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Sonntag, 22. Februar 2026

Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen

 Egon Flaig: Die Niederlage der politischen Vernunft. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen

Klappentext:

Dass menschenrechtliche Prinzipien universal sein sollen, ist ein Gebot der Vernunft, das uns die Aufklärung auferlegt hat. Indes, wie sind die Erfordernisse dieses Universalismus zu erfüllen in der jeweiligen konkreten Weltlage? Das vermag uns nur eine politische Vernunft zu sagen, welche sich - anders als Kants praktische Vernunft - in Zeithorizonten bewegt. Aber eben diese Vernunft verliert heute rasch Terrain an antiuniversalistische Theorien, die kulturelle Sonderrechte propagieren und verfälschte Vergangenheiten produzieren. Dabei gerät die gute Gesinnung zum Maßstab des Handelns und die Entrüstung zum Mittel geistiger Auseinandersetzung. Um zu ermessen, was hierbei auf dem Spiel steht, verlangt Egon Flaig geistesgeschichtliche Rückbesinnung. Er fragt zum einen, welche Diskurse eine antiuniversalistische Einstellung legitimiert und vorangetrieben haben; und er erörtert zum anderen, weshalb die politische Vernunft auf historische Verankerung angewiesen ist. Denn allein aus einem kulturellen Gedächtnis heraus, das sich der Aufklärung verpflichtet weiß, gewinnen wir die Orientierung für politisches Handeln im Geiste eines emanzipatorischen Universalismus.

Youtube Wolfgang Herles interviewt Egon Flaig

4 Rezensionen in Perlentaucher

darunter Süddeutsche ZeitungAndreas Zielcke warnt davor, "den Autor wegen seiner extremen Verdikte mit dem rechten Lager zu identifizieren und verweist auf die prinzipielle Bedeutung einer Theorie der politischen Vernunft, wie sie dem Autor vorschwebt und die konservativer Politik als Fundament dienen könnte. Dafür müsste Flaig sich allerdings auf die griechische Polis berufen und von dort eine Linie zu Kant ziehen und über Carl Schmitt bis ins Heute vorstoßen, meint Zielcke. Die Referenzen sind da, meint der Rezensent, jedoch ohne systematisierten Zusammenhang."

Weitere Rezensionen:

KARSTEN FISCHER  FAZ 26.5.2017:

Als der Althistoriker Egon Flaig sich noch der Wissenschaft hingab, hat er die Idee von Platons „Politeia“, aus vermeintlicher Weisheit Befehle abzuleiten, als „Ende der Politik“ kritisiert. Nun aber meint er, „evidente Wahrheiten“ erkennen und aus ihnen eine Fundamentalkritik der politischen Gegenwart ableiten zu können. Das Motiv dazu ist die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel, die Flaig als „neochristliche Propaganda des Verzichts auf Selbstbehauptung“, „öffentlich widerrufenen Amtseid“ und „Staatsstreich“ geißelt. Um der seiner Schrift den Titel gebenden „Niederlage der politischen Vernunft“ abzuhelfen, veranstaltet er ein weitschweifiges Tribunal gegen Foucault, Systemtheorie, Frankfurter Schule, Multikulturalismus, Ethnologie und Postkolonialismus. Aber immer, wenn Flaig seine argumentativen Schwächen spürt, flüchtet er sich in Polemik nach dem Muster, Lévi-Strauss „Schwachsinnslogik“ zu bescheinigen, oder vernebelt mit pseudotiefsinnigem Jargon wie dem „Eschatolithikum gähnender Immerselbigkeit“. Frantz Fanon soll ein Rassist wie Hitler gewesen sein, verantwortlich für den islamischen Fundamentalismus, den Staatszerfall in afrikanischen Staaten und die „arabischen Vergewaltiger“, die Flaig durch ihren „kulturellen und religiösen Hintergrund“ motiviert sieht. Angesichts solch kruder Thesen verwundert kaum, dass der Sozialphilosoph Charles Taylor in eine Reihe mit dem Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg gestellt wird, weil er kulturellen Minderheiten Sonderrechte zugestanden sehen möchte, um erlittenes Unrecht auszugleichen. Es ist ein intellektueller Offenbarungseid, dass Flaig solche humanitären Wiedergutmachungsversuche mit mörderisch-expansiver Lebensraumideologie gleichsetzt. Zur Kritik an vermeintlichen Fehlentwicklungen amalgamiert der Autor eine klischeehafte Dekadenzkritik aus Arnold Gehlens Warnung vor überfordernder „Hypermoral“, Ferdinand Tönnies’ Hochschätzung einer zum Ertragen von Verlusten fähigen Gemeinschaft und Carl Schmitts antiliberalen Stereotypen, die Flaig vollständig übernimmt, von der Feindschaft als politischer Tatsache bis zur erforderlichen Opferbereitschaft. In Anlehnung an Werner Sombarts Stilisierung opferbereiter Helden gegenüber materialistischen Händlern wird gepriesen, dass „die Todesbereiten“ ein spezifisches Gut anböten, welches „auf dem Markt sonst nicht zu haben“ sei. Das sei erforderlich, weil die politische Freiheit sich „im Krieg mit dem theokratischen Feind“ befinde und sich „zuvorderst eines inneren Feindes erwehren“ müsse, „nämlich der Vereinseitigung der individuellen Freiheit“, welche Flaig dem alle anderen Güter überragenden „Ziel der Perfektionierung des Menschen“ untergeordnet sehen möchte. Das ist nicht nur eine totalitäre Phantasie, sondern sie ist auch unpolitisch, insofern das historische Ziel erfunden wird, es bedürfe einer Weltrepublik mit Volksentscheiden. Politik wird also nicht als ergebnisoffen, sondern als vorherbestimmt gedacht, denn für Flaig ist „die Furcht vor dem Fremden niemals unbegründet“. Mit diesem Ausgang in die selbstverschuldete Unmündigkeit kann er Paranoia als politische Tugend ausgeben und die Irrationalität, dass Islamfeindlichkeit vor allem in Gebieten mit wenig Muslimen auftritt, als Ausdruck einer berechtigten Sorge informierter Zeitgenossen beschönigen. Den Volkswillen will Flaig aber nur dann gelten lassen, wenn er ihm passt, und das gilt nicht für die Abneigung der postheroischen Gesellschaft gegenüber Opfern. Dies als pathologische Geschichtsvergessenheit zu kritisieren ist umso abwegiger, als es nur Flaigs Gnade der späten Geburt ist, die ihn zum Bellizisten macht, während die kriegserfahrene Generation noch um den Sinn der bundesrepublikanischen Friedenssehnsucht wusste. Dass der Pensionär Flaig erneute Opferbereitschaft fordert, ihren Vollzug aber einer jungen Generation abverlangen muss, ist abgeschmackt. Zur Verschleierung seiner ideologischen Glaubensbekenntnisse dient Flaig das klassische Muster der Verschwörungstheorie gegen alle Andersdenkenden in Politik, Wirtschaft, Recht, Medien, Wissenschaft und Religion. So denunziert er die seriöse Forschung zur intergenerationellen Weitergabe von Traumata als abwegig, „die kirchlichen Funktionäre“ als Lügner, die Jurisprudenz als „Gegner der Demokratie“, die „multinationalen Milliardäre“ des „globalen Neoliberalismus“ als Verbündete der „Schlepper und Schleuser der Migrationsströme“ und die Massenmedien als „Pflichtlügen“ verbreitenden „Widersacher der Meinungsfreiheit“. So entspricht seine Kritik an mangelnder politischer Kontrollierbarkeit der Medien und an Verfassungsgerichten als „Nomokratie neuen Typs“ dem russischen, polnischen, ungarischen und türkischen Neoautoritarismus. Und wenn er über „die Kosten jener Attentate in Frankreich und Belgien“ klagt, „an denen Angela Merkels unkontrollierte Gäste mitwirkten“, hat sich Flaig mit dieser durch keinerlei Fakten über Herkunft und Motivation der Terroristen gedeckten doppelten Verleumdung der Flüchtlinge und der Bundeskanzlerin der rechtsradikalen Propaganda angeschlossen. Zwar hat die Bundesrepublik schon viele irrlichternde Intellektuelle ausgehalten; ein unaufrichtiger Täuschungsversuch ist es aber, dass Flaig für seine Weltanschauung einen wissenschaftlichen Wahrheitsanspruch erhebt, obwohl er mit seinem Satz, „der hysterische Dauerton“ erzeuge „die komplementäre Paranoia“, nichts besser beschreibt als sein eigenes Vorgehen. Frei nach Adorno muss man daher sagen: Die vermeintliche Niederlage der politischen Vernunft ist diejenige von Flaigs eigener. Denn wer die Aufklärung retten möchte, darf keine Gegenaufklärung betreiben. KARSTEN FISCHER 

