nicht nur, dass ich die Ansichten nicht teile, sondern es ist ja einfach auch vom Niveau unsäglich. Wenn man die üblichen Talkshows betrachtet, wenn man die Art dieser Schlagabtausche – es ist einfach überhaupt nichts mehr, was an Phantasie, was an Kreativität – da ist nichts mehr. Das ist einfach leer, da ist Ödnis. Und ich glaube, dass die Leute schon – dass auch eine Partei, die konsequent bestimmte Fragen aufwirft, die wirklich auch angriffslustig Oppositionsarbeit macht, dass die auch die Chance hat, in diesem Land relativ breiten Rückhalt zu bekommen.

Gaus:
Sind Sie eine geborene Dissidentin, Frau Wagenknecht? Als Sie in der DDR 1988 nach dem Abitur studieren wollten, hat man Ihnen gesagt, Sie sollten zunächst einmal lernen, sich in ein Kollektiv einzufügen. Sind Sie eine geborene Dissidentin?

Wagenknecht:
Ich glaube, geboren wird man dazu nicht. Also, ich würde mir wünschen, in einer Gesellschaft zu leben, wo ich nicht Dissident sein müsste. Ich denke nur, man muss – und vielleicht hat das etwas mit geboren, mit Anlage zu tun – ich würde mich nie verbiegen, wenn die Gesellschaft halt anders ist. Ich denke schon, dass jeder das Bedürfnis hat, lieber in Übereinstimmung mit seiner Umgebung zu leben, als in Kontrast zu ihr. Es ist ja auch viel anstrengender. Es ist auch nicht etwas, was einem in jeder Hinsicht immer besondere Erfolgserlebnisse bringt, wenn man sich gegen sehr viel stellt. Aber ich denke letztlich – also wie gesagt, ich hoffe auch noch mal eine Gesellschaft zu erleben, in der ich nicht Dissident sein muss.

Gaus:
Damit rechnen Sie? Wir kommen darauf, aber ich will an der Stelle schon mal fragen: Sie hoffen, dass Sie noch – Sie sind eine junge Frau, haben also noch eine lange Strecke vor sich, würde ich Ihnen wünschen – Sie denken, Sie kommen noch hin, in dieses gelobte Land, in diese Gesellschaft, die keine Dissidenten mehr hervorbringt? Wir kommen darauf, aber jetzt schon mal gefragt.

Wagenknecht:
Also, Dissidenten in dem Sinne, dass man sich grundsätzlich gegen den Ansatz dieser Gesellschaft stellen muss. Ich glaube, jede Gesellschaft - gerade eine sozialistische Gesellschaft - braucht Leute, die sie kritisch begleiten und muss gerade das auch fördern. Ich denke, dass das auch einer der ganz schlimmen Fehler unserer Geschichte war, dass wir das nicht aufgegriffen haben, nicht als Bereicherung verstanden haben; sondern, dass wir sehr schnell Kritik dann eben auch...
Gaus:
Das wäre meine nächste Frage. Warum ist die DDR als Staat und die SED als Staatspartei mit den Dissidenten in der DDR nicht zurechtkommen?

Wagenknecht:
Also, ich denke, das ist auch immer ein Zeichen von Schwäche. Es war vor allem – ich glaube, dass es auch unterschiedliche Umgehensweisen gab. Es gab in den 60er Jahren - die ich ja nun leider selber nicht erlebt habe, aber das haben mir eigentlich viele erzählt - auch eine Phase, wo das durchaus auch etwas anders gehandhabt wurde. Das ist dann später wirklich wieder in einer Versteinerung versunken. Ich denke, wenn eine Gesellschaft mit Kritikern nicht umgehen kann, ist das immer Schwäche, ist das immer die Angst, nicht mehr argumentieren zu können. Also in dem Augenblick, wo ich repressiv werde, habe ich ja Sorge, nicht mehr mit Argumenten meine Position, meine Politik, meine Grundansichten rechtfertigen zu können. Dann muss ich wegdrücken, was ich nicht will.

