Markus Gabriel: Ethischer Kapitalismus (kommentiert)
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Mittwoch, 29. November 2023
Samstag, 28. März 2020
Wolfgang Kessler: Die Viren und der Kapitalismus
"Offenbar braucht es ein tödliches Virus, damit die Mehrheit in Politik und Wirtschaft erkennt, dass der freie Markt allein keine Krisen bewältigen kann." (Wolfgang Kessler: Die Viren und der Kapitalismus, Publik Forum Nr.6 2020, S.22)
Kessler sieht folgende Lehren:
Soziale Gerechtigkeit fördern, weil Hundertausende von Selbständigen in ihrer Existenz gefährdet sind und es für Millionen von Hartz-IV-Beziehern ums Überleben geht.
Heilen und Pflegen ohne Rendite
"Jetzt rächt sich, dass sich die Regierungen vor etwa zwanzig Jahren aus der Herstellung von Impfstoffen zurückgezogen haben." (S.23)
In der Krise zeigt sich, dass das Pflegesystem "nicht nach Rendite- oder Spardiktaten organisiert werden darf" (S.23)
Globales Agrarsystem begrenzen
Landraub führt "zu ständiger Erweiterung der Monokulturen".
"Die Versorgung mit Medikamenten oder notwendigen Ersatzteilen ist plötzlich gefährdet." (S.23)
Bürgerrechte bewahren
"Vor wenigen Wochen galten Geschwindigkeitsbegrenzungen noch als Anschlag auf die individuelle Freiheit. Seither wird die individuelle Freiheit täglich mehr eingeschrankt." (S.23) [Kontaktverbot, Ausgangssperre]
Gemeinsinn wertschätzen
Bürger haben "die erzwungene Selbstbegrenzung für sich als Chance der Entschleunigung entdeckt". (S.23) Vielleicht führt "die Pandemie tatsächlich hin zu einem Umdenken zu einer zukunftsfähigen Welt für alle" (S.23)
(Wolfgang Kessler: Die Viren und der Kapitalismus, Publik Forum Nr.6 2020, S.22-23)
Sieh auch:
* Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
* Ist ein anderer Kapitalismus möglich?
Kessler sieht folgende Lehren:
Soziale Gerechtigkeit fördern, weil Hundertausende von Selbständigen in ihrer Existenz gefährdet sind und es für Millionen von Hartz-IV-Beziehern ums Überleben geht.
Heilen und Pflegen ohne Rendite
"Jetzt rächt sich, dass sich die Regierungen vor etwa zwanzig Jahren aus der Herstellung von Impfstoffen zurückgezogen haben." (S.23)
In der Krise zeigt sich, dass das Pflegesystem "nicht nach Rendite- oder Spardiktaten organisiert werden darf" (S.23)
Globales Agrarsystem begrenzen
Landraub führt "zu ständiger Erweiterung der Monokulturen".
"Die Versorgung mit Medikamenten oder notwendigen Ersatzteilen ist plötzlich gefährdet." (S.23)
Bürgerrechte bewahren
"Vor wenigen Wochen galten Geschwindigkeitsbegrenzungen noch als Anschlag auf die individuelle Freiheit. Seither wird die individuelle Freiheit täglich mehr eingeschrankt." (S.23) [Kontaktverbot, Ausgangssperre]
Gemeinsinn wertschätzen
Bürger haben "die erzwungene Selbstbegrenzung für sich als Chance der Entschleunigung entdeckt". (S.23) Vielleicht führt "die Pandemie tatsächlich hin zu einem Umdenken zu einer zukunftsfähigen Welt für alle" (S.23)
(Wolfgang Kessler: Die Viren und der Kapitalismus, Publik Forum Nr.6 2020, S.22-23)
Sieh auch:
* Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
* Ist ein anderer Kapitalismus möglich?
Sonntag, 1. März 2020
Ist ein anderer Kapitalismus möglich?
Veränderungsmöglichkeiten:
https://www.zeit.de/2020/10/muhammad-yunus-armut-aktivismus-grameen-bank, ZEIT 267.2.20
https://fontanefansschnipsel.blogspot.com/2019/01/yunus-ein-anderer-kapitalismus-ist.html
Der Übergang ist das Problem
https://www.zeit.de/2020/10/muhammad-yunus-armut-aktivismus-grameen-bank, ZEIT 267.2.20
https://fontanefansschnipsel.blogspot.com/2019/01/yunus-ein-anderer-kapitalismus-ist.html
Wolfgang Kessler: Die Kunst, den
Kapitalismus zu verändern
Der Übergang ist das Problem
Ulrike Herrmann: Nachhaltigkeit im Kapitalismus? 27.1.2020
Es führt nichts an einer Reduktion des Verbrauchs vorbei:
Aber das kann mehr Lebensqualität bedeuten.
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Sonntag, 26. Januar 2020
Blackrock setzt zur Abwechslung Kohlekonzerne unter Druck
"Siemens, BASF, Bayer, RWE: Auch deutsche Dax-Konzerne haben diese Woche einen blauen Brief von BlackRock-Chef Fink bekommen. In seinem jährlichen CEO-Schreiben an die Konzernchefs ruft er zu neuem Öko-Bewusstsein auf. [...]
Doch der mächtige Mann der Wallstreet gibt zu: "Fink for Future" verbindet nichts mit Umweltaktivistin Greta: "Ich habe diesen Brief nicht als Umweltschützer geschieben, sondern als Kapitalist." [...]
Fink drängt die Konzernchefs der wichtigsten Unternehmen weltweit zum Umbau ihrer Firmen. Blackrock werde sich aus Investitionen zurückziehen, die mit hohen Umweltrisiken verbunden seien - etwa die Kohleförderung. Ansagen, die auch einige Dax-Konzerne ernst nehmen könnten.
Denn der mächtigste Vermögensverwalter der Welt ist auch an allen Top-Unternehmen in Deutschland beteiligt - oft als größter Aktionär. Von Siemens über die Versicherer Allianz und Münchener Rück bis zu RWE, Deutscher Bank oder Bayer. Von ihnen will Fink ab jetzt ausführliche Informationen zur Nachhaltigkeit. [...]"
https://www.tagesschau.de/ausland/blackrock-aufruf-klimaschutz-101.html
Doch der mächtige Mann der Wallstreet gibt zu: "Fink for Future" verbindet nichts mit Umweltaktivistin Greta: "Ich habe diesen Brief nicht als Umweltschützer geschieben, sondern als Kapitalist." [...]
Fink drängt die Konzernchefs der wichtigsten Unternehmen weltweit zum Umbau ihrer Firmen. Blackrock werde sich aus Investitionen zurückziehen, die mit hohen Umweltrisiken verbunden seien - etwa die Kohleförderung. Ansagen, die auch einige Dax-Konzerne ernst nehmen könnten.
Denn der mächtigste Vermögensverwalter der Welt ist auch an allen Top-Unternehmen in Deutschland beteiligt - oft als größter Aktionär. Von Siemens über die Versicherer Allianz und Münchener Rück bis zu RWE, Deutscher Bank oder Bayer. Von ihnen will Fink ab jetzt ausführliche Informationen zur Nachhaltigkeit. [...]"
https://www.tagesschau.de/ausland/blackrock-aufruf-klimaschutz-101.html
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Samstag, 28. September 2019
Paul Mason: Verbindungen zwischen der Finanzelite und dem Mob
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Mittwoch, 7. August 2019
Weshalb der Schülerprotest so wichtig ist
"Der Hauptgrund, der Menschen daran hindert, mit der gebotenen Tatkraft auf die Klimakrise zu reagieren, besteht weder darin, dass es zu spät wäre, noch darin, dass wir nicht wüssten, was zu tun ist.
[...] wir sind das Produkt unserer Zeit und eines alles beherrschenden ideologischen Projekts. Eines Projekts, bei dem uns eingetrichtert wurde, wir seien nichts anderes als selbstsüchtige Einzelwesen, die nur ihren beschränkten Vorteil maximieren wollen, während sie von einer größeren Gemeinschaft abgeschnitten bleiben, die dank ihrer gebündelten Fähigkeiten große und kleine Probleme lösen könnte. Dieses Projekt hat auch dazu geführt, dass unsere Regierungen über zwanzig Jahre hilflos zusahen, wie aus der Klimakrise als Problem unserer Enkel ein Problem wurde, das bereits heute an unsere Tür klopft. [...]
Das Überwältigende an der Klimakrise ist nämlich, dass zu ihrer Überwindung sehr viele Regeln gleichzeitig gebrochen werden müssen - Regeln, die in nationale Gesetze und internationale Handelsabkommen eingeflossen sind, aber auch mächtige, ungeschriebene Regeln, nach denen eine Regierung, will sie an der Macht bleiben, keine Steuern erhöhen oder große Investitionen ablehnen darf, und seien deren Folgen noch so zerstörerisch. Und natürlich wird auch jede Regierung abgestraft, die plant, jene Bereiche unserer Wirtschaft allmählich abzubauen, die uns alle in Gefahr bringen.
(Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima 2015)
[...] wir sind das Produkt unserer Zeit und eines alles beherrschenden ideologischen Projekts. Eines Projekts, bei dem uns eingetrichtert wurde, wir seien nichts anderes als selbstsüchtige Einzelwesen, die nur ihren beschränkten Vorteil maximieren wollen, während sie von einer größeren Gemeinschaft abgeschnitten bleiben, die dank ihrer gebündelten Fähigkeiten große und kleine Probleme lösen könnte. Dieses Projekt hat auch dazu geführt, dass unsere Regierungen über zwanzig Jahre hilflos zusahen, wie aus der Klimakrise als Problem unserer Enkel ein Problem wurde, das bereits heute an unsere Tür klopft. [...]
Das Überwältigende an der Klimakrise ist nämlich, dass zu ihrer Überwindung sehr viele Regeln gleichzeitig gebrochen werden müssen - Regeln, die in nationale Gesetze und internationale Handelsabkommen eingeflossen sind, aber auch mächtige, ungeschriebene Regeln, nach denen eine Regierung, will sie an der Macht bleiben, keine Steuern erhöhen oder große Investitionen ablehnen darf, und seien deren Folgen noch so zerstörerisch. Und natürlich wird auch jede Regierung abgestraft, die plant, jene Bereiche unserer Wirtschaft allmählich abzubauen, die uns alle in Gefahr bringen.
(Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima 2015)
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Freitag, 24. Mai 2019
Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in 5 Schritten, Publik Forum, Nr.10, 24.5.19, S.12-15
1. Stoppt das Diktat der Rendite! Pflege, Gesundheit, Wohnen, Wasser, Strom und öffentlicher Verkehr sind Güter, die nicht unbezahlbar werden dürfen
"Inzwischen reagiert ein rasender Finanzkapitalismus die Welt. Wenige Megafonds und Weltkonzerne unterwerfen die ganze Menschheit dem Diktat der Rendite. Und die Politik öffnet diesen Investoren die Türen. In Deutschland kaufen Investoren Wohnungen und treiben Mieten und Bodenpreise in schwindelnde Höhen. Beispiel Berlin: Da erwarb die Deutsche Wohnen in den letzten 15 Jahren mithilfe der Investmentbank Goldman Sachs 51.000 Wohneinheiten für 2 Milliarden Euro. Dann modernisierte sie die Wohnungen und trieb dem mitten in die Höhe. Inzwischen beträgt der Wert der Wohnungen 7 Milliarden Euro. – 5 Milliarden Euro Wertsteigerung auf Kosten der Mieter.
Mit dem gleichen Ziel erwerben Investoren Pflegeheime und Krankenhäuser. Ihr Interesse gilt weder den Pflegebedürftigen noch den Kranken, sie wollen nur das Geld ihrer Investoren vermehren." (S.12)
2. Führt ein Grundeinkommen ein! Menschen hätten mehr Unabhängigkeit und Sicherheit
3. Schafft eine gerechte Klimapolitik! Preise müssen ökologisch angemessen sein, dafür muss aber auch ein sozialer Ausgleich geschaffen werden.
4. Etabliert einen öko-fairen Welthandel! Zollfreiheit nur bei fair gehandelter Bioware.
5. Investiert in die Armen! Wenn Arme Geld haben, um ihr Überleben zu sichern, können sie Aufbauarbeit leisten und kaufen Waren, was die Wirtschaft ankurbelt.
Wolfgang Kessler:
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern, 2019
"Klar, der Weg vom Umdenken zum anders Handeln ist schwierig. Und nur die wenigsten können ihn konsequent beschreiten. Doch das ist gar nicht erforderlich. Wenn alle Zeichen für eine gerechtere, ökologische Wirtschaft im Dienste der Menschheit und nicht nur der Investoren setzen, werden diese Zeichen gesehen und gehört." (Seite 111)
"Und doch ist es wichtig, dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger den Satz des gewaltfreien indischen Freiheitshelden Mahatma Gandhi beherzigen: "Wenn wir uns selbst verändern, werden sich auch die Entwicklungen auf der Welt verändern. [...] Wir sollten dabei nicht warten, was die anderen tun." (Seite 112)
Und plötzlich geht es doch:
"Die großen vier Energiekonzerne mussten erheblich Macht abtreten, dafür sind Hausbesitzer und Bürgergenossenschaften zu Energielieferanten geworden. In einigen Jahrzehnten wird Energie fast nur noch aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen – und die sind hoffentlich verstärkt in Bürgerhand.
Tiefgreifende Veränderungen des Systems sind also auch in Demokratien möglich." (Seite 118)
"Deshalb braucht der Übergang, die Transformation hin zu einer humanen und ökologischen Wirtschaftsweise eine breite und offene Diskussion über die Werte, auf denen das Zusammenleben in Zukunft beruhen soll." (Seite 121/22)
"Die Abkehr vom Materialismus wird nur gelingen, wenn sich auch jene verändern, die Werte vermitteln. In den Schulen sollten Schüler und Lehrer mindestens so intensiv über ethische Fragen reden wir über Fachthemen. [...]
Kein Zweifel, es braucht neue politische Rahmenbedingungen für den Umbau dieses Wirtschaftssystems zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Doch tragfähig sind solche Veränderungen nur, wenn sich die Menschen langsam, aber konsequent vom Alten verabschieden und das Neue mit Leben füllen – auch und gerade dann, wenn es unbequem ist.
Auch diese Erkenntnis gehört zur Kunst, den Kapitalismus zu verändern." (Seite 122)
1. Stoppt das Diktat der Rendite! Pflege, Gesundheit, Wohnen, Wasser, Strom und öffentlicher Verkehr sind Güter, die nicht unbezahlbar werden dürfen
"Inzwischen reagiert ein rasender Finanzkapitalismus die Welt. Wenige Megafonds und Weltkonzerne unterwerfen die ganze Menschheit dem Diktat der Rendite. Und die Politik öffnet diesen Investoren die Türen. In Deutschland kaufen Investoren Wohnungen und treiben Mieten und Bodenpreise in schwindelnde Höhen. Beispiel Berlin: Da erwarb die Deutsche Wohnen in den letzten 15 Jahren mithilfe der Investmentbank Goldman Sachs 51.000 Wohneinheiten für 2 Milliarden Euro. Dann modernisierte sie die Wohnungen und trieb dem mitten in die Höhe. Inzwischen beträgt der Wert der Wohnungen 7 Milliarden Euro. – 5 Milliarden Euro Wertsteigerung auf Kosten der Mieter.