 Egon Flaig: „Die Niederlage der politischen Vernunft“. Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen. Zu Klampen Verlag, Springe 2017. 416 S., geb., 24,80 €.


Gesine Palmer (https://www.deutschlandfunkkultur.de/egon-flaig-die-niederlage-der-politischen-vernunft-braucht-100.html: 

"Der Althistoriker Egon Flaig gehört zu den Professoren in Deutschland, die sich seit Jahren mit Denk- und Streitschriften in den politischen Alltag einmischen. In seinem neuen Buch sieht er das Ende der Aufklärung heraufdämmern.

Der Titel erlaubt kaum Zweifel: Egon Flaigs Sicht auf die politische Lage ist pessimistisch. Die „politische Vernunft“ erleidet soeben ihre Niederlage – oder hat sie schon erlitten. „Wir“ verspielen Errungenschaften der Aufklärung, von denen insbesondere drei auf dem Spiele stehen.
„...nämlich der menschenrechtliche Universalismus, die Wissenschaft als letzte Instanz in Wahrheitsfragen und die republikanische auf Volkssouveränität beruhende Organisation menschlicher Gemeinschaften.“
Für seine düstere Beschreibung der Gefahr, in der wir leben, bemüht Flaig so ziemlich alles, was gut und teuer ist: Die Dialektik der Aufklärung und die ihr folgende Negative Dialektik der Frankfurter Schule waren außerstande, der Erosion der Menschenrechte entgegenzutreten. Ihr Erbe Jürgen Habermas habe vielmehr gemeinsam mit Niklas Luhmann und der Theorie von der Legitimität durch Verfahren ganz wesentlich „zur Entkräftung der staatlichen Institutionen“ beigetragen. 
Denn, so Flaig, die „nomokratische“ Idee könne nur so lange funktionieren, wie ein Wertekonsens bestehe, der überstimmte Minderheiten motiviere, Mehrheitsentscheidungen auch anzuerkennen. Dies jedoch werde immer prekärer. Distanz zwischen Bürgern und Politik, Abtrennung der demokratisch am wenigsten legitimierten Organe, der Verfassungsgerichte, von der Willensbildung des Volkes und die zunehmende Bildung von Parallelgesellschaften macht er als Gründe dafür aus.
In der Diskussion seiner Lösungsvorschläge verstrickt Flaig sich mit all seinen klugen Beobachtungen und Zitaten – von Heraklit über Rousseau zu Hannah Arendt, von Gorgias über Kant zu Foucault – in kaum auflösbare Widersprüche. Einerseits beklagt er, dass „ganze Armeen von medialen Akteuren“ sich der „Leitgesinnung“ postkolonialer Diskurse verpflichtet hätten und eine totalitäre Atmosphäre erzeugen:
„Gegen Horkheimers These, wonach eine zunehmende moralische Indifferenz das Funktionieren totalitärer Systeme begünstige, stellte einst Hermann Lübbe den Einwand: ‚Moralisierende Argumente spielen in totalitären Systemen eine ungleich größere Rolle als in liberalen.‘ Das lässt sich auch umkehren: Wenn das Moralisieren in den Kontroversen die Oberhand gewinnt, dann entsteht eine totalitäre Atmosphäre.“
Andererseits ist alles, was er dagegen aufzubieten hat, ein moralisch diffuser Wertbegriff, eine noch zweifelhaftere Aufforderung zur Dankbarkeit gegenüber früheren Generationen und schließlich eine moralische Höherwertung der eigenen, der universalistischen westlichen Kultur gegenüber den feindlichen anderen. Nach Lektüre des gesamten Buches bleibt die Frage, wo genau eigentlich die „politisch vernünftige“ Stoßkraft seiner Argumentation liegt. 