Gaus:
Ich habe bei der Vorbereitung auf dieses Interview an ein paar Stellen gelernt, dass Sie Ulbricht für den weitaus Bedeutenderen ansehen als Honecker.

Wagenknecht:
Also, ich glaube, dass er bei bestimmten Fragen – so weit ich mich damit auch historisch beschäftigt habe – wirklich erkannt hat, wo die DDR Veränderungen, neue Weichenstellungen...

Gaus:
...auf wirtschaftlichen...

Wagenknecht:
...auf wirtschaftlichem Gebiet vor allem. Also er hatte ja dieses neue ökonomische System. Er hatte auch sehr frühzeitig erkannt - diese gesamten Fragen der Mikroelektronik, der neuen Entwicklungen, dass die natürlich auch andere ökonomische Mechanismen brauchen. Also, dass diese überzentralisierte Planung, wo der Anspruch erhoben wurde, mit einer Planbehörde im Grunde die gesamte Gesellschaft, das gesamte ökonomische Leben zu dirigieren, dass das nicht funktionieren kann. Dass man die Leute einbeziehen muss, dass die Menschen auch Anreize haben müssen, dass sie kreativ sein müssen. Und das ist leider Gottes danach sehr abgewürgt worden.

Gaus:
Weil es nicht genügend Motivation gab, mangels Profit.

Wagenknecht:
Also, das halte ich eben auch für einen Grundirrtum - auch dieser heutigen Gesellschaft - dass Profit der einzige oder auch der wichtigste Motor von Motivation ist. Ich denke, Menschen sind ja vor allem motiviert, wenn sie ganz persönlich dann auch Anerkennung bekommen - sicherlich auch materielle Anreize.  [...]
Wagenknecht:
Also, wenn ich das nicht hoffen würde und auch das Gefühl hätte, dass gar nicht so wenige Menschen natürlich darüber nachdenken, über Alternativen, dann würde ich das alles nicht machen. Und ich glaube schon – auch das was jeder täglich erlebt, wie diese Gesellschaft, mit welcher Hemmungslosigkeit sie auch Leute ins soziale Nichts schleudert, mit welcher Hemmungslosigkeit sie wirklich auf der einen Seite unglaublichen Reichtum produziert und sozusagen dort noch verstärkt, währenddessen im anderen Bereich also immer mehr Leute schlicht und ergreifend nicht mehr wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen. Da ist doch völlig klar, dass das auch irgendwann eine Auflehnung geben wird und dass sich Leute dagegen auch wehren werden.

Gaus:
Woran liegt das? Dass das so gut wie immer nur eine Minderheitenposition ist - diese Einsicht in bestimmte soziale Verwerfungen und Niederbrüche in dieser an sich reichen Gesellschaft. Neigen die Menschen - so wie Sie die Menschen sehen, wie Sie sie bisher sehen - neigen die Menschen dazu, lange Zeit die Augen zu schließen?

