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Mittwoch, 3. November 2021

Ort der Vielfalt

 "Ort der Vielfalt ist eine 2007 ins Leben gerufene Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, des Bundesministeriums des Innern und des Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, deren Ziel es ist, Gemeinden, Städte und Kreise in Deutschland in ihrem Engagement für kulturelle Vielfalt zu stärken. Diese Initiative ist aus den Bundesprogrammen Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie und kompetent. für Demokratie – Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus hervorgegangen. Das Bundesprogramm Toleranz fördern – Kompetenz stärken führt seit dem 1. Januar 2011 die beiden Bundesprogramme wieder unter einem gemeinsamen Dach fort. [...]" (Wikipedia: Ort der Vielfalt)

Samstag, 8. Dezember 2018

Gelungene Integration

ist kein Abschiebehindernis.

Wie ist dieser Satz fortzusetzen? Was folgt daraus?

Spurwechsel* ist nicht gewünscht, Integration also nur im Sonderfall.

"Spurwechsel"-Debatte: Beifall für Daniel Günthers Vorstoß in der     Einwanderungspolitik, ZEIT 14.8.18:
Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Günther hatte in der ARD gesagt: "Es ist wichtig, dass Menschen, wenn sie integriert sind, wenn sie eine Ausbildung schon abgeschlossen haben, die Möglichkeit haben, auch auf dem Arbeitsmarkt tätig zu sein, dass wir hier die Möglichkeit finden, einen sogenannten Spurwechsel zu machen, dass dann eben nicht mehr Asylrecht greift, sondern das neue Zuwanderungsgesetz." 
* Kompromiss zu Einwanderungsgesetz, FR 2.10.18


* Unsere Köchin bleibt, ZEIT 18.12.18:
[...] Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach sich schon vor längerer Zeit für einen "Spurwechsel" aus: Abgelehnte Asylbewerber sollen legal in Deutschland bleiben dürfen, wenn sie einen Job haben. Sie sollen dann nicht bloß geduldet sein, sondern ein Arbeitsvisum bekommen. In der Union ist der Vorschlag umstritten, Kritiker fürchten die "Pull-Faktoren", den massenhaften Zuzug von Ausländern, die keine Chance auf Asyl haben, in der Hoffnung auf ein Arbeitsvisum aber trotzdem kommen. Im Entwurf für das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz, über den die Bundesregierung in dieser Woche berät, spielt der Spurwechsel keine Rolle mehr.[...]

Sonntag, 2. Dezember 2018

Ahmad Mansour: Gegen falsche Toleranz und Panikmache

Ahmad Mansour: Gegen falsche Toleranz und Panikmache
»Wir müssen offen miteinander reden, sonst spielen wir den Rechten in die Hände.« (Ahmad Mansour)
"Eine der drängendsten Aufgaben unserer Gesellschaft ist Integration. Doch kein Thema polarisiert stärker. Staat und Gesellschaft stehen dieser Aufgabe bisher planlos gegenüber, es mangelt an konkreten Konzepten, einer unvoreingenommenen, sachlichen Debatte und langfristigen Plänen.
Der Psychologe und Bestsellerautor Ahmad Mansour, selbst muslimischer Immigrant, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Problemen und Chancen von Integration. Er reiste durch ganz Deutschland, besuchte Haftanstalten, Schulen und Flüchtlingsunterkünfte und sprach mit Politikern, Lehrern und Sozialarbeitern. So hat er wie niemand sonst erfahren, wie Zusammenleben funktionieren und woran es scheitern kann. Ohne falsche Rücksichtnahme spricht er offen an, in welchen gesellschaftlichen Bereichen Veränderungen nötig sind, wo die Politik oder jeder Einzelne gefragt ist und welche Werte unverhandelbar sind. Mansour macht unmissverständlich klar, dass wir alle umdenken müssen – ein eindrücklicher Appell." (Buchvorstellung bei Kindle)