Süffig formulierte Kritik soll den „Kampf der Kulturen“ untermauern
Dabei fängt das Buch wirklich vielversprechend an. Ausgehend von Hannah Arendts Beobachtung, dass in totalitären Ordnungen die Tatsachenwahrheit stärker gefährdet ist als etwa die mathematische, trägt Flaig einige historische Argumente für das aufgeklärte Europa und gegen die blinden Flecken des postkolonialen Diskurses vor, die nicht nur süffig formuliert, sondern durchaus bedenkenswert sind.
So krönt er seine Kritik an Frantz Fanon mit dem Hinweis, dass der Kampf, den das britische Empire zwischen 1816 und 1862 gegen den Sklavenhandel führte, das Vereinigte Königreich ziemlich genau so viel gekostet habe
„wie die britischen Händler zwischen 1760 und 1807 am Verkauf von Sklaven verdient hatten.“
Tatsächlich gab es ja aus dem Inneren der westlichen Kultur selbst traditionell starke und schließlich wirksame Kritik an der Sklaverei, und auf der Gegenseite haben viele der afrikanischen Eliten nach der „Entlassung“ in die Unabhängigkeit in ihren Völkern schwer gewütet. Aber muss man dafür gleich behaupten:
„Der afrikanische ‚Antikolonialismus‘ wurde geboren als Kampf zur Verteidigung der Sklaverei?“
Das hieße denn doch, nun wieder von der anderen Seite mit zweierlei Maß zu messen. Dann schreibt man der „bösen fremden“ Kultur schlecht, was fehlgeleitete Gruppen in ihr verbrochen haben, der „guten eigenen“ Kultur hingegen schreibt man gut, was oftmals schwer drangsalierte Minderheiten in ihr gegen den Hauptstrom schließlich durchgesetzt haben.
Nun ist ein solcher ideeller Kampf der Kulturen ja durchaus in der Absicht Flaigs – und alles Lob des Universalismus dient schließlich nur dazu, die westliche, genauer, die griechisch-römische Tradition gegen alle theokratischen Tendenzen zu verteidigen.
Flaig sieht Feinde und fordert Opferbereitschaft
Den Kampf gegen die spätestens seit den Fluchtbewegungen von 2015 einsetzende „neoreligiöse Durchflutung öffentlicher Räume“ als „Kampf der Kulturen“ zu bezeichnen, ist für Flaig nicht ehrenrührig. Vielmehr wendet er große rhetorische Kunst auf, um ein Bewusstsein von der Wirklichkeit von Feinden aufzurütteln:
„Das horrende Blutgeld, welches kriegführende Demokratien durch gerichtliche Urteile an feindlich gesonnene Familien und Stämme zu zahlen haben, dient nicht zuletzt der Aufrüstung eben jenes Feindes, den die ISAF bekriegt. (…) Wer die Feindschaft nicht denken kann und die Konsequenzen eines Krieges nicht aushält, ist reif für die Knechtschaft.“
Fazit: Viele Probleme mit dem allgemeinen Meinungsbrei und dem „intellektuellen Sinkflug“, die Flaig aufspießt, lässt man sich durchaus gern aus seiner Perspektive schildern – einfach weil es erfrischend ist, wenn jemand ohne Bindung an die ängstlichen Tabus mancher Soziotope ausspricht, was auch der genervten Beobachterin von innen schon öfter aufgefallen ist. Viele Kritiken an bekannten Meisterdenkern sind im Detail bedenkenswert, und immer wieder beruft sich Flaig auf Kant, wogegen wenig zu sagen ist.
Aber dann, wenn man schon fast überzeugt ist, dass hier ein hochgebildeter Autor wirklich einfach nur die Freiheit der Ordnungen mit den neutralisierten Religionen gegen das Andringen theokratischer Barbareien verteidigen will, kommt er mit dem, was der Neukantianer Hermann Cohen als das Schlimmste in den vernunftaversen Religionen gebrandmarkt hat: mit dem Opfer. „Werte gebe es nicht ohne Opfer“, betitelt Flaig ein ganzes Kapitel, und er bemüht keine Geringeren als Jakob Burckhardt und Derrida, um zu verkünden, dass die Größe einer Epoche sich an ihrer Opferbereitschaft bemisst.
Wenn das wahr wäre, dann hätten gegenwärtig die Selbstmordattentatskulturen ihre größte Epoche. Wer das glaubt, hat wirklich Grund zum Pessimismus.


"Drei Errungenschaften der Aufklärung“ sieht der Historiker Egon Flaig akut gefährdet: den „menschenrechtlichen Universalismus, die Wissenschaft als letzte Instanz in Wahrheitsfragen und die republikanische auf Volkssouveränität beruhende Organisation menschlicher Gemeinschaften“. Sie gegen ihre „dreifache Negation“ zu verteidigen, hat er ein Buch über Die Niederlage der politischen Vernunft verfasst. So geht denn auch mit der Verteidigung der Aufklärung diejenige der politischen Vernunft einher, deren Niederlage der Titel des Buches zwar konstatiert, damit aber keineswegs sagen will, dass sie bereits verloren ist.

Ihre Aufgabe, der Menschheit den Weg zur Republik zu weisen, „verbietet“ es der politischen Vernunft Flaig zufolge, „interesselose Neutralität zu üben, wenn die Maßstäbe zur Rechtfertigung von Wahrheitsansprüchen angetastet und beschädigt werden“. Nicht zuletzt darum bedarf sie zweier Bedingungen: der Urteilskraft der Individuen und der Öffentlichkeit des Wettstreits ihrer Argumente.

Doch stellt sich zunächst einmal die Frage, was diese politische Vernunft sei. Flaig beantwortet sie wie folgt:

Ein Universalismus, der es sich zum expliziten Ziel setzt, die gesamte Menschheit auf die Wanderschaft zu bringen – hin zu einem weltbürgerlichen Zustand, unter der Fahne der Freiheit. Das geistige Vermögen, diese Wanderschaft zu ersinnen und ihre Implikationen zu durchdenken, soll „Politische Vernunft“ heißen.

Der Weg zur Weltrepublik wird sich dem Autor zufolge als „schwierig“ erweisen und „mit Rückschlägen sowie mit schweren interkulturellen, interreligiösen, interethnischen und interstaatlichen Konfrontationen“ verbunden sein. Dabei sei der „eurokratische Moloch“ in Brüssel keineswegs ein erster Schritt hin zu ihr, könne er doch nicht einmal den Weg zu einer „säkulare[n] Republik Europa“ weisen. Dennoch sei es „geboten, uns auf sie [die Weltrepublik] vorzubereiten“. Jedoch schon heute im eigenen Land so zu agieren, als sei das Ziel bereits erreicht, wie das die Bundeskanzlerin 2015 „mit ihrem die Einigung der Menschheit in einer grenzenlosen Weltrepublik“ antizipierenden „asylbezogenen Kosmopolitismus“ getan habe, sei fatal.

Zur Verteidigung der Ideale der Aufklärung und der politischen Vernunft holt Flaig weit aus und unterzieht zunächst einmal zentrale Vertreter des Antikolonialismus und des poststrukturalistischen Denkens einer grundsätzlichen Kritik, beginnend mit dem „faschistoide[n] ‚Antikolonialismus‘“ des 1961 verstorbenen Algeriers Frantz Fanon und seinem – auch aufgrund von Jean-Paul Sartres Vorwort berühmt gewordenen – „brillante[n] Manifest der Gegenaufklärung“, das 1964 postum unter dem Titel Die Verdammten dieser Erde erschien. Flaig verortet Fanons Tiraden ideengeschichtlich in der Nähe von Ernst Moritz Arndts Franzosenhass und Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation. Vor allem aber weist er dem Autor des Pamphlets rassistische Gewaltverherrlichung und Verachtung der Menschenrechte sowie des Abolitionismus nach. Anders als der Rassismus der deutschen Nationalsozialisten bestehe derjenige Fanons allerdings nicht darin, „eine Rasse über alle anderen zu erheben, sondern darin, eine einzige Rasse dem Rest der Menschheit entgegenzustellen: Er dämonisiert die weiße Rasse als das Böse schlechthin“.