Wagenknecht:
Ich glaube nicht, dass es nur die Frage ist, ob sie die Augen schließen. Ich denke, das Grundproblem ist, dass viele keinen Ausweg sehen. Also wenn ich mit Leuten diskutiere und sie auch frage, warum sie sich nicht in irgendeiner Form - das muss ja nicht in einer Partei sein - in irgendeiner Form engagieren, dann ist eigentlich das Argument, das ich höre ganz selten, dass die Leute mir sagen: ‚Na ja insgesamt ist ja diese Gesellschaft ganz vertretbar und wir können damit gut leben’. Sondern - ich denke, was ich höre, ist in der Regel: ‚Ja, wir können ja nichts machen’. Das heißt, man hat den Leuten eingeredet - und das ist ja so eine Grundbotschaft - sie sind ohnmächtig, sie können nichts machen, sie können sich nicht wehren. Ich glaube, dass das die Haupthürde ist, die man aufbrechen muss. Also, dass man deutlich macht, die Menschen können was ändern. Wenn sich viele Leute wehren, dann ist auch ein Druckpotential da, das natürlich Politik beeinflusst. Und so sind ja auch historisch diesem Kapitalismus alle sozialen Rechte abgerungen worden, von denen er sich zur Zeit wieder befreit. Das war ja nichts, was als Großzügigkeit irgendwann zugestanden wurde. Also angefangen von Bismarck war es immer die Drohung - damals noch einer wirklich revolutionären Sozialdemokratie - die Drohung, dass dann sozusagen ja Widerstandbewegungen stärker werden, die dazu geführt hat, dass man bestimmte soziale Rechte letztlich dann doch umgesetzt hat.

Gaus:
Sind wir möglicherweise in einer Situation, in der die Manipulationsmöglichkeiten so groß geworden sind, dass die Schafsgeduld fast unendlich geworden ist? In der DDR haben manche nachdenkliche Leute gesagt – ich glaube, Loest hat das auch in einem Buchtitel verwendet – dass die Schafe zu geduldig sind. Haben wir zuviel Schafsgeduld in der jetzigen Bundesrepublik?

Wagenknecht:
Na ja ich würde sagen, ich würde es nicht als Schafsgeduld bezeichnen, weil das ja – es widerstrebt mir einfach, die Leute für schafsgeduldig zu halten, die lediglich aus dem Grunde, weil sie nicht sehen, was sie machen können, weil sie nicht sehen, welche Alternativen es gäbe, welche Möglichkeiten es gäbe, sich nicht wehren. Ich glaube, dass das mehr eine Verantwortung auch ist, wo sich linke Parteien oder konkret auch die linke Partei, der ich ja angehöre, sich fragen muss, weshalb sie es nicht besser als bisher geschafft hat, Menschen zu motivieren, sich zu wehren. 
Gaus:
Also, wann immer ich in diesen Jahren in der Reihe ‚Zur Person’ seit der Wende einen bekennenden oder eine bekennende Sozialistin oder Kommunisten vor der Kamera oder am Mikrophon hatte, habe ich immer gefragt: ‚Glauben Sie an den neuen Menschen?’ Oder: ‚Glauben Sie tatsächlich der alte Adam und die alte Eva können das leisten, was sie - was die kommunistische Idee leisten will? Oder muss man dafür einen neuen Menschen haben?’ Glauben Sie an einen neuen Menschen?

Wagenknecht:
Also, ich glaube, der Mensch war immer sehr, sehr unterschiedlich - je nachdem auch wie die Verhältnisse waren. Und insofern glaube ich nicht unbedingt an einen neuen Menschen. Also, Menschen - es waren immer Menschen, die einerseits die wunderschönsten Gemälde, die wunderschönsten Gedichte geschrieben haben und die die grauenvollsten Verbrechen begangen haben. Und ich glaube, dass sehr die Frage ist, welche Seiten eines Menschen die Gesellschaft fördert, welche sie heraufbeschwört. Und die heutige Gesellschaft ist natürlich von ihrer gesamten Struktur so beschaffen, dass sie gerade dieses Egoistische und gerade dieses Ignorante im Menschen richtig reproduziert, richtig hervorruft, weil der Einzelne natürlich sehen muss, dass er selber überlebt und dann natürlich dem ein oder anderen egal ist, was dem Menschen neben ihm passiert.

Gaus:
Mein Eindruck bei der Beobachtung - der privilegierten Beobachtung natürlich - der DDR war, dass die Menschen auch im System der DDR ziemlich gewinnorientiert waren. ‚Freitag um eins macht jeder seins’. Und insofern bleibt meine Frage: Ist die kommunistische Idee - die ohne Frage zu den wichtigen Grundphilosophien über menschliches Zusammenleben im Abendland gehört - geht sie deswegen immer zugrunde, weil sie einen neuen Menschen voraussetzt, den es nie geben wird?