Mit dem gleichen Ziel erwerben Investoren Pflegeheime und Krankenhäuser. Ihr Interesse gilt weder den Pflegebedürftigen noch den Kranken, sie wollen nur das Geld ihrer Investoren vermehren." (S.12)
2. Führt ein Grundeinkommen ein! Menschen hätten mehr Unabhängigkeit und Sicherheit
3. Schafft eine gerechte Klimapolitik! Preise müssen ökologisch angemessen sein, dafür muss aber auch ein sozialer Ausgleich geschaffen werden.
4. Etabliert einen öko-fairen Welthandel! Zollfreiheit nur bei fair gehandelter Bioware.
5. Investiert in die Armen! Wenn Arme Geld haben, um ihr Überleben zu sichern, können sie Aufbauarbeit leisten und kaufen Waren, was die Wirtschaft ankurbelt.
Wolfgang Kessler:
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern, 2019
"Klar, der Weg vom Umdenken zum anders Handeln ist schwierig. Und nur die wenigsten können ihn konsequent beschreiten. Doch das ist gar nicht erforderlich. Wenn alle Zeichen für eine gerechtere, ökologische Wirtschaft im Dienste der Menschheit und nicht nur der Investoren setzen, werden diese Zeichen gesehen und gehört." (Seite 111)
"Und doch ist es wichtig, dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger den Satz des gewaltfreien indischen Freiheitshelden Mahatma Gandhi beherzigen: "Wenn wir uns selbst verändern, werden sich auch die Entwicklungen auf der Welt verändern. [...] Wir sollten dabei nicht warten, was die anderen tun." (Seite 112)
Und plötzlich geht es doch:
"Die großen vier Energiekonzerne mussten erheblich Macht abtreten, dafür sind Hausbesitzer und Bürgergenossenschaften zu Energielieferanten geworden. In einigen Jahrzehnten wird Energie fast nur noch aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen – und die sind hoffentlich verstärkt in Bürgerhand.
Tiefgreifende Veränderungen des Systems sind also auch in Demokratien möglich." (Seite 118)
"Deshalb braucht der Übergang, die Transformation hin zu einer humanen und ökologischen Wirtschaftsweise eine breite und offene Diskussion über die Werte, auf denen das Zusammenleben in Zukunft beruhen soll." (Seite 121/22)
"Die Abkehr vom Materialismus wird nur gelingen, wenn sich auch jene verändern, die Werte vermitteln. In den Schulen sollten Schüler und Lehrer mindestens so intensiv über ethische Fragen reden wir über Fachthemen. [...]
Kein Zweifel, es braucht neue politische Rahmenbedingungen für den Umbau dieses Wirtschaftssystems zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Doch tragfähig sind solche Veränderungen nur, wenn sich die Menschen langsam, aber konsequent vom Alten verabschieden und das Neue mit Leben füllen – auch und gerade dann, wenn es unbequem ist.
Auch diese Erkenntnis gehört zur Kunst, den Kapitalismus zu verändern." (Seite 122)
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sozialer Ausgleich
Dienstag, 21. Mai 2019
Raj Patel, Jason W. Moore: Entwertung: Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen
"Wenn der Mensch etwas herstellt, wirkt die Natur unmittelbar als eine Art Koproduzent daran mit: Nahrung, Kleidung, Wohnhäuser und Arbeitsplätze, Straßen und Eisenbahnen und Flughäfen, sogar Telefone und Apps. Offensichtlich ist, dass bei einer Sache wie der Landwirtschaft die Arbeit von Menschen auf die Arbeit des Bodens trifft und dass dabei physische Prozesse und menschliches Wissen zusammenwirken. Wenn die Maßstäbe größer werden, fällt es leichter, von «sozialen» oder «natürlichen» Prozessen zu sprechen, als ob sie unabhängig voneinander stattfänden. Der unmittelbare Bezug zu Arbeit und Boden ist im Falle eines Bauernmarkts einfacher zu erfassen als im Falle des globalen Finanzmarkts. Aber die Wall Street ist genauso aus einer Koproduktion mit der Natur entstanden wie der Bauernmarkt. Mehr noch, die Wall Street ist mit ihren globalen Finanzoperationen in ein weltweites Netz von ökologischen Beziehungen verwoben, wie man es sich in früheren Epochen nicht hätte vorstellen können. Geschichte ereignet sich nicht dadurch, dass Menschen von der Natur getrennt werden, sondern indem beide immer wieder neue, unterschiedliche Konfigurationen eingehen." (S.32)
"Die Beziehung zwischen dem weiten Netz des Lebens und dem Kapitalismus ist Gegenstand dieses Buches. Der Kapitalismus grenzt zwangsläufig an eine größere Welt der Lebenserzeugung. Für ihn kommt es darauf an, dass die Zahlen, die in Geschäftsbücher Eingang finden - Arbeiter sind zu entlohnen und mit angemessener Nahrung zu versorgen, Energie und Rohmaterial müssen eingekauft werden -, möglichst niedrig ausfallen. Der Kapitalismus kann nur bewerten, was sich auch zählen lässt, und zählen lassen sich Dollars oder Euros. Jeder Unternehmer will so wenig wie möglich investieren und so viel Rendite wie möglich erzielen. Das Gesamtsystem gedeiht, wenn mächtige Staaten und Kapitalgeber die Natur im globalen Maßstab umorganisieren können, möglichst wenig investieren müssen und möglichst wenigen Hindernissen begegnen, während sie so viel Nahrung, Arbeit, Energie und Ressourcen erhalten wie möglich." (S.32-33)
"Unser Blick auf Kapitalismus, Lebenserzeugung und die sieben billigen Dinge folgt einer Perspektive, die wir als «Weltökologie» bezeichnen. Statt mit der Abspaltung der Menschen vom Netz des Lebens zu beginnen, wollen wir fragen, welchen Platz Menschen- und ihre von Macht und Gewalt, Arbeit und Ungleichheit geprägten Organisationsformen - innerhalb der Natur einnehmen. Der Kapitalismus ist nicht nur Teil einer Ökologie, er ist eine Ökologie - ein Bündel von Beziehungen, in dem Macht, Kapital und Natur miteinander verflochten sind. [...] Das Konzept der Weltökologie schärft unseren Blick dafür, wie die von Gewalt und Ausbeutung geprägten Beziehungen der modernen Welt in fünfhundert Jahren Kapitalismus verankert sind und inwiefern diese Organisationsformen der Ungleichheit - selbst die, die uns heute zeitlos und
notwendig vorkommen - gerade keine Notwendigkeit darstellen und im Zentrum einer nie dagewesenen Krise stehen. Weltökologie eröffnet aber nicht nur eine neue Sicht auf den Kapitalismus, die Natur und die Richtungen, in die sich unsere Welt in Zukunft entwickeln könnte. Weltökologie zeigt auch, wie Menschen im Laufe der Moderne ihre Umwelt schufen und wie Umweltbedingungen im Gegenzug die Menschen prägten. Dies schafft den nötigen Freiraum, um darüber nachzudenken, wie unsere traditionelle Betrachtungsweise des ökologischen, wirtschaftlichen und sonstigen Wandels selbst mit den Krisen unserer Zeit verflochten ist. Dabei geht es auch darum, das Verhältnis zwischen der Benennung einer Sache und dem Handeln in der Welt zu verstehen. Bewegungen, die für soziale Gerechtigkeit eintreten, bestehen seit jeher auf der «Benennung des Systems», weil Denken, Sprache und Befreiung eng verknüpft und von fundamentaler Bedeutung für die Ausübung von Macht sind. Weltökologie führt uns vor Augen, inwiefern Konzepte, die wir als gegeben voraussetzen - allen voran Natur und Gesellschaft - problematisch sind. Sie vernebeln nicht nur den Blick auf das Leben im Einzelnen, sondern auch auf die Geschichte als Ganze, weil sie aus der Gewalttätigkeit von Kolonialismus und Kapitalismus hervorgegangen sind. [...] Die Spaltung von Natur und Gesellschaft bildete die Basis für eine neue Kosmologie,in der der Raum flach, die Zeit linear und die Natur äußerlich war. [...]
Anders als neoliberales Geschwätz uns glauben machen möchte, sind Unternehmen und Märkte allein längst nicht dazu in der Lage, den Kapitalismus am Laufen zu halten. Kulturen, Staaten und wissenschaftliche Komplexe müssen zusammenwirken, damit Menschen sich Geschlechts-, Rassen- und Klassennormen fügen. Neue Ressourcenquellen müssen kartiert und gesichert, wachsende Schulden zurückgezahlt und Währungen verteidigt werden. Die Weltökologie leitet dazu an, diese Zusammenhänge zu erkennen, das Leben und die Mühen der Menschen wie anderer Lebewesen im Netz des Lebens in Erinnerung zu rufen - und neu zusehen.(S.54-56)
Im Folgenden wird ausgeführt, dass ein grundsätzlicherer Wandel nötig sei:
"Wir bestreiten nicht, dass die Politik, wenn sie sich um Veränderung bemüht, die Leute dort abholen muss, wo sie sich gerade befinden. Aber wir können uns nicht länger mit den Abstraktionen zufriedengeben, die der Kapitalismus aus Natur, Gesellschaft und Wirtschaft gemacht hat. Wir müssen eine Sprache und eine Politik für neue Zivilisations- und Lebensformen finden, die den durch die kapitalistische Ökologie verursachten Zustandswechsel überdauern. Deshalb formulieren wir am Ende dieses Buches eine Reihe von Ideen, die helfen sollen, auf dem Weg der Reparation den Platz des Menschen in der Natur neu zu bestimmen. Nur das Eingeständnis jahrhundertelanger Ungerechtigkeit und Ausbeutung ermöglicht dem Menschen die Rückkehr in das Netz des Lebens. " (S.60).
Kapitel 2: Geld:
"Was am Kapitalismus neu ist, ist nicht sein Streben nach Profit, sondern das Beziehungsgefüge zwischen Gewinnstreben, Finanzierung und Regierungen. Diese Beziehungen sollten den Planeten umgestalten [...] Weder Weltmarkt noch Weltmacht kamen ohne das Finanzwesen aus. Es war für imperiale Ambitionen und den Güteraustausch unverzichtbar, ohne diese beiden Kräfte aber auch machtlos. " (S.91)
"Im Laufe der Geschichte haben sich billiges Geld und neue Grenzziehungen immer wieder gegenseitig befeuert. Wenn die Renditechancen in einer etablierten Produktions- und Abbauregion zurückgingen, zogen Kapitalisten ihre Gewinne ab und steckten sie in den Geldhandel. Und so setzte nach jedem großen Boom der Weltwirtschaft - für die Holländer Mitte des 17.Jahrhunderts, für die Briten Mitte des 18.Jahrhunderts und für die Amerikaner im Zuge des Nachkriegsbooms - ein Prozess ein, den Sozialwissenschaftler «Finanzialisierung» nennen. In solchen Perioden lassen Kapitalisten von älteren und weniger profitablen industriellen und gewerblichen Aktivitäten ab und wenden sich Formen des Geldhandels zu. " (S.93)
Mangel an Silber habe die notwendige Absicherung des Papiergeldes untergraben:
"Der Silberboom sorgte nicht nur für reichlich Geld- auch eine der ersten modernen Arbeiterklassen und der früheste große Arbeiter- und Bauernaufstand der Moderne, der Deutsche Bauernkrieg von 1525, gehen auf sein Konto." (S.99)
"War die Herstellung neuer Kanonen bereits teuer, so war es ihr Gebrauch erst recht: Im 17. Jahrhundert kostete ein einziger Kanonenschuss «ungefähr so viel (...) wie ein Infanterist pro Monat». In einer einzigen größeren Schlacht - etwa bei der fünfundfünfzig Tage dauernden Belagerung von Boulogne durch die Engländer im Jahr 1544- dürften ungefähr 150 000 Kanonenschüsse abgefeuert worden sein. Für die Erneuerung von Festungen und städtischen Verteidigungsanlagen wurden überall in Europa Unsummen ausgegeben." (S.105/06)
"Die Uhr - und nicht das Geld wurde zu der Schlüsseltechnologie, mit der sich der Wert von Arbeit messen ließ. Diese Klarstellung ist sehr wichtig; denn es wäre zu kurz gedacht, in der Lohnarbeit das Charakteristikum des Kapitalismus zu sehen. Sie ist es nicht: Schon im England des 13.Jahrhunderts war ein Drittel der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung auf Lohnarbeit angewiesen, um zu überleben," Dass Löhnen damit eine so entscheidende Rolle bei der Strukturierung von Leben, Raum und Natur zukam, ist einem neuen Modell von Zeit geschuldet. " (S.133)
«Die Spezialisierung nach Fertigkeit und Aufgabe und die Unterteilung der Arbeitskräfte nach Alter, Geschlecht und körperlicher Verfassung in Gruppen, Schichten und Kolonnen, verbunden mit einem starken Akzent auf Pünktlichkeit und Disziplin, das sind Merkmale, die man eher in der Industrie als in der Landwirtschaft erwartet», wie Sidney Mintz feststellt, und das gilt insbesondere vor der industriellen Revolution." Der Zuckeranbau bereitete nicht nur der heutigen industriellen Landwirtschaft den Weg,sondern auch der modernen Fabrik.Die Zuckerplantagen der Frühmoderne waren bereits hochmechanisiert und mit großen, brennstoffintensiven Heizkesseln und Hochleistungswalzmühlen ausgestattet, die den Zuckerrohrsaft aus den Stängeln pressten. Sie leisteten damit einer «Vereinfachung» Vorschub - einer Vereinfachung einzelner Handlungen, indem Arbeitern (zumeist Sklaven)einfachere Aufgaben zugewiesen wurden, und einer Vereinfachung der Felder, die auf Zuckerrohr-Monokulturen umgestellt wurden. So wie heute Arbeiter in der Automobilindustrie am Fließband einfache und austauschbare Teile montieren und Angestellte in Fastfood-Restaurants standardisierte Burger zubereiten, verrichteten auch afrikanische Sklaven sehr kleinteilige Aufgaben in einer vereinfachten Zucker-Monokultur-Landschaft.