Der Poststrukturalist Michel Foucault wiederum habe „maßgeblich jene semantische Achsendrehung beim Feststellen von Schuld und Verantwortung mitbewirkt, die das geistige Klima der westlichen Welt vergifte“. Ihr zufolge sind nicht etwa die Potentaten in diktatorisch geführten Ländern (etwa Afrikas) die Hauptschuldigen am Elend der Bevölkerungen dieser Staaten, sondern die westlichen Demokratien, die deren Verbrechen zulassen. Diese „bystander-These“ habe sich „als eine der schlimmsten denunziatorischen Waffen erwiesen, um die Zivilgesellschaften der westlichen Welt moralisch zu terrorisieren und Regierungshandeln entgegen allen demokratischen Mandaten zu erzwingen“. Da Foucault zudem „Geschmack an der theokratischen Aufladung des politischen Kampfes“ gefunden habe, geißelt Flaig ebenso sehr die „Obskuranz seines politischen Denkens“ und verortet es ideengeschichtlich „in d[er] Nähe der großen katholischen Konterrevolutionäre des 19. Jahrhunderts“.

In einem weiteren Abschnitt wendet sich Flaig Claude Lévi-Strauss und Étienne Balibar sowie dem „Konzept“ des „Rassismus ohne Rassen“ zu, dem er eine „kategoriale Entleerung des Wortes“ vorwirft. Eine solche „akategoriale Gebrauchsweise des Wortes“ räche sich mit „gnadenloser Schizophasie“. Zudem sei die sich in ihm ausdrückende „entgrenzte Rassismusdefinition“ mit der „verfassungsmäßig garantierte[n] Meinungsfreiheit“ unvereinbar. Ebenso werde der Begriff Diskriminierung „uferlos“, wenn alleine schon all das als Diskriminierung gelte, „was der sich diskriminiert Fühlende als solche bezeichnet“.

Will Flaig die politische Vernunft und somit die Kultur der Aufklärung gegenüber anderen Kulturen auszeichnen, kann er auch das „Konzept der Gleichheit der Kulturen“ nicht gelten lassen. Daher unternimmt er einige durchaus erfolgreiche Anstrengungen, es als „in sich unstimmig und empirisch falsch“ nachzuweisen. So zeigt er, dass selbst „die dümmsten Mythen“ dieser Vorstellung gemäß alleine schon darum „Achtung beanspruchen [dürfen], weil sie zum geistigen Repertoire irgendeines Teils der Menschheit gehören“, und „unter dem Schutzschild der gegenseitigen Achtung […] jede Kultur befugt [ist], in ihrem Innern die Menschenrechte in einem Ausmaß zu mißachten, wie sie allein es für richtig hält“. Vor allem aber weist er darauf hin, dass unter der Annahme, „alle Kulturen“ fänden „in sich selber die höchste Wertigkeit“ und es stünde „kein ‚Gesetz‘ über ihnen“, auch eine „exterminatorische Kultur dieselbe Daseinsberechtigung wie alle anderen [hat], glaubt sie doch ernsthaft, andere Kulturen und Völker auslöschen zu müssen, um selber leben zu können“.

Dem von ihm heftig kritisierten Konzept des „kommunitäre[n] Multikulturalismus“, dessen „Leitidee“ zufolge eine jede Kultur einer multikulturellen Gesellschaft „gemäß ihrem eigenen Recht“ neben allen anderen leben kann und soll, hält der Autor entgegen, dass „Divergenz in den moralischen und rechtlichen Wertungen […] soziale Unverträglichkeiten [schafft], die sofort, wenn man sie thematisiert, zu politischen Unverträglichkeiten werden. Solche Unvereinbarkeiten werden explosiv, wenn unterschiedliche Kulturen dasselbe Territorium bewohnen“ und „erzeugen einen vorkriegsbürgerlichen Zustand“. Dabei weiß Flaig sehr wohl, dass Kulturen stets „Gemengelagen“ sind und kulturelle Identitäten „niemals homogen“. Eben darum aber müssen Kulturen ihm zufolge „unablässig semantische und soziale Kohärenz“ herstellen, um überhaupt „als Kulturen funktionieren“ zu können.

Gegen die von ihm konstatierte politische und mediale „Verharmlosung kultureller Unverträglichkeiten“ beharrt er darauf, „daß Menschen aus bestimmten kulturellen und religiösen Herkunftsräumen mentale Prägungen aufweisen, die es ihnen verwehren, Menschenrechte und Demokratie anzuerkennen“, ohne diese ‚Prägungen‘ allerdings zu essentialisieren. Bilden diese Menschen in einer Kultur „Parallelgesellschaften mit konträren Wertesystemen“, statt ihre ‚Prägungen‘ zu überwinden, so „zerbrechen“ sie „den einheitlichen Raum des gemeinsamen Rechts, ohne den keine Republik existieren kann“. Sozusagen als Dreingabe zeigt Flaig zudem auf, welche fundamentalen Gemeinsamkeiten der kommunitaristische Multikulturalismus eben „mit jenem Ethnopluralismus“ nationaler Ideologien teilt, „von dem er sich wütend abzugrenzen versucht“. Die Frage „Universalismus oder […] Multikulturalismus“, beantwortet der Autor aus all diesen Gründen dezidiert zugunsten des ersteren. Nicht weniger vehement wendet er sich gegen die politische und mediale „Verharmlosung“ solcher „kultureller Unverträglichkeiten“.