Wagenknecht:
Also, ich denke auch nicht, dass Sozialismus den vollkommen altruistischen Menschen voraussetzt, sondern im Gegenteil. Natürlich, das war auch ein Problem in der Vergangenheit - oder des ökonomischen Systems, das wir in der DDR hatten. Ich glaube, dass auch eine sozialistische Wirtschaftsordnung bestimmte Anreize setzen muss. Also, dass sie schon Menschen auch – allerdings nicht unter diese Wolfsgesetze bringt, die heute im Grunde bedeuten: Entweder du setzt dich durch, oder du gehst unter - sondern, dass aber trotzdem ein Anreiz da sein muss, der belohnt, wenn sich einer besonders engagiert. Das ist sicherlich schon auch in sozialistischen Betrieben, in öffentlichen Betrieben machbar und sinnvoll. Nur ich glaube nicht daran, dass der Mensch tatsächlich diesen unglaublichen Druck braucht. Sondern im Gegenteil - ich glaube, dass der auch Menschen kaputt macht, der heute im Grunde existiert, wo ich mich entweder tot arbeite oder aber ganz rausfalle und gar nicht sozusagen diesen Mittelweg, der kaum begehbar ist, kaum beschreibbar ist für den Einzelnen.

Gaus:
Ein Problem ist doch, selbst theoretisch, wenn ich es recht weiß, von der sozialistischen Gesellschaft, der kommunistischen Gesellschaft, auf dem Wege zu ihr hin, nie konkret gelöst worden. Nämlich - wie kontrolliert man die Macht und wie kann man die Macht auswechseln? Haben Sie darauf eine Antwort? [...]

Gaus:
Erlauben Sie mir eine letzte Frage: Was erheitert Sie dann und wann? Bei was können Sie mal entspannen?

Wagenknecht:
Also, entspannen – wenn ich wandere, wenn ich lese, wenn ich - was leider viel zu selten noch möglich ist - aber zum Beispiel nach wie vor liebend gern noch Shakespeare und Goethe lese. Das bringt auch unglaublichen Abstand. Also gerade Shakespeare - wenn man irgendwie gerade so irgendwelche Intrigen und irgendwelche politischen Kämpfe hinter sich hat und liest ein Shakespeare-Drama geht man mit all dem gelassener um. Man weiß natürlich auch, dass es nicht neu ist, solche Auseinandersetzungen zu führen. Und das, ja ermutigt dann auch irgendwo, weiter zu machen."

Montag, 20. Juli 2020

Sahra Wagenknecht im Interview

F: Andere Unternehmen wie die Lufthansa brauchen aber schon Hilfe, oder? 
 S. W.:Ich halte es für richtig, ein Unternehmen wie die Lufthansa vor der Insolvenz zu bewahren, weil es für unsere Infrastruktur eine wichtige Rolle spielt und tausende Beschäftigte von ihm abhängen. Aber dann muss man auch dafür sorgen, dass man Einfluss im Unternehmen nimmt und Entlassungen so weit wie möglich verhindert.