Dienstag, 21. August 2018

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox

"[...] Gelungene Integration erhöht deshalb das Konfliktpotenzial, weil Inklusion, Gleichberechtigung oder eine Verbesserung der Teilhabechancen nicht zu einer Homogenisierung der Lebensweisen, sondern zu einer Heterogenisierung, nicht zu mehr Harmonie und Konsens in der Gesellschaft, sondern zu mehr Dissonanz und Neuaushandlungen führt. Zunächst sind es Konflikte um soziale Positionen und Ressourcen, im Zeitverlauf werden soziale Privilegien und kulturelle Dominanzverhältnisse in Frage gestellt und neu ausgehandelt. Desintegration geht ein her mit sozialen Problemen. Das dauerhafte Ausgeschlossensein vom Tisch steigert die Wahrscheinlichkeit für abweichendes Verhalten, für Kriminalität und Gewalt. Bei Integration handelt es sich hingegen um grundlegende, die Gesellschaft verändernde Konflikte. Analog dazu: Langzeitarbeitslosigkeit ist ein soziales Problem und damit Desintegration, der Streit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist ein sozialer Konflikt zwischen zwei integralen (= integrierten) Teilen, die ein Ganzes ergeben." (Aladin El-Mafaalani in: FAS 12.8.18, S.42)

mehr dazu:
Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt, 2018

Sonntag, 19. August 2018

Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime

"Wir haben nichts gegen Muslime" – immer wieder habe ich das in Indien gehört. Aber plötzlich ist da ein indisches "Wir", das nichtmuslimisch ist, und ein muslimisches "Sie", gegen das wir nichts haben. Diese Muslime fühlten sich bis gestern genauso als Inder wie die Hindus. Und wie oft höre ich in Deutschland das "wir" nichts gegen Muslime haben.
 Oder alle möglichen Talksendungen zum Islam: Wie können "wir" mit dem Islam umgehen, müssen wir Angst haben vor den Muslimen? Daß zu diesen "Wir" auch Muslime gehören könnten, scheint den Talkgästen beinah undenkbar zu sein. [...]
"Wir" Deutsche müssen Dialog führen mit den Muslimen, sagen die Gutwilligen. Das ist löblich, nur bedeutet es für etwa 3 Millionen Menschen in diesem Land, daß sie den Dialog mit sich selbst führen müßten.(S.27 -Hervorhebungen von Fontanefan)

"Im Habsburger oder im Osmanischen Reich, bis vor kurzem in Städten wie Sarmakand oder Sarajewo, heute noch in Isfahan oder Los Angeles  waren oder sind Parallelgesellschaften kein Schreckgespenst [...]. Ohne sie gäbe es vermutlich keine Christen mehr im Nahen Osten, und ihr heutiger Exodus hat viel mit dem verhängnisvollen Drang mal der Mehrheitsgesellschaft, mal der Staatsführer, mal von ein paar hundert Terroristen zu tun, Einheitlichkeit herzustellen und kulturelle Nischen auszumerzen." (S.12/13)
"Identität per se ist etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition." (S.17)
"Das bedeutet, daß just mit der Auflösung festgefügter Identitätsmuster, wie sie die Globalisierung mit sich bringt, offenbar der Drang entsteht, sich an etwas festzuhalten, was als eigenes, als Merkmal, das einen von anderen unterscheidet, zu reklamieren wäre. Man kehrt zurück zu dem, was man früher zu sein glaubte, aber im eigenen Leben nie war." (S. 31)
"Niemand bricht radikaler mit der Vergangenheit als jene Gruppierungen, die in die Vergangenheit zurückkehren wollen." (S.32)
"Die Säkularität, wie wir sie kennen und die weit über die Trennung von Staat und Religion hinausgeht [...], Ist eine singuläre Erscheinung in Europa. [...] Wenn wir von säkularen Westen sprechen, meinen wir Westeuropa." (S.33)
"Will man in Westeuropa ein Wir schaffen, reicht das Christentum als Identitätskitt nicht aus." S.35) 
[...] Meine Heimat ist nicht Deutschland. Sie ist mehr als Deutschland: Meine Heimat ist Köln geworden. Meine Heimat ist das gesprochene Persisch und das geschriebene Deutsch: Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich sofort unter Landsleuten, wenn ich Persisch höre – nicht wenn ich deutsch höre. Aber das erste, was ich tue, ist zu schauen, wo es eine deutsche Zeitung gibt. Ich vermeide, soweit es geht, jede fremdsprachige Lektüre, weil ich für mein Leben gern gutes Deutsch lese. Etwas auf Englisch oder Persisch zu lesen, ist mir niemals Vergnügen, auch wenn ich es verstehe. [...]
Mit der gesprochenen deutschen Sprache verbinde ich nicht Gefühle der Vertrautheit, Wärme, Geborgenheit, ich spreche Deutsch auch viel zu schnell. [...] (S.136)
"In der Poesie ist es wieder ganz anders. Wenn ich ein Gedicht auf Spanisch höre, dann ist es mir intuitiv näher, als wenn ich ein deutsches oder persisches Gedicht höre – und/ das, obwohl ich kaum Spanisch spreche.[...]
Das hat gewiss damit zu tun, dass die ersten Gedichte, die ich mit Begeisterung vortrug, von Pablo Neruda waren. [...] Meine Heimat ist nicht nur Deutschland oder Iran, sondern auch die Poesie von Pablo Neruda, die mich in die Liebe begleitet hat." (S.136/137)
Ja, Hölderlin ist Heimat, eindeutig – oder der erste FC Köln, ebenfalls Heimat, seit ich vier Jahre alt bin, ein Verein übrigens in dessen inoffizieller Hymne es heißt: Wir sind multikulturell. (S.138)
"Im Ernst: nicht ganz dazu zu gehören, sich wenigstens einige Züge von Fremdheit zu bewahren, ist ein Zustand, den ich nicht aufgeben möchte." (S.139)

