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Donnerstag, 16. Januar 2020

Navid Kermani

Antworten auf den ZEIT-Fragebogen

Wie schwer zwei Säcke wiegen - Eine Reise durch Qiandongnan, eine entlegene Bergregion im Südwesten Chinas. ZEIT 16.1.2020
"[...] Die Not der 300 Millionen Chinesen, auf deren Mobilität, Anspruchslosigkeit und geringem Lohn das Wachstum der Wirtschaft wesentlich beruht, füllt in der westlichen Presse ganze Dossiers. Doch wann immer wir in den letzten Tagen Wanderarbeiter fragten, die auf Heimatbesuch waren, hörten wir Frohlocken, dem Landleben entkommen zu sein.
 Warum das?, fragten wir die 30-jährige Xie Liying, die beide Welten kennt, weil sie mit ihrem Mann von Fabrik zu Fabrik gezogen ist, bis der Sohn schulpflichtig wurde und sie in ihr Haus in Dongmeng zurückkehrten, einem der besterhaltenen Dörfer überhaupt in der Region, das inzwischen auch mit Öko-Tourismus wirbt. Dem kleinen, geschmackvollen Hotel, das der Dorfgemeinschaft ein Stückchen Boden abgekauft hat und sie überdies mit ein paar guten Arbeitsplätzen belohnt, haben die Bewohner zugesagt, so oft wie möglich ihre farbenfrohen Trachten zu tragen, die Dongmeng zusätzlich schmücken. Die Riten und Gesänge werden von den Yao wie von allen Minderheiten ohnehin gepflegt.
 Und doch ist Xie Liying unglücklich, zurück zu sein. Dongmeng ist ihre Heimat, hier kennt sie ihre Nachbarn von klein auf, hier sprechen alle ihre Sprache und singen abends gemeinsam die immer gleichen Lieder, deren Verse sie spontan komponieren und die also jedes Mal neu sind, hier trägt sie die kunstvolle Kleidung, die sie selbst näht, hier besitzt sie ein Haus und ihre eigenen Felder, isst das Essen aus eigenem Anbau, genießt den vollen Geschmack ohne künstliche Aromen, nur hier atmet sie gute Luft und ist von Schönheit umgeben, Schönheit der Natur, der Architektur, der Tradition und des Handwerks. Xie Liying führt ein Leben, das authentischer kaum sein könnte, bestimmt selbst über ihren Tagesablauf und wird dabei nach eigenem Bekunden gut satt, hat nur hier eine Krankenversicherung und eine kostenlose Schule für den Sohn – warum sehnt sie sich nach der Koje zurück, in der sie zu dritt wohnte und die jeden Augenblick gekündigt werden konnte, nach Unsicherheit und Abhängigkeit im höchsten Grade, nach der Monotonie in der Fabrik, zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche dieselbe Handbewegung, nach der Fremde aus Beton und Teer, mit Videos auf dem Smartphone als einzigem Zeitvertreib statt mit dem gemeinschaftlichen Gesang, der selbst den Reisenden verzückt. – Ich mag die körperliche Arbeit nicht, sagt sie. –
Aber die Arbeit am Fließband ist doch auch körperlich, wende ich ein. – Aber dort gab es Nahrung und Geld. Hier gibt es nur Nahrung. Ich würde auch gern mal Kleider kaufen, mal was anderes essen, nicht immer nur Reis, Kartoffeln und Mais. Außerdem ist Fließband noch mal etwas anderes, als die schweren Säcke zu tragen und jeden Tag im Dreck zu stehen.[...]
Wer krank ist, sucht Hilfe bei Geistern, nicht nur bei Medizinern. Und die Verstorbenen werden durch Feste geehrt, die gar kein Ende nehmen wollen. Sieben Tage und Nächte blasen die Hörner, und um den gekühlten Sarg aus Plastikglas, in dem der Verstorbene aufgebahrt ist, tanzen die Angehörigen und Nachbarn im Kreis. Die Beerdigung ist für die Miao das wichtigste Fest im Leben. Das ganze Dorf hilft, damit auch die Trauergäste aus den umliegenden Dörfern reichlich zu essen haben. Zehn Frauen sind allein fürs Schneiden des Gemüses eingeteilt, zehn weitere fürs Kochen, während die Männer sich den Einkauf und das Schlachten der Tiere aufteilen. Satt zu werden versteht sich in Qiandongnan noch lange nicht von selbst; umso aufwendiger wird der Überfluss zelebriert, den es wenigstens an Festtagen gibt.
 Früher, so hören wir, wurde mit leerem Magen getanzt und musiziert. Waren das schönere Feste? Nein!, lautet die erstaunte Antwort. Die Kinder werden nach ihrem Tod sicher nicht mehr sieben Tage und Nächte geehrt."