Gegen die von Kirchen und verschiedenen NGOs gepredigte „hegemoniale Leitideologie und Leitmoral“, deren „moralische[r] Furor“ sich in den Jahren 2015 und 2016 einer „totalitären Atmosphäre“ genähert habe, indem sie „einzelne Menschenrechte menschenrechtswidrig […] überstrapazier[t]en“, macht sich der Autor für eine „menschenrechtliche und wissenschaftliche Leitkultur“ stark, die nicht auf Gefühle, sondern auf Argumente setzt. Und vor allem für individuelle und politische Freiheit, wobei diese über jener steht, da nur die politische Freiheit in der Lage ist, die individuelle zu garantieren. Für diese politische Freiheit und andere Werte der Aufklärung gelte es, gegen ihre erklärten FeindInnen zu kämpfen und gegebenenfalls auch Opfer zu bringen. Werte werden Flaig zufolge überhaupt nur dann zu solchen, wenn Menschen hierzu bereit sind. Hinzuzufügen wäre vielleicht, dass dies keineswegs die Annahme impliziert, es sei selbst schon ein Wert, überhaupt Werte (oder ein Wertsystem) zu haben. Ob dem so ist, hängt vielmehr davon ab, um welche Werte es sich jeweils handelt. Denn bekanntlich sind Menschen bereit, sich für die unsinnigsten und unmenschlichsten Werte(systeme) zu opfern. Umgekehrt ist es aber sehr wohl von Übel, keine Werte und kein Wertesystem zu haben. Denn dann läuft man Gefahr, eines dieser unmenschlichen Wertesysteme oktroyiert zu bekommen und dessen Opfer zu werden. Zu denken ist etwa an die „menschrechtsfeindliche[n] Religionen“, gegen die Flaig sich wendet.

So ist „Feindschaft“ ihm zufolge auch „eine unvermeidbare Beziehung zu jenen Kräften, die offen jene universalen Werte bekämpfen, ohne die eine menschenrechtlich verpflichtende Weltrepublik nicht denkbar ist“. Eben darum wendet sich der Autor vehement gegen jenen „politische[n] Pazifismus, der sich als ‚Friedensbewegung‘ versteht“, da dieser den Krieg keineswegs abschaffe, sondern vielmehr eine Seite „lähmt“. Wer aber „Feindschaft nicht denken kann und die Konsequenzen eines Krieges nicht aushält“, ist Flaig zufolge „reif für die Knechtschaft“. Denn es gebe zwar „Beziehungen, die sich nur realisieren, wenn beide Seiten zustimmen, so etwa die Liebe“. Im Falle eines Krieges genüge es jedoch, „daß eine Seite ihn will und ihn beginnt“. Daesh und andere islamoterroristische Organisationen stellen dies seit einiger Zeit nachdrücklich unter Beweis.

Flaig, ein zweifellos für viele ausgesprochen provokanter Verteidiger von Aufklärung und politischer Vernunft sieht sich dem Verfasser des „fundamentalste[n] Werk[s] des modernen Denkens“, Immanuel Kant, verpflichtet. So ist ihm der Königsberger mit seiner – wie Kant in der Schrift Zum ewigen Frieden formuliert – eine „positive Idee einer Weltrepublik“ entwickelnden politischen Philosophie auch ein wichtiger Gewährsmann. Gelegentlich reicht er sogar an dessen argumentative Genauigkeit heran. Flaigs Scharfzüngigkeit, die den Vergleich mit derjenigen eines anderen Aufklärers, nämlich Julien Offray de La Mettrie, durchaus nicht zu scheuen brauchtfährt ihm allerdings immer dann in die argumentative Parade, wenn er sich zu Verbalinjurien hinreißen lässt und er seinen philosophischen oder politischen Gegner beispielsweise „Schwachsinnslogik“ attestiert oder sie als „Ignoranten mit der Wünschelrute historischer Esoterik“ tituliert, die irgendwo einen „‚realexistierenden Multikulturalismus‘ zu entdecken meinen“. Der Autor hätte klüger daran getan, sich ganz auf seine argumentative Kraft zu verlassen. Doch gehen die polemischen Gäule nur zu oft mit ihm durch.

Einige der von ihm kritisierten DenkerInnen und PolitikerInnen überbieten ihn in dieser Disziplin allerdings bei Weitem, wie bereits der erste Satz des vorliegenden Buches zeigt. Er zitiert Stanislaw Tillich, mit den auf DemonstrantInnen, die einen Bus mit AsylbewerberInnen blockierten, gemünzten Worten: „Das sind keine Menschen, das sind Verbrecher!“. Damit „grenzt“ der sächsische Ministerpräsidenten „den politischen Gegner aus der Menschheit aus“, wie Flaig ebenso kühl wie zutreffend anmerkt.

Bei aller argumentativen Stärke lassen Flaigs Belege und Quellennachweise doch allzu oft zu wünschen übrig. Einige Beispiele aus dem Bereich der Sexualkriminalität mögen dies belegen: Nachdem der Autor die Massenvergewaltigungen während der Demonstrationen auf dem Tahirplatz in Kairo erwähnt und darauf hinweist, dass solche Verbrechen während europäischer, asiatischer und amerikanischer Erhebungen nicht vorgekommen sind, kritisiert er die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer dafür, dass sie „am 10. Juni 2013 in einem Interview [bestritt], daß diese Vergewaltigungen einen kulturellen und religiösen Hintergrund hatten; statt dessen seien die Ursachen sozialer Art“. Offenbar bezieht sich der Autor auf eine Diskussion im Deutschlandfunk, an der Krämer an dem besagten Tag beteiligt war. Einen genauen Beleg aber lässt er vermissen. Ein zweites Beispiel: Seine zweifelhafte Behauptung, „daß die allermeisten Vergewaltiger Muslime sind“, versucht er mit einem Zitat von Alice Schwarzer aus dem Jahr 2003 zu untermauern, dem zufolge ihr ein Kölner Polizist gesagt habe, „70 oder 80 Prozent der Vergewaltigungen in Köln würden von Türken verübt“. Auch dies, ohne dass er das Zitat genau ausweist. Ebenfalls ohne Quellenangabe bleibt seine Feststellung, dass im Jahr 1975 in Schweden 421 Vergewaltigungen angezeigt wurden, „der Schwedische Nationalrat für Verbrechensprävention“ 2014 hingegen mehr als zehnmal so viele, nämlich „6 620 Fälle“ meldete. Diesen drei Beispielen ließen sich mühelos weitere anfügen, doch mögen sie an dieser Stelle genügen.

Zitate:

"Hinter einigen gegenaufklärerischen Kulturkritiken, die seit Dekaden im Schwange sind, lauert die Theokratie. Das bezeugt nicht bloß Leo Schestow mit seinem Buch, "Athen und Jerusalem" von 1938. Die Gefahr spürte auch der amerikanische Philosoph Leo Strauss, als er das Thema 1967 unter dem Titel "Jerusalem und Athen" nochmals aufgriff. In der neuen Ära, die mit der Iranischen Revolution angebrochen ist, transformiert sich diese Opposition zwar zwischen hellenischer Vernunft und jüdischer Offenbarung zur Alternative von 'Kalifat oder Republik'. Unter den Intellektuellen Frankreichs, also jenes europäischen Landes, das nun am schwersten von der religiösen Konfrontation betroffen ist, besinnen sich die Scharfsichtigen immer wieder auf die Prinzipien der Republik. Naturgemäß ist der Wertekonsens ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Parallelgesellschaften mit konträren Wertesystemen zerbrechen den einheitlichen Raum des gemeinsamen Rechts, ohne den keine Republik existieren kann. Solche Vielfalt als Bereicherung zu begrüßen, heißt die Auflösung des Politischen, mit einem billigen Ideologem zu beschönigen; billig ist es deswegen, weil Vielfalt wahrlich keiner Pflege bedarf, entsteht sie doch überall aus den spontanen Prozessen, wohingegen Homogenität, stets eine kulturelle Anstrengung erfordert." (S.259) 