Zur Leitkultur:
"[...] anders als bei dem genaueren Begriff des Grundgesetzes, vor dem alle gleich sind, gehört der ethnisch Deutsche ungeachtet seiner eigenen Ansichten und Werte zu dem Volk, das leitet. [...].
Wenn ein politisches Gebilde religiösen und ethnischen Minderheiten eine gleichberechtigte Teilhabe in Aussicht stellt, dann ein vereinigtes Europa." (S.141) 

Zu europäischen Werten:
Kermani meint, der christliche Ursprung viele europäische Werte sei nicht zu leugnen. "Aber es sind Werte, die säkularisiert, also im Laufe der Zeit innerweltlich begründet worden sind." (S.142)

"Nicht umsonst tut es Immanuel Kant nicht unter dem ewigen Frieden, einer Weltföderation republika/nisch verfasster Länder. Natürlich ist das eine Utopie, und keiner wußte das besser als Kant, dieser nüchternste unter allen europäischen Philosophen. Aber in dem Augenblick, indem Europa aufhört, diese Utopie vor Augen zu haben, sich auf diese Utopie hinzubewegen, hört es als Idee auf zu existieren. [...]
Man stelle sich vor, die EU würde den Betrieb als Reformmotor nicht nur drosseln (was wegen Überhitzung gelegentlich sinnvoll sein mag), sondern ein für allemal einstellen: Die Entwicklung ,die daraufhin in Osteuropa oder in der Türkei einträte, wäre für die alten Europäer erst recht nicht bequem. Sie wäre dramatisch." (S.142/43)

"Europa mit seinem Homogenisierungswahn, von dem es sich auch sechzig Jahre nach seinen großen Kollektivierungskriegen nur mühsam befreit, wird noch lange Zeit benötigen, um solche Lebensläufe hervor zu bringen. [wie die Obamas]. Aber vielleicht lernt es seit dem 4. November 2008 etwas schneller: Identifizierung gelingt dort, wo sie nicht auf Identität hinausläuft." (S.145)

"[...] diese Islamkonferenz ist großartig. Daß der deutsche Staat überhaupt offiziell mit dem Islam spricht, ihn also wahrnimmt, sich an einen Tisch mit 15 Muslimen setzt, daß der Innenminister, ein CDU-Innenminister sich danach vor die Presse stellt und sagt: Der Islam ist ein Teil Deutschlands, ein Teil der Zukunft Deutschlands ein Teil der Zukunft Europas, das sind Ereignisse von hohen symbolischen Wert, [...]
So sehr bemüht sich die CDU heute um ein migrationspolitisches Profil, daß man bei einer vergißt, mit wem in Deutschland die Integrationspolitik begonnen hat, nämlich mit dem Antritt der rot-grünen Koalition im Jahr 1998." (S.147/48)
"Vor allem aber hat rot grün einen Mentalitätswechsel in der Gesellschaft bewirkt, der nicht geringer zu bewerten ist als das gewachsene Bewusstsein für den Erhalt der Umwelt." (S.149)
(Navid Kermani: Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime, Cop. 2009, 9. Aufl. 2017)