Das Verhältnis von Arbeit, Natur und dieser modernen Logik der Vereinfachung erlaubt es uns, eine längere Entwicklung zu überblicken. Die Grenzräume des frühen Kapitalismus, in denen Zucker, Silber, Kupfer, Eisen, Forstprodukte, Fische und sogar Getreide produziert wurden, waren Experimentierfelder, auf denen Strategien der Arbeitskontrolle erprobt werden konnten. (S.134/35)
"«Jobs»und«Umwelt»als Streitobjekte in einem Nullsummenkonflikt zu sehen ist ein analytischer Irrtum.42 (S.136)
" Der Fordismus kam auf der Farm zur Welt. Seine Neuerungen bauten unmittelbar auf der Industrialisierung der Familienfarmen des 19.Jahrhunderts auf, auf den Verschiebungen, die eine solche Landwirtschaft anstieß, und auf den Technologien, die in der nachgelagerten lebensmittelverarbeitenden Industrie entwickelt wurden - wohl vor allem auf der «disassembly line», in der Fleisch zerlegt wird. (S.139)
"Frauen, die ihre Baumwollmühlen auf Rhode Island verließen, führten 1824 den ersten Streik in der Geschichte der USA an. Es dürfte kein Zufall sein, dass am anderen Ende der Herstellungskette, nämlich auf den Feldern, auf denen die Baumwolle gepflückt wurde, Sklaven rebellierten." S.141)
In den Anfängen des Kapitalismus wurden dieselben Strategien, mit denen man Ureinwohner in das Gehege der Natur einpferchte, auch dazu eingesetzt, eine Kategorie von Menschen aufzubauen und zu lenken, die unbezahlte Fürsorgearbeit leisten sollten: die Frauen. Menschen wurden, manchmal ärztlich, aber immer rechtlich, einer von zwei unvermeidlichen Kategorien zugewiesen, sie waren entweder Männer oder Frauen. Allgegenwärtige Dualismen wie Gesellschaft und Natur, Mann und Frau, bezahlte und unbezahlte Arbeit verengten das Denken der Menschen in der kapitalistischen Weltökologie so, dass lediglich Lohnarbeit als «wirkliche Arbeit» wahrgenommen wurde - ohne anzuerkennen, dass die Fürsorgearbeit all dies erst ermöglichte. Damit soll keineswegs behauptet werden, dass damals wie heute alle Frauen Fürsorgearbeit leisten oder dass Fürsorgearbeit notwendig eine Sache der Frauen ist. Vielmehr geht es darum zu verdeutlichen, wie die kapitalistische Weltökologie dazu geführt hat, dass solche Verquickungen als normal erscheinen. Eine Geschichte der Arbeit zu schreiben, ohne die Fürsorgearbeit zu erwähnen, wäre, wie eine Ökologie der Fische zu schreiben und das Wasser wegzulassen. Von Beginn an hatte die kapitalistische Ökologie ein reges Interesse an Sex, Macht und Fortpflanzung - und es ist gerade der Umstand, dass das Wissen um dieses Interesse und seine Geschichte so gründlich unterdrückt und allzu leicht vergessen wurden, der zeigt, welche Bedeutung es hat. Diese Geschichte fängt gerade erst an, neu entdeckt zu werden." (S. 154/55)
"Europa entschied sich für den Weizen, der den Boden zerfraß und eine regelmäßige Brache erzwang, die ihrerseits wieder die Viehhaltung implizierte beziehungsweise ermöglichte. Die Geschichte Europas lässt sich folglich kaum ohne Haustiere, Pflugscharen, Gespanne und Fuhrwerke denken. Der Reis entstand demgegenüber aus einer Art Gartenbau, einer intensiven Landwirtschaft, in welcher der Mensch den Tieren keinen Platz ließ. Daraus erklärt sich, dass in den Gegenden, wo man Reis anbaute, Fleisch nur eine untergeordnete Rolle spielte. Der Mais schließlich war das am bequemsten und leichtesten anzubauende Grundnahrungsmittel. Daraus ergab sich ein Überschuss an Zeit, der es ermöglichte, die Bauern zu Zwangsarbeit zu verpflichten. Die riesigen mittelamerikanischen Bauwerke geben dafür ein Beispiel. Die Gesellschaft eignete sich also ein Arbeitskräftepotenzial an, das brach lag,"
Wer bei dem Begriff «Kapitalismus» eher an Revolutionen denkt, die von Kohle und Öl befeuert wurden, übersieht leicht, dass es davor zunächst zu Veränderungen im Ernährungssystem kam. (S. 186/87)
(Raj Patel, Jason W. Moore: Entwertung: Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen)
"Die Beziehung zwischen dem weiten Netz des Lebens und dem Kapitalismus ist Gegenstand dieses Buches. Der Kapitalismus grenzt zwangsläufig an eine größere Welt der Lebenserzeugung. Für ihn kommt es darauf an, dass die Zahlen, die in Geschäftsbücher Eingang finden - Arbeiter sind zu entlohnen und mit angemessener Nahrung zu versorgen, Energie und Rohmaterial müssen eingekauft werden -, möglichst niedrig ausfallen. Der Kapitalismus kann nur bewerten, was sich auch zählen lässt, und zählen lassen sich Dollars oder Euros. Jeder Unternehmer will so wenig wie möglich investieren und so viel Rendite wie möglich erzielen. Das Gesamtsystem gedeiht, wenn mächtige Staaten und Kapitalgeber die Natur im globalen Maßstab umorganisieren können, möglichst wenig investieren müssen und möglichst wenigen Hindernissen begegnen, während sie so viel Nahrung, Arbeit, Energie und Ressourcen erhalten wie möglich." (S.32-33)
"Unser Blick auf Kapitalismus, Lebenserzeugung und die sieben billigen Dinge folgt einer Perspektive, die wir als «Weltökologie» bezeichnen. Statt mit der Abspaltung der Menschen vom Netz des Lebens zu beginnen, wollen wir fragen, welchen Platz Menschen- und ihre von Macht und Gewalt, Arbeit und Ungleichheit geprägten Organisationsformen - innerhalb der Natur einnehmen. Der Kapitalismus ist nicht nur Teil einer Ökologie, er ist eine Ökologie - ein Bündel von Beziehungen, in dem Macht, Kapital und Natur miteinander verflochten sind. [...] Das Konzept der Weltökologie schärft unseren Blick dafür, wie die von Gewalt und Ausbeutung geprägten Beziehungen der modernen Welt in fünfhundert Jahren Kapitalismus verankert sind und inwiefern diese Organisationsformen der Ungleichheit - selbst die, die uns heute zeitlos und
notwendig vorkommen - gerade keine Notwendigkeit darstellen und im Zentrum einer nie dagewesenen Krise stehen. Weltökologie eröffnet aber nicht nur eine neue Sicht auf den Kapitalismus, die Natur und die Richtungen, in die sich unsere Welt in Zukunft entwickeln könnte. Weltökologie zeigt auch, wie Menschen im Laufe der Moderne ihre Umwelt schufen und wie Umweltbedingungen im Gegenzug die Menschen prägten. Dies schafft den nötigen Freiraum, um darüber nachzudenken, wie unsere traditionelle Betrachtungsweise des ökologischen, wirtschaftlichen und sonstigen Wandels selbst mit den Krisen unserer Zeit verflochten ist. Dabei geht es auch darum, das Verhältnis zwischen der Benennung einer Sache und dem Handeln in der Welt zu verstehen. Bewegungen, die für soziale Gerechtigkeit eintreten, bestehen seit jeher auf der «Benennung des Systems», weil Denken, Sprache und Befreiung eng verknüpft und von fundamentaler Bedeutung für die Ausübung von Macht sind. Weltökologie führt uns vor Augen, inwiefern Konzepte, die wir als gegeben voraussetzen - allen voran Natur und Gesellschaft - problematisch sind. Sie vernebeln nicht nur den Blick auf das Leben im Einzelnen, sondern auch auf die Geschichte als Ganze, weil sie aus der Gewalttätigkeit von Kolonialismus und Kapitalismus hervorgegangen sind. [...] Die Spaltung von Natur und Gesellschaft bildete die Basis für eine neue Kosmologie,in der der Raum flach, die Zeit linear und die Natur äußerlich war. [...]
Anders als neoliberales Geschwätz uns glauben machen möchte, sind Unternehmen und Märkte allein längst nicht dazu in der Lage, den Kapitalismus am Laufen zu halten. Kulturen, Staaten und wissenschaftliche Komplexe müssen zusammenwirken, damit Menschen sich Geschlechts-, Rassen- und Klassennormen fügen. Neue Ressourcenquellen müssen kartiert und gesichert, wachsende Schulden zurückgezahlt und Währungen verteidigt werden. Die Weltökologie leitet dazu an, diese Zusammenhänge zu erkennen, das Leben und die Mühen der Menschen wie anderer Lebewesen im Netz des Lebens in Erinnerung zu rufen - und neu zusehen.(S.54-56)
Im Folgenden wird ausgeführt, dass ein grundsätzlicherer Wandel nötig sei:
"Wir bestreiten nicht, dass die Politik, wenn sie sich um Veränderung bemüht, die Leute dort abholen muss, wo sie sich gerade befinden. Aber wir können uns nicht länger mit den Abstraktionen zufriedengeben, die der Kapitalismus aus Natur, Gesellschaft und Wirtschaft gemacht hat. Wir müssen eine Sprache und eine Politik für neue Zivilisations- und Lebensformen finden, die den durch die kapitalistische Ökologie verursachten Zustandswechsel überdauern. Deshalb formulieren wir am Ende dieses Buches eine Reihe von Ideen, die helfen sollen, auf dem Weg der Reparation den Platz des Menschen in der Natur neu zu bestimmen. Nur das Eingeständnis jahrhundertelanger Ungerechtigkeit und Ausbeutung ermöglicht dem Menschen die Rückkehr in das Netz des Lebens. " (S.60).
Kapitel 2: Geld:
"Was am Kapitalismus neu ist, ist nicht sein Streben nach Profit, sondern das Beziehungsgefüge zwischen Gewinnstreben, Finanzierung und Regierungen. Diese Beziehungen sollten den Planeten umgestalten [...] Weder Weltmarkt noch Weltmacht kamen ohne das Finanzwesen aus. Es war für imperiale Ambitionen und den Güteraustausch unverzichtbar, ohne diese beiden Kräfte aber auch machtlos. " (S.91)
"Im Laufe der Geschichte haben sich billiges Geld und neue Grenzziehungen immer wieder gegenseitig befeuert. Wenn die Renditechancen in einer etablierten Produktions- und Abbauregion zurückgingen, zogen Kapitalisten ihre Gewinne ab und steckten sie in den Geldhandel. Und so setzte nach jedem großen Boom der Weltwirtschaft - für die Holländer Mitte des 17.Jahrhunderts, für die Briten Mitte des 18.Jahrhunderts und für die Amerikaner im Zuge des Nachkriegsbooms - ein Prozess ein, den Sozialwissenschaftler «Finanzialisierung» nennen. In solchen Perioden lassen Kapitalisten von älteren und weniger profitablen industriellen und gewerblichen Aktivitäten ab und wenden sich Formen des Geldhandels zu. " (S.93)
Mangel an Silber habe die notwendige Absicherung des Papiergeldes untergraben:
"Der Silberboom sorgte nicht nur für reichlich Geld- auch eine der ersten modernen Arbeiterklassen und der früheste große Arbeiter- und Bauernaufstand der Moderne, der Deutsche Bauernkrieg von 1525, gehen auf sein Konto." (S.99)
"Die Uhr - und nicht das Geld wurde zu der Schlüsseltechnologie, mit der sich der Wert von Arbeit messen ließ. Diese Klarstellung ist sehr wichtig; denn es wäre zu kurz gedacht, in der Lohnarbeit das Charakteristikum des Kapitalismus zu sehen. Sie ist es nicht: Schon im England des 13.Jahrhunderts war ein Drittel der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung auf Lohnarbeit angewiesen, um zu überleben," Dass Löhnen damit eine so entscheidende Rolle bei der Strukturierung von Leben, Raum und Natur zukam, ist einem neuen Modell von Zeit geschuldet. " (S.133)
«Die Spezialisierung nach Fertigkeit und Aufgabe und die Unterteilung der Arbeitskräfte nach Alter, Geschlecht und körperlicher Verfassung in Gruppen, Schichten und Kolonnen, verbunden mit einem starken Akzent auf Pünktlichkeit und Disziplin, das sind Merkmale, die man eher in der Industrie als in der Landwirtschaft erwartet», wie Sidney Mintz feststellt, und das gilt insbesondere vor der industriellen Revolution." Der Zuckeranbau bereitete nicht nur der heutigen industriellen Landwirtschaft den Weg,sondern auch der modernen Fabrik.Die Zuckerplantagen der Frühmoderne waren bereits hochmechanisiert und mit großen, brennstoffintensiven Heizkesseln und Hochleistungswalzmühlen ausgestattet, die den Zuckerrohrsaft aus den Stängeln pressten. Sie leisteten damit einer «Vereinfachung» Vorschub - einer Vereinfachung einzelner Handlungen, indem Arbeitern (zumeist Sklaven)einfachere Aufgaben zugewiesen wurden, und einer Vereinfachung der Felder, die auf Zuckerrohr-Monokulturen umgestellt wurden. So wie heute Arbeiter in der Automobilindustrie am Fließband einfache und austauschbare Teile montieren und Angestellte in Fastfood-Restaurants standardisierte Burger zubereiten, verrichteten auch afrikanische Sklaven sehr kleinteilige Aufgaben in einer vereinfachten Zucker-Monokultur-Landschaft.
