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Dienstag, 1. August 2017

Vergewaltigung als eine Form des Heiratsantrags?


  • In vielen arabischen Länder gibt es Gesetze, die Tätern Straffreiheit versprechen, wenn sie ihre Opfer nach einer Vergewaltigung heiraten. [...]
Die 16-jährige Amina Filali aus Marokko hatte sich mit Rattengift umgebracht, wenige Monate nachdem sie ihren Vergewaltiger heiraten musste. Ihre Familie und ein Richter sollen das Mädchen zur Heirat gedrängt haben, um sie vom gesellschaftlichen Stigma einer vergewaltigten Frau zu "befreien". Dieser Fall aus dem Jahr 2012 schockierte nicht nur Marokko, sondern sorgte weltweit für Aufsehen und machte auf die frauenfeindliche Praxis aufmerksam, die in vielen arabischen Ländern gesetzlich verankert war und teilweise noch ist: Es sind Gesetze, die den Tätern Straffreiheit versprechen, wenn sie ihre Opfer im Nachhinein heiraten. Zwei Jahre nach der Selbsttötung von Amina Filali wurde der besagte Artikel 475 im marokkanischen Strafgesetzbuch abgeschafft. Nun hat auch Jordanien erste Schritte unternommen, die umstrittene Gesetzeslage zu ändern. Am Sonntag sprach sich das Kabinett dafür aus, Artikel 308 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Die Entscheidung des Kabinetts muss allerdings noch von den Abgeordneten des Parlaments abgesegnet werden. (Den Täter ins Haus geholt  - Süddeutsche Zeitung 26.4.2017) 

Jordanien: Kein Pardon mehr für Vergewaltiger (Deutsche Welle) 
http://www.dw.com/de/jordanien-kein-pardon-mehr-f%C3%BCr-vergewaltiger/a-38613923 

Zur Petition von Avaaz mit einer Aufforderung an das jordanische Parlament, die alte Regelung abzuschaffen. 

Pressestimmen auf Englisch: 
Heated debate over Article 308 expected as House panel has change of heart (Jordan Times)  
http://www.jordantimes.com/news/local/heated-debate-over-article-308-expected-house-panel-has-change-heart  
One by One, Marry-Your-Rapist Laws Are Falling in the Middle East (New York Times)  
https://www.nytimes.com/2017/07/22/world/middleeast/marry-your-rapist-laws-middle-east.html 

Im antiken Griechenland gab es eine Pflicht zur Rache .
Aus der gleichen Vorstellung von Ehre rührt der Gedanke vom Ehrenmord.
Die Hochzeit mit dem Vergewaltiger soll den Ehrenmord der Frau verhindern:
Die Befürworter des Gesetzes argumentierten jahrelang, dass man nur durch eine Heirat für die Sicherheit des Opfers garantieren könne. Immerhin könne man so Ehrenmorde verhindern und auch der Täter könne sein Verbrechen"wiedergutmachen", indem er auf diese Weise die Verantwortung für seine Tat übernehme. Auch in Italien gab es 1978 noch die sogenannte Wiedergutmachungshochzeit. Der Sexualtäter blieb straffrei, wenn er sein Opfer heiratete. (Den Täter ins Haus geholt  - Süddeutsche Zeitung 26.4.2017) 

Sonntag, 5. Februar 2017

Fake News und Filterblasen

Ein Beitrag zur Blogparade Förderung von Demokratiefähigkeit

Twitter liefert unter dem Hashtag #Trump Berichte über Ehrenmorde und Vergewaltigungen mit den Bildern der betroffenen Frauen.
Das Schlimme ist nicht nur, dass unterstellt wird, es wäre alles in Ordnung, wenn solche Taten nur anderswo passieren, Hauptsache nicht in den USA. Und dass deshalb Trumps Einreisestopp richtig wäre. 
In diese Richtung gehen die Tweets von Trumps Twitteraccount, z.B.:
"The judge opens up our country to potential terrorists and others that do not have our best interests at heart. Bad people are very happy!"