Zum Vergleich:
Eine Amerikanerin über ihr Gefühl zwischen zwei Nationen, FAZ 19.8.18

sieh auch Heimat:
https://twitter.com/pallaske/status/1099778857597579266

Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox, 2018

Hier wird klar, weshalb Kermani so wichtig ist: Weil er Konflikte aufzeigt und zugleich Wege zu ihrer Lösung (nicht Patentrezepte).

Zur Fortsetzung

Donnerstag, 2. August 2018

Werden die syrischen Kriegsflüchtlinge bleiben wollen oder nach Syrien zurückkehren?

Ich bin sicher, sie werden zurückkehren wollenNur die wenigsten Menschen können sich gut in einem fremden Land einleben, wenn sie unfreiwillig die Heimat verlassen haben.
Etwas anderes ist es, ob viele Freiheit und Leben auf Spiel setzen, um sich diesen Wunsch zu erfüllen.
Dietrich Bonhoeffer ist freiwillig nach Hitlerdeutschland zurückgekehrt, weil er es für seine Pflicht hielt, und dann hingerichtet worden. So etwas macht nicht jeder. Schon gar nicht, wenn er, um sein Leben zu retten, geflohen ist.
Dennoch werden viele zurückkehren, weil sie die Hoffnung haben, dass Assad sie nicht wieder verfolgen wird.

Zur Frage der Rückkehrwilligkeit:
Zitat: "Sieben Jahre nach Beginn des Aufstands ist fast eine halbe Million Syrer tot, mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehrere Zehntausend Syrer sind in Gefängnissen. Ein Drittel aller Gebäude in Syrien ist so zerstört, dass darin niemand mehr wohnen kann."
Trotzdem haben in der Grenzregion des Libanon 70 000 syrische Flüchtlinge sich in eine Liste eingetragen, weil sie hoffen, dass Assad sie wieder ins Land lässt.
Zur Frage der Integration und des Heimwehs:
Golo Mann, der in der Emigration in Frankreich erfolgreich als Lehrer, in den USA erfolgreich als Professor gearbeitet und auf Englisch publiziert hat, hat erklärt, dass er 'furchtbares Heimweh' (Günter Gaus: Zur Person Bd.2, S.185) empfunden habe. Er wollte unbedingt wieder in Deutschland arbeiten. Aber er wollte sich auch einen Platz im Ausland bewahren, damit er nicht noch einmal fliehen müsse.
Dabei war er "nur" interniert gewesen und hatte "nur" aus Frankreich über die Pyrenäen fliehen müssen, um dann in Portugal auf ein Schiff zu warten, das ihn in die USA und damit in Sicherheit bringen würde.

Samstag, 7. April 2018

Meinungsfreiheit im Rechtsstaat

Es gibt viele Gründe, die es problematisch machen, ungeprüft viele Menschen Grenzen überschreiten zu lassen. Einer ist der, dass die Voraussetzungen für Integration nicht von vornherein gegeben sind, sondern erst geschaffen werden müssen. Auf beiden Seiten.

Es gibt aber auch Gründe, Menschen in Lebensgefahr nicht ohne Hilfe zu lassen.

vgl. zu beiden:
Die neuen Deutschen
Flüchtlinge

Unter der url "Wir brauchen wieder rechtsstaatliche Verhältnisse" (http://www.theeuropean.de/edgar-ludwig-gaertner/13798-wir-brauchen-wieder-rechtstaatliche-verhaeltnisse) führt E. L. Gärtner am 4.4.18 im European einige davon an. Durchaus sehr bedenkenswerte.

