Posts mit dem Label Arbeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Arbeit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 26. April 2023

Null-Bock-Einstellung: Warum unser Arbeitssystem Unlust fördert

 Der Arbeitseifer habe nachgelassen. Menschen hätten heute weniger Lust, ihr Geld mit harter Arbeit zu verdienen; Arbeitnehmer seien heute generell fauler.

Solche moralischen Entrüstungen sind allgegenwärtig und angesichts der wachsenden Personallücken verständlich. Und sicherlich gibt es in jeder Generation systematische Drückeberger. Kein Geheimnis. Aber „faul“ ist eine zu einfache, verallgemeinernde Beschreibung für Menschen, die sich weigern, sich mit einem Arbeitssystem zufriedenzugeben, das Beschäftigte psychisch an ihre Belastungsgrenzen bringt und sie manchmal sogar zerstört.

Erwerbstätige hatten früher nicht so viele Möglichkeiten und den technologischen Fortschritt, der sich sukzessiv aufbaute, um sich die Arbeit zu erleichtern. Das stimmt. Die Zeiten und Möglichkeiten haben sich geändert. Arbeitnehmer genießen mehr Freiheiten.

Die Forderungen und die Arbeitsmoral junger Menschen als faul abzutun, schreit jedoch auch nach einer traurigen Bemühung, das in Schutz zu nehmen, was von denen, die sich beklagen, selbst jahrelang hingenommen und akzeptiert wurde – oder vielleicht auch akzeptiert werden musste, um zu überleben: Arbeiten bis zum Umfallen. Schuften auf Kosten der Gesundheit und des eigenen Lebens. Weniger realistische Chancen, eine gesunde Work-Life-Balance zu haben. [...]

Was Arbeitnehmer der Zukunft brauchen, um zu arbeiten

Es wirkt provokant, was junge Arbeitnehmer einfordern – aber nur, weil sie erkannt haben, dass sie sich nicht opfern müssen, um zu leben. Sie haben eine andere Arbeitsmoral. Hinter der Pauschalisierung „faul“ verbirgt sich viel mehr; ein Arbeitssystem, welches einen Widerspruch zu dem darstellt, was der Mensch braucht. Etwas, was der Mensch in einer kapitalistischen Wirtschaft systematisch aufgebaut hat, in Diskrepanz zu der eigenen menschlichen Natur und ihren Grenzen.

Der stille Protest der Quiet Quitter ist deshalb im Grunde ein sehr lauter, sehr sichtbarer Protest: Junge Menschen wünschen sich andere Bedingungen zum Arbeiten. Sie wollen sich nicht für ihren Beruf verkaufen, um leben zu können. Sie brauchen Motivation und Sinnhaftigkeit, einen gesunden Arbeitsplatz. Dies gilt für alle; für angehende Führungskräfte und Fachkräfte, für Menschen im Niedriglohnsektor, die sich überarbeiten und für die, die auf der Suche sind nach einem Job, der ihnen mehr als Geld bietet.

Fachkräfte und Arbeitnehmer der Zukunft sehen es nicht ein, sich einem neoliberalen Wohlstandsversprechen zu widmen, das mit seiner Art des Wirtschaftens mehr Schaden als Nutzen bringt. Dass Personal fehlt und Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, ist kein „Phänomen“, das plötzlich da war. Arbeitsunlust ist keine Überraschung. Sie ist ein natürliches Resultat dessen, was jahrelang ignoriert wurde: dass Menschen nicht dazu gemacht sind, bis zum Abwinken zu schuften und Arbeit nicht der Sinn des Lebens ist – sondern ein Teil des Lebens.

(Arbeits-ABC Redaktion 24.4.2023)

Dienstag, 24. Juli 2018

Wunscharbeitgeber der Schüler

"Die Polizei bleibt der Wunscharbeitgeber der Schüler und überzeugt so viele junge Menschen von einer Ausbildung oder einem Job wie noch nie. Mehr als 16 Prozent der Schüler wollen sich bei der Polizei bewerben. Mit der Bundeswehr auf Rang 3 und dem Zoll auf Rang 9 befinden sich erstmals seit mehr als zehn Jahren drei Organisationen des Öffentlichen Sektors unter den Top 10 der beliebtesten Arbeitgeber." (Wunscharbeitgeber der Schüler bildungsklick 23.7.18)

Donnerstag, 9. Juni 2016

Kettenbefristungen an Hochschulen sind Missbrauch

Wissenschaftliche Mitarbeiter dürfen nicht dauerhaft mit Drittmitteln befristet werden, urteilt das Bundesarbeitsgericht. Das Urteil könnte zu mehr festen Stellen führen. (ZEIT online 8.6.16)