Das Verhältnis von Arbeit, Natur und dieser modernen Logik der Vereinfachung erlaubt es uns, eine längere Entwicklung zu überblicken. Die Grenzräume des frühen Kapitalismus, in denen Zucker, Silber, Kupfer, Eisen, Forstprodukte, Fische und sogar Getreide produziert wurden, waren Experimentierfelder, auf denen Strategien der Arbeitskontrolle erprobt werden konnten. (S.134/35)
"«Jobs»und«Umwelt»als Streitobjekte in einem Nullsummenkonflikt zu sehen ist ein analytischer Irrtum.42 (S.136)
" Der Fordismus kam auf der Farm zur Welt. Seine Neuerungen bauten unmittelbar auf der Industrialisierung der Familienfarmen des 19.Jahrhunderts auf, auf den Verschiebungen, die eine solche Landwirtschaft anstieß, und auf den Technologien, die in der nachgelagerten lebensmittelverarbeitenden Industrie entwickelt wurden - wohl vor allem auf der «disassembly line», in der Fleisch zerlegt wird. (S.139)
"Frauen, die ihre Baumwollmühlen auf Rhode Island verließen, führten 1824 den ersten Streik in der Geschichte der USA an. Es dürfte kein Zufall sein, dass am anderen Ende der Herstellungskette, nämlich auf den Feldern, auf denen die Baumwolle gepflückt wurde, Sklaven rebellierten." S.141)
In den Anfängen des Kapitalismus wurden dieselben Strategien, mit denen man Ureinwohner in das Gehege der Natur einpferchte, auch dazu eingesetzt, eine Kategorie von Menschen aufzubauen und zu lenken, die unbezahlte Fürsorgearbeit leisten sollten: die Frauen. Menschen wurden, manchmal ärztlich, aber immer rechtlich, einer von zwei unvermeidlichen Kategorien zugewiesen, sie waren entweder Männer oder Frauen. Allgegenwärtige Dualismen wie Gesellschaft und Natur, Mann und Frau, bezahlte und unbezahlte Arbeit verengten das Denken der Menschen in der kapitalistischen Weltökologie so, dass lediglich Lohnarbeit als «wirkliche Arbeit» wahrgenommen wurde - ohne anzuerkennen, dass die Fürsorgearbeit all dies erst ermöglichte. Damit soll keineswegs behauptet werden, dass damals wie heute alle Frauen Fürsorgearbeit leisten oder dass Fürsorgearbeit notwendig eine Sache der Frauen ist. Vielmehr geht es darum zu verdeutlichen, wie die kapitalistische Weltökologie dazu geführt hat, dass solche Verquickungen als normal erscheinen. Eine Geschichte der Arbeit zu schreiben, ohne die Fürsorgearbeit zu erwähnen, wäre, wie eine Ökologie der Fische zu schreiben und das Wasser wegzulassen. Von Beginn an hatte die kapitalistische Ökologie ein reges Interesse an Sex, Macht und Fortpflanzung - und es ist gerade der Umstand, dass das Wissen um dieses Interesse und seine Geschichte so gründlich unterdrückt und allzu leicht vergessen wurden, der zeigt, welche Bedeutung es hat. Diese Geschichte fängt gerade erst an, neu entdeckt zu werden." (S. 154/55)
"Europa entschied sich für den Weizen, der den Boden zerfraß und eine regelmäßige Brache erzwang, die ihrerseits wieder die Viehhaltung implizierte beziehungsweise ermöglichte. Die Geschichte Europas lässt sich folglich kaum ohne Haustiere, Pflugscharen, Gespanne und Fuhrwerke denken. Der Reis entstand demgegenüber aus einer Art Gartenbau, einer intensiven Landwirtschaft, in welcher der Mensch den Tieren keinen Platz ließ. Daraus erklärt sich, dass in den Gegenden, wo man Reis anbaute, Fleisch nur eine untergeordnete Rolle spielte. Der Mais schließlich war das am bequemsten und leichtesten anzubauende Grundnahrungsmittel. Daraus ergab sich ein Überschuss an Zeit, der es ermöglichte, die Bauern zu Zwangsarbeit zu verpflichten. Die riesigen mittelamerikanischen Bauwerke geben dafür ein Beispiel. Die Gesellschaft eignete sich also ein Arbeitskräftepotenzial an, das brach lag,"
Wer bei dem Begriff «Kapitalismus» eher an Revolutionen denkt, die von Kohle und Öl befeuert wurden, übersieht leicht, dass es davor zunächst zu Veränderungen im Ernährungssystem kam. (S. 186/87)
(Raj Patel, Jason W. Moore: Entwertung: Eine Geschichte der Welt in sieben billigen Dingen)
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Mittwoch, 24. April 2019
Zizek - Peterson: Glück, Kapitalismus, Marxismus
https://www.youtube.com/watch?v=78BFFq_8XvM
2:10
Peterson has risen to fame on the basis of his refusal to pay the usual fealtiesto political correctness. The size and scope of his fame registers more or less exactly the loathing for identity politics in the general populace, because it certainly isn’t on the quality of his books that his reputation resides. Žižek is also defined, and has been for years, by his contempt for postmodern theory and, by extension, the more academic dimensions of political correctness. [...]
[Peterson] He wandered between the Paleolithic period and small business management, appearing to know as little about the former as the latter. Watching him, I was amazed that anyone had ever taken him seriously enough to hate him.
2:10
Peterson has risen to fame on the basis of his refusal to pay the usual fealtiesto political correctness. The size and scope of his fame registers more or less exactly the loathing for identity politics in the general populace, because it certainly isn’t on the quality of his books that his reputation resides. Žižek is also defined, and has been for years, by his contempt for postmodern theory and, by extension, the more academic dimensions of political correctness. [...]
[Peterson] He wandered between the Paleolithic period and small business management, appearing to know as little about the former as the latter. Watching him, I was amazed that anyone had ever taken him seriously enough to hate him.
He said things like “Marx thought the proletariat was good and the bourgeoisie was evil”. At one point, he made a claim that human hierarchies are not determined by power because that would be too unstable a system, and a few in the crowd tittered. That snapped him back into his skill set: self-defense. “The people who laugh might do it that way,” he replied. By the end of his half-hour he had not mentioned the word happiness once. [...]
“The mere dumb presence of the celebrities on the stage mattered vastly more than anything they said, naturally. But there was one truly fascinating moment in the evening. It came right at the end of Žižek’s opening 30-minute remarks.
We will probably slide towards apocalypse,” he said. And Peterson agreed with him: “It is not obvious to me that we can solve the problems that confront us.” They are both self-described “radical pessimists”, about people and the world. It made me wonder about the rage consuming all public discussion at the moment: are we screaming at each other because we disagree or because we do agree and we can’t imagine a solution?
Both of these men know that they are explicitly throwbacks. They do not have an answer to the real problems that face us: the environment and the rise of China as a successful capitalist state without democracy. (China’s success makes a joke out of the whole premise of the debate: the old-fashioned distinction between communism and capitalism.) [...] China’s success makes a joke out of the whole premise of the debate: the old-fashioned distinction between communism and capitalism. [...]
They returned to their natural subject: who is the enemy? Žižek asked what Peterson meant by cultural Marxists when postmodern thinkers, like Foucault, weren’t Marxist at all. Peterson was an expert on this subject, at least. He gave a minor history of the French critical theorists who transposed categories of class oppression for group oppression in the 1960s.
And they both agreed, could not have agreed more, that it was all the fault of the “academic left”. They seemed to believe that the “academic left”, whoever that might be, was some all-powerful cultural force rather than the impotent shrinking collection of irrelevances it is. If the academic left is all-powerful, they get to indulge in their victimization.
And that was the great irony of the debate: what it comes down to is that they believe they are the victims of a culture of victimization. They play the victim as much as their enemies. It’s all anyone can do at this point. [...]"
Guardian: https://www.theguardian.com/world/2019/apr/20/jordan-peterson-slavoj-zizek-happiness-capitalism-marxism?CMP=Share_AndroidApp_Tweet
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Samstag, 13. April 2019
In den Neunzigern war „Das Kapital“ eigentlich sehr viel relevanter als in den Siebzigern
David Harvey: „Kapitalisten mögen keinen Wettbewerb“
[...]
Denn in den Neunzigern war „Das Kapital“ eigentlich sehr viel relevanter als in den Siebzigern. Die wenigen Studenten, die zunächst nur aus bloßer Neugier zu den Veranstaltungen kamen, waren regelmäßig erstaunt, wie aktuell der Text tatsächlich war.
In den letzten Jahren haben marxistisch inspirierte Theorien wieder verstärkt Konjunktur, Denker wie Slavoj Žižek oder Alain Badiou genießen gar globalen Popstar-Status. Wo würden Sie Ihre Arbeit im Kontext dieser zeitgenössischen Ansätze einordnen?
Meine Arbeit besitzt zwei wesentliche Merkmale, die sie von den Theorien Žižeks und Badious unterscheidet. Zum einen orientierte ich mich vor allem an Marx’ politischer Ökonomie, weniger am Marxismus als Ganzem. Zum anderen strebt meine Interpretation der politischen Ökonomie an, konkrete Urbanisierungsprozesse, ungleiche geografische Entwicklungen und die Dynamiken der Kapitalakkumulation in Bezug auf die Produktion von Raum, Ort und Umwelt zu verstehen. Das, was ich mache, ist also einerseits von der Weiterentwicklung einer bereits existierenden Theorie geprägt, bezieht sich andererseits aber auch auf die Transformationsprozesse in unserem alltäglichen Leben.
Ein wesentlicher Faktor für die philosophische Renaissance des Marxismus war die Finanzkrise von 2007/2008, die im Kern eine Krise der Immobilien-Hypotheken war. Welche Rolle spielen Hypotheken für den heutigen Kapitalismus?
Eine Hypothek ist zunächst eine Art der Vorwegnahme der Zukunft in der Gegenwart. Sie schränkt damit eigene Möglichkeiten ein, da man mit ihrer Rückzahlung beschäftigt ist. Oder wie es in einem Sprichwort aus den Dreißigern heißt: „Verschuldete Hausbesitzer streiken nicht.“ Schon seit sehr langer Zeit hat denn auch die kapitalistische Klasse erkannt, dass Wohneigentum ein wirksamer Schutz gegen Unruhen und Revolutionen ist. Gewiss, Immobilien können ein positiver sozialer Stabilisator sein. Zugleich sind sie aber auch eine Verbindlichkeit, die Menschen an die Kette legt. Ähnliches sehen wir in den USA im Rahmen der Studienkredite. Hoch verschuldete Studenten müssen derzeit extrem schuften, um ihre Verbindlichkeiten zu bedienen.Deshalb wollen sie ihre Jobs nicht in Gefahr bringen. Sie gehen keine Risiken mehr ein, weil sie es sich buchstäblich nicht leisten können. Nun ist es aber so: Wenn junge Menschen keine Risiken mehr eingehen, hat selbst der Kapitalismus ein Riesenproblem. Viele Leute beginnen zu erkennen, dass das eine riesige Last für die Zukunft ist. [...]
Montag, 28. Januar 2019
Muhammad Yunus: Ein anderer Kapitalismus ist machbar
Muhammad Yunus: Ein anderer Kapitalismus ist machbar
Yunus hat mit der Einrichtung der Grameen-Bank, die Mikrokredite an arme Frauen gegeben hat, nachgewiesen, dass sie über diese Kredite Selbstversorger werden und sogar so viel verdienen können, dass sie diese Kredite wieder zurückzahlen (Quote über 95%). In diesem Buch stellt dar, wie es gelungen ist, in Entwicklungs- und Industrieländern Non-Profit-Unternehmen (Social-Buisiness-Unternehmen) zur Beseitigung wirtschaftlicher und sozialer Probleme der Armen zu schaffen, die ihrerseits nicht nur die ihnen gewährten Kredite zurückzahlen können, sondern zur Entwicklung weiterer Social-Buisiness-Unternehmen beitragen.
Yunus hat mit der Einrichtung der Grameen-Bank, die Mikrokredite an arme Frauen gegeben hat, nachgewiesen, dass sie über diese Kredite Selbstversorger werden und sogar so viel verdienen können, dass sie diese Kredite wieder zurückzahlen (Quote über 95%). In diesem Buch stellt dar, wie es gelungen ist, in Entwicklungs- und Industrieländern Non-Profit-Unternehmen (Social-Buisiness-Unternehmen) zur Beseitigung wirtschaftlicher und sozialer Probleme der Armen zu schaffen, die ihrerseits nicht nur die ihnen gewährten Kredite zurückzahlen können, sondern zur Entwicklung weiterer Social-Buisiness-Unternehmen beitragen.
In Frankreich ist es dank des Engagements von Emmanuel Faber gelungen, den Action Tank Entreprise et Pauvreté ins Leben zu rufen, der viele Non-Profit-Unternehmen startete, die für Arme preisgünstige Autoreparaturen und Gleitsichtbrillen für 30 € bereitstellen. (S.68-72)
Yunus geht davon aus, dass "die Grundvoraussetzung überall dieselbe ist: Alle Menschen sind geborene Unternehmer." (S.92)
Zum Glück hat er sich seine optimistische Vorstellung lange bewahren können.
Frauen, die für Kinder zu sorgen haben, und in Solidarität mit anderen Frauen Selbstversorgung und kleine Geschäfte aufbauen können in einem Land, "das bis vor vierzig Jahren fast ausschließlich ein Land von Kleinbauern war" (S.102) wird es nicht an Motivation* fehlen. So wird "das Engagement von Millionen von Frauen der Produktivität einen gewaltigen Schub geben" (S.103), wenn es durch geschickte Aufbaustrategien in die richtigen Bahnen gelenkt wird.
Angesichts einer Gesetzgebung, die Internetkonzernen Milliardengewinne zu einem Steuersatz einstreichen lässt, der unter dem von Postboten und Altenpflegerinnen liegt, bedarf es freilich hervorragender Geschäftskonzepte und sehr viel Durchhaltewillens, wenn "nach und nach neue Reichtumszentren entstehen" (S.102) sollen, die nicht bei Erfolg von den Monopolisten, die mit überschüssigen Milliardenbeträgen erfolgreiche Unternehmen aufgekauft oder aus dem Markt gedrängt werden.
*Entsprechendes gilt für Frauen in New York, "von denen viele Migrantinnen ohne US-Papiere sind" (S.96) und deshalb praktisch ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind.
Zum Glück kann sich Yunus immer wieder auch bestätigt sehen. Und recht hat er, wenn er "ein definiertes Minimalniveau von Arbeitslosigkeit von vielleicht 4 oder 5 Prozent" eben nicht als "Vollbeschäftigung" anerkennt, wenn es "ein paar Millionen Menschen" von jeder Arbeitsmöglichkeit ausschließt. (S.101)
So ist herauszustellen, was er unter diesen Bedingungen dennoch erreicht hat und wie es ihm gelungen ist.
Dazu zählen z.B. die Social Buisiness-Design Labs (S.84) (Beispiel), die von 2013 bis April 2017 zu 16 000 neuen Unternehmen führten, freilich nicht als Non-Profit-Unternehmen geführt werden, sondern "dazu konzipiert sind, ihren Besitzern Gewinne einzubringen" (S.85).
"Normalerweise nehmen etwa 150 Menschen an jedem öffentlich veranstalteten Design Lab teil, und weitere in mehr als dreißig Ländern nehmen an der Sitzung via Internet-Livestream teil." (S.87)
Was Anlass zur Hoffnung gibt:
Die 2000 für 2015 beschlossenen Millenniums-Entwicklungsziele wurden von manchen Ländern, z.B. vom extrem armen Bangladesch zum Teil sogar vorzeitig erreicht:
17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (S.139-140)
Ein Problem bei der Nachhaltigkeit ist, dass etwa 30 % der produzierten Lebensmittel "unverzehrt in den Abfall wandern" (S.150) Die Ursache ist unser Wirtschaftssystem. "Es besagt, dass jedes Produkt, dass es nicht zu einem Preis verkauft werden kann, der mindestens einen bestimmten Durchschnittsgewinn bringt, weggeworfen oder vernichtet werden muss." (S.150)
Dieses Problem geht das Social Business Bon et Bien an.
Die Gründungsfirma von Bon et Bien, "McCain arbeitet mit einigen seiner tausend regionalen Anbauer zusammen, um frisches, aber hässliches Gemüse aufzukaufen. Dann wird das Gemüse – zum Beispiel Kartoffeln, Möhren, Chicorée und Zwiebeln – nach Rezepten einheimischer Küchenchefs zu Suppen verarbeitet. Das hässliche Gemüse einfach in Stücke zu schneiden beseitigt schon die wichtigste Barriere zwischen den Konsumenten und diesen köstlichen nährstoffreiche Nahrungsmitteln [...]. In der Lebensmittelverarbeitung von Bon et Bien arbeiten Langzeitarbeitslose, die wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen.
Jugend eine Kraft zur Veränderung der Welt (S.156 ff.)