Sein Text schließt aber:
"Zumal die meisten dieser jungen Männer einem Rechtssystem, der islamischen Sharia anhängen, das Körperstrafen und die Sklaverei als am weitesten verbreitete Formen des Kannibalismus fordert oder zulässt. Wer dennoch in Form eines gesellschaftlichen Groß-Experiments Christen mit Kannibalen mischt, riskiert einen gesellschaftlichen Rückschritt von mehr als 1.000 Jahren." (Hervorhebungen von Fontanefan)

Hier geht es nicht mehr um Meinung und Argumentation, sondern nur noch um Hetze. 
Der Verfasser kann sich dabei nämlich nicht auf Vorurteile, die er habe, berufen. Sklaverei und Kannibalismus lassen sich nicht vereinbaren. 

Dabei ist durchaus richtig, dass junge Männer durchschnittlich aggressiver sind als junge Frauen und als ältere Personen beider Geschlechter.
Es ist auch richtig, dass das Rechtssystem der Scharia nicht von einer Gleichberechtigung der Frau ausgeht und keine Duldsamkeit gegenüber Menschen mit Wertsystemen kennt, die der Mehrheitsgesellschaft fremd sind. 

Das macht die Aufgabe der Integration so schwierig, dass man sie nicht allein dem guten Willen von Ehrenamtlichen und überbelasteten Amtsträgern überlassen darf.

Aber es ist keine Rechtfertigung für Hetze zur angeblichen Wiederherstellung des Rechtsstaats.

Die vielen schlechten Gründe, mit denen Zuwanderung nach Deutschland und Abwerbung von Fachkräften aus anderen Ländern gefordert werden, behandele ich in diesem Kontext nicht. 
Dagegen weise ich ausdrücklich auf eine neue Erkenntnis über den IS hin, die gegen ungeprüfte Einwanderung aus Syrien und Irak spricht.

Freitag, 14. Oktober 2016

Hilfen zur Arbeit mit einer multikulturellen Schülerschaft (Integration)

"Internetplattform für Lehrkräfte in Europa, die mit einer multikulturellen, multiethnischen, mehrsprachigen und multi-religiösen Schülerschaft arbeiten: „Die Zahl solcher Klassen von Lernenden ist überall in Europa stark angestiegen. Die Qualifikationsmöglichkeiten der Lehrkräfte entsprechen noch nicht den damit verbundenen Anforderungen an die transkultureller Kompetenzen. Dem Bedarf an Qualifizierungsmöglichkeiten für Lehrkräfte in diesem prioritären Bereich trägt LeaCoMM Rechnung.“
Der alles umfassende Slogan lautet „Multicultural, multiethnic, multilingual, multireligious…“
Das zentrale Produkt des LeaCoMM-Projekts ist die LeaCoMM-Plattform (www.leacomm-platform.eu). "
(kdautel: LEACOMM - EINE EUROPÄISCHE LEARNING COMMUNITY)

Freitag, 1. März 2013

Wir neuen Deutschen oder: Wächst eine zerrissene Generation heran?

Özlem Topcu, Alice Bota, Khué Pham:
Drei ZEIT-Journalistinnen schreiben: "Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen"

Özlem Topcu berichtet davon, wie sie eine Einbürgerung als Deutsche beantragte, weil sie nicht bei Auslandsreisen fast ständig ausdrücklich ein Visum beantragen wollte:

