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Sonntag, 26. Juli 2020

N. Klein: "Wir sind der Flächenbrand"

Die Meere erwärmen sich um 40 % schneller, als die Vereinten Nationen noch vor fünf Jahren vorausgesagt haben. Und eine umfassende, 2019 in der Zeitschrift Environmental Research Letters veröffentlichte Studie unter Leitung des Glaziologen Jason Box zum Zustand der Arktis zeigt, dass Eis in verschiedenen Formen so rapide abschmilzt, dass sich das "biophysikalische System der Arktis inzwischen deutlich von seinem Zustand, wie er im 20. Jahrhundert herrschte, zu einem nie dagewesenen hinbewegt" (S.15)
"Autistische Menschen neigen dazu, alles extrem ernst zu nehmen und haben deshalb Schwierigkeiten im Umgang mit kognitiver Dissonanz, also der Kluft zwischen dem, was wir verstandesmäßig erkennen, und unserem Handeln, ein Phänomen das unser modernes Leben prägt. (S.20) Zwischenraum Seite 20 
N. Klein zitiert Greta Thunberg: "Ein Leben mit Autismus ist alles andere als leicht – für die meisten ist es "ein endloser Kampf gegen Schulen, Arbeitgeber und Mobbing. Aber unter den passenden Umständen, unter den richtigen Bedingungen kann es eine Superkraft sein." (S. 26)
"Für mich war von Anfang an klar, dass die gängigen Erklärungen dafür, warum wir in diese gefährliche Lage rein geraten sind, völlig unzureichend waren. Unsere Passivität, hieß es, beruhe darauf, dass die Politiker in kurzfristigen Wahlzyklen gefangen sein, dass der Klimawandel zu weit weg, ihn aufzuhalten zu kostspielig oder die sauberen Technologien, die wir benötigen, um ihn aufzuhalten, noch nicht vorhanden seien.In alledem steckte ein Körnchen Wahrheit, aber im Lauf der Zeit wurden diese Theorien immer unglaubwürdiger. Die Krise war nicht weit weg - sie hämmerte bereits an unsere Türen. Der Preis für Solarkollektoren ist so weit gesunken, dass sie eine echte Alternative für fossile Energieträger darstellen. Saubere Technologie und erneuerbare Energien schaffen mehr Arbeitsplätze, als sie gegenwärtig in Kohle, Öl und Gas vorhanden sind. Und was die angeblich untragbaren Kosten betrifft: In derselben Zeit, als die Staatssäckel für die Energiewende praktisch leer waren, wurden Billionen für endlose Kriege, Bankenrettungen und die Subventionierung der fossilen Energieträger bereitgestellt. Also muss es noch andere Gründe geben. (S.27)
Naomi Klein: Warum nur ein Green New Deal den Planeten retten kann, 2019, S.15 ff.

Mittwoch, 7. August 2019

Weshalb der Schülerprotest so wichtig ist

"Der Hauptgrund, der Menschen daran hindert, mit der gebotenen Tatkraft auf die Klimakrise zu reagieren, besteht weder darin, dass es zu spät wäre, noch darin, dass wir nicht wüssten, was zu tun ist. 
[...] wir sind das Produkt unserer Zeit und eines al­les beherrschenden ideologischen Projekts. Eines Projekts, bei dem uns eingetrichtert wurde, wir seien nichts anderes als selbstsüchtige Einzelwe­sen, die nur ihren beschränkten Vorteil maximieren wollen, während sie von einer größeren Gemeinschaft abgeschnitten bleiben, die dank ihrer gebündelten Fähigkeiten große und kleine Probleme lösen könnte. Dieses Projekt hat auch dazu geführt, dass unsere Regierungen über zwanzig Jah­re hilflos zusahen, wie aus der Klimakrise als Problem unserer Enkel ein Problem wurde, das bereits heute an unsere Tür klopft. [...]
Das Überwältigende an der Klimakrise ist nämlich, dass zu ihrer Überwindung sehr viele Regeln gleichzeitig gebrochen werden müssen - Regeln, die in nationale Gesetze und internationale Handelsabkommen eingeflossen sind, aber auch mächtige, ungeschriebene Regeln, nach denen eine Regierung, will sie an der Macht bleiben, keine Steuern erhöhen oder große Investitionen ablehnen darf, und seien deren Folgen noch so zerstö­rerisch. Und natürlich wird auch jede Regierung abgestraft, die plant, jene Bereiche unserer Wirtschaft allmählich abzubauen, die uns alle in Gefahr bringen. 
(Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima 2015)