[dazu sieh auch: Jugendliche Vorbilder]
Yunus weist auf Folgendes hin: Die "jungen Leute von heute [...] suchen nach Möglichkeiten, sich in der Welt nützlich zu machen. [...] Es sind diese jungen Leute, die die Welt anführen werden bei der Schaffung der neuen Zivilisation, die wir so dringend brauchen. Sie arbeiten schon hart daran und suchen Ideen und einer Aktionsagenda. Wenn sie erst einmal wissen, was sie wollen, können sie es viel leichter erreichen, als es vor dreißig Jahren möglich gewesen wäre." (S.158/59)
Erfreulicherweise informieren schon viele Universitäten über Social Business. Man müsse aber auch schon Schüler mit dieser Idee vertraut machen. Denn: "Ob das Social Business-Konzept einen festen Platz in der Wirtschaft erobern kann [...] hängt von den jungen Menschen an den Universitäten und von den Universitäten selbst ab. [...] Im Juni 2016 halfen Experten des Grameen Creative Lab beim Aufbau eines Bildungsprogramms, das mehr als zehntausend Schüler an europäischen weiterführenden Schulen erreichte." (S.165/66). Dabei wurden viele Ideen für Social Business entwickelt. "Und noch eindrucksvoller ist, dass 97 Prozent der teilnehmenden Schüler sagten, dass sie hoffen selbst einmal ein Social Business zu starten. "(Seite 166)
"Wir brauchen in aller Welt viel mehr Programme wie diese Workshops und müssen auch mit noch jüngeren Schülern zu arbeiten beginnen. Ein tieferes Verständnis der Ökonomie muss Kindern von klein auf nahegebracht werden – ein Verständnis dass sowohl die selbstlose Seite der menschlichen Natur als auch die egoistische Seite akzeptiert" (S.167)
Yunus geht davon aus, dass "die Grundvoraussetzung überall dieselbe ist: Alle Menschen sind geborene Unternehmer." (S.92)
Zum Glück hat er sich seine optimistische Vorstellung lange bewahren können.
Frauen, die für Kinder zu sorgen haben, und in Solidarität mit anderen Frauen Selbstversorgung und kleine Geschäfte aufbauen können in einem Land, "das bis vor vierzig Jahren fast ausschließlich ein Land von Kleinbauern war" (S.102) wird es nicht an Motivation* fehlen. So wird "das Engagement von Millionen von Frauen der Produktivität einen gewaltigen Schub geben" (S.103), wenn es durch geschickte Aufbaustrategien in die richtigen Bahnen gelenkt wird.
Angesichts einer Gesetzgebung, die Internetkonzernen Milliardengewinne zu einem Steuersatz einstreichen lässt, der unter dem von Postboten und Altenpflegerinnen liegt, bedarf es freilich hervorragender Geschäftskonzepte und sehr viel Durchhaltewillens, wenn "nach und nach neue Reichtumszentren entstehen" (S.102) sollen, die nicht bei Erfolg von den Monopolisten, die mit überschüssigen Milliardenbeträgen erfolgreiche Unternehmen aufgekauft oder aus dem Markt gedrängt werden.
*Entsprechendes gilt für Frauen in New York, "von denen viele Migrantinnen ohne US-Papiere sind" (S.96) und deshalb praktisch ohne Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind.
Zum Glück kann sich Yunus immer wieder auch bestätigt sehen. Und recht hat er, wenn er "ein definiertes Minimalniveau von Arbeitslosigkeit von vielleicht 4 oder 5 Prozent" eben nicht als "Vollbeschäftigung" anerkennt, wenn es "ein paar Millionen Menschen" von jeder Arbeitsmöglichkeit ausschließt. (S.101)
So ist herauszustellen, was er unter diesen Bedingungen dennoch erreicht hat und wie es ihm gelungen ist.
Dazu zählen z.B. die Social Buisiness-Design Labs (S.84) (Beispiel), die von 2013 bis April 2017 zu 16 000 neuen Unternehmen führten, freilich nicht als Non-Profit-Unternehmen geführt werden, sondern "dazu konzipiert sind, ihren Besitzern Gewinne einzubringen" (S.85).
"Normalerweise nehmen etwa 150 Menschen an jedem öffentlich veranstalteten Design Lab teil, und weitere in mehr als dreißig Ländern nehmen an der Sitzung via Internet-Livestream teil." (S.87)
Was Anlass zur Hoffnung gibt:
Die 2000 für 2015 beschlossenen Millenniums-Entwicklungsziele wurden von manchen Ländern, z.B. vom extrem armen Bangladesch zum Teil sogar vorzeitig erreicht:
- Die Welt hat es geschafft, die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben [...] um die Hälfte zu reduzieren, nämlich von 1,9 Milliarden Menschen im Jahr 1990 auf 836 Millionen im Jahr 2015.
- Das Ziel der universellen Primarbildung wurde zwar nicht erreicht, aber 2015 erreichte die Einschulungsquote in den Entwicklungsländern 91 Prozent – eine große Verbesserung und ein riesiger Schritt in Richtung auf das Ziel von 100 Prozent Schulbesuch
- Viele Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung wurden erfolgreich umgesetzt. Während zum Beispiel 1990 in Südasien auf 100 in einer Schule eingeschriebene Jungen nur 74 Mädchen kamen, lag das Verhältnis 2015 bei 103 Mädchen pro 100 Jungen [...]
- Die Kindersterblichkeit halbierte sich von 90 pro 1000 im Jahr 1990 auf 43 pro 1000 im Jahr 2015.
- Die Zahl der HIV-Neuinfektionen sank zwischen 2000 und 2013 um etwa 40 Prozent, und die Malaria fälle sanken um etwa 37 Prozent, was eine Rettung von geschätzt etwa 6,2 Millionen Menschenleben bedeutet. [...]Wie die eindrucksvollen Ergebnisse bei der Umsetzung der Milleniumsziele zeigen, kann die menschliche Gesellschaft jedes beliebige Ziel erreichen, wenn wir es nur ernsthaft wollen." (S.133-134)
"Das
nationale Ziel Bangladeschs war, bis 2015 die Armutsrate auf 29 % zu
senken. Zwei Jahre vorher, also 2013, war die Armutsrate schon auf
26,2 % gesunken, also fast 3 Prozentpunkte besser als das Ziel.
Bangladesch hat auch die volle Gleichstellung der Geschlechter in
der Primar- und Sekundarschulbildung erreicht, eine große Senkung
der Säuglings-und Kindersterblichkeit sowie eine bedeutende
Verbesserung in der Gesundheitsversorgung der Mütter. Insgesamt
gesehen hat Bangladesch bedeutende Fortschritte bei allen acht
Millenniumsziele gemacht." (S.132/33)
17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (S.139-140)
Ein Problem bei der Nachhaltigkeit ist, dass etwa 30 % der produzierten Lebensmittel "unverzehrt in den Abfall wandern" (S.150) Die Ursache ist unser Wirtschaftssystem. "Es besagt, dass jedes Produkt, dass es nicht zu einem Preis verkauft werden kann, der mindestens einen bestimmten Durchschnittsgewinn bringt, weggeworfen oder vernichtet werden muss." (S.150)
Dieses Problem geht das Social Business Bon et Bien an.
Die Gründungsfirma von Bon et Bien, "McCain arbeitet mit einigen seiner tausend regionalen Anbauer zusammen, um frisches, aber hässliches Gemüse aufzukaufen. Dann wird das Gemüse – zum Beispiel Kartoffeln, Möhren, Chicorée und Zwiebeln – nach Rezepten einheimischer Küchenchefs zu Suppen verarbeitet. Das hässliche Gemüse einfach in Stücke zu schneiden beseitigt schon die wichtigste Barriere zwischen den Konsumenten und diesen köstlichen nährstoffreiche Nahrungsmitteln [...]. In der Lebensmittelverarbeitung von Bon et Bien arbeiten Langzeitarbeitslose, die wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen.
Jugend eine Kraft zur Veränderung der Welt (S.156 ff.)
[dazu sieh auch: Jugendliche Vorbilder]
Yunus weist auf Folgendes hin: Die "jungen Leute von heute [...] suchen nach Möglichkeiten, sich in der Welt nützlich zu machen. [...] Es sind diese jungen Leute, die die Welt anführen werden bei der Schaffung der neuen Zivilisation, die wir so dringend brauchen. Sie arbeiten schon hart daran und suchen Ideen und einer Aktionsagenda. Wenn sie erst einmal wissen, was sie wollen, können sie es viel leichter erreichen, als es vor dreißig Jahren möglich gewesen wäre." (S.158/59)
Erfreulicherweise informieren schon viele Universitäten über Social Business. Man müsse aber auch schon Schüler mit dieser Idee vertraut machen. Denn: "Ob das Social Business-Konzept einen festen Platz in der Wirtschaft erobern kann [...] hängt von den jungen Menschen an den Universitäten und von den Universitäten selbst ab. [...] Im Juni 2016 halfen Experten des Grameen Creative Lab beim Aufbau eines Bildungsprogramms, das mehr als zehntausend Schüler an europäischen weiterführenden Schulen erreichte." (S.165/66). Dabei wurden viele Ideen für Social Business entwickelt. "Und noch eindrucksvoller ist, dass 97 Prozent der teilnehmenden Schüler sagten, dass sie hoffen selbst einmal ein Social Business zu starten. "(Seite 166)
"Wir brauchen in aller Welt viel mehr Programme wie diese Workshops und müssen auch mit noch jüngeren Schülern zu arbeiten beginnen. Ein tieferes Verständnis der Ökonomie muss Kindern von klein auf nahegebracht werden – ein Verständnis dass sowohl die selbstlose Seite der menschlichen Natur als auch die egoistische Seite akzeptiert" (S.167)
Es entsteht ein globales "Netzwerk der Social Business-Unternehmer. Daran arbeitet unter anderen die internationale Organisation Yunus&Youth (Y&Y).
"Sein Hauptzweck ist, engagierten und ambitionierten jungen Social Business-Unternehmern die Orientierung und Unterstützung zu geben, die sie brauchen um ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen." (S.169)
Junge Menschen [...] durchlaufen ein einzigartiges Curriculum, das ihnen die Startup-Prinzipien vermittelt und beim Aufbau von erfolgreichen Social Business-Unternehmen hilft, die nachhaltig und strategisch solide sind.
Ein halbes Jahr lang nehmen die (Y&Y)-Mitglieder alle zwei Wochen an Webinaren teil, die von Unternehmensexperten gegeben werden, treten in Verbindung mit einem globalen Netzwerk von beruflichen Mentoren und Menschen, die Veränderung schaffen, und erhalten wichtige Sachinformationen und individuelle Unterstützung durch das (Y&Y)-Team." (S.170)
Technologie zur Befreiung von Menschen statt zur Gewinnmaximierung verwenden (S.184 ff.)
Heutige Entwickler produzieren vornehmlich Technologie für die Reichsten, weil die für Innovationen die höchsten Preise zahlen. Erst wenn diese Märkte gesättigt sind, geht es an die weniger einkommensstarken Schichten.
Die Grameen Bank hat über die Firma Grameen Phone Handys für Frauen auf dem Lande entwickelt und über Krediten finanziert, damit die für ihr ganzes Dorf Telefonverbindung schaffen konnten und damit einen Verdienst erzielen. "Fast eine halbe Million armer Frauen in Bangldesch erzielte als Telefonfräuleins ein zusätzliches Einkommen für ihre Familien." (S.186)
Neue Technologien sollten für die Problembewältigung der Armen entwickelt und erst danach an die Bedürfnisse der Reichen angepasst werden. (S.188)
Die Computerfirma Endless von Matt Dalio hat es so gemacht. Sein Computer wurde so entworfen, dass er Normalbedürfnisse ohne Internetanbindung erfüllen kann. Er braucht nur alle paar Wochen oder Monate - je nach Bedarf aktualisiert zu werden.
"Ein typisches Endless-Modell funktioniert mit dem Open-Source-Betriebssystem Linux und wird mit 50.000 Wikipediaartikeln und mehr als 100 Apps für Bildung, Arbeit und Unterhaltung geliefert. Die so mitgelieferten Daten können offline benutzt werden und aktualisieren sich, sobald eine Internetverbindung besteht. Ein weiterer Vorteil ist, dass Kinder an Endless-Computern Zugang zu fast allen der enormen Informationsressourcen des World Wide Web haben, aber ohne die Gefahren eines unkontrollierten oder ungesteuerten Internetgebrauchs. Eltern sind darüber sehr erleichtert, weil sie keine Sorgen haben müssen, wie ihre Kinder den Internetzugang gebrauchen.
Aber das beste ist der Preis: Computer von Endless werden für nur 79 US-Dollar verkauft, und das Ziel ist den Preis auf 50 US-Dollar oder weniger zu reduzieren. Aber auch der derzeitige Preis macht sie erschwinglich für viele der 4,4 Milliarden Menschen der Welt, die sich früher ein solches Gerät nicht leisten konnten. [...]
Endless wird schon von vier der fünf größten Computerhersteller in alle Welt geliefert und ist zur führenden PC-Plattform in Indonesien und den meisten Ländern Südostasiens geworden." (S.191/92)
Multiplikatormacht der IT
Kiva ein Pionier des Crowdfunding (S.195f.)
MakeSense "betreibt eine digitale Open-Souruce-Plattform im Stil von Wikipedia, wo Tausende Menschen in aller Welt auf kreative und produktive Weise frei miteinander inter agieren können.[...] Die Makesense-Plattform unterstützt das Wachstum, die Entwicklung und die Verbreitung des Social Business. [...] genau wie Kiva ist auch Makesense ein beeindruckendes Beispiel für die Multiplikatormacht der IKT. Wenn ein Social Business-Unternehmer dort eine Frage postet, hat er oder sie sofort Zugang zu einem weltweiten Netzwerk von Beratern [...] und was noch wichtiger ist alle sind begeisterte Unterstützer des Social Business-Konzepts" (S.197-99)
"Food Assembly begann 2014 in Großbritannien." (S.200)*
*Allerdings wurde The Food Assembly bereits 2010/11 in Frankreich unter dem Namen "La Ruche qui dit Oui!" gegründet. Im deutschen Sprachraum trat es zuerst in Basel auf, ab Febuar 2017 unter dem Namen Marktschwärmer. "Insgesamt gibt es in Europa 1042 örtliche Verteilungspunkte. In Deutschland bestehen 40 Schwärmereien in neun Bundesländern." (Wikipedia: Marktschwärmer)
Gute Beispiele für die Nutzung von Technologie für die Bekämpfung der Probleme der Armen sieht Yunus bei ACRE (S.203-207), bei der App Mrittika, "die Bauern in entlegenen Dörfern Bangladeschs mit den neuesten und genauesten Daten zu Bodenqualität, Pflanzennährstoffen und Bedarf an Düngemitteln versorgt [...] So können Bauern die genau passenden Düngemittel kaufen und nicht mehr als sie – das spart Geld, verbessert Ernteerträge und schützt den Boden, der leicht durch den übermäßigen oder unsachgemäßen Einsatz von Chemieprodukten gefährdet wird. (S.207/208)
Außerdem Coel, ein hübsches Armband aus widerstandsfähigem Plastik von Spitzenqualität, das Informationen für werdende Mütter bietet. Das Konzept ist äußerst clever: es funktioniert zehn Monate lang, also während der gesamten Schwangerschaft, ohne Akkuaufladung und ohne Internetzugang, kann alle einheimischen Sprachen, die eine Frau spricht, und lässt ein LED-Signal aufleuchten, wenn eine neue Nachricht reinkommt. [...] Es gibt ungefähr 80 Gesundheitsnachrichten, und pro Woche werden etwa zwei von ihnen gesendet. [...] Das Armband ist auch dazu konzipiert, die Qualität der Luft zu überwachen, die seine Trägerin einatmet. Insbesondere kann es die Luftverschmutzung in Innenräumen anzeigen, besonders Kohlenmonoxid, dass oft beim Kochen mit Brennstoffen wie Holz, Kohle oder Dung entsteht." (S.209/210)
Doctor in a Box: "Es handelt es sich um eine tragbare Sammlung von Diagnostikinstrumenten, zusammen mit einem Display und einem Kommunikationsinterface, das ein Arzt, eine Krankenschwester oder eine geschulte Gesundheitsassistentin bei Besuchen in einem Dorf oder im Haus eines Patienten benutzen kann." (S.210)
Yunus weist auf die entscheidende Bedeutung von guten Regierungen und freien Wahlen (S.212 ff.) als Voraussetzung für solche Regierungen hin. (S.212-217) Auch wenn klar ist, dass hier Manipulationen extrem schwer zu verhindern ist, hofft er doch auf eine Verbesserung durch mehr Einsatz von künstlicher Intelligenz und Fernüberwachung, da dabei Parteilichkeit und Gewalt vor Ort eine geringere Rolle spielen.