Montag, 25. November 2019

Umfrageergebnis für Wagenknecht und ihr Kommentar

"Meine Regionalzeitung schreibt am 22. November auf der ersten Seite: „Wagenknecht löst Merkel ab“. Das wäre ja ganz toll, wenn es um die Kanzlerschaft ginge. Es geht aber um eine Umfrage, wie die NachDenkSeiten am 21.11. schon berichtet haben. Dass Sie auf der Beliebtheitsskala dieser Umfrage Angela Merkel überholt haben, ist bemerkenswert und erfreulich. Aber: Was ist das wert? Was machen Sie aus diesem Potenzial? [...]
Aufgabe einer linken Partei ist es, die zu vertreten, die um ihren Wohlstand immer härter kämpfen müssen, also die Leidtragenden der neoliberalen Globalisierung, nicht die Gewinner. [...]
Die urbanen Besserverdiener sind heute die wichtigste Wählergruppe der Grünen, aber in zunehmendem Maße auch von SPD und Linken. Es ist die Denkweise und Lebenswelt dieses sozialen Milieus, ihre Sicht auf die Globalisierung, die Zuwanderung, die EU und den Nationalstaat, die heute als „links“ gelten, während Ansichten, die früher sozialdemokratischer Mainstream waren, plötzlich unter Nationalismus- oder gar Rassismusverdacht stehen. Im Ergebnis hält die Mehrheit der Arbeiterschaft und der Ärmeren „links“ heute für eine Ideologie der Herrschenden, der Profiteure der neoliberalen Globalisierung, und hat damit nicht ganz unrecht. Das ist eine gravierende Fehlentwicklung. Eine Linke, die sich von den benachteiligten Schichten und deren Interessen entfernt, trägt damit auch Mitverantwortung für den Aufstieg der Rechten. Gleichzeitig zeigt beispielsweise der letzte Wahlkampf der dänischen Sozialdemokratie, dass die Linke mit einer populären und an den Wünschen der Mehrheit orientierten Strategie die Rechtsparteien erstaunlich schnell wieder kleinmachen kann. Das wäre auch in Deutschland möglich. [...]"
https://www.nachdenkseiten.de/?p=56623

Sonntag, 21. August 2016

Wagenknecht: Reichtum ohne Gier

Rezensionen bei Perlentaucher:
über die FAZ Rezension:
"Ein gelungenes Propädeutikum der deutschen Wirtschaft, das laut Günther gar nicht durchweg klassisch links argumentiert und, für den Rezensenten überraschend, nationalstaatliche Lösungen propagiert."
über die Rezension der SZ: 
"Peter Gauweiler lobt Sahra Wagenknechts Buch über den grünen Klee. [...] Einzig im letzten Kapitel, wo Wagenknecht Vorschläge zu einer "Gemeinwohlgesellschaft" unterbreitet, hat der Rezensent Einwände. Klar und informativ findet er die Lektüre allerdings durchgängig."

Vorerst nur wenige Zitate:
"Weil wir es zulassen, dass dieselben Institute, in deren Hände wir lebenswichtige volkswirtschaftliche Funktionen [...] legen, ihre größten Profite mit den Orgien wilder Finanzspekulationen verdienen, [...] sind wir erpressbar geworden." (S.214)

"Volkswirtschaftlich entsteht Sparen durch Investieren, weil Geld, das für Inestitionsgüter ausgegeben wird, eben/ nicht mehr für Konsum ausgegeben werden kann. Dafür muss niemand Geld zu Bank tragen. (S.216/17)

Über die Banken: "Eine Branche, in der Unternehmen nicht pleite gehen dürfen, weil das fatale volkswirtschaftliche Konsequenzen hätte, [...] gehört schlicht und ergreifend nicht in private Hand." (S.222)

John Lockes Begründung, dass das Eigentum ein Menschenrecht sei, erläutert Wagenknecht sehr anschaulich und zeigt sogleich auf, worin ihre große Schwäche liegt:
Lockes Argumentation: Jeder Mensch gehört sich selbst, also auch seine Arbeitskraft und das Produkt seiner Arbeit. Das wendete sich zu Lockes Zeiten dagegen, dass die Grundherren die Arbeitsergebnisse ihrer Bauern einstrichen, ohne etwas dafür getan zu haben. Doch was da noch progressiv und geradezu revolutionär war, eignete sich für eine höchst fragwürdige Rechtfertigung, den Indianern in Nordamerika ihren Besitz wegzunehmen. Denn: "Wenn Eigentum erst dadurch entsteht, dass jemand einen Acker systematisch bewirtschaftet, dann hatten die Indianer - wie die Ureinwohner anderer Kontinente - gar kein Eigentum."(S.247) Dann konnte man ihnen also ihr Land wegnehmen, ohne das Menschenrecht auf Eigentum zu verletzen.