Dienstag, 11. Juli 2017

Vom doppelten Dilemma von Systemkritikern und etablierten Politikern

Die Konferenz der G20 in Hamburg hat gezeigt, dass die G20 gegenwärtig nicht in der Lage sind, eine Politik der Reformen voranzutreiben. (dazu u.a.)
Die Kritiker der G20 sind aber ebenfalls gescheitert: Nicht ihre Argumente wurden diskutiert, sondern nur, was man gegen die Randalierer tun könne.

Dies doppelte Scheitern hat mit dem doppelten Dilemma zu tun, vor dem einerseits die Politiker und andererseits ihre Kritiker stehen. Die Kritiker haben den einen Vorteil: Dass die etablierte Politik in einer Sackgasse steckt, ist offenkundig:
A: Der Kampf gegen den menschenverursachten weltweiten Temperaturanstieg über zwei Grad Celsius ist gescheitert. Dass die Kosten der bevorstehenden Wetterkatastrophen viele Billionen kosten werden, ist unvermeidlich. Nur darf niemand, der eine noch größere weltweite Katastrophe vermeiden will, offen darüber reden, weil sonst der Wille, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern, noch mehr geschwächt würde.
B: Der Kampf für einen menschenwürdigen Umgang mit den Armen der Welt scheitert immer wieder:
1. weil das ökonomische Interesse der wirtschaftlich Starken sie dazu drängt, ihre wirtschaftliche, politische und militärische Überlegenheit gegenüber den Schwächeren auszuspielen,
2. weil in den wirtschaftlich (und auch sonst) schwachen Staaten die Oberschicht ihren Lebensstandard auf Kosten der Unterschicht ausbaut und dabei die inneren Konflikte verschärft,
3. weil diese inneren Konflikte zu Bürgerkriegen und Terrorismus führen, die die Wirtschaftskraft dieser Staaten weiter schwächen und einen Großteil der gut Ausgebildeten und der potentiell Leistungsfähigen außer Landes treiben,
4. weil eine Aufnahme aller Fluchtwilligen der von Bürgerkriegen und Hungerkatastrophen geschüttelten Staaten die gegenwärtig vorhandene Logistik und auch die mittelfristige Aufnahmebereitschaft in den Fluchtzielstaaten überfordern würde,
5. weil Entwicklungshilfe viel zu selten und viel zu langsam zu Erfolgen führt, um den Flüchtlingsdruck zureichend zu vermindern (selbstverständlich müssen die Fluchtursachen und nicht die Flüchtlinge bekämpft werden; aber diese Bekämpfung der Ursachen geht nicht voran) und
6. weil das unter 1. genannte Interesse an der Ausnutzung der Überlegenheit sich erfahrungsgemäß immer wieder als stärker erweist als das Interesse an der Problembeseitigung.
C: Der Versuch, das weltweite Finanzsystem zu reformieren, bleibt in Ansätzen stecken. Nur ein Beispiel dafür ist die Finanztranskationssteuer, die inzwischen sogar von den etablierten Politikern gefordert, aber nie ernsthaft in Angriff genommen wird. (Hier müsste noch viel ergänzt werden, aber für einen Schnipsel ist der Beitrag schon jetzt zu lang.)

Der geschilderte "Vorteil" nutzt den Kritikern aber nichts; denn eine Politik der Vernunft ist gegen die wirtschaftlichen Interessen der Starken nicht durchzusetzen. Eine radikale Veränderung wäre nur durch eine Revolution durchsetzbar. (Beispiel: Macron mit seiner "Revolution") Die aber würde - wenn sie überhaupt erfolgreich sein sollte - so viel zerschlagen, dass für die notwendigen Veränderungen nicht mehr genügend Kapazität vorhanden wäre. Es bleibt also nur der Weg der Vernunft. Der wird durch Randalierer und Gewalttäter diskreditiert. Aber wenn die nicht aufgetreten wären, hätten viele überhaupt nicht mitbekommen, dass es Grundsatzkritik an der G20-Strategie gibt. Das Dilemma ist also: Die Globalisierungskritik wird nicht beachtet. Die Randalierer sorgen zwar dafür, dass für Aufmerksamkeit; aber sie erschweren jeden Argumentationsversuch.