Optimistisch stimmen Yunus die Erfolge von Transparency International (TI) auf dem Gebiet des anderen entscheidenden Sektor, der Korruption. Da der Korruptionsindex von TI einen internationalen Vergleich erlaubt, setzt er seine Hoffnung auf eine Art Pendant als Wahlindex. Dabei glaubt er auf absehbare Zeit nicht auf eine Beseitigung von Wahlmanipulation und Korruption, aber erhofft sich, dass sie weniger selbstverständlich werden und so die Zivilgesellschaft zu einer Kontrolle ermutigt wird.
Wenn Regierung verbessert und Korruption verringert wird, ist auch eine größere Chance für Verbesserung der Infrastruktur (S.223) und Umweltschutz.(S.233)
"Smith war der Ansicht, dass die Menschen mit einem ethischen Sinn geboren werden, genau wie sie auch angeborene Vorstellungen von Schönheit und Harmonie besitzen. [...] Diese natürlichen Gefühle von Gewissen und Sympathie sorgen dafür, dass die Menschen in geordneten und nützlichen gesellschaftlichen Organisationen zusammenleben können und es auch tatsächlich tun.
In seinem anderen großen Buch, Reichtum der Nationen, entfernte sich Smith völlig von dieser These zu den ethischen Gefühlen. Seine Grundthese in diesem Buch wird zusammengefasst in der Behauptung, dass alles gut wird wenn man den Menschen erlaubt ihrem "Eigeninteresse" zu folgen. Wir wissen nicht, was Smith wirklich unter dem Wort "Eigeninteresse" verstand, aber die Welt hat es auf jeden Fall als gleichbedeutend mit Gewinnmaximierung interpretiert. (S.275/76)
Jetzt steckt die Welt "in einer tiefen Krise. Wie Millionen andere Menschen glaube ich, dass der Kapitalismus die Wurzel dieser Krise ist. [...] Doch angesichts der gegenwärtigen Krise befürworten viele die Idee einer Generalüberholung dieses Systems.[...] Und obwohl mein Vorschlag eine erhebliche Veränderungen in der Struktur des Kapitalismus bedeutet, sehe ich keine andere Möglichkeit, als die fundamentalen Fehler innerhalb der bestehenden Struktur anzugehen. [...] Aus Adam Smith' "unsichtbarer Hand" ist eine stark voreingenommene Hand geworden, die die Marktaktivitäten zugunsten der Reichsten lenkt." (S.273/74)
Junge Menschen [...] durchlaufen ein einzigartiges Curriculum, das ihnen die Startup-Prinzipien vermittelt und beim Aufbau von erfolgreichen Social Business-Unternehmen hilft, die nachhaltig und strategisch solide sind.
Ein halbes Jahr lang nehmen die (Y&Y)-Mitglieder alle zwei Wochen an Webinaren teil, die von Unternehmensexperten gegeben werden, treten in Verbindung mit einem globalen Netzwerk von beruflichen Mentoren und Menschen, die Veränderung schaffen, und erhalten wichtige Sachinformationen und individuelle Unterstützung durch das (Y&Y)-Team." (S.170)
Technologie zur Befreiung von Menschen statt zur Gewinnmaximierung verwenden (S.184 ff.)
Heutige Entwickler produzieren vornehmlich Technologie für die Reichsten, weil die für Innovationen die höchsten Preise zahlen. Erst wenn diese Märkte gesättigt sind, geht es an die weniger einkommensstarken Schichten.
Die Grameen Bank hat über die Firma Grameen Phone Handys für Frauen auf dem Lande entwickelt und über Krediten finanziert, damit die für ihr ganzes Dorf Telefonverbindung schaffen konnten und damit einen Verdienst erzielen. "Fast eine halbe Million armer Frauen in Bangldesch erzielte als Telefonfräuleins ein zusätzliches Einkommen für ihre Familien." (S.186)
Neue Technologien sollten für die Problembewältigung der Armen entwickelt und erst danach an die Bedürfnisse der Reichen angepasst werden. (S.188)
Die Computerfirma Endless von Matt Dalio hat es so gemacht. Sein Computer wurde so entworfen, dass er Normalbedürfnisse ohne Internetanbindung erfüllen kann. Er braucht nur alle paar Wochen oder Monate - je nach Bedarf aktualisiert zu werden.
"Ein typisches Endless-Modell funktioniert mit dem Open-Source-Betriebssystem Linux und wird mit 50.000 Wikipediaartikeln und mehr als 100 Apps für Bildung, Arbeit und Unterhaltung geliefert. Die so mitgelieferten Daten können offline benutzt werden und aktualisieren sich, sobald eine Internetverbindung besteht. Ein weiterer Vorteil ist, dass Kinder an Endless-Computern Zugang zu fast allen der enormen Informationsressourcen des World Wide Web haben, aber ohne die Gefahren eines unkontrollierten oder ungesteuerten Internetgebrauchs. Eltern sind darüber sehr erleichtert, weil sie keine Sorgen haben müssen, wie ihre Kinder den Internetzugang gebrauchen.
Aber das beste ist der Preis: Computer von Endless werden für nur 79 US-Dollar verkauft, und das Ziel ist den Preis auf 50 US-Dollar oder weniger zu reduzieren. Aber auch der derzeitige Preis macht sie erschwinglich für viele der 4,4 Milliarden Menschen der Welt, die sich früher ein solches Gerät nicht leisten konnten. [...]
Endless wird schon von vier der fünf größten Computerhersteller in alle Welt geliefert und ist zur führenden PC-Plattform in Indonesien und den meisten Ländern Südostasiens geworden." (S.191/92)
Multiplikatormacht der IT
Kiva ein Pionier des Crowdfunding (S.195f.)
MakeSense "betreibt eine digitale Open-Souruce-Plattform im Stil von Wikipedia, wo Tausende Menschen in aller Welt auf kreative und produktive Weise frei miteinander inter agieren können.[...] Die Makesense-Plattform unterstützt das Wachstum, die Entwicklung und die Verbreitung des Social Business. [...] genau wie Kiva ist auch Makesense ein beeindruckendes Beispiel für die Multiplikatormacht der IKT. Wenn ein Social Business-Unternehmer dort eine Frage postet, hat er oder sie sofort Zugang zu einem weltweiten Netzwerk von Beratern [...] und was noch wichtiger ist alle sind begeisterte Unterstützer des Social Business-Konzepts" (S.197-99)
"Food Assembly begann 2014 in Großbritannien." (S.200)*
*Allerdings wurde The Food Assembly bereits 2010/11 in Frankreich unter dem Namen "La Ruche qui dit Oui!" gegründet. Im deutschen Sprachraum trat es zuerst in Basel auf, ab Febuar 2017 unter dem Namen Marktschwärmer. "Insgesamt gibt es in Europa 1042 örtliche Verteilungspunkte. In Deutschland bestehen 40 Schwärmereien in neun Bundesländern." (Wikipedia: Marktschwärmer)
Gute Beispiele für die Nutzung von Technologie für die Bekämpfung der Probleme der Armen sieht Yunus bei ACRE (S.203-207), bei der App Mrittika, "die Bauern in entlegenen Dörfern Bangladeschs mit den neuesten und genauesten Daten zu Bodenqualität, Pflanzennährstoffen und Bedarf an Düngemitteln versorgt [...] So können Bauern die genau passenden Düngemittel kaufen und nicht mehr als sie – das spart Geld, verbessert Ernteerträge und schützt den Boden, der leicht durch den übermäßigen oder unsachgemäßen Einsatz von Chemieprodukten gefährdet wird. (S.207/208)
Außerdem Coel, ein hübsches Armband aus widerstandsfähigem Plastik von Spitzenqualität, das Informationen für werdende Mütter bietet. Das Konzept ist äußerst clever: es funktioniert zehn Monate lang, also während der gesamten Schwangerschaft, ohne Akkuaufladung und ohne Internetzugang, kann alle einheimischen Sprachen, die eine Frau spricht, und lässt ein LED-Signal aufleuchten, wenn eine neue Nachricht reinkommt. [...] Es gibt ungefähr 80 Gesundheitsnachrichten, und pro Woche werden etwa zwei von ihnen gesendet. [...] Das Armband ist auch dazu konzipiert, die Qualität der Luft zu überwachen, die seine Trägerin einatmet. Insbesondere kann es die Luftverschmutzung in Innenräumen anzeigen, besonders Kohlenmonoxid, dass oft beim Kochen mit Brennstoffen wie Holz, Kohle oder Dung entsteht." (S.209/210)
Doctor in a Box: "Es handelt es sich um eine tragbare Sammlung von Diagnostikinstrumenten, zusammen mit einem Display und einem Kommunikationsinterface, das ein Arzt, eine Krankenschwester oder eine geschulte Gesundheitsassistentin bei Besuchen in einem Dorf oder im Haus eines Patienten benutzen kann." (S.210)
Yunus weist auf die entscheidende Bedeutung von guten Regierungen und freien Wahlen (S.212 ff.) als Voraussetzung für solche Regierungen hin. (S.212-217) Auch wenn klar ist, dass hier Manipulationen extrem schwer zu verhindern ist, hofft er doch auf eine Verbesserung durch mehr Einsatz von künstlicher Intelligenz und Fernüberwachung, da dabei Parteilichkeit und Gewalt vor Ort eine geringere Rolle spielen.
Optimistisch stimmen Yunus die Erfolge von Transparency International (TI) auf dem Gebiet des anderen entscheidenden Sektor, der Korruption. Da der Korruptionsindex von TI einen internationalen Vergleich erlaubt, setzt er seine Hoffnung auf eine Art Pendant als Wahlindex. Dabei glaubt er auf absehbare Zeit nicht auf eine Beseitigung von Wahlmanipulation und Korruption, aber erhofft sich, dass sie weniger selbstverständlich werden und so die Zivilgesellschaft zu einer Kontrolle ermutigt wird.
Wenn Regierung verbessert und Korruption verringert wird, ist auch eine größere Chance für Verbesserung der Infrastruktur (S.223) und Umweltschutz.(S.233)
Finanzielle
Dienstleistungen
Die
Geschichte der Grameen-Bank illustriert sehr lebendig die
Auswirkungen, wenn finanzielle Dienstleistungen allen zugänglich
gemacht werden "besonders armen Frauen, die niemals auf dem Radar
von traditionellen gewinnmaximierten Banken erschienen sind. [...]
Die Statuten der Grameen-Bank wurden geändert, um aus ihr eine
Regierungsbank zu machen und so wurde den Kreditnehmerbesitzerinnen
die Kontrolle genommen. [...] Was da mit der Grameen-Bank geschieht,
bedeutet einen großen Rückschritt für die ganze Welt. Angesichts
der Geschichte von regierungsgeführten Banken in Bangladesch kann
man leicht vorhersehen, dass die Grameen-Bank jetzt einer Katastrophe
entgegengeht. Es ist herzzerreißend, wenn eine Institution, die
Geschichte gemacht und einen Nobelpreis erhalten hat, die Konzept und
Praxis von Bankgeschäften für die Armen geschaffen und die ganze
Welt zu einer neuen Dimension von Bankgeschäften inspiriert hat,
wegen dieser drastischen Eingriffe in geltendes Recht zu einer
Kehrtwende gezwungen wird. Die einzige Möglichkeit die Bank zu
retten, ist die Rückgängigmachung der Veränderungen" (S. 231/32)
Wie Menschen in Rechtsberufen helfen können
Kurzfristig werden wir vielleicht nicht erwarten können, dass Regierungen ein völlig neues Gesetz über die Mikrofinanzierung verabschieden. Doch während wir tun, was wir können, um ein neues Gesetz möglich zu machen, könnten bestehende Gesetze über verschiedene Arten von Geldinstituten angepasst werden, um die Ausbreitung von Mikrokrediten besser zu fördern [...] Zum Beispiel vergibt die Reserve Bank of India, die indische Zentralbank, schon begrenzte Banklizenzen an erfolgreiche als Non-Profit- Organisationen geführte Mikrofinanzierungsinstitute [...] Aber ich bin empfehle den Behörden, die neuen Mikrofinanzierungsbanken genau zu überwachen, um sicherzustellen, dass sie ihren ursprünglichen Charakter nicht verlieren [...].
Freistellungen von Formalitäten für die Armen entwerfen
"[...] Natürlich dürfen solche Programme nicht wichtige Bestimmungen von Sicherheit und Umweltschutz umgehen.
Gesetze zu Wohlfahrt und Gesundheitsversorgung entwerfen, die individuelle Unabhängigkeit stärken.
Die Welt von morgen neu gestalten
Adam Smith hat vor "The Wealth of Nations" (1776) das Buch "The Theory of Moral Sentiments" [Die Theorie der ethischen Gefühle] (1759) geschrieben.
Notwendige
Infrastruktur (S.242 ff.)
Der erste, wichtigste und vielleicht schwerste Schritt dazu ist die Transformation unseres Denkens, [...]
Dazu gehören Regierungen [...], die Infrastruktur aufbauen, junge Menschen bilden, die Umwelt schützen, die öffentliche Gesundheitsversorgung fördern und das Land gegen innere und äußere Feinde verteidigen. Und dazu gehört ein Finanzsystem, das solides Geld als ein zuverlässiges Tauschmittel bereitstellt, das grundlegende Bankgeschäfte, Versicherungen, Investitionen und andere Dienstleistungen allen Menschen zugänglich macht [...]." (S.242)
Der erste, wichtigste und vielleicht schwerste Schritt dazu ist die Transformation unseres Denkens, [...]