Das Menschenrecht auf Eigentum ist daher nach Wagenknecht schon deswegen fragwürdig, weil der Eigentumsbegriff sich in letzter Zeit immer mehr auf Bereiche ausgeweitet hat, wo von Produkt der Arbeit nicht sinnvoll die Rede sein kann. Wenn Gewinnerwartungen, Mikroorganismen und Gensequenzen als Eigentum verstanden werden, dann passt die Argumentation mit Produkt der Arbeit einfach nicht mehr. (vgl. S.250/51)

Das Argument, die hohen Einnahmen aufgrund von Eigentum seien eine Risikoprämie sticht nur bei voll haftenden Personalunternehmern. Bei GmbHs und Aktiengesellschaften ist das Risiko aber auf das Einlagekapital beschränkt. "Bei Kapitalgesellschaften [...] steht dem unbegrenzten Zugriff auf den im Unternehmen erwirtschafteten Gewinn also das gegrenzte Risiko gegenüber, im Falle der Pleite das anfangs investierte Kapital zu verlieren." (S.256)
"Man stelle sich vor, in der letzten Finanzkrise hätte die globale Finanzelite mit ihrem privaten Vermögen haften müssen! Das hätte den Reichtum der oberen 1 Prozent weit heftiger eingedampft als jede Vermögenssteuer, und es hätte die Staaten vor Milliardenschulden bewahrt." (S.257)

Kapitalneutralisierung (S.271-273) Nach heutigem Recht geht Kapital, das in einem Unternehmen akkumuliert wird, an den/die Besitzer des Unternehmens. "Kapitalneutralisierung" würde statt dessen bedeuten, dass dieses neu gebildete Kapital originäres Eigentum des Unternehmens wird, während externe Kapitalgeber - ebenso wie Kreditgeber - mit einer Verzinsung des Kapitals abgefunden werden, die wegen des höheren Risikos etwas höher ausfällt. Eine solche Regelung wäre das logische Pendant zur begrenzten Haftung." (S.273)

Mittwoch, 22. Januar 2014

Lanz, Jörges und Wagenknecht

Stefan Niggemeier fasst seine Zitate [als Nichthörer kann man kaum glauben, dass es so zugegangen ist] so zusammen:
Es war, als würde man versuchen, eine inhaltliche Diskussion mit einem Sechsjährigen zu führen, der als Argumente zweihundert Fleischbällchen in Tomatensoße hat und bereit ist, jedes einzelne abzufeuern. Niggemeier: Wie Markus Lanz ein paar Mal bei der »schönsten Linken aller Zeiten« einhaken musste
Ich hätte nicht geglaubt, dass man die Lanz-Satire auf sich selbst noch übertreffen könnte. Aber mir werden bei Lanz Rüpeleien von jetzt ab die Fleischbällchen in Tomatensoße vor Augen stehen.

Nachdem ich den betreffenden Ausschnitt der Sendung angesehen habe, muss ich meinen Eindruck, den ich aus Niggemeiers Darstellung gewonnen habe, korrigieren. Wagenknecht wurde zwar immer wieder unterbrochen und zur Entscheidung zwischen Alternativen aufgefordert, die es in dieser Form nicht gibt. Ihr wurde auch immer wieder Populismus vorgeworfen, während in Wirklichkeit Lanz und Jörges zu verfälschenden Vereinfachungen griffen. Aber über erhebliche Strecken haben Lanz und Jörges sie auch reden lassen, so dass sie eine ganze Menge differenzierte Argumentation vortragen konnte.
Ich meinerseits hätte völlig den Faden verloren, wenn ich viermal unterbrochen worden wäre und versucht hätte, die zusammenhanglosen Fragen zu beantworten.