Das Dilemma der etablierten Politik ist jetzt einfach zu beschreiben: Den Weg der Vernunft kann sie nicht beschreiten, weil zum einen die Weltwirtschaft nach dem Konkurrenzprinzip organisiert ist und somit keiner einheitlichen Strategie (z.B. Milleniumsziele) folgen kann und zum anderen sowohl die weltpolitischen Spannungen als auch innenpolitischen Gegensätze so groß sind, dass die notwendigen Kompromisse an der größeren Attraktivität so genannter einfacher Lösungen scheitern (Trump, Erdogan, Assad sind nur einige der prominenten Beispiele. Innerhalb Deutschlands könnte man die AfD, innerhalb der AfD könnte man Höcke anführen.)

Trump, AfD und Gewalttäter sind nur Symptome des Scheiterns der etablierten Politik und ihrer Kritiker. Dazu haben unsere Qualitätsmedien genug gesagt. Zu den Gründen des Scheiterns hört man weniger. Denn wenn man die ganz ernsthaft in den Blick nimmt, fällt es sehr schwer, der etablierten Politik und den Globalisierungskritikern ihr Scheitern vorzuwerfen. -
Selbstverständlich muss trotzdem weiter nach Lösungen gesucht werden...

Schon dieser Text ist für einen Schnipsel oder einen Bierdeckel zu lang, dabei ist er völlig verkürzt, weil ich für diesen Entwurf die "einfache Lösung" einer ausführlicheren und differenzierteren Argumentation vorgezogen habe.

Hier nur ein paar Namen von Personen, die ausführlicher argumentiert haben: Piketty, Naomi Klein, Jorgen Randers ... (Links und weitere Namen sollen noch folgen.)


Sonntag, 10. Mai 2015

Obama: Politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange ...

"Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern: Politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen." (Barack Obama laut  SZ, 5.10.13)

"... jede echte Hoffnung in dieser Krise wird von unten kommen müssen." (Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima)

Kleins Statement im Kontext:
 In meinem letzten Buch Die Schock-Strategie habe ich dargelegt, dass im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte Kon­zerninteressen systematisch die unterschiedlichsten Krisen ausgenutzt haben, um eine Politik durchzusetzen, die eine kleine Elite reicher macht - durch Deregulierungen, die Kürzung der Sozialausgaben und mittels groß­flächiger Privatisierungen im öffentlichen Sektor. Krisen dienten auch als Vorwand für radikale Beschneidungen der Bürgerrechte und alarmierende Menschenrechtsverletzungen.
Vieles deutet darauf hin, dass der Klimawandel in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellen wird, dass auch diese Krise dazu benutzt wird, dem einen Prozent noch mehr Ressourcen zuzuschieben, anstatt Lösungen in Gang zu bringen, die eine echte Chance darauf bieten, eine Erderwärmung von desaströsem Ausmaß zu verhindern [...] Damit Oppositionsbewegungen nicht nur ein Strohfeuer bleiben, brauchen sie eine umfassende Vision dessen, was an die Stelle unseres scheiternden Sys­tems treten soll, und tragfähige politische Strategien für die Durchsetzung dieser Ziele." (S.19) [...]
Tatsächlich hat die internationale Organisation, die mit der Aufgabe be­traut wurde, ein 'gefährliches' Ausmaß des Klimawandels zu verhindern, in ihrem über zwanzigjährigen Bestehen (und in über neunzig offiziellen Verhandlungssitzungen seit Verabschiedung der Klimakonvention von 1992) nicht nur keine Fortschritte erzielt, sondern einen quasi ununter­brochenen Prozess von Rückschritten zu verzeichnen. Unsere Regierungen haben Jahre damit verschwendet, Zahlen zu frisieren und über Starttermi­ne zu zanken, und ständig versucht, sie hinauszuzögern wie Studenten ihre Studienarbeiten." (S.21)
"Das ist die Stimmungslage seit dem Scheitern des im Vorfeld hochge­lobten UN-Klimagipfels 2009 in Kopenhagen. Am letzten Abend dieser riesigen Veranstaltung befand ich mich bei einer Gruppe von Klimage­rechtigkeitsaktivisten, darunter einer der prominentesten Campaigner in Großbritannien. Während des gesamten Gipfels strotzte der junge Mann vor Zuversicht und Gelassenheit, informierte jeden Tag Dutzende Jour­nalisten darüber, was in den jeweiligen Verhandlungsrunden herausge­kommen war und was die verschiedenen Emissionsziele in der Realität bedeuteten. Trotz der Herausforderungen war sein Optimismus über die Aussichten des Gipfels ungebrochen. Als dann alles vorbei war und das jämmerliche Ergebnis feststand, fiel er vor unseren Augen in sich zusam­men. In einem grell beleuchteten italienischen Lokal brach er in hem­mungsloses Schluchzen aus. »Ich hatte wirklich gedacht, Obama hat es kapiert«, sagte er wieder und wieder.
Diesen Abend habe ich als den Moment in Erinnerung, als die Klima­bewegung erwachsen wurde: Es war der Moment, als uns allen wirklich bewusst wurde, dass niemand zu unserer Rettung kommen würde. [...] Es ist tatsächlich so, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind, und jede echte Hoffnung in dieser Krise wird von unten kommen müssen." (S.22)