Montag, 1. Dezember 2014

Osterhammel zu "Arbeit" im 19. Jahrhundert

„Im Okzident wurde 'Arbeit' gleichzeitig zu einem hohen Wert und zu einer bevorzugten Kategorie der Selbstbeschreibung. […] Königinnen ließen sich in der Öffentlichkeit mit Strickzeug sehen. (S.959)

„Die klassische Industriegesellschaft war ein flüchtiger Moment in der Weltgeschichte. Nur in wenigen Ländern, in Großbritannien, Deutschland, Belgien und der Schweiz, war die Industrie für mehr als ein halbes Jahrhundert der führende Beschäftigungssektor. […] Selbst in den industriell leistungsfähigsten Ländern, den USA und Japan, überflügelte Industriearbeit niemals die Beschäftigung in Landwirtschaft und Dienstleistungssektor.“ (S.961)

Landarbeit
In China und Indien waren die "Bauern im Prinzip rechtlich freie Leute, sie erzeugten einen Teil ihrer Produktion für den Markt" (S.968) "Dennoch barg vor allem [...] der Geldverleih viele Möglichkeiten, schwächere Mitglieder der Dorfhierarchie in Abhängigkeit zu bringen." (S.967)
"Die chinesische Agrarverfassung [...] war bei weitem freiheitlicher als die ländliche Ordnung im Osten Europas." (S.969) 
"Landarbeit blieb das ganze Jahrhundert fast überall Handarbeit." (S.970)

Plantagen
"Plantagen erwuchsen nicht aus der langsamen Kontinuität lokaler Entwicklungen. Sie wurden durch ausländische Intervention gegründet [...] Kapital und Management der neuen Plantagen des späten 19. Jahrhunderts kamen unweigerlich aus Europa oder Nordamerika." (S.971)
"[...] oft einer solch strengen Disziplin unterworfen, dass sich die Bedingungen von denen auf manchen Sklavenplantagen nicht deutlich unterschieden. Das Verlassen des Arbeitsplatzes wurde als Verbrechen bestraft." (S.971)
Die Plantagen hatten "oft eine industrielle Komponente", da "die Weiterverarbeitung des Urprodukts am selben Ort geschieht." (S.972)

Haciendas
Die Hacienda war nach dem Modell einer patriarchalischen Familie konstruiert." (S.973)
"Die Abhängigkeit der peones lag weniger in offenen Zwangsverhältnissen begründet als in einer Verschuldung beim haciendado, die an die Kreditbeziehungen zwischen einfachen Bauern und dominanter Elite in chinesischen oder indischen Dörfern erinnert." (S.973)
In Mexiko "löste die Politik der republikanischen Epoche [...] das Kommunaleigentum der Indios weitgehend auf und überließ sie ungeschützt den Gewinninteressen der haciendados." (S.974)
[Insofern war die spanische Kolonialmacht für "die Indios eine Schutzmacht" gewesen, "wenngleich keine verlässliche".]

Orte der Arbeit: Fabrik, Baustelle, Kontor
Fabrik
"Manchmal blieb die Fabrik ein freistehender Komplex auf dem 'Lande', so zum Beispiel in Russland, wo um 1900 über 60 Prozent aller Fabriken außerhalb von Städten disloziert waren." (S.977)
In der Seiden- und Baumwollindustrie in Japan herrschten "entsetzliche Arbeitsbedingungen".[...] vor allem Krankheit führte dazu, dass drei Viertel der Frauen weniger als drei Jahre in der Fabrik zubrachten." (S.979)
Kanalbau
"Der Kanalbau war um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer der fortschrittlichsten Industrien geworden." (S.980)
Beispiel: Sueskanal. "Über die Gesamtzahl der  eingesetzten Fellachen fehlen Daten. Man schätzt, dass monatlich 20 000 neu zur Baustelle kamen und dass insgesamt 400 000 Ägypter am Kanal arbeiteten." (S.983)
Eisenbahnen
"Die transkontinentale Eisenbahn [...] war das letzte umfassende Ingenieurprojekt in den USA, das überwiegend durch Handarbeit realisiert wurde." (S.985)
In Indien waren in fünf Jahrzehnten "über zehn Millionen Arbeiter beteiligt". "Auf dem Höhepunkt des Bahnbaus im Jahre 1898 waren um die 460 000 Inder gleichzeitig im Einsatz." (S.986)
Arbeitsplatz Schiff
In den ersten Jahrzehnten der Dampfschifffahrt änderte sich an dem hohen Personalbedarf wenig. Da sich gleichzeitig das Volumen des Schiffsverkehrs aller Art bedeutend steigerte, gerade auch im Binnenverkehr auf Flüssen [...]  erlangte der Arbeitsort Schiff im 19. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Bedeutung. Das Schiff blieb, was es in der frühen Neuzeit gewesen war: ein kosmopolitischer Raum mit Mannschaften aus aller Welt. Ebenso war es neben dem Militär und der Plantage der am stärksten mit Gewalt aufgeladene Arbeitsplatz." (S.987)
Walfang:"1840 waren vierjährige Fangexpeditionen [...] nicht unüblich. Den Rekord hielt die Nile, die im April 1869 nach elfjähriger Abwesenheit ihren Heimathafen in Connecticut anlief." (S.988)
Kontor und Haushalt
"Die Ausweitung von White-collar-Tätigkeiten schuf neue Funktions- und Geschlechterhierarchien. Der Arbeitsmarkt für Frauen wuchs in diesem 'tertiären' Bereich, zu dem auch der Einzelhandel [...] gehörte." (S.989)
"[...] so gehörte die Beschäftigung als Dienstbote in einem Haushalt zu den ältesten Gewerben dieser Welt." (S.990)
[In Russland gingen junge Frauen, die vom Land kamen, eher in private Dienstverhältnisse als in Fabriken.] "In Moskau verfügten 1882 mehr als 39 Prozent aller Haushalte über Personal, in Berlin waren es immerhin etwa 20 Prozent." (S.991)
"Häuslicher Dienst war eher eine lokale Beschäftigung [...]  Die Globalisierung häuslicher Dienste [...] ist eine Erscheinung erst des späten 20. Jahrhunderts." (S.992)