Die Zuschauerredaktion des ZDF hat nach der Sendung verbreitet:
[...] Und wir können insofern versichern, dass Sahra Wagenknecht mit der, wenngleich sehr intensiven Auseinandersetzung sehr zufrieden war und nicht den Eindruck hatte, ihre Position nicht ausreichend darlegen zu können.“ (Focus  online: Wagenknecht widerspricht ZDF nach Eklat bei Lanz, 21.1.14)
Wagenknecht twitterte daraufhin:
Liebes ZDF, nach dem breiten Protest gegen Markus ´ Gesprächsstil zu behaupten, ich sei zufrieden gewesen, ist doch etwas arg frech. (Wagenknecht, 20.1.14)
Das Wort "frech" hat sie von Lanz aufgegriffen, der gesagt hatte, sie sei frech gewesen.

Focus online berichtet weiter, Wagenknecht habe bei Bild.de gesagt:
"Ich verstehe die Empörung vieler Zuschauer. Sie haben ein Gefühl für Fairness. Da ich mir die Sendung ansonsten nicht ansehe, kann ich nicht beurteilen, ob es immer so zugeht.“

und fährt fort: 
Eine Beschwerde werde sie hingegen nicht gegen Lanz und das ZDF einlegen.

Ich habe die Sendung nicht gesehen und hätte vermutlich auch nichts geschrieben, wenn ich sie gesehen hätte. Bemerkenswert fand ich den Vorgang nur, als ich von einer Petition "Raus mit Markus Lanz aus meiner Rundfunkgebühr!" erfuhr (im Augenblick 67 949 Unterstützer in Deutschland).
Meiner Meinung nach geschieht Lanz persönlich durchaus Unrecht, denn er hat ja nur ungeschickt und angreifbar getan, was seine Kollegen in ähnlicher Form immer wieder tun. Aber die Institution öffentliches Fernsehen sollte angesichts dieser Auswüchse unbedingt angegriffen werden. Für die organisierte Beleidigung demokratischer Politiker möchte ich keine Rundfunkgebühren bezahlen.
Ich zitiere aus der Diskussion zur Petition: "Das Problem heißt nicht Lanz, sondern "ZDF"."

Die Petition habe ich nicht unterschrieben, doch ich verspreche auch nicht, es nicht zu tun. Noch gibt es leider keine Petition, die sich gegen das ZDF richtet. (Jetzt gibt es 68 327 Unterschriften.) Aber woher kommt mein Name samt Anschrift und E-Mailadresse auf die Seite, ohne dass ich auch nur eines der Felder angeklickt hätte?

Vermutlich bin ich reichlich naiv. Aber es wird mir sehr schwer fallen, auf einer solchen Seite ein "unterschreiben" anzuklicken.

0:21:  69 960 Unterschriften in Deutschland
0:25  70 467 in Deutschland, 74 494 insgesamt.(Bis ich zu Ende  getippt hatte, waren es schon weit über 74 500.)
Mehr zur Petition und den Reaktionen auf die Sendung bei SPON, 23.1.14
Mehr als 130 000 Unterzeichner (Stand 23.1.14 16:23)
Tweets zu  #Lanz #Wagenknecht

Zwei Kommentare zu der Sendung auf SPON:
Was sich hier zeigt, ist ein aggressiver Konformismus, der das Programm und das Denken dieses Senders durchzieht und letztlich im öffentlich-rechtlichen Dauergerede über die Quote wieder auftaucht (Diez)