Fontanefan: Obwohl die 1. Auflage dieses Buches bereits 2017 erschien, hätte sich Flaig schon damals davon überzeugen können, dass die gegenseitige Polemik zwischen Mainstream und AfD ziemlich homogen auf  "Verschwörungstheorie" und "links-grün versifft" hinauslief, während Juli Zeh mit den Gegensätzen in "Unter Leuten"  und "Zwischen Welten" mit rechtsradikaler Gutmensch sowie traditionsgebundene Bio-Bäuerin auf der einen Seite und auf der anderen egoistische Großstadtmenschen und angepasster Kulturredakteur in der Coronazeit deutlich differenziertere menschliche Unterschiede  aufzeigt.


sieh auch:

Prantls Blick: Mackie Messer auf der Münchener Sicherheitskonferenz

Bernhard Schircks: Ohne Ideologien zu mehr Frieden

Thomas M. Schmidt: Differenzbewusstsein

Mittwoch, 21. Juni 2023

Die Tage des Westens sind gezählt


 Die Tage des Westens sind gezählt von  ZEIT 3.3.2023, Nr.10

"Auch wenn Russland seinen brutalen Angriffskrieg nicht gewinnt, dürfte am Ende eine neue Weltordnung stehen. [...]

Die meisten der sich im Ukraine-Konflikt neutral gebenden Staaten sind aus den Blockfreien hervorgegangen – mit dem Unterschied, dass einige Entwicklungsländer von einst inzwischen ihrerseits als globale Mächte agieren, politisch wie ökonomisch: Im Ranking der zwanzig wirtschaftlich stärksten Länder besetzen sie fast die Hälfte der Positionen und erwirtschaften kaufkraftbereinigt ein größeres Bruttoinlandsprodukt als die dem Westen zugerechneten Staaten. In den kommenden Jahren werden sie eine klare Vormachtstellung erringen; während die USA sich vorläufig noch behaupten, fällt Europa ins zweite oder dritte Glied zurück. Der Kontinent, der noch im Kalten Krieg den Hauptschauplatz bildete, rückt an den Rand des Weltgeschehens.

Diese geopolitische Verschiebung spiegelt sich in den Reaktionen auf den Ukraine-Krieg wider. Während er bei uns Tag für Tag die Schlagzeilen beherrscht, steht er in Indien, China, Indonesien, Lateinamerika, Afrika, den arabischen Staaten und der Türkei nicht in gleicher Weise oben auf der Agenda. Dort sind andere politisch-militärische Brandherde und vor allem die Folge missglückter westlicher Interventionen im Nahen Osten und in Afghanistan deutlicher im Bewusstsein. Inflation und Verknappung lebenswichtiger Güter werden nicht allein dem russischen Überfall, sondern auch den westlichen Sanktionen zugerechnet, deren sukzessive Ausgestaltung im Übrigen aus egoistischen Gründen inkonsequent war. Dass der Westen sich einmal mehr in ein womöglich auswegloses militärisches Engagement verstrickt, wird in Ländern der früheren Dritten Welt als ein Symptom für das nahende Ende einer von den USA dominierten internationalen Ordnung gelesen. Ohnehin begegnet man dort der moralischen Parteinahme des Westens für die Ukraine mit dem Verdacht, dass dem Leiden von Weißen mehr Gewicht beigemessen wird als dem Elend in südlicheren Weltregionen. [...]

Der Geltungsverlust der westlichen Demokratien erweitert den Spielraum anderer Staaten zur Verfolgung ihrer eigenen Prioritäten. Am augenfälligsten ist dies im Fall Chinas, das in seinem sogenannten Friedensplan zwar zur Waffenruhe aufruft, aber für den russischen Überfall letztlich die USA verantwortlich macht – als lachender Dritter in der Eskalation der Gewalt zwischen den beiden Supermächten des 20. Jahrhunderts. [...]"

Freitag, 9. Juli 2021

Christian Wolff

Menschen brauchen keine Religion und keine Gesetze – „Sie sehen selbst, was gut ist“

FR 8.7.2021

"Vor 300 Jahren: Christian Wolff zeigt in seiner China-Rede auf, dass Menschen weder Religion noch sonstige „Oberherrn“ brauchen, um moralisch richtig zu handeln. Heiner Roetz über eine der seltenen Sternstunden einer zukunftsweisenden kosmopolitischen Philosophie.

Wenn in der Philosophie ein Datum zu begehen ist, dann handelt es sich in der Regel um den Geburts- oder Todestag eines ihrer großen Vertreter. Selten nur geht es um Ereignisse anderer Art. Zu diesen ist zweifellos die Rede Christian Wolffs (1679–1754), des Prorektors der Universität Halle, vom 12. Juli 1721, anlässlich der Amtsübergabe an seinen Nachfolger Lange zu zählen. Wolff wählte ein Thema, das einem schwelenden Streit zwischen ihm und den Hallenser Pietisten ein neues Kapitel hinzufügte: Er sprach über die „philosophia practica“ der Chinesen.

Wolff suchte gegen den „Eifer der Lutheraner und Catholicken“ nach einer Philosophie, die die Wahrheit des Glaubens auf Rationalität zurückführt, was ihn in einen Konflikt mit auf der Unergründlichkeit der Offenbarung beharrenden Theologen bringen musste. Im pietistischen Halle war er in der Höhle des Löwen, und seine Gegner, denen er die Studenten abspenstig machte, sannen darauf, sich des lästigen und gefährlichen Konkurrenten zu entledigen. Die China-Rede brachte dann das Fass zum Überlaufen. Was Wolff vorzutragen hatte, so der Zeitzeuge Gottsched, wirkte wie „Feuerfunken, die in einen fertigen Zunder fielen“. Die Rede „machete das größte Lärmen, das zu unsern Zeiten irgend eine andere gemachet haben kann“.

Was hatte Wolff gesagt, das landesweit für Empörung sorgte? Er hatte die Ethik des Konfuzius als Beleg zitiert, dass Moral ohne Religion möglich sei und dies als Bestätigung seiner eigenen Philosophie präsentiert, hatte sich also gegen die herrschende Theologie mit einer heidnischen Lehre verbündet.* [...] 