Pfade der Emanzipation in der Arbeitswelt

Sklaverei
1808 erklärten "gleichzeitig (und unabhängig voneinander) Großbritannien und die Vereinigten Staaten den / internationalen Sklavenhandel für illegal" (S.992/3)
USA: "Es dauerte nach dem Bürgerkrieg noch ein volles Jahrhundert, bis sich die Schwarzen ihre wichtigsten Bürgerrechte in der Praxis erkämpft hatten." (S.993)
"Ex-Sklaven waren schwache und besonders verwundbare Menschen ohne natürliche Verbündete in der Gesellschaft." (S.994)

Leibeigene
[Leibeigene waren etwas weniger unfrei als Sklaven. Dafür gab es in der Gesellschaft einen viel größeren Anteil.] 
"Die Überwindung beider Systeme verlief zeitlich exakt synchron." (S.999)

Bauernbefreiung
"Die 'alte' Freiheit der europäischen Bauern war im Dorf und in der Beziehung zum Herren ausgelebt worden; die 'neue' Freiheit des 19. Jahrhunderts konnte einen Rahmen nicht überschreiten, den der regelnde Staat setzte. Selbst die überzeugtesten Liberalen erkannten mit der Zeit, dass keine Märkte so stark nach politischer Regelung riefen wie die Agarmärkte. So wurde im letzten Viertel des Jahrhunderts die Agrarpolitik geboren, von der bäuerliche Existenz in Europa seither abhängig geblieben ist." (S.1004)

Die Asymmetrie der Lohnarbeit
Am Ende der Bauernbefreiung gab es auf dem Land die agrarischen Unternehmer und die Lohnarbeiter. Aber es gab eine Übergangsphase. Mit einer Art 'Beugehaft' konnten die Arbeitgeber oft noch die Aufrechterhaltung eines Arbeitsverhältnisses erzwingen. "So schlummerte in freien Lohnarbeitsbeziehúngen noch jahrzehntelang ein Rest von Arbeitszwang." (S.1007)
Zusammen mit mit Stanley Engerman hat Robert Fogel in Time on the Cross. The economics of american negro slavery 1974 nachgewiesen, "dass Sklavenarbeit [...] mindestens ebenso effizient und rational war wie freie Arbeit [...]." Es gab also keinen ökonomischen Zwang zur Abschaffung der Sklaverei.

Arbeitsmarkt ohne Gleichgewicht
"Erst die Einschränkung der Freiheit des Marktes durch Bildung von Verhandlungsmonopolen auf der Arbeiterseite gab den Einzelnen Freiheit von den Machtmitteln der Käufer von Arbeitskraft [...] Freie Arbeit […] entstand aus der sozialstaatlich motivierten Einschränkung unbegrenzter Vertragsfreiheit.“ (S.1008)
Der frühe Sozialstaat ersetzte Fürsorge durch das „Prinzip der Pflichtversicherung“. (S.1008)
„Es gibt nur zwei grundsätzliche Überlebensstrategien der Schwachen: Anlehnung an Stärkere oder Solidarisierung mit anderen Schwachen. Die erste Option war generell die sicherere.“ (S.1009)

Freitag, 27. Juni 2014

Arbeitsbedingungen

Eine Ladenkette ist konkurrenzlos billig. Jetzt tauchen handgemachte Labels in den Kleidungsstücken auf, die auf unerträgliche Arbeitsbedingungen hinweisen.

Wer vorher nur an den Preis dachte, fängt an zu denken...

Ganz was anderes