Dass Trump Ehrenmorde und Vergewaltigungen nicht abschaffen kann, geschweige denn wird, macht sich zwar nicht jeder klar, aber im Grunde sagt es doch die allgemeine Lebenserfahrung. 
Aber wenn man die Bilder sieht, entsteht die Emotion "Das darf nicht sein" und wenn durch die eigene Filterblase nur solche Emotionen geweckt bekommt, wird's bös.

Und jetzt zu unseren Filterblasen:
Wie gut wissen wir Bescheid über das rasante Tempo der Sozialgesetzgebung der nationalistischen Regierung in Polen?

Recherchieren wir ausführlich nach, wenn wir hören, dass in den USA in den letzten Jahren mehr Menschen minderjährigen Feuerwaffenbesitzern zum Opfer gefallen sind als US-Tote auf das Konto von Terroristen kommen?
Tun wir es, wenn an die Stelle von "minderjährigen Feuerwaffenbesitzern" Kinder eingefügt wird?
Worauf verlassen wir uns?

Wahrheit ist ein komplexes philosophisches Problem. Aber wer hilft uns, wahrzunehmen, was für "Wahrheiten" in anderen Filterblasen entstehen und wie?
Wir brauchen einen umfassenden Diskurs mit Vertretern unterschiedlicher Interessen. Und weil wir den nicht alle leisten können, brauchen wir eine Grunderfahrung, dass fremde "Wahrheiten" für andere genauso gültig sind wie unsere "Wahrheit" für uns.

Zu Recht sagt Daniel Bernsen, dass deshalb allzu homogene Schulklassen wichtige Voraussetzungen für Demokratiefähigkeit nicht liefern. (Ausführlicher und differenzierter in seinem Blogbeitrag)

Nebenbei gesagt: Es bedarf keiner Nachrichtenfälschung, um verhängnisvolle Emotionen auszulösen, sondern vor allem den passenden Kontext von Nachrichten.
Nicht nur, aber auch wegen der Emotionen, die Bilder auslösen, finde ich es fatal, dass Twitter jetzt Bilder (also statt 140 Zeichen "mehr als 1000 Worte") zulässt.

In ähnlicher Richtung wie Bernsen argumentiert Thomas Krüger: „Wir müssen politische Vielfalt als Demokratiegewinn sehen“  Westfälische Rundschau 6.2.17
Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung über Filterblasen und andere Herausforderungen.
"Ich glaube, dass durch die digitalen Filterblasen eine neue Grammatik für Lügen und ihre Aufwertung entstanden ist. Das heißt, ich kann in den Echoräumen des Netzes, insbesondere der Sozialen Medien, dafür sorgen, dass meine Lügen wie Wahrheiten aussehen. Und dass sie von meiner Klientel geglaubt und weiterverteilt werden. [...]
Wir müssen alles dafür tun, dass Kontroversität und Pluralität einer breiten Öffentlichkeit erhalten bleiben. Alle, die eine bestimmte Sicht auf die gesellschaftlichen Herausforderungen haben, sollten immer die anderen Perspektiven mitdenken und es nicht als eine Gefahr betrachten, eine Gegenstimme zu hören. [...]
Tatsächlich belegen etwa die Shell-Jugendstudien, dass die Demokratieakzeptanz, also die Zustimmung zur Demokratie als Staatsform, unter jungen Erwachsenen noch nie so hoch war wie heute. Sie wächst Jahr für Jahr. Und bei den Befragungen zum jüngst vorgelegten Kinderreport 2017 wünschen sich fast alle noch mehr Mitbestimmung in der Familie – und in der Schule. Die Demokratieakzeptanz bei jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ist übrigens noch höher. [...]
Wenn die Gesellschaft nicht maßgebliche Akteure hat, die für eine Verteidigung demokratischer Grundwerte einstehen, dann kann das böse enden, dann kann die Demokratie scheitern. Aber trotz mancher berechtigten Ängste: Es steht viel mehr auf der Habenseite."

Zusatz:
Statt nur Halbwahrheiten geschickt zu platzieren, kann man freilich auch gezielt Hasspropaganda verbreiten und damit gutes Geld verdienen. Darauf hat der Hashtag  #KeinGeldFürRechts aufmerksam gemacht, der mit einem Shitstorm bekämpft wurde.
Deswegen wurde jetzt Fearless Democracy gegründet. Das Nähere ist dort nachzulesen.