"Der deutsche Pass war die Eintrittskarte für jedes Land der Welt, dachte ich. Dafür musste ich sehr oft ins "Amt für Ausländerangelegenheiten", saß stundenlang auf harten Plastikstühlen, die in langen, kahlen Fluren mit Linoleumböden standen. Es war wie im Krankenhaus. Um mich herum die ganz "richtigen" Ausländer und Asylbewerber, die auf demselben Flur fallen vor den Nachbarbüros warteten, um ihren Aufenthalt in Deutschland verlängern zu lassen, oder sonst irgendetwas anderes wollten. Ich bin doch nicht wie die, dachte ich. Bin ich hier eigentlich richtig? Bin ich nun auch eine Bittstellerin, die etwas von Deutschland will?
Mein Sachbearbeiter hat wirklich nur meine Sache bearbeitet – für ihn war ich eine Nummer, eine Akte wie jeder andere auch. Schon klar, wie sollte er sich auch mit jedem Fall einzeln beschäftigen? [...] 
Dann kam der Tag, an dem ich meine Einbürgerungsurkunde abholen sollte. Mein Sachbearbeiter hat das mintgrüne Dokument mit  eingestanztem Bundesadler in eine Klarsichtfolie hier gesteckt, nun stand er von seinem Bürostuhl auf, überreichte sie mir und gab mir völlig unvermittelt die Hand. Ich glaube, er hält das für feierlich. Dann sagte er: "Herzlichen Glückwunsch."
Ich verstand das nicht und fragte mich, warum er mich beglückwünschte, nachdem er mir monatelang nicht mal richtig ins Gesicht geschaut hatte. Ich war doch einer der Ausländer oder Asylbewerber, egal, irgendeiner von denen, die da in dem Amt herumliefen und irgendetwas wollten. [...] Mir wurde klar dass ein Pass mehr wert mehr war als ein Papier. Dass er etwas mit mir machte. Ich wusste nicht genau, was, aber eine Deutsche war ich jetzt nicht geworden. Stattdessen wurde mir der Verlust bewusst. Plötzlich, als deutsche Staatsbürgerin, wurde mir die Türkin in mir wichtig. Ich lief alleine nach Hause und fragte mich: Was habe ich für einen feuchten Händedruck eigentlich aufgegeben? Was war ich denn nun? Und wo war ich zu Hause? Warum schockte mich das alles plötzlich so?
Heute kenne ich den Grund. Ich hatte den türkischen Teil meiner Identität abgegeben, ohne das Gefühl zu haben, dass mir der deutsche anerkannt wurde. Ich hatte das Land verraten, aus dem meine  Eltern kommen. Ich hatte meine Familie dort, meine Erfahrungen, ja, einen Teil meiner Kindheit aufgegeben, und es hatte mich nur ein Jahr Wartezeit gekostet.
Früher war die Türkei für mich immer das Reserveland. Als Jugendliche dachte ich: Gut, dass wir die Türkei haben; wenn das hier einmal schief laufen sollte, dann gehen wir halt zurück. Manchmal, aber immer nur für kurze Momente, kam es mir wie ein Vorteil gegenüber den deutschen Kindern, die ja nur ein Land hatten. Es war endlich etwas, dass wir mal mehr hatten. Ich freute mich darüber, auch wenn das wir als Kinder dieses andere Land fürchteten. Deutschland war einfach cooler. Hier gab es tolles Fernsehen, Pommes, Schulfreunde, wann konnte auch mal allein in die Stadt oder ins Kino gehen. Es war alles bekannt. Vertraut." (S.72-74)

"Jeder Vierte unter 25 hat einen Migrationshintergund - eine zerrissene Generation wächst in Deutschland heran." (S.167)

Die drei jungen Frauen berichten:
Die Erfahrung eines Handicaps, doppelt gut sein zu müssen, um das Gleiche zu erreichen, im Hintergrund die Eltern, für die selbst das Doppelte nicht für das Gleiche ausreichte und die jetzt bei ihrem Kind erfahren wollen, was in ihrem Leben nicht möglich war.
Diese Erfahrung verbindet sich mit dem Gefühl, jetzt zur Elite der ZEIT-Journalisten zu gehören und gleichzeitig zu den Ausgegrenzten dazugerechnet zu werden.
Der Migrationshintergrund, der zum Alleinstellungsmerkmal am Markt geworden ist, gleichzeitig aber mit denen verbindet, für die er immer noch Makel darstellt.

Drei Rezensionen:
Aus dem Makel wird ein Merkmal (Deutschlandradio)
"Heimat ist ein sehnsuchtsvolles Ding" (ZEIT)
heimathafen-neukölln

Giovanni di Lorenzo, ihr Chefredakteur, teilt die Erfahrung des Migrationshintergrundes, freilich eine ganz andere, die er in "Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist – eine Suche"(Köln 2010) zusammen mit Axel Hacke dargestellt hat.

Jetzt sind es drei Frauen, die ein ganz anderes Kapitel in der Geschichte der bundesrepublikanischen Geschichte aufschlagen.
Ein Lob auf unsere freiheitliche Gesellschaft und zugleich eine Mahnung an sie, offener zu werden.