Die Linke sieht sich allzu gern als Opfer der Medien. Sie wittert Zensur, Kampagnen, Totschweigen ihrer Positionen. Und deshalb ist die Causa Lanz wie geschaffen für die Partei, in der gar eine eigene Abkürzung für die ungerechten Medien kursiert. Von der "bbP" ist immer dann die Rede, wenn die Genossen zu den Gemeinheiten der "bösen bürgerlichen Presse" nicht länger schweigen wollen. (Reinbold)
Kommentar in FR vom 25.1.14
Dabei versteht Frau Wagenknecht das Spiel mit den Medien sonst so virtuos wie Sylvie van der Vaart. Ein bisschen Sex, ein bisschen Tabubruch mit dem Wort Kommunismus und ganz viele Auftritte in Talkshows. Sie ist so geübt in Interviewsituationen, dass sie Fragen lediglich als beiläufiges Geräusch wahrnimmt, während sie ununterbrochen spricht. 

"Wetten, dass..?": Lanz spottet über Online-Petition, SPON 25.1.14 (inzwischen mehr als 200 000 Unterzeichner)
Kommentar in ZEIT, 30.1.14

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Der Millionär hat's schwer

"Weltwoche"-Chefredakteur Roger Köppel und Luxuswarendiscounterin Claudia Obert wird Gelegenheit gegeben, ihr interessengeleitetes Denken zu produzieren. Köppel tut so, als wäre die Französische Revolution verhindert worden, wenn es nur mehr reiche Adelige gegeben hätte. ("Je mehr Reiche es gibt, umso besser ist es für die Gesellschaft." und meint offenbar besser für Schweizer Banken) Claudia Obert sagt: "Ich mach mir nichts aus Hab und Gut. Ich gebe lieber am Tag 1000 Euro aus, als dass ich 1000 Euro spare. [...] Ich geh nach dem Geld."

Sandra Maischberger, die hervorragende Interviews mit Einzelpersonen geführt hat, hat sich wieder einmal ein Team zusammenstellen lassen, das keinem einzigen Argumentationsgang folgt. Und sie macht kaum einen ernsthaften Versuch, daran etwas zu ändern.

Wenn man bedenkt, wie nah unsere Gesellschaft vor verschiedenen Katastrophen steht - die Klimakatastrophe ist wohl die unausweichlichste - dann klingt das chaotische Durcheinanderreden wie die Tanzmusik während des Untergangs der Titanic.
Trotzdem, ich brachte es nicht fertig, abzubrechen. Da kommen einzelne kurzfristig dazu, Probleme zu benennen; aber die andern schaffen es ohne weiteres den Weckruf "Schiff vom Eisberg gerammt!" zu ignorieren.
Wer's nicht glaubt, darf es gern hier nachhören: Maischberger: Der Millionär hats schwer - Reiche zur Kasse.

Aber: Niemandem droht für seine Meinungsäußerung Gefängnis oder gar KZ.
Uns geht es gut.
Nur: wie viele Menschen verhungern, weil wir so mit einander reden?
Wie wird es unseren Kindern und Enkeln gehen, weil wir so mit einander reden?

Übrigens, wenn man wissen will, was Johannes Ponader zu sagen hat, wenn er zu Wort kommt, kann hier etwas nachlesen.

Politischer Geschäftsführer der Piraten zu sein, ist ein harter Job. Die ehemalige Geschäftsführerin Marina Weisband bekommt freilich Hilfe, wenn sie sie braucht. Jedenfalls entnehme ich das ihren Tweets:
"Allein in Berlin mit zwei Koffern. Obdachlose helfen mir weiter.

Es ist ja gerade in den entscheidenden Momenten am schwierigsten, um Hilfe zu bitten."
 Marina Weisband, 6 Okt‏obern 2012 

Übrigens: Wer in der Chaosdiskussion bei Maischberger etwas Vernünftiges hören will, höre auf Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Nach dem, was ich über Talk Shows gelernt habe, wird der gewiss nicht wieder eingeladen.
Das ist bei Sahra Wagenknecht und Johannes Ponader anders. Denn die garantieren dafür, dass sie unsachlich angegangen werden und auch durch eigene Äußerungen polarisieren.