Freitag, 7. Juli 2017

In Auschwitz

"Wenn es einen einzigen Moment gibt, an dem ich ohne Wenn und Aber zum Deutschen wurde, dann war es nicht meine Geburt in Deutschland, es war nicht meine Einbürgerung, es war nicht das erste Mal, als ich wählen gegangen bin. Schon gar nicht war es ein Sommermärchen. Es war letzten Sommer, als ich den Aufkleber an die Brust heftete, vor mir die Baracken, hinter mir das Besucherzentrum: deutsch. Ich ging zu meiner Gruppe und wartete ebenfalls stumm auf unsere Führerin. Im Tor, über dem „Arbeit macht frei“ steht, stellten sich nacheinander alle Gruppen zu einem bizarren Foto auf. Nur wir schämten uns. [...]
Das kulturelle Gedächtnis braucht Rituale, Mahnmale, Jahrestage, wiederkehrende Bilder und, ja, auch sprachliche Floskeln, um sich zu bilden, zu bewahren und zu entwickeln. Seiner Natur nach tendiert das zeremonielle Gedenken zur Wiederholung und Formelhaftigkeit. Es ruft durch Zeichen eine Erinnerung wach. [...]
Wenn in der eigenen Biographie die Referenzpunkte fehlen, auf die sich das kulturelle Gedächtnis in Formeln, Gesten und Symbolen bezieht, dann werden diese Formeln, Gesten und Symbole als leer empfunden. [...]
Dass der Holocaust in die Ferne rückt, ist allerdings nicht nur den Jahren geschuldet, die vorüberziehen, oder den Kilometern, die zwischen dem heutigen Deutschland und den zentralen Stätten des Völkermords liegen. Es kommt eine demographische Entwicklung hinzu. Immer mehr Menschen leben in Deutschland, die nicht einmal mehr einen familiengeschichtlichen Bezug zum Nationalsozialismus haben. [...]
Je ferner Auschwitz rückt, desto leichter wird es Deutschen wieder fallen, sich an ihrer Geschichte zu erbauen. Und sie werden übersehen, dass gerade in der Gebrochenheit Deutschlands bundesdeutsche Identität und, ja, Stärke und Vitalität liegt. Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz, lehrte der Rabbi Nachman von Berditschew.
Der Satz ist einer meiner Lieblingssätze, Motto auch eines Buches von mir. Natürlich bezieht er sich auf die Liebe, die Liebe zu den Mitmenschen oder zu Gott, in jedem Fall auf eine individuelle Situation. Aber er lässt sich auch auf ein Gemeinwesen beziehen: Es gibt nichts Ganzeres als ein gebrochenes Herz. Wenn etwas spezifisch wäre an der deutschen Leitkultur, die dieser Tage wieder eingefordert wird, wären es nicht Menschenrechte, Gleichberechtigung, Säkularismus und so weiter, denn diese Werte sind durchweg europäisch, wenn nicht universal; es wäre das Bewusstsein seiner Schuld, das Deutschland nach und nach gelernt und auch rituell eingeübt hat – aber just diese eine Errungenschaft, die nicht Frankreich oder die Vereinigten Staaten, sondern die Bundesrepublik für sich reklamieren darf neben guten Autos und Mülltrennung, möchte das nationale Denken abschaffen. Umgekehrt gilt allerdings auch: Wer sich gegen ein völkisches Verständnis der Nation wendet, kann die historische Verantwortung nicht ethnisch engführen. Wer sich in Deutschland einbürgern lässt, wird auch die Last tragen müssen, Deutscher zu sein. Spätestens in Auschwitz wird er sie spüren, wenn er sich den Aufkleber an die Brust heftet. [...]"
(Ausschnitte aus der  Rede, die Navid Kermani zum zwanzigjährigen Bestehen des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München gehalten hat: Die Zukunft der Erinnerung faz.net 7.7.17)

Donnerstag, 26. Januar 2017