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Samstag, 8. August 2020

Kein Halt nirgends von Stephan Kaufmann

"Der Markt schafft enormen Reichtum, aber keine Sicherheit. [...]

In Deutschland ging die Tarifbindung – zentraler Hebel zur Sicherung von Löhnen und Arbeitsbedingungen – in der Privatwirtschaft Westdeutschlands von 66 auf 41 Prozent zurück, im Osten von 48 auf 28 Prozent. In den Ländern der OECD-Gruppe, also in den Industrieländern, hat sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad seit 1980 von 33 auf knapp 17 Prozent der Belegschaften fast halbiert. [...]
Doch „die Instabilität des Finanzsystems ist irreversibel“, erklärt Natixis-Ökonom Artus. Und dies schlägt auf die Realwirtschaft zurück, da sie über den Kreditkanal unauflöslich mit den Finanzmärkten verbunden ist.
Das Ergebnis: Auf der einen Seite schwimmen die Finanzmärkte in Geld, ebenso die Banken, was bei den Volkswirten der Commerzbank zu der Frage führt: „Wohin mit der Überschussliquidität?“ Auch die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse wachsen unaufhörlich. Dem gegenüber stehen Beschäftigte, die um ihre Jobs fürchten; Regierungen, deren Schulden auf Niveaus steigen, die sonst nur in Kriegen erreicht werden; Unternehmen, dieihre Zukunft bedroht sehen; und Finanzinvestoren, die für eine schmale Extra-Rendite immer größere Risiken eingehen müssen. Die Welt ist reich. Aber dieser Reichtum hängt davon ab, dass er sich vermehrt. Und diese Vermehrung ist – insbesondere angesichts der wachsenden Kapitalmassen – gefährdet. [...]
Seit 1980 ist der Steuersatz auf Unternehmensgewinne in der OECD im Durchschnitt von knapp 50 auf 27 Prozent gesunken. Mittels trickreichen Steuersätzen versuchen Standorte, multinationale Konzerne auf ihr Territorium zu locken. Eine Lösung wäre die Einführung einer globalen Mindeststeuer, die derzeit debattiert wird. Zum Rahmen gehört auch ein globaler Preis für CO2-Emissionen, der das Geschäft mit dem Klimaschutz auf eine verlässliche Grundlage stellen würde. Und schließlich müsste auch der globale Handelskrieg beendet werden, der über Zölle und Sanktionen dafür sorgt, dass die Unsicherheit des Marktes durch die Unsicherheit der Rahmenbedingungen erhöht wird.  [...]
Das Foundational Economy Collective sieht die Corona-Pandemie als Chance zu einer wirtschaftspolitischen Neubesinnung und hat dazu einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt. Zunächst müsse die Bevölkerung beim Umbau einbezogen werden, etwa wie im Fall Barcelona, wo der strategische Entwicklungsplan PEMB alle Beteiligten an einen Tisch bringt. Prioritäten muss laut den Fundamentalökonomen der Grundversorgung in den Bereichen Gesundheit, Wohnen und Energie eingeräumt werden. „Regierungen müssen zusammen mit regulierten, nicht-gewinnorientierten Unternehmen Verantwortung übernehmen.“ Die Privatwirtschaft soll durch Einführung von Betriebslizenzen auf das Gemeinwohl orientiert werden. [...]
(https://www.fr.de/zukunft/storys/megatrends/kein-halt-nirgends-wie-die-oekonomische-unsicherheit-unser-leben-praegen-wird-90019882.html)

Sonntag, 16. Juni 2019

Übervorsichtige Astronomen

"Die bislang größte bekannt Galaxie IC 1101 im Sternbild Jungfrau [...] ist eine Milliarde Lichtjahre entfernt. Wir sehen diese Objekte somit in einem Zustand, den sie heute vermutlich längst nicht mehr haben dürften." (Hervorhebung von Fontanefan)
Die Unsicherheit wird doppelt und somit einmal zuviel ausgedrückt. In einem Zustand, den sie vermutlich nicht mehr haben, reicht völlig aus, um die Unsicherheit auszudrücken. In einem Zustand, den sie nicht mehr haben dürften, sagt dasselbe.
In der Kombination von vermutlich und nicht haben dürften drängt sich freilich ein neuer Sinn auf: Sie dürften das nicht haben kann nämlich zum einen die höfliche Form von sie dürfen das nicht haben sein, zum anderen der Ausdruck für einen unzulässigen Zustand.
Beispiel:
Der Schlüssel darf nicht ausgeliehen werden. Wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, dürften Sie ihn also gar nicht haben. Höchste Zeit, dass Sie ihn zurückgeben, wenn Sie nicht sich und den, der Ihnen den Schlüssel hat zukommen lassen, nicht in Erklärungsnöte bringen wollen.

Aber es besteht überhaupt kein Anlass, eine Unsicherheit auszudrücken.
Das Bild, was wir heute sehen, zeigt die Galaxie in dem Zustand, den sie von eine Milliarde Jahre hatte (Lichtgeschwindigkeit). Auch wenn das Bild punktidentisch mit dem Bild, das die Galaxie gegenwärtig bietet, sein sollte, der heutige Zustand ist mit Sicherheit ein anderer als der von vor einer Milliarde Jahre.