 Für Wolffs Gegner war das Maß voll, und sie erwirkten beim preußischen König, dass er „beyh Hängen“ das Land binnen 48 Stunden zu verlassen hatte. Er fand Aufnahme an der Universität Marburg. Überall traten nun seine Widersacher auf. Aber auch seine Anhänger schliefen nicht, so dass sich die Stimmung schließlich drehte. Wolff konnte 1740 die Arbeit in Halle wieder aufnehmen. Die 1737 in Berlin gegründete „Gesellschaft der Wahrheitsliebenden“ (Societas Aletophilorum) ließ zu seiner Rehabilitierung eine Münze schlagen, die Minerva zeigt, auf dem Helm ein Januskopf mit den Gesichtern von Leibniz und Wolff, und die Aufschrift „sapere aude“, „erkühne dich, vernünftig zu sein“. Wolff war zu einer Ikone der Aufklärung geworden. [...]" (zur Fortsetzung)

 * "Wolff studierte die chinesischen Klassiker in der Übersetzung von Noël bis zu seinem Tod im Jahr 1754.  Sein ganzes Werk ist durchdrungen von Zitaten und Anspielungen auf diese Lektüre, die als Zeugnis der fruchtbarsten Begegnung zwischen westlicher und chinesischer Philosophie gelten kann." (Wikipedia)

Dienstag, 7. April 2020

Alexander Gottlieb Baumgarten

Alexander Gottlieb Baumgarten (Wikipedia)

Immer wieder bin ich beeindruckt von der Klarheit, mit der Albrecht auf gutefrage.net  philosophische Zusammenhänge darzustellen versteht.

"Sinnliche Erkenntnis nach Alexander Gottlieb Baumgarten ist die Erkenntnis der unteren Erkenntnisvermögen.
Zu den unteren Erkenntnisvermögen (unterscheiden von oberen Erkenntnisvermögen wie Verstand und Vernunft) gehören Sinn (sensus), Phantasie/Einbildungskraft (phantasia), sinnlicher Geist [als Fähigkeit, Ähnlichkeit zu erkennen] (ingenium sensitivum), sinnlicher Scharfsinn [als Fähigkeit, Verschiedenheit zu erfassen] (acumen sensitivum), beides zusammen die feine/durchdringende Einsicht (perspicacia), sinnliches Gedächtnis (memoria sensitiva), Dichtungsvermögen (facultas fingendi), Vorhersehung (praevisio), Fähigkeit des Urteils/der Unterscheidung (facultas diiudicandi). Erwartung (exspecatio casuum similiumpraesagitatio), Fähigkeit der Zeichenkunde (facultas characteristica sensitiva).
Die untere Erkenntnislehre entwickelt Baumgarten als Ästhetik. Ihr Ziel ist Vollkommenheit/Vervollkommung (perfectio) der sinnlichen Erkenntnis.
Baumgarten geht von den Annahmen und der Begrifflichkeit des Rationalismus aus. Die Ästhetik ist als Ergänzung der logisch richtigen Darstellung mit Hilfe von Verstand/Vernunft (Ratio) gedacht.
Wichtig ist die Unterteilung von Vorstellungen (ideae) in der rationalistischen Tradition. Sie können klar (clarae) oder dunkel (obscurae) sein, je nachdem ob sie durch Erfassen von Merkmalen zu einem Wiedererkennen der Dinge ausreichen oder nicht, distinkt/deutlich unterschieden (distinctae) oder konfus/verworren (confusae), je nachdem ob sie alle Wesensmerkmale genau erfassen, daher das Ding von anderen unterscheiden können und ihr Gegenstand begrifflich wohlbetsimmt ist.
Sinnliche Erkenntnis bezieht sich bei diesen Bezeichnungen auf den Bereich verworrener, nicht deutlich unterschiedener Vorstellungen.
Alle von Sinnesvermögen stammenden Vorstellungen sind nicht distinkt, weil sie dem Bereich der Anschauung angehören, kein begriffliches Denken enthalten ist.
Sinnliche Erkenntnis leistet aber nach Baumgarten einen Beitrag zu wirklicher Erkenntnis. Sie ist nach ihm nicht irrational, sondern der Ratio analog (ihr entsprechend). Die sinnlichen Erkenntnisvermögen haben eine innere Eigengesetzlichkeit und eine von Verstand und Vernunft unabhängige Erkenntnismöglichkeit. Ihre Urteilskraft, der Geschmack, kann etwas wie Harmonie, Ausgewogenheit und Zusammenstimmen der Teile zusammengesetzter Dinge bemerken und so feststellen, ob sie vollkommen oder unvollkommen sind. Sinnliche Erkenntnis ist eine Vergegenwärtigung der Dinge in ihren mannigfaltigen, sinnlich wahrnehmbaren Merkmalen. Baumgarten hebt ihre Reichhaltigkeit (Reichtum und Fülle) hervor, gegenüber der Abstraktion des begrifflichen Denkens, das vom Reichtum der Erscheinungen absehe und im Vergleich zur Anschauung auch einen Verlust darstelle.
Die sinnliche Erkenntnis hat nach Baumgarten ihre eigene Wahrheit, die sich auf die Dinge, wie sie erscheinen, bezieht.
Als Zusammenführung sinnlicher Erkenntnis und logischer Erkenntnis denkt Baumgarten (Aesthetica § 440) die ästhetikologische Wahrheit (veritas aestheticologica).
Ein Unterschied zu den Begriffen sinnlichen Wahrnehmung und sinnliche Erfahrung liegt darin, bei der sinnlichen Erkenntnis ausdrücklich einen Anspruch auf eine Gültigkeit/Wahrheit zuzubilligen. Sinnliche Wahrnehmung und sinnliche Erfahrung können auch ein schlichtes Empfinden ohne klare Vorstellung sein."

Freitag, 16. Oktober 2015

"Islam, bitte aufgeklärt!"