Dazu gehören Regierungen [...], die Infrastruktur aufbauen, junge Menschen bilden, die Umwelt schützen, die öffentliche Gesundheitsversorgung fördern und das Land gegen innere und äußere Feinde verteidigen. Und dazu gehört ein Finanzsystem, das solides Geld als ein zuverlässiges Tauschmittel bereitstellt, das grundlegende Bankgeschäfte, Versicherungen, Investitionen und andere Dienstleistungen allen Menschen zugänglich macht [...]." (S.242)
Wie Menschen in Rechtsberufen helfen können
Kurzfristig werden wir vielleicht nicht erwarten können, dass Regierungen ein völlig neues Gesetz über die Mikrofinanzierung verabschieden. Doch während wir tun, was wir können, um ein neues Gesetz möglich zu machen, könnten bestehende Gesetze über verschiedene Arten von Geldinstituten angepasst werden, um die Ausbreitung von Mikrokrediten besser zu fördern [...] Zum Beispiel vergibt die Reserve Bank of India, die indische Zentralbank, schon begrenzte Banklizenzen an erfolgreiche als Non-Profit- Organisationen geführte Mikrofinanzierungsinstitute [...] Aber ich bin empfehle den Behörden, die neuen Mikrofinanzierungsbanken genau zu überwachen, um sicherzustellen, dass sie ihren ursprünglichen Charakter nicht verlieren [...].
Im
Allgemeinen wäre die beste Lösung jedoch, wenn die zuständigen
Stellen in jedem Land neue Gesetze schaffen würden, die exklusiv für
die Einrichtung von Mikrofinanzierungbanken für Menschen mit
niedrigem Einkommen bestimmt sind. [...] " (S.251/52)
Freistellungen von Formalitäten für die Armen entwerfen
"[...] Natürlich dürfen solche Programme nicht wichtige Bestimmungen von Sicherheit und Umweltschutz umgehen.
Gesetze zu Wohlfahrt und Gesundheitsversorgung entwerfen, die individuelle Unabhängigkeit stärken.
"[...]
Es sollte kreative Veränderungen geben, um Menschen zu helfen,
Selbstachtung und Unabhängigkeit aufzubauen, in dem sie sich durch
Einkommen schaffende Aktivitäten selbst versorgen. (S.252/53)
Es sollte für Social Business keine Steuerbefreiungen geben
"[...] Wenn solche Steuerbefreiungen erlaubt wären, befürchte ich, dass sie zu einer offenen Einladung zur Schaffung von Fake-Social Business führen und schließlich zu einer Situation führen könnten, in der das Fake-Social Business zahlreicher wäre als das echte. Steuerbeamte die entscheiden müssen, welche Unternehmen ein Social Business sind, werden im Endeeffekt eine willkürliche Macht haben, die der Korruption Tür und Tor öffnet.
Es sollte für Social Business keine Steuerbefreiungen geben
"[...] Wenn solche Steuerbefreiungen erlaubt wären, befürchte ich, dass sie zu einer offenen Einladung zur Schaffung von Fake-Social Business führen und schließlich zu einer Situation führen könnten, in der das Fake-Social Business zahlreicher wäre als das echte. Steuerbeamte die entscheiden müssen, welche Unternehmen ein Social Business sind, werden im Endeeffekt eine willkürliche Macht haben, die der Korruption Tür und Tor öffnet.
[...]
Social Business-Unternehmen basieren auf der Selbstlosigkeit der
Menschen. Lassen wir sie von dieser Selbstlosigkeit angetrieben
werden, ohne Förderung durch Steuerbefreiungen."
(S.254/55)
Woher soll das Geld kommen?
"Es herrscht keine Geldknappheit. Die Menschen schwimmen in Strömen von Geld. Nur die Armen bekommen keinen Tropfen davon ab." (S.257)
Woher soll das Geld kommen?
"Es herrscht keine Geldknappheit. Die Menschen schwimmen in Strömen von Geld. Nur die Armen bekommen keinen Tropfen davon ab." (S.257)
[...]
Es ist nicht schwer zu entdecken, woher die Mittel für diese
Bemühungen kommen können. Hier nur ein Beispiel von vielen: Wir
kennen die Namen der acht Menschen, die mehr Reichtum besitzen als
die untere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen, und wissen auch,
wie groß der Reichtum von jedem Einzelnen ist. Wenn diese
hyperreichen Zeitgenossen bereit wären, die Hälfte ihres Reichtums
zum Nutzen der Welt abzugeben, würde der Geldfluss sofort seine
Richtung ändern. [...] Überraschenderweise ist das kein Problem.
Wir brauchen sie nicht zu überreden. Sie haben schon beschlossen, es
zu tun! Alle acht haben Givingg
Pledge unterschrieben
und sich so verpflichtet, nach ihrem Tod die Hälfte ihres Reichtums
für wohltätige Zwecke zu geben. [...]
Die
Existenz von Givingg
Pledge
und seine Beliebtheit unter den Reichsten dieser Welt ist ein gutes
Zeichen. Jetzt müssen wir sie nur noch davon überzeugen, dass
zumindest ein Teil dieses Geldes für das Social Business genutzt
werden sollte." (S.257-59)
"Auch Entwicklungspolitik könnte auf diese Weise umgestaltet werden. Die Geberländer könnten in jedem Empfängerland ihre eigenen Social Business-Trusts oder Fonds gründen und mindestens die Hälfte ihrer Förderungsmittel in diese Trusts investieren." (S.260)
"Auch Entwicklungspolitik könnte auf diese Weise umgestaltet werden. Die Geberländer könnten in jedem Empfängerland ihre eigenen Social Business-Trusts oder Fonds gründen und mindestens die Hälfte ihrer Förderungsmittel in diese Trusts investieren." (S.260)
"Manche
Menschen argumentieren, dass es die Aufgabe einer Regierung ist,
Organisationen zum Wohl der Armen zu schaffen und dass dazu auch
Mikrokreditbanken gehören, die ihnen finanzielle Dienstleistungen
bieten. Ich lehne Letzteres ab. Ich wäre sehr vorsichtig beim
Gebrauch von der Regierungsmitteln für ein Social Business, das
Menschen mit niedrigem Einkommen Geld leiht. [...]
Für
eine politische Instanz ist es extrem schwierig, Gelder
zurückzuerhalten, die sie armen Menschen geliehen hat. Selbst wenn
diese armen Menschen bereit und fähig sind, Rückzahlungen zu machen
(was normalerweise der Fall ist) sind Rückzahlungsforderungen für
eine Regierung oft politisch unverträglich. [...] Und außerdem
bestehen Regierungen nun einmal aus Politikern und sind daher mehr an
den Wählerstimmen seitens der Empfänger von Regierungsmitteln
interessiert als an der Rückzahlung des Geldes. Die Disziplin zur
Zurückzahlung eines Kredits oder einer Investitionen droht also
verloren zu gehen, wenn seine Quelle ein Regierungsprogramm ist."
(S. 260/61)
Auffallend ist der Pragmatismus von Yunus' konkreten Handlungsempfehlungen. Hier spricht offenbar nicht jemand, der primär Mut zu neuen Schritten machen will (wie bei seiner Aussage, jeder Mensch sei ein geborener Unternehmer), sondern der Praktiker, der schon manche desillusionierende Erfahrungen gemacht hat.
Die Welt von morgen neu gestalten
"Smith war der Ansicht, dass die Menschen mit einem ethischen Sinn geboren werden, genau wie sie auch angeborene Vorstellungen von Schönheit und Harmonie besitzen. [...] Diese natürlichen Gefühle von Gewissen und Sympathie sorgen dafür, dass die Menschen in geordneten und nützlichen gesellschaftlichen Organisationen zusammenleben können und es auch tatsächlich tun.
In seinem anderen großen Buch, Reichtum der Nationen, entfernte sich Smith völlig von dieser These zu den ethischen Gefühlen. Seine Grundthese in diesem Buch wird zusammengefasst in der Behauptung, dass alles gut wird wenn man den Menschen erlaubt ihrem "Eigeninteresse" zu folgen. Wir wissen nicht, was Smith wirklich unter dem Wort "Eigeninteresse" verstand, aber die Welt hat es auf jeden Fall als gleichbedeutend mit Gewinnmaximierung interpretiert. (S.275/76)
Jetzt steckt die Welt "in einer tiefen Krise. Wie Millionen andere Menschen glaube ich, dass der Kapitalismus die Wurzel dieser Krise ist. [...] Doch angesichts der gegenwärtigen Krise befürworten viele die Idee einer Generalüberholung dieses Systems.[...] Und obwohl mein Vorschlag eine erhebliche Veränderungen in der Struktur des Kapitalismus bedeutet, sehe ich keine andere Möglichkeit, als die fundamentalen Fehler innerhalb der bestehenden Struktur anzugehen. [...] Aus Adam Smith' "unsichtbarer Hand" ist eine stark voreingenommene Hand geworden, die die Marktaktivitäten zugunsten der Reichsten lenkt." (S.273/74)
"Wenn er seine beiden Bücher dazu genutzt hätte, theoretische Grundlagen für zwei verschiedene Arten von Unternehmen vorzuschlagen, wäre der Welt vielleicht die schwere Krise erspart worden, in der wir heute stecken." (S.276)
"Das Social Business ist ein wundervoller Weg, sich selbst zu entdecken und Neues auszuprobieren. Und das Beste ist: den ganzen gesellschaftlichen Nutzen zu sehen, den das Unternehmen geschaffen hat – Essen für hungrige Kinder, Unterkunft für wohnungslose Familien, Heilung für kranke Menschen –, verschafft eine ungeheuere innere Befriedigung, an die kein anderes kreatives Projekt herankommt." (S.280).
"Das Social Business ist ein wundervoller Weg, sich selbst zu entdecken und Neues auszuprobieren. Und das Beste ist: den ganzen gesellschaftlichen Nutzen zu sehen, den das Unternehmen geschaffen hat – Essen für hungrige Kinder, Unterkunft für wohnungslose Familien, Heilung für kranke Menschen –, verschafft eine ungeheuere innere Befriedigung, an die kein anderes kreatives Projekt herankommt." (S.280).
"In einer Welt voller Katastrophenmeldungen können wir ein Feuerwerk der Hoffnung entfachen und zeigen, dass der unbezähmbare menschliche Geist sich nie der Frustration und die Verzweiflung beugen muss. [...] Lassen Sie uns heute damit beginnen." (S.280/81)
ergänzend:
Bregman: Kapitalismus zähmen
Entwicklungspolitische Themen
ergänzend:
Bregman: Kapitalismus zähmen
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Social Buisiness,
Yunus
Mittwoch, 15. August 2018
Status confessionis im Kontext von Judenverfolgung und Apartheidregime
Der Status confessionis bezeichnet einen Fall, wo eine Entscheidung so wichtig ist, dass sie als ein notwendiges Bekenntnis angesehen wird. Das war unter der Naziherrschaft bei der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 und dann wieder bei der Entscheidung gegen das Apartheidssystem in Südafrika der Fall.
Im selben Sinne - freilich nicht mit dem Terminus Status confessionis - argumentierte die Kairos-Bewegung in Südafrika.
Mehr dazu bei Ulrich Duchrow: Gieriges Geld. Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven, 2013, S.148-152
Im selben Sinne - freilich nicht mit dem Terminus Status confessionis - argumentierte die Kairos-Bewegung in Südafrika.
Mehr dazu bei Ulrich Duchrow: Gieriges Geld. Auswege aus der Kapitalismusfalle – Befreiungstheologische Perspektiven, 2013, S.148-152
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Mittwoch, 27. Dezember 2017
Aus Gregor Gysis Autobiographie
Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig, 2017
Rezensionen: Perlentaucher
ZEIT
Deutschlandfunk
"Langeweile ist die zurückeroberte Zeit. Du schaust um neun auf die Uhr, nach drei Stunden noch einmal - und es ist erst zehn nach neun." (S.58)
Gysi berichtet darüber, dass er im Arbeitszimmer von Schabowski gleichsam am "Katzentisch" ein neues Reisegesetz erarbeitet habe. Dies habe er Schabowski übergeben:
Rezensionen: Perlentaucher
ZEIT
Deutschlandfunk
"Langeweile ist die zurückeroberte Zeit. Du schaust um neun auf die Uhr, nach drei Stunden noch einmal - und es ist erst zehn nach neun." (S.58)
Gysi berichtet darüber, dass er im Arbeitszimmer von Schabowski gleichsam am "Katzentisch" ein neues Reisegesetz erarbeitet habe. Dies habe er Schabowski übergeben:
"An jenem Sonntag kündigte er an, meinen Entwurf abends in Wandlitz Egon Krenz zu übergeben. Telefonisch würde er mich über die weitere Verwendung meines Textes informieren. Tatsächlich, der Anruf kam, spät abends, Schabowski teilte mir mit, Egon Krenz habe sich für meine Arbeit nicht interessiert, veröffentlicht würde also der ursprüngliche Entwurf. Da waren sie wieder, die langsam mahlenden Mühlen, zwischen deren Steinen man sich selber zerreiben kann. Die DDR hatte gewiss viele Gegner, aber einer der kräftigsten, der im Wege stand, war das System selber.
Schade, dass es meinen Entwurf nicht mehr gibt, zumindest mich würde interessieren, was ich damals so geschrieben habe.
Von
jenem Sommer und Herbst 1989 kann ich mit Fug und Recht sagen: im
Grunde geschah beinahe jeden Tag etwas Neues in meinem Leben. Mein
Bewegungsraum war bisher hauptsächlich der Gerichtssaal, war das
vertraute Gespräch im Kollegen- und Mandantenkreis, nun aber wurde
aus einer begrenzten eine ziemlich große Öffentlichkeit." (S.
263) [Hervorhebungen von Fontanefan]
"Die Öffentlichkeit wurde nun mein unmittelbares Arbeitsfeld. Öffentlichkeit inspiriert mich, sie fordert mich, sie hat meine Tätigkeit als Anwalt im Laufe der Jahre um weitere drei Berufsleben erweitert: Politiker, Autor, Moderator. Ich genieße diese Vielfalt, sie bewahrt mich vor langweiliger Einseitigkeit, sie entspricht meinem Naturell. Aber wie gesagt, was mir alles bevorstehen würde, ahnte ich anfangs keineswegs." (S. 280)
Zur Rede von Rudolf Bahro vor dem SED Parteitag:
Er sagte zum Beispiel, auch die Sozialisten seien einer "welthistorischen Korruption" verfallen, einem "ökonomischen Materialismus und prinzipiellen Ökonomismus", den die SED offenbar weiter betreiben wollen. Er nannte das ein "Hase-und-Igel-Spiel, dieses Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Mercedes-Wirtschaft, bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke bleiben muss." Das war der Aufruf zur umfassenden Umkehr zu Abkehr vom kapitalistischen Wachstumswahn, und dann entwarf er das Bild einer wahrhaft grünen Landwirtschaft, sie sei zu "entindustrialisierten, entbetonieren, entspezialisieren. Das Dorf wird das Zusammengehörige wieder vereinen. Die Riesenflächen werden verschwinden, die schweren Maschinen auch. Es wird wieder Platz für Raine, Hecken, Büsche, Bäume, Teiche usw. sein." [...]