Freitag, 24. April 2015

TTIP kann Maßnahmen gegen das Treibhausklima verhindern, das Treibhausklima führt zu Klimaflucht

Zum Zusammenhang von TTIP und Maßnahmen zum Klimaschutz sagt Naomi Klein:
Um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft, wir müssen den Einfluss der Konzerne zurückdrängen, Freihandelsabkommen blockieren. Es müssen große Summen in den Umbau der Agrarwirtschaft und der öffentlichen Infrastruktur fließen, die Energie- und Wasserversorgung und den Umbau der Städte, um den Verkehr zu vermindern. Ein riesiges Programm, dass schnell umgesetzt werden muss. Ist das möglich? Natürlich. Ist das möglich, ohne die Grundregeln des deregulierten Kapitalismus anzugreifen? Keinesfalls. ("Das Wirtschaftssystem in Frage stellen" FR 29.3.15)
Mehr dazu von Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima

Zum Zusammenhang von Klimawandel und Flucht schreibt der Guardian am 8.3.2015
In 2014, around 3,500 boat people died trying to cross the Mediterranean to enter Europe. They risked their lives and lost. According to the UN High Commissioner for Refugees around 218,000 people got to Europe “by irregular means” last year. They took a chance and survived.
Among them were those fleeing the violence in Syria, and of these, a proportion must be counted as climate refugees. Possibly because of global warming, the years 2007 to 2010 saw the most sustained drought on record in the Fertile Crescent. Agriculture collapsed, and around 1.5 million people abandoned failing farms in the countryside for Damascus and other cities. That is, they became climate refugees. Livestock was obliterated, cereal prices doubled, and children started to sicken with nutrition-related illnesses. The 2011 Syrian uprising against the Assad regime began in the crowded settlements of climate refugees. [Hervorhebungen von mir]
Dazu führt er weiter aus: Wanderungs- und Fluchtbewegungen aufgrund klimatischer Veränderungen gab es schon seit prähistorischer Zeit.  [Fontanefan: Aus der Schulzeit kennen die meisten von uns wohl die Wanderung der Kimbern und Teutonen. ] Neu ist, dass es um menschengemachte Klimaveränderungen geht.
Zitat aus dem genannten Guardianartikel:
"[...] burning existing stocks of oil, gas and coal could, as Naomi Klein has written, result in cities drowning, citizens fleeing storms and droughts, and whole cultures being swallowed by the sea." 

Über das Schicksal der knapp 3,8 Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge berichtet Amnesty International.

Über die Gefahren von Unternehmensklagen berichtet das Handelsblatt am Beispiel von Vattenfall