Der Religionspädagoge Ednan Aslan fürchtet eine Rückkehr der Fundamentalisten.
Aus dem Interview:
Aslan: Ich begrüße unsere europäische Säkularität. Denn sie gehört zur Freiheit. Ohne diese Freiheit gäbe es beispielsweise keine Gleichberechtigung der Frau. Viele Araber, auch arabische Frauen, betrachten die weibliche Selbstbestimmung als soziale Verwahrlosung. Wir müssen unsere freiheitlichen Positionen besser begründen und verteidigen. [...] Europa hat noch keine starken Strukturen, wo der Islam mit europäischer Prägung gepredigt wird. Moscheen, Imame, Verbände sind überwiegend konservativ. Die meisten Imame kommen aus der Türkei, aus Saudi-Arabien, aus Kuwait und Marokko, sie repräsentieren keine pluralitätsfähige, sondern eine überhebliche Theologie. Ich befürchte, dass der Islam durch den Zuzug der Flüchtlinge weiter arabisiert wird.
ZEIT: Was meinen Sie damit? Und was sagen Sie dazu, dass Saudi-Arabien in Deutschland 200 Moscheen für syrische Flüchtlinge bauen will?
Aslan: Auch der Glaube braucht eine Heimat, aber nicht diese. Die Saudis fördern mit viel Geld eine Arabisierung, eine Wahhabisierung des Islams. Er wird auf seine Entstehungsgeschichte im 7. Jahrhundert reduziert und eng ausgelegt. Dazu gehört, dass Andersgläubige als Ungläubige verachtet werden. Die ganze Glaubensidentität speist sich aus der Verachtung anderer. Ich nenne den Wahhabismus deshalb eine Verachtungstheologie. Und diese Verachtung produziert Gewalt. Das sehen Sie am "Islamischen Staat", der stolz darauf ist zu töten.
ZEIT: Viele muslimische Flüchtlinge sind selber Opfer dieses Fundamentalismus. Warum sollten sie ihm hierzulande anhängen?
Aslan: Weil noch nicht alle verstanden haben, dass Fundamentalismus an sich fatal ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die meisten muslimischen Flüchtlinge gehen deshalb nicht nach Saudi-Arabien, weil sie sich vor den harten Scharia-Gesetzen fürchten. Aber für die Scharia sind sie trotzdem irgendwie. Wir müssen solche Widersprüche klären. Islam, bitte aufgeklärt! Es geht jetzt nicht darum, in der Religion auf eine eigene Wahrheit zu verzichten, sondern die Wahrheit der anderen für genauso legitim zu halten wie die eigene. Das ist die Grundlage der europäischen Pluralität. Wir brauchen immer mehr einen europäischen Islam, der die Muslime zur Pluralität befähigt. Sonst bleiben die Muslime immer auf der Flucht, ohne innere Heimat.

Mittwoch, 1. April 2015

Was man so alles erst mit großer zeitlicher Verzögerung erfährt ...

"Mit Green Run wurde und wird ein geheimes Experiment von anfangs Dezember 1949 an der Hanford Site im US-Bundesstaat Washington bezeichnet, das eine hohe Freisetzung von Radioaktivität in die Umgebung vorsah.Diese absichtliche Freisetzung von zwischen 200 bis 440 TBq Jod-131 sowie von noch deutlich größeren Mengen des radiologisch aufgrund des Edelgas-Charakters etwas weniger riskanten Xenon-133 diente vorab einem DetektionsBKL-Versuch durch Aufklärungsflugzeuge der US Air Force. Es sollte getestet werden, ob man im Kriegsfall entsprechende Freisetzungen durch den Hauptgegner des Kalten Krieges, die Sowjetunion, zum Schutz der eigenen Streitkräfte rechtzeitig entdeckt.Das Experiment wurde der Öffentlichkeit erst im Jahr 1986 bekannt gemacht, wobei viele Einzelheiten weiterhin geheim blieben. Der Strahlenschutz-Experte Ph.D. Carl C. Gamertsfelder machte auf eigene Initiative publik, er habe aus Gründen der externen Risiken der Freisetzung vom Experiment abgeraten, was jedoch von den Verantwortlichen nicht berücksichtigt worden sei." (Wikipediaartikel zu Green Run)
Ich berechne daraus: Was mir heute offiziell über die Ungefährlichkeit oder Legalität von Regierungsmaßnahmen vorgelogen wird, erfahre ich demnach in ca. 65 Jahren. Eine theoretische Wahrscheinlichkeit, es zu erfahren, hätte ich nach 29 Jahren. Daraus kann ich berechnen, wie alt ich werden muss, um über heutige Lügen aufgeklärt zu werden. 
Wo ich hoffe, früher informiert zu werden, sind die NSU-Morde. Ich wünsche dem Untersuchungsausschuss viel Erfolg.

Übrigens, ich habe von Green Run aus Geschichte der Welt 1945 bis heute - Die globalisierte Welt, München 2013, S.496 erfahren.
Wozu das Lesen in Weltgeschichten alles gut sein kann!

Montag, 14. April 2014

Bedenkenswertes - Tweets mit ersten Links

Wenn es gut geht, wird sich die Menschheit zu spät im Kampf gegen Naturkatastrophen vereinigen, sonst ...
(3. Teil des Weltklimaberichts 2013; Valparaiso)
http://www.fr-online.de/meinung/klimawandel-die-weltzeituhr-laeuft-ab,1472602,26833518.html

Beziehung oder Sharen? Film "Her" https://de.wikipedia.org/wiki/Her_(2013)
 - Eigentum oder Allmende? Macht kostenlos wertlos? zu St. Grünwald FR, 14.4.14: "Sharen ohne Scherereien"

In China kommen Kinder nicht vom Storch, sondern von der Müllhalde, unaufgeklärte Jugend

http://www.21china.de/gesellschaft/sexualkunde-in-china-wir-fanden-dich-auf-einem-muellhaufen/

Im Kalten Krieg hatte man Theorien über die Psychologie des Gegners, in der Ukrainekrise leugnet man sie.

Wie sich die Bilder gleichen: Ukrainische Regierung gegen Demonstranten: 
http://www.spiegel.de/politik/ausland/konflikt-im-donezk-becken-was-wollen-moskau-kiew-die-separatisten-a-964159.html
Wer hat etwas von Maidan gehabt?

Montag, 11. November 2013

Optimistische Sicht auf die deutsche Frühaufklärung

"Die Zersplitterung der Territorien im deutschen Territorialabsolutismus mit seinen je spezifischen Zensurbestimmungen und die erstaunlich große Denkfreiheit in religiösen und konfessionellen Fragen, die seit dem Westfälischen Frieden zumindest in den protestantischen Gebieten rechtlich garantiert war, bot, wie die Debatte um die Bibelübersetzung Schmidts eindrücklich zeigt, dem Verfolgten einen relativen Schutzraum, der die Territorien des Alten Reiches sogar zu Vorläufern moderner Meinungsfreiheit macht."

Ursula Goldenbaum: Appell an das Publikum. Die öffentliche Debatte in der deutschen Aufklärung 1687-1796, 2004
Ursula Goldenbaum zeigte an dem Schicksal von Lorenz Schmidt auf, dass der Verfasser der Wertheimer Bibel eine Chance hatte, ein Drittel der Auflage zu verkaufen, bevor die Konfiszierung der Bücher rechtskräftig wurde und dass er durch Flucht nach Altona dem Zugriff auf seine Person entging.

Die Wertheimer Bibel war eine freie Übersetzung der 5 Bücher Mose, die jede religiöse Sprache zu vermeiden suchte. So hieß es z.B. „ein starker Wind" statt „der Geist Gottes" wehte über den Wassern. (vgl. dazu Wikipediaartikel zu L. Schmidt)