Die Rede ist für mich heute mehr denn je ein Beispiel für das schwierige Verhältnis von Pragmatismus und Utopie. Wann ist Zeit für den weit ausgreifenden Traum? Denn ein konsequenter Träumer war Rudolf Bahro. Er sprach auf jedem Parteitag das aus, was heute vielfach antikapitalistische Denken und Fühlen prägt. Er entwarf Zukunft, und das mit offener, radikaler Romantik, ohne Rücksicht auf die Zwänge der Realität, ohne Rücksicht darauf, was die Menschen gegenwärtig bewegte. (S. 285/86)
"Es waren Worte im Sinne dessen, was der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, einer der prägenden deutschen Publizisten, 2009 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" fragte: Wieso bei der Mauereröffnung im Grenzgebiet nicht geschossen wurde. "Wenn die Antwort auch einkalkulieren muss, dass die Fußtruppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewalt durchdrungen waren, so bleibt als Faktum: weil Kranz es verboten hatte." Es sei noch immer nicht leicht die Geschichte so zu erzählen, dass dem letzten, wochenbefristeten SED-Chef Gerechtigkeit schon heute wiederführe. Aber, so Schirrmacher, solange diese Geschichte nicht erzählt sei, "haben wir die wundersamen, beglückend and Ereignisse vom 9. November 1989 nicht verstanden". (S.334/35)
"Tolerierung darf im Kräftemessen der politischen Kräfte nur eine Ausnahme sein, sie schwächt den eigenen Charakter, sie schleift das eigene Profil. Entweder man übernimmt Verantwortung in der Regierung oder man übernimmt Verantwortung in der Opposition. Der Mittelweg jedoch das Dazwischen, das Bindeglied gewissermaßen zwischen Macht und Widerpart – das ist keine wirkliche Option außerhalb vorübergehender Lösungsnöte.
In all den Jahren meiner politischen Tätigkeit habe ich es nie mit der reinen Lehre gehalten. Demokratie ist Beteiligung. Sich unter keinen Bedingungen mit den politischen Gegner gemein zu machen, das mag sehr stolz gelingen, es kann aber auch verhängnisvolle, unfruchtbare Abkehr von der Realität bedeuten.
Wer nicht kompromissfähig ist, ist nicht demokratiefähig – wer allerdings zu viele Kompromisse schließt, gibt seinen Charakter auf. Den richtigen Weg dazwischen zu finden, dies macht den schwierigen Weg politischer Kunst aus. "(S. 439)
"Demokratie baut darauf, dass sich Unanfechtbarkeiten auflösen: Den Weg der Grünen ins Kompatible muss man heftig kritisieren, aber man darf ihn auch sehen als eine Erfahrung mit dem Gesetz des Demokratischen: Man wird verführt, eigene Positionen anderen Kräften auszusetzen – und verändert sich so auch selber. Nie einzig zum Guten, aber auch nie nur zum Schlechten
Frieden machen bedeutet nicht, keine demokratisch–sozialistische Gesellschaft anzustreben. Es schließt aber ein, was gerade uns oft schwer fällt: Frieden zu machen mit dem Menschen, wie er ist. Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch." (S.453/54)
"Ende des Jahres 1997 entschloss ich mich, in der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken den früheren Spion der DDR Rainer Rupp aufzusuchen. Warum? Diejenigen, die in der Bundesrepublik Deutschland für die DDR spioniert hatten, besaßen überhaupt keine Ansprechpartner mehr. Der Staat, dem sie gedient hatten, war untergegangen. Verurteilt wurden sie in dem Staat, gegen den sie gehandelt hatten. [...]
Diese Frage traf den Anwalt in mir, und so fuhr ich nach Saarbrücken. Bei Rainer Rupp kam noch hinzu: Er war Spion bei der NATO, das Gericht musste ihm im Urteil zugutehalten, die Sorgen der Sowjetunion vor einem Atomangriff der NATO real abgebaut zu haben. Denn er überzeugte seine Auftraggeber davon, dass die NATO keinen solchen Plan verfolge. Ihm glaubten sie, den offiziellen Beteuerungen der NATO nicht. Er arbeitete also nachgewiesenermaßen friedensfördernd.
Die zurecht viel diskutierte und auch kritisierte Friedenspreisrede 1996 in der Frankfurter Paulskirche hatte Martin Walser mit einem unvermittelten – von vielen Medien geflissentlich unterschlagenen – Gesuch geschlossen: "Jetzt sage ich nur noch: Ach, verehrter Herr Bundespräsident, lassen Sie doch Herrn Rainer Rupp gehen. Um des lieben Friedens willen." " (S.468/69)
Gysi schlug dem Präsidenten von Serbien vor, sich "an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu wenden; er könne den Sicherheitsrat erklären, die Situation in diesem Krisen- und Kriegsgebiet nicht mehr zu beherrschen und deshalb für Kosovo um eine Ordnungsmacht der UNO zu bitten. Eine Bitte ohne Vorgabe von Soldatenzahl, Bewaffnung und der Befugnisse. Nur eines müsse gewährleistet sein: keine Soldaten aus jenen Ländern die gerade Krieg gegen sein Land führten. [...]"
Er "hörte sich meinen Vorschlag an, auch meine kritische Einschätzung der Menschenrechtslage im Kosovo. Das Gespräch dauerte lange, aber er wirkte unzugänglich. Er war leider davon überzeugt, dass die NATO scheitere, wenn sie gegen seinen Willen im Kosovo einmarschierte. [...]" (S.478/79)
Die Medien schossen sich auf Gysi ein: "Obwohl nicht wirklich zu bestreiten war, dass dieser Krieg auf dem Balkan völkerrechtswidrig geschah. Es hatte keinen Angriff von Jugoslawien gegen andere Staaten gegeben. Es existierte kein Beschluss des Sicherheitsrates der Organisation der Vereinten Nationen. Ein solcher Entscheid wäre am Veto Russlands geschaltet. Jelzin erklärte sogar, wenn das Völker recht bei Jugoslawien verletzt werde, gelte es auch nicht mehr für Russland. Auch der spätere russische Präsident Dmitri Medwedew wies auf die Konsequenzen hin, die Russland ziehen werde, wenn einige EU-Staaten den Kosovo als unabhängigen Staat an erkannten. Eine dieser Konsequenzen war die spätere völkerrechtswidrige Vereinnahmung der Krim durch Russland.
Der Westen hatte so eindeutig über den Staatssozialismus gesiegt, dass er sich zu der gefährlichen Arroganz verstieg, das Völkerrecht, diesen wichtigen, friedensfördernden Ost-West-Ausgleich seit 1945, nicht mehr zu benötigen. Es gab den Osten nicht mehr. Man ignorierte das Völker recht – indem man es ungerührt selber verletzte. Immerhin war zu merken, wie wirkungslos rechtliche Regeln sind, wenn Starke kein Gegengewicht spüren. Um den Völkerrechtsbruch zu rechtfertigen, griff man mehr und mehr zu moralischen Anschuldigungen. (Seite 478-480)
"Ich habe beim Schreiben dieses Buchs versucht, möglichst persönlich zu werden, ohne privat zu sein." (S.573)
Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Aufbau Verlag, Berlin 2017 (Rezension in der ZEIT vom 7.12.17)
"Die Öffentlichkeit wurde nun mein unmittelbares Arbeitsfeld. Öffentlichkeit inspiriert mich, sie fordert mich, sie hat meine Tätigkeit als Anwalt im Laufe der Jahre um weitere drei Berufsleben erweitert: Politiker, Autor, Moderator. Ich genieße diese Vielfalt, sie bewahrt mich vor langweiliger Einseitigkeit, sie entspricht meinem Naturell. Aber wie gesagt, was mir alles bevorstehen würde, ahnte ich anfangs keineswegs." (S. 280)
Zur Rede von Rudolf Bahro vor dem SED Parteitag:
Er sagte zum Beispiel, auch die Sozialisten seien einer "welthistorischen Korruption" verfallen, einem "ökonomischen Materialismus und prinzipiellen Ökonomismus", den die SED offenbar weiter betreiben wollen. Er nannte das ein "Hase-und-Igel-Spiel, dieses Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Mercedes-Wirtschaft, bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke bleiben muss." Das war der Aufruf zur umfassenden Umkehr zu Abkehr vom kapitalistischen Wachstumswahn, und dann entwarf er das Bild einer wahrhaft grünen Landwirtschaft, sie sei zu "entindustrialisierten, entbetonieren, entspezialisieren. Das Dorf wird das Zusammengehörige wieder vereinen. Die Riesenflächen werden verschwinden, die schweren Maschinen auch. Es wird wieder Platz für Raine, Hecken, Büsche, Bäume, Teiche usw. sein." [...]
Die Rede ist für mich heute mehr denn je ein Beispiel für das schwierige Verhältnis von Pragmatismus und Utopie. Wann ist Zeit für den weit ausgreifenden Traum? Denn ein konsequenter Träumer war Rudolf Bahro. Er sprach auf jedem Parteitag das aus, was heute vielfach antikapitalistische Denken und Fühlen prägt. Er entwarf Zukunft, und das mit offener, radikaler Romantik, ohne Rücksicht auf die Zwänge der Realität, ohne Rücksicht darauf, was die Menschen gegenwärtig bewegte. (S. 285/86)
"Es waren Worte im Sinne dessen, was der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, einer der prägenden deutschen Publizisten, 2009 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" fragte: Wieso bei der Mauereröffnung im Grenzgebiet nicht geschossen wurde. "Wenn die Antwort auch einkalkulieren muss, dass die Fußtruppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewalt durchdrungen waren, so bleibt als Faktum: weil Kranz es verboten hatte." Es sei noch immer nicht leicht die Geschichte so zu erzählen, dass dem letzten, wochenbefristeten SED-Chef Gerechtigkeit schon heute wiederführe. Aber, so Schirrmacher, solange diese Geschichte nicht erzählt sei, "haben wir die wundersamen, beglückend and Ereignisse vom 9. November 1989 nicht verstanden". (S.334/35)
"Tolerierung darf im Kräftemessen der politischen Kräfte nur eine Ausnahme sein, sie schwächt den eigenen Charakter, sie schleift das eigene Profil. Entweder man übernimmt Verantwortung in der Regierung oder man übernimmt Verantwortung in der Opposition. Der Mittelweg jedoch das Dazwischen, das Bindeglied gewissermaßen zwischen Macht und Widerpart – das ist keine wirkliche Option außerhalb vorübergehender Lösungsnöte.
In all den Jahren meiner politischen Tätigkeit habe ich es nie mit der reinen Lehre gehalten. Demokratie ist Beteiligung. Sich unter keinen Bedingungen mit den politischen Gegner gemein zu machen, das mag sehr stolz gelingen, es kann aber auch verhängnisvolle, unfruchtbare Abkehr von der Realität bedeuten.
Wer nicht kompromissfähig ist, ist nicht demokratiefähig – wer allerdings zu viele Kompromisse schließt, gibt seinen Charakter auf. Den richtigen Weg dazwischen zu finden, dies macht den schwierigen Weg politischer Kunst aus. "(S. 439)
"Demokratie baut darauf, dass sich Unanfechtbarkeiten auflösen: Den Weg der Grünen ins Kompatible muss man heftig kritisieren, aber man darf ihn auch sehen als eine Erfahrung mit dem Gesetz des Demokratischen: Man wird verführt, eigene Positionen anderen Kräften auszusetzen – und verändert sich so auch selber. Nie einzig zum Guten, aber auch nie nur zum Schlechten
Frieden machen bedeutet nicht, keine demokratisch–sozialistische Gesellschaft anzustreben. Es schließt aber ein, was gerade uns oft schwer fällt: Frieden zu machen mit dem Menschen, wie er ist. Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch." (S.453/54)
"Ende des Jahres 1997 entschloss ich mich, in der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken den früheren Spion der DDR Rainer Rupp aufzusuchen. Warum? Diejenigen, die in der Bundesrepublik Deutschland für die DDR spioniert hatten, besaßen überhaupt keine Ansprechpartner mehr. Der Staat, dem sie gedient hatten, war untergegangen. Verurteilt wurden sie in dem Staat, gegen den sie gehandelt hatten. [...]
Diese Frage traf den Anwalt in mir, und so fuhr ich nach Saarbrücken. Bei Rainer Rupp kam noch hinzu: Er war Spion bei der NATO, das Gericht musste ihm im Urteil zugutehalten, die Sorgen der Sowjetunion vor einem Atomangriff der NATO real abgebaut zu haben. Denn er überzeugte seine Auftraggeber davon, dass die NATO keinen solchen Plan verfolge. Ihm glaubten sie, den offiziellen Beteuerungen der NATO nicht. Er arbeitete also nachgewiesenermaßen friedensfördernd.
Die zurecht viel diskutierte und auch kritisierte Friedenspreisrede 1996 in der Frankfurter Paulskirche hatte Martin Walser mit einem unvermittelten – von vielen Medien geflissentlich unterschlagenen – Gesuch geschlossen: "Jetzt sage ich nur noch: Ach, verehrter Herr Bundespräsident, lassen Sie doch Herrn Rainer Rupp gehen. Um des lieben Friedens willen." " (S.468/69)
Gysi schlug dem Präsidenten von Serbien vor, sich "an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu wenden; er könne den Sicherheitsrat erklären, die Situation in diesem Krisen- und Kriegsgebiet nicht mehr zu beherrschen und deshalb für Kosovo um eine Ordnungsmacht der UNO zu bitten. Eine Bitte ohne Vorgabe von Soldatenzahl, Bewaffnung und der Befugnisse. Nur eines müsse gewährleistet sein: keine Soldaten aus jenen Ländern die gerade Krieg gegen sein Land führten. [...]"
Er "hörte sich meinen Vorschlag an, auch meine kritische Einschätzung der Menschenrechtslage im Kosovo. Das Gespräch dauerte lange, aber er wirkte unzugänglich. Er war leider davon überzeugt, dass die NATO scheitere, wenn sie gegen seinen Willen im Kosovo einmarschierte. [...]" (S.478/79)
Die Medien schossen sich auf Gysi ein: "Obwohl nicht wirklich zu bestreiten war, dass dieser Krieg auf dem Balkan völkerrechtswidrig geschah. Es hatte keinen Angriff von Jugoslawien gegen andere Staaten gegeben. Es existierte kein Beschluss des Sicherheitsrates der Organisation der Vereinten Nationen. Ein solcher Entscheid wäre am Veto Russlands geschaltet. Jelzin erklärte sogar, wenn das Völker recht bei Jugoslawien verletzt werde, gelte es auch nicht mehr für Russland. Auch der spätere russische Präsident Dmitri Medwedew wies auf die Konsequenzen hin, die Russland ziehen werde, wenn einige EU-Staaten den Kosovo als unabhängigen Staat an erkannten. Eine dieser Konsequenzen war die spätere völkerrechtswidrige Vereinnahmung der Krim durch Russland.
Der Westen hatte so eindeutig über den Staatssozialismus gesiegt, dass er sich zu der gefährlichen Arroganz verstieg, das Völkerrecht, diesen wichtigen, friedensfördernden Ost-West-Ausgleich seit 1945, nicht mehr zu benötigen. Es gab den Osten nicht mehr. Man ignorierte das Völker recht – indem man es ungerührt selber verletzte. Immerhin war zu merken, wie wirkungslos rechtliche Regeln sind, wenn Starke kein Gegengewicht spüren. Um den Völkerrechtsbruch zu rechtfertigen, griff man mehr und mehr zu moralischen Anschuldigungen. (Seite 478-480)
"Ich habe beim Schreiben dieses Buchs versucht, möglichst persönlich zu werden, ohne privat zu sein." (S.573)
Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Aufbau Verlag, Berlin 2017 (Rezension in der ZEIT vom 7